Goethe and the Present
GA 68c — 29 March 1904, Berlin
IX. Einleitung in Goethes Märchen von der Grünen Schlange und der Schönen Lilie
Goethe gehört zu denjenigen Geistern der Weltgeschichte, denen gegenüber es den Betrachtern ganz eigentümlich ging. Tritt man an eine Goethe’sche Dichtung oder an ein anderes Goethe’sches Werk, gleichgültig welches — ich betone, dass das auch gegenüber den sogenannten wissenschaftlichen Schriften Goethes gilt —, heran, in irgendeinem Lebensalter, so wird man Schönheit und Tiefe, Weisheit und Kunst in den ganzen Werken in Fülle finden. Man wird Befriedigung von einer Lektüre oder einer sonstigen Art der Betrachtung begegnen. Wenn man dann vielleicht nach Jahren an dasselbe Goethewerk herantritt, mittlerweile reifer geworden ist, selbst die Welt und die Menschen kennengelernt hat, dann macht man die Entdeckung, dass man, als man zum ersten Male an Goethes Werk herantrat, eine ganze Menge in demselben übersehen hat, dass man eine Fülle dessen, was an Weisheit, Schönheit, Tiefe und Wahrheit in Goethes Werken steckt, gar nicht zu erkennen vermochte. So geht es einem mit allen großen und bedeutenden Menschen in der Weltgeschichte. Und man lernt wohl die eigentliche Bedeutung der eigentlich führenden Geister gerade an dem Umstande kennen, dass man immer wieder, wenn man an sie herantritt, je nach dem Grad der geistigen Reife, in dem man sich selbst befindet, darin etwas Neues entdeckt. Und dann kommt das Weitere hinzu, dass diese Entdeckungen sozusagen im Menschenleben kein Ende erreichen. Bei Goethe geht es so, dass, wenn man von fünf zu fünf Jahren seine eigentlich grundlegenden Werke studiert, wir von fünf zu fünf Jahren, falls wir uns selbst weiterentwickeln, falls wir nicht bei dem einmal eingenommenen Stande verharren, immer Neues und Neues entdecken. In eine schier unergründliche Tiefe sehen wir hinein, wenn wir anfangen, Goethes Werk zu verstehen.
So geht es einem in Bezug auf Goethes «Faust». Wer ernsthaft an Goethes «Faust» herangetreten ist, der wird in einem ganz anderen Sinne, als dieses oftmals behauptet wird, sagen können: In Goethes «Faust» ist wirklich eine Art modernen Evangeliums gegeben. Wenn nun dieses Wort eine Berechtigung hat, dass in Goethes «Faust» eine Art modernen Evangeliums gegeben ist, so hat das andere Wort eine ebensolche Berechtigung, dass in der kleinen Dichtung, die leider nur ganz wenigen bekannt ist, in dem sogenannten Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie, geradezu Goethes Apokalypse, Goethes geheime Offenbarung gegeben ist.
Dieses Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie enthält Goethes Weltanschauung und Lebensauffassung in ihren Tiefen. Wer dieses Märchen zuerst liest, wird in der Regel wenig daraus machen können. Wer versucht, den Schlüssel dazu zu gewinnen, der wird zunächst erkennen, dass Goethe durch dieses Märchen etwas Besonderes hat aussprechen wollen. Dieses Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie finden Sie in jeder größeren Goethe-Ausgabe. Ich betone das, weil ich immer wieder gefragt worden bin: Wo steht denn das «Märchen»? Wenn Sie die «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter» nachsehen, so finden Sie es am Schlusse. Dieses Märchen ist gleichsam angelegt als eine vollständig selbstständige Dichtung.
Nun lassen Sie mich vor der Vorlesung des «Märchens» durch Fräulein H[olger] nur noch einige Worte sagen, wie Goethe dazu gekommen ist, dieses Märchen zu dichten. Es war in der Mitte der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts, als Goethe auf der Höhe seines Schaffens stand. Es war in der Zeit, als er jenen tiefen Blick in die Natur getan, der sich in seinen naturwissenschaftlichen Schriften zum Ausdruck bringt. Es ist jene Zeit, in der er den ersten Teil des «Faust» abgeschlossen hatte, der 1790 als Fragment erschien. In der Zeit trat die Idee vor seine Seele, den «Faust» auszugestalten als ein großes, umfassendes Menschheitsbild, und als solches Welt- und Menschheitsbild im Sinne einer vollständigen Anschauung, tritt uns das Werk Goethes, das sich versiegelt in seinem Nachlass gefunden hat, als er gestorben war, der zweite Teil des «Faust», entgegen. Wiederholt hat Eckermann von diesem zweiten Teil des «Faust» gesprochen. Ich möchte nur einen charakteristischen Ausspruch hervorheben. Goethe sagt: Wer meinen zweiten Teil des «Faust» genießen wird als eine Folge von dramatischen Bildern, der mag einen ästhetischen Genuss haben. Aber es wird auch solche ab und zu geben, welche dasjenige ahnend erkennen werden, was ich in diese Bilder hineingeheimnisst habe. Und Goethe deutet wieder in seinen Gesprächen mit Eckermann an, dass sich im zweiten Teile des «Faust» ein verborgener, wie wir das in theosophischer Sprache ausdrücken, ein esoterischer Sinn findet. Ein Sinn, der hinter den Bildern verborgen ist, den man dann in der Weise ausspricht, wie Goethe das im zweiten Teile des «Faust» getan hat. Wenn man die gewöhnliche Sprache des Verstandes, die Wortsprache, zu arm, zu trocken, zu öde, zu nüchtern, zu alltäglich findet, um die reiche Fülle des Geistes auszudrücken, die man vorzulegen hat, wenn man seiner eigentlichen tiefen Meinung nach sich über das Weltenleben aussprechen will. In einer Bildersprache haben die Esoteriker, die Weisheitspriester aller Zeiten gesprochen. Je tiefer wir in die alte Sagenwelt eintreten, desto mehr erkennen wir, dass in dieser Sagenwelt symbolische Verkleidungen enthalten sind von großen, ewigen Wahrheiten. In einem solchen Sinne hat Goethe im zweiten Teil des «Faust» gesprochen. Noch mehr aber hat er in einem solchen Sinne gesprochen in dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie.
Es war im Jahre 1794, da schilderte er, dass er jenes Problem der Menschheit neuerdings für sich zu lösen unternommen habe, das die Geister damals beschäftigt hat. Das Problem oder die Frage nach der menschlichen Bestimmung oder das Problem der Freiheit. Nachdem in Deutschland und Frankreich sich in großen Freiheitskämpfen die Herzen aufgerüttelt hatten, da war das Problem der Freiheit auch das der größten Geister. Schiller nahm Teil daran und er fragte sich: Ist der Mensch frei, der eingeschlossen ist in die ewige Notwendigkeit? Sind seine Taten so aufzufassen, dass sie sich mit innerer Notwendigkeit vollziehen, wie die äußeren Naturerscheinungen mit äußerer? So, wie bei einem fallenden Stein, oder so, dass sie aus dem Menschen selbst herausquellen und er der Urheber seiner Handlungen ist? Ist der Mensch ein freies Wesen? Das ist die Frage, die nicht bloß die großen Geister, sondern die Herzen aller Menschen beschäftigte. Hegel, Fichte, Schelling, Novalis, die Gebrüder Schlegel und so weiter gehören in diesen Kreis. Das Problem der Freiheit ist ein Herzensproblem. Schiller hat in einem bedeutsamen Werke, in seinen «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen», die Freiheit behandelt. Er hat den Standpunkt verfochten, dass der Mensch ein dreigliedriges Wesen ist, dass er auf der einen Seite der Natur unterworfen ist, und da ist der Mensch hinsichtlich der Körperlichkeit. Dann haben wir den Menschen auf dem höchsten Gipfel seines Wesens als Vernunftmensch, als Geistmensch. Da wird er beherrscht, nach Schillers außerordentlich geistvollen Ausführungen, von den Gesetzen des ewigen Lebens, der ewigen Wahrheit und Güte. Diese Gesetze durchströmen das menschliche Leben. Der Mensch kann sich ihnen nicht entziehen, weil er [sich] klar darüber ist, dass seine Bestimmung nur erreicht werden kann im Reiche der Wahrheit und Güte. Körper und Geist sind die beiden Pole. Und Schiller sagt: Auch der Geist ist der Notdurft, der logischen und pflichtgemäßen Notwendigkeit unterworfen. Auf diesem Gebiete kann nicht von Freiheit gesprochen werden, denn frei kann der Mensch nicht sein. Frei kann auch nicht der Geist sein, denn der müsste sich freiwillig den Gesetzen der Wahrheit und Güte unterwerfen. Da haben wir auf der einen Seite die Notwendigkeit der Natur, auf der anderen Seite die Notwendigkeit des Geistes. Zwischen Natur und Geist schiebt sich für Schiller die Seele des Menschen ein. Die Seele, welche in der Mitte sich befindet, und als das Verbindungsglied zwischen Körper und Geist das eigentliche Persönliche des Menschen ausmacht. Dasjenige, was Lust und Leid im Menschen erleben lässt, dasjenige, was sich erhebt über die Naturnotwendigkeit und noch nicht hinaufgestiegen ist zu der ehernen Vernunftnotwendigkeit. Auf der anderen Seite ist die Pflicht der ewigen Wahrheit und ewigen Güte, die mit zwingender Gewalt auf den Menschen wirkt. Aber Lust und Leid nehmen unsere Gesetze der Güte und Wahrheit so auf, dass sie seelisch Sympathie dafür entwickeln, dass sie solche dem Geist entgegenbringen. So sagt Schiller: Die Naturnotdurft wird hinaufgehoben zu dem Geist und die [Wahrheit] und Güte wird heruntergeholt und als Schönheit empfunden. Und in dieser Weise wird sie eingegliedert. Kant hat im Sinne Schillers die ewige Notwendigkeit zu schroff hervorgehoben in seinem kategorischen Imperativ. Das hat Schiller zurückgewiesen mit den Worten: Kein kategorischer Imperativ!
Gern dien’ ich dem Freunde, doch tu ich es leider mit Neigung, und so wurmt es mich, dass ich nicht tugendhaft bin
— weil er das Dienen nicht zu einer Angelegenheit der zwingenden Naturnotwendigkeit macht. Der Mensch soll in den Leidenschaften nicht so tief stecken, dass sie ihn herunterziehen. Er soll sie durchseelen und heraufziehen. Er soll auf der anderen Seite sich durchdringen lassen von den Gesetzen des Guten und Wahren, sodass er sich seinen Neigungen überlassen kann und seine Neigungen ihm eine Seele geben von der Art, dass sie die ewige notwendige Wahrheit und Güte darstellt. Das ist Schillers Problem der Naturnotwendigkeit. In ihrem Mittelpunkte steht die Freiheit, Das ist Schillers Lösung.
Goethe aber sagt, dass man alle Probleme im Menschen nur lösen kann, wenn sie betrachtet werden im großen Weltzusammenhang. Er sagt sich: Ich will das Problem auch lösen, aber in einem anderen Sinne. Ich brauche ein reiches, umfassendes Vorstellungsleben, um dieses Problem zu lösen. Der Mensch ist eine kleine Welt, und wenn ich ihn im Zusammenhang mit dem Kosmos betrachte, dann kann ich dieses Problem lösen.
Daher stellt Goethe die ganze Bilderwelt, die ihm eigen geworden ist bis dahin aus seinen Studien, in den Dienst der Lösung dieser Frage. Auf der anderen Seite stellt er in diesen Dienst alle Erfahrungen, die er gemacht hat als ein wirklich geistig an den Arbeiten des Freimaurertums teilnehmender Mensch. In dem Freimaurertum sind ihm die Ideen zugeflossen, die er ausdrücken wollte. Daher muss man alles dies zu Hilfe nehmen, um dieses, an Inhalt so reiche Goethe’sche Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie irgendwie lösen zu können. Man hat schon versucht, es zu lösen, zu Goethes Lebzeiten. Und Goethe selbst sagte: Ich will nicht über das «Märchen» sprechen, bevor es hundert Lösungen von anderen gibt. So viele hat es damals noch nicht gegeben oder sind ihm nicht zu Ohren gekommen. Dann aber sind viele, allzu viele Lösungen gekommen. Man hat es zu lösen versucht vom Standpunkte der Kritik, der Rationalisten, von rein freimaurerischem Standpunkte und so weiter. Alles das sind aber nur einzelne Standpunkte und genügen nicht. Es sind einseitige Standpunkte. Wir werden, wenn die Zeit reichen sollte, nach der Vorlesung durch Fräulein Holger wenigstens einige Andeutungen, einige Bemerkungen machen, was Goethe mit diesem rätselhaften Märchen sagen will. Ich will also nur sagen, dass ich heute, bei der kurzen Zeit, nur Andeutungen geben kann. Wer tiefer eindringen will, den mache ich aufmerksam auf den Vortrag über «Goethe als Theosoph», wo versucht werden wird, die Tiefe seiner Weltanschauung zu zeigen.