Goethe and the Present

GA 68c — 13 February 1910, Frankfurt

XXXII. Goethes «Faust» Exoterisch

Im August 1831 siegelte Goethe den zweiten Teil seines «Faust» ein, als sein geistiges Testament an die Menschheit. Welche Bedeutung er selbst diesem Werk beimaß, geht hervor aus den Worten, die er an Eckermann richtete: Jetzt habe ich eigentlich meine Lebensaufgabe erfüllt, ob ich in denjenigen Jahren, die mir vielleicht jetzt noch bleiben, dieses oder jenes tue und arbeite, darauf kommt es jetzt nicht mehr an. Die Gedankensehnsuchten und Interessen, die er in dieses Lebenswerk hineingelegt hat, reichen zurück in früheste Jugendzeit des Dichters. Man sagt, nicht alles stehe darinnen, was ich heute darüber sagen werde, aber gewirkt, gelebt hat es in seiner Seele in seiner schaffenden Kraft. 1827 sagte er, er habe darauf gesehen, in seinem zweiten «Faust», dass das Seelenhafte in Bezug auf die äußeren Bilder, in Bezug auf das Theatralische alles so sei, dass es die äußere, sinnliche Anschauung ansprechen könne, aber für den Tieferblickenden wird der esoterische Sinn sich gar wohl ergeben. Es sind die Anlagen, Stimmungen, es ist die ganze Verfassung seiner Seele, aus der hervorgegangen ist, was Bild, Gestalt geworden ist im «Faust». Von Geburt an war Goethe auf dasjenige gestimmt, was ein Eindringen des Menschen in die geistige Welt genannt werden kann. Nicht stehen zu bleiben bei dem, was die äußeren Sinne und der an sie gebundene Verstand als Erkenntnis und Lebensweisheit geben, sondern durch den Schleier der sinnlichen Beobachtungswelt, der Verstandeswelt hindurchzudringen zu den unsichtbaren, übersinnlichen Untergründen des Daseins!

Nicht können wir bei dem jungen Goethe jene reife Weisheit finden, die eingeflossen ist in den zweiten Teil des «Faust»; das Reifste, Inhaltsvollste und Tiefste konnte er doch nur geben am Ende seines Lebens. Denen, welche später seine Werke unverständlich finden, wie zum Beispiel die «Pandora» oder die «natürliche Tochter», erscheint der jugendliche Goethe als ein naiver Dichter, der Großes und Gewaltiges in seinen Werken, so auch im ersten Teil des «Faust», zum Ausdruck gebracht hat. Das sei etwas, was den Menschen gewaltig ergreife, in dem zweiten Teil habe er Schrullen und unverständliches Zeug hineingeheimnisst.

Da loben sie den Faust
Und was noch sunsten

In meinen Werken braust
Zu ihren Gunsten,

Das alte Mick und Mack
Das freut sich sehr;

Es meint das Lumpenpack,
Man wär’s nicht mehr!

Wir wollen verfolgen, wie der «Faust» herauswächst aus Goethes Leben, wie er immer versuchte zu den geistigen Quellen der äußeren Natur vorzudringen. Schon als Knabe suchte er sich dem zu nähern, was er damals verstand als den großen Gott der Natur, als den hinter allen Erscheinungen der Natur waltenden Geist. Als siebenjähriger Knabe nahm er ein Notenpult, legte Mineralien, Gestein, Pflanzen aus dem Herbarium seines Vaters darauf, um die Reiche der Natur zusammenzuhaben. — Das drückte in der Stimmung ein Gefühl aus, die Repräsentanten dessen, was die Natur ist. Das war für den siebenjährigen Knaben Goethe der Altar, vor dem er verrichten wollte seine Opfer gegenüber dem großen Gott der Natur, und oben hinauf stellte er ein Räucherkerzchen und ein Brennglas und er wartete ab die aufgehende Morgensonne, um ihre Strahlen zu sammeln und aus dem Feuer der gesammelten Strahlen das Räucherkerzchen zu entzünden zu einem Opferfeuer gegenüber dem großen Gott der Natur.

Wir sehen dann weiter, wie seine Seele allmählich heranwuchs zu jener Stimmung — nach der Übersiedlung von Frankfurt nach Weimar —, der er in dem Prosahymnus «Die Natur» begeisterten Ausdruck gegeben hat. Hier spricht er seine Verehrung gegenüber dem geistigen Walten aus, in den Worten:

Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen — unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen.

Er wusste sich so einig mit allem Vortrefflichen und allem scheinbar Missgebildeten in der Natur, dass er sagte:

Auch das Unnatürlichste ist Natur, auch die plumpeste Philisterei hat etwas von ihrem Genie.

Und das andere:

sie hat den Tod erfunden,um viele Leben zu haben.

Was liegt zwischen diesen zwei Zeiten? Frankfurt und Weimar. Wie ist er hinaufgestiegen zu dem, was wir in dem gewaltigen lyrischen Ausbruch in jenem Prosahymnus finden? Von Stufe zu Stufe, manchmal in unbewusstem Drange ist er im Leben hinaufgestiegen. Im tiefsten Innern, zuerst unbewusst, empfand er einen unbezwinglichen, unbesieglichen, durch nichts zu hindernden Erkenntnisdrang, der in jedem Augenblick mit dem Ganzen seines Lebens zusammenhängt, sich gleichsam ergießt in das Ganze seines Lebens, sodass es für ihn gar keine Theorie, gar keine Ideenwelt geben kann, ohne dass seine ganze Empfindungs- und Gefühlswelt zunächst imprägniert wäre mit seinem Herzblut. In seinen Leipziger Studentenjahren studierte er, obwohl zur Jurisprudenz bestimmt, Naturwissenschaften. In der Natur sah er eine Art von Schrift, in den Naturwesen und Naturtatsachen Gleichnisse, die wie eine Schrift ausdrücken, aussprechen etwas, was als Geheimnis in der äußeren sinnlichen Natur waltet. Nicht durch Geistesblitze und Phantasien wollte er eindringen in die Geheimnisse des Daseins — ihm war eingeboren der ruhige Gang durch die Welt, der von Stufe zu Stufe, von Erscheinung zu Erscheinung geht. Nicht mit einer phantasiehaften Philosophie wollte er die Weltenerscheinungen begreifen, wenn auch das äußere Leben, die Leidenschaften oft stürmischer walten und sozusagen unsichtbar machen das eigentliche, innere, ruhige sichere Streben — so war dies eben doch immer als tiefe Grundlage in Goethes Leben vorhanden. Nun trat ein Lebensereignis ernstester Art ein, gegen Ende der Leipziger Zeit, das sein Erkenntnisstreben ungemein vertiefte: Er erkrankte auf den Tod. Wohin muss uns Erkenntnis führen, wenn sie wahrhaftige Erkenntnis sein soll? Sie muss uns dahin führen, wo wir eindringen in die Geheimnisse des Lebens, wie durch verschlossene Pforten geführt werden, an jene Pforten, welche das Leben selber abschließen. Eine Erkenntnis, die vor dem Problem des Todes zurückweichen würde, könnte das ernste Streben der menschlichen Seele nicht befriedigen. Das Vorbeischreiten des Todes, der alledem ein Ende macht, was innerhalb des menschlichen Verstandes lebt und mit den äußeren Sinnen wahrgenommen werden kann, prägte ein in sein Erkenntnisstreben jenen Ernst, den seine Seele forderte.

In Frankfurt, wohin er nun zurückkehrte, waren es andere wichtige Erlebnisse, die ihn stark beeinflussten und über die er uns Andeutungen gibt in seiner Selbstbiographie «Dichtung und Wahrheit». Er kam mit Kreisen in Berührung, denen das ernsteste Streben eigen war, nach einer Verbindung dessen, was als Geist in uns selber lebt, mit dem großen Geiste der Welt. Im Mittelpunkt jener Kreise, die aus den Tiefen ihrer Seele zu den Tiefen der Welt zustrebten, stand Susanne von Klettenberg. Er wandte sich dem Studium ganz merkwürdiger Werke zu, zum Beispiel «Aurea Catena Homeris». Manche gescheite Leute der Gegenwart werden darin nur den blühendsten Unsinn finden. Goethe fand ihn nicht. Es waren keine Mitteilungen eines naturwissenschaftlichen Buches, die er dort fand, sondern er fand Dinge, die auf ihn so wirkten, dass er in seiner Seele Kräfte aufsteigen fühlte, von denen er annehmen musste; sie schlummern sonst im Menschen. Er kam sich vor wie ein Blindgeborener, gegenüber der physischen Welt, wenn er operiert ist und die Augen sich ihm öffnen, sodass er dasjenige, was früher auch vorhanden, aber nicht wahrnehmbar war, nun wahrnehmen kann. Er fand in jenen Büchern symbolische Gedanken. Die Drachen, Dreiecke, Zeichen der Planeten weckten in ihm eine Ahnung, dass unsere Seele werden kann wie ein Organ für geistige Welten.

In dieser Stimmung war er noch, als er nach Straßburg übersiedelte. Die ersten Stimmungsbilder des «Faust» gingen aus dieser Stimmung hervor. So ist es ein Teil von seiner Seele, von seinem Herzblut, wenn wir Faust gleich im Anfang sehen, wie er sich in allen Wissenschaften umgetan hat — wie Goethe in Leipzig —, dann hiervon unbefriedigt, durch eine besondere Methode der Geistesforschung in die übersinnliche Welt hineinzudringen versucht. — Nostradamus, Zeichen des Weltenmakrokosmos. Er lässt nun den Faust erleben, dass seine Seele noch zu klein ist, um in sich zu entwickeln den Sinn für die große Welt. Er sucht in sich selbst die Stimmung hervorzurufen, mit der er hineindringen kann in das, was als Geistiges lebt, hinter dem Erdendasein. Er beschwört den Erdgeist. Aus der Antwort, die dieser ihm gibt,

In Lebensfluten, im Tatensturm Wall’ ich auf und ab, Webe hin und her! Geburt und Grab, Ein ewiges Meer, Ein wechselnd Weben, Ein glühend Leben, So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

geht hervor, dass der Erdgeist zwar eine schaffende, produktive Kraft ist, dass das Leben in den Elementen des Erdendaseins zum Ausdruck kommt, aber eines fehlt, es stehen darin keine Leidenschaften und Begierden — nur Geburt und Tod. Er, der Erdgeist, erscheint als eine Wesenheit, welche die höheren, begierdefreien, geläuterten Kräfte der Menschennatur zum Ausdruck bringt in seinem Charakter. Es ist ein wichtiges Gesetz der Geisteswelt, dass die Erkenntnis nicht unabhängig ist vom moralischen Streben. Erkenntnis im höheren Stile ist nur zu erlangen, wenn unsere Seele abstreift das, was zusammenhängt mit Begierden, Affekten, Neigungen, Leidenschaften. Die Leidenschaften schlummern in den Tiefen der Seele, durchtönen die Gedanken- und Erkenntniswelt. Goethe wusste, dass die Reinheit des Erdgeistes ein Ideal sei, aber er wusste auch, wie schwierig, es zu erfüllen. Als der Erdgeist dann Faust zuruft:

Du gleichst dem Geist, den Du begreifst, nicht mir,

so klingt das wie das Echo seines eigenen Innern, das sich bewusst ist, wie weit weg von dem entfernt es ist, was der eigentliche Geist der Erkenntnis ist.

Der Leib hindert auch seine Materialität, dass die reinen Kräfte zum Vorschein kommen, die dem Geiste sich nähern können. Faust fühlt: Ich bin niedergehalten durch das, was ich nicht sehe in meiner äußeren Leiblichkeit, nicht durch die materiellen Kräfte, sondern durch das, was übersinnlich in der Leiblichkeit ist. Die Verkörperung dieses Übersinnlichen in der Leiblichkeit ist Mephistopheles; das ist der Geist, den er vorläufig begreift. Da erwachsen ihm alle die Szenen, in denen er darstellt, wie dieser Genosse und Geselle den Faust durch das ganze Leben der Sinnlichkeit hindurchzuführen, immer wieder aus den Regionen des Geisteslebens ihn herunterzuziehen versucht in dasjenige, was der Mensch als Geist und Seele nur erleben kann innerhalb der Leiblichkeit. Stufe für Stufe sucht Faust den Mephistopheles zu überwinden. Durch Entwicklung der eigenen Seele will er um jeden Preis eindringen in die geistige Welt. Aber nicht durch künstliche, tumultuarische Mittel — Spiritisten —, sondern ernsthaft lässt [Goethe] Stück für Stück die Welt auf sich wirken, bis er in allen Einzelheiten der Natur etwas sieht, wie Schriftzeichen, die ausdrücken das geheimnisvolle Leben der Natur. Nach alldem, was er an Mineralien und Pflanzen gesehen hatte, möchte er eine Reise nach Indien machen, um das Entdeckte nach seiner Art anzuschauen, um mit den Kräften des Geistes, die ihm nun eigen geworden waren, es noch einmal zu lesen. Erscheinung für Erscheinung, Tatsache für Tatsache will er wirken lassen auf die Seele, damit durch die für die Seele entwickelten Geistesaugen und Geistesohren herausspringen aus den Tatsachen die geistigen Naturgründe des Daseins.

In Italien sieht er alles daraufhin an, ob es ein Schriftzeichen sein kann in dem großen Kosmos. Als er die Kunstwerke gesehen, schreibt er, der vorher ein Anhänger der Theorie des Spinoza war:

Da ist Notwendigkeit, da ist Gott!

weil er empfand, dass hinter der Kunst waltend Geistigkeit ist, dass das einzelne Kunstwerk ein Buchstabe ist und dass Buchstabe an Buchstabe, Kunstwerk zu Kunstwerk zusammen sich fügt, uns lesen zu lehren, was als Geist hinter der schaffenden Menschheit in Bezug auf die Kunst steht. Natur, Pflanzen, Tiere, alles auch in der mineralischen Welt gehört nicht zum toten Materiellen, sondern zum Schriftzeichen für den dahinter waltenden Geist.

Wenn Faust den Erdgeist nun anredet:

Erhabener Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet

etc., so ist es, als ob er sagen wollte: Ich stehe nun anders gegenüber dem erhabenen Geiste, der dazumal wie eine Ahnung mich berührte, die mich unglücklich machte, weil ich sie nicht verwirklichen konnte. Ich fange an, dich zu begreifen! Der Unterschied zwischen dem prometheischen Drang des jungen und der überschauenden Weisheit des alten Goethe drückt sich aus darin, dass er den Faust bei der Übersetzung des ersten Kapitels des Johannesevangeliums nicht übersetzen lassen will: «Im Anfang war das Wort», dagegen in Pandora-1807 schreibt:

Gleich vom Himmel
Senket Wort und Tat sich segnend nieder,
Gabe senkt sich, ungeahndet vormals.

Der Mensch ist mehr, als was er in sich verschließt, er ist etwas, worum große kosmische Kräfte kämpfen, Kräfte des Guten und Bösen — Prolog im Himmel. In der menschlichen Seele haben sie den Schauplatz ihres Kampfes. Die Seelenwelt ist eine Welt von geistigen Farben und Tönen: Tönend wird für Geistesohren schon der neue Tag geboren, es trompetet, es posaunet, Unerhörtes hört sich nicht.

German original of Goethe's “Faust” Exoteric · ← Previous · Next →