Goethe and the Present
GA 68c — 9 January 1911, Frankfurt
XXXIII. Goethes Geheime Offenbarung (Esoterisch)
Gestern habe ich mich bemüht zu zeigen, wie dasjenige, was hier beigebracht werden soll über Goethes innerste, intimste Meinung und Anschauung über die Entwicklung der Menschenseele, gewonnen werden kann und dass nichts willkürlich in seine Werke und namentlich in sein Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie, dass hier nichts willkürlich hineingeheimnisst worden ist. Ich habe zu zeigen versucht, wie die ganze Grundlage, auf der die Erklärung des «Märchens» und Goethes Weltanschauung gewonnen werden kann, aus einer historischen Betrachtung von Goethes Leben, aus der historischen Verfolgung der wichtigsten Vorstellungen und Impulse Goethes sich ergibt. Es ist der Versuch gemacht, zu fundieren das, was heute in freierer Ausführung über das Thema gegeben werden soll.
Wenn wir jenes Märchen, von dem gestern die Rede war, vor unsere Seele treten lassen, so erscheint es uns in der Tat wie ganz und gar eingetaucht in Rätsel, und man möchte sagen: Entweder muss man voraussetzen, dass Goethe vieles, vieles in dieses Märchen hineingeheimnissen wollte, wie in den Faust nach seinem eigenen Ausspruch, oder dass man ansehen könnte dieses Märchen als ein bloßes Spiel der Phantasie. Wenn nicht schon durch die ganze Art und Denkweise Goethes das Letztere ausgeschlossen wäre, müsste man sagen, es verbietet sich eine solche Annahme noch besonders dadurch, dass Goethe stellte dieses Märchen an das Ende seiner Erzählung «Unterhaltungen deutscher Aus[ge]wander[t]er». Denn es ist derselbe Gedanke, der für Goethes ganzes Leben charakteristisch ist, der auch in seinen Gesprächen deutscher Auswanderer liegt, und aus dem unmittelbar Vorhergehenden können wir noch einmal das Thema zu diesem Märchen entnehmen.
Da sind uns vorgeführt die Unterhaltungen von Menschen, die auswandern mussten durch Vorgänge in ihrer französischen Heimat, welche in der mannigfaltigsten Weise zurückblicken auf ihre traurigen Erfahrungen. Die ganze Erzählung spitzt sich zu darauf, zu zeigen, was Menschen, die herausgerissen sind aus ihrer Umgebung, durch dieses Herausreißen an Einsamkeit der Seele in sich durchmachen können; was Menschen in dieser Lage durch Nachdenken, Besinnen auf ihre seelischen Erlebnisse, durch Selbstbeobachtung gewinnen können. Nur ein paar Beispiele sind hervorzuheben, um zu zeigen, wie Goethe alles zuspitzen wollte darauf, zu zeigen, wie die Seele, die sich selbst beobachten will, die sich fragt: Welche Art von Schuld habe ich auf mich gehäuft, wodurch habe ich die Wege zur Entwicklung aufgehalten?, Aufklärung über sich selbst erhält. Zunächst tritt uns entgegen eine italienische Sängerin, welche ihr Schicksal darum vor uns darlegen soll, weil in diesem Schicksal eine Menschenseele vor uns auftritt, die an der Oberfläche der Weltenbetrachtung haften muss, die zwar aufmerksam verfolgt das, was um sie herum vorgeht, weil sie durch die Lebensvorgänge gezwungen ist, die aber noch nicht reif genug ist, auseinanderzuhalten, was man nennen darf den Zufall und die geistige Notwendigkeit der Dinge, eine Seele, die nicht sich auskennt, wie die Erscheinungen des Lebens verbunden werden müssen, wenn wir den Geist in der Umgebung voraussetzen. Sie hat sich gegen einen Mann so benommen, dass er durch ihre abstoßende Weise schwer krank geworden ist und an ihrem Benehmen hinstirbt. Sie wird an sein Totenbett gerufen, sie verweigert es aber, zu kommen. Er stirbt, ohne sie gesehen zu haben. Nach seinem Tode tragen sich allerlei Dinge zu, welche einer solchen eben charakterisierten Seele zu denken geben. «Wie soll ich mich verhalten dem gegenüber?», fragt sie sich. Es ereignet sich nach dem Tode des Mannes ganz Merkwürdiges. Sie vernimmt im Raume ganz Merkwürdiges, es tanzen die Möbel, es werden ihr Ohrfeigen verabreicht von unsichtbarer Hand, sie wird immer gezwungen, sich zu fragen: Ist der Tote irgendwie da, der sich geltend machen will, weil ich mich ihm verweigert habe? Es birst die Decke eines Schrankes, und in demselben Augenblick geht in ihrer eigenen Wohnung in Frankreich ein Schrank in Flammen auf, der von demselben Tischler gemacht wurde. Goethe hat nicht ausdrücken wollen, dass in solchen Ereignissen irgendetwas liege, was Veranlassung geben könne, verborgene Geister oder das Kommen des Toten anzunehmen, sondern er wollte nur sagen, dass es solche Geister geben könne, die allerlei Ereignisse so deuten, die nicht genug abergläubisch sind, zu sagen, da rumort ganz gewiss der Tote; sie kommen nur in ein unbestimmtes Gefühl hinein, können sich auch nicht darüber hinwegsetzen. Wie es den Seelen ergeht in der Außenwelt entsprechend ihrer Entwicklungsstufe, ist das, worauf Goethe die Aufmerksamkeit hinlenken will. Er zeigt dann, wie einer in die Lage kommt, eine Dame zu heilen von Sinnlichkeit und Leidenschaftlichkeit; er schlägt den Weg der Askese ein. Das ist wieder ein Hinweis auf das, was die Seele durchmachen kann, um eine Entwicklung zu erleben. Goethe führt dann stufenweise aufwärts. Zunächst eine im Dunklen wühlende Seele, dann eine realere Sache in der eben geschilderten Dame, denn viele kommen zu einer Reinigung ihrer Seele durch Fasten. Wir kommen schon mehr in eine Realität hinein. Und durch die dritte von Goethes angeführten Sachen kommen wir ganz in die Realität hinein. Er zeigt, wie ein Mensch zunächst etwas gewissenlos ist, er steht in einer untergeordneten Seelenentwicklung und sagt: Was meinem Vater gehört, das gehört auch mir. Er begeht einen Diebstahl. Da erwacht das Gewissen, die Seele steigt herauf, und gerade durch die unrechte Tat wird er zu einer Art von moralischem Mittelpunkt für das, was an Menschheit sich um ihn herum gliedert. Er zeigt eine Seelenentwicklung, die ein Heraufsteigen von einer untergeordneten Stufe zu einer höheren Stufe der Erkenntnis und Weltanschauung bedeutet.
Vollends haben wir es zu tun mit Seelenkräften, die repräsentiert werden durch die Gestalten, die Wesen des «Märchens», und mit dem Spiel der Seelenkräfte, das sich läutern soll zur Harmonie, zur Symphonie der Seelenkräfte in den Taten, die die Personen verrichten. Zunächst haben wir es zu tun mit Irrlichtern, die von einem Fährmann über den Fluss gesetzt werden. Diese Irrlichter sind zunächst mit Gold gefüllt, aber ihr Gold will der Fährmann nicht als Lohn haben, weil alles in wilden Tumult kommen würde. Er will vielmehr Früchte der Erde haben, drei Kohlhäupter, drei Artischocken und drei große Zwiebeln. Die Irrlichter haben die Fähigkeit, Gold um sich zu schütteln. Sie begegnen der Schlange, der Muhme von der horizontalen Richtung. Für sie ist das Gold fruchtbar, segensreich. Sie wird durch Goldstücke innerlich leuchtend. Sie kann nun das beleuchten, was sie vorher nicht sehen konnte.
Als ich vor mehr als zwanzig Jahren versuchte, auf alle mögliche Weise Eingang zu gewinnen zu diesem Märchen, da war es vor allen Dingen ein lohnender Gedanke im Gewirr der Fragen des «Märchens», als sich zeigte, dass man vor allen Dingen das Gold zu verfolgen habe. Das Gold spielt in verschiedenen Arten eine Rolle. Die Irrlichter streuen es um sich. Da ist es etwas nicht Segensreiches in gewisser Beziehung. In der Schlange wird es segensreich. Dann begegnen wir dem Golde wieder in dem goldenen König, an den Wänden in der Hütte des Alten mit der Lampe; da lecken es die Irrlichter herunter, machen sich dadurch dicker. Einmal werden wir mit der Nase darauf gestoßen, mit welcher menschlichen Seeleneigenschaft das Gold etwas zu tun hat, als wir hingewiesen werden darauf, dass der goldene König repräsentiert den Geber, den Bringer der Weisheit. Da sagt uns Goethe selber: Der goldene König bedeutet im Vergleich zu den andern den Geber der Weisheit. Es muss also Gold etwas zu tun haben mit Weisheit. Das Gold ist etwas, was den König zum Weisen macht, was ihn dazu bringt, dass er den Jüngling begaben kann mit Weisheit:
Erkenne das Höchste!
Das Gold ist etwas, das der Geber der Weisheit in den Menschen hineinzulenken vermag. Die Irrlichter müssen also die Seelenkräfte darstellen, die imstande sind, Weisheit aufzunehmen, und die die Weisheit auch von sich schütteln können. Es muss gezeigt werden, wie das Gold aufgespeichert werden kann; lange, lange Zeit ist es aufgespeichert in den Wänden der Hütte. Wir werden nicht anders können, da wir wissen, wie gut es fundiert ist, als in den einzelnen Personen Seelenkräfte zu sehen. Wir können die Irrlichter bezeichnen mit dem abstrakten Verstand, dem abstrakten Denken, das imstande ist, eine gewisse Summe von Weisheit sich anzueignen. Nun verstehen wir es auch, warum das Wissen in der reinen Verstandeskraft bei Irrlichtern eine solche Rolle spielt. Wer mit dem bloßen Verstande aufnimmt, was Wissenschaft ist, nimmt es auf, um etwas Persönliches daran zu haben, um es persönlich verwenden zu können.
Goethe beglückwünscht sich selber oft dazu, offiziell die Wissenschaft als Lehrer nicht zu vertreten. Er beglückwünschte sich dazu, in der Lage zu sein, nur dann von seiner Weisheit der Welt zu geben, wenn er innerlich dazu gedrängt war, dass er nicht gezwungen war, sie von sich zu werfen, wie es nötig ist, wenn man zum Lehrer oder bloßen abstrakten Austeiler der Weisheit bestimmt ist. Dadurch stellt Goethe solche Menschen in den Irrlichtern dar, die abstraktes Wissen haben. Die abstrakte Intelligenz kann eine Unsumme von Wissen aufnehmen, aber sie führt zu Eitelkeit. Es ist auch durchaus in Goethes Sinn gesprochen: Wir mögen noch so gescheit denken, abstrakte Begriffe haben, solange wir Ideen haben, die nicht aus der Tiefe des Lebens geholt sind, sind sie ungeeignet, um uns zuletzt wirklich hineinzuführen in die Geheimnisse der ewigen Rätsel des Daseins. Wo wir brauchen etwas, was unmittelbar ins Herz geht von den ewigen Ideen des Daseins, brauchen wir etwas anderes als abstrakte Begriffe. Wo wir an die Grenze der physischen Welt und des Reiches der Geistigkeit kommen, werden wir zurückgestoßen mit allen abstrakten Begriffen und Ideen. Ja, alle diese abstrakten Begriffe und Ideen sind nicht einmal imstande, uns sozusagen das begreiflich zu machen, was das Allernächste ist. Wie fern steht der Abstraktling dem Begreifen auch des Alltäglichsten, das ihn umgibt. Er ist außerstande, zu geben etwas dem Strome, über den wir müssen, wenn wir eintreten wollen in die übersinnliche Welt. Und wenn wir herankommen wollen an den eigentlichen Ursprung des Lebens, so bäumt er sich auf, wenn wir mit der bloßen Intelligenz heraufkommen. Die Irrlichter sind von der vertikalen Linie, während die Schlange von der horizontalen Linie ist. Damit ist angezeigt, dass der Mensch mit abstrakten Ideen sich vom Boden entfernt, vom Boden des Alltäglichen. Wir sehen, wie plastisch gestaltet die Irrlichter dastehen. Aber sind Ideen und Begriffe, philosophische Ausführungen, unter allen Umständen das, was uns trennt von dem wahren Quell des Daseins? Nein, das nicht; denn wenn der Mensch zugleich das Vermögen hat, so zu leben, dass er die eigenen Lebenskräfte verbindet mit den Dingen, dass er sich nicht erhebt in das Reich von abstrakten Begriffen und Ideen, sondern ruhig sich bewegt in den Dingen, ein solcher Geist wird, wie Faust einer ist, als er sagt:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds, zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Da, wo der Mensch wirklich innere Gemeinschaft schließt mit den Naturwesen, dienen ihm dieselben Begriffe, die bei Abstraktlingen von der Welt entfremden, um sich immer tiefer hineinzubohren in das Dasein. Wir dürfen nicht einfach umkehren und sagen: weil der Abstraktling sich entfernt von der Wirklichkeit, so seien Begriffe und Ideen überhaupt etwas Wertloses. Ist in ihnen eine Seelenkraft, die lebt in und mit den Dingen, so werden sie zugleich lichtvoll. Daher wird das Gold zu solchem Segen für die Schlange, die in Klüften lebt, die die horizontale Richtung hat, sich nicht entfremdet. Wenn der Mensch die Dinge liebt, sich mystisch in die Dinge vertieft, dann sind die Ideen das Licht, das ihm hindurchhelfen kann. Daher kann die Erfahrung gemacht werden, dass zuweilen schulmäßig dargestellte Philosophie frostig, nüchtern anmutet. Wenn aber dieselben Ideen bei einsamen Naturmenschen uns entgegentreten, bei Kräuter- und Wurzelsammlern und so weiter so, wird man sehen, wie in der Tat in den Schlangen, in denjenigen, die Gemeinschaft mit den Dingen schließen, die Ideen lichtvoll werden, die bei Abstraktlingen nüchtern sind. In der Schlange wird also hingewiesen auf die Seelenkraft, die den mystischen Drang hat, überall in den Dingen mystisch unterzutauchen. Das ist dargestellt, wenn die Schlange durch die Klüfte sich bewegt. Der Mensch, der nicht in abstrakten Dingen sich bewegt, kommt nahe, wie die Schlange, dem unterirdischen Tempel. Wenn ein Mensch den Sinn hat für das geheimnisvolle Walten der Naturkräfte, so kommt er zu dem Herzen der Natur; er kann etwas erfahren von dem, was draußen in der Natur in den Dingen lebt, auch wenn er nicht die Ideen hat. Die Schlange zeigt uns die Menschen, die zur Not auch ohne Ideen leben können, die aber durch liebevolles Eintauchen in die Dinge zum Erfassen der Welträtsel kommen. Wenn aber ein Ausgleich geschaffen wird, dadurch, dass Ideen und Begriffe in diese mystischen Seelenkräfte eintauchen, dann kommt es zustande, dass der liebevoll zu den Dingen geneigte Mensch das, was früher nur getastet wurde von den Quellen des Daseins, auch beleuchten kann durch sein eigenes Licht. Goethe sagt bedeutungsvoll:
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
wie könnt uns Göttliches entzücken?
Er weist unmittelbar darauf hin, wie wir entgegenbringen müssen das Licht den Geheimnissen der Natur, wenn diese Geheimnisse der Natur wieder zurückleuchten sollen. Der Mensch muss innerlich den Sinn, das offene Herz haben, er muss die Erkenntnis anerzogen haben für das Geistige. Nur dann kann er das Geistige auch in der Umwelt schauen. Dann kommt die Schlange in den unterirdischen Tempel. Solche unterirdischen Orte gibt es für das Seelenleben. Solche Dinge können nur charakterisiert werden, wenn sie etwas intimer eingehen auf das merkwürdige Walten der menschlichen Seele in der Entwicklung. Kann es gefühlt werden, dass, bevor die Seele imstande ist, den Geist wahrzunehmen in der Außenwelt, sie innerlich die Gewissheit hat: Ja, es gibt einen Urquell, aus dem alles fließt? Sie kann diese Gewissheit haben und doch nicht imstande sein, den Geist überall zu erblicken. Oh, es ist ein großes Ziel, den Geist überall zu erblicken. [Fühlen: Ich selbst bin herauskristallisiert aus dem Geistigen. Dazu muss der Mensch erwachen.] Der Mensch muss erst die höchsten Seelenkräfte in sich entwickeln. Er muss das Übersinnliche, das im gewöhnlichen, normalen Bewusstsein schläft, erst in sich hervorrufen. Erst muss er aufsteigen zu höheren Entwicklungsstufen.
Der Mensch muss zuerst ahnen, dass es so etwas gibt. Dann kommt er zu einer anderen Ahnung noch: Mein letztes Ziel kann ich nur erreichen, wenn ich sehe, wie mein ganzes Dasein vom Geiste durchzogen ist. Ich bin herauskristallisiert, geboren aus dem Geistigen, aus dem Übersinnlichen, ohne dass ich beteiligt bin an diesem Herausgebären aus dem Übersinnlichen, das ich zuletzt erreichen kann durch Erkenntnis. Auf geheimnisvolle Weise bin ich herausgeboren aus dem Land, das ich zuletzt wieder erreichen kann. Da ist charakterisiert das Land der schönen Lilie, aus dem der Mensch auch stammt. Der Fährmann bringt ihn herüber. Durch geheime Mächte ist der Mensch herübergebracht. Der Fährmann, der nach diesem Ufer bringt, darf niemanden wieder zurückbringen. Dieselbe reale Weise, durch die wir aus dem Übersinnlichen herübergebracht werden durch die Geburt, kann es nicht sein, durch die wir in bewusster Art wieder zurückkommen. Da müssen andere Wege eingeschlagen werden.
Da fragen die Irrlichter die Schlange, wie sie in das Reich der schönen Lilie kommen können, das heißt, wie eine einzelne Seelenkraft zum Höchsten heraufkommen kann. Zwei Mittel werden angegeben: erstens wenn die Schlange sich in der Mittagsstunde über den Fluss herüberlegt. Da reisen aber die Irrlichter nicht gern. Es liegt ja ganz außerhalb des Bereiches des Abstraktlings, der ganz in Ideen und Schlussweisen leben will, auf solche Weise hinüberzukommen, die durch die Schlange repräsentiert wird, durch Hingabe an die Dinge, durch mystische Gemeinschaft mit den Dingen. Diese mystische Gemeinschaft kann nicht immer erreicht werden. Ein großer Myste der alexandrinischen Schule bekennt, dass er nur wenige Augenblicke erreicht hat, dass der Geist des Unendlichen in die Seele eintrat, wo der Gott in der Brust vom Menschen selber erlebt wird. Das sind Mittagsaugenblicke, in denen die Sonne des Lebens am Höchsten steht, in denen so etwas erlebt werden kann. Für die Abstraktlinge, die sich sagen: Wenn man einmal das richtige Denken hat, so muss es zum Höchsten führen, sind solche Mittagsstunden des Lebens, die man als eine Gnade des Lebens abwarten muss, keine Stunde, in der sie reisen können; für sie muss jederzeit das Gesuchte erreicht werden können. Da werden sie aufmerksam gemacht von der Schlange auf den Schatten des Riesen, der selbst nichts vermag, der Riese; aber wenn die Dämmerung sich ausbreitet und er seinen Schatten über den Fluss hinüberfallen lässt, können die Menschen auch hinüberkommen. Wenn wir den Riesen verstehen wollen, müssen wir dessen gedenken, dass Goethe sehr wohl wusste von Seelenkräften, die unter der Schwelle des Bewusstseins liegen, die bei dem normalen Menschen nur im Traume herauskommen, die aber zu den untergeordneten hellseherischen Kräften gehören. Es sind Kräfte, die nicht errungen werden durch Entwicklung der Seele, sondern die bei primitiven Seelen ganz besonders auftreten in Ahnungen, dem zweiten Gesicht, in alledem, was mit wenig vorgerückten Seelen zusammenhängt, aus dem hervordringt ein primitives Hellsehen.
Durch solche hellsichtigen Kräfte gelangt der Mensch zu manchen Ahnungen von übersinnlichen Welten. Vielen Menschen ist es heute noch lieber, durch solche Ahnungen zur übersinnlichen Welt zu kommen, oder durch spiritistische Schattenbilder, als durch wirkliche Entwicklung der Seele, Alles, was zum Reiche des Unterbewusstseins gehört, zum Reiche der Seele, das nicht beleuchtet wird vom klaren Verstande, vom Lichte der Einsicht, der Selbstkontrolle, alles dies, was wie traumhafte Erkenntnis sich äußert, ist repräsentiert durch den Riesen. Erkennen kann man in Wahrheit nichts durch dieses Bewusstsein, denn es ist ganz schwach im Vergleich zur wirklichen Erkenntnis. Es ist etwas, was man nicht kontrollieren kann. Am besten wird es personifiziert durch einen Menschen, der kein Gewicht tragen kann, denn durch diese Erkenntnis ist nichts zu erkennen, was Gewicht hat für eine Weltanschauung. Aber der Schatten dieses Unterbewusstseins spielt eine große Rolle im Leben. Es braucht nur ein Wort ausgesprochen zu werden, um diesen Schatten zu charakterisieren: Aberglaube. Hätten unzählige Menschen den Aberglauben, das Schattenbild des Unterbewusstseins nicht, der in der Erkenntnisdämmerung wirkt, sie würden keine Ahnung haben von der übersinnlichen Welt. Für unzählige ist heute der Aberglaube noch der Schatten des Unterbewusstseins, der herüberführt ins Übersinnliche. Ich brauche zunächst nur zu betonen, wie die Menschen sagen können, Theosophie, Geisteswissenschaft ist etwas, von dem doch nur jene Menschen etwas begreifen können, welche viel Mühe anwenden, um die Seele auf eine höhere Stufe zu bringen. Das ist eine unbequeme Sache. Wenn die Geister für uns da sein wollen, sollen sie zu uns heruntersteigen. Da kommt alles heraus, was da so reichlich blüht auf dem Gebiet des modernen Aberglaubens, dem sogar heute Gelehrte huldigen, die durchaus nicht zugeben wollen, dass die Seele teilhaftig werden kann des Geistigen durch Entwicklung. Sie sind gleich zu haben für ein Medium, das ihnen irgendeine Gabe geben kann aus der geistigen Welt. Damit ist nicht gesagt, dass diese Dinge nicht auf Wahrheit beruhen können, aber die Unterscheidung von Irrtum und Wahrheit ist hier ungeheuer schwierig und nur für Eingeweihte möglich.
Auf diesen Schatten des Unterbewusstseins, auf dieses Reich in der menschlichen Seele will Goethe hinweisen, aber nicht wie ein Polemiker, der Goethe niemals war. Goethe ist sich klar,.dass jede Seelenkraft auf ihrer Stufe ihre Bedeutung hat; er findet es sogar nützlich hier, den Irrlichtern durch die Schlange einen Rat geben zu lassen. Aber es spielt für das Aufmerksam-Machen, für das Hinüberlenken des menschlichen Sinnes zur übersinnlichen Welt der Aberglaube eine große Rolle. Goethe, der das Gesamtgebiet der Seelenkräfte in ihrem sinfonischen Zusammenklingen darstellen will, zeigt, wie dieser Aberglaube seine gute Grundlage in der Seele hat, in den Kräften, die nicht überall gleich mit den nüchternen, klaren Begriffen kommen, sondern sich sagen, die Dinge sind reich, wir wollen zunächst nur Geheimnisse wittern, nicht in scharfe Konturen sie einfassen. Dieses Ahnen ist etwas ungeheuer Wichtiges, das in das ganze Bewusstsein und Leben unserer Seelenentwicklung hineinspielen soll.
Das, was sich in der äußeren Natur für Goethe so klar ausdrückte, spielt für Goethe in die Entwicklung hinein auf einer höheren Stufe. Goethe sah ein gewisses Gesetz in allem Naturwirken wie ein Leitmotiv, es ist ein Gesetz des Ausgleichs, dass die Natur ein gewisses Maß für alle Dinge hat und aus der Einheit alle möglichen Wesen hervorgehen lassen kann. Goethe suchte das Gesetz in aller Natur, um alles, was einseitig sich in der Außenwelt verkörpert, in Harmonie zu sehen. Als Goethe diesen Satz aussprach, sah man in Goethe eben einen Dichter, einen Dilettanten. Aufsehen erregte der Satz erst, als Cuvier in dem Streit mit Geoffroy St. Hilaire auch auf dieses Gesetz aufmerksam machte. Goethe, der lebte in einer Auffassung der Natur, die überall Einseitigkeiten sah und das Ganze ergreifen wollte durch Harmonisieren des Einseitigen, sah auch in der Seele etwas, was er durch Harmonisieren zusammenfassen will. Es gibt unter den Menschen solche, die einseitige Seelenkräfte repräsentieren. Die falschen Propheten, die überall ihre Weisheit anbringen wollen, sind die Irrlichter; dann gibt es Schlangen und so weiter. Er wollte zeigen, dass der Mensch zu höheren Stufen gelangen kann dadurch, dass er in sich den Typus des Menschen darstellt. So muss mit der abstrakten Intelligenz der Sinn verbunden sein, der das Übersinnliche ahnt in dem Sinnlichen. Man darf nicht die nüchterne Intelligenz unterjochen lassen durch die Ahnung, aber auch nicht einseitig die abstrakten Begriffe betonen und nicht verstehen wollen, wie inhaltsvoll das ist, was in den Dingen lebt und webt. Goethe wollte zeigen, wie der Mensch sich vereinseitigen kann, wie er aber zur schönen Lilie streben muss, zur innerlichen, ausgleichenden menschlichen Seele.
Nachdem die Schlange das innerliche Leuchten empfangen hat, kommt sie in den Tempel. Die Mächte, die die Menschenseele inspirieren müssen, geben die Kräfte, die der Mensch in sich haben muss, wenn er hinaufsteigen will zu höherem Dasein. Goethe zeigt, es gibt gewisse Kräfte der Seele, die muss die Seele haben, wenn sie heraufsteigt zu höheren Stufen. Wenn der Mensch aber erlangen will die höheren Stufen, ohne den rechten Durchgang zur rechten Zeit gefunden zu haben durch Inspiration, durch die Weltenmächte, dann ist diese Weltanschauung etwas, was ihn töten, ihn in der Seele verwirren, lähmen kann. Daher wird der Jüngling, der nicht reif ist, zunächst gelähmt, ja sogar durch völlige Berührung getötet. Also, was den Geist befreien will, ohne uns Herrschaft über uns. selbst zu geben, das wirkt ertötend, sagt Goethe. All unser Streben muss darauf gerichtet sein, uns reif zu machen, uns so zu gestalten, dass die Seele in der richtigen Stimmung, in der richtigen Verfassung das Höchste empfängt. So wird der Jüngling zunächst getötet. Er soll vorbereitet werden durch die Begabung mit Seelenkräften durch die Könige. Vom goldenen König haben wir schon gesehen, dass er die geistige Kraft ist, die in der Seele entzündet werden kann und die auf rechte Weise die Weisheit gibt, so sie harmonisch sich zu den andern Seelenkräften stellt. Der silberne König stellt dar die Frömmigkeit. Für Goethe hängt die Schönheit, der Kultus der Kunst eng zusammen mit Frömmigkeit. Das Schöne ist das, was einen innerlich fromm macht. Die Seelenkraft, die uns durch Gefühle hinzieht zur geistigen Welt, ist in dem zweiten König repräsentiert. Die Seelenkraft des Willens [zum Guten] ist in dem ehernen König repräsentiert.
Aber diese Seelenkräfte müssen so in die Seele einrücken, dass wir sie sondern können, dass sie in der richtigen Weise in uns einrücken, dass wir sie beherrschen, absondern können; das Gefühlsleben vom Weisheitsleben und ebenso das Willensleben vom Gefühlsleben und Weisheitsleben. Diese Kräfte, die so gesondert auftreten, bedingen das höhere Weisheitsleben. Das niedere Leben wird repräsentiert durch den gemischten König. Jeder Mensch hat diese drei Seelenkräfte in sich, aber gemischt. Erst dann beginnt ein höheres Zeitalter in der Menschheitsentwicklung, wenn dieses chaotische Gemischtsein der Seelenkräfte aufhört, wenn sie nicht mehr chaotisch wie beim vierten König gemischt sind, sondern klar getrennt sind voneinander, das Gebiet der Seelenkraft, das mit Weisheit durchdrungen ist, und das, das von Schönheit durchdrungen ist, und das, das vom Willen zum Guten durchdrungen ist. Dann kommt der Mensch zu dem Zeitpunkt, an dem er sich sagen darf: Es ist an der Zeit. Dem muss etwas anderes vorangehen. Eine Seele, die unvorbereitet durch Weisheit, Schönheit und Kraft geführt worden ist, würde kaum etwas Besonderes sehen.
Eine andere Seelenkraft muss uns hinführen, die repräsentiert wird durch den Mann mit der Lampe. Die Lampe kann nur leuchten da, wo schon Licht ist. Es ist das Licht des Glaubens, das von unserem Herzen ausstrahlt, auch wenn wir noch nicht eingedrungen sind in die Dinge. Es ist das, was als Glaube den Dingen entgegengebracht wird. Es ist ein Licht, das nur da leuchten kann, wo schon ein anderes Licht ist: Die Religion kann nur da Glauben erzeugen, wo sie angepasst ist dem, was die Menschen unter einem Klima in einer bestimmten Kulturepoche und so weiter empfinden. Da muss die Schlange, die durch die bloße innerliche Seelenkraft zur Weisheit, Schönheit und Kraft dringen will, begegnen dem Glaubenslicht, das die Seele vorbereitet. So zeigt Goethe, dass die rechte Zeit herankommen muss, dass zuerst die Seele durch das Licht des Glaubens geleitet werden muss, und dass wir dann heraufkommen können zu einem unmittelbaren Ergreifen der Seelenkräfte in Gesondert-Sein und im unmittelbaren Zusammenwirken. Diesseits des Flusses also muss der Mensch sich vorbereiten. Auf der andern Seite wird gezeigt, wie der Mensch, wenn er unvorbereitet sich verbindet mit den Seelenkräften, an seiner Seele Schaden nimmt.
Eine merkwürdige Gestalt ist die Frau des Alten mit der Lampe, die menschlich, allzu menschlich geschildert wird, die eitel und so weiter geschildert wird, die ausersehen wird, mit den Früchten der Erde den Fährmann zu zahlen. Das ist die primitive menschliche Natur, die die Kraft hat, verbunden zu sein mit dem Licht des Glaubens. Es wird uns gezeigt: Dadurch, dass das Licht scheint von der Lampe des Alten, verwandeln sich Steine in Gold, Holz in Silber, tote Tiere in Edelsteine. Der Mops wird ja in einen Edelstein verwandelt. Da wird gezeigt, welche Macht der Glaube hat, diese ganz wunderbare Macht des Glaubens, oh, wie er imstande ist, uns alle Dinge so zu zeigen, dass sie wirklich in gewisser Weise uns ihr Göttliches zeigen, uns zeigen, was in ihnen ist. Tote Steine verwandeln sich in Gold, zeigen sich mit Weisheit begabt, der Glaube ahnt das in den Dingen schon, wie alle Dinge nicht das sind, als was sie uns durch die Sinne entgegentreten. Das wird gezeigt durch das Verwandeln durch die Lampe. Der Mensch, wenn er in seiner gesunden Natur bleibt, wenn er nicht zur Wissenschaft gelangen kann, hat er etwas in sich, was viel mehr an die Grenzscheide des Übersinnlichen führt. Der Wissenschaftler wird zum Zweifler, zum Skeptiker, und man versuche zu sehen, wie sicher steht manche ursprüngliche Natur, die repräsentiert wird durch die alte Frau, die Tatsachen dem Fluss geben kann, wie sie die Irrlichter nicht geben können. Solche Naturen haben ein ursprüngliches Gefühl, das sie verbindet mit dem Übersinnlichen, das in allem webt und lebt; und man kann an solchen Menschen sehen, wie sich zeigt bei den Reden der Wissenschaftler ein mitleidiges Lächeln, sagend, wir wissen etwas, was ihr nicht wissen könnt, das bringt uns zusammen mit dem, aus dem wir geschaffen sind. Das wird gezeigt durch den Zug, dass die Frau bezahlen kann.
Der Tempel muss von unter der Erde hinaufbefördert werden in das obere Reich, er muss sich selber über dem Fluss erheben. Und eine Seele ist denkbar, die so die Stufen hinaufgegangen ist, da sie erleben, fühlen kann die Mittagsaugenblicke des Lebens; sodass erreicht wird durch eine höhere Seelenentwicklung, dass nicht nur besondere Geister über den Fluss gehen können. Das ist es, was durch die Geisteswissenschaft in der neuen Kultur erreicht wird. Und Goethe benimmt sich wie ein Prophet in der neuen Kultur, indem er hindeutet darauf, dass nicht nur die besonderen Geister finden können das übersinnliche Reich, sondern, dass es eine Seelenentwicklung gibt, die ein jeder durchmachen kann; sodass alle hinüber und herüber wandeln können, wenn das eingetreten ist, was das eigentliche Geheimnis ist.
‹Wieviel Geheimnisse weißt du?› — ‹Drei,› versetzte der Alte. ‹Welches ist das wichtigste› fragte der silberne König. ‹Das offenbare,› versetzte der Alte.
Der Ausdruck «das offenbare Geheimnis» tritt oft bei Goethe auf, weil er, wie alle wahren Mystiker, der Meinung war, dass überall der Zusammenhang des Materiellen mit dem Geistigen offenbar ist; daher ist es für den Menschen nicht so sehr wichtig, auf allerlei Umwegen das Geistige zu suchen, sondern sich wirklich mit den Dingen zu verbinden, wie sich die Schlange mit ihnen verbindet. Das offenbare Geheimnis von allen dreien ist das, was überall zu finden ist, wozu nur eine gewisse Reife der Seele gehört. Die drei Geheimnisse sind einfach diese: die Weisheit, die Frömmigkeit und die Tugend. Dazu ist noch ein viertes nötig, das sagt die Schlange dem Alten ins Ohr; das kann der Alte nicht wissen. Aber er kann wissen, dass es nun an der Zeit ist. Was sagt nun die Schlange? Dass sie bereit ist, sich aufzuopfern, um eine Brücke über den Fluss zu sein. Da haben Sie das ganze Geheimnis des Opferns der niederen Seelenkräfte. Sie finden dieses Opfer weiter bei Goethe in den Worten:
Und so lang Du das nicht hast,
Dieses Stirb und Werde,
Bist Du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
Erst muss der Mensch durchgehen durch all das, was ihn führte durch das Leben. Aber was er gewonnen hat, was er erlebt hat durch das niedere Seelenleben, muss er imstande sein hinzuopfern, um aufzusteigen.
In einer schöner Weise hat Jakob Böhme, den Goethe sehr wohl kannte, dieses Geheimnis ausgedrückt:
Wer nicht stirbt, eh’ er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt.
Wer eingeht in die übersinnliche Welt, bevor er gestorben ist für das niedere Selbst, der würde in dieser Verkörperung noch nicht fähig sein, richtig das Geistige nach dem Tode zu sehen.
Wer nicht stirbt, eh’ er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt.
Die Seele bewahrt sich vor dem Verderben in dem niederen Selbst, meint Goethe, wenn sie wird wie die Schlange, die sich hinopfert, das heißt, in uns ist eine Seelenkraft, die sich verbinden kann mit den Naturkräften und die hingeopfert werden muss: das, was als niedere Selbstsucht notwendig ist zur Erreichung der menschlichen Freiheit. Daher wird das, was uns geführt hat, selbst der Weg ins Jenseits. Wir gehen über das, was wir selbst geopfert haben, in die übersinnliche Welt. Die Irrlichter sind nun imstande, aufzuschließen das Tor des Tempels. Die Wissenschaft hat den Schlüssel zum Reiche des Übersinnlichen, aber sie kann nicht hineinführen in die wirklichen Geheimnisse, denn sie führt nur zur Pforte des Tempels, wie auch Mephisto nur den Schlüssel zum Reiche der Mütter hat, aber selbst nicht eindringen kann. So sehen wir, wie tatsächlich die Irrlichter ihre Rolle bis zum Ende durchführen und wie Goethe den Sinn der Seelenentwicklung festhält in jedem einzelnen Fall.
Was bleibt vom religiösen Glauben zurück? Die Tradition in unseren Kulturprozessen. Gehen Sie in die Bibliotheken, suchen Sie einmal nach, wie viel da aufgespeichert ist von dem Golde, und sehen Sie, wie die Abstraktlinge das Gold herunterlecken und aus den alten Büchern neue machen, wie einmal ein Bibliothekar sagte. Goethe zeigt, die Irrlichter können sich von dem nähren. Wie viele Gelehrte gehen strotzend von dem herum, was gerade aus diesen Quellen kommt. Der Mops stirbt daran, ihm bekommt es schlechter. Er kann aber von der Lilie wieder belebt werden, als er durch den Tod hindurchgegangen ist. Wer die Berührung mit der Lilie aushalten will, muss erst durch den niederen Tod gegangen sein. Der Jüngling ist erst reif, sich mit der schönen Lilie zu verbinden, als er das letzte Unglück erlitten hat, völlig getötet ist, völlig die Wirkung dessen gespürt hat, was eintritt, wenn man unreif sich mit dem Übersinnlichen vereiniget. Die Schlange opfert sich hin, was in die Einzelheiten des natürlichen Seins zunächst wirkt. Wenn das alles geschehen ist, kann der Jüngling zunächst geführt werden in den Tempel. Dann wird die Seele hinaufgeführt zu der Erkenntnis, dass alles vom Geiste durchwebt und durchlebt ist. Dann wird der Tempel nach oben geführt, die Seele begabt mit dem, was zum Übersinnlichen führt. Weisheit gibt ihm das, was charakterisiert wird durch:
Erkenne das Höchste
und durch den Eichenkranz; das gibt der goldene König. Der silberne König spricht:
Weide die Schafe,
in Erinnerung an den frommen Hirten,
Weide meine Lämmer;
es ist ein Ausdruck für die Frömmigkeit. Der eherne König gibt ihm Schwert und Schild und sagt:
Das Schwert an der Linken, die Rechte frei!
Stark und fest auf den Beinen stehen, wenn es sich darum handelt, Menschenbestimmung und Menschenwürde zu verteidigen, aber nicht aggressiv sein. Jetzt darf sich der Jüngling verbinden mit der Lilie. Die Seelenkräfte dürfen durchglänzt werden mit Wahrheit und Liebe, die die Seele erst findet, wenn sie sich verbindet mit dem Geist. Der Jüngling empfindet die Liebe, von der gesagt wird zuletzt: Weisheit, Schönheit, Frömmigkeit und Tugend, sie fördern die Entwicklung der Seele, die Liebe bildet die Seele, formt, harmonisiert alles. Wenn der Mensch hinaufsteigt in den Tempel, in dem Erkenntnisse erlebt werden können, so kommt er dazu, in heiliger Scheu, wie einen kleinen Tempel in dem großen Tempel das Höchste zu sehen, das Geheimnis des Menschen selber, der hinübergeht aus der geistigen Welt in die diesseitige Welt. Die Hütte des Fährmanns wird als kleine Welt in den großen Tempel versetzt; wenn die Seele aufrückt zur höheren Erkenntnis, dann erlangt sie das, was Goethe empfunden hat als spinozistische Gottesliebe, sie kommt zu den Rätseln, den Geheimnissen der Welt. Aber als das höchste der Geheimnisse, als das, was er wiederum wie ein kleines Tempelchen in dem großen erblickt, das ist das Geheimnis von dem Dasein des Menschen selber im Zusammenhang mit dem göttlichen Sein.
Der Riese kommt zuletzt noch und wird etwas wie ein Stundenzeiger, der die Zeit angibt. Unsere Erkenntnis wird geistig, streift ab beim Aufsteigen alles, was äußeres Bewusstsein ist; alle Kräfte, die mechanisch wirken, die ein Rest aus dem Unterbewusstsein sind. Alles das darf nur in einem noch bleiben, wenn wir hinaufschauen auf das, was für unser Innerliches das Äußerlichste ist. So hat das bloß Mechanische, das noch nicht in höhere Erkenntnisse heraufgehoben ist, eine Berechtigung. Goethe konnte im Auge gehabt haben, was alles für Aberglauben getrieben worden ist mit der Zahlenkunst und alles, was an Getriebe herrscht im Glauben aus alten Weltanschauungen. Aber eins bleibt zurück, eine Art Chronometer für das, was die Erkenntnis ihm gibt, zu bilden. So ist alles bis zum Letzten hin in ein plastisches Bild umgesetzt, das, was Goethe empfand als Bildungsgesetz des Menschen.
Die hauptsächlichsten Züge konnte ich heute nur erklären, aber Sie werden finden, wenn Sie das «Märchen» in diesem Sinne lesen, wie Ihnen jede Seite, ja jeder halbe Satz, ein Beleg für deren Richtigkeit sein kann. Nur symbolisch kann man das andeuten, in symbolisch andeutenden reichen Bildern. Man muss sich bewusst sein, dass das, was in Goethes «Märchen» enthalten ist, noch unendlich mal reicher ist als das, was gesagt werden konnte, und dass alles heute Gesagte nur eine Anregung ist, in welcher Art gesucht und gefühlt werden soll über ein symbolisches Märchen. Es ist nicht möglich, mehr als eine solche Andeutung zu geben. Aber vielleicht haben Sie ein Gefühl dafür erhalten, aus welcher großen und unermesslicher Produktionskraft Goethe geschaffen hat, wie er recht hatte, wenn er sagte, dass allein schön und künstlerisch nur eine Ausgestaltung der Wahrheit sein kann. Das ist es auch, was als Überzeugung in Goethe lebte und ihn selbst von Stufe zu Stufe in rastlosem Streben führte. Das ist es aber auch, was uns so hinführte zu Goethe. Goethe ist einer der Geister, die so wirken, wie nur die allergrößten Geister wirken können. Man liest ein Werk von Goethe und glaubt, es verstanden zu haben, jedes Mal, wenn man es wieder liest später, glaubt man erst, es dann recht verstanden zu haben. Schließlich sagt man sich: Ich verstehe es auch jetzt noch nicht, ich muss warten, bis ich reifer und reifer werde. Das ist so nur bei den auserlesensten Geistern der Fall. Das macht uns sicher, dass wir in Goethe einen haben, der zu den Führern der Menschen gehört. So rechnet man Goethe wohl zu den Geistern, von denen man das, was hier charakterisiert werden soll zusammenfassend, sagen kann:
Es leuchten gleich Sternen
Am Himmel des ewigen Seins
Die gottgesandten Geister.
Gelingen mög’ es allen Menschenseelen
m Reich des Erdenwerdens,
Zu schauen ihrer Flammen Licht.