Goethe and the Present

GA 68c — 13 January 1912, Winterthur

XXXV. Von Paracelsus Zu Goethe

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Der Gesichtspunkt, von welchem aus von mir heute Abend gesprochen werden soll auf Wunsch einiger hiesigen Freunde der theosophischen oder geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, dieser Gesichtspunkt ist keineswegs ein in der Welt beliebter und in weiteren Kreisen anerkannter. Mit Ausnahme einiger, verhältnismäßig noch weniger unserer Zeitgenossen, welche aus einer tiefen Erkenntnis und langen Beschäftigung mit der Sache eine intensiv wirkende Überzeugung nach der Richtung der in Betracht kommenden Weltanschauung gewonnen haben, mit Ausnahme dieser findet dieser Gesichtspunkt überall Widerspruch, Zweifel und Missverständnis. Und derjenige, der zum ersten Male an einem Orte über einen solchen Gegenstand spricht, gibt sich natürlich nicht einer Illusion hin, dass mit der Andeutung einiger Bemerkungen, die in einem kurzen Vortrag gemacht werden können, irgendwie eine Überzeugung hervorgerufen werden könne. Bin ich doch an dem heutigen Abend in der etwas zweifelhaften Lage, mancherlei anführen zu müssen aus der theosophischen Weltanschauung, wofür es zwar hinlänglich Beweise gibt für denjenigen, der tiefer in das gemeinte Gebiet eintritt, was aber doch heute Abend nicht mit allen notwendigen Beweisen wird angeführt werden können.

Angeknüpft soll werden, nach den Wünschen der hiesigen Freunde unserer Weltanschauung, an eine Gestalt der geistigen Menschheitsentwicklung, die gewissermaßen diesem Erdenteil, auf dem wir uns befinden, interessant sein muss, weil sie lange hier gelebt hat in dieser Stadt, und angeknüpft soll werden weiter an eine Persönlichkeit, die, wie jeder anerkennen muss, tief eingegriffen hat in das Geistesleben unserer Zeit — an Goethe. Nicht, dass gezeigt werden soll, dass man aus der Weltanschauung des Paracelsus und Goethe nur bestätigt finden könnte, was aus Geisteswissenschaft hervorgehen kann, sondern gezeigt soll werden, dass schon in ihnen Gestalten gegeben sind, welche gerade in ihrem Ringen und Streben zeigen, dass dasjenige, was Geisteswissenschaft oder Theosophie will, herbeigesehnt und erstrebt worden ist von denjenigen, die beim Herannahen der neuzeitlichen Geistesentwicklung und unserer Gegenwart in ihrer Art versuchten, die Zeichen der Zeit und die Bedürfnisse der menschlichen Seele zu deuten.

Bevor wir aber in der Lage sein werden, anzuknüpfen an die geistige Bedeutung von Paracelsus und Goethe und den Weg, den die Entwicklung von Paracelsus bis Goethe genommen, werden wir den Standpunkt der Theosophie erst charakterisieren müssen, so wie uns Theosophie oder Geisteswissenschaft in der Gegenwart in der Welt entgegentritt. Theosophie oder Geisteswissenschaft ist keineswegs etwas, das verwechselt werden darf mit irgendwelchen religiösen. Bekenntnissen irgendeines Gebietes unserer Erde. Nicht hat sie die Absicht, an die äußeren religiösen Bekenntnisse zu treten, oder gar irgendeine Religion oder Sekte zu bilden. Das liegt ihr fern, weil ihre Quellen solche sind, dass sie kann in keiner Weise beeinträchtigen die religiösen Bekenntnisse oder die religiösen Überzeugungen der Menschen.

Auf der anderen Seite findet der charakterisierte Gegenstand seine Widersacher namentlich unter denen, welche fest zu stehen glauben auf dem auch von den Geistesforschern geschätzten Boden der Naturwissenschaft. Das ist das Große der geisteswissenschaftlichen Anschauung, dass sie sich in Bezug auf die Art ihres Denkens ganz auf den Boden wissenschaftlichen Denkens stellt; aber sie will, ausgehend von diesem wissenschaftlichen Denken, hinaufführen zu den höchsten Regionen des Daseins, nach deren Erkenntnis die menschliche Seele sich sehnt. Sich sehnt aus dem Grunde, weil der Mensch braucht Ausblicke nach höheren Welten, wenn er sicher sein will in seiner Arbeit innerhalb der äußeren sichtbaren Welt, in der er zu wirken hat. In die Welt des Geistigen, in jene Welt, welche man auch nennen kann: die übersinnliche Welt, soll Theosophie oder Geisteswissenschaft hinaufführen. Damit ist zugleich dasjenige angegeben, meine sehr verehrten Anwesenden, was ihr ungeheuer viele Gegner schaffen muss in der Gegenwart, denn es geben ja heute ruhig denkende erste Wissenschaftler auch zu, dass dasjenige, was man mit den Mitteln der gewöhnlichen Wissenschaft erreicht, durchaus nicht Aufschluss geben kann über das Höchste, was an Kräften, an Wesenheiten diese Welt durchwebt und durchsetzt. Zugegeben wird also vielfach, dass unserer sinnlichen Welt eine geistige zugrunde liegt. Aber wenn auch solche besonnenen Menschen der Gegenwart nicht auf den Boden derjenigen Menschen sich stellen wollen, welche aus materialistischem Denken heraus sagen wollen: Der Mensch weiß, dass nichts wirklich ist, als was uns umgibt, so stehen sie doch vielfach auf dem Boden, dass sie sagen: Mag eine übersinnliche Welt hinter unserer sinnlichen Welt existieren — die Menschen-Erkenntniskräfte sind aber so beschränkt, dass man haltmachen muss vor dieser Geisteswelt.

Dass es eine geistige Welt gibt, der der Mensch ebenso angehört mit seiner Seele und mit dem, was in ihm geistig lebt, wie der Mensch mit seinen körperlichen Kräften angehört der Außenwelt, das ist wieder etwas, was durch die Geisteswissenschaft wieder der Welt bekannt gemacht werden soll. Dass man mit ebensolchen Mitteln wie in der Naturwissenschaft eindringen kann in diese Welt, das ist das Zweite. Es wird gut sein, da unsere Zeit beschränkt ist, jetzt zugleich darauf aufmerksam zu machen, wie der Mensch in der Art der Naturwissenschaft und ihres Denkens in die geistige Welt hinaufblicken kann. Naturwissenschaft dringt in das, was sie erforschen will, durch die Beobachtung, sie dringt ein aber auch durch das Experiment. Erforschung durch die Beobachtung, aber auch in etwa durch das Experiment, sind auch die Mittel der Geisteswissenschaft. Auch hier muss gleich darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie, die Geisteswissenschaft, ganz ehrlich und aufrichtig sich stellen muss auf den Boden eines Goethe’schen Ausspruchs, der die Methode unserer Wissenschaft vorausgeahnt hat:

Geheimnisvoll am lichten Tag
Lässt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.

Was will im Grunde genommen ein solcher Ausspruch sagen? Er will sagen: In die äußere Welt der Dinge und in die Kräfte, die ihr zugrunde liegen, können wir eindringen, mit all den Werkzeugen, die äußerlich in der Welt hergestellt werden. Und wenn wir absehen von den neuen Instrumenten der Naturwissenschaft, so wissen wir schon, dass auf elementarischem Gebiete durch das Mikroskop die Welt des unendlich Kleinen, und durch das Teleskop die unendlich große Welt, der Makrokosmos, erforscht worden ist. So dringt man ein in die Welt der Dinge, so kann man nicht eindringen in die Welt des Geistes. In die Welt des Geistes kann nur der Geist des Menschen eindringen, da kann es nur das einzige Werkzeug geben: den Geist des Menschen selber.

Nun ist es so, dass, was dieser Geist ist im Menschen, gewisse Grenzen hat, dass nur gewisse Dinge begriffen werden können, die an den Verstand gebunden sind. Sie können nachlesen, was hier nur gestreift werden kann, und was mehr als alle Macht und aller Reichtum bedeutet, dass der Mensch weitergeführt werden kann, dass er einzudringen vermag in ganz andere Welten, in meiner Schrift: «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?».

So wie man es im Laboratorium macht, wie in der Klinik, so kann man die menschliche Seele nicht geeignet machen, in die übersinnliche Welt einzudringen. Nur durch rein geistige Vorgänge kann man das. Man versteht den ganzen Sinn dieses geistigen Vorgangs, wenn man dieses folgende Beispiel sich klarmacht, an dem gezeigt wird, dass in dem Denken man ganz klug sein kann, in dem, wie es in den Methoden der Naturwissenschaften gemacht wird.

Wenn man Wasser hat, weiß man, dass dieses Wasser begriffen werden kann, wenn man es zerlegt in seine beiden Teile: Wasserstoff und Sauerstoff. Das weiß man. Aber, was Wasserstoff ist, und was Sauerstoff, um das zu untersuchen, muss man ihn abtrennen, den Sauerstoff oder den Wasserstoff, dann kann man ihn für sich betrachten.

Geist und Seele sind nun beim Menschen, so wie er in der Welt dasteht, verbunden mit dem ganzen Leibe, wie Sauerstoff und Wasserstoff mit dem Wasser. Unser Seelisch-Geistiges nimmt durch die Sinne, durch den Verstand nur die äußerliche Welt wahr in Farben, Tönen, Gerüchen und Geschmäcken. Man macht sich ein Bild, indem man die Naturgesetze entdeckt. Alles, was das Geistig-Seelische erreicht, erreicht es so, wie der Sauerstoff, wenn er im Wasser verbunden ist mit dem Wasserstoff. Wenn wir es aber untersuchen wollen, müssen wir es gerade so abtrennen vom Leiblichen, wie wir den Sauerstoff, wenn wir ihn untersuchen wollen, abtrennen müssen von dem Wasserstoff. Nun gibt es Mittel, dieses Geistig-Seelische abzusondern: die Meditation, die Konzentration. Alle diese sind Mittel, durch die in der Seele etwa das bewirkt wird, was der Chemiker bewirkt, wenn er das Wasser zerlegt in Sauerstoff und Wasserstoff.

Um das zu charakterisieren, werden wir sehen, was den Menschen zwischen Wachen und Schlafen erfüllt an Willensimpulsen, Hoffnungen und Sorgen. Das alles, was uns so erfüllt, wenn wir genauer zusehen, werden wir finden [und wir werden sehen], dass es nicht ohne äußeren Anlass da ist. Wir wissen, dass wenn wir die roten Rosen sehen, dass wir dann das Bild festhalten, wie man das Bild nicht selbst in der Seele geschaffen hat. So auch ist die Art, wie wir die Naturgesetze finden durch unseren Verstand. Wenn wir auf unsere Hoffnungen blicken, ebenso auf unsere Begierden, Leidenschaften, finden wir sie angeregt durch Äußeres. Wie können wir sagen, dass wir uns das durch eigenen Willen angeeignet haben? Wir wissen, wie das durch Anlässe der Außenwelt, durch unbekannte Tiefen unseres Seelenlebens geht. Unseren Schmerz, unsere Freude, unser Leid und unsere Lust bereitet die Außenwelt ohne unser Zutun. Das in der Seele Erleben haben nicht wir in den Mittelpunkt der Seele gestellt. Das ist, was der Geistesforscher unternehmen muss. Wenn der Geistesforscher durch reinen inneren Willen solche Vorstellungen, die er sich selbst gemacht hat, in seine Seele bringt, sagen wir «Sinnbilder». Nehmen wir zum Beispiel an, wir stellen uns vor, das Licht von irgendeinem Weltenkörper ausgehend. Aber dieses Licht stellen wir uns so vor wie den Körper eines geistigen Wesens, das ebenso einen Lichtkörper hat, wie wir einen Fleischkörper haben. Wenn Sie mir sagen, das sei ein Irrtum, so mache ich besonders darauf aufmerksam, dass bei solchen Vorstellungen, die wir als geistige Instrumente gebrauchen dürfen, wir uns keineswegs der Illusion hingeben, dass wir uns dadurch eine Vorstellung der Außenwelt gewinnen. Wenn solche Vorstellungen angegeben werden, die bestehen dazu, wahr zu sein nicht in dem Sinne, wie sonst die Vorstellungen, die wir uns in der Außenwelt bilden; sie haben die Aufgabe, als Tatsachen des Seelenlebens zu dienen. Der Mensch braucht unendliche Geduld und Energie, um zu solchen Vorstellungen zu gelangen, denn er muss alle Gedanken, die auf die äußere Sinneswelt Bezug haben, abweisen. Er muss so werden, wie der Mensch im Schlaf ist. Wenn alle äußeren Eindrücke schweigen, und auch der Verstand schweigt, während der Mensch von Finsternis umgeben und in der Bewusstlosigkeit ist, wird der Mensch, der sich Jahre und Jahre lang den inneren Übungen hingibt — sowie uns eine eigene Vorstellung zum moralischen Inhalte wird —, dazu kommen, in Bezug auf die Außenwelt und das übrige Seelenleben so zu werden, wie er im Schlaf ist. Nur dass die Bewusstlosigkeit nicht da ist. Es steigen da Kräfte herauf. Jetzt wissen wir, dass die Seele ein geistiges Wesen ist, das sich einen Inhalt geben kann. Da kommt die Seele nicht phrasenhaft hin, wie in der Mystik. Durch ebensolche Betrachtungsanstrengungen, wie der Mensch sie äußerlich durch physikalische Werkzeuge macht, da kommt die Seele dazu, sich innerlich zu erleben. Da kommt sie zu einem Erleben, das so frei ist von Leiblichkeit, von Stofflichkeit, wie der Sauerstoff frei ist von Wasserstoff, wenn er chemisch von ihm getrennt ist.

Es ist wohl schwierig, daran zu glauben von vorneherein. Aber nicht schwieriger, als zu glauben an ein neues Ergebnis der Naturwissenschaft, ist es, zu glauben, dass ein Mensch gelangt dazu, zu wissen, dass er geistige Augen und geistige Ohren bekommt. Ein erstes Ergebnis einer Erkenntnis, die auf diesem Wege gewonnen werden kann, ist, dass der Mensch gewahr wird, was eigentlich vorgeht, wenn wir abends einschlafen. Für die Geisteswissenschaft liegt vor, dass im Bette liegen bleibt dasjenige, was der Mensch gemein hat mit der Pflanzenwelt, eine äußere Leiblichkeit, dass aber herausgeht aus dieser Leiblichkeit ein innerer geistig-seelischer Wesenskern. Ein geistig-seelischer Wesenskern, der vom Einschlafen bis zum Aufwachen nicht in der physischen Wesenheit des Menschen ist, sondern in seiner eigenen Welt. Der Mensch kann das nur nicht wahrnehmen. Wahrgenommen aber wird dies, wenn der Mensch sich jene geistigen Augen und Ohren erworben hat. Dann weiß der Mensch, dass er in einer Welt sich befindet, in welcher ebenso geistige Tatsachen sich abspielen wie in unserer sinnlichen Welt. Die Natur trennt jede Nacht, was der Geistesforscher als Bewusstsein erwirkt hat, nur weiß der Mensch es nicht. Nun kommt ein wichtiges Ergebnis der Geisteswissenschaft zutage: dass man mit Mitteln der Geisteswissenschaft einen Beweis geben kann für etwas, was große Geister immer geahnt haben, was allerdings in weitesten Kreisen als eine Träumerei angesehen wird, was aber einen Weg machen wird durch die Weltenkultur, wie manches andere, das sich durch manchen Widerspruch der Welt hindurchgelebt hat. Da möchte ich auf etwas Ähnliches aufmerksam machen. Es ist noch nicht lange her, da hat die Menschheit geglaubt, dass niedere Tiere, kleine niedere Tiere, entwickeln sich können aus bloßem unlebendigen Stoff, leblosem Stoff. Man hat sogar geglaubt, dass Würmer aus Flussschlamm sich entwickeln können. Und bis vor wenigen Jahrhunderten konnte man in Büchern, die als gelehrt galten, dargestellt finden, wie Tiere hier sich entwickelten.

Es war eine große Tat des italienischen Naturforschers Francesco Redi, die Menschen darauf hingewiesen zu haben, dass nicht aus unlebendigen Stoffen sich entwickeln kann, sondern aus Lebendigem nur sich entwickeln kann Lebendiges. In Wahrheit ist in diesem Flussschlamm ein lebendiger Keim gewesen, von Lebewesen herrührend. Der Mann, der das erkannt und zuerst ausgesprochen hat, ist mit knapper Not dem Schicksal des Giordano Bruno entgangen.

Die neuere Geisteswissenschaft muss diesen Satz: «Lebendiges stammt nur aus Lebendigem» anwenden auf den Menschen, muss allerdings dann auch zu Beweisen kommen, die ebenso hoch über dem Satz «Lebendiges stammt nur aus Lebendigem» stehen, wie der Mensch über allem Lebendigen steht, denn beim Menschen haben wir es mit einem Individuum zu tun, während alle anderen Lebewesen in Gruppen und Arten sich darstellen. Für unsere Zeit ist es schon ganz natürlich, dass man in Bezug auf Geistig-Seelisches sprechen muss wie Francesco Redi in Bezug auf Lebendiges; dass man sagen muss: Falls ein Mensch mit gewissen Anlagen und Fähigkeiten, ja sogar mit einem gewissen Schicksal, hineingeboren wird in das Leben, und die Menschen dann meinen, das beruhe bloß auf Vererbung — so beruht dies bloß auf ungenauer Beobachtung, gerade wie es auf ungenauer Beobachtung beruht hat, dass die Menschen glaubten, dass Würmer aus Flussschlamm sich entwickeln können.

Die Geistesforschung zeigt, wie Lessing gezeigt hat, dass wenn ein Mensch heranwächst, wie von innen heraus immer bestimmter die Züge, immer bestimmter die Fähigkeiten werden, immer mehr sich ausdrückt das Geistig-Seelische. Dann dürfen wir sagen, dass es nicht nur Geerbtes von Vater und Mutter, Großvater und Großmutter ist, sondern wir müssen das zurückführen auf Geistig-Seelisches, was in der Gegenwart verlacht wird, aber sich ebenso einleben wird wie der Satz: Lebendiges kann nur aus Lebendigem entstehen. Was mit uns geboren wird, was uns gestaltet von unserer Geburt oder von der Empfängnis an, das kommt von einem früheren Erdenleben, und mit dem, was wir jetzt in uns tragen als geistig-seelischen Wesenskern, haben wir etwas, das, wenn wir durch die Pforte des Todes schreiten, weiterleben wird in der geistigen Welt, um sich wieder einen Leib zu bilden in einem späteren Erdenleben. Ganz im Sinne der Naturwissenschaft unserer Zeit kommt die Geistesforschung zu der Anschauung von verschiedenen Erdenleben, zu jener als Wahnsinn verschrieenen Reinkarnationslehre und zu jener Lehre von Karma, welche sagt, dass das, was wir erleben, was wir sind und wie wir uns zur Welt stellen können, eine Wirkung ist dessen, was wir getan, erlebt und gefühlt haben in früheren Erdenleben. Dass das, was wir jetzt tun, erleben und fühlen, eine Ursache sein wird für das, was wir tun, erleben und fühlen werden in einem späteren Erdenleben.

So teilt der Geistesforscher sein Leben zwischen dem, was zwischen Geburt und Tod und einer neuen Geburt ist, und in diesem ist er ein geistiges Wesen. Die Selbstständigkeit, die In-sich-Geprägtheit des Menschen erlangt man erst durch die Geisteswissenschaft, wenn man den Geist trennt. Sowenig man den Sauerstoff erkennen kann, so lange er im Wasser verbunden ist mit dem Wasserstoff, sowenig kann man den Geist erkennen, solange er verbunden ist mit der Leiblichkeit. Wenn man ihn heraustrennt von der Leiblichkeit, kann man ihn erkennen. Dann erkennt man auch, dass er nicht zu vernichten ist durch Leibliches, dass er sie charakterisiert als etwas Bleibendes, als etwas Ewiges.

Wenn wir diese Geisteswissenschaft oder Theosophie in der neueren Zeit hervortreten sehen, so soll sie nichts sein, was anknüpft an Altes, was man da oder dort auflesen kann. So zum Beispiel sagen manche: Ja, da bringt diese Geistesforschung mit ihrer Wiederverkörperungslehre, mit ihrer Lehre von Karma doch nur etwas, was wir im Buddhismus finden. Wir können aber finden, dass sie sich in ihrem Wichtigsten und Wesentlichsten unterscheidet von der Lehre, die der Buddhismus gibt als Wiederverkörperungslehre, etwas, was sie aus sich selbst mit dem Geist erkennt. Das ist ein Irrtum, dass sie sich an den Buddhismus anlehne, nein, sie steht auf ihrem eigenen Boden. Sie kommt zu dem, was sie erkennen will, durch die Untersuchungen derjenigen, die die eigene Seele machen zu einem Instrument, das in die geistige Welt eindringen kann.

Wir können sehen, wie die besten unserer Geister mit all ihrem Sehnen hinneigten zu dem, was die Geisteswissenschaft heute als eine reife Frucht pflücken will vom Baum der Erkenntnis. Und da kommt man dahin, den Blick zu lenken auf einen Geist, den man begreift, wenn man, wie es mir gegönnt war in der Nähe von Maria-Einsiedeln, längere Zeit in der Umgebung geweilt hat, von dem man weiß, dass dieser Geist das Licht der Welt erblickt hat, dass dort die Geburtsstätte dieses Geistes ist, dass Paracelsus dort geboren ist im Jahre 1493 und dort gelebt hat bis zu seinem vierzehnten Jahre. Einen merkwürdigen Geist finden wir da in diesem Paracelsus. Es ist einem da so ganz besonders in der Seele, wenn man sich da erging in dieser Natur von Maria-Einsiedeln. Was uns da in der Natur umgibt, erinnert daran, wie der Knabe da in wunderbarer Umgebung heranwuchs in das, was uns später so groß in seinem Geiste entgegentritt. Und das erregt in uns den Wunsch: Möchten doch diejenigen, die unsere Nachfolger sein werden, gerechter sein gegen uns, als wir gegen unsere Vorfahren. Da sagen wir so leichthin: Ja, eigentlich hatte wohl Paracelsus ein recht anerkennenswertes Streben, aber das, was er zutage gefördert hat, das kann doch heute kein Mensch mehr ernst nehmen, über das sind wir ja doch hinausgekommen. Kurz, in einem mehr oder weniger verbrämten Sinne sagt man doch nichts anderes, als dass solch ein Mensch ein Tropf sei. Möchte doch die Nachwelt gegen uns gerechter sein, denn das, was jetzt der Botaniker kennt, wird nach einigen Jahrhunderten ebenso charakterisiert werden können, denn nur ein Kurzsichtiger wird sagen können, dass das in alle Ewigkeit währt.

Aber Paracelsus ist uns doch, gegenüber dem, was wir durchmachen, wenn wir selbst Geistesforscher werden, eine Individualität, die sich fremdartig hinstellt für den, der hineindringen will in die höhere Welt, weil er ein klügerer und charakteristischerer Ausdruck seiner Zeit war, einer Zeit, die gerade da sich merkwürdig ausnimmt, in einer Zeit, wo gerade das sich hinstellt. Paracelsus erscheint uns tatsächlich so, wie wenn er von frühester Jugend an mit allem, was in der Natur wirkt und webt, innig verwoben war. Man kann nicht anders als die Worte, die Goethe spricht, auf Paracelsus anwenden:

Natur! Wir sind von dir umgeben und umschlungen — unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen. Sie schafft ewig neue Gestalten; was da ist war noch nie, was war kommt nicht wieder — Alles ist neu und doch immer das Alte.

In wunderbarer Weise ehrt Goethe dieses Verwobensein der Menschen mit der Natur da. Bei Paracelsus war es vorhanden, nur so, dass er in seinem Geiste, nicht bloß durch die Augen und den Verstand sah. Und zwar war es noch so, dass er nicht brauchte jene Ausbildung der Seele, die heute geschildert worden ist. Sondern von Natur war es so, dass, wenn er die Bäume rauschen hörte, den Wind durch den Raum spielen fühlte, nahm er die geistigen Naturkräfte wahr; nie nahm er abgesondert wahr, was in der Natur sich findet. Er sagte: Da drückt sich eine Seele aus, wie im Menschen, der nicht bloß von Papiermache ist. So sah Paracelsus in der Natur nicht nur Äußeres, sondern Gebärden für die in der Natur wirkenden geistigen Wesenheiten, die in einer übersinnlichen Welt vorhanden sind. Überall trachtete er daher, wo ihm eine Naturtatsache, eine Naturwesenheit entgegentrat, dem Geistig-Seelischen nach. Er war wie prädestiniert durch die Art, wie er herangewachsen war, dazu. Er sagte daher später immer, dass er stolz sei auf die Art und Weise, wie er ein ursprünglicher Mensch geblieben sei: Ich bin nicht aufgewachsen bei Weizenbrot und Feigen, wie die Zuckerfeinen: Ich bin aufgewachsen bei Roggenbrei und Schrotbrot. Aus diesem Verwachsensein mit der Natur entsprang bei Paracelsus eine innere Sicherheit, im Zusammenhang zu stehen mit der geistigen Welt. Es ist auch ein wunderbares Leben, wie der Knabe an der Hand des Vaters in Maria-Einsiedeln durch die Natur gegangen, und da manches Gespräch schon hatte in den frühesten Kindheitstagen über die Geheimnisse der Natur.

Und wie anders berührt es uns, wenn wir den Mann heranwachsen sahen, so stark in sich fühlend dieses Zusammenleben mit der Natur, dass er sich in Gegensatz zu stellen wagte mit dem, was um ihn herum war. Wir müssen uns nur auf den Standpunkt der damaligen Wissenschaft stellen. Da war der Blick nicht gerichtet auf die Tatsachen der Natur, sondern es waren da im Wesentlichen alte Überlieferungen, in Büchern aufbewahrte Überlieferungen, die erbten sich fort. Man hörte da auf dasjenige, was die Menschen sagten, was Aristoteles, was Galen gelehrt hatte. Es ist ja keineswegs eine bloße Legende, was ich Ihnen erzähle jetzt, um zu zeigen, wie es in der damaligen Zeit stand. Da hatte man geglaubt, und so hatte Aristoteles gelehrt, dass die Nerven des Menschen nicht vom Kopf, sondern vom Herzen entspringen. Galilei hatte einen Freund, der ein gelehrter Herr war. Diesen machte er darauf aufmerksam, dass man es ja an einer Leiche einfach demonstrieren könne, aber das wollte der Freund nicht glauben. Da führte ihn Galilei dahin, und zeigte es ihm an der Leiche, dass die Nerven vom Gehirn ausgehen, und darauf sagte der gelehrte Herr zu ihm: Das kann recht sein, du magst recht haben, aber wenn ich die Natur sehe und frage den Aristoteles, da glaube ich doch eher den Aristoteles.

Da kann man sehen, wie gewaltig die Anstrengungen sein mussten, die wieder an die Quelle der Natur führen wollten. Paracelsus wollte nicht aus Büchern lernen. Daher sehen wir ihn alle wegsamen Länder durchreisen: England, Frankreich, Ungarn, Polen, die Türkei. Wer etwas wissen will von der Welt, muss es nicht zu sich kommen lassen, sondern dahin gehen. Die Welt ist wie ein großer Organismus: Er macht die Menschheit gesund und krank. Aber ein anderes ist Gesundheit in Frankreich, ein anderes Gesundheit in Deutschland. In dem großen Buche der Natur wollte Paracelsus lesen. Daher scheute er sich nicht zu hören, was die Bauern sagten und die Schäfer, was die Schinder sogar sagten. Er wusste, dass diese mit ihrer elementaren Beobachtung etwas finden konnten für die wahre Erkenntnis.

So war es aber nicht zu verwundern, dass dieser Paracelsus, nachdem er sozusagen hinter die Bank gelegt hatte alle die gelehrten Werke, nach denen die anderen unterrichtet wurden, dass er das, was er erfahren hatte, ausdrücken wollte in Wortformen, die tief verwandt waren mit dem, was die Natur zu ihm sprach. Er drückte das aus, was die Natur hineinleuchten lässt von ihrem Geist in seine Seele: Er wollte es prägen, nicht in lateinischer Sprache, wie damals üblich war, er wollte es prägen in seine Muttersprache. Das war es, was ihn so sehr in Widerspruch brachte mit der damaligen Gelehrsamkeit. Als er nach Basel berufen war, da lehrte er nicht nur, was er selbst beobachtete, sondern er wagte noch, es in deutscher Sprache zu lehren. Und als er sich noch gegen andere Sitten von dazumal verging, da war seines Bleibens nicht länger. Das Genick hat ihm sozusagen gebrochen sein wunderbarer Vortrag. Er hatte von Angesehenen der damaligen Zeit geschätzte Kuren gemacht, geschätzt von Erasmus und anderen großen Geistern, niemals aber sich so den Patienten gegenübergestellt, dass er auf Honorar gesehen hätte. Es war das Geistig-Seelische, wie er zu den Menschen stand. Er sah niemals bloß, was sich im Äußeren darstellte. Er sagte: Meine Hauptarznei ist die Liebe. Ich versenke mich mit Liebe und Gefühl in meine Patienten; und das, was da war in dem Leibe, das wurde lebendig in der Seele des Paracelsus. Wenn das Bild der inneren Krankheit des Menschen mit der eigenen Seele des Paracelsus zusammentraf, dann stieg in seiner Seele, wie von selbst, das Bild der Pflanze oder des Minerals auf, die er zu verarbeiten hatte. Daher hatte er auch seine großen, seine bedeutsamen Erfolge. Wenn er auch im gewissen Sinne der Menschen angesehen werden konnte wie ein Landstreicher, er war ein großer Wohltäter der Menschheit.

Aber das hinderte nicht, dass etwas vorkommen sollte wie das Folgende. Ein großer Herr ging zu Paracelsus, um sich von ihm heilen zu lassen. Es waren hundert Taler ausgemacht als Honorar. Paracelsus verordnete ein Mittel. Nachdem es dreimal genommen worden war, wurde der Herr gesund. Dann aber sagte er: Ja, wenn ich so schnell gesund worden bin, so ist das nicht hundert Taler wert. Und obschon Paracelsus ja sonst keinen besonderen Wert auf die Bezahlung legte, da wurde Paracelsus wild und ließ «böse Zettel» drucken, wie es damals hieß, oder wie man heute sagt: Pamphlete. Die ließ er herumgehen. Ein Freund riet ihm dann, zu fliehen, und er verlor seine Stelle.

Es ging ihm aber durchaus im Leben meistens so. Äußerlich mag es eine Legende sein, was einem über seinen Tod berichtet wird, aber die Ärzte hatten einen solchen Hass auf ihn geworfen, dass es nicht unglaublich scheint, dass in Salzburg ihn ein Individuum einen Abhang hinunter und zu Tode stürzte — im Jahr 1541. Da Paracelsus ein durchaus temperamentvoller Mensch war und durchaus das, was er erlebte, mit seinem ganzen Enthusiasmus vertrat, so kann man sagen, dass dies eine innerliche Wahrheit hat, zumal wenn wir das letzte Bild des Paracelsus mit dem gramdurchfurchten Gesichte betrachten, dann haben wir die Empfindung: Der ist tragisch zugrunde gegangen, weil das, was sich in Größe auslebte in seiner Seele, sich nicht vertrug mit der Kleinheit seiner Zeit.

Wenn wir das betrachten, wie er angesehen hat die Zeit, so können wir sagen: Er hat noch nicht vordringen können bis zur Lehre von den wiederholten Erdenleben, aber er weiß, der Mensch, der da vor mir steht, ist kein Wesen, das sich erschöpft mit seinem physischen Dasein, sondern ein Wesen, das innerliche Natur hat, zusammenhängt mit inneren unsichtbaren Kräften einer übersinnlichen Welt. Ja, er sagte: Der Mensch kann nur erkannt werden, wenn man ihn als dreigliedriges Wesen nimmt, Zunächst ist da der Mensch, der mit dem physischen Verstand erkannt werden kann. Über dieser physischen Welt aber ist eine, die Geistesaugen allein schauen können. Dieser Mensch ist entnommen der astralischen oder siderischen Welt, wie Paracelsus sie auch nannte. Dann unterscheidet er weiter den höchsten Menschen, der der rein geistigen Welt angehört. Da sah Paracelsus hineingeheimnisst in unsere Sinnenwelt zwei andere, und der Mensch verwoben mit diesen zwei anderen, und wusste, dass der Mensch hineingehört in die geistig-seelische Welt.

Und dann sagte Paracelsus wiederum: Wenn wir diesen Menschen betrachten, muss der Mensch, wie er denkt und sinnt, sich allerdings darstellen als ein Geistig-Seelisches. Wenn er sah, wie eine Wahl getroffen wird im Innern seines Organismus an der Nahrung, so war das für Paracelsus ein Zeichen, dass zwischen dem Menschen, der denkt und forscht, und dem, der in der Leiblichkeit sich darstellt, noch ein anderer vorhanden ist. So spricht er von einem geistigen Leib, der mitgenommen wird, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht.

Paracelsus nennt diesen inneren Menschen den inneren Alchemisten, weil er die Stoffe der Natur verwandelt, so, dass sie zum Aufbauer des Menschen werden können. Und Paracelsus ist sich klar darüber, dass er nicht nur äußere Mittel brauchen darf, wenn er Menschen heilen will, sondern da arbeiten die übersinnlichen Kräfte, wenn der Mensch gesund oder krank ist. Daher sagt er nicht nur: Der Mensch muss durch ein Naturexamen gegangen sein, sondern er ist ein frommer Mann. Er weiß, dass wenn er Menschen heilen will, er bis in die tiefsten verborgenen Ursachen der Krankheiten hineindringen muss. Daher weiß ich, wenn ich einem Kranken gegenüberstehe, ich habe ein Präparat, aber mehr als alles das wirkt, wenn ich in meiner Seele überfließen lassen kann etwas: Das ist meine Hoffnung. Dass in dem geistigen Laufe der Ereignisse das, was ich als geistiges Erlebnis errungen habe, auch einfließen kann, dass ausfließen kann die Kraft, die ausfließt von meiner Hoffnung, von der ich ganz durchdrungen bin.

Man müsste noch vieles sagen, aber man kann von Paracelsus den Blick hinweglenken, um ihn in noch anderer Weise kennenzulernen, zu einem späteren noch aufgeweckteren Geist, zu Goethe. Und da stellt sich ganz merkwürdig neben die Betrachtung Goethes die Gestalt des Paracelsus, wie wenn Paracelsus Goethe über die Schulter herüberschauen würde, und insbesondere, wenn man sich der Betrachtung des Lebenswerkes Goethes, des «Faust», hingibt. Da ist es merkwürdig, dass in Bezug auf die äußere Charakteristik Faust etwas Ähnlichkeit mit Paracelsus hat. Doch man kann das verstehen. Goethe hat immer neben dem Faust des sechzehnten Jahrhunderts auch die Gestalt des Paracelsus vor seiner Seele gehabt. Und wie Paracelsus eine Zeit den alten Galen zur Seite gelegt, so lesen wir von diesem Faust: Er legte die Bibel eine Weile hinter die Bank und wurde ein Mensch, der in der Welt lebt. Die Bibel hat allerdings Paracelsus nicht hinter die Bank gelegt, aber er wandte sich von den alten medizinischen Büchern ab und wollte zu selbstständigem Wissen kommen. Und wenn wir so Faust verfolgen, in allem, wie Goethe ihn schildert, wie er hinausgeht mit den Landleuten und wie er von ihnen erinnert wird, wie der Vater ihn belehrt hat als Knaben, da kommt einem das Bild dieses Knaben Paracelsus, an der Hand seines Vaters in den Sinn. Und man hat so dasselbe Bild, so wie Goethe es gegeben hat in dem Spaziergang vor dem Tore.

Aber eines ist doch höchst merkwürdig. Paracelsus ist 48 Jahre alt geworden. Da ist er durch die Pforte des Todes gegangen nach einem Leben mit reicher Innerlichkeit, und hätte er die Gesundheit gehabt, nicht beeinträchtigt durch die Kleinheit seiner Zeit, so hätte er auch sagen müssen: Da stehst du allein; was das Ideal des «Faust» ist. Können wir uns nicht ganz sachgemäß Faust so alt vorstellen wie Paracelsus, als er gestorben ist? Nichts hindert uns. Während aber Paracelsus da hätte gestanden durch das reiche, kostbare, schätzensvolle Innenleben, durch das harmonische Sich-Ausgleichen mit allen Sehnsüchten der Welt, steht Faust vor uns — ungefähr in demselben Alter, wo Paracelsus auf der Höhe eminenter Befriedigung und Erkenntnis steht, steht Faust vor uns in Verzweiflung. Paracelsus hätte nicht dastehen können mit den Worten:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
durchaus studiert mit heißem Bemühn.

Paracelsus hätte sagen müssen: Gott sei Dank, dass ich bald davongelaufen bin, als ich studieren sollte alle diese Dinge, und zur Natur gegangen bin. Daher stand er zu den großen Dingen der Natur anders wie Faust. Nie hätte von ihm der Erdgeist gesagt:

Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!

Sondern er war verwandt mit dem Geiste, der

In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall' ich auf und ab,
Webe hin und her!

und von dem Faust mit Schrecken sich abwendet:

schreckliches Gesicht.

Und so steht der Faust, verzweifelt an dem, was uns die Wissenschaft geben kann, und doch nicht finden könnend das, wonach er sucht, nachdem er sich der Magie ergeben. Wir können das, da die Zeit drängt, natürlich alles nur streifen.

Goethe lässt seinen Faust durchgehen durch alles, was der Mensch durch seine Verirrung erlangen kann, er lässt ihn hindurchgehen durch alle Verirrungen, durch die der Mensch geht, wenn er nicht in der richtigen Weise in die geistige Welt eindringt, und besonders stellt er das vor in der Hexenküche. Derjenige, der in Faust dargestellt ist, kommt nicht in harmonischer Weise zu dem, was Goethe in seinem «Faust» insbesondere sich gewünscht. Nur dringt Goethe mehr und mehr, insbesondere durch seine italienischen Reisen, immer mehr in das, was Natur ihm gibt.

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.

Dieses Verwobensein mit dem Geist der Natur, Faust besitzt es: aber er ist nicht so weit, dass er den Geist in einer reifen Gestalt erkennen kann. Daher muss Goethe die Anerkennung der höheren Welt in der charakterisierten Gestalt der Hexenküche darstellen. Wir schreiten aber weiter, und sehen, wie er — Faust — an den Kaiserhof gelangt, und wie er da den Kaiser vergnügen muss auf allerlei Weise, und endlich ihm die Helena aus der Unterwelt herbeischaffen muss. Wir sehen, wie Goethe ihn heruntersteigen lässt in das Reich der Mütter, das heißt in die Welt des Seelisch-Geistigen. Da bringt er aber zunächst nur das Bild der Helena herauf. Aber er muss im Laufe der Zeit nicht nur das Bild, was der geistigen Helena ähnlich ist, sondern das, was sie in der geistigen Welt wirklich ist, heraufholen. Was ist dafür nötig? Dass er die richtige Verbindung kennenlernt von Leib, Seele und Geist, nämlich den physischen Leib, den ätherischen und astralischen Leib im geisteswissenschaftlichen Sinne. Wie es Faust zunächst nicht gelingt, Helena festzuhalten, sondern wie er erst verbinden muss Leib, Seele und Geist, da muss erst diese Seele so dargestellt werden, dass in sie hineindringen kann von der einen Seite der Leib, und von der anderen der Geist - Homunculus. Goethe greift da zu einem merkwürdigen Bilde, an dem die Leute viel herumstudiert haben: ;

Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften.

Und Thales rät ihm:

Gib nach dem löblichen Verlangen
Von vorn die Schöpfung anzufangen!
Zu raschem Wirken sei bereit!
Da regst du dich nach ewigen Normen,
Durch tausend abertausend Formen,
Und bis zum Menschen hast du Zeit.

Dass er - der Homunculus - Mensch werden soll, ist klar dargestellt. Weiter:

Komm geistig mit in feuchte Weite,
Da lebst du gleich in Läng’ und Breite,
Beliebig regest du dich hier;
Nur strebe nicht nach höheren Orden.

Da kommen die Kommentare ganz aus dem Text, weil man den Ton auf Orden gelegt hat, als ob er danach gestrebt habe, Orden zu bekommen. Es ist aber eine ganz einfache Sache. Da hat Goethe, wie so manches Mal, sein Frankfurter Deutsch gesprochen, und da haben es die Leute auch gedruckt, es muss aber einfach heißen Orten: «Doch strebe nicht nach höheren Orten». Es wird nämlich dem Homunculus, dem es nicht an geistigen Eigenschaften fehlt, es wird ihm, als er in die klassische Walpurgisnacht kommt, der Rat gegeben, er müsse durch solche Reiche der Natur gehen, durch das, was die Naturwissenschaft lehrt, dass der Mensch sich hinaufentwickelt durch das mineralische, Pflanzen- und Tierreich zur menschlichen Leiblichkeit.

Im Tiefsten, Untersten musst du beginnen. Das Durchgehen durch das Grünen der Pflanzenwelt ist dargestellt, um dasjenige zu charakterisieren, was der Mensch erlebt, wenn er das Stadium des Pflanzlichen erlebt, und Homunculus sagt:

Es grunelt so.

Und um nun auf das zu kommen, was durch die Liebe in den Menschen bewirkt wird, erleben wir das Ende des zweiten Aktes, wo Homunculus, der so weit gediehen ist, dass er die Kräfte der drei Reiche der Natur in sich hat —- das wird uns durch den Anklang an die Elemente dargestellt —, an der Muschel der Galathee zerschellt. Dann, wenn sich so weit verleiblicht hat das Geistige durch die drei Reiche, tritt uns das dar als das Bild der Helena.

Dann zeigt Goethe weiter, wie Faust sich weiterentwickelt. Wunderbar, wie er vor Augen führt, wie Faust immer tiefer zur Erkenntnis kommt, dass Goethe das erst als eine vollendete zeigt in dem Augenblicke, wo die Augen erblinden. Finsternis außen, aber innen leuchtet das Licht. Durch Miterleben der geistigen Welt kann er frei werden von der äußerlichen Welt. Das zeigt er uns damit, dass Faust erst, als das äußere Licht erlischt, das innere Schauen erlebt. Und dennoch, so darf Goethe doch nicht den Faust hinstellen wie Paracelsus. Faust fällt in Unglück: Er kann nur zur Anschauung des geistigen Lichtes kommen dadurch, dass das Äußere für ihn erstirbt, dadurch, dass er ein ganz anderer Mensch wird. Paracelsus konnten die Feinde zum Tode führen.

Warum ist auf dem Wege von Paracelsus zu Goethe eine solche Verwandlung der menschlichen Forschung und Erkenntnisgestalten eingetreten? Die Antwort gibt uns ein Ereignis, welches wenige Jahre nach der Zeit, wo Paracelsus durch die Pforte des Todes geschritten, und welches auf dem Weg von Paracelsus zu Goethe als ein großes erlebt wurde. Die Welt wurde bekannt gemacht mit der Kopernikanischen Weltanschauung. Man hat sich noch nicht klargemacht, was das heißt. Bis dahin hatte die Erde als der Mittelpunkt gegolten, um den sich das Firmament bewege, jetzt wurde durch Nikolaus Kopernikus den Menschen sozusagen der Boden unter den Füßen genommen. Mithin hat es keinen größeren Umstoß der Weltanschauung gegeben. Was war nun die Frucht eines solchen Umschwungs? Dass von jetzt ab ein solcher Gang der Seele zur unmittelbaren Erkenntnis der geistigen Welt kommen konnte. Bis jetzt hatte ein Höchstes geleistet eine Weltanschauung, welche das, was im physischen Raum ist, erkennt als das Einzige, und das, was sie hinstellt so, wie wenn es die Sinne erkennen. Ein sinnlicher Vorgang wurde als das Maßgebende hingestellt, in den äußeren Tatsachen die Lösung der Welträtsel gesucht.

Paracelsus stand nun unbeirrt durch eine solche materialistische Lösung der Weltenrätsel der Welt gegenüber und erwarb sich da, was er durch unmittelbare Anschauung der Natur erkennen konnte. Es wurde aber sonst in seiner Zeit in äußeren Tatsachen, durch sinnliche Vorgänge die Lösung der Welträtsel gesucht. Damit aber war für eine Weile im Innersten der Menschenseele erdrückt die Kraft, sich im Innersten der Seele auf das Geistige hinzurichten.

Dem Faust kann der Drang nach der geistigen Welt keine Befriedigung gewinnen. Die menschliche Seele war zu anderen Denkgewohnheiten gebracht. Faust stand der geistigen Wissenschaft verzweifelnd gegenüber, denn das Erste, was da als Geist sich offenbart, das sprich nicht zu ihm — wodurch Goethe Faust zu einem Menschen des achtzehnten Jahrhunderts gemacht hat. Goethe musste in Faust dasjenige erleben, was er erlangen sollte in der geistigen Welt. Damit hat Goethe auch charakterisiert unsere unmittelbare Gegenwart, unsere Zeit.

Goethe hat seine Faustgestalt zu einer tragischen gemacht, gesagt: In unserer Zeit ist der Mensch noch nicht so weit, dass er ohne Verlust des Zusammenhangs der Sinneswelt eindringen kann in die geistige Welt, so musste Faust das Auge verlieren.

Geisteswissenschaft oder Theosophie aber hat eine Art Erfüllung dessen, was Goethe als Aufgabe der neueren Zeit charakterisiert hat, denn Geisteswissenschaft will sein ein Ausgleich zwischen dem, was die neuere Naturwissenschaft als Tatsachen herbeigeführt hat, und dem, was der Geist als Tatsache der geistigen Welt sein kann. Der Mensch braucht das, und wir brauchen nichts weiter als Beweis dafür als die richtig begriffene Faustgestalt. Der Mensch braucht nicht bloß seine Entwicklungslehre der äußeren Tatsachen, sondern er braucht eine Erkenntnis von dem, was der Träger, der Gestalter der äußeren Welt ist. Und dadurch reiht sich an das Gesetz von Francesco Redi, dass Lebendiges nur aus Lebendigem entstehen kann, ein anderes: Geistig-Seelisches im jetzigen Erdenleben entsteht aus Geistig-Seelischem in früheren Erdenleben.

So wird Geistig-Seelisches wie die ganz legitime Fortsetzung der Naturwissenschaft erscheinen, gleichsam eine Wiederverkörperung eines Faust. Eines Faust, der nicht zu erblinden braucht, und doch Geistesaugen und Geistesohren hat, sodass es sein wird, wie wir bei Goethe lesen können:

Horchet! horcht dem Sturm der Horen!
Tönend wird für Geistesohren
Schon der neue Tag geboren.
Felsentore knarren rasselnd,
Phöbus’ Räder rollen prasselnd,

Welch Getöse bringt das Licht!
Es trommetet, es posaunet,
Auge blinzt und Ohr erstaunet,
Unerhörtes hört sich nicht.

So erscheint Paracelsus wie eine Persönlichkeit, die wir noch in alten Zeiten finden, wo die Menschen noch ein altes Erbgut hatten, wo die geistigen Seherkräfte aus der geistigen Welt schöpfen konnten. Es kam aber die Zeit, wo die geistigen Seelenkräfte verdunkelt wurden durch den äußeren Materialismus. Jetzt stehen wir in einer Zeit, wo wiederum sie sich entwickeln werden, und erwärmt und erleuchtet wird werden die Naturwissenschaft durch die Sicherung, Hoffnung und Erfüllung alles dessen, was wir durch unser Sinnen und Denken anstreben. So wird Naturwissenschaft viel Nützliches, Geisteswissenschaft oder Theosophie aber wird lehren, dass der Mensch mit seinem innersten Wesenskern der geistigen Welt angehört.

German original of From Paracelsus to Goethe · ← Previous