Goethe and the Present
GA 68c — 4 April 1904, Berlin
X. Das Märchen von der Grünen Schlange und der Schönen Lilie
Wenn die Theosophie behaupten wollte, dass sie etwas ganz Neues, erst in den letzten Jahrzehnten in die Welt Gekommenes sei, dann könnte man ihr wohl sehr leicht und wirkungsvoll entgegentreten. Denn es wird dem Menschen zwar leicht zu glauben, dass einzelne besondere Wahrheiten, neue Errungenschaften auf irgendeinem Erkenntnisgebiete das menschliche Anschauungs- und Gedankenleben in der fortschreitenden Zeit bereichern könnten; nicht aber dass dasjenige, was des Menschen tief innersten Kern betrifft, den Urquell menschlicher Weisheit, dass dieses als etwas völlig Neues in irgendeiner Zeit auftreten sollte. Das ist ohne Weiteres nicht zu glauben, und es ist daher wohl nur natürlich, dass ein solcher Glaube, als ob die Theosophie etwas völlig Neues bringen könnte oder wollte, das Misstrauen gegen die theosophische Bewegung hervorrufen müsste. Aber Theosophie hat sich von jeher, seit sie versuchte, auf die moderne Kulturbewegung einen Einfluss zu gewinnen, als eine uralte Weisheit bezeichnet, als etwas, was die Menschen gesucht haben, was sie in den verschiedensten Formen zu erringen hofften zu allen Zeiten. Und es ist die Aufgabe der theosophischen Bewegung gewesen, in den verschiedenen Religionsbekenntnissen und Weltanschauungen nach den verschiedenen Formen zu suchen, in welchen das Volk durch die verschiedenen Zeitalter hindurch zur Quelle der Wahrheit vorzudringen bemüht war. Die Theosophie hat an den Tag gebracht, dass zu den verschiedenen Zeiten, auch in den urältesten Zeiten, die Weisheit, durch welche der Mensch sein Ziel zu erkennen versuchte, etwas tief Verwandtes hatte. Und so ist es in der Tat. Theosophie macht uns bescheiden in Bezug auf die Errungenschaften unserer eigenen Zeit. Der bekannte, durchaus unbescheidene Spruch, dass wir es so herrlich weit gebracht haben in diesem 19. Jahrhundert, dieser Spruch erfährt eine sonderbare Einschränkung durch die Betrachtung des Geisteslebens in seinem tiefsten Sinne, durch die Jahrhunderte und die Jahrtausende hindurch.
Nicht in diese alten Zeiten möchte ich Sie aber zurückführen; ich möchte Ihnen an einer modernen Persönlichkeit zeigen, dass diejenigen, welche versucht haben, den uralten Weisheitsspruch zu verwirklichen, der auf dem griechischen Tempel mit den Worten eingezeichnet ist: «Erkenne dich selbst», dass eine solche moderne Persönlichkeit, die diesen Weisheitsspruch zu dem ihrigen machte, im Grunde genommen in völligem Einklang steht mit dem, was die Theosophie als ihre Lehre und Anschauung bezeichnet. Diese Persönlichkeit ist keine andere als Johann Wolfgang von Goethe. Diese Persönlichkeit ist zweifellos nicht nur den Deutschen, sondern auch vielen anderen Kulturmenschen der Gegenwart tief vertraut. Mehr oder weniger ist er es bei jedem Einzelnen. Goethe ist indessen ein Geist, mit dem es einem ganz besonders geht. Er ist ein Geist, den man studieren kann an irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens, und man wird manches finden, was einem nicht nur den großen Künstler, den großen Dichter mit den hervorragenden Eigenschaften kundgibt, sondern man wird bald, wenn man sich weiter einlässt, an Goethe den großen Weisen zu beurteilen in der Lage sein, mit dem es einem so geht, dass, wenn man nach Jahren wieder zurückkehrt zu ihm, man immer Neues und Neues in ihm entdecken kann. Wir finden, dass Goethe zu denjenigen Geistern gehört, die unendlich viel in sich enthalten. Und haben wir immer wieder Neues zu unserem eigenen kleinen Weisheitsschatz hinzugelernt und kehren wir dann zu Goethe zurück, so sind wir erstaunt und stehen aufs Neue mit Verwunderung vor dem, was uns vorher verschlossen war, weil uns das Echo fehlte zu dem Reiche, das aus ihm sprach. Und hat ein solcher Mensch sein Innerstes auch noch so weit gebildet, findet er noch so tiefe Weisheit in Goethe, wenn er wieder einige Jahre wartet und sich wieder in seine Schriften vertieft, so wird er sich überzeugen, dass er Neues, Größeres, ja Unendliches in Goethes Werken findet. Nie lernt er an Goethe aus. Dies ist eine Erfahrung, die insbesondere diejenigen machen, welche Vertrauen haben, Glauben haben in die tiefe menschliche Seelenentwicklung.
Es wird gesagt, Goethe habe uns in seinem «Faust» eine Art modernes Evangelium geliefert. Wenn dieser Ausspruch gelten soll, dann hat uns Goethe aber auch neben seinem Evangelium eine Art geheime Offenbarung, eine Art Apokalypse geliefert. Diese Apokalypse ist verborgen in seinen Werken; sie bildet den Schluss der «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter» und wird nur von wenigen gelesen. Immer bin ich gefragt worden, wo denn dieses Märchen in Goethes Werken stehe. Es steht in allen Goethe-Ausgaben und bildet wie gesagt den Schluss der «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter». Goethe hat in diesem Märchen ein Kunstwerk geschaffen von unendlicher Schönheit. Es soll nicht der unmittelbare bildliche Eindruck des Kunstwerkes zerstört werden, wenn ich hier den Versuch mache, eine Interpretation dieses Märchens zu geben. Goethe hat seine vertraulichsten Gedanken und Vorstellungen in das «Märchen» hineingeheimnisst. Er hat zu Eckermann in den letzten Jahren seines Lebens gesagt: Mein lieber Freund, ich will Ihnen etwas sagen, was Ihnen nützlich sein kann, wenn Sie meine Werke betrachten. Meine Werke werden nicht populär werden; es werden Einzelne verstehen, was ich sagen wollte, aber populär werden kann bei meinen Werken nicht eintreten. Das hat er wohl vorzugsweise im Hinblick auf den zweiten Teil des «Faust» gesprochen und damit sagen wollen, dass derjenige, welcher «Faust» genießt, einen unmittelbaren künstlerischen Eindruck haben kann. Wer aber hinter die Geheimnisse, die im «Faust» verborgen liegen, kommt, der wird auch noch sagen können, was hinter diesen Bildern versteckt ist.
Nicht von dem zweiten Teil des «Faust» möchte ich sprechen, sondern von dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie, in welchem Goethe sich noch intimer ausgesprochen hat als in dem zweiten Teil des «Faust». Ich möchte davon sprechen, was Goethe in diese merkwürdigen Bilder hineingeheimnisst hat. Aber auch davon möchte ich sprechen, warum Goethe den bildlichen Ausdruck gebraucht hat, um seine intimsten Gedanken auszudrücken. Beide Fragen werden im Verlauf des Vortrages ihre Beantwortung finden.
Wer das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie versteht, der weiß, dass wir in Goethe einen Theosophen vor uns haben, einen Mystiker. Goethe hat die Weisheit, die Lebensanschauung, welche die Theosophie in populärer Form zu vertreten hat, auch vertreten; und gerade das «Märchen» ist ein vollgültiger Beweis dafür. Nur hat man dazumal, in den Zeiten, als Goethe sich aussprach, nicht wie heute in öffentlichen Vorträgen durch die Macht des Verstandes die höchsten Wahrheiten in Worte zu kleiden versucht; nicht versucht, diese intimsten menschlichen Seelenwahrheiten in derselben Weise vorzutragen. Diejenigen, welche einen Einblick in solche Wahrheiten getan haben, haben sie in bildlicher Form, durch Gleichnisse zum Ausdruck gebracht. Es war eine alte Gepflogenheit, eine Gepflogenheit, welche noch aus dem Mittelalter stammt, dass man zu den höchsten Einsichten nicht in abstrakter Form gelangen kann, sondern dass dazu eine Art von Einleben, eine Art von Einweihung gehört. Und diese Einweihung machte es denjenigen unmöglich, von diesen höheren Wahrheiten zu sprechen, welche spürten, dass eine gewisse Stimmung, eine Art Seelenhauch dazugehört, um solche Wahrheiten fassen zu können; Wahrheiten, welche in der Tat nicht bloß mit dem Verstand wahrgenommen werden können. Eine gewisse Stimmung gehört dazu, und diese Stimmung nenne ich den «Seelenhauch». Die Verstandessprache erschien ihnen persönlich zu nüchtern, zu trocken, um die höchsten Wahrheiten auszudrücken. Außerdem hatten sie noch etwas von der Überzeugung, dass der, welcher solches erlebt, sich erst der Wahrheit würdig machen muss.
Diese Überzeugung hat bewirkt, dass in alten Zeiten, bis etwa zum dritten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung, die Wahrheit über die menschliche Seele und den menschlichen Geist nicht so vorgetragen wurde, dass sie öffentlich preisgegeben werden konnte, sondern derjenige, welcher in den Besitz der höchsten Wahrheiten gelangen sollte, musste erst vorbereitet werden zur Aufnahme dessen, was in den sogenannten Mysterienstätten geboten wurde. Diese Mysterienstätten führten zuletzt alles dasjenige, was sie an Geheimnissen, an Natur- und zyklischen Gesetzen den Mysten überbrachten, als etwas vor, was wir, wenn wir es in trockenen Verstandessätzen ausdrücken, als nüchterne Wahrheit erkennen würden, was aber der Schüler als lebendige Wahrheit erkennen und leben musste. Es handelt sich nämlich nicht darum, Weisheit zu denken, sondern Weisheit zu leben. Es handelt sich nicht bloß darum, die Weisheit mit der Glut des Geistes zu durchdringen, sondern darum, dass der Mensch ein ganz anderer wurde. Er musste vor das Heiligste mit einer gewissen Scheu hintreten; er musste verstehen, dass die Wahrheit etwas Göttliches sei, dass sie durchtränkt sei von göttlichem Weltenblut, dass sie einzieht in unsere Persönlichkeit, dass die göttliche Welt wieder aufleben solle, dass Erkennen dasselbe heißt, was mit dem Wort Entwicklung bezeichnet ist. Das sollte dem Mysten klar gemacht werden, und das sollte er auf der Läuterungsstufe der Mysterien erreichen. Er sollte sich anerziehen die heilige Scheu vor der Wahrheit, er sollte abgezogen werden von dem Haften an dem Sinnlichen, von den Leiden und Freuden des Lebens, von dem, womit uns das Alltagsleben umgibt. Das, was wir notwendig haben, wenn wir uns vom profanen Leben zurückziehen, das Licht des Geistes, das konnte nur empfangen werden, wenn jenes abgelegt war. Wenn wir würdig sind, das Licht des Geistes zu empfangen, dann sind wir andere geworden, dann lieben wir den Geist, dann lieben wir mit ernster Sympathie und Hingabe dasjenige, was wir sonst nur als ein schattenhaftes Dasein, als ein abstrakt Bestehendes erkannt haben: Wir lieben das Geistesleben, das für den gewöhnlichen Menschen nur Gedanke ist. Der Myste aber lernt hinopfern das Selbst, das am Alltäglichen haftet; er lernt die Wahrheit nicht nur denkend durchdringen, er lernt sie durchleben, er lernt sie zu empfangen als göttliche Weisheit, als Theosophie. Goethe hat diese Überzeugung im «West-Östlichen Diwan» ausgesprochen:
Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
Das war es, was die Mysten aller Zeiten angestrebt haben: das Absterben-Lassen des Niederen und das Auferstehen-Lassen dessen, was im Geiste lebt. Das Absterben der sinnlichen Wirklichkeit gering achten, damit der Mensch aufsteigt in das Reich der göttlichen Absichten. Sterben, um zu werden. Wer das nicht hat, der weiß nicht, was für Kräfte in unsere Welt hineinschwingen; der ist nur ein trüber Gast auf unserer Erde. Das hat Goethe im «West-Östlichen Diwan» ausgesprochen und das sucht er auch in aller Anschaulichkeit darzustellen in dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie. Die Verwandlung des Menschen von der einen Stufe des Daseins zu einer höheren Stufe hinauf, das war es, was er als ein Rätsel lösen wollte. Das Rätsel: Wie kann der Mensch, der im Alltäglichen lebt, der nur mit Augen schauen, mit Ohren hören kann, wie kann er es erfassen, dieses «Stirb und Werde»? Das war die Frage der Mystiker aller Zeiten. Diese große Frage nannte man zu allen Zeiten die «spirituelle Alchemie», die Verwandlung des Menschen von der Alltagsseele zu der Geistseele, welche die geistigen Dinge so erfasst wie der gewöhnliche Mensch die irdischen Dinge, den Tisch, den Stuhl und so weiter, und sie für wirklich hält. Wenn diese Alchemie mit dem Menschen vorgegangen war, dann hielten ihn die Mysterienführer für würdig, die höchsten Wahrheiten zu empfangen. Dann führten sie ihn in das Allerheiligste, dann wurde er initiiert, dann wurde er ausgestattet mit den Lehren, die ihn über die Absichten der Natur unterrichten, über die Absichten, die den Weltenplan durchziehen. Eine solche Initiation ist es, die Goethe [im «Märchen»] beschreibt: eine Einweihung des würdigen Menschen in die Mysterien.
Das ergibt sich aus zweierlei Gründen: Erstens war Goethe in seiner Jugend ebenso bemüht, das Geheimnis zu lernen, das man damals das Geheimnis der Alchemie genannt hat. Zwischen seiner Straßburger und Leipziger Studienzeit erkannte er schon, dass es eine geistige Seite der Alchemie gibt, und er wusste, dass die gewöhnliche Alchemie nur ein Zerrbild der geistigen ist. Dass alles dasjenige, was als Alchemie bekannt ist, nur dadurch hat bestehen können, dass die bildlichen Ausdrücke für Wirklichkeiten genommen worden sind. Diese Alchemie des Menschen, welche sich mit den Kräften des inneren Lebens vollzieht, die hat er gemeint. Auch Anweisungen haben die Mysterienführer gegeben, wie diese Alchemie bewirkt werden kann. Da sie indessen diese Umwandlung der inneren menschlichen Kräfte nur gleichnisweise in Bildern beschreiben konnten, so haben sie davon gesprochen, dass ein Stoff in den andern sich verwandelt. In dem, was sie über die Verwandlung der Stoffe gesprochen haben, haben sie das ausgedrückt, was sich im menschlichen Seelenleben auf eine höhere Stufe hinaufentwickelt, was sich in geistiger Weise verwandelt. Dasjenige, was große Geister den am Alltagsleben haftenden Menschen auf geistigem Gebiete gezeigt haben, das haben sie auf die Umwandlung der Stoffe, der gewöhnlichen Stoffe und Metalle in Retorten angewendet und sich bemüht, herauszukriegen, was für ein geheimnisvolles Mittel man gemeint hat, das die Umwandlung des Stoffes bewirkt. Goethe hat in einer Stelle des «Faust» gezeigt, was er von diesen Dingen verstanden hat. Im ersten Teil des «Faust», beim Spaziergang vor dem Tore, weist er genau darauf hin, was Falsches, Unrichtiges, Kleinliches in der zu materialistischen Auffassung der Alchemie liegt. Er spottet über diejenigen, die in grillenhaftem Mühen nach der Entdeckung des Geheimnisses streben und in Gesellschaft von Adepten und nach unendlichen Rezepten das Widrige zusammengießen:
Da ward ein roter Leu, ein kühner Freier, Im lauen Bad der Lilie vermählt, Und beide dann mit off’nem Flammenfeuer Aus einem Brautgemach ins andere gequält.
Das, was Goethe hier verspottet, die Vermählung mit der Lilie, das war es, was er in dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie zeigen wollte. Das Höchste, was der Mensch anstreben kann, das Höchste, in was sich der Mensch verwandeln sollte, das bezeichnet Goethe mit dem Symbol der Lilie. Es ist gleichbedeutend mit dem, was wir höchste Weisheit nennen, sodass das Handeln des Menschen seine Natur durchschaut, wie ein Entwickeltsein eine Ewigkeit geworden ist. Wenn der Mensch auch die urewigen Gesetze befolgt, nach denen wir die urewigen Gesetze des Daseins vollenden müssen, wenn er auch die urewige Entwicklung seiner Freiheit anerkennt, so befindet er sich auf einer Stufe der Entwicklung, so stellt dies eine solche Seelenverfassung dar, eine solche Stufe der Erkenntnis, welche mit dem Symbol der Lilie bezeichnet wird. Mit dieser Lilie, der höchsten der Seelenkräfte, dem höchsten Zustande des Bewusstseins, wo der Mensch frei sein darf, weil er seine Freiheit nicht missbrauchen kann, weil er niemals störend in die Kreisläufe der Freiheit eingreifen kann, diesen Inhalt der Seele, welcher den Mysten in den Mysterien vermittelt wurde, indem sie gereinigt verwandelt wurden, diesen Inhalt bezeichnet man von jeher symbolisch als die Lilie. Als Lilie bezeichnet man gleichzeitig dasjenige, was Spinoza da, wo er sonst nüchtern und mathematisch erscheint, in seiner «Ethik», zum Schluss enthusiastisch, fast poetisch ausdrückt, wenn er sagt, dass der Mensch hinaufgestiegen ist in die höheren Sphären des Daseins, dass er sich durchdringt mit den Gesetzen der Natur. Das bezeichnet Spinoza als das Reich der göttlichen Liebe in der Menschenseele; das Reich, wo der Mensch zu nichts mehr gezwungen wird, sondern wo alles dasjenige, was im Bereich der menschlichen Entwicklung liegt, aus Freiheit und Hingebung, aus voller Liebe geschieht; da wo jeder Zwang, jede Willkür verwandelt wird durch geistige Alchemie, wo alles Handeln einfließt in das Gebiet der Freiheit. Goethe hat jene Liebe bezeichnet als das höchste Freisein, als das Freisein von allen Begierden und Wünschen des alltäglichen Lebens. Er hat gesagt:
In unsers Busens Reine wogt ein Streben
Sich einem Höheren, Reinem, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten
Wir heißen’s: fromm sein! — Solcher seligen Höhe
Fühl’ ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe. Vor ihrem Blick, wie vor der Sonne Walten
Vor ihrem Atem, wie vor Frühlingslüften
Zerschmilzt, so längst sich eisig starr gehalten
Der Selbstsinn tief in winterlichen Grüften
Kein Eigennutz, kein Eigenwille dauert
Vor ihrem Kommen sind sie weggeschauert.
Diese spinozistische Gottesliebe, die er erreichen will durch spirituelle Alchemie, sie ist es, womit der Mensch, der menschliche Wille sich vereinigen soll. Der menschliche Wille, der auf jeder Stufe tätig ist, dieser Wille ist dasjenige, was zu allen Zeiten bezeichnet worden ist als der «Löwe», die Kreatur, in welcher dieser Wille aufs Höchste gespannt ist, in welcher dieser Wille aufs Stärkste auflebt, und so bezeichnet die Mystik den Willen des Menschen als den Löwen.
In den persischen Mysterien gab es sieben Einweihungen. Sie sind wie folgt: Zuerst wurde man Rabe, dann Geheimer, dann ein Streiter, dann ein Löwe. Der fünfte Grad war derjenige, wo der Mensch bereits das Leben von der anderen Seite anschaute, wo der Mensch zum eigentlichen Menschen geboren war. Daher nennt der Perser denjenigen, der den Standpunkt des Löwen überwunden hat, einen «Perser». Ein im fünften Grade Eingeweihter war der Perser, und denjenigen, der es dahin gebracht hatte, dass sein Handeln so ruhig dahinfließt, wie die Sonne ihren Lauf am Himmelsgewölbe vollendet, den nannte der Perser einen «Sonnenläufer». Und denjenigen, der aus unendlicher Liebe die Handlungen vollzieht, den nennt er «dem Grade der Väter angehörig». Der vierte Grad war der, wo der Mensch am Scheideweg stand, wo der Mensch sich herauforganisiert hat durch den physischen Körper, den ätherischen Doppelkörper, welcher der Träger der Lebenskraft ist, und den Astralkörper, der unterworfen ist den Gesetzen des Wünschens, des Begehrens, der Leidenschaften. Diese drei Körper bilden nach der theosophischen Bezeichnung die unteren Grundteile des Menschen, aus ihnen wird der niedere Mensch herausgeboren. Wer eingeweiht ist, wer diese Verbindung durchschaut hat, den bezeichnet der Perser als den «Löwen». Und hier steht der Mensch am Scheideweg. Hier verwandelt sich dasjenige, was ihn zwingt, aus der Natur heraus zu handeln, in eine freie Gabe der Liebe. Wenn er den fünften Grad der Einweihung ersteigt, wenn er sich heraufentwickelt zu dem freien Menschen, der sich gestatten darf, dasjenige, wozu er sonst gezwungen war, aus freier Liebe zu begehen. Diese Verbindung des Löwen mit der freien liebenden Wesenheit, das bezeichnet die Alchemie als das Mysterium der menschlichen Entwicklung. Dieses Mysterium hat Goethe in dem «Märchen>» dargestellt. Er hat zunächst gezeigt, wie dieser Willensmensch dasteht, wie er hineingezogen wird in die physische Welt aus höheren Sphären, aus Sphären, die er selbst nicht kennt. Goethe ist sich bewusst, dass der Mensch seiner geistigen Natur nach aus höheren Sphären abstammt, dass er hinübergeführt wird in diese Welt, die Goethe darstellt als die Welt des stofflichen, sinnlichen Daseins. Diese Welt ist das Land an dem einen Ufer des Stromes. In dem «Märchen» gibt es aber zwei Länder, ein Diesseits des Flusses und ein Jenseits desselben. Aus dem Jenseits derselben führt der unbekannte Fährmann die Menschen hinüber in das Land der Sinnenwelt; und zwischen dem Land der geistigen und der Sinnenwelt befindet sich der Fluss, das Wasser, welches beide Länder scheidet. Goethe hat mit dem Wasser dasselbe bezeichnet, was die Mystiker aller Zeiten damit bezeichnet, symbolisiert haben. Schon in der Genesis ist mit diesem Ausdruck dasselbe gemeint wie bei Goethe. Auch in dem Neuen Testament finden wir diesen Ausdruck. In dem Gespräch zum Beispiel, das Jesus mit Nikodemus führte. Da heißt es: Derjenige, welcher nicht wiedergeboren wird aus dem Wasser und dem Geiste, der kann nicht eingehen in das Reich des Himmels. Den Ausdruck: «aus dem Wasser wiedergeboren» hat Goethe sehr wohl verstanden, und wie er ihn verstanden hat, das sehen wir aus dem «Gesang der Geister über den Wassern»:
Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser,
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind.
Die Welt des Seelischen, die Welt des Begehrens und Wünschens, die Welt der Leidenschaften und Begierden, diese schiebt er hinein zwischen unseren Geist und unsere Sinne. Diese kennen weder Gutes noch Böses, unsere Sinne können nicht irren. Derjenige, welcher sich einlässt in diese Unterscheidungen, weiß, dass, wenn wir die Gesetze der Natur studieren, wir nicht von Gut und Böse sprechen können. Wenn wir die Natur im Tierreich studieren, so werden wir finden, dass wir von verderblichen und nützlichen Tieren sprechen können, aber nicht von guten und bösen. Erst dadurch, dass der Mensch eintaucht in das Wasser, in die seelische Welt, erst dadurch wird er fähig des Guten und Bösen. Diese Welt, die sich hineinlegt zwischen das Geistige und das Sinnliche, das ist der Fluss, über den der Geist hinüberkommt aus unbekannten Sphären. Herübergekommen über den Fluss ist des Menschen Innerstes, sein eigentlicher geistiger Kern, herübergekommen über den Fluss der Leidenschaften und Begierden. Und er ist, wenn er eine weitere Entwicklung nicht durchmacht, wie ein Irrlicht. Dieser Mensch, welcher unterworfen ist den Gesetzen, die in ihm leben, wenn er herübergekommen ist über den Fluss, aber noch nicht den göttlichen Funken empfangen hat, um ihn hinüberzubringen in die andere Welt; er wird daher abgesetzt von dem Fährmann, welcher die Menschen herüberbringt von dem jenseitigen Ufer über den Fluss in das Diesseits. Niemand kann hinübergeführt werden von dem Fährmann, aber jeder kann herübergebracht werden. Wir fühlen uns herübergebracht ohne unser Zutun, durch die Kräfte, die unter unserem Bewusstsein liegen, die unserem Tun, unserem Handeln vorangehen. Durch solche Kräfte fühlen wir uns hineingestellt in die Welt der Sinne, in das Diesseits. Der Fährmann, der uns herübergebracht hat aus dem jenseitigen Geistesleben, hat uns hineingesetzt in diese Welt und kann uns nicht mehr zurückbringen in jenes Land, das wir erreichen müssen, das Land der schönen Lilie. [Der Fährmann ist folglich die Kraft, durch welche man unbewusst in die Sinnenwelt kommt.]
Die Irrlichter wollen dem Fährmann den schuldigen Tribut mit Gold bezahlen. Er verlangt aber Früchte der Erde, die sie nicht haben; sie haben nur Gold. Er aber will nicht mit Gold bezahlt sein. Goldstücke, sagt er, sind dem Fluss verderblich. Der Fluss kann solches Gold nicht leiden, das heißt, Weisheit kann man nur mit Früchten der Erde bezahlen. Das ist eine tiefe Weisheit. Das Gold bedeutet die im Menschen lebende Kraft der Weisheit. Diese im Menschen lebende Kraft der Weisheit ist seine Führerin durch das Leben. Diese Kraft der Weisheit macht sich geltend, wenn der Mensch sich in die Sinnlichkeit versetzt fühlt, als die Kraft seines Wissens, seines Verstandes. Diese Weisheit aber ist nicht dasjenige, was den Menschen zur Entwicklung bringt; diese ist es gerade, die ihn selbstsüchtig, egoistisch macht, wenn sie sich mit der menschlichen Natur vereinigt. Würde sie sich vereinigen mit dem, was im Strom dahinfließt, diese Verstandeskraft, dieses Wissen, dann würde die Leidenschaft ungeheure Wellen aufwerfen; denn überall da, wo der Mensch nicht seine Weisheit in den Dienst der Selbstlosigkeit stellt und sie einfach hineinwirft, seinen Leidenschaften frönt, da wirft der Strom wilde Wellen auf. Es ist unmöglich, dass man dem Strom Genüge leisten kann mit dem Gold, mit der Weisheit. Er weist also die Weisheit zurück, die noch nicht durch die Selbstlosigkeit hindurchgegangen ist. Er weist sie zurück in die Schluchten, wo die tiefe Finsternis der Erde, wo die tiefen Klüfte sind. Dort vergräbt er sie. Wir werden gleich hören, warum er sie vergräbt. Der Fährmann verlangt also drei Kohlköpfe, drei Artischocken, drei Zwiebeln; er verlangt also Früchte der Erde.
Wodurch kann der Mensch seine Entwicklung erreichen? Dadurch, dass er die unteren Triebkräfte seiner Natur veredelt, dadurch, dass er dasjenige, was als sinnliche Natur in ihm lebt, läutert, dass er das hineinwirft in den Strom und damit den Strom der Leidenschaften nährt. Das ist dasjenige, was Schiller in den Ästhetischen Briefen so schön ausgesprochen hat: Nur derjenige versteht frei zu sein, der seine niedere Natur frei gemacht hat. Wenn die äußere Natur, die sinnliche Natur so veredelt ist, so von unten heraufgewachsen ist, dass sie selbst das Gute, das Schöne anstrebt, weil die Leidenschaft sie nicht mehr beirren kann, weil die äußere sinnliche Natur sie nicht mehr zu verführen vermag; wenn wir die Weisheit nicht mehr hineinwerfen, sondern mit Früchten der Erde unsere Leidenschaften bezahlen, sodass unsere Sinnlichkeit selbst von ihnen aufgenommen wird, wie die Früchte der Erde von dem Strom aufgenommen werden sollen, dann haben wir den untersten Grad der Einweihung erreicht. Das ist ausgedrückt in den Worten [des Fährmanns]:
Ihr müsst wissen, dass man mich nur mit Früchten der Erde bezahlen kann.
Nun gehen die Irrlichter weiter in dem Diesseits, das heißt, der Mensch sucht seinen Lebensweg weiter zu verfolgen. In dem Diesseits findet er die grüne Schlange, das Symbol des menschlichen Strebens, der menschlichen Erkenntnis. Diese Schlange hat vorher ein sonderbares Erlebnis gehabt. Der Fährmann hat vorher die Goldstücke den Strom heruntergefahren und hat sie verborgen in den Klüften der Erde. Hier hat die Schlange sie gefunden. Diejenige Weisheit, die den Menschen vorwärtsbringt, ist heute noch ein verborgenes Gut, in Mysterien eingehüllt. Das wollte Goethe sagen. Daher musste der Mensch, welcher die Weisheit finden wollte, sie fern von aller menschlichen Selbstsucht suchen. Dann, wenn der Mensch sich würdig gemacht hat, sie zu empfangen, dann ist sie am Platze. Das Symbol des menschlichen Erkenntnisstrebens, die Schlange, durchdringt sich mit dem Golde. Diese selbst durchdringt sich ganz mit der Weisheit und wird nun leuchtend. So begehrt die Schlange von den Irrlichtern das, was bei dem selbstsüchtigen Menschen Veranlassung zu Stolz gibt, das, womit der dann um sich wirft und prunkt. Dieses menschliche Wissen, das im Dienste des Egoismus verderblich ist, dieses wird erreicht, wenn der Mensch, wie die Schlange, demütig am Boden dahinkriecht und sich bemüht, Stück für Stück der Wirklichkeit zu erkennen. Es kann nicht empfangen werden, wenn der Mensch stolz und aufrecht dasteht, sondern nur dann, wenn er, waagrecht wie die Schlange, horizontal am Boden haftend in Demut lebt. Da ist das Gold der Weisheit am Platze, da vermag sich der Mensch mit der Weisheit zu durchdringen. Deshalb nennen die Irrlichter die Schlange auch ihre Verwandte, indem sie sagen:
freilich sind wir nur von Seiten des Scheins verwandt
— und ja, sie sind verwandt, verwandt ist die Schlange mit den Irrlichtern, verwandt ist die Weisheit, die sich in den Dienst der Selbstsucht stellt, mit der Weisheit, die sich in Demut zur Verfügung stellt.
Nun wird uns im «Märchen» weiter erzählt, dass die Schlange unten war in den Klüften der Erde und dass sie da etwas von menschlichen Gebilden gefunden habe. Die Schlange war in einem Tempel. Das ist nichts anderes als das Symbol des Mysterientempels aller Zeiten. Dieser verborgene Tempel, der in den Klüften unter der Erde war, das ist das Symbol der Einweihungsstätte, der Stätte der Initiation. Hier in diesem Tempel hat die Schlange die drei großen Initiationspriester gesehen, jene Priester, welche begabt sind mit den drei höchsten Kräften der menschlichen Natur. Die Theosophie nennt sie Atma, Budhi, Manas. Goethe nennt das, was die Theosophie mit Atma, Budhi, Manas bezeichnet, den König der Weisheit, den König der Schönheit und den König der Stärke oder den König des Willens. Mit diesen drei Grundkräften der Seele, mit welchen die menschliche Seele initiiert werden muss, wurde der Geist in den Mysterienstätten vereinigt. Diesen Hergang stellt Goethe in dem «Märchen» dar. Hier unten, in den Hallen der Erde, ist die Schlange, die von innen leuchten wird, weil sie das Gold der Weisheit aufgenommen. Und weil sie es in Demut aufgenommen hat, deshalb wird sie erleuchtet von innen. Der Alte mit der Lampe ist eine andere Figur. Was stellt sie uns dar? Die Lampe des Alten hat die Eigenschaft, dass sie nur leuchtet, wenn schon anderes Licht vorhanden ist. Weil die Schlange leuchtet, das Innere des Mysterientempels erleuchtet mit dem aus ihr selbst erstrahlenden Licht, deshalb kann hier auch das Licht des Alten leuchten. Goethe drückt diesen Gedanken an anderer Stelle mit den Worten aus:
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?
Hier sagt er in Worten der Poesie, was er im «Märchen» im Bilde ausdrückt. Die Erkenntnis, die wir in der Theosophie die okkulte Erkenntnis nennen, ist dargestellt in dem Alten mit der Lampe. Niemandem erscheint das Licht, der sich nicht wirklich für dessen Aufnahme vorbereitet hat. Niemandem erscheint es, der sich nicht hinaufgearbeitet hat auf jene höhere Stufe der Entwicklung, sodass sein Selbst, seine selbstlose Natur aus dem Innern heraus leuchtet, Licht dem Licht entgegenbringt. Wenn diese zwei Lichter, das intuitive und das Licht, das aus dem Persönlichen herauskommt, einander entgegenleuchten, dann geben sie das, was der Mensch erlebt in seiner Verwandlung als spirituelle Alchemie, dann wird der Raum um ihn Licht, dann lernt er erkennen, was höchste Geisteskräfte sind, die Gaben der drei Könige: Weisheit, Schönheit und Stärke. Die Gabe des goldenen Königs ist die Weisheit, die Gabe des silbernen Königs ist die Schönheit, die Frömmigkeit, die Gabe des ehernen Königs ist die Stärke, die Willenskraft. Den innersten Kräften nach kann der Mensch sich dann erst selbst verstehen, wenn das Licht entgegenkommt, dem Licht der Lampe, das nur leuchten kann, wo schon Licht vorhanden ist. Dann erscheinen die drei Könige in ihrem Glanz, und zugleich wird die Bedeutung des vierten Königs klar, jenes Königs, der zusammengesetzt ist aus den Metallen der drei anderen Könige. Er ist ein Symbol der niederen Natur, in welcher ungeordnet und unharmonisch wie in einem Chaos die edlen Kräfte Weisheit, Schönheit und Stärke zusammenwirken. Diese drei Kräfte, die in der hoch entwickelten Seele leben, sie sind auch in der niederen Natur vorhanden, aber chaotisch, unharmonisch. Dieser vierte König ist das Reich der jetzigen Welt, die chaotische Vermischung von Weisheit, Schönheit und Stärke. Die Seelenkräfte, die nur im harmonischen Zusammenwirken das Höchste erreichen können, sie wirken im gegenwärtigen Zeitalter chaotisch aufeinander ein. Es ertönt im Initiationstempel die Stimme:
Er wird sich setzen.
Die chaotische Vermischung wird verschwunden sein, wenn dasjenige herbeigeführt sein wird, was Goethe so heiß ersehnt: dass der Tempel nicht mehr im Verborgenen steht, sondern im vollen Tageslichte sich erheben wird, dass der Tempel heraufgestiegen sein wird aus der Tiefe und allen Menschen als Initiationstempel dienen kann; dass eine Brücke, auf der alle Menschen hinüber und herüber können, vorhanden sein wird. Das ist jene Zeit, wo alle Menschen sich würdig gemacht haben werden, die höchste Weisheit, die höchste Frömmigkeit und den höchsten Willen auf sich wirken zu lassen. Dann wird er diese Aufgabe erfüllt haben: Der Tempel wird sich erhoben haben über den Fluss der Leidenschaften. Diese leidenschaftlichen Kräfte werden dann so rein und edel sein, dass das höchste Geistige sich im Tempel am hellen Tageslichte aus dem Strom der Begierden und Leidenschaften wird erheben können. Daher ist es notwendig, dass die Menschheit erfüllt werde von dem «Stirb und Werde», das Goethe im «West-Östlichen Divan» so klar gezeichnet hat.
Goethe wurde wiederholt gefragt, welches die Lösung des Rätsels sei, da sagte er: Was die Lösung des Rätsels ist, steht im «Märchen» selbst darin, aber nicht in einem Wort. Es findet sich dies an der Stelle, wo wir bei einem Gespräch im unterirdischen Tempel vernehmen, dass die Schlange dem Alten etwas ins Ohr sagt, das wir nicht hören und womit Goethe es als ein vertrauliches Geheimnis andeutet. Dieses nicht Ausgesprochene, das ist die Lösung. Die Lösung liegt nicht in etwas, was man mit Worten ausdrücken kann, sondern in einem innerlichen Entschluss. Das hat Goethe ebenfalls im «Märchen» selbst angedeutet. Die Schlange hat ganz sachlich gesagt: Ich will mich hinopfern, ich will mein Selbst durch Selbstlosigkeit läutern. Das ist gerade dasjenige, was als die tiefste Lösung des Rätselmärchens gelten muss. Eine Tat ist es, nicht eine Lehre. Bisher konnte man über den Fluss nur auf zweifache Weise kommen: entweder um die Mittagsstunde, wo sich die grüne Schlange über den Fluss legt und eine Brücke bildet, sodass man also in der Mittagsstunde über den Fluss hinüber konnte, das heißt, dass es im jetzigen Zeitalter für den Menschen Augenblicke gibt, wo die Sonne für ihn im Mittag steht, wo er reif ist, sich dem höheren geistigen Lichte hinzugeben. Immer und immer wieder wird er aber aus diesem Mittagsaugenblicke des Lebens hinabgezogen in die niedere, von Leidenschaften durchwühlte Welt. In solchen Mittagsaugenblicken können Auserlesene des Geistes hinüberkommen von dem Ufer des Sinnenlebens zum Ufer des Geistes.
Aber noch auf einem anderen Wege ist die Übersetzung über den Fluss möglich, und zwar des Abends, wenn der Schatten des großen Riesen sich über den Fluss hinüberlegt. Auch der Schatten des großen Riesen kann eine Brücke über den Fluss bilden, aber nur in der Dämmerungsstunde. Dieser Schatten des großen Riesen, was ist er? Goethe hat mit seinem vertrauten Freunde eingehender und tiefer über die Kräfte gesprochen, die er im «Märchen» symbolisch angedeutet hat. Als Schiller einmal eine Reise nach Frankfurt am Main machen wollte und in Gefahr war, in die Händel jener Zeit vermischt zu werden, da schrieb Goethe an Schiller: Ich bin sehr froh, dass Sie nicht hergekommen sind nach dem Westen, denn der Schatten des Riesen hätte Sie unsanft anfassen können. Die Bedeutung des Riesen spricht sich aber auch deutlich in dem Märchen selber aus. Der Riese, der schwach ist, vermag nichts. Nur sein Schatten kann die Brücke nach dem jenseitigen Ufer bilden. Dieser Riese ist die rohe [mechanische] Naturgewalt. Ihr Schatten vermag da, wo das Licht nicht mehr so hell scheint, wo das Licht nicht mehr täuscht, den Menschen der rohen Leidenschaften über den Fluss hinüberzuführen. Das sind diejenigen Menschen, die beim Auslöschen ihres klaren Tagesbewusstseins in den verschiedenen Seelenzuständen, in Trance, in Somnambulzuständen, im Zustand psychischen Schauens und so weiter, hinüberzukommen suchen in das Land des Geistes. So war auch das Tagesbewusstsein ausgelöscht in dem wilden tobenden Handeln, durch welches die Menschen jener Zeit in das Reich der Freiheit dringen wollten. Die Menschen wollten das Land der schönen Lilie erringen. Der Schatten des Riesen aber kann nur hinüber. Nur unsicher, in der Dämmerung des Bewusstseins, kann der Mensch die Leidenschaften überwinden, das heißt übertäuben, wenn er in fast bewusstlosem Zustande sich befindet, wenn er nicht im hellen Tagesbewusstsein lebt.
Das sind die zwei Wege, die nach dem jenseitigen Ufer hinüberführen: in feierlichen Augenblicken der Mittagsstunde die Schlange, und in der Dämmerung des Bewusstseins, in Trance und so weiter, der Schatten des Riesen. Eines aber soll hier erstrebt werden: Die Schlange soll sich völlig hinopfern, sie soll sich nicht bloß am Mittag über den Fluss der Leidenschaften neigen, sie soll an jeder Tagesstunde als Brücke von dem einen Ufer zum andern hinführen, sodass nicht nur einige hinüberzuwandern in der Lage sind, sondern dass alle Menschen mit Leichtigkeit hin und zurück kommen können. Diesen Entschluss hat die Schlange, diesen Entschluss hat Goethe gefasst. Goethe weist hin auf ein Zeitalter der Selbstlosigkeit, wo der Mensch seine Kraft nicht in den Dienst des niederen Selbst, sondern in den Dienst der Selbstlosigkeit stellt, keinen eigenen Nutzen begehrt.
Kein Eigennutz, kein Eigenwille dauert,
Vor ihrem Kommen sind sie weggeschauert.
Mit diesem Grundgedanken des «Märchen» stehen noch einige Nebengedanken in Verbindung. Nicht auf alle kann ich heute eingehen, nur einzelne will ich noch kurz berühren.
Da finden wir die Gemahlin des Alten mit der Lampe, die vermählt ist mit dem Repräsentanten der menschlichen — okkulten — Erkenntnis. Sie hütet das Haus des Alten. Zu ihr sind die Irrlichter gekommen. Diese Irrlichter haben alles Gold, das an der Wand war, herabgeleckt, und sie haben das Gold, wodurch sie sich selbst bereichert haben, gleich wieder von sich gegeben, sodass der lebendige Mops, der das Gold auffraß, den Tod erleiden musste. Die Alte ist die Verstandeskraft, welche das Nützliche hervorbringt. Nur wenn sich die okkulte Kraft vermählt mit dem, was an der materiellen Kultur haftet, wenn sich das Höchste mit dem Niedrigsten in der Welt vermählt, nur dann kann die Welt ihren Entwicklungsgang nehmen. Nicht hinweggeführt wird der Mensch werden von dem Alltagsleben, sondern läutern wird er die Alltagskultur.
Der Mensch ist umgeben in der Welt, in seiner Wohnung, von demjenigen, was an den Wänden als Gold hängt. Alles dasjenige, was ihn umgibt, das ist ebenfalls das Gold. Was umgibt ihn also? Auf der einen Seite ist es der Erkenntnismensch, auf der anderen Seite der Nützlichkeitsmensch. Es umgibt ihn die gesamte Erfahrung des menschlichen Geschlechtes. Alles, was gesammelt worden ist als Erfahrung der Menschheit, ist aufgetürmt in der menschlichen Wissenschaft. Diejenigen, welche nach ihr streben, suchen dasjenige, was aufgezeichnet ist in den Schriften. Da lecken sie gleichsam die historische Weisheit heraus. Das ist dasjenige, was den Menschen in seinem Streben umgibt; es ist dasjenige, womit sich der Mensch ganz durchdringen wird. Sie ist aber unbrauchbar für dasjenige, was leben soll. Der lebendige Mops verschlingt das Gold und stirbt davon. Die Weisheit, die nur als tote Bücherweisheit herrscht, nicht durch den Geist lebendig gemacht worden ist, sie tötet alles Lebendige. Nur wenn sie wieder vereinigt ist mit dem Ursprunge der Weisheit, mit der schönen Lilie, dann erwacht sie wieder zum Leben. Daher gibt der Alte seiner Frau den toten Mops mit, um ihn zu der schönen Lilie zu bringen. Die Lampe hat eine eigentümliche Eigenschaft: [Tote Tiere werden durch sie in Edelsteine verwandelt], alles Tote wird durch sie lebendig; was lebendig ist, wird durch sie geklärt zum Kristall, helle, durchsichtig. Diese Verwandlung wird im Menschen bewirkt durch die Erkenntnis, das heißt durch die okkulte Erkenntnis.
Außerdem wird die Alte von den Irrlichtern angehalten, ihre Schulden dem Fährmann zu bezahlen. Diese drei Früchte sind des Menschen Nützlichkeitsrepräsentanten, die Repräsentanten der materiellen Kultur. Die materielle Kultur soll diesen Tribut bezahlen an die Leidenschaft. Woher können denn sonst die eigentlichen Triebkräfte der unteren Natur kommen, als eben von der Technik, der Pflege der materiellen Kultur? Interessant ist es, dass der Schatten des Riesen, der eben aus dem Flusse steigt, etwas von den Früchten der Erde wegnimmt, sodass die Alte statt drei nur zwei von jeder Frucht hat. Sie sollte aber drei haben für den Fährmann und muss sich daher dem Flusse verbürgen. Hier tritt etwas ein, was sehr bedeutungsvoll ist: Sie muss die Hand in den Fluss eintauchen, wodurch sie schwarz wird, sodass man sie fast nicht mehr sieht; sie ist zwar noch vorhanden, aber fast unsichtbar. Das zeigt uns den Zusammenhang zwischen der äußeren Kultur und der Welt des Flusses, der Welt der Leidenschaften. Die materielle Kultur muss in den Dienst des Astralen, des Seelischen gestellt werden. Solange die menschliche Natur nicht so veredelt ist, dass sie als Tribut hingegeben werden kann dem Strome der Leidenschaften, so lange ist die Technik dem menschlichen Flusse verschuldet. Unsichtbar wird das menschliche Streben, indem es in den Dienst der menschlichen Leidenschaften gestellt ist, unsichtbar arbeitet der Mensch an etwas, das man in seinem Endziel nicht sehen kann. Unsichtbar ist es, aber vorhanden; fühlbar, aber nicht äußerlich sichtbar. Alles, was der Mensch leistet auf dem Wege zu dem großen Ziele hin, bis er abgetragen hat seine Schuld an den Fluss des Seelischen, alles, was er hineinwerfen muss in die Welt der Leidenschaften, das nimmt sich aus wie die unsichtbare Hand der Gemahlin des Alten mit der Lampe. Solange die sinnliche Natur nicht völlig geläutert, gleichsam durch das Feuer der Leidenschaft verzehrt ist, so lange glänzt sie nicht, so lange ist sie unsichtbar. Das ist es, was die Alte so aufregt: Sie gibt keinen Schein mehr von sich. In allen Einzelheiten könnte man dieses noch ausführen. Jedes Wort ist bedeutungsvoll, doch es würde für heute zu weit führen.
So lassen Sie uns eilen zu dem großen Zuge, wobei uns ein Jüngling entgegentritt, der allzu früh versucht hat, die schöne Lilie zu umfangen, und dadurch an seiner ganzen lebendigen Kraft gelähmt wird. Goethe sagt an anderer Stelle: Wer nach Freiheit strebt, ohne sein inneres Selbst schon frei gemacht zu haben, der verfällt noch mehr in die Schlinge der Notwendigkeit. Wer sich nicht frei gemacht hat, wird getötet. Nur wer vorbereitet, geläutert ist, wie in den Mysterien, wer in dem Mysterientempel die Läuterung durchgemacht hat, sodass er sich in würdiger Weise mit der Lilie vermählen kann, der wird nicht getötet. Wer abgestorben ist dem Niederen, um in höherem Sinne wiedergeboren zu werden, der kann die Lilie umfassen. Die Gegenwart wird uns dargestellt durch den gelähmten Jüngling, der im Sturm das Höchste erringen wollte. Nun klagte er allen, die ihm begegneten, dass er die Lilie nicht umfassen kann. Nun soll er reif gemacht werden, zu welchem Zweck sich alle Kräfte des Menschen vereinigen müssen, die in den Teilnehmern an dem Zuge symbolisiert werden. Der Zug besteht aus dem Alten mit der Lampe, den Irrlichtern und der Lilie selbst. AIl die schönen einzelnen Kräfte umfasst also dieser Zug, der hinuntergeführt wird in die Klüfte der Erde zu dem Initiationstempel. Ja, auch dieses ist ein tiefer Zug des Rätselmärchens, dass er die Irrlichter die Pforte des Tempels aufschließen lässt. Die selbstsüchtige Weisheit ist nicht zwecklos; sie ist ein notwendiges Durchgangsstadium. Der menschliche Egoismus kann dadurch überwunden werden, dass er sich selbst von Weisheit nährt, dass er sich durchdringt mit dem Golde echter Erkenntnis. Dann kann diese Weisheit zum Aufschließen dieses Tempels dienen. Diejenigen, welche unbewusst der Weisheit im äußeren Selbst dienen, die werden hingeführt zu den eigentlichen Weisheitsstätten. Die Gelehrten, welche nur in Büchern kramen, sie sind dort die Führer. Nicht unterschätzt hat Goethe die Wissenschaft; er hat gewusst, dass die Wissenschaft es ist, die aufschließt den Tempel der Weisheit; er hat gewusst, dass man dies prüfen, alles in reiner Erkenntnis beurteilen und aufnehmen muss, und dass man ohne dies nicht eindringen kann in die Tempel der höchsten Weisheit. Goethe hat diese Weisheit überall gesucht. Er hat sich würdig erachtet, in der Kunst das Höchste im Geistesleben zu erkennen, als er durch die Wissenschaft hindurchgegangen war. In der Physik, in der Biologie, überall hat er Erkenntnis gesucht. Und so lässt er auch in den Initiationstempel diejenigen treten, die Irrlichter sind, die auf sich selbst gestützt in einer falschen aufrechten Lage sich gegenüberstellen demjenigen, der doch durch Erfahrung beobachtet hat und hineinkriechen kann wie die Schlange. Sie bewirken den Aufschluss des Tempels, und der Zug begibt sich nun hinein in den Tempel.
Jetzt erfolgt etwas, was Goethe für die ganze Menschheit ersehnt hat: Der ganze Tempel bewegt sich aus den Klüften der Erde hinauf. Über dem Fluss des Seelischen, über dem Fluss der Leidenschaften und Begierden kann der Tempel nur errichtet werden, weil die Schlange zerfallen ist in Edelsteine, welche die Pfeiler bilden für eine Brücke. Und nun können sich die Menschen von der sinnlichen Welt frei in die geistige und von der geistigen frei in die sinnliche Welt bewegen. Die Vermählung des sinnlichen Menschen mit dem Geistigen ist durch den selbstlos gewordenen Menschen, durch das Hinopfern des Selbst der Schlange erreicht, die sich als Brücke über den Fluss wölbt. Der Tempel erhebt sich also aus den Klüften der Erde und ist zugänglich allen, die über die Brücke gehen, zugänglich denjenigen mit alltäglichem Gefährt als auch den Fußgängern.
Im Tempel selbst sehen wir wieder die drei Könige. Der Jüngling, der geläutert ist, weil er die drei Seelenkräfte erkannt hat, wird begabt mit diesen drei Seelenkräften. Der goldene König tritt zu ihm hin und spricht:
Erkenne das Höchste;
Der silberne König tritt zu ihm hin und spricht:
Weide die Schafe.
Damit hat Goethe einen Gedanken ausgesprochen, der ihm tief in der Seele lag, nämlich die Vereinigung der Schönheit mit der Frömmigkeit. Es ist die [Aufforderung], die in der Bibel ist. Er richtet diese Worte an den Jüngling in dem Sinne, den er zum Ausdruck brachte, als er in Rom die griechischen Gottheiten abgebildet sah und sagte:
Da ist Notwendigkeit, da ist Gott
und:
Ich habe eine Vermutung, dass sie [die großen Künstler der Griechen] nach eben den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur verfährt und denen ich auf der Spur bin.
Es ist dies eine persönliche Note Goethes, wenn er den silbernen König als die Schönheit und Frömmigkeit auftreten lässt. Und dann tritt der König der Stärke zu ihm hin und spricht:
Das Schwert an der Linken, die Rechte frei.
Nicht dem Angriff, sondern dem Schutz sollte das Schwert dienen. Die Harmonie soll herbeigeführt werden und nicht der Streit. Nach diesem Vorgang ist der Jüngling initiiert mit den drei Seelenkräften. Der vierte König aber hat nichts mehr zu sagen; er [sinkt] in sich selbst zusammen. Der Tempel ist hinaufgestiegen aus der Verborgenheit in das helle Tageslicht. In dem Tempel erhebt sich ein kleiner silberner Tempel, dieser ist nichts anderes als die verwandelte Hütte des Fährmanns. Es ist ein bedeutsamer Zug, dass Goethe die Hütte des Fährmanns als desjenigen, der uns herüberbringt [aus dem] Land des Geistes, sich in lauteres, getriebenes Silber verwandeln lässt, sodass sie selbst zu einem kleinen Altar, einem kleinen Tempel, zu einem Allerheiligsten geworden ist. Diese Hütte, welche dasjenige darstellt, was im Menschen das Heiligste ist, sein tiefster Wesenskern, den er sich bewahrt hat als eine Erinnerung an das Land, aus dem er stammt, von welchem er gekommen ist und zu dem ihn der Fährmann nicht wieder zurückbringen kann. Sie [die Hütte] stellt dasjenige dar, was vor unserer Entwicklung war; sie ist die Erinnerung, dass wir vom Geiste abstammen. Diese Erinnerung steht als Allerheiligstes im Tempel, in seinem Heiligtum.
Der Riese, jene rohe Naturkraft, die in der Natur lebt, Geist, welcher nicht wirken konnte durch sich selbst, sondern nur als Schatten, er hat eine merkwürdige Mission erhalten. Dieser Riese steht aufrecht und zeigt nur noch die Stunde an. Wenn der Mensch alles abgelegt hat, was seiner niederen Natur angehört, wenn er sich ganz vergeistigt haben wird, dann wird die rohe, niedere Naturkraft nicht mehr in ihrer ursprünglichen elementaren Gewalt als Sturm der um den Menschen herum lebenden Naturkraft auftreten. Diese mechanische, rohe Naturkraft wird nur noch die mechanischen Dienste leisten. Immer wird der Mensch diese mechanischen Naturkräfte nötig haben, sie werden ihn aber nicht mehr bezwingen, sondern er wird ihnen ihren Dienst anweisen. Seine Arbeit wird der Stundenzeiger der geistigen Kultur sein, der die mechanische Notwendigkeit regelmäßig, wie eine Uhr bei ihrem Ablaufen, anzeigt. Der Riese selbst aber wird nicht mehr notwendig sein.
Nicht pedantisch, indem wir jedes einzelne Wort besprechen, dürfen wir die Interpretation des Märchens aufnehmen, sondern wir müssen uns einfühlen in das, was Goethe sagen wollte und in seinen Bildern zum Ausdruck gebracht hat. Goethe hat das, was Schiller in seinen «Ästhetischen Briefen» zum Ausdruck gebracht hat: die Vermählung der Notwendigkeit mit der Freiheit, in seinem «Märchen» behandelt. Das, was Schiller in seinen Briefen zum Ausdruck zu bringen vermochte, hat Goethe nicht in abstrakte Gedanken fassen können, sondern in Märchenform gegeben. Wenn ich diese Gedanken zum Ausdruck bringen will in ihrer ganzen Lebendigkeit, dann brauche ich Bilder; Bilder, wie sie die alten Initiationspriester in den Mysterien brauchten. Nicht dadurch lehrte es der Initiationspriester, dass er seine Schüler mit abstrakten Handlungen unterwiesen hat, sondern indem er ihnen das heilige Dionysosdrama vorführte, indem er ihnen zeigte den großen Entwicklungsgang des Menschen und den wieder auferstehenden Dionysos, wie er auch zeigte dasjenige, was unsichtbar im Dionysosdrama oder im Osirisdrama vor sich ging. So wollte auch Goethe das aussprechen, was in ihm lebte, in seinem Drama in Bildern. Nicht wie gewöhnlich wollen wir also Goethes Märchen interpretieren, sondern wir wollen es so auffassen, wie die Theosophie diesen Vorgang erklärt, nämlich die Vermählung der niederen Natur des Menschen mit der höheren, als die Vermählung des physischen und ätherischen Körpers, der Lebenskraft und der Leidenschaften und Begierden mit der höheren Natur des Menschen, den drei reinen geistigen Seelenkräften, nämlich Atma, Budhi, Manas, die als die drei Könige dargestellt werden.
Das ist die Entwicklung des Menschen, die in das Zeitalter hineinreicht, wo jeder Mensch wird ein Initiierter sein können. Das hat Goethe versucht, in wahrhaft theosophischer Weise zum Ausdruck zu bringen. Wie jene Mysterienpriester ihre Weisheit in Bildern aussprachen, so hat auch Goethe in seiner Apokalypse in Bildern ausgesprochen das, was die menschliche Entwicklung darstellt, die einstmals die höchste Tat des Menschen sein wird: die Verwandlung der niederen Natur des Menschen in die höhere, die Verwandlung der niederen Metalle, der niederen Seelenkräfte in das Gold der Weisheit; die Verwandlung dessen, was in Absonderung lebt, in das reine edle Metall der Weisheit, dargestellt durch den König, der im Golde verkörpert ist. Diese menschliche Alchemie, diese spirituelle Verwandlung wollte Goethe in einer etwas anderen Weise aussprechen als in seinem «Faust». Er wollte in etwas anderer Form das aussprechen, was er in den zweiten Teil des «Faust» hineingeheimnisst hat. Goethe war im echten Sinne ein Theosoph. Er hatte begriffen, was es heißt, dass alles, was vergänglich ist, was in unseren Sinnen lebt, nur ein Gleichnis ist. Er hat aber auch begriffen, dass das, was der Mensch versucht und erstrebt, zu beschreiben unmöglich ist, dass es aber durch eine Tat erreicht wird; dass das Unzulängliche dasjenige ist, was uns am diesseitigen Ufer hält, dass es ein Ereignis werden muss, wenn der Sinn der menschlichen Entwicklung erfüllt werden soll. Deshalb hat er im «Chorus mysticus» dieses Geheimnis ebenfalls ausgedrückt und seinen zweiten Teil des «Faust» damit beschlossen. Das ist die höchste Lebenskraft des Menschen, sinnbildlich dargestellt in der schönen Lilie, mit der sich das männliche Prinzip, die Kraft des Willens, vereinigt. Das drückt er in den schönen Schlussworten des zweiten Teils seines «Faust» aus. Diese Verse sind sein mystisches Glaubensbekenntnis, und man versteht dieselben erst vollständig, wenn man sein intimeres Leben sich ausleben gesehen hat in dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie. Als er dazu übergegangen war, schon von der Wende des 18. Jahrhunderts an hat er an dem zweiten Teil des «Faust» gearbeitet, in der Zeit, wo sich seine Natur[anschauung] verwandelt hat zum Anschauen einer höheren Welt. Es hat die tiefste Bedeutung, wenn wir verstehen können die Worte Goethes in seinem Testamente, in seinem zweiten Teil des «Faust». Als er vollendet hatte seine irdische Laufbahn, gestorben war, da fand man jenen zweiten Teil eingesiegelt in seinem Schreibtische. Dieses Buch vermachte er als ein Evangelium der Welt wie ein Testament. Und dieses Testament schließt mit seinem mystischen Bekenntnis:
Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.