Goethe and the Present
GA 68c — 18 June 1901, Berlin
VI. Goethes Naturanschauung in der Gegenwart
Bericht in der «Berliner Hochschul-Zeitung» vom 25. Juni 1901
Einen bedeutungsvollen Abend erlebte am Dienstag, den 18. die Abteilung für Naturwissenschaft. An [die] hundert Personen lauschten Herrn Dr. Rudolf Steiners Vortrag über «Goethes Naturanschauung und die Gegenwart.» Der Vortrag gipfelte in der Beantwortung der Frage: Inwiefern war Goethe ein Vorläufer der modernen materialistischen Weltanschauung? Die ganze Stellung Goethes zur heutigen Naturwissenschaft, so führte der Redner aus, charakterisiere des Dichters eigenes Wort: Er möchte am liebsten eine Weltreise nach Indien unternehmen, nicht um Neues zu entdecken, sondern um das Entdeckte nach seiner Art anzuschauen. Goethe soll keiner objektiven Naturanschauung fähig gewesen sein. Das ist nicht wahr. Goethe ging methodisch vor, wie nur irgendeiner der modernen Forscher. Und sein größtes Verdienst war, dass ihn zuerst die naturwissenschaftliche Denkweise auf den Menschen selbst als Naturgeschöpf führte. Den ganzen Menschen als ein Naturprodukt zu begreifen war sein Ziel, und das ist es vor allem, was uns Goethe als von durchaus modernen Naturanschauungen durchdrungen erscheinen lässt. Er bekämpfte den veralteten theologischen Schöpfungsbegriff, er bekämpfte Linnes Scheidungssystem. Von einem zusammenfassenden Gesichtspunkte aus suchte er die gesamte Natur zu begreifen. Seine bekannten Untersuchungen über den Zwischenkiefer zeigen uns seine rastlosen Bestrebungen, auch anatomisch die letzte Scheidewand zu beseitigen, die das höchste Glied der natürlichen Entwicklungsreihe, den Menschen, durchaus von der übrigen Tierwelt scheiden sollte. Nicht qualitativ ist der Mensch von der übrigen organischen Welt verschieden, nur quantitativ; denn er baut sich noch eine sittliche Welt auf. «Edel sei der Mensch, hilfreich und gut», aber den «ewigen, ehernen, großen Gesetzen» muss auch er sich beugen. Was Kant in der physikalischen, suchte Goethe in der organischen Welt: den inneren Zusammenhang, die natürliche Gesetzmäßigkeit alles Seins und aller Erscheinungen. Das ist es, worin Goethe seiner Zeit so unendlich weit vorauseilte, was ihn als den Geist der neuen Zeit erscheinen lässt. Hätte er Darwin und Hacckel erlebt, begeistert hätte er zu ihren Worten Ja gesagt. Seine Schädeluntersuchungen zeigen, wie er der Erste war, der bewusst den Boden der modernen vergleichenden Anatomie betrat. Wie überall, so ging Goethe auch als Naturforscher bewusst einem klaren Gedanken nach, nicht zufällige glückliche Entdeckungen waren es, die er machte, wie man ihm heute so vielfach vorwerfen will.
Goethe war durch und durch Naturalist, das zeigt sich in seiner Kunstauffassung nicht minder. Darum erschienen ihm die Werke der griechischen Kunst so erhaben, weil sie nach denselben Gesetzen schuf wie die Natur selbst. Nach seiner Meinung musste jeder Künstler die Naturgesetze erst fühlen, ehe er selbst organische Gestalten bilden könne.
Und Goethes Gott? Das Gefühl einer einheitlichen Weltordnung war sein Gottesbegriff. Auch zwischen unorganischer und organischer Welt suchte Goethe die Harmonie. Kant hatte dieses Streben als ein Abenteuer der Vernunft bezeichnet, Goethe erkühnte sich, es zu bestehen.
Mag man auch Goethe nicht als ein maßgebendes Glied in der Entwicklung der Naturforschung ansehen wollen, eins steht fest, er hat zuerst die große materialistisch-monistische Naturanschauung in sich ausgebildet, die den Charakter des 19. Jahrhunderts bestimmen sollte. Die neuere Wissenschaft hat bestätigt, was sein Genie vorausempfunden. Er leitete die große geistige Revolution ein, die altes Vorurteil zu stürzen und einen neuen Zeitgeist heraufzubeschwören berufen war. Auf ihn müssen wir immer schauen, wenn wir den Zusammenhang suchen zwischen den Erscheinungen und den großen Empfindungen der gesamten Weltanschauung.
Stürmischer Beifall folgte den glänzenden Ausführungen des bewährten Redners. Nach kurzer Diskussion, in der Herr cand. phil. Rehe das Wort ergriff, wurde der Abend mit dem üblichen gemütlichen Teile beschlossen.