Goethe and the Present
GA 68c — 22 April 1904, Munich
XI. Goethe als Theosoph
Bericht in der «Allgemeinen Zeitung München» vom 3. Mai 1904
Goethe als Theosoph. Am 22. April hielt der bekannte Goethe-Forscher und philosophische Schriftsteller Dr. Rudolf Steiner aus Berlin, früher Beamter des GoetheSchiller-Archivs in Weimar, im großen Saale des Wittelsbacher-Garten einen längeren Vortrag über das Thema «Goethe als Theosoph», den Schriftsteller Ludwig Deinhard mit einer kurzen Ansprache einleitete. Letzterer wies unter anderem auf die früheren Arbeiten von Dr. Rafael v. Köber und Prof. Seiling über Goethes Stellung zur Unsterblichkeitsfrage und zum Okkultismus hin. Dr. Rud. Steiner stellte zunächst fest, dass er in seinem Vortrage sich lediglich auf Goethes Verhältnis zur Theosophie, ohne dessen Stellung zum Okkultismus weiter zu verfolgen, beschränken wolle. Er erörterte sodann den Grundgedanken der Theosophie, «das göttliche Entwicklungsstreben des Menschen», der sich als Wesenskern in den verschiedenen Religionen erkennen lasse und in Goethes Werken wie in den Schriften anderer führender Persönlichkeiten der Weltgeschichte Ausdruck gefunden habe. Goethe, in seiner Geistestiefe seinen Zeitgenossen ein Mysterium, habe über den göttlichen, mystischen, idealen Menschen in der Tiefe des menschlichen Wesens viel, gar viel zu sagen gewusst. Er habe das Göttliche in der Natur, in der Schönheit der Kunst, in den Gesetzen des Makrokosmos und im Mikrokosmos, den Menschen, gesucht und erschaut. Zur Beleuchtung der theosophischen Ideen Goethes verwies Redner namentlich auf das weniger bekannte Rätselmärchen «Von der grünen Schlange und der schönen Lilie». Diese «geheime Offenbarung» des Dichters suchte Redner in sinnvoller Weise zu deuten. Die Irrlichter, die in der Sinnenwelt befangenen Seelen können nur durch die Opferung der Schlange, des Symbols des höheren, das niedere Leben für andere aufopfernden Selbst, wieder in das Land des Geistes, das sie verlassen, zurückkehren. Nur durch Opferung werde die Brücke in das Land des Geistes, der höheren Erkenntnis geschlagen. In diesem empfängt der Jüngling, der Repräsentant des Menschengeschlechtes, die Lilie, das (von den Alchemisten übernommene) Symbol einer “ höheren Geistesentwicklung. Weiterhin suchte Redner Goethes theosophische Anschauungen auch im zweiten Teile des «Faust» zu verfolgen. Er erörterte u. a. den Sinn der Ideen des sich allmählich enthüllenden Seelenwesens, des Homunculus, des Hinabsteigens zu den Müttern, die Idee des Karmas im Leben und Wirken des Faust und dessen endliches Aufsteigen zum mystischen Leben, nachdem er der Sinnenwelt erblindet. Abschließend bot Redner eine sinnvolle Erklärung des «Chorus mysticus>». Nach dem Vortrage versammelte sich noch eine Anzahl der Anwesenden, die den interessanten Ausführungen des Redners lebhaften Beifall spendeten, zu einer Diskussion. Durch das «Karma» war es bestimmt, dass die Zuhörer einen betrübenden Beweis des «Unzulänglichen in unserem irdischen Sansara» bei ihren Bemühungen zur Erlangung ihrer Garderobe sich bieten lassen mussten. In «fürchterlicher Enge» konnten sie sich noch vor dem Saaleingange in der «Opferung des niederen Selbst» üben. Mehrere Theosophen, die vielleicht noch zu sehr mit Fausts «Abstieg zu den Müttern» beschäftigt waren, wurden leider durch einen Wägeapparat vor der Garderobe, der hoffentlich im Laufe des 20. Jahrhunderts noch beseitigt werden wird, zu Fall gebracht.