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Goethe and the Present

GA 68c — 27 November 1904, Cologne

XII. Das Märchen von der Grünen Schlange und der Schönen Lilie

Dass die Theosophie nicht irgendetwas Neues ist, nicht irgendetwas, was erst in unserer Zeit unter die Menschheit gekommen ist, wird immer wieder betont. Besonders interessant ist es aber, dass auch uns nahliegende Persönlichkeiten so gegenübertreten, dass wir sie zu den Geistern rechnen dürfen, die wir als «Theosophen» bezeichnen können. Neben Herder, Jean Paul, Novalis und Lessing erscheint Goethe als einer der hervorragendsten Theosophen. Mancher wird dagegen etwas einzuwenden haben, weil man in den Werken, die man von Goethe kennt, nicht viel von Theosophie verspürt. In der Zeit Goethes war es noch nicht möglich, die esoterischen Wahrheiten in alle Welt hinauszutragen. Nur in einer begrenzten Gesellschaft, zum Beispiel der Rosenkreuzer, wurden die «höheren Wahrheiten» verbreitet. Niemand, der nicht vorbereitet war, wurde in diese Gesellschaft eingelassen. Die aber dazugehörten, haben in allerlei Andeutungen darüber gesprochen. So Goethe an den verschiedensten Stellen seiner Schriften. Nur wer ausgerüstet ist mit theosophischer Weisheit, kann Goethe richtig lesen. So zum Beispiel kann der «Faust» nicht verstanden werden ohne das.

Das «Märchen» ist Goethes Apokalypse, seine Offenbarung, in deren symbolischer Darstellung die tiefsten Geheimnisse enthalten sind. Dass Goethe in dem «Märchen» seine theosophische Weltanschauung offenbart, kann man nur verstehen, wenn man die Veranlassung dazu kennt. Schiller hatte Goethe aufgefordert, an den «Horen» mitzuarbeiten. Schiller selbst hatte zu dieser Zeitschrift die Abhandlung «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» beigetragen. Darin steht die Frage: Wie kommt der Mensch, der in dem Alltäglichen lebt, zu den höchsten Idealen, zu einer Vermittlung zwischen dem Übersinnlichen und dem Sinnlichen? Schiller sah in der Schönheit ein Herabsteigen der höchsten Weisheit in das Sinnliche. In wunderbar eindringlicher Weise hat er zu sagen verstanden, was ihm [eine] Brücke schien, die vom Sinnlichen ins Übersinnliche führt. Goethe sagt nun, er könne über die höchsten Fragen des Daseins nicht in philosophischen Worten sich aussprechen, aber er wolle es tun in einem großen Bilde. Damals steuerte er zu den Horen das «Märchen» bei, indem er auf seine Art diese Fragen zu lösen versuchte.

Goethe hat auch anderwärts in durchaus theosophischem Sinne sich ausgesprochen. Er hatte schon in früher Jugend seine Anschauungen in den «Faust» hineingelegt. Zwischen der Leipziger Studienzeit und dem Aufenthalt in Straßburg hat Goethe eine Einweihung erhalten durch eine Persönlichkeit, die tief in die Geheimnisse der Rosenkreuzer eingeweiht war. Von da ab spricht er in einer mystischen, theosophischen Sprache. Im ersten Teil des «Faust» ist ein merkwürdiges Wort, das unter Anführungszeichen steht; es heißt da: «der Weise spricht». Goethe hing damals schon an der theosophischen Idee, dass es heute schon unter uns Wesen gibt, die schon weiter sind als die übrige Menschheit, dass sie die Leiter der Menschen aus übersinnlichen Sphären sind, obwohl sie auch im Leibe verkörpert sind. Sie haben eine Erkenntnis erlangt, die weit über das hinausgeht, was man mit den Sinnen verstehen kann. Die betreffende Stelle heißt:

Jetzt erst erkenn’ ich, was der Weise spricht:
‹Die Geisterwelt ist nicht verschlossen,
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!
Auf, bade, Schüler, unverdrossen
Die ird’sche Brust im Morgenrot!›

Wenn man Jacob Böhme kennenlernt, so lernt man eine der Quellen kennen, aus denen Goethe seine theosophische Weisheit geschöpft hat. [J. Boehmes «Aurora» ist das Morgenrot, die Astralwelt.] Manches bei Goethe verstehen wir nur, wenn wir es in diesem Sinne auffassen. In dem Gedichte «Das Göttliche» spricht Goethe von dem Gesetze, welches wir Karma nennen, und auch von jenen erhabenen Wesenheiten:

Nach ewigen, ehernen
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden Heil den unbekannten,
Höheren Wesen,
Die wir ahnen!

Wer nun einen wirklichen Beweis haben will von Goethes theosophischer Denkweise, der lese das Gedicht unter «Gott und Welt», «Howards Ehrengedächtnis» genannt. In der ersten Zeile steht:

Wenn Gottheit Camarupa hoch und hehr

— Kama Rupa ist das uns in der theosophischen Lehre bekannte Prinzip des Menschen, der Astralkörper. Wenn Goethe intim gesprochen hat zu denen, mit denen er in der Loge vereint war, dann sprach er von idealen göttlichen Wesen, welche den Menschen als ein Vorbild voranleuchten. Für seinen engen Kreis war zum Beispiel das bestimmt, was er in dem Gedichte «Symbolum» sagt:

Dich rufen von drüben
Die Stimmen der Geister,
Die Stimmen der Meister
Versäumt nicht, zu üben
Die Kräfte des Guten.

Er spricht da offen von den Meistern, wo er intim zu seinen Logenbrüdern spricht.

Am tiefsten führt uns aber in seine Auffassung das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie. Darin finden wir die drei Reiche dargestellt, in denen der Mensch lebt: die physische, die Seelen- oder die Astralwelt und die Geisteswelt. Das Symbol für die astralische oder Seelenwelt ist das Wasser. Immer bedeutet bei Goethe das Wasser die Seele. So in seinem Gedichte über die Seele und das Schicksal:

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

Er kannte auch das mentale Reich, das der Mensch durchlebt zwischen zwei Zuständen der Verkörperung, zwischen Tod und Geburt, das Devachan, das Reich der Götter, Der Mensch strebt unablässig nach diesem Reiche. Er kämpft hier auf der Erde, um zu diesem Reiche zu gelangen.

Die Alchemisten haben die chemischen Prozesse als Symbol angesehen für das Streben nach diesem mentalen Reiche. Sie nennen dieses Reich: das Reich der Lilie. Der Mensch wird der Löwe genannt, der dieses Reich sich erkämpft, und die Lilie ist die Braut des Löwen. Goethe hat auch im «Faust» darauf hingedeutet:

Mein Vater war ein dunkler
Ehrenmann Der über die Natur und ihre heil’gen Kreise
In Redlichkeit, jedoch auf seine Weise,
Mit grillenhafter Mühe sann;
Der in Gesellschaft von Adepten
Sich in die schwarze Küche schloss
Und nach unendlichen Rezepten
Das Widrige zusammengoss.
Da ward ein roter Leu, ein kühner Freier,
Im lauen Bad der Lilie vermählt.

Da spricht Goethe von der Vermählung des Menschen mit dem Geiste (im lauen Bad ist im Seelenbad. Die Seele ist das Wasser, der rote Leu ist der Mensch). In dem «Märchen» hat Goethe auch die drei Reiche dargestellt: das sinnliche Reich als das eine Ufer; das Seelenreich als den Fluss; das Devachan — geistiges Reich — als jenseitiges Ufer, auf dem der Garten der schönen Lilie sich befindet, der symbolisch das Devachan darstellt bei den Alchemisten. Es wird des Menschen ganzes Verhältnis zu den drei Reichen in eine symbolisch schöne Darstellung gebracht. Wir sind aus dem Reiche des Geistes herübergekommen und streben wieder dahin zurück. Goethe lässt die Irrlichter von einem Fährmann herüberbringen von dem Reiche des Geistes in das Reich der Sinnlichkeit. Der Fährmann kann jedermann herüberbringen, aber nicht hinüberbringen. Wir sind ohne unseren Willen herübergekommen, aber wir können nicht auf dieselbe Weise zurück. Wir müssen uns erarbeiten den Weg zurück ins geistige Reich.

Die Irrlichter haben zu ihrer Nahrung Gold. Dies Gold nehmen sie auf. Es durchdringt ihren Körper. Aber sie werfen es sogleich nach allen Seiten wieder von sich. Sie wollen dem Fährmann als Lohn das Gold hinwerfen. Aber er sagt, der Fluss verträgt das Gold nicht; er würde aufschäumen in Wildheit. Das Gold bedeutet immer die Weisheit. Die Irrlichter sind Menschen, die die Weisheit aufsuchen, sich aber nicht mit ihrem Wesen vereinigen, sondern es unverdaut wieder von sich geben. Der Fluss ist das Seelenleben, die Summe von menschlichen Instinkten, Trieben, Leidenschaften. Wenn nun das Gold der Weisheit unbedacht in den Fluss der Leidenschaften geworfen wird, so wird die Seele durcheinandergebracht, aufgewühlt.

Goethe hat immer darauf hingedeutet, dass der Mensch zuerst die Katharsis, die Läuterung durchmachen muss, um zur Aufnahme der Weisheit reif zu werden. Denn wenn in die ungeläuterte Leidenschaft die Weisheit gebracht wird, so wird die Leidenschaft fanatisch, die Menschen bleiben dann in ihrem niederen Ich befangen. Das Heraufsteigen von Kama zu Manas ist etwas Gefährliches, wenn es nicht mit einer Aufopferung des niederen Ich verbunden ist. Hierauf bezüglich sagt Goethe im «West-östlichen Divan»:

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Der Mensch muss bereit sein, sich zu opfern.

Die Irrlichter sind noch im Ahamkara, im niederen Ich, befangen. Dies verträgt die Weisheit nicht. Das Seelenleben muss langsam gereinigt werden, langsam aufsteigen. Auf der Wiese werfen die Irrlichter das Gold herum. Da begegnen sie der Schlange. Sie verzehrt die Goldstücke. Sie macht sie mit sich selber eins. Sie hat die Kraft, ihr Ich nicht zum stolzen, selbstischen zu machen, um nicht senkrecht, hochmütig emporzustreben, sondern in waagrechter Linie sich zu bewegen in den Felsklüften und allmählich zur Vollkommenheit zu gelangen. Ein Tempel wird dargestellt, welcher sich in den Klüften der Erde befindet. Die Schlange hat diese schon hin und her durchstreift, sie hat tastend dort gespürt, dass da geheimnisvolle Wesenheiten sind.

Jetzt aber kommt der Alte mit der Lampe. Die Schlange ist durch das Gold leuchtend geworden. Der Tempel wird von ihrem Glanze überstrahlt. Die Lampe des Alten hat die Eigenschaft, dass sie nur da leuchtet, wo schon Licht ist. Da leuchtet sie mit einem ganz besonderen Lichte. Auf der einen Seite ist also die durch das Gold leuchtend gewordene Schlange, auf der andern der Mann mit der Lampe, die auch leuchtet. Durch das beiderseitige Licht wird in dem Tempel drinnen alles sichtbar. In den Ecken sind vier Könige, ein goldener, ein silberner, ein eherner und ein gemischter König. Diese konnte die Schlange früher nur durch Tasten herausfinden; jetzt aber sind sie durch ihr eigenes Leuchten für sie sichtbar geworden. Es sind die drei höheren Prinzipien des Menschen und die vier niederen. Der eherne König ist Atma, das göttliche Ich; der silberne König ist Budhi, die Liebe, wodurch der Mensch sich allen Menschen mitteilen kann; und der goldene König ist Manas, die Weisheit, die in die Welt hinausstrahlt und die diese strahlende Weisheit aufnehmen kann.

Wenn der Mensch selbstlos die Weisheit erworben hat, dann kann er die Dinge in ihrem wahren Wesen ohne den Schleier der Maya sehen. Der Schlange werden jetzt klar die drei höheren Prinzipien des Menschen. Der goldene König ist Manas, so wie das Gold überall Manas bedeutet. Die vier niederen Prinzipien werden durch den gemischten König dargestellt, symbolisiert. Auch in den niederen Prinzipien ist in die Sphäre der Erscheinung gezogen Atma, Budhi und Manas, aber disharmonisch. Erst wenn es geläutert wird, dann entwickelt sich etwas, was in der Disharmonie nicht bestehen kann. Der Tempel ist die Einweihungsstätte, die Geheimschule, die nur derjenige betreten kann, der das Licht selbst bringt, der selbstlos ist wie die Schlange. Der Tempel soll einstmals offenbar werden, sich über den Fluss erheben. Er ist das Reich der Zukunft, dem wir alle zustreben. Die geheimen Unterrichtsstätten sollen hinaufgeführt werden. Alles, was der Mensch ist, soll hinaufstreben, in Harmonie sich auflösen, zu den höheren Prinzipien streben. Was früher in den Mysterien gelehrt worden ist, soll ein offenbares Geheimnis werden. Die Wanderer sollen über den Fluss hinüber- und herübergehen, von der sinnlichen in die übersinnliche Welt und umgekehrt. Alle Menschen werden in Harmonie vereinigt sein.

Der Alte mit der Lampe stellt dar, wo der Mensch die Erkenntnisse heute schon bekommen kann, ohne auf dem Gipfel der Weisheit angelangt zu sein, nämlich bei den Kräften der Frömmigkeit, des Gemütes, den Glaubenskräften. Der Glaube bedarf des Lichtes von außen, wenn er wirklich zu den höheren Geheimnissen führen soll. Die Schlange und der Alte mit der Lampe haben die Kräfte des Geistes, die schon heute [die Seele] hinleiten und in die Zukunft hineinführen. Der schon heute diese Kräfte fühlt, der weiß das aus bestimmten Geheimnissen. Der Alte sagt daher, er kenne drei Geheimnisse. Aber auf das sonderbarste wird über das vierte Geheimnis gesprochen. Die Schlange zischt ihm etwas ins Ohr. Darauf ruft der Alte:

Es ist an der Zeit!

Es ist der Zeitpunkt gekommen, wo eine große Menge Menschen begriffen haben wird, welches der Weg ist. Die Schlange hat gesagt, dass sie bereit ist, sich aufzuopfern. Sie ist an dem Punkte angelangt, wo sie erkannt hat, dass der Mensch erst sterben muss, um zu werden:

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Werden, um im vollen Sinne des Wortes zu sein, kann der Mensch nur durch Liebe, Hingabe, Opfer. Dazu ist die Schlange bereit. Das wird offenbar werden, wenn der Mensch zu diesem Opfer bereit ist. Dann wird der Tempel an dem Flusse stehen. Die Irrlichter haben ihre Schuld nicht abtragen können; sie mussten dem Fährmann versprechen, sie später abzutragen. Der Fluss nimmt nur die Früchte der Erde auf: drei Kohlhäupter, drei Zwiebeln, drei Artischocken. Die Irrlichter kommen zu der Frau des Alten und benehmen sich dort sehr sonderbar. Das Gold von den Wänden haben sie aufgeleckt. Sie wollen sich mit Weisheit vollpfropfen, um sie wieder von sich zu geben. Der Mops frisst von dem Golde und stirbt, da alles Lebendige daran zugrunde gehen muss. Er kann die Weisheit nicht aufnehmen, wie die Schlange sie aufnimmt und umwandelt, darum wirkt es tötend. Die Alte muss den Irrlichtern versprechen, ihre Schuld bei dem Fährmann abzutragen.

Als der Alte mit der Lampe nach Hause kommt, sicht er, was geschehen ist. Er sagt der Alten, sie solle ihr Versprechen halten, aber auch den toten Mops zur schönen Lilie bringen, weil sie alles Tote lebendig macht. Die Alte geht mit dem Korbe zum Fährmann. Da begegnet ihr zweierlei Merkwürdiges. Sie findet auf dem Wege den großen Riesen, der hat die Eigentümlichkeit, dass er am Abend seinen Schatten über den Fluss hinübergehen lässt, sodass der Wanderer dann auf seinem Schatten über den Fluss hinübergelangen kann. Außerdem wird der Weg hinüber vermittelt, wenn die Schlange sich um die Mittagszeit hinüberwölbt. Der Riese kann den Übergang vermitteln, aber auch die Schlange, wenn die Sonne am höchsten steht, wenn der Mensch durch die leuchtende Sonne der Erkenntnis sein Ich zu dem Göttlichen erhebt. In den Feieraugenblicken des Lebens, in den Augenblicken völliger Selbstlosigkeit, vereinigt sich der Mensch mit der Gottheit.

Der Riese ist die grobe physische Entwicklung, durch die der Mensch hindurchgehen muss. Er kommt dadurch auch in das jenseitige Reich; aber nur in der Dämmerung, wenn sein Bewusstsein ausgelöscht ist. Das ist aber ein Weg, der gefährlich ist, den diejenigen gehen, die psychische Kräfte in sich ausbilden, die sich in den Trancezustand versetzen. Dieser Übergang geschieht in der Dämmerung des Trancezustandes. Schiller schrieb auch einmal über den Schatten des Riesen. Es sind die dunklen Mächte, die den Menschen hinüberführen.

Als die Alte am Riesen vorbeigeht, raubt der Riese ein Kohlhaupt, eine Zwiebel und eine Artischocke, sodass die Alte nur noch einen Teil derselben hat, womit sie die Schuld der Irrlichter zahlen will. Die Dreizahl ist also nicht mehr vollständig. Dasjenige, was wir brauchen und hineinweben müssen in das Seelenleben, das wird uns entzogen von den Dämmerkräften. Es ist etwas Gefährliches darin, sich diesen hinzugeben. Die niederen Kräfte müssen durch die seelischen gereinigt werden. Nur dann kann der Leib hinaufsteigen, wenn die Seele ihn ganz aufnimmt. Alles, was einen inneren Kern in Form von Schalen umgibt, das ist ein Symbol für die Hüllen des Menschen. Die indische Allegorik bezeichnet diese Hüllen als die Blätter der Lotusblüte. Des Menschen physische Natur muss in der Seele geläutert werden. Wir müssen abzahlen, die niederen Prinzipien hingeben an das Seelenleben. Das Abzahlen der Schuld haben wir darin ausgesprochen, dass dem Fluss die Abzahlung gemacht werden muss. Das ist der ganze Verlauf von Karma.

Da dem Fluss die Zahlung der Alten nicht genügt, muss sie die Hand in den Fluss tauchen. Danach kann sie die Hand nur noch fühlen, aber nicht mehr sehen. Dasjenige, was uns Menschen äußerer, sinnlicher Schein ist, was an dem Menschen sichtbar ist, das ist der Körper; der muss durch das Seelenleben geläutert werden. Dadurch ist das symbolisiert, dass der Mensch, wenn er es nicht in der Pflanzennatur abtragen kann, eine Schuld begehen muss. Dann wird das eigentlich leibliche Wesen des Menschen unsichtbar. Dadurch, dass die Alte ihre Schuld nicht abtragen kann, wird sie unsichtbar. Das Ich kann nur dann im Glanze des Tages gesehen werden, wenn es geläutert ist durch das Seelenleben. Die Alte sagt: Oh, meine Hand, die das Schönste an mir ist. Gerade das, was den Menschen von dem Tiere unterscheidet, das, was als Geist durch ihn hindurchleuchtet, wird unsichtbar, wenn er es nicht durch das Karma hindurch geläutert hat.

Der schöne Jüngling hat nach dem Reiche der Lilie — der Geistigkeit — gestrebt, die schöne Lilie hat ihn gelähmt. Goethe meint damit die uralte Wahrheit, dass der Mensch erst geläutert sein muss, die Katharsis durchgemacht haben muss, sodass er nicht mehr zur Weisheit durch Schuld gelangt, sodass er den Glanz der höheren Geistigkeit in sich aufnehmen kann. Der Jüngling war noch nicht durch die Läuterung vorbereitet. Alles Lebendige, was noch nicht reif ist, wird durch die Lilie getötet. Alles Tote, was durch das «Stirb und Werde» gegangen ist, wird durch die Lilie wieder belebt. Goethe sagt nun, derjenige ist reif zur Freiheit, der sich im Innern erst selbst befreit hat. Jakob Böhme sagt auch, dass der Mensch sich aus den niederen Prinzipien herausentwickeln muss.

Wer nicht stirbt, bevor er stirbt,
Der verdirbt, wenn er stirbt.

Der Mensch muss erst reif sein, geläutert sein, ehe er in das Reich des Geistes — der Lilie — eingehen kann. In den alten Mysterien musste der Mensch erst durch Reinigungsstufen hindurchgehen, ehe er Myste werden konnte. Der Jüngling muss durch die Stufen erst hindurchgehen. Er wird durch sie zu der Lilie hingeführt.

Die Schlange bedeutet Entwicklung. Wir sehen um die Lilie versammelt die, welche den neuen Weg suchen, alle diejenigen, welche nach dem Geistigen hinstreben. Aber erst muss sich der Tempel über den Fluss erheben. Alle bewegen sich zu dem Flusse, die Irrlichter voran; sie schließen die Pforte auf. Die selbstsüchtige Weisheit ist die Brücke zu der selbstlosen Weisheit. Durch das Selbst führt die Weisheit zur Selbstlosigkeit hinauf. Die Schlange hat sich aufgeopfert. Jetzt versteht man, was Liebe ist, ein Hinopfern des niederen Selbst zum Besten der Menschheit, die volle Brüderlichkeit.

Die ganze Versammlung bewegt sich zum Tempel. Der Tempel erhebt sich über den Fluss. Der Jüngling wird wiederbelebt. Er wird mit Atma, Budhi und Manas ausgestattet. Atma, in Form des ehernen Königs, tritt vor den Jüngling hin, reicht ihm das Schwert. Es ist der höchste Wille, nicht gemischt mit den anderen. Atma soll in dem Menschen wirken so, dass das Schwert zur Linken ist und die Rechte frei. Vorher wirkt der Mensch in Sonderheit, der Krieg aller gegen alle. Jetzt aber, wenn der Mensch geläutert ist, wird erst an Stelle des Kampfes der Friede treten, das Schwert zur Linken zum Schutze, die Rechte frei zum Wohltun.

Der zweite König bezeichnet, was einstweilen uns als das zweite Prinzip, als die Budhi bekannt ist — Frömmigkeit, Gemüt, wodurch der Mensch sich zum Höchsten im Glauben wendet. Das Silber ist das Symbol für die Frömmigkeit. Der zweite König sagt:

Weide die Schafe,

da wir es hier mit der Gemütskraft zu tun haben. Der Schein ist hier der Schein des Schönen. Goethe verknüpfte mit der Kunst eine religiöse Verehrung. Er sah in der Kunst die Offenbarung des Göttlichen, das Reich des schönen Scheins ist das Reich der Frömmigkeit. Der eherne König bedeutet — ohne die niederen Prinzipien — die Gewalt, der silberne König den Frieden, der goldene die Weisheit. Er sagt:

Erkenne das Höchste.

Der Jüngling ist der vierprinzipige Mensch, der sich zu den höheren Prinzipien entwickelt. Die vier Prinzipien werden gelähmt durch den Geist, ehe sie die läuternde Entwicklung durchgemacht haben. In Harmonie wirken dann die drei höheren Prinzipien im Menschen. Dann wird er stark und kräftig sein; dann darf er sich der Lilie vermählen. Das ist die Vermählung zwischen der Seele und dem Geist des Menschen. Die Seele wurde immer als etwas Weibliches dargestellt; das Mysterium des Ewigen, Unvergänglichen wird hier dargestellt.

Das ewig-Weibliche zieht uns hinan.

Dasselbe Bild brauchte Goethe hier im «Märchen», als die Vermählung des Jünglings mit der schönen Lilie.

Jetzt geht über die Brücke, die sich hinüberwölbt, aus dem hingeopferten menschlichen Selbst, alles Lebendige. Wanderer gehen hinüber und herüber. Alle Reiche werden jetzt in schöner Harmonie verbunden. Die Alte wird verjüngt, ebenso der Alte mit der Lampe; es ist das Alte vergangen und alles neu geworden. Die kleine Hütte des Fährmanns ist jetzt in versilbertem Zustand als eine Art Altar in dem Tempel enthalten. Das, was den Menschen früher unbewusst herüberbrachte, bringt ihn jetzt im bewussten Zustande hinüber. Der gemischte König ist zusammengesunken. Die Irrlichter leckten das Gold heraus, da sie immer noch auf das Niedrige gerichtet sind. Der Riese zeigt jetzt die Zeit an. Das, was früher sinnliches Prinzip war, was in der Dämmerstunde hinüberführte, was sinnlich ist, was dem Naturzustande angehört, zeigt nun die gleichmäßig verlaufende Zeit an. Solange der Mensch nicht die drei höheren Prinzipien entwickelt hat, liegt Vergangenes und Zukünftiges im Kampfe. Der Riese kann dann nur in unharmonischer Weise wirken. Jetzt ist die Zeit etwas Harmonisches geworden in diesem Idealzustand.

Der Gedanke befestigt das Schwankende in dauernder Weise, was sich ausdrückt in folgenden Worten:

Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestiget mit dauernden Gedanken.

Was in der Pythagoreischen Schule als der Rhythmus des Weltenalls angesehen wird, die Sphärenmusik, das Tönen der Planeten, die sich rhythmisch um die Sonne bewegen, das entsteht durch die Verwirklichung des göttlichen Gedankens. Ein Planet war für den Mystiker ein Wesen höherer Art. Daher sagt auch Goethe:

Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschrieb’ne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.

Dass der Mensch in sich die Fähigkeit hat, sich zum höchsten Göttlichen zu entwickeln, sagt er in den Worten:

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken;
Lebt nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?

German original of The Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily · ← Previous · Next →