Goethe and the Present
GA 68c — 19 November 1911, Munich
XXXIV. Von Paracelsus zu Goethe
An einem schönen Septembertage dieses Jahres brachte mich eine Reise nach Zürich, und da der Tag zur freien Verfügung stand, wurde beschlossen, nach Maria-Einsiedeln zu gehen, das schon in der Frühzeit des Mittelalters ein bedeutsamer Wallfahrtsort war und sich einer wundersamen Lage erfreut. Es war auch gerade an diesem Tag eine sogenannte Wallfahrt, und da ein schönes, heiteres Wetter in Aussicht stand, konnte man ein außerordentlich bewegtes Leben in Maria-Einsiedeln erwarten, wie dies ja wohl allgemein bekannt ist.
Auch ich wollte eine Wallfahrt unternehmen, zu der sich hier Gelegenheit bot, nahm daher einen Wagen zur Teufelsbrücke, zu der man hügelauf und -ab fährt, und sah mich nach einiger Zeit dort und vor einem Haus, das erst kürzlich anstelle eines alten, historisch bedeutsamen Hauses gebaut war und zur Erinnerung an das alte Haus eine Tafel trug, die es als Geburtsstätte des berühmten Arztes und Naturforschers Philippus Aureolus Theophrastus Bombastus Paracelsus von Hohenheim bezeichnete, der hier im Jahr 1493 das Licht der Welt erblickte und 1541, also achtundvierzig Jahre alt, starb. Wenn man dort ein wenig verweilt, so empfindet man so recht den Zauber jener Natur, wie man sie nur in den Alpen antreffen kann. Alles, was da an Pflanzen aufsprießt und an Tieren vorhanden ist, mutet einen mit einem innigen Gefühl an, mit einer Sprache innigster Vertrautheit mit dem unberührten Wesen der Natur. Und mitten unter solchen starken Eindrücken der Verwobenheit mit einer äußerlich reizvollen Natur stieg in mir das Bild des jungen Paracelsus auf, der seine ersten neun Lebensjahre in dieser eindrucksvollen Umgebung zugebracht hatte. In ihm haben wir eine aufnahmefähige Persönlichkeit vor uns, die sich schon in den Kindheitsjahren viel von einer solchen Natur erzählen ließ. In diesem Knaben steckte eine Individualität, die förmlich dazu vorbereitet schien, an einer solch eigenartigen Stelle viele Geheimnisse der Natur, wenn auch anfangs nur ahnend, zu erlauschen. Wir können uns vorstellen, wie der Knabe den abwesenden Vater, einen angesehenen, viel beschäftigten Arzt, immer sehnlichst mit seinen Fragen erwartete, wie er häufig den Vater bei kleineren Gängen begleitete und wie manches Wort über Kranke, deren Pflege und die umgebende Natur in Fragen und sinniger Aufklärung gewechselt wurde. Als der Knabe neun Jahre alt geworden war, zog die Familie nach Villach in Kärnten, wo der Verkehr mit der Natur und dem Vater in gesteigertem Maße fortgesetzt werden konnte.
Nun folgen Sie mir, wenn ich Sie im Geiste vor ein Haus im östlichen Teil von Salzburg führe, an dem eine Tafel verkündet, dass hier T'heophrastus Bombastus Paracelsus von Hohenheim am 23. September 1541 gestorben ist. Da mag uns jene Legende in den Sinn kommen, die sich an seinen Tod knüpft und nach welcher die ihm äußerst feindlich gesinnten Ärzte jemanden gedungen haben sollten, der ihn von der nahen Anhöhe herabgestürzt habe. Zwischen die genannten Jahre schließt sich ein höchst eigentümliches Leben ein, und jene merkwürdige Persönlichkeit an der Wende des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts erscheint im Entwicklungsgang der Menschheit als die Abendröte einer gewissen Zeitepoche, die noch den geistigen Himmel alles Schönen und Grandiosen zeigen kann. Im Grunde genommen ist alles, was aus der Seele des Paracelsus zu erlauschen ist, ein Zeugnis davon, dass er fortgesetzt in einer innigen Verbindung mit der Natur sich erhielt und die ihn umgebende Welt verstand. Diese starken Beziehungen behielt er bei auf seinen weiten Wanderungen durch die Welt, in den Gegenden seiner Heimat, durch ganz Deutschland, Frankreich, Spanien, Portugal, Holland, Dänemark, Schweden, Russland, die Türkei, überall im schnellen Verständnis und heimisch mit dem, was ihm in den verschiedensten Formen als das Geheimnis des Daseins entgegentrat. So sammelte er einen reichen Seelen- und Wissensschatz auf seinen Wanderungen, und wie er die Welt in seiner Art durchforscht, wird uns erst recht klar, wenn wir uns vorstellen, wie er die von dort und aus seiner Jugend mitgebrachten Eindrücke auslebt auf der Universität in Basel, besonders wenn wir bedenken, wie damals die Universitätsstudien betrieben wurden, und wie es mit den naturwissenschaftlichen Forschungen und dem ärztlichen Wissen im Besonderen beschaffen war. Da wurden überall die alten Schriften von Galen und Avicenna zugrunde gelegt, und die gelehrten Herren der damaligen Universitäten lieferten in lateinischer Sprache eine Art Kommentar zu diesen alten Schriftstellern.
Paracelsus sagte ihnen: Ihr redet über Bücher, ihr seid weit entfernt von alledem, was in gewaltigen Offenbarungen die Natur selbst zu uns spricht, wenn wir ihr nur die Pforten unserer Seele öffnen, und er verließ diese offizielle Lehrstätte der damaligen Zeit. Manche nannten ihn damals und nennen ihn noch heute einen Landstreicher, das war er aber nur äußerlich, und zwar nur deshalb, weil er meinte, wenn man die Geheimnisse der Welt kennenlernen wollte, so müsse man zu den geistigen Wesenheiten gehen, die sich in ebendieser Welt auslebten. Seine hellseherischen Seelenkräfte wollte er anwenden, um zu erfahren, wie die Natur in ihrem Schaffen lebt, die Weltgeheimnisse in all jenen Ländern zu belauschen, die er durchwanderte. Nicht aus Büchern, sondern aus dem großen Buche der Natur, die einzelnen Seiten desselben wollte er treten, wie er sagte, sie umwenden beim Wandern von Ort zu Ort. Paracelsus hatte den Glauben, dass hinter dem Sinnlichen das Geistige liege und das äußerlich Wahrnehmbare nur eine Manifestation des Geistigen sei. Das große, umfassende Geistige habe verschiedene sinnliche Formen bei den Pflanzen, Tieren und Menschen in den verschiedenen Ländern und Klimaten, obgleich das Geistige einheitlich sei, das er in seiner Mannigfaltigkeit suchte, wie ein verborgenes Aroma oder ein verdecktes Licht. Es war ihm auch klar, dass zu diesen Mannigfaltigkeiten noch die äußere Ausgestaltung des derzeitigen Lebens, auch die der Menschheitstypen und der einzelnen Völkerschaften gehören, in ihren gesunden und kranken Zuständen. Die Krankheit stellte er sich vor als etwas Geheimnisvolles, aber mit verschiedenem Charakter in Deutschland, Ungarn, Italien und so weiter. Das, was ihm vor die Seele trat, wenn er sich der Natur unmittelbar gegenüberstellte, das wollte er kennenlernen, um eine heilsame Arzneiwissenschaft zu begründen. Wenn wir so Paracelsus in die vielgestaltige Welt hineingestellt sehen, so erkennen wir, wie er in dem großen Buch der Natur und seiner Seele besondere Kräfte fand, und dasjenige, was er sagte, nach seinen Studien und Erfahrungen, erhält einen geradezu persönlichen Charakter. Es stellte sich eine ganz eigenartige Seelenverfassung bei ihm ein, in Folge seines besonderen Verhältnisses zur Natur und ohne dass damit etwas Hochmütiges in ihm aufgetreten wäre, sagte er, dass er in sich und aus sich Kräfte sprechen fühle, die er so empfinde, als wenn nicht seine eigene Willkür und Logik, sondern als ob Natur unmittelbar in ihm und durch ihn spräche. Nur wer imstande ist, ein solches Verhältnis zu begreifen, in welchem sich Paracelsus völlig natürlich und wohl fühlte, nur der wird verstehen können, wie er sich seinen Fachgenossen und deren Büchern gegenüber nicht anders stellen konnte, als dies wirklich geschah, da es ihm nicht vorkam, als strebten sie nach echtem Wissen, wenn er sagte: Nicht soll, wer echte Arzneikunde lernen und ausüben will, zu den alten Schriftstellern gehen, nicht zu Galen und Avicenna, nicht nach Bologna, Paris und so weiter, nicht jenen nach, nicht dorthin, sondern mir nach; denn mein ist die Monarchei! So stand er gefestigt in sich selbst, und sein Wahlspruch war: Es soll niemand eines anderen Knecht sein, der für sich selber kann bleiben allein. So sehen wir Paracelsus als aufrechte, trotzige Persönlichkeit unter seinen Zeitgenossen, als einen Menschen, in dem eine hellseherische Kraft aufgetaucht war, der wusste, wie die Natur in ihrem Schaffen lebte, wie sie sich äußerte in dem gesunden und kranken Zustande des Menschen.
Aber ebenso unbehaglich, wie er sich als Student fühlte, so war es ihm auch als Professor und Stadtarzt in Basel. Obgleich er durch seine Reisen und sein Können berühmt war, er helfen konnte, wo alle anderen versagten, galt er doch seinen Kollegen mehr oder minder als ein Landstreicher, der mit zweifelhaften Personen umhergezogen war, und obgleich er nun als Lehrer in Amt und Würden sich anders benehmen sollte, doch derselbe auch in seinem Universitätsleben geblieben war. So kam er denn auch mit seinen Fachgenossen nicht zurecht; auch wenn wir ihn auf seinen Reisen verfolgen, wie er berühmte Kuren durchführt bei Armen, bei Fürsten und angesehenen Leuten und von diesen, sowie auch an höchster Stelle, um sein Honorar geprellt wurde. Berühmt ist er unter anderem dadurch geworden, dass er einen Menschen heilte, den wir als Vorboten der Zeit der Buchdruckerkunst ansehen können, nämlich Desiderius Erasmus von Rotterdam, der als glaubwürdiger Gelehrter ein Urteil voller Hochachtung und Ehrfurcht über Paracelsus fällte. In Basel kam ein eigenartiges und folgenschweres Ereignis zum Austrag: Paracelsus heilte einen Kanonikus Lichtenfels von einem schweren, schmerzhaften Übel und hatte sich für den Fall der Heilung ein Honorar von hundert Talern ausbedungen. Der Leidende nahm die ihm von Paracelsus verordneten Heilmittel dreimal, wurde dann gesund, wollte aber, wie er meinte, für eine solch einfache Leistung die Summe nicht zahlen. Da wurde denn Paracelsus recht wild und schickte lose Zettel in der ganzen Stadt herum. Der Rat der Stadt aber ließ ihm sagen, wenn er nach solchen Schmähungen des hochverehrten Kanonikus nicht in einer halben Stunde die Stadt verlassen habe, so würde man ihn ins Gefängnis stecken. Paracelsus entwich daher unter dem Schutze der Dunkelheit aus der Stadt.
Wie er so häufig mit seiner Umgebung zusammenstieß, so geschah dies auch mit seinen Fachgenossen, da er ja nach anderen Gesichtspunkten kurierte. Außerdem nahmen ihm diese sehr übel, dass er die für ihn selbstverständlichen Zusammenhänge, welche er als Geheimnisse der Natur abgelauscht hatte und nun zur Heilung und Pflege Kranker anwendete, ganz ohne Scheu mitteilte, dass er seine Erkenntnisse, die so intim mit seinen Seelenkräften gewonnen und verbunden waren, nicht vermeinte in der lateinischen Sprache mit ihren scharfen, abstrakten Konturen besser ausdrücken zu sollen, sondern er sich, statt der toten, der lebendigen deutschen Sprache mit ihrer großen Schmiegsamkeit, ihren feinen Nuancierungen bediente. Seine Fachgenossen begriffen nicht, wie sein ihnen unzugängliches Wissen mit unzählbaren Imponderabilien durchzogen war, wie er dieses, entgegen der Gewohnheit der gelehrten Schulen, noch dazu seinen Hörern deutsch vortragen konnte und dadurch die Würde der Universität nach ihrer zopfigen Anschauung herabzusetzen wagen konnte. Bei seinen Wanderungen suchten sie ihn überall anzuschwärzen, die Gelehrten forderten ihn zu lateinischen Disputationen auf, die er annahm, in denen er sie aber bei fachlichen Differenzen deutsch anbrüllte und damit ein lebendiges Abbild des Verhältnisses zwischen ihm und seinen Zeitgenossen gab. Es ist begreiflich, dass einem solchen Mann fast alle in der feindlichsten Weise entgegentraten, und ebenso, dass sein Leben in einem solch aufreibenden Kampf nur kurz sein konnte. Er war nicht imstande, sich bei seinem umfassenden, durchdringenden Wissen in die veräußerlichten Gewohnheiten seiner Fachgenossen hineinzufinden und das zopfige Gewand zu tragen, in dem diese damals auf dem Katheder erschienen, sodass sie von ihm sagten: Unseren Kollegen Paracelsus hat man im Gewand eines Fuhrmanns umhergehen sehen. Bei denen, die sich ihm an Wissen und Können nicht gewachsen fühlten, die er wegen ihrer wissenschaftlichen Maskerade offen verachtete, ist daher ein tiefer Hass zu verstehen und die Legende, die sich über sein Lebensende bildete: dass man ihn absichtlich zu Tode geärgert oder gar der Höhe bei Salzburg herabgestürzt habe. So erblicken wir sein Porträt, durchzogen von den tiefen Spuren seelischer Arbeit und den Leidensfurchen, die seine Gegner verschuldet hatten.
Um dem Seelenleben dieses Mannes näher zu treten, müssen wir uns die Frage zu beantworten suchen, wie sich eigentlich Paracelsus in seiner individuellen Eigenart die umgebende Natur, die er für seine Arzneiwissenschaft brauchte, und die menschliche Natur vorstellte; wie eigenartig seine geistige Auffassung war. Er stellte zunächst folgende Gesichtspunkte auf: Man muss die ganze große Welt, den Makrokosmos, in seiner Erscheinung begreifen können und verstehen, wie sich der Mensch als Mikrokosmos, als Einzelheit hineinstellt, wie die Luft zur Lunge, das Licht zum Auge in Beziehung steht, wie dasselbe draußen wirkt und drinnen im Menschen. Alles, was draußen kraftet, finden wir auch mit seinen Gesetzen im Menschen. Daher muss man aufsuchen, was den Menschen gesund und krank machen kann im Makrokosmos, vor allem als Angehörigen des Erdenplaneten als eines großen Organismus, in welchem der Mensch ein Glied vorstellt. Sodann sagte er: Obwohl der Mensch einzugliedern ist in die Kette der Naturerscheinungen, ist er doch ein in sich abgeschlossenes Wesen. Die Kräfte der gesamten Natur konzentrieren sich im Menschen, können ihn aber doch nicht ohne Weiteres dazu führen, dass er sich von den äußeren Naturkräften und -wesen abschließt. Das aber rührt daher, sagte Paracelsus, dass der Mensch in sich einen lebendigen Baumeister, einen «archaeus» hat, der ihn förmlich herausreißt aus der gesamten Natur und ihm seine eigenartige Konfiguration gibt.
Paracelsus wollte so dem nachgehen, was der Mensch von den äußeren Einflüssen aufnimmt, um sie dann in sich zu verarbeiten, und brachte solche elementare Anschauungen zum höchsten Ausdruck hinauf. Ihm ist es das Wichtigste, worüber nicht viel gesagt wird. Wenn der Mensch zum Beispiel Brot und Früchte isst, so sagte er, verwandelt der «archaeus» das im Menschen um zu Fleisch, zu den verschiedenartigen Organsubstanzen, als innerer Alchemist, und je nachdem, wie dieses geschieht, werden die äußeren Stoffe zu gesunden, brauchbaren Körpersubstanzen oder zu Gift. Er untersuchte sodann diese Umwandlung, die unbewusste Kunst dieses Wesens und stellte eine bestimmte Art von Krankheiten unter diesen Gesichtspunkt.
Als dritten Hauptsatz stellte er auf: Das in diesem Sinne Eingegliederte ist zusammenorganisiert aus vielen Gruppen einzelner Organe und selbstständig. Der Mensch ist eine ganze kleine Welt, ein Mikrokosmos als Abbild des Makrokosmos.
Er kam also darauf, dass da draußen in den kosmischen Verhältnissen der großen Weltenkörper etwas gegeben sei, das dem Mikrokosmos des Menschen entspricht. So zum Beispiel, wie Sonne und Mond sich verhält, so verhalte sich innerlich das Herz zum Gehirn; man müsse also beide in ihrer Eigenart und gegenseitigen Zusammenhängen studieren und in ihrer Wirksamkeit auf den Menschen übertragen, ebenso Saturn und Jupiter in ihren Bewegungen, Größen- und Lichtverhältnissen transformieren auf Leber und Milz des Menschen, als deren mikrokosmisches Abbild.
So konstruierte er als Abbild des äußeren großen Sternenhimmels einen innerlichen Himmel aus den Organen des Menschen. Das dynamisch differenzierte Energetische im Menschen dachte er so zusammen, nichts hielt er für getrennt, sondern alles in lebendiger Wechselwirkung. Interessant ist, wie er das, was ihm so als Wirkung eines inneren himmlischen Systems, nicht als grobe Wechselwirkung der aufgenommenen Nahrung erschien, in derber Sprache verteidigte: Oh, die verstehen nichts, die, die da glauben, dass die Nahrungsmittel im Inneren nach ihrer chemischen Konstitution, gewissermaßen nur in Fortsetzung ihrer äußeren chemischen Kräfte wirken; denn das wäre ja ungefähr ebenso, als wenn man die Pflanze als eine Wirkung des Mistes ansehen würde, verglichen mit der lebendigen Konfiguration der im Menschen tätigen Organe. So sehen wir, wie ihm die zusammenwirkenden Organe wie die Dynamik eines komplizierten Uhrwerks erscheinen, und Paracelsus sagt: Der Mensch kann also «gekränkt» werden, je nachdem der innere Alchemist bereitet das Geistige oder Ungeistige, bei normalem oder anomalem Zusammenwirken der Organe, auch ohne äußere Ursachen!
Viertens sagt Paracelsus als Grundanschauung: Die Seele erkrankt durch ihre eigenen Leidenschaften und Gemütserregungen, mit ihr als Nachwirkung auch der Organismus.
Endlich als fünften Gesichtspunkt: Die Vollständigkeit der Arzneiwissenschaft ist ihm dadurch gegeben, dass der Mensch in seiner Krankheit angesehen werden muss als jemand, der unter seinem Schicksal leidet — Karma —, unter etwas, das ihn geistig überragt, das eingreift in den geistigen Mikrokosmos aus dem geistigen Makrokosmos, sodass Ersterer völlig unter der Einwirkung des Letzteren steht.
So fasste Paracelsus ein weit ausgreifendes Wissen in sich zusammen und vereinigte es mit dem größten Vertrauen auf die geistig-seelischen Kräfte des Menschen, aber auch zugleich mit dem weitesten Vertrauen zu den geistigen Kräften der großen Welt, die der Organisation des Menschen zugrunde liegt. Er sagte daher, durchs Gemüt finden wir hinter dem Naturgeschehen Gott, durch den Glauben Christus und durch die Imagination den Heiligen Geist. Er besaß ein tiefes Gemüt, sein Herz war durchgossen von innigster Frömmigkeit. Den wesentlichsten Anteil an diesem seinem hellseherischen Blick sehen wir in seiner Frömmigkeit, daraus ging alles hervor, was seine Taten als Arzt begleitete. So ist es uns auch verständlich, dass er als seine zwei wichtigsten Heilmittel die Liebe und die Hoffnung bezeichnete, und untrüglich ergab sich für ihn daraus die Art seiner ärztlichen Behandlung, wenn er so in voller Liebe und Hingebung alles tat, was nach seinen fünf Gesichtspunkten möglich war, und in den Erkenntnissen dieser Zusammenhänge die Hoffnung hegte, es werde sein Mittel die heilende Wirkung haben, die er intuitiv erschaut hatte. Er lebte ganz mit der Krankheit und überhaupt den Zuständen seiner Patienten. Er schaute hellseherisch nach seinen fünf Gesichtspunkten, was von außen in den Menschen hereingewirkt hatte, was der «innere Alchemist» darauf getan. Was dann aus dem großen Geiste der gesamten Natur eindrang auf den Kranken, ließ er nicht in abstrakten Begriffen auf sich zurückwirken, sondern so, dass es aus dem Kranken zu ihm wieder hinabfloss und sich bei ihm zu dem zusammendrängte, was er als Heilmittel verordnen musste. Daher können wir es verstehen, wie Paracelsus tief von der Überzeugung durchdrungen war, dass seine ärztliche Tätigkeit ein fortgesetztes Produzieren als Künstler war. Er führte die Stoffe über die Natur hinaus zu wirksamen Heilmitteln, indem er sie dazu formte und zusammensetzte. Höhere Natur in der Natur war seine Kunst, seine Intention und seine Alchemie; Kunstprodukte schuf er der Natur gegenüber. In Paracelsus erinnert uns etwas an den Goethe’schen Ausspruch:
Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt — dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.
Nicht präziser kann man diesen hellseherischen Mann bezeichnen als durch diese Worte!
Und wenn man über die Jahrhunderte hin seinen Blick von Paracelsus zu Goethe wendet, so hat doch bei aller Verschiedenheit Goethes Geist viel Ähnlichkeit mit dem des Paracelsus. Wir sehen das, wie einst Goethe sich als kleiner Knabe in die Natur stellte, als er, ein Siebenjähriger, ein Notenpult nahm, dieses mit Mineralien aller Art aus der Sammlung seines Vaters, mit Pflanzen und Muscheln schmückte, das Ganze mit einem Räucherkerzchen krönte und nun wartete, dass die Sonne aufging. Die Strahlen sammelte er in einem Brennglas, entzündete damit das Räucherkerzchen, um so vor seinem Altarbau dem großen, allmächtigen Gott ein Opfer darzubringen. Wenn wir die Motive beachten, aus denen der junge Goethe so handelte, dann fühlen wir, wie dieser sich, sich gleich Paracelsus, aufs Innigste mit der Natur verbunden fühlte. Dieser sagte von sich als rau auferzogenem Landbewohner, man habe ihn bei jeglichem Wetter aus dem Hause geschickt, auch sei er nicht in weichen Betten bei Feigen und Weizenbrot, sondern bei saurer Milch und grobem Haferbrot aufgewachsen.
Bei Goethe finden wir eine selten gestörte, immer bald wiedererlangte Harmonie auch in seiner Auffassung der Natur, die sich vielfach zeigt in seiner Tätigkeit als naturwissenschaftlicher Forscher auf seiner Reise nach Italien, wo er gleich Paracelsus scharf beobachtend durch die Lande zog und zum Beispiel über den Huflattich nach Hause schrieb, bei dem es ihm unter anderem besonders auffiel, wie er sich nach dem Wechsel in Klima und Sonne, Standort, Bodenart und so weiter verschiedenartig ausbildete, so sieht er aus der Einheit die Mannigfaltigkeit entstehen, wie er dies besonders bei der Urpflanze darlegen wollte, aus der er die Vielfältigkeit der pflanzlichen Naturerscheinungen entwickelte. So schrieb er denn auch, er möchte wohl weiter bis nach Indien reisen, nicht, um Neues zu entdecken, sondern um der Natur in ihrer stets wechselnden Mannigfaltigkeit nachzugehen.
So lebte in Goethe etwas auf, das in vielfacher Art in der Figur des Paracelsus wiederzufinden ist. Und wenn Goethe seine Hauptgestalt im Faust verkörpert hat, so verweben sich in diese doch wiederum viele Züge, die den Gedanken wachrufen, als habe, bei der Konzeption des «Faust», Goethe unter dem Einfluss der Eigenart des Paracelsus gestanden, trotz großer Verschiedenheit des «Faust» von dem historischen Paracelsus, der schon vor Abschluss der vierziger Jahre seines Lebens starb, aber bis dahin eine innere harmonische Abgeschlossenheit als Schatz in seiner Seele trug, den er aus seinem intimen Verkehr mit der Natur gewonnen. Es war nur eine kurze Lebenszeit dieses in sich selten glücklichen Geistes, den seine Forschungsergebnisse und seine Berufstätigkeit mit den ewigen Gründen der Natur verbanden.
Faust beginnt bei Goethe da, wo Paracelsus eben aufhört, aber mit großem Zweifel in all seinem ausgebreiteten Wissen strebt Faust in den Jahren seines Lebens, die Paracelsus nicht mehr erreichte.
Goethe hatte den Faust zum Teil so entwickelt, dass er zu jener Seelenentwicklung gekommen war, in welcher Paracelsus bei seinem Eindringen in das Wesenhafte der Natur stand, als Faust in die Worte ausbricht:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds, zu schauen.
Du fuhrst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Also verwandt war er mit dem Leben und Weben der Natur, aber trotzdem war Fausts Forschen anders als bei Paracelsus; denn von Goethe wird uns gezeigt, dass Fausts Erkenntnisse nicht wie die des Paracelsus stets im unmittelbaren Zusammenhang mit der Natur gewonnen werden, sondern im Umkreis der Seelenkräfte beschlossen bleiben.
Goethe brachte daher im Mephistopheles, ohne ein solches Gegenübertreten zu den Erscheinungen der Natur, eine Gegenüberstellung des Seelischen, sodass nicht in der Natur das Seelische, sondern das Seelische nur im Seelischen gesehen wurde.
Und doch können wir im Faust eine starke Verwandtschaft mit Paracelsus erblicken, wenn jener eine lange Zeit die Bibel «unter die Bank» legte und sich von dieser abwandte, wie Paracelsus von den gelehrten Werken des Galen und Avicenna, beide vertrauten ihren eigenen Kräften, um ihren Weg selbst zu finden. So fühlen wir, wie Goethe im Hintergrund vielfach den Paracelsus und ihn gewissermaßen durch den Faust hindurch erblickt. So zum Beispiel in der Szene, wo Faust mit Wagner in die Frühlingslandschaft hinausgeht und erzählt:
Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann
Der über die Natur und ihre heil’gen Kreise
In Redlichkeit, jedoch auf seine Weise,
Mit grillenhafter Mühe sann;
Der, in Gesellschaft von Adepten,
Sich in die schwarze Küche schloss
Und nach unendlichen Rezepten,
Das Widrige zusammengoss.
Da ward ein roter Leu, ein kühner Freier,
Im lauen Bad der Lilie vermählt,
Und beide dann mit offnem Flammenfeuer
Aus einem Brautgemach ins andere gequält.
Da könnte man fast den Paracelsus mit seinem Vater sprechen sehen. Oder wenn wir lesen, wie Faust sich abmüht, «das Neue Testament in sein geliebtes Deutsch zu übertragen», in jene Sprache, die ihm aus der Seele quillt, wie auch Paracelsus die von ihm entzifferten Weistümer der Natur nicht in das fremdartige Latein einspannen, sondern nur im Deutschen wiedergeben will. Nirgends aber erscheint im Faust der Kampf mit der umgebenden Natur in der Richtung auf ihre Erkenntnis wie bei Paracelsus, sondern im ersten Teil mit moralischen, im zweiten Teil mit spirituellen, geistigen Mächten - Homunculus.
Was Faust erreichen wollte, war Paracelsus etwas natürlich Gegebenes, der völlig selbstlos dachte und handelt. Faust erlangt erst am Ende, nach einem selbstsüchtigen Leben, als er blind geworden, im Alter die Selbstlosigkeit, wo es dann «im Innern leuchtet helle», als er zum Mystiker wird, als ihm der Einblick in das innerste Wesen zuteilwurde, den Paracelsus zeit seines Lebens aus der äußeren Natur als elementar spürender Geist herausgefunden hatte. Paracelsus war die Abendröte an der Wende des fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert, die allen deutlich sichtbar leuchtete, im Faust können wir sie nur im Innern suchen, als seelisch wirkende Kraft.
Warum konnte nun Goethe den Faust so schildern, wie es geschehen ist? Weil zwischen dem Leben des Paracelsus und der Konzeption des «Faust» etwas Eigenartiges in der Menschheitsentwicklung eingetreten ist, das die früheren Verhältnisse stark verschob und in neue Bahnen lenkte. Was Kopernikus und Kepler entdeckten, hat Paracelsus nicht mehr erlebt, er war nur die Abendröte einer Wissenschaft, die in ihrer dann eintretenden Morgenröte aus dem Sinnlichen ins Übersinnliche getreten war. Paracelsus drang durch die phänomenale Seite der Natur hindurch zum Geist, aber durch Kopernikus und in seinem Sinne wirkende Männer ist die Menschheit in das Zeitalter der Intellektualität, des Denkens hinübergeführt worden, das zur Erklärung der Sinnenwelt nicht im Sinne der früheren Zeit durch ihren Schleier dringen will, sondern Befriedigung in der Erkenntnis der Seele sucht. Es musste daher dazu kommen, dass ein Seelisches zum Schauplatz dessen gewählt wurde, auf den Goethe seinen Faust stellte sowie ja auch Kopernikus, Kepler, Giordano Bruno, Galilei in gleicher Art arbeiteten. Faust eignet sich daher als Mystiker dasselbe an, was Paracelsus dem unmittelbaren Anschauen der Natur entnahm. Wie der moderne Mensch auf das innere Seelenleben angewiesen ist, das hat Goethe im Faust hingestellt. So sucht auch die Geisteswissenschaft in den tiefen Untergründen der Seele, was vom zeitlich Vergänglichen zum unendlich Ewigen führen kann.
Nach Paracelsus trat ein neues Zeitalter wie eine Morgenröte auf, welches sagte, wenn wir uns an das Nichtsinnliche wenden, so erlangen wir eine richtige Vorstellung von unserem Weltsystem. Und so stellte denn als höher gestiegenen Vertreter dieser Anschauung Goethe seinen Faust hin. Die Geisteswissenschaft ist im Weiterschreiten auf diesem Weg begriffen, der auf dem Schauplatz der Seele in die Geheimnisse der Natur führt, und wie Giordano Bruno das blaue Firmament der achten Sphäre durchbrach, so durchbricht jetzt die Geisteswissenschaft die Lebensgrenzen von Geburt und Tod, indem sie die Seele als unendliches Wesen über Raum und Zeit hinausreichend erkennen lässt. Goethe wirkt also wie jemand, der uns den Anfang eines richtigen Weges weist, indem er uns im Faust ein Bild vor Augen stellte, auf den uns die Erinnerung an Paracelsus hinführt, um ihn erst recht verstehen zu können.
So werden einzelne Menschen hineingestellt in die Fortentwicklung der Welt und so muss auch heute der Mensch wiederum neue Wege beschreiten, damit er in seinen Erkenntnissen die Harmonisierung seiner Seelenkräfte finden kann, über Paracelsus und Faust hinaus. Von solchen Beziehungen ausgehend fühlt man immer tiefer die innere Verwandtschaft zwischen Paracelsus und Goethe, besonders in des Letzteren Worten:
Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt — dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.
Im Menschen als in einem Mikrokosmos sucht und sieht Goethe, wie auch Paracelsus, das gesamte Wirken der großen Welt, des Makrokosmos.
Beim Zurückfahren vom Geburtshaus des Paracelsus in Maria-Einsiedeln wird man auf dem Weg über Tal und Hügel gehörig durchgerüttelt, so kommt einem dadurch leiblich die knorrige Eigenart des Paracelsus recht zum Bewusstsein, neben dem beim Herannahen an die Wallfahrtskirche auch die Erinnerung an Goethe wieder auftauchte. Symbolisch schien sich mir in der äußerlich klein aussehenden Kirche von Maria-Einsiedeln, sobald man das Innere richtig auf sich wirken lässt und den geschmackvollen Innenraum in seiner Art entsprechend zu würdigen versteht, der Geist des Großen zu manifestieren. Einst stand auch Goethe in diesem stimmungsvollen Raum, in dieser kleinen und doch großen Kirche, die wie ein Mikrokosmos im Makrokosmos auch den Menschen als ein Abbild der großen Welt dem sinnenden Beschauer vor Augen führte. In seinen Worten empfand ich dieses und konnte mir vorstellen, wie Goethe an dieser Stätte, wo Paracelsus oft gestanden, die Grundempfindung vom Entsprechen des Makrokosmos und Mikrokosmos im Menschen zum klaren Ausdruck in sich werden fühlte. Das zeigt uns der Weg von Paracelsus zu Goethe: Die beiden Grenzpunkte dieses Weges, der abglänzende Abendstern und die aufgehende Sonne der neuen Zeit weisen uns hier auf eine tiefgehende Ähnlichkeit zwischen den Seelen der beiden Männer als ein lebendiger Protest gegen äußerliches, ungeistiges, nichtspirituelles Ergreifen der Dinge, von dem Goethe im Faust sagt, das heißt bezeichnenderweise den Mephisto sagen lässt:
Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt leider! nur das geistige Band.
Encheiresin naturae nennt’s die Chemie,
Spottet ihrer selbst und weiß nicht wie.
Solches gehört auch als lebendiger Protest gegen das Übersehen des Ganzen bei dem Betrachten der Teile zu dem Charakter des Paracelsus. Anstelle der Schlussworte hatte Goethe in der früheren Bearbeitung des «Faust» geschrieben:
Bohrt sich einen Esel und weiß nicht wie.
Paracelsus wie Goethe verurteilten eine solche Naturbetrachtung, beide beseelte die andere Tendenz, die sich in Anlehnung an die Worte des Mephisto übertragen ließe in die Fassung:
Wer will was Lebendiges ,
Such in der Tiefe den Geist zu ergründen!
Und hat er die Teile in der Hand,
Sieht er des Geisteslichtes
Einziges Heil im geistigen Band,
Das zusammenhiält, was sonst nicht sich selbst,
Und die Geheimnisse des Weltalls erkennt.