Goethe and the Present

GA 68c — 13 February 1902, Hamburg

VII. Goethes «Faust» als Offenbarung Seiner Weltanschauung

Bericht in der «Neuen Hamburger Zeitung» vom 14. Februar 1902

Über dieses Thema sprach gestern Abend Herr Dr. Rudolf Steiner in der hiesigen Theosophischen Gesellschaft. Den Ausführungen des Redners, die auch für den von Interesse sind, der diese Anschauungen nicht teilt, entnehmen wir Folgendes:

Die echten geistigen Führer der Menschheit unterscheiden sich von den übrigen Menschen dadurch, dass wir immer wieder zu ihnen zurückkehren und aus ihren Schriften immer von Neuem wertvolle Belehrung schöpfen. Wenige aber nur sind zu diesem Führeramt berufen. Zu ihnen gehört Goethe, der Künstler und Träger einer unendliche Perspektiven eröffnenden Weltanschauung. Er ist eine tiefe, mystische Natur, die das, was sie nur in Symbolen den Menschen künden konnte, im Faust niedergelegt hat. Freilich ist dieses Werk wenig verstanden worden. Der erste Teil wird bewundert als das große geniale Werk eines ausgezeichneten Dichters, während der zweite nur wenige verständnisvolle Betrachter gefunden hat. Selbst ein Ästhetiker wie Fr. Th. Vischer hat den zweiten Teil ein zusammengeschustertes Machwerk des Alters genannt. Nur derjenige, welcher die Offenbarungen des Innenlebens, wie sie sich in den mystischen Werken aller Zeiten zeigen, begriffen und verstanden hat, kann aus dem zweiten Teil des Faust, diesem tiefen Born, schöpfen. Goethe selbst spricht es aus, dass dieser Teil des Werkes ganz anders als der erste zu beurteilen sei, wie er auch darauf hinweist, dass man im Alter unter allen Umständen Mystiker werde.

Der Figur Luthers, der die Wahrheit mit der Bibel in der Hand suchen wollte, stellte die Volkssage schon im 16. Jahrhundert den Faust gegenüber. Dieser suchte die Wahrheit im Buche der Welt und wollte, sich auf die Erkenntnis der Natur stützend, weiterbauen. Eine solche Persönlichkeit wirft nicht dem Teufel das Tintenfass an den Kopf, sondern wird von ihm geholt. Goethe war infolge der Zeitbildung und seiner Charakteranlagen reif, diesen faustischen Erkenntnisdrang zu begreifen. Für ihn war die Zeit gekommen, aus der Natur die Wahrheit zu holen; suchte er doch schon als siebenjähriger Knabe sich einen eigenen Naturkultus zu errichten! Und Naturerkenntnis in höchster Stufe ist ihm zugleich Menschenerkenntnis.

Wie Goethe der Natur gegenübersteht, ein Mann dem Weltall gegenüber, das zeigt der erste Teil von Faust. Aber Faust vermag sich nicht vom Materiellen loszureißen und fällt in der ersten Entwicklungsstufe in eine schwere Sünde. Welche Pfade soll Faust künftig wandeln? Seine italienische Reise erschloss Goethe eine neue Welt. Auf klassischem Boden offenbarten sich ihm die Geheimnisse einer alten, hehren Kunst. Eifrig verfolgte er daneben die Gesetze der Natur. Jetzt war Goethe reif, Faust einen tiefinneren Entwicklungsweg antreten zu lassen: Der zweite Teil des Faust gibt davon Kunde. Am Hofe des Kaisers erscheint Faust in der Maske des Pluto, der in der Mystik der Alten als Gott des Lebens und des Todes verehrt wurde. Goethe wusste eben, wie aus dem Tode Verständnis des Lebens quellen kann. Faust zeigt dem Kaiser Helena und Paris, die ewig lebenden, ewigen Urbilder derjenigen, die das Leben überwunden und den Tod erkannt haben. Diese Urbilder findet Faust bei den Müttern. Wie in der griechischen Symbolik das Erscheinen einer weiblichen Persönlichkeit das Erreichen einer tieferen Bewusstseinsstufe bedeutet, so sind die Mütter bei Goethe eine symbolische Darstellung der tieferen Bewusstseinsschichten, zu denen der Mensch hinabsteigt, eine Darstellung der Tiefen der eigenen Seele, aus der man die Selbsterkenntnis holt. Als Faust aber die Urbilder haschen will, entflattern sie, er ist eben noch nicht zu der vollen inneren Erfahrung fortgeschritten. Im Homunculus haben wir ein Produkt der reinen Erkenntnis zu erblicken. Homunculus kann noch nicht leben, wohl aber ein Führer sein auf dem Lebenswege dorthin, wo Goethe selbst hingeführt worden ist: nach dem alten Griechenland, um dort die wirkliche Helena zu finden, die jetzt als eine Gestalt der Erfahrung vor seiner Seele stehen kann. Euphorion, den Faust erzeugt, stellt die höchste, zunächst erreichbare Bewusstseinsstufe dar.

Zu Anfang des 4. Aktes erscheint Faust als vollendeter Mystiker. Er hat das Beste seines Innern zur Unsterblichkeit umgedeutet. Wer in sich die höchste Menschlichkeit erweckt hat, tritt der Welt als völlig Neuer entgegen, und so strebt Faust nach umfassender Betätigung auf allen Gebieten. Noch einmal wird er zum Sünder, dann aber erscheint er auf einer höheren Stufe, derjenigen der materiellen Blindheit. Umso reicher aber leuchtet die Seele in ihrer ewigen Leuchtkraft. Jetzt ist Faust völlig Geist im Körper geworden. Faustens Aufstieg über die Stufen bedeutet eine Reihe von inneren Prozessen und eröffnet die Perspektive in die Unsterblichkeit. Der Hymnus des Pater ecstaticus ist eine Paraphrase des Fichte’schen «Ich bin ewig in allen Endlichkeiten». Hierin zeigt sich das Aufleuchten der Wahrheit im Innern des Menschen. Während Faustens Himmelfahrt sucht Goethe die höheren Erkenntniskräfte wieder in einer weiblichen Figur, diesmal der Mater dolorosa, zu symbolisieren. Dass Goethe die Entwicklung im zweiten Teile des Faust als eine symbolisch-mystische aufgefasst wissen wollte, zeigt auch der Chorus mysticus. Das Ewig-Weibliche, das uns hinanzieht, sind die tieferen Kräfte unseres Bewusstseins. Nur derjenige erlangt die Ewigkeit, der sie noch während der Zeitlichkeit erwirbt. So schließt Goethe den zweiten Teil seines Faust als echter theosophischer Mystiker. Von einer höheren Warte aus sind die Worte gesprochen:

Wer immer strebend sich bemühr, Den können wir erlösen.

und

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, Der täglich sie erobern muss.

German original of Goethe's “Faust” as a Revelation of His World View · ← Previous · Next →