Goethe and the Present

GA 68c — 10 October 1903, Berlin

VIII. «Faust» als Wissenschaftspädagogisches Problem

Bericht in der «Pädagogischen Reform, zugleich Organ der Hamburger Lehrmittel-Ausstellung» vom 10. August 1904

Es ist nicht schwer zu erkennen, wie sehr die Faustdichtung Goethes geradezu eine Tragödie des Bildungsstrebens darstellt. Und durch den Schüler, der von Mephistopheles Belehrung empfängt und dann im zweiten Teil eigene Weisheit zum Besten gibt, wird die Tragödie zeitweilig auch zur Komödie. Aber noch mehr! Es ist nicht nur Bildung überhaupt, was wir hier angestrebt, zum Teil sogar verspottet sehen. Es handelt sich auch noch um ganz besondere geschichtliche Einrichtungen des Bildungswesens, die uns hierbei dargestellt werden. Die mittelalterliche Universität wird wiederum lebendig.

In dem Maße nun, wie die Erkenntnis alles Bildungswesens selber vorwärts schreitet, wird es uns auch wertvoll sein, solche Bilder, wie sie uns Goethe hier gegeben hat, näher zu verstehen. Sein Werk ist eine späte Erscheinung eines langen literarischen Zuges, der seit dem 16. Jahrhundert mannigfach entfalteten Faustsage und Faustdichtung. Eine moderne Bewegung, welche darauf ausgeht, gerade die höchsten Stufen alles Bildungs- und Erziehungswesens zu fördern und zu erforschen, kann am wenigsten an solchen tief charakteristischen literarischen Darstellungen vorübergehen. Die Bewegung, die sich jene Aufgabe gestellt hat, die demnach die Pädagogik der Wissenschaften und der Künste als solche pflegen will, hat denn auch tatsächlich die Bedeutung des Faustthemas für sich zu erfassen gesucht.

Der etwas schwerfällige und missverständliche Ausdruck «Wissenschafts- und Kunstpädagogik» ist von jener Bewegung durch den einfacheren Ausdruck «Hochschulpädagogik» ersetzt worden. Damit ist auf die entscheidende Rolle hingewiesen, welche die hohen Schulen für das Bildungswesen der Wissenschaften und Künste tatsächlich innehaben. Auch in die Faustdichtungen spielt die hohe Schule mit ihren verschiedenen Einrichtungen herein. Allein diese Rolle des Schulwesens ist dennoch für diese Literatur und für jene Bewegung vorwiegend nur eine äußere Angelegenheit. Die Hauptsache bleibt hier wie dort die Art und Weise, wie sich die Jüngerschaft einer Wissenschaft oder auch einer Kunst der Sache und der Person nach entfaltet. Und davon gibt eben Goethes Faust so einzigartige Bilder. Einige wenige Andeutungen von ihnen hat der Verfasser dieser Zeilen an zwei anderen Stellen gemacht, in den beiden Aufsätzen: «Faustschüler und Genossen» («Ethische Kultur», 11. April 1903) und «Ein neuer Faust» («Neue Freie Presse», 5. Juli 1903). Es erschien aber dringend erforderlich, das Thema über diese kleinen Andeutungen hinaus näher behandeln zu lassen. Der «Verband für Hochschulpädagogik», der für jene moderne Bewegung einen äußeren Rahmen darbieten will, wendete sich deshalb an einen seinen Tendenzen bereits seit Längerem ergebenen Forscher, der speziell über Goethes Schaffen eigene Kenntnisse besitzt. So übernahm Dr. Rudolf Steiner die Aufgabe eines Vortrages über diesen Gegenstand, und zwar unter dem Titel: «Faust als wissenschaftspädagogisches Problem.» Der Vortrag fand in dem obengenannten Verbande zu Berlin statt und wurde auch Anlass einer lebhaften Erörterung in jenem Kreis. Wir können unsere eigene Behandlung des Themas schwerlich besser weiterführen, als indem wir dem genannten Vortragenden und den zu seinem Vortrage hinzukommenden Stimmen der Debatte das Wort ohne Weiteres überlassen. Dr. Steiner führte ungefähr aus:

Die Idee des Themas von Faust als wissenschaftspädagogischem Problem ist vom Begründer des Verbandes für Hochschulpädagogik ausgegangen. Ein gewisser Schauder — fuhr der Vortragende fort — ergriff mich anfänglich dabei, als ob es sich nur um eine Fortsetzung des alten Beliebens handelte, an Goethe alles Mögliche anzuknüpfen. Bei reiflicher Überlegung fand ich jedoch einen innigen Bezug zu dem, was wir unter dem Namen Hochschulpädagogik vertreten. Die Pädagogik findet ihre spezielle Anwendung auf sämtliche Stufen von Schulanstalten: auf die Volksschulen, auf die höheren Schulen, und auch auf die Hochschulen im weiteren Sinne des Wortes. Dass diese ebenfalls einer Art von Pädagogik zu unterwerfen seien, ist eben der Standpunkt unserer Bestrebungen. Wenn über diese einst eine zusammenfassende literarische Darstellung unternommen wird, so verlangt sie als das letzte von ihren Kapiteln eines, das sich eben dem vorliegenden Thema widmet. Der Verfasser wird nach allen seinen sonstigen Ausführungen die wichtige Frage beantworten müssen: Wie hat ein auf der Hochschule behandelter Gegenstand sich zu den idealen Seiten des Lebens zu verhalten? Was hat uns unser höheres Studium für eine höhere Lebensauffassung zu leisten und zu bieten? Überall müssen wir einseitige Bildungswege durchmachen. Wie kommen wir da zu einem freien großen Ausblick? Zu einer befriedigenden Lebensauffassung?

Die damit gestellte Frage liegt dem Faustproblem auch in der historischen Form zugrunde, die es seit dem 16. Jahrhundert angenommen und noch im 19. bei Nikolaus Lenau gefunden hat. Es ist mit einem Wort die Frage: Was hat die Hochschule für den Menschen zu geben?

Der historische Faust soll 1509 Baccalaureus in Heidelberg, später Magister und Doktor geworden sein, auch in Ingolstadt studiert haben, usw. Die historische Gestalt des Dr. Faust und ihr bedeutender Eindruck auf die Zeitgenossen stehen außer Frage. Faust tritt uns als eine höchst gefährliche Person entgegen. So schreibt schon im Jahre 1505 der Abt Tritheim über ihn. Demnach war der Faust bereits damals eine berühmte Persönlichkeit, die an vielen Orten in schwindelhafter Weise auftauchte. Später ging er nach Krakau, um Magie zu studieren. Nun entsteht für uns die Frage, wie denn ein Doktor der Theologie und der Medizin um des dortigen Krimskrams willen nach Krakau gehen und dann noch als Zauberer weiterziehen konnte. Zudem wird auch noch von seinem ausschweifenden Lebenswandel usw. berichtet. Es handelte sich also um eine Persönlichkeit, die aufs Beste ihre Studien gemacht hat und daraus doch so wenig Halt fürs Leben bekommt. Bot ihm denn die Wissenschaft eine so geringe Stärke dar? Ist es denn möglich, dass man die Spitzen der Gelehrsamkeit erreicht und doch nicht mit dem Leben zurechtkommt?

Eine eminent hochschulpädagogische Frage ist es, die nach dem Lebenswerte des akademischen Studiums fragt. So sehen wir sie auch bei Goethe. Faust war jedoch keine pathologische Persönlichkeit, vielmehr eine Erscheinung seiner Zeit. Und Goethe hat in den Faust seine persönlichsten Erfahrungen hineingelegt. Man erinnere sich der Weise, wie er bei der Gelegenheit seines Verlassens der Universität Straßburg von sich spricht. Die hochschulpädagogischen Fragen umschwirren uns dabei geradezu.

Goethes Persönlichkeit hat uns trotz des Umstandes, dass seine Studien zerrissen waren, auch hier gewiss viel zu sagen. Er stand ähnlich da wie Faust. Er studierte in Leipzig und in Straßburg auf eine uns Modernen nahestehende, naturwissenschaftliche Weise und suchte dabei eben auch Aufklärung über die Lebensrätsel. Er stellt uns einem harten Zweifel gegenüber, der aber auch eine Grundstimmung in Goethes Persönlichkeit war. Mit den nötigen Unterscheidungen finden wir Goethe ähnlich dem Faust, nur ohne dessen Haltlosigkeit. So scheint uns also auch in Goethes Fall das Hochschulstudium für die idealen Lebensgüter machtlos zu sein. Wie kommt der Student zu einer solchen Ratlosigkeit? Darüber hat Goethe sein Leben lang nachgedacht. Erlösung für seinen Faust suchte er jedoch von außen. Hätte er als älterer Mann noch in der Aufklärungszeit gestanden, so würde er (nach seiner eigenen Äußerung) den «Faust» geschlossen haben mit den Worten:

Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange
Ist sich des rechten Weges wohl bewusst.

Jetzt aber in seinem Alter musste er mit der Mystik schließen. Goethe vermochte nicht zu sagen, wie der Gelehrte als solcher sich dem Leben gegenüber halten könne.

Wir stehen demnach vor einem niederdrückenden Gedanken; und dieser drängt uns noch zwei andere Fragen auf. Erstens: Wie kommen gerade solche Persönlichkeiten zu solchen Fragen? Der naive Mensch wird allerdings leicht befriedigt sein; wie entstehen jedoch gerade im wissenschaftlichen Menschen diese Fragen? Man sehe Lenaus Faust an der Leiche, aus der ihm niemals eine Antwort kommt! Dann aber zweitens die Frage: Rührt solcher Zweifel von den notwendigen Grenzen der Wissenschaft selber her oder vielmehr von unserem ungenügenden Hochschulstudium? Im ersteren Fall fassen wir ihn erkenntnistheoretisch, im letzteren Fall hochschulpädagogisch. Dass nun das Letztere richtig ist, möchte ich — sagte der Vortragende — hier zeigen.

Wir sehen eine vielstudierte Persönlichkeit, die machtlos vor den Rätseln des Lebens steht. Es handelt sich darum, dass etwas an Stelle der Wissenschaft tritt. Durch die Wissenschaften werden in dem Studierenden Fragen aufgeworfen, die ihm sonst nicht kommen. Das ist nicht der Zweck, wohl aber ein notwendiger Nebeneffekt des wissenschaftlichen Strebens. Die Jurisprudenz mag uns dies und das lehren; außerdem jedoch kommen mit ihr Fragen wie die nach der menschlichen Verantwortlichkeit, die der Naive nicht stellt. Die Nationalökonomie erweckt in uns Fragen nach dem sozialen Zusammenhang. Ähnlich wirken die Naturwissenschaften: man denke an die Biologie, besonders an die Frage nach der allmählichen Entwicklung des organischen Lebens. Und die Wissenschaft von der altklassischen Kunst lässt uns fragen nach der Psychologie des griechischen Volkes und der ganzen Menschheitsentwicklung. So legt uns unser Studium gerade für die höchsten Rätselfragen des menschlichen Lebens Skrupel vor. Wir können ohne jene Nebeneffekte keine tüchtigen Juristen usw. werden.

Es ist naturgemäß, dass uns das Studium, was immer es auch sonst bieten mag, zunächst unsicher macht; und zwar umso mehr, als jedes Studium einseitig sein muss. Diltheys «Einleitung in die Geisteswissenschaften» zeigt, dass wir das Ganze immer nur von einzelnen Perspektiven aus sehen. Wie kommen wir dazu, diese unvermeidlichen Schranken zu überschreiten? Wie gelangen wir von der Einseitigkeit zur Allseitigkeit? Es ist nur ganz natürlich, dass der durch Einseitigkeit Hindurchgegangene haltlos wird. Goethe konnte die Frage nun allerdings nicht in fachmännischer Weise hochschulpädagogisch lösen. Und auch ich — meinte der Vortragende — muss hier einseitig vorgehen und nicht auch z.B. ästhetisch werden.

Aus dem Wissen der damaligen Hochschulen heraus konnte Goethe nicht zu dem Gesuchten gelangen. Bei seinem Studium in Leipzig sucht er nach einer Weltanschauung. Später kommen sein Verkehr mit Fräulein von Klettenberg und seine Beschäftigung mit Paracelsus.

Was ergibt sich nun aus jenem notwendigen Verhältnis heraus? Die Wissenschaften belasten uns mit Fragen, können uns jedoch zuvörderst aus ihnen nicht erlösen. Es gilt die Forderung, dem Menschen zu geben, was er hier zu verlangen das Recht hat. Goethe hat in seiner Weise das zu zeigen gesucht. Unsere Fragestellung ist die: Wie können wir den Hochschulunterricht mit Rücksicht auf die geschilderten Nebeneffekte einrichten? Jenes letzte Kapitel eines Gesamtwerkes über Hochschulpädagogik wird von Zweig zu Zweig gehen und nach den Lebenszweifeln fragen, die dort entstehen. Wie sind ferner diese Zweifel auf der Hochschule selbst zu behandeln, damit der Lernende dem Leben gerüstet entgegentritt? In gewisser Weise sündigt, wenn wir extrem sprechen dürfen, die Hochschule dadurch, dass sie uns belastet. Aufgabe ihrer Pädagogik wird die Beantwortung eben der Frage sein, welche Forderungen in dieser Hinsicht an die Hochschulpädagogik zu stellen seien. Selbst in der Volksschulpädagogik steht es ähnlich. Das Ziel der wahren Hochschulpädagogik muss das sein, uns zwar nicht jene Zweifel zu tilgen, jedoch uns zu rüsten, dass wir sie bekämpfen können. Gerade das aber wird gewöhnlich außer Acht gelassen.

Jetzt wissen wir, warum der historische Faust haltlos werden konnte. Gerade in seiner Zeit war es möglich, dass der Studierte keine summarische Befestigung seiner Studien fand. Früher, im Mittelalter, war es die Theologie, welche diese Krönung gab. Vom fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert vollzog sich im Wissenschaftsbetrieb ein großer Umschwung; sein Ausdruck ist eben die Faustsage. Wie wird man mit dem Leben ohne Bibel und Theologie fertig? Diese hatte allerdings in ihrer Weise die Zweifel gelöst. Allein noch im achtzehnten Jahrhundert war das Studium an den Hochschulen nicht so weit gediehen.

Die Kant’sche Frage: Wie ist Wissenschaft möglich, sie besitzt auch eine hochschulpädagogische Seite. Wir erkennen sie in den beiden Schriften Kants, der von 1796: «Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie», und der von 1798: «Der Streit der Fakultäten». Und bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein findet sich diese Haltlosigkeit geradezu als eine psychologische Grundlage der wissenschaftlichen Persönlichkeiten. Diese Grundfrage der Zeit bis zu Goethe hat unser Dichter auch zu der seinigen gemacht. So wurde er der Dichter des hochschulpädagogischen Problems.

Wir stellen die These auf: Unsere Aufgabe bezüglich der Hochschulpädagogik wird nur dann vollendet sein, wenn wir jene Skrupel lösen. Tun wir dies nicht, lassen wir den Studenten ohne das von uns Gemeinte ziehen, so liegt geradezu eine ethisch-hochschulpädagogische Pflichtverletzung vor. Jedem einzelnen Fachstudium muss ein sorgfältiges Vertiefen in die Lebensfragen zur Seite gehen, die sich aus jenem Studium ergeben. Geht der Hochschulpädagogiker nicht achtlos an der Menschenseele vorbei, so muss er sich mit dieser Frage abfinden. Wir werden dabei zwar nicht das Fortkommen im Beruf, wohl aber die Lebensfragen im Geiste jenes Studierten fördern. Die Faustnaturen, auch die kleinen, können wir auf diese Weise zum Verschwinden bringen.

Ins Einzelne bei Goethe zu gehen, ist hier unmöglich. Wir dürfen das Spotten des Mephistopheles, den Ausdruck eben des banausischen Lebens, nicht für Goethes Worte halten. Aus diesen Zusammenhängen entsteht jene schwüle Stimmung, jenes eigentümliche Milieu, das den ersten Teil der Tragödie kennzeichnet. Dem engsehenden Famulus Wagner gegenüber steht der hilflose Faust; und dann wiederum der nach den Problemen lechzende Schüler, der im unpädagogischen Behandeln der Wissenschaft die Lösung nicht findet! Diesen falschen Wissenschaftsbetrieb lässt Goethe durch Mephistopheles aussprechen. Im zweiten Teile der Tragödie sehen wir dann, wie Goethe in seiner dichterischen Weise davon denkt. Er hatte inzwischen eben auch praktische hochschulpädagogische Studien durchgemacht — und zwar an den Einrichtungen der Jenaer Universität, der er als Minister vorstand. Die Szenen des ersten Teiles hatte Sehnsucht und Forderung geschrieben. Anders die des zweiten Teiles. Goethe hatte als Beaufsichtiger der Universität intime Erfahrungen gemacht. Wer die Akten des Weimarischen Ministeriums auch nur ein wenig angesehen, erkennt Goethe als idealsten Universitätsverwalter, der einerseits die unmittelbarsten praktischen Lebensforderungen und andererseits die wissenschaftlichen Forderungen beachtet, jedoch beide harmonisch zu vereinen strebt. Goethe wusste ganz wohl, wie man aus der Universität herauskommt. Mit Hilfe dieser Erfahrungen und eigener Bemühungen schrieb er den zweiten Teil seiner Tragödie, besonders dessen zweiten Akt. Für die Gestalt des Homunculus findet man die verschiedensten Kommentare, die alle nicht falsch sind, da solche Figuren ja einen unendlichen Inhalt haben. Jedenfalls aber ist hier symbolisch das eine ausgedrückt: der Zusammenhang zwischen der wissenschaftlichen Erkenntnis und den höchsten Zielen des Lebens. Goethe geheimnisste in den zweiten Teil auch seine wissenschaftspädagogischen Kenntnisse hinein. Er zeigt dort symbolisch, wie die Wissenschaft Schritt für Schritt geführt wird; es gilt die Betrachtung der lebendigen Natur, das Fortschreiten von dem trockenen Begrifflichen bis zum Menschen. Allein der Homunculus hat noch eine zweite Aufgabe: Er führt zur Antike. Aus Goethes Italienischer Reise sehen wir, wie der Dichter Schritt für Schritt ein Wissen über die Natur sucht, dieses Wissen aber auch gleich in ein Können verwandelt und es zum Gipfel des menschlichen Daseins führt. Welches Ziel hat die Kunst? «Da ist Notwendigkeit, da ist Gott» und so weiter. Diese psychologische Entwicklung seines eigenen Geistes zeigt er uns nunmehr im zweiten Teil. So soll niemals eine trockene, niemals auch nur eine einsame Gelehrsamkeit für sich dastehen; sie soll immer zum Leben führen. Der Homunculus hatte Sehnsucht nach der Wirklichkeit, die Sehnsucht, aus der Einseitigkeit hinauszuschreiten. Mögen die Menschen nur immer zum trockenen Studium geführt werden: Dieses muss auch die Kraft haben, über sich hinaus zu führen.

Wir haben somit in einem letzten Kapitel der Hochschulpädagogik zu zeigen, welche großen Lebensrätsel die einzelnen Wissenschaftsbetriebe aufwerfen, und wie die Rätsel zu lösen sind. Das ist keine unübersteigliche Aufgabe. Die einzelnen Zweige der Wissenschaft stellen heute hohe Anforderungen; allein es muss sich trotzdem die Möglichkeit bieten, jene Forderungen der Wissenschaft zu befriedigen.

Meine Absicht war — so schloss der Vortragende —, aus Goethe ein Resultat zu gewinnen, und zwar nur eben eine Forderung. Wie diese Forderung zu erfüllen sei, wird der Gegenstand noch von vielen hochschulpädagogischen Betrachtungen sein. Ich habe mich bemüht, jene These als notwendig zu erweisen. So weit der Vortrag Dr. Steiners. Es dürfte nun von Interesse sein, über den Eindruck zu berichten, den der Vortrag in seinem Kreise gefunden hat, also die an ihn angeschlossene Diskussion wiederzugeben. Sie begann mit folgender Darlegung von philosophischer Seite.

Der Vortragende — so führte diese Stimme aus — hat gezeigt, wie durch die positiven Wissenschaften Problemstellungen in uns angeregt, nicht aber die letzten «metaphysischen» Fragen gelöst werden. Richtig ist daran jedenfalls dies, dass die Wissenschaft mehr nicht geben will und kann. Die Begründung aber dafür, dass dennoch die Wissenschaften nicht bloß das Spezielle zu leisten imstande sind, liegt schon darin, dass der naive Sinn an den tieferen Fragen vorübergeht, da ihm Erfahrung und die durch Generationen vorhergehende Arbeit fehlen. Ein Problem richtigstellen ist so viel wie es halb lösen. Die Wissenschaften erheben sich über die oberflächliche Betrachtung, dringen tiefer ein, zeigen die Dinge besser als jene und stellen neue Fragen. Mit dem Wissen kommt der Zweifel. Je tiefer wir eindringen, desto mehr fragen wir. Allein wie ist dieses Unglück zu beseitigen? Die Ungewissheit kann für uns niederdrückend werden. Fr. Beneke hat das Motiv dieser unüberwindbaren Last zur Erhärtung der Annahme von der Unsterblichkeit benützt. Jedenfalls ist es eines der gesündesten Motive für sie. Aus Goethe jedoch sind jene Fragen nicht zu beantworten. Ich weiß nicht, meinte der Interpellant, was da für die Hochschulpädagogik zu machen sei. Lediglich der einzelne Lehrer kann dem einzelnen Schüler etwas über das Banausentum hinaus mitgeben. Auch die Antike bietet hier einiges, aber viel zu wenig.

Eine andere, medizinische Stimme sprach sich folgendermaßen aus. Das Ganze Revue passieren zu lassen würde zu viel sein. Wo so viel Übereinstimmung besteht, soll es nicht Undank sein, dass auch die Pflicht der nötigen Bedenken erfüllt wird. Wir sind hier sozusagen auf eine pseudo-hochschulpädagogische Höhe geführt worden. Dafür, dass alles Wissen zum Zweifel führe, könnte man sogar den Prediger Salomonis und Friedrich Schiller anführen. Es scheint aber, die einzelnen Wissenschaften haben zu zeigen, dass diese bei ihnen aufgeworfenen Rätsel unlösbar sind, und dafür könnte jeder einzelne Lehrer sorgen. Allein dies geht über unseren bisherigen Boden hinaus. Der Vortragende war schlau, indem er nicht sagte, wie das zu machen sei. Vielleicht heißt es: Wir sollen wiederum wie einst unser philosophisches Kolleg hören. Ob aber die Philosophie auch auf alles eine Antwort hat?! Vielmehr scheint uns der Hinweis darauf nötig zu sein, dass das Suchen der Wahrheit obenan steht. Heute liegen die Verhältnisse durch die Naturwissenschaften anders als früher.

Vonseiten des Verfassers dieser Zeilen wurde gegen die vorgängige Stimme betont, das Thema sei eminent hochschulpädagogisch und werde tatsächlich in einem Kapitel eines zusammenfassenden Werkes behandelt werden. Bei jenem «wie» handle es sich hauptsächlich um die pädagogisch gebildete Persönlichkeit des Lehrers.

Weiterhin sprach ein Redner zunächst im Anschluss daran aus, dass wir der Fülle des im Vortrage Gebotenen nicht gerecht werden können, und dass er beabsichtige, nur einen einzigen Punkt hervorzuheben. Goethe war so universell, dass man unmöglich Einzelnes als die persönliche Meinung des Dichters festnageln kann. Alles ist bei ihm im Werden. Das entspricht nach Hegel der dialektischen Entwicklung in den Dingen. Welche Wissenschaft ist es nun, die ein zusammenfassendes Bild und damit eine konzentrierte Rückwirkung auf die Persönlichkeit gibt? Zunächst tritt dafür die Philosophie ein, zumal die von Goethe selber verachtete Metaphysik. Dass man sich mit ihr nicht mehr abgeben will, ist ein modernes Angstprodukt. Redner hat sie an seiner Universität seit Langem zuerst wiederum betrieben. Es handelt sich um die bekannten Probleme, hauptsächlich um das des Verhältnisses unserer Vorstellungswelt zur wirklichen Welt. Allein man kann zu diesem Problem von jeder Wissenschaft aus gelangen. Ebenso wie auf die Naturwissenschaften lässt sich z.B. auf die Jurisprudenz verweisen. Sie hat uns die i8&i0oxpayia tüs vvxig herzustellen; damit werden wir des Lebensproblemes Herr. Die verachtetste Wissenschaft, die Dogmatik, nimmt auf jene Probleme intensive Rücksicht. In dieser Weise könnten alle einzelnen Wissenschaften angeführt werden. Die Arbeitsteilung macht dies begreiflich. Die Metaphysik vermag das Lebensproblem nicht ohne die übrigen Wissenschaften zu lösen. Der große Umschwung, der im Laufe der letzten Jahrzehnte kam, ließ uns als das eigentlich Wissbare lediglich das sehen, was innerhalb des Bewusstseins gelegen ist. W. Jerusalem (Wien) flüchtet sich in seiner Schrift über die Urteilsfunktion in einen Realismus zurück, zu welchem das «Du-Problem» zwinge. Also werden wir an den praktischen Zweck und an die Polizei gewiesen! Mit diesem Frevel an der Unbedingtheit des Erkenntnistriebes kann ich nicht mitgehen. Wir sagen: Wer lehren will, der muss was haben (Goethe). Es besteht ein Bedürfnis, Erkenntnis in anderen zu schaffen. So gelangen wir aus der Wissenschaft heraus zum «Du-Problem». Für den Zusammenhang jedoch zwischen Wissenschaft und Leben brauchen wir noch eine Wissenschaft. Und dies ist wohl die Pädagogik. In ihr kommen alle Wissenschaften zur Geltung. Ferner ist einer der Zwecke des Hochschulwesens auch der, Hochschulpädagogen zu bilden. Wir brauchen auch ein hochschulpädagogisches Seminar. Die mehrmals aufgeworfene Frage, wer denn dessen Lehrer bilden solle, beantwortet sich einfach dadurch, dass die älteren die jüngeren bilden.

In einem Schlusswort führte der Vortragende noch Folgendes aus: Meine Aufgabe war streng wissenschaftspädagogisch. Deshalb konnte ich mich nicht auf die Fähigkeiten der einzelnen Wissenschaften einlassen. Der Schüler muss lebenstüchtig werden. Und zwar auch gegen die Resignation. Es wurde notwendig, dass ich hier streng pädagogisch blieb. Ich habe nur die psychologische Tatsache jener Sehnsuchten erörtern wollen. Gegen sie muss etwas getan werden. Goethe hat allerdings unser hochschulpädagogisches Problem nur intuitiv gefasst und es uns so vorgelebt, wie er uns auch die Natur vorleben kann. Er muss gar nicht an die Hochschulpädagogik gedacht haben. Was nun das «wie» betrifft, so genügt ein philosophisches Kolleg nicht. Wir müssen vielmehr pädagogisch ergründen, wie sich der einzelne Lehrer mit den Aufgaben des Lebens abzufinden habe. Wir können nicht die Lösungen im Einzelnen bieten, wohl aber die Richtung geben. Jenes «wie» ist eben ein großes philosophisches Studium. Deshalb kann hier auch nicht mehr auf die Frage der erkenntnistheoretischen Standpunkte eingegangen werden, trotz jener guten Anregung eines Seminars. Die Hauptsache ist: Wir wollen lebenstüchtig werden. Also nicht um dogmatische Lösungen handelt es sich, sondern vielmehr darum, Wege zu finden.

German original of “Faust” as a Problem in the Education of Scientists · ← Previous · Next →