Goethe and the Present
GA 68c — 28 August 1899, Berlin
V. Goethe und die Gegenwart
I. Bericht in der «Deutschen Warte — Tageblatt für Politik und Gesellschaft, geistiges und wirtschaftliches Leben» vom 29. August 1899
Die Freie Volksbühne veranstaltete am Montagabend in Kellers Festsälen, Koppenstraße 29, eine Goethe-Feier, zu der sich Mitglieder und Gäste äußerst zahlreich eingefunden hatten. Dr. Rudolf Steiner sprach über: «Goethe und die Gegenwart». Redner stellte Goethe als ein Kind des 18. Jahrhunderts, zugleich aber auch als einen Zukunftsmenschen hin, der die Wissenschaft über alle anderen Dinge stellte. Instinktiv habe er schon als Knabe die naturwissenschaftliche Weltanschauung der künftigen Zeit herausgefühlt, frühzeitig sich schon der damals herrschenden Weltanschauung widersetzt, in seinem sechsten Jahre bereits — gelegentlich des großen Erdbebens in Lissabon, dem Tausende zum Opfer fielen — den Gedanken an einen allgütigen Gott von sich gewiesen und sich eine eigene Naturreligion geschaffen. Dieselben Gedanken hätten ihn während seiner Studienzeit in Leipzig geleitet, wo er mit Begeisterung den naturwissenschaftlichen Vorlesungen gefolgt, den philosophischen Kollegien aber ferngeblieben sei. So habe sich bei ihm die Überzeugung herausgebildet, dass der Mensch ein Naturprodukt, wie jedes andere, sei und keine besonderen moralischen Qualitäten von einem höheren Wesen erhalten habe, und diese seine Überzeugung habe er in dem Worte zum Ausdruck gebracht: «Edel sei der Mensch, hilfreich und gut, denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen.» Eine neue Gottesidee sei ihm dann aus dem Anblick der griechischen Kunstwerke in Italien aufgegangen, wie er in seinem «Hymnus an die Natur» ausdrückte: «Sie, die Natur, hat mich hereingestellt, sie wird mich herausführen — ich vertraue ihr.» Der Vortragende kam nun darauf, wie der gewaltige Geistestitane es unternommen habe, das gesamte Getriebe der Welt in einer einzigen, aus dem sechzehnten Jahrhundert überlieferten Idee zu verkörpern, im «Faust», der Kontrastfigur Luthers. Im «Faust» habe Goethe zeigen wollen, wie der Mensch durch seine eigenen Taten zu seiner Befriedigung komme; so habe er sein Werk aber nicht durchführen können, da er selbst keine Tatennatur, sondern eine künstlerisch betrachtende gewesen sei; auch bei der Betrachtung seines persönlichen Lebens dränge sich diese Wahrheit auf — Goethe sei ein Lebensexperimentator gewesen. Nun folgte eine eingehende Besprechung des «Faust», wie er geworden ist, zugleich mit einer Schilderung der einzelnen Lebensphasen des Olympiers und des Einflusses, den diese auf sein Werk gehabt haben.
II. Bericht in der «Freien Volksbühne» vom Oktober 1899
Gemäß dem Beschluss der letzten Generalversammlung hatte der Vorstand des Vereins eine Goethe-Feier am 28. August 1899 in Kellers Festsälen veranstaltet. Herr Dr. Rudolf Steiner war für den Abend gewonnen worden. Er führte in lebendigem, die Hörer fesselndem Vortrag ungefähr Folgendes aus:
Einem Geist wie Goethe bringt man nicht die rechte Verehrung entgegen, wenn man einen blinden Kultus mit ihm treibt, sondern wenn man das Bleibende seiner Schöpfungen scheidet von dem vergänglichen Beiwerk, in dem er sich nur als Kind seines Zeitalters erweist. Goethe ist der Vorherverkünder der naturwissenschaftlichen Weltauffassung, die in der Gegenwart ihre Früchte trägt, und zugleich der Sohn des achtzehnten Jahrhunderts. Trotz seiner Aufklärung konnte dieses Jahrhundert sich über das Vorurteil nicht erheben, dass der Mensch ein besonderes höheres Wesen gegenüber den anderen Naturgeschöpfen sei; es konnte nicht zu der Erkenntnis kommen, dass die Natur den Menschen nach denselben ewigen und notwendigen Gesetzen erzeuge wie das einfachste tierische oder pflanzliche Lebewesen. Man hielt an der Annahme eines schöpferischen Gottes außer und über die Natur fest. Goethe hat von frühester Jugend an in der Natur die einzige, allmähliche schöpferische Wesenheit verehrt. Nicht durch übernatürliche Wahrheiten, sondern durch Vertiefung in die Naturwissenschaften suchte er Aufschluss über den Gang der Weltbegebenheiten zu gewinnen. Auch in dem Schaffen der Künstler sah er nur höhere Naturgesetze wirken. Als er in Italien die Kunstwerke der Griechen sah, gelangte er zu der Überzeugung, dass sie nach denselben Gesetzen gebildet seien, nach denen die Natur selbst verfährt. Die Worte «Da ist Notwendigkeit, da ist Gott» schrieb er nach dem Anblick dieser Kunstwerke nieder. In der Vollkraft seines Wirkens war Goethes Tätigkeit ein Naturdienst. Die kräftigste Absage an alle übernatürlichen Gottheiten hat Goethe in seinem «Prometheus» gegeben. Alles, was der Mensch sein und werden kann, soll er aus sich selbst heraus erstreben, nicht durch den Ausblick auf eine jenseitige Welt. Diese Idee wollte er ursprünglich auch in seinem «Faust» zum Ausdrucke bringen. Dass der Mensch, wenn er seine eigenen Kräfte zur Entwicklung bringt, zu einem befriedigenden Dasein gelangen kann, sollte gezeigt werden. Nichts von Himmel und Hölle, von Gott und Teufel war in dem Faustplan enthalten, der Goethe im Anfang der siebziger Jahre in Frankfurt vorschwebte. Statt des späteren Gottes war damals der Erdgeist vorhanden, der nur eine Personifikation der Naturkräfte ist; und Mephistopheles war nicht als der Teufel gedacht, sondern als die Verkörperung des Bösen; er war nicht ein Sendling Gottes, sondern des Erdgeistes. Als dann am Ende der neunziger Jahre Goethe von Schiller zur Fortsetzung des Faust aufgemuntert wurde, war bereits ein Bruch in seiner Weltanschauung eingetreten. Er hatte seine früheren Ideen, durch die er der Prophet des neunzehnten Jahrhunderts geworden ist, verwoben mit den Gedanken einer absterbenden Zeit. Er konnte den Faust nicht mehr so zu Ende führen, wie er ihn begonnen hat. Er führt Gott und den Teufel in das Gedicht ein. Diese werden nun die Hauptfiguren, die um die Seele Fausts kämpfen. Faust wurde aus einer großen Charakterfigur, aus dem Abbild der strebenden Menschheit, ein Spielball in den Händen der himmlischen und höllischen Mächte. So kam es, dass Faust in dem ersten Teile des Gedichtes von dem Erdgeist sagt:
Du führst die Reihe der Lebendigen Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder Im stillen Busch, In Luft und Wasser kennen,
also wie ein Darwinianer die Natur mit dem Menschen zusammen als eine große Einheit auffasst — und dass derselbe Faust im zweiten Teile nicht durch eigene Kraft, sondern durch die selige Schar erlöst wird, weil die «Liebe von oben» an ihm teilgenommen. Der Goethe, der den ersten Plan des Faust entworfen hat, wirkt heute noch in unseren Anschauungen und Empfindungen fort; der Goethe, der den Faust vollendet hat, gehört dem achtzehnten Jahrhundert an. Reicher Beifall dankte dem Referenten.