Goethe and the Present

GA 68c — 8 January 1905, Munich

XIV. Das Märchen von der Grünen Schlange und der Schönen Lilie von Goethe

[An dem großen Flusse, der eben von einem starken Regen geschwollen und übergetreten war, lag in seiner kleinen Hütte, müde von der Anstrengung des Tages, der alte Fährmann und schlief.]

Der Fährmann — die niederen Kräfte der Natur — ruht am jenseitigen Ufer — die Mentalebene — des Stromes — des Astral-Begierden-Planes.

Da kommen zwei Irrlichter: Menschen, in denen nur Kama-Manas lebt, also der niedere Verstand, der sein Wissen aus der niederen materiellen Ebene schöpft. Die Irrlichter wollen den Fährmann mit ihrem Gold bezahlen, das sie aus sich herausschütteln. Das kann er nicht gebrauchen; der niedere Verstand kann die niederen Kräfte der Natur nicht beherrschen. Entsetzt sammelt der Fährmann das Goldwissen auf.

Wäre ein Goldstück ins Wasser gefallen, so würde der Strom,

— die Leidenschaft —

der dies Metall nicht leiden kann,

— Gold und Wissen regt die Leidenschaften auf —

sich in ensetzlichen Wellen erhoben, das Schiff und mich verschlungen haben. Und wer weiß, wie es euch gegangen sein würde! Nehmt euer Geld wieder zu euch,

sagt der Fährmann.

Wir können nichts wieder zu uns nehmen, was wir abgeschüttelt haben,

sagen die Irrlichter. Ganz richtig; was die irdische Weisheit von sich gegeben hat, kann sie nicht wieder aufsammeln. Der Fährmann verlangt von den Irrlichtern seinen Lohn: Früchte der Erde; drei Kohlhäupter, drei Zwiebeln, drei Artischocken. Die Irrlichter können sie ihm nicht geben, versprechen aber, sie zu schaffen. Der Fährmann sammelt das Gold sorgfältig in seine Mütze, fährt den Fluss entlang an derselben Seite, wo die Irrlichter sind, die ihn vergeblich noch einmal anrufen, bis in eine felsige Gegend, wo er das gefährliche Gold, da wo das Wasser es niemals erreichen [kann], in eine ungeheure Kluft schüttet; dann kehrt er in seine Hütte zurück.

In dieser Kluft [befand sich] die schöne grüne Schlange,

— der höhere Manas —

die durch die herabklingende Münze aus ihrem Schlafe geweckt wurde.

Sie verschlingt mit Begierde das Gold, das in ihrem Innern schmilzt und sie durchleuchtet, was ihr Freude und Behagen verursacht. Dann sucht sie nach dem Spender des Goldes, achtet nicht Beschwerden und Gefahren.

Sehr ermüdet gelangte sie endlich zu einem feuchten Ried, wo unsere beiden Irrlichter hin und wieder spielten.

Sie freut sich, in ihnen Verwandtschaft zu finden. Die Irrlichter begrüßen sie auch freundlich, doch sagen, sie seien

nur von Seiten des Scheines verwandt.

Die Schlange fühlt sich unbehaglich in Gegenwart der Bekanntschaft; kann sich nicht nach ihrer Höhe strecken und fürchtet, ihren eigenen Schein zu verlieren. Sie fragt die Herren nach der Herkunft des Goldes, von dem sie glaubt, es sei als Goldregen vom Himmel gekommen. Die Irrlichter schütteln sich vor Lachen und streuen neues Gold aus, das die Schlange mit Begier verschlingt und dadurch immer leuchtender wird, während die Irrlichter abnehmen und zusammenschrumpfen, aber immer lustig bleiben. Die Schlange will sich dankbar erzeigen und verspricht, ihnen zu dienen.

Die Irrlichter fragen nach dem Weg zur schönen Lilie — die höchste Glückseligkeit — und erfahren zu ihrem Schrecken und Kummer, dass sie jenseits des Wassers wohnt, wo sie herkommen. Sie ersuchen die Schlange, den Fährmann für sie zu rufen, damit er sie wieder herüberführe. Da müssen sie zu ihrem Kummer vernehmen, dass der Fährmann jedermann herüber, aber niemanden wieder hinüber fahren dürfe. In die [irdische] Welt werden wir durch Naturkräfte befördert, zurück in die höhere Welt muss der Mensch sich selbst befördern.

Die Irrlichter fragen nach der Möglichkeit, wie das geschehen kann. Die Schlange gibt ihnen zwei Möglichkeiten dazu an: Sie selbst erbietet sich, sie um die Mittagszeit hinüberzusetzen. Doch diese Stunde passt den Herren nicht. Die zweite Möglichkeit bietet der Riese — der Tod —, dessen Körper zwar nichts vermag, aber dessen Schatten — der Schlaf, Tiefschlaf, Trance —

viel, ja alles

vermag. Sein Schatten legt sich abends und morgens über den Strom, und den könnten die Herren als Brücke benutzen. Die Irrlichter entfernen sich, die Schlange ist froh, sie los zu sein. Sie begibt sich zurück in ihre Felsenschlucht. Dort hat sie schon früher eine merkwürdige Entdeckung gemacht. Durch eine Felsenspalte war sie an einen Ort gelangt, wo sie Dinge fand, die ihr [bisher] fremd waren. Bis dahin war sie nur Naturprodukten begegnet, welche sie durch ihr Gefühl auch in unterirdischen Räumen wohl unterscheiden konnte, die spitzigen Kristalle, die

Haken und Haare des gediegenen Silbers,

und sie brachte auch manchen Edelstein mit hinauf ans Licht. An dem erwähnten Ort nun fand sie zu ihrer größten Verwunderung glatte Wände und Dinge, die von Menschenhand gemacht waren; schöne Säulen und so weiter und menschliche Figuren, um die sie sich geschlungen und sie betrachtet hatte. Diese Dinge nun wollte sie jetzt, wo sie leuchtend geworden war, auch noch vermittels des Gesichtes prüfen, um sich davon einen vollständigen Begriff zu machen. Mit ihrem Licht konnte sie die Höhle, in welcher sie auf dem bekannten Wege eingedrungen war, nicht ganz erhellen, aber sie erkannte die einzelnen Gegenstände, in deren Nähe sie kam. In einer Nische stand das Bildnis eines Königs, ganz aus purem Golde gebaut. Wenn auch in übermenschlicher Größe dargestellt, schien es doch

das Bildnis eher eines kleinen als eines großen Mannes

zu sein. Der goldene König

fragte: ‹Wo kommst du her› — ‹Aus den Klüften,› versetzte die Schlange, in denen das Gold wohnt.› — ‹Was ist herrlicher als Gold?› fragte der König. ‹Das Licht›, antwortete die Schlange. ‹Was ist erquicklicher als Licht?› fragte jener. ‹Das Gespräch,› antwortete diese.

In der nächsten Nische saß ein silberner König - Budhi —

von langer und eher schmächtiger Gestalt,

geschmückt mit herrlichem Gewand,

Krone, Gürtel und Zepter, mit Edelsteinen geschmückt. Er trug die Heiterkeit des Stolzes in seinem Angesichte und schien eben reden zu wollen, als an der marmornen Wand eine Ader, die dunkelfarbig hindurchlief, auf einmal hell ward und ein angenehmes Licht durch den ganzen Tempel verbreitete. Bei diesem Lichte sah die Schlange den dritten König, der von Erz in mächtiger Gestalt dasaß, sich auf seine Keule lehnte, mit einem Lorbeerkranze geschmückt war und eher einem Felsen als einem Menschen glich. Sie wollte sich nach dem vierten König umsehen, der in der grö| ten Entfernung von ihr stand, aber die Mauer öffnete sich, indem die erleuchtete Ader wie ein Blitz zuckte und verschwand.

Ein bäurisch gekleideter Mann mit einer kleinen Lampe in der Hand trat ein,

in deren stille Flamme man gern hineinsah und die auf eine wunderbare Weise, ohne auch nur einen Schatten zu werfen, den ganzen Dom erhellte.

Der Mann mit der Lampe ist die Religion.

«Warum kommst du, da wir Licht haben? fragte der goldene König - der Denker. Ihr wisst, dass ich das Dunkle nicht erleuchten darf.>

Die Kraft der Religion wirkt nur erleuchtend, wenn ihr eine andere Kraft entgegenkommt. Der Religion muss der Glaube entgegenkommen, sonst kann sie den Menschen nicht erleuchten.

«Endigt sich mein Reich? fragte der silberne König

— Budhi, Lebensgeist, der geistige, spirituelle Leib.

‹Spät oder nie.› versetzte der Alte. ‹Wann werde ich aufstehn?›

— das heißt, meine Herrschaft gewinnen — fing der eherne König — der Geistmensch, Atma —

an zu fragen. ‹Bald›, versetzte der Alte. ‹Mit wem soll ich mich verbinden?› fragte der König. ‹Mit deinen älteren Brüdern,› sagte der Alte. ‹Was wird aus dem jüngsten werden?› fragte der König. ‹Er wird sich setzen›

— ein Ausdruck für die Niederlegung der Herrschaft —

sagte der Alte. ‹Ich bin nicht müde.› rief der vierte König mit einer rauen, stotternden Stimme.

Der vierte König ist ein Symbol für die vier niederen, vergänglichen Grundteile des Menschen; also:

erstens der physische Körper,

zweitens der Ätherleib — Linga scharira,

drittens der empfindende Seelenleib — Astralkörper, viertens die Verstandesseele — niederer Manas, Kama-Manas — also der Verstand, die Denkkraft, die noch von den Sinneseindrücken und den Begierden getrübt wird, und daher außerstande ist, das Höhere, Göttliche, den höheren Manas, den eigentlichen Denker, den wahren Menschen und noch weniger den Geistesmenschen, Atma, zu erkennen. Inzwischen war die Schlange in dem Tempel herumgekrochen

und besah nunmehr den vierten König in der Nähe. Er stand an eine Säule gelehnt, und seine ansehnliche Gestalt war eher schwerfällig als schön. Allein das Metall, woraus er gegossen war, konnte man nicht leicht unterscheiden. Genau betrachtet war es eine Mischung der drei Metalle, aus denen seine Brüder gebildet waren. Aber beim Gusse schienen diese Materien nicht recht zusammengeschmolzen zu sein; goldne und silberne Adern liefen unregelmäßig durch eine eherne Masse hindurch und gaben dem Bilde ein unangenehmes Ansehn. Indessen sagte der goldene König zum Manne: «Wieviel Geheimnisse weißt du? — ‹Drei,› versetzte der Alte. ‹Welches ist das wichtigste?› fragte der silberne König. ‹Das Offenbare,› versetzte der Alte. ‹Willst du es auch uns eröffnen?› fragte der eherne. Sobald ich das vierte weiß, sagte der Alte. ‹Was kümmert’s mich!› murmelte der zusammengesetzte König vor sich hin. ‹Ich weiß das vierte,› sagte die Schlange, näherte sich dem Alten und zischte ihm etwas ins Ohr. ‹Es ist an der Zeit!› rief der Alte mit gewaltiger Stimme. Der Tempel schallte wider, die metallenen Bildsäulen klangen, und in dem Augenblicke versank der Alte nach Westen und die Schlange nach Osten, und jedes durchstrich mit großer Schnelle die Klüfte der Felsen.

Der Felsen, der hier geschildert ist, ist eine Beschreibung der alten Mysterientempel, in welchen die Jünger in die Geheimnisse des Daseins eingeführt wurden. Die Grundteile des Menschen waren dort sinnbildlich dargestellt. Solcher Tempel gibt es in Indien noch viele, und seitdem das geistige Leben die Menschen nicht mehr so durchdringt wie in alten Zeiten, wo der Intellekt, der Verstand, noch nicht so entwickelt war, sind sie verlassen und von wilder Hand zerstört und zertrümmert; als Ruinen selbst machen sie noch einen großartigen, zum Teil Grausen erregenden Eindruck. Die Gestalten, die dort symbolisch aufgeführt sind und für unsere Augen ein scheußliches Bild darstellen, wurden einst, mit dem Auge des Geistes betrachtet, zum Mittel, um das höhere Leben zunächst verstehen zu lernen und hernach, nach Erlangung der Reife, selbst zu schauen. Wir Abendländer betrachten sie nur als scheußliche Götzenbilder; der Morgenländer sieht durch die äußere Form hindurch die Bedeutung der Symbole. Der Schönheitssinn für die Form geht ihnen noch ab. Die äußere Form war ihnen in den alten Zeiten, wo die grotesken Bilder entstanden sind, eine so große Nebensache, dass sie sie nur benutzten, um damit einen Gedanken auszudrücken, wie wir jetzt die Sprache, die Schriftsprache, zum Medium gebrauchen, um die Dinge, die wir im Geiste erfasst, unseren Mitmenschen mitzuteilen. Die rohe Art, mit welcher wir Abendländer oft über diese Dinge urteilen, die Bekehrungssucht, die in der Vertilgung der «Götzen» ihre Aufgabe suchte, zeugt von einer vollständigen Unkenntnis dieser Dinge.

Die Schlange hat dem Alten ins Ohr geflüstert, dass sie bereit sei, sich ganz aufzuopfern, und daraufhin ruft der Alte:

Es ist an der Zeit!

worauf der Tempel tönt. Wir brauchen keine orientalische Weisheit, um dieses «Tönen» zu verstehen. Goethe gibt uns in seinem «Faust»-Prolog im Himmel eine Erklärung:

Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang.

Der Himmel — das Devachan — ist die Ebene, wo es tönt. Der Laut hat da sein Reich.

Tönend wird für Geistesohren
Schon der neue Tag geboren!

Die Schlange, der Intellekt, der nach Erleuchtung trachtet, geht nach Osten, der Mann mit der Lampe — die Religion — nach Westen.

Alle Gänge, durch die der Alte hindurchwandelte, füllten sich hinter ihm sogleich mit Gold; denn seine Lampe hatte die wunderbare Eigenschaft, alle Steine in Gold, alles Holz in Silber, tote Tiere in Edelsteine zu verwandeln und alle Metalle zu zernichten. Um diese Wirkung zu äußern, musste sie aber ganz allein leuchten; wenn ein ander Licht neben ihr war, wirkte sie nur einen schönen, hellen Schein, und alles Lebendige ward immer durch sie erquickt. Der Alte trat in seine Hütte, die an dem Berge angebauet war, und fand sein Weib in der größten Betrübnis. Sie saß am Feuer und weinte und konnte sich nicht zufrieden geben. «Wie unglücklich bin ich‘ rief sie aus; «wollt ich dich heute doch nicht fortlassen!»

Auf die gelassene Frage des Mannes erzählt die Frau, dass während seiner Abwesenheit zwei Herren — die Irrlichter — bei ihr gewesen seien und sich sehr zudringlich benommen hätten.

‹Und sieh dich nur um, wie die Wände aussehen; sieh nur die alten Steine, die ich seit hundert Jahren nicht mehr gesehen habe: alles Gold haben sie heruntergeleckt, du glaubst nicht mit welcher Behendigkeit, und sie versicherten immer, es schmecke viel besser als gemeines Gold.›

Dann wären sie immer übermütiger geworden, hätten sie gestreichelt und ihre Königin geheißen, sich geschüttelt, sodass eine Menge Goldstücke umhergestreut wurden, und zum Unglück habe ihr Mops einige davon gefressen, und nun läge er tot am Kamin.

‹Ich sah es erst, da sie fort waren; denn sonst hätte ich nicht versprochen, ihre Schuld beim Fährmann abzutragen.› ‹Was sind sie schuldig? fragte der Alte. «Drei Kohlhäupter» sagte die Frau, <«drei Artischocken und drei Zwiebeln; wenn es Tag wird, habe ich versprochen, sie an den Fluss zu tragen.»

Die Alte ist die seelische Wesenheit, das gewöhnliche, sinnliche Leben des Menschen. Die Irrlichter — die Verstandeswissenschaft — lecken das Gold — das historische Wissen — ab und streuen es wieder aus. Sie [die Verstandeswissenschaft] schmeichelt der niederen Natur, hat aber keine belebende Kraft; der Mops, der davon frisst, stirbt. Die Naturwissenschaft leugnet die Lebenskraft, und ohne die belebende Kraft der Lampe —- dem Licht, das die Religion bringt — erstirbt das Leben durch das tote Wissen. In der ersten Runde birgt das Mineralreich die Form für die Weisheit. Dreimal drei ist neun — menschliche Sinnlichkeit. Drei Kohlhäupter, drei Zwiebeln, drei Artischocken. Der Mensch ist durch die drei Reiche hindurchgegangen. Die Frau bezahlt den Strom der Leidenschaften mit Früchten der Erde. Der Kohl, das Schalengewächs, [repräsentiert] die Blätter; die Zwiebel, die Wesenheit, die aus Hüllen besteht, [repräsentiert] die Wurzel; die Artischocke [repräsentiert] die Frucht. Sie [die Frau des Alten mit der Lampe] muss diesen [Tribut] an den Strom bezahlen.

‹Du kannst ihnen den Gefallen tun» sagte der Alte; «denn sie werden uns gelegentlich auch wieder dienen.»

[Der Alte] löscht das Herdfeuer aus, sammelt die übrigen Goldstücke sorgfältig auf,

und nun leuchtet sein Lämpchen wieder allein in dem schönsten Glanze, die Mauern überzogen sich mit Gold, und der Mops war zum schönsten Onyx geworden. «Nimm deinen Korb», sagte der Alte, «und stelle den Onyx hinein; alsdann nimm die drei Kohlhäupter, die drei Artischocken und die drei Zwiebeln, lege sie umher und trage sie zum Flusse! Gegen Mittag lass dich von der Schlange übersetzen und besuche die schöne Lilie, bring ihr den Onyx! Sie wird ihn durch ihre Berührung lebendig machen, wie sie alles Lebendige durch ihre Berührung tötet; sie wird einen treuen Gefährten an ihm haben. Sage ihr, sie solle nicht trauern, ihre Erlösung sei nahe, das größte Unglück könne sie als das größte Glück betrachten, denn es sei an der Zeit.» Die Alte packte ihren Korb und machte sich, als es Tag war, auf den Weg. Die aufgehende Sonne schien hell über den Fluss herüber, der in der Ferne glänzte; das Weib ging mit langsamem Schritt, denn der Korb drückt sie aufs Haupt, und es war doch nicht der Onyx, der so lastete

— sondern das frische Gemüse.

Alles Tote, was sie trug, fühlte sie nicht; vielmehr hob sich alsdann der Korb in die Höhe und schwebte über ihrem Haupte. Aber ein frisches Gemüs oder ein kleines, lebendiges Tier zu tragen, war ihr äußerst beschwerlich. Verdrießlich war sie eine Zeit lang hingegangen, als sie auf einmal erschreckt stille stand; denn sie hätte beinahe auf den Schatten des Riesen getreten, der sich über die Ebene bis zu ihr hin erstreckte. Und nun sah sie erst den gewaltigen Riesen, der sich in dem Fluss gebadet hatte, aus dem Wasser steigen, und sie wusste nicht, wie sie ihm ausweichen sollte. Sobald er sie gewahr ward, fing er an, sie scherzhaft zu begrüßen, und die Hände seines Schattens griffen sogleich in den Korb. Mit Leichtigkeit und Geschicklichkeit nahmen sie ein Kohlhaupt, eine Artischocke und eine Zwiebel heraus und brachten sie dem Riesen zum Munde, der sodann weiter den Fluss hinaufging und dem Weibe den Weg frei ließ.

Die Alte besann sich, ob sie umkehren und das Fehlende holen sollte aus ihrem Garten, ging dabei aber immer weiter, bis sie an den Fluss kam und lange auf den Fährmann wartete. Endlich kam er. Ein junger, edler, schöner Mann stieg aus dem Kahn.

Was bringt ihr?

rief der Fährmann.

Es ist das Gemüse, das Euch die Irrlichter schuldig sind,

erwiderte die Frau. Der Fährmann wollte es nicht annehmen, da von jeder Art eines fehlte. Obgleich die Frau flehte und bat, die Gabe anzunehmen, sie könne den beschwerlichen Weg nicht wieder zurückgehen, lehnte er es doch ab,

indem er ihr versicherte, dass es nicht einmal von ihm abhange. «Was mir gebührt, muss ich neun Stunden zusammen lassen, und ich darf nichts annehmen, bis ich dem Fluss ein Drittteil übergeben habe, [...] Es ist noch ein Mittel. Wenn Ihr Euch gegen den Fluss verbürgt und Euch als Schuldnerin bekennen wollt, so nehm ich die sechs Stücke zu mir; es ist aber einige Gefahr dabei.» — «Wenn ich mein Wort halte, so laufe ich doch keine Gefahr? — «Nicht die geringste. Steckt Eure Hand in den Fluss [...] und versprecht, dass Ihr in vierundzwanzig Stunden die Schuld abtragen wollt.» Die Alte tats; aber wie erschrak sie nicht, als sie ihre Hand kohlschwarz wieder aus dem Wasser zog!

Alte ist sehr unglücklich, dass ihre schöne Hand schwarz geworden ist und sogar zu schwinden beginnt.

‹Jetzt scheint es nur so›, sagte [der Fährmann]; ‹wenn Ihr aber nicht Wort haltet, kann es wahr werden. Die Hand wird nach und nach schwinden, [...], ohne dass Ihr den Gebrauch derselben entbehrt. Ihr werdet alles damit verrichten können, nur dass sie niemand sehen wird.› — ‹Ich wollte lieber, ich könnte sie nicht brauchen und man säh mirs nicht an» sagte die Alte; indessen hat das nichts zu bedeuten, ich werde mein Wort halten, um diese schwarze Hand und diese Sorge bald los zu werden.›

Dreimal drei ist neun, die Zahl der menschlichen Sinnlichkeit; sie ist durch alle drei Reiche hindurchgegangen. Die Frau bezahlt den Strom der Leidenschaften mit den Früchten der Erde. Sie muss den Tribut an den Strom bezahlen. Der Kohlkopf symbolisiert die Blätter, die Zwiebel die Wurzel, die Artischocke die Frucht. Alle drei sind Schalengewächse.

Der seelischen Wesenheit — der Frau — geht ein Teil ihrer Früchte und Triebe, die sie sich durch Fleiß im Gartenland erworben hat, verloren; und zwar durch Schlafen, Träumen und Mangel an Wachsamkeit. Doch hat sie sich verpflichtet, die Schuld der Irrlichter — der Verstandeskraft — zu bezahlen. Der Verstand allein vermag weder Blätter noch Blüten noch Früchte zu treiben, das überlässt er den seelischen Kräften. Aber die niederen Naturkräfte — der Fährmann — bestehen auf ihr Recht; auch der Strom der Leidenschaften will befriedigt sein. Da es der Frau aber an den genügenden Mitteln dazu fehlt, büßt sie es an ihrem Leibe. Die Kräfte fehlen ihr zwar nicht, aber ihr Körper wird sehr entstellt dadurch, dass sie ihre Hand in den Strom getaucht hat. Gibt der Mensch der Leidenschaft Raum, so erleidet er Schaden. Sehr bezeichnend für die niedere Gesinnung des Menschen ist der Umstand, dass die Frau sich viel mehr grämt um das Aussehen — was werden die Leute sagen? — als um den Verlust der Fähigkeit zu arbeiten, die ihr freilich nicht droht, nach Ausspruch des Fährmannes.

Die Frau nimmt nun den Korb wieder auf, der frei über ihrem Kopfe schwebt,

und eilte dem jungen Manne nach, der sachte und in Gedanken am Ufer hinging. Seine herrliche Gestalt und sein sonderbarer Anzug hatten sich der Alten tief eingedruckt. Seine Brust war mit einem glänzenden Harnisch bedeckt, durch den alle Teile seines schönen Leibes sich durchbewegten. Um seine Schultern hing ein Purpurmantel, um sein unbedecktes Haupt wallten braune Haare in schönen Locken; sein holdes Gesicht war den Strahlen der Sonne ausgesetzt so wie seine schöngebauten Füße. Mit nackten Sohlen ging er gelassen über den heißen Sand hin, und ein tiefer Schmerz schien alle äußeren Eindrücke abzustumpfen.

Die Alte knüpfte ein Gespräch mit ihm an, worauf er aber kaum einging. Das wurde ihr langweilig und sie empfahl sich mit dem Bemerk, dass sie eilen müsse, um über die grüne Schlange den Fluss zu passieren und der schönen Lilie das Geschenk ihres Mannes zu überbringen. Als der Jüngling dies hört, ermannt er sich und läuft der Frau nach.

‹Ihr geht zur schönen Lilie!› rief er aus;
‹da gehen wir Einen Weg.›

Unterwegs tauschen sie ihre Schicksale aus. Der Jüngling beschreibt seinen elenden Zustand: Harnisch und Purpur sind ihm nur unnütze Last und Zierde geworden, Krone, Zepter und Schwert sind fort, er ist

nackt und bedürftig als jeder andere Erdensohn, denn so unselig wirken ihre [der Lilie] schönen blauen Augen, dass sie allen lebendigen Wesen ihre Kraft nehmen und dass diejenigen, die ihre berührende Hand nicht tötet, sich in den Zustand lebendig wandelnder Schatten versetzt fühlen.

Er beneidet den Mops, weil dieser durch ihre Berührung Leben gewinnen würde.

Der Jüngling ist die Menschheit überhaupt. Sie ist krank vor Sehnsucht nach dem Leben. Das Ewig-Weibliche zieht sie hinan. Wenn der Mensch hinan nach höherem Wissen strebt, so überfällt ihn eine Lähmung: Ohne feste moralische Grundlage ist es gefährlich, das höhere Wissen zu suchen. Der stürmische Angriff hat den Tod zur Folge. Die Liebe tötet das Leben; aber sie tötet, damit das wahre Leben erstehen könne. Stirb und werde.

Wer nicht stirbt, eh’ er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt.

Das niedere Selbst muss sterben. So ist der Tod die Wurzel des Lebens.

Sie kommen nun zur Brücke, sind erstaunt über die Herrlichkeit der grünen Schlange, die ganz von Edelsteinen funkelt; hoch gewölbt schwingt sie sich über den Fluss. Drüben angekommen, merken sie, dass noch mehrere Reisende mit hinübergegangen sind — die Irrlichter, die sie zwar nicht sehen, aber deren Gegenwart sich verrät durch ihr Zischeln mit der Schlange, welche sich nach erfolgtem Übergang ihnen anschließt. Weib, Jüngling und Schlange begeben sich nun zur weißen Lilie, während sich die Irrlichter einstweilen in dem Garten der Königin umsehen, bis es dämmerig wird.

Die Alte tritt der königlichen Jungfrau zuerst nahe und ist so entzückt von ihrer Schönheit und ihrem lieblichen Gesang zur Harfe, dass sie in begeisterte Lobpreisung ausbricht. Die Lilie spricht:

Betrübe mich nicht durch ein unzeitiges Lob! Ich empfinde nur desto stärker mein Unglück.

Sie erzählt, dass ihr Kanarienvogel, ihre ganze Freude und Wonne, durch den Habicht erschreckt, sich an ihren Busen geflüchtet habe und dort gestorben sei. Sie sei untröstlich, denn dass der Täter, durch ihren Blick gelähmt, dort am Teiche seine Strafe verbüße, könne ihr nicht helfen. Ihr Vogel - die prophetische Kraft — sei tot und müsse begraben werden.

‹Ermannt euch, schöne Lilie!› rief die Frau, [...] ‹mein Alter lässt Euch sagen, Ihr sollt [...] das größte Unglück als Vorbote des größten Glücks ansehen, denn es sei an der Zeit.›

Dann erzählt sie von ihrem Missgeschick und bittet die Lilie, ihr den fehlenden Kohlkopf, Zwiebel und Artischocke zu geben, damit sie damit ihre Schuld bezahle und ihre Hand wieder weiß würde. Kohlkopf und Zwiebel [- Wurzel und Blätter —] will die Lilie gern geben, aber die Artischocke — eine Frucht — weist der Garten nicht auf, in welchem auf dem Grabe ihres Lieblings frisches Grün sprosste, Früchte aber brächte er nicht hervor.

Die Frau achtet kaum auf die Rede der schönen Lilie; sie sieht zu ihrem Schrecken die Hand immer schwärzer werden und immer mehr schwinden und will sich eilig entfernen, als sie des Mopses eingedenk wird, den sie der Lilie nun hingibt.

Die schöne Lilie sah das artige Tier mit Vergnügen und, [...], mit Verwunderung an. ‹Es kommen viele Zeichen zusammen,› sagte sie, ‹die mir einige Hoffnung einflößen; aber ach! ist es nicht bloß ein Wahn unsrer Natur, dass wir dann, wenn vieles Unglück zusammentrifft, uns einbilden, das Beste sei nah? Was helfen mir die vielen guten Zeichen?
Des Vogels Tod, der Freundin schwarze Hand?
Der Mops von Edelstein, hat er wohl seinesgleichen?
Und hat ihn nicht die Lampe mir gesandt?
Entfernt vom süßen menschlichen Genusse,
Bin ich doch mit dem Jammer nur vertraut.
Ach! warum steht der Tempel nicht am Flusse!
Ach! warum ist die Brücke nicht gebaut!›

Ungeduldig ob des langen Gesanges will die Frau sich entfernen, als sie durch das Erscheinen der Schlange gehindert wird. Diese naht der schönen Lilie und spricht ihr Mut ein:

Die Weissagung von der Brücke ist erfüllt!

Viel herrlicher als früher erhöbe sie sich über den Fluss von lauter Edelsteinen glänzend, sagt die Frau. Die Lilie hält aber doch die Weissagung noch nicht für erfüllt, da nur Fußgänger die Brücke passieren können; die Verheißung aber laute, dass auch Pferde und Wagen über eine feste Brücke fahren würden — deren Pfeiler im Strome ruhten —, die aus dem Flusse heraussteigen würde.

Die Alte will, immer ihre Hand betrachtend, sich nun verabschieden, da bittet die Lilie sie, ihren armen Kanarienvogel mitzunehmen.

‹Bittet die Lampe, dass sie ihn in einen schönen Topas verwandle; ich will ihn durch meine Berührung beleben und er, mit Eurem guten Mops, soll mein bester Zeitvertreib sein; aber eilt, was Ihr könnt! denn mit Sonnenuntergang ergreift unleidliche Fäulnis das arme Tier und zerreißt den schönen Zusammenhang seiner Gestalt auf ewig.› Die Alte legt den kleinen Leichnam zwischen zarte Blätter in den Korb und eilt davon.

Die Schlange setzt das Gespräch fort:

‹Der Tempel ist erbauet.› — ‹Er steht aber noch nicht am Flusse› versetzte die Schöne. ‹Noch ruht er in den Tiefen der Erde,› sagte die Schlange; ‹Ich habe die Könige gesehen und gesprochen.› - ‹Aber wann werden sie aufstehn?› fragte Lilie. Die Schlange versetzte: ‹Ich hörte die großen Worte im Tempel ertönen: Es ist an der Zeit!› Eine angenehme Heiterkeit verbreitete sich über das Antlitz der Schönen. ‹Höre ich doch›, sagte sie, ‹die glücklichen Worte heute schon zum zweiten Mal; wann wird der Tag kommen, an dem ich sie dreimal höre?›

Nun folgt die Beschreibung ihres Gefolges, der drei lieblichen Dienerinnen. Durch ihre Berührung wird der Mops lebendig, und wenn auch nur halbes Leben in ihm ist, so spielt sie doch gern mit ihm.

Der traurige Jüngling naht, abgemattet und blass naht er sich der Geliebten. Er trägt den Habicht — das Symbol des Zukunftverkünders, Propheten der Mysterien — auf seiner Hand.

‹Es ist nicht freundlich,› rief Lilie ihm entgegen, ‹dass du mir das verhasste Tier vor die Augen bringst, das [...] meinen kleinen Sänger heute getötet hat.› ‹Schilt den unglücklichen Vogel nicht!› versetzte darauf der Jüngling; ‹klage vielmehr dich an und das Schicksal und vergönne mir, dass ich mit dem Gefährten meines Elends Gesellschaft mache.›

Eifersüchtig auf den Mops, mit dem die schöne Lilie spielt und ihn an ihren Busen drückt, erwacht in dem Jüngling der letzte Rest seines Heldenmutes. Er macht eine heftige Bewegung, der Habicht fliegt auf, er aber stürzt auf die Schöne los, und das Unglück ist geschehen: Er stürzt tot zu ihren Füßen. In stummer Verzweiflung sieht die Lilie nach Hilfe aus. Die Schlange bildet mit ihrem Leib

einen weiten Kreis um den Leichnam, fasste das Ende ihres Schwanzes mit den Zähnen und blieb ruhig liegen.

Die Dienerinnen, von denen die erste den Sessel bringt, nahen wieder, die zweite legt einen feuerfarbigen Schleier um das Haupt der Gebieterin, die dritte bringt die Harfe. Kaum hatte die Lilie dem Instrument einige Töne entlockt, als die Erste mit einem Spiegel kam, ihn der Gebieterin vorhielt, sodass sie ihr herrliches Bild, welches durch die Trauer noch verschönert war, darin erschaute.

Wer schafft uns den Mann mit der Lampe,

zischte die Schlange. Die Schöne schluchzte nur. In diesem Augenblick kommt atemlos die Frau angelaufen:

Ich bin verloren und verstümmelt!

rief sie aus. Weder der Fährmann noch Riese wollten sie hinübersetzen.

Vergesst eure Not und helft hier. Sucht die Irrlichter auf, dass der Schatten des Riesen sie übersetze und sie den Mann mit der Lampe holen.

In großer Betrübnis harrte die Lilie, in Ungeduld sah die Schlange nach Hilfe aus. Da

erblickte sie hoch in den Lüften mit purpurroten Federn den Habicht, dessen Brust die letzten Strahlen der Sonne auffing. Sie schüttelte sich vor Freude über das gute Zeichen, und sie betrog sich nicht; denn kurz darauf sah man den Mann mit der Lampe über den See hergleiten, gleich als ob er auf Schlittschuhen ginge.

Nachdem er sein Kommen erklärt [hat], spricht er:

‹Sei ruhig, schönstes Mädchen! Ob ich helfen kann, weiß ich nicht; ein einzelner hilft nicht, sondern wer sich mit vielen zur rechten Stunde vereinigt. Aufschieben wollen wir und hoffen. Halte deinen Kreis geschlossem», sprach er zur Schlange.

Er selbst setzte sich auf einen Stein daneben und ließ den Schein der Lampe auf den Leichnam fallen.

Bringt auch den toten Kanarienvogel her.

Er wird auch auf den Leichnam gelegt. Die Sonne war untergegangen; die Lampe, die Schlange und der Schleier der Jungfrau leuchteten, jedes mit eigenem Licht.

Sorge und Trauer waren durch eine sichere Hoffnung gemildert.

Nur die Alte, die mit den Irrlichtern hergekommen war, war voller Besorgnis für ihre Hand. Die Irrlichter unterhielten sich mit der schönen Lilie, und Mitternacht kam heran, ehe man sich’s versah.

Der Alte sah nach den Sternen und fing darauf zu reden an: ‹Wir sind zur glücklichen Stunde beisammen, jeder verrichte sein Amt, jeder tue seine Pflicht, und ein allgemeines Glück wird die einzelnen Schmerzen in sich auflösen, wie ein allgemeines Unglück einzelne Freuden verzehrt.›

Das Zusammenwirken aller Kräfte war nötig, um Hilfe zu schaffen. Jeder Einzelne war erfüllt von seiner Aufgabe und äußerte sich darüber laut sprechend, nur die drei Dienerinnen waren eingeschlafen vor Müdigkeit.

‹Fasse›, sagte der Alte zum Habicht, ‹den Spiegel, und mit dem ersten Sonnenstrahl beleuchte die Schläferinnen und wecke sie mit dem zurückgeworfenen Lichte aus der Höhe!›

Die Schlange machte sich nun los und schlängelte dem Flusse zu, die Irrlichter folgten ganz ernsthaft. Der Alte und seine Frau zogen den Korb in die Länge, welcher einen eigenen, früher nicht bemerkten Schein verbreitete, legten den Leichnam des Jünglings hinein und legten den toten Kanarienvogel auf seine Brust. Der Korb hob sich in die Höhe und schwebte über dem Kopf der Alten, die den Irrlichtern unmittelbar folgte.

Die schöne Lilie nahm den Mops auf ihren Arm und folgte der Alten, der Mann mit der Lampe beschloss den Zug und die Gegend war von diesen vielerlei Lichtern auf das sonderbarste erhellt.

Am Ufer angelangt, betrachtete die Gesellschaft staunend den wundervollen Bogen, den die Schlange über den Fluss geschlagen hatte. Die Edelsteine leuchteten und strahlten in wunderbarer Schöne. Als alle hinüber waren, bewegte sich auch die Schlange ans Ufer und schloss wieder einen Kreis um den Leichnam.

Der Fährmann, der von ferne aus seiner Hütte hervorsah, betrachtete mit Staunen den leuchtenden Kreis und die sonderbaren Lichter, die darüber hinzogen.

Der Alte verneigte sich vor der Schlange und sagte:

‹Was hast du beschlossen?› — ‹Mich aufzuopfern, ehe ich aufgeopfert werde›, versetzte die Schlange; ‹Versprich mir, dass du keinen Stein am Lande lassen willst!› Der Alte versprach’s und sagte darauf zur schönen Lilie: ‹Rühre die Schlange mit der linken Hand an und deinen Geliebten mit der rechten› Lilie kniete nieder und berührte die Schlange und den Leichnam. Im Augenblick schien dieser in das Leben überzugehen; er bewegte sich im Korbe, ja er richtete sich in die Höhe und saß. Lilie wollte ihn umarmen, allein der Alte hielt sie zurück, er half dagegen dem Jüngling aufstehn und leitete ihn, indem er aus dem Korbe und dem Kreise trat. Der Jüngling stand, der Kanarienvogel flatterte auf seiner Schulter, es war wieder Leben in beiden, aber der Geist war noch nicht zurückgekehrt; der schöne Freund hatte die Augen offen und sah nicht, wenigstens schien er alles ohne Teilnahme anzusehen.

Als die Verwunderung über diese Begebenheit sich etwas gelegt hatte, bemerkte man mit Staunen die Veränderung, die mit der Schlange vor sich gegangen war. Der Körper war in tausend und tausend Edelsteine zerfallen, als die Alte unvorsichtig an sie gestoßen hatte, während sie nach ihrem Korbe greifen wollte. Der Alte und seine Frau sammelten sorgfältig die Edelsteine in ihren Korb, trugen sie an eine hohe Stelle am Ufer des Flusses und schütteten sie in den Strom. Der Alte eröffnete nun den Zug nach dem Heiligtum; er schritt mit der Lampe voraus. Der Jüngling folgte halb mechanisch. Die Lilie zaghaft in einiger Entfernung, die Alte suchte ihre Hand in das Licht der Lampe zu bringen, die Irrlichter schlossen den Zug. Der Weg führte durch den Felsen, der sich vor ihnen öffnete. Bald kamen sie vor ein großes, ehernes Tor,

dessen Flügel mit einem goldenen Schloss verschlossen waren. Der Alte rief sogleich die Irrlichter herbei, die [...] geschäftig mit ihren spitzesten Flammen Schloss und Riegel aufzehrten.

Der Eingang zu den höheren Bewusstseinsstufen muss zunächst durch den Verstand gesucht werden.

Laut tönte das Erz, als die Pforten schnell aufsprangen und im Heiligtum die würdigen Bilder der Könige, durch die hereintretenden Lichter beleuchtet, erschienen. Jeder neigte sich vor den ehrwürdigen Herrschern [...]. Nach einiger Pause fragte der goldne König: «Woher kommt ihr? — «Aus der Welt» antwortete der Alte. «Wohin geht ihr? fragte der silberne König. «In die Welt,, sagte der Alte, «Was wollt ihr bei uns® fragte der eherne König. «Euch begleiten, sagte der Alte.

Die Irrlichter hatten sich an den goldenen König herangemacht. Der wehrt ihnen und sagte:

Hebet euch weg von mir! Mein Gold ist nicht für euren Gaumen!

Nachdem sie den silbernen beleuchtet, schlichen sie am ehernen vorbei zu dem gemischten.

‹Wer wird die Welt beherrschen?› rief dieser mit stotternder Stimme. ‹Wer auf seinen Füßen steht.› antwortete der Alte, ‹Das bin ich!› sagt der gemischte König. ‹Es wird sich offenbaren›, sagte der Alte; ‹denn es ist an der Zeit.› Die schöne Lilie fiel dem Alten um den Hals und küsste ihn aufs herzlichste. ‹Heiliger Vater› sagte sie, ‹tausendmal danke ich dir, denn ich höre das ahnungsvolle Wort zum drittenmal.› Sie hatte kaum ausgeredet, als sie sich noch fester an den Alten anhielt, denn der Boden fing unter ihnen an zu schwanken. Die Alte und der Jüngling hielten sich auch aneinander, nur die beweglichen Irrlichter merkten nichts.

Der Tempel bewegte sich erst in die Tiefe, dann unter dem Strom hindurch, und beim Aufstieg fielen die Trümmer der kleinen Hütte des Fährmanns durch die Kuppel des Tempels und bedeckten den Alten und den Jüngling. Die Frauen waren beiseitegesprungen.

Die Weiber schrien laut, und der Tempel schütterte wie ein Schiff, das unvermutet ans Land stößt. Ängstlich irrten die Frauen in der Dämmerung um die Hütte; die Tür war verschlossen, und auf ihr Pochen hörte niemand.

Zu ihrer Verwunderung fing das Holz an zu klingen. Durch die Kraft der verschlossenen Lampe hatte das Holz sich in Silber verwandelt, und allmählich dehnte es sich zu einem herrlichen Gehäuse von getriebener Arbeit aus. Nun stand ein kleiner Tempel oder Altar in der Mitte des großen.

Durch eine Treppe, die von innen heraufging, trat nunmehr der edle Jüngling in die Höhe, der Mann mit der Lampe leuchtete ihm, und ein anderer schien ihn zu unterstützen, der in einem weißen, kurzen Gewand hervorkam und ein silbernes Ruder in der Hand hielt;

es war der Fährmann, der ehemalige Bewohner der verwandelten Hütte.

[Durch den] Gang über die Brücke, der notwendig war, sollte der Tempel offenbar werden, das konnte nur geschehen durch das Zusammenwirken aller Kräfte. Nur durch die Aufopferung des Selbst war das Überschreiten des Stromes der Leidenschaften möglich. Die Irrlichter müssen den Tempel aufschließen; man muss natürliches Wissen haben, um in die Geheimnisse einzudringen.

Die schöne Lilie stieg die äußeren Stufen hinauf, die von dem Tempel auf den Altar führten; aber noch immer musste sie sich von ihrem Geliebten entfernt halten. Die Alte, deren Hand

fast ganz geschwunden war, war sehr unglücklich, dass bei so vielen Wundern kein Wunder ihre Hand retten könne.

Ihr Mann deutete nach der offenen Pforte und sagte: ‹Siehe, der Tag bricht an, eile und bade dich im Flusse!› — ‹Welch ein Rat!› rief sie; ‹ich soll wohl ganz schwarz werden und ganz verschwinden; habe ich doch meine Schuld noch nicht bezahlt› — ‹Gehe›, sagte der Alte, ‹und folge mir! Alle Schulden sind abgetragen.› Die Alte eilte weg, und in dem Augenblick erschien das Licht der aufgehenden Sonne an dem Kranze der Kuppel; der Alte trat zwischen den Jüngling und die Jungfrau und rief mit lauter Stimme: ‹Drei sind, die da herrschen auf Erden: die Weisheit, der Schein und die Gewalt.› Bei dem ersten Worte stand der goldene König auf, bei dem zweiten der silberne, und bei dem dritten hatte sich der eherne langsam emporgehoben, als der zusammengesetzte König sich plötzlich ungeschickt niedersetzte.

Die Irrlichter hatten sich lange um ihn beschäftigt und nicht eher geruht, bis sie auch die feinsten Äderchen aus seiner Gestalt herausgeholt hatten. Damit war ihm aber jeglicher Halt geraubt und er sank in sich zusammen, wurde ein unförmlicher Klumpen.

Der Mann mit der Lampe führte nunmehr den schönen, aber noch immer starr vor sich hinblickenden Jüngling vom Altare herab und gerade auf den ehernen König los. Zu den Füßen des mächtigen Fürsten lag ein Schwert in eherner Scheide. Der Jüngling gürtete sich. ‹Das Schwert an der Linken,›

— nur zur Abwehr, nicht zum Angriff —

‹die Rechte frei!›

— um Segen und Frieden zu spenden —

rief der gewaltige König. Sie gingen darauf zum silbernen, der sein Zepter gegen den Jüngling neigte. Dieser ergriff es mit der linken Hand und der König sagte mit gefälliger Stimme: «Weide die Schafe' Als sie zum goldenen König kamen, drückte er mit väterlich segnender Gebärde dem Jüngling den Eichenkranz aufs Haupt und sprach: «Erkenne das Höchste!

Der Alte, der den Jüngling während des Umganges genau beobachtet hatte, sah, wie sich nach der Umgürtung seine Brust hob, seine Arme sich reckten und seine Füße fester auftraten;

indem er das Zepter in die Hand nahm, schien sich die Kraft zu mildern und durch einen unaussprechlichen Reiz noch mächtiger zu werden; als aber der Eichenkranz seine Locken zierte, belebten sich seine Gesichtszüge, sein Auge glänzte von unaussprechlichem Geist, und das erste Wort seines Mundes war: «Lilie. ‹Liebe Lilie›, rief er, als er ihr die silbernen Treppen hinauf entgegeneilte, [...] «was kann der Mann, ausgestattet mit allem, sich Köstlicheres wünschen als die Unschuld und die stille Neigung, die mir dein Busen entgegenbringt? - O! mein Freund, fuhr er fort, indem er sich zu dem Alten wendete und die drei heiligen Bildsäulen ansah, ‹herrlich und sicher ist das Reich unserer Väter, aber du hast die vierte Kraft vergessen, die noch früher, allgemeiner, gewisser die Welt beherrscht: die Kraft der Liebe.› Mit diesen Worten fiel er dem schönen Mädchen um den Hals; sie hatte den Schleier weggeworfen und ihre Wangen färbten sich mit der schönsten, unvergänglichsten Röte. Hierauf sagte der Alte lächelnd: ‹Die Liebe herrscht nicht, aber sie bildet und das ist mehr.›

Unvermerkt war der Tag völlig angebrochen und die erstaunten Augen sahen durch die offenen Pforten:

ein großer, von Säulen umgebener Platz machte den Vorhof, an dessen Ende man eine lange und prächtige Brücke sah, die mit vielen Bogen über den Fluss hinüberreichte.

Diese herrliche Brücke war schon belebt mit allerlei Volk zu Fuß und zu Wagen. Beglückt durch ihre wechselseitige Liebe, schauten der König und seine Gemahlin entzückt auf das Volk.

‹Gedenke der Schlange in Ehren!› sagte der Mann mit der Lampe; ‹du bist ihr das Leben, deine Völker sind ihr die Brücke schuldig, wodurch diese nachbarlichen Ufer erst zu Ländern belebt und verbunden werden. Jene schwimmenden und leuchtenden Edelsteine, die Reste ihres aufgeopferten Körpers, sind die Grundpfeiler dieser herrlichen Brücke; auf ihnen hat sie sich selbst erbaut und wird sich selbst erhalten.› Man wollte eben die Aufklärung dieses sonderbaren Geheimnisses von ihm verlangen, als vier schöne Mädchen zu der Pforte des Tempels hereintraten. An der Harfe, dem Sonnenschirm und dem Feldstuhl erkannte man gleich die Begleiterinnen Lilies. Aber die vierte [...] war eine Unbekannte [...]. «Wirst du mir künftig mehr glauben, liebes Weib?› sagte der Mann mit der Lampe zu der Schönen. ‹Wohl dir und jedem Geschöpf, das sich diesen Morgen im Flusse badet!› Die verjüngte und verschönerte Alte, [:..], umfasste [...] den Mann mit der Lampe, der ihre Liebkosungen mit Freundlichkeit aufnahm. ‹Wenn ich dir zu alt bin,› sagte er lächelnd, ‹so darfst du heute einen anderen Gatten wählen; von heute an ist keine Ehe gültig, die nicht aufs neue geschlossen wird.› ‹Weißt du denn nicht,› versetzte sie, ‹dass auch du jünger geworden bist?› — ‹Es freut mich, wenn ich deinen jungen Augen als ein wackrer Jüngling erscheine; ich nehme deine Hand von neuem an und mag gern mit dir in das folgende Jahrtausend hinüberleben.›

Eine Störung in das allgemeine Glück brachte der große Riese, der noch nicht erholt vom Morgenschlaf über die Brücke taumelte. Schlaftrunken wollte er sich wie gewöhnlich im Flusse baden und fand da plötzlich die Brücke, auf welcher er ungeschickt zwischen Menschen und Vieh hineintrat. Seine Gegenwart wurde

von allen angestaunt, doch von niemandem gefühlt; als ihm aber die Sonne in die Augen schien und er die Hände aufhub, sie auszuwischen, fuhr der Schatten seiner ungeheuren Fäuste hinter ihm so kräftig und ungeschickt unter der Menge hin und wieder, dass Menschen und Tiere in großen Massen zusammenstürzten, beschädigt wurden und Gefahr liefen, in den Fluss geschleudert zu werden. Der König, der diese Untat erblickte, fuhr mit einer unwillkürlichen Bewegung nach dem Schwerte, doch besann er sich und blickte ruhig erst sein Zepter, dann die Lampe und das Ruder seiner Gefährten an. ‹Ich errate deine Gedanken,› sagte der Mann mit der Lampe; ‹aber wir und unsere Kräfte sind gegen diesen Ohnmächtigen ohnmächtig. Sei ruhig! er schadet zum letztenmal, und glücklicherweise ist sein Schatten von uns abgekehrt.› Indessen war der Riese immer näher gekommen, hatte vor Verwunderung über das, was er mit offenen Augen sah, die Hände sinken lassen, tat keinen Schaden mehr und trat gaffend in den Vorhof hinein. Gerade ging er auf die Türe des Tempels zu, als er auf einmal in der Mitte des Hofes an dem Boden festgehalten wurde. Er stand als eine kolossale, mächtige Bildsäule von rötlich glänzendem Stein da, und sein Schatten zeigte die Stunden, die in einen Kreis auf dem Boden um ihn her nicht in Zahlen, sondern in edlen und bedeutenden Bildern eingelegt waren. Nicht wenig erfreut war der König, den Schatten des Ungeheuers in nützlicher Richtung zu sehen; [...] Indessen hatte sich das Volk dem Riesen nachgedrängt, [...] und seine Verwandlung angestaunt. Von da wandte sich die Menge nach dem Tempel, den sie erst jetzt gewahr zu werden schien, und drängte sich nach der Tür. In diesem Augenblick schwebte der Habicht mit dem Spiegel über dem Dom, fing das Licht der Sonne auf und warf es über die auf dem Altar stehende Gruppe.

Der Habicht, der Zukunftsverkünder, lehrt auch die Gesetze verstehen. Wenn diese verstanden werden, kann das Wissen ertragen werden.

Der König, die Königin und ihre Begleiter erschienen in dem dämmernden Gewölbe des Tempels von einem himmlischen Glanze erleuchtet, und das Volk fiel auf sein Angesicht. Als die Menge sich wieder erholt hatte und aufstand, war der König mit den Seinigen in den Altar hinabgestiegen, um durch verborgene Hallen nach seinem Palaste zu gehen, und das Volk zerstreute sich in dem Tempel, seine Neugierde zu befriedigen. Es betrachtete die drei aufrecht stehenden Könige mit Staunen und Ehrfurcht,

aber als sie voll Neugierde zu dem vierten kamen, war der unförmliche Klumpen mit einem kostbaren Teppich zugedeckt, den niemand zu heben vermochte. Das Volk hätte sich im Tempel fast selbst erdrückt, wenn nicht die Irrlichter ihre Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hätten. Es machte ihnen Spaß, während sie abzogen, das eingesogene Gold von sich abzuschütteln, worüber denn die Leute mit Scherz und Lachen herfielen.

Begierig lief das Volk noch eine Zeitlang hin und wider, drängte und zerriss sich auch noch, da keine Goldstücke mehr herabfielen. Endlich verlief es sich allmählich, zog seine Straße, und bis auf den heutigen Tag wimmelt die Brücke von Wanderern, und der Tempel ist der besuchteste auf der ganzen Erde.

Vieles gibt es noch zu deuten. Die Schlange, die sich in den Schwanz beißt und den toten Jüngling einschließt, ist das Budhi-Prinzip, das gelebt und geliebt werden muss. Das Scheinen des Göttlichen - Atma — ist der Frieden, die Harmonie, das Allbewusstsein. Es ist erreicht worden durch die Umgestaltung des Verlangens in Liebe. Alles wird wieder jung.

Die zerbrochene Hütte der niederen Kräfte wird verwandelt durch den Lebensgeist; nun können die niederen Kräfte hinüber und herüber leiten. Der Riese — die Naturkräfte — haben ihre zerstörende Kraft verloren; das ist der Schluss, der erst nach einem bestimmten Zeitabschnitt eintreten wird. Der letzte Feind, der aufgehoben wird, ist der Tod. Dann geben sie [die Naturkräfte] nur die rhythmischen Zeitmaße an. Und die Brücke, auf welcher das Volk unbehindert hin und wieder zum Tempel gehen kann? Ist sie nicht der Glaube, der unabhängige Glaube, der durch den Opfertod Christi erst möglich geworden ist; der Glaube, der beseligt, auch ohne das Schauen der Mysterien? Aber das Höchste verbirgt sich dem Auge der Menge. Der König und die Königin steigen von ihrem Throne herab und verbergen sich. Die ganze Herrlichkeit wird dem Glauben erst klar und offenbar, wenn die Weisheit sich zum Glauben gesellt, dann erst kann Vollkommenheit erreicht werden.

Fassen wir kurz zusammen, was Goethe uns mit dem «Märchen» sagen wollte: Es ist die symbolische Darstellung von der Erlösung des einzelnen Menschen sowohl wie des ganzen Menschengeschlechts; das Geheimnis des Werdens und Vergehens und der endlichen Seligkeit.

Viele haben sich an die Deutung des «Märchen» gewagt. Man hat Goethe gebeten, selbst eine Erklärung zu geben. Er versprach dies zu tun, wenn hundert Erklärungen abgegeben wären. Darauf sind alle Erklärungen gesammelt und gezählt worden, doch ist Goethe gestorben, ohne dass die Zahl hundert erreicht wurde. Somit fehlte es bisher an einer richtigen Deutung. Es war wohl noch nicht an der Zeit. Die richtige Deutung kann eben nur einer geben, der die Mysterien kennt.

German original of The Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily by Goethe · ← Previous · Next →