Goethe and the Present
GA 68c — 18 January 1905, Bonn
XV. Goethes «Faust», Ein Bild Seiner Weltanschauung vom Gesichtspunkt des Theosophen
öffentlicher Vortrag Bonn, 18. Januar 1905
Im Mittelalter können wir eine mystische Strömung verfolgen von Meister Eckhart bis zu Jakob Böhme. Goethe ist in die Tiefe der mystischen Weisheit hinuntergestiegen. Ein bloß gelehrtes Erklären der Werke Goethes ist nicht genügend. Goethe war ein gründlicher Kenner der Mystik in ihrer ganzen Tiefe. In seinem Evangelium, seinem «Faust», hat er ein Bild seiner theosophischen oder mystischen Weltanschauung gegeben.
Der Theosoph hat die Überzeugung, dass der Mensch in sich einen Kern trägt, welcher Seele, welcher Geist ist. Auch Giordano Bruno hatte die Überzeugung, dass die Seele und der Geist eine über das Stoffliche hinausreichende Bedeutung haben. Das ist die Überzeugung des Theosophen. Die Theosophie erhebt die Religion zur Weisheit; sie erhebt den Glauben zum Wissen. Dass im Menschen ein Gottmensch enthalten ist, der aus dem göttlichen Schoße hervorgegangen ist und sich entwickelt und wieder zur Gottheit zurückkehrt, lehrt die Theosophie. Sie sieht in der Natur einen Ausdruck des göttlichen Urgrundes.
Goethe sucht von Jugend an den Gott in der Natur und die Widerspiegelung des göttlichen Seins in dem eigenen Herzen. Er sieht in den Naturprodukten einen Ausdruck des göttlichen Geistes. Die andere Wissenschaft beschäftigt sich nur mit dem sinnlichen Reich, sie kennt nichts von dem seelisch-geistigen Reich. Der Mensch ist [als Geistwesen] hineingestellt [in die Natur] und führt seinen Kampf in dieser physischen Welt. Goethe schildert [im «Faust»] den großen Menschenkampf, der den Menschen führt zu seiner Höherentwicklung, durch die der Mensch den Einblick gewinnt in die seelische und geistige Welt und erkennt, dass er ein göttliches Selbst, ein göttliches Ich bildet. Goethe will darauf hindeuten, dass der Kampf wurzelt in der geistigen Welt, in dem Prolog im Himmel. Der Kampf findet statt zwischen dem Guten und Bösen. Es ist der Kampf geistiger Weltenmächte. Wenn der Mystiker hinaufdringt zu der höchsten Welt, da spricht er von der Sphärenmusik in dem Sinne der Pythagoreer; er spricht davon, dass diese höchste Welt eine Welt der Töne und der Harmonien ist.
Der Mystiker sieht in dem Sternenhimmel den schaffenden Weltengeist in tönender Harmonie.
Die Sonne tönt nach alter Weise
sagt Goethe. Die Welt ist der Ausdruck des göttlichen Weltgedankens. Die Gedanken der Menschen sind Nachbildungen des göttlichen Weltengedankens.
Was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestiget mit dauernden Gedanken.
Faust will das Geistige erkennen. Geister sind in der Welt; der Menschengeist, der Planetengeist, der Geist des Sonnensystems, Goethe zitiert den Erdgeist. Die physische Erde ist nur der Ausdruck für einen wirklichen Erdgeist. Goethes Beschreibung des Erdgeistes ist sachgemäß. Wenn wir das Leben auf der Erde studieren, in seinem Entstehen und Vergehen, so finden wir einen Geist der Erde, der ganz anders geartet ist als die Geister anderer Planeten. Das Wirken an der Gottheit unsterblichem Kleid ist tatsächlich die Aufgabe des Geistes der Erde.
Wenn wir den ganzen strebenden Faust betrachten, erkennen wir, dass er immer mehr und mehr eindringen will in sein Inneres. Wir können uns selbst nur erkennen, wenn wir durch Erfahrung hindurchgehen. Faust geht hindurch durch den ganzen Weltenschauplatz. Das zeigt der erste Teil. Die Theosophie lehrt, dass der Mensch durch Erfahrungen sich die menschlichen Fähigkeiten erwirbt und hinaufsteigt auf höhere Stufen des Daseins. Alles, was der Mensch, der ein Sinnen- und Verstandesmensch ist, kennenlernen kann, das hat Faust kennengelernt. Er will aber das, was dahinter liegt, erkennen.
Goethes Überzeugung war, dass der Mensch sich dem höchsten Quell der Erkenntnis nur als ein vorbereiteter, geläuterter Mensch nähern kann. Faust geht zuerst durch alle einzelnen sinnlichen Erfahrungen hindurch, durch die Erfahrungen des niederen Selbst. Die versuchenden Kräfte werden nun im Mephistopheles dargestellt. Nur dadurch, dass der Mensch den Widerstand überwindet, macht er sich vollkommen, besser.
Als Faust nun durch den Lebenskampf hindurchgegangen ist, erinnert er sich, dass der Erdgeist zu gleicher Zeit Ausdruck des göttlichen Geistes ist. Der zeigt ihm die Verwandtschaft des Menschen mit der ganzen Natur und führt ihn dann zur Selbsterkenntnis. Das ist der Ausdruck dafür, wie der Mensch von dem Vergänglichen zu dem Dauernden geführt wird. Aber der Mensch muss erst Erfahrungen machen. Faust unterliegt der Versuchung. Er wird der Verführer. Nachher sehen wir ihn im Tiefsten zerknirscht und niedergedrückt, wie das innere Selbst nicht heraus kann.
Im zweiten Teil soll gezeigt werden ein Übergang, wie die geistige Welt in die sinnliche Welt hineinrückt. Goethe zeigt uns, wie das Innere des Faust erregt wird, wenn er hinhorcht auf die geistige Welt. Wieder erscheint die tönende Geisteswelt, im Einklange mit aller Mystik.
Innerlich soll Faust hinaufkommen zu den Höhen der Menschheit. Wir werden an den Kaiserhof geführt. Es wird uns gezeigt, wie Faust, wie der Mensch, nicht nur für sich wirkt, sondern für das niedere Ich vieler Menschen. Faust erzeugt für die Menschen den sinnlichen Wohlstand. Eine größere Lektion macht Faust durch, aber noch innerhalb der Sinnlichkeit. Höher hinauf soll er geführt werden. Faust soll imstande sein, etwas zu zeigen, was nicht mit den Sinnen erreicht werden kann. Was ursprünglich gelebt hat, ist noch im Geiste vorhanden. Die geistigen Urbilder sind irgendwo vorhanden. Der Versucher hat ihn durch die sinnliche Welt hindurchführen können. Zu den ewigen Urgründen der Dinge, zu der geistigen Welt, hat Mephistopheles den Schlüssel, aber nicht die Macht, selbst einzudringen. Darum gibt er Faust den Schlüssel zu dem Reich der Mütter.
Das höchste Seelische hat die Mystik aller Zeiten als etwas Weibliches bezeichnet. Die ganze Welt stellt sich der Mystiker als befruchtenden Vater vor. Die Seele ist das Ewig-Weibliche, das immer reifer wird durch die Befruchtung von außen. Das höchste Seelisch-Geistige ist das Reich, in dem die Gottheit ursprünglich thront. Es ist das Reich der Urbilder, der Mütter.
Der Theosoph erkennt, dass die tiefste Wesenheit in dreifacher Gestalt zum Ausdruck kommt. Faust findet den glühenden Dreifuß. Er entspricht der tiefsten Wesenheit des Menschen, die der Theosoph «Atma, Budhi, Manas» nennt. Es sind die obersten drei Prinzipien des Menschen.
Im Reich der Mütter sind die Urbilder aller Dinge. Faust ist imstande, die Urbilder aller Dinge heraufzubringen. Den Geist hat Faust hinaufgeholt von Paris und Helena.
Wie der Mensch zusammenlebt als Leib, Seele und Geist, das ist in wunderbarer Weise im zweiten Teil des «Faust» dargestellt. Dem Geist darf man sich nur in Reinheit nähern, nicht mit Verlangen. Gereinigt muss der Mensch vorher sein von den Begierden, dem Verlangen. Faust muss noch gereinigt werden und höhere Erkenntnisse erringen. Das wird noch ausgeführt. Faust kommt zurück ins Laboratorium. Der Homunculus ist die Seele. Der Geist wohnt bei den Müttern, den Quellen des geistigen Lebens. Die Seele wird in dem Homunculus [vorgeführt]. Die Seele wohnt im physischen Körper, [wie Homunculus in der Glasphiole], ist aber selbst unvergänglich. Sie kann durch den physischen Körper sinnlich wahrnehmen. Der Mystiker kennt durch seine praktische Erfahrung das leiblose Sehen.
Das seelische Auge ist hellseherisch. Dem Homunculus fehlt es an körperlichen Eigenschaften, aber nicht an seelischen. Der Homunculus sieht den Traum des Faust. Die plastische Art, wie Goethe den Homunculus darstellt, wie er sich sehnt nach Verkörperung, nach dem Eindringen in die körperliche Welt, zeigt, wie die Seele lebt in der seelischen Welt mit solchen Eigenschaften, wie sie der Homunculus besitzt. Der menschliche Leib in seinem Zusammenhang mit Seele und Leib wird hier dargestellt.
In der klassischen Walpurgisnacht wird uns beschrieben, wie der Homunculus im untersten Reich [anfängt, sich zu verkörpern,] und sich hindurchentwickelt durch alle Reiche der Natur. Als der Homunculus sich aus dem Mineralreich hinaufentwickelt zum Pflanzenreich, heißt es, um dies anzudeuten:
Es grunelt so.
Dann, als das Geschlechtsleben beginnt, lässt Goethe den Eros auftreten. Schließlich zerschellt Homunculus an dem Muschelwagen der Galathea. Er ist durch alle Reiche der Natur hindurchgegangen und verbindet sich mit dem Geist und wird Mensch.
Jetzt, da Leib, Seele und Geist verbunden sind, kann Helena leibhaftig auftreten. In Helena wird uns das Weibliche dargestellt. In äußerer Gestalt soll Helena dem Faust das Seelische vor Augen führen. Es ist eine Entwicklung des Faust zum Seelischen hinauf. Dann tritt für den Faust Selbsterkenntnis ein, ein mystisches Erlebnis. Das entsteht dadurch, dass der Mensch in den Feieraugenblicken des Lebens in eine geistige Welt schauen kann. Dann gebiert er den göttlichen Geist in seinem Innern. Das wird bei Faust dargestellt durch die Geburt des Euphorion. Der Mensch verbindet sich mit seinem höheren Selbst - das Weibliche, die Helena. Der Sohn von beiden ist Euphorion. Euphorion stellt dar, wodurch dieser und jener Mensch, auf diese oder jene Weise, in sich das Geistige gebiert. Für den einen ist es die Poesie, für den andern die mystische Anschauung. Sie ist individuell, diese Erkenntnis der höheren Welten in den Feieraugenblicken des Lebens.
Wenn der Mensch zum Alltag zurückkehrt und dann sich erinnert an das, was er geboren hat in den Feieraugenblicken des Lebens, dann hört er ertönen die Worte:
Lass mich im düstern Reich,
Mutter, mich nicht allein!
Faust ist noch immer nicht so weit, dass das mystische Leben zu dem Grundstein seines Wesens wird. Goethe selbst hat seinen Faust aber als Mystiker definiert. Er sagt zu Eckermann über den zweiten Teil des «Faust»: Für den Eingeweihten ist der tiefere Sinn bemerkbar.
Faust erringt sich endlich die Möglichkeit, als ein selbstloser Mensch zu leben. Ein Sendbote des göttlichen Weltenwirkens will er werden. Er hängt aber noch an der äußeren, sinnlichen Anschauung. Er ist noch nicht über alles Sinnliche erhaben. Er ruft noch einmal Zerstörung hervor - Zerstörung der Hütte. Nun folgt die letzte Stufe zum Aufstieg. Er macht dabei noch einen Fortschritt. Wenn der Mensch schon zu einer höheren Entwicklung gekommen ist, nagen doch noch an ihm die niederen Gedanken, die Sorge. Durch die Sorge erblindet er. Sein äußeres sinnliches Anschauen schwindet dahin. Dadurch leuchtet im Innern helles Licht. Da ist sein innerer Sinn eröffnet. Alles, was der Mensch erkennen, was er einsehen kann, hat Goethe im Faust vorgeführt. Wie die Seele am Anfang und am Ende sein wird, zeigt er. Am Anfang das unschuldige Gretchen — am Ende wieder Gretchen als das Weibliche im Menschen, das Seelische. Auf dem Gipfel der Entwicklung wird das Unzulängliche Ereignis. Faust kann anschauen, was man mit den Sinnen nicht anschauen kann. Wir haben im Faust die Entwicklung aus dem niederen Selbst heraus zu dem höheren Selbst hinauf, vor uns.