Goethe and the Present
GA 68c — 6 December 1909, Munich
XXXI. Die Mission der Wahrheit
Sehr verehrte Anwesende!
Wenn heute gesprochen werden soll über Wert und Bedeutung der Wahrheit für die Entwicklung der menschlichen Seele, dann drängt sich wohl manchem die alte Frage auf: Was ist überhaupt Wahrheit? Kann man in irgendeiner Weise im Allgemeinen davon sprechen, was Wahrheit eigentlich ist? Und wenn man diese Frage nicht beantworten kann, wie soll man dann über Wert und Bedeutung der Wahrheit für die menschliche Seele irgendetwas ausmachen können? Dennoch ist es keineswegs so, dass man nicht unterscheiden könnte zwischen dem sich Nähern der Wahrheit und dem sich Entfernen von der Wahrheit. Wirklich gilt im Ernst das, was Lessing ausdrücken wollte in seinem berühmten Ausspruch über die Wahrheit: Wenn Gott mir reichen würde seine Rechte und seine Linke und in seiner Rechten hielte die reine, volle Wahrheit; in seiner Linken aber das ewige Streben nach Wahrheit, dann würde ich sagen: Vater, gib mir das, was du in deiner Linken hast, das ewige Streben nach Wahrheit; denn die reine, volle Wahrheit ist ja doch nur für dich allein.
Richtig ist es, dass der Mensch nur ein ewiges Streben haben kann nach der reinen, vollen Wahrheit; aber irrtümlich wäre es, wenn man deshalb wiederum in das Missverständnis verfallen würde, dass man zwischen dem, was mehr, und dem, was weniger dem Wahrheitsideal entspricht, gar nicht unterscheiden könne.
Nicht so sehr durch theoretische Erörterungen als durch ein Beispiel möge vor unsere Seele treten, wie denn doch ein fühlbarer Unterschied sozusagen ist zwischen dem, was man als Wahrheit bezeichnen kann, und demjenigen, wo man sprechen kann: Das hat den Menschen entfernt von der Wahrheit. Es gilt durchaus nicht im Allgemeinen, dass ein Jeglicher seinen eigenen Wahrheitsstandpunkt haben könne, dass man nicht unterscheiden könne, ob dasjenige, was irgendjemand behauptet von seinem Standpunkte aus, der Wahrheit näher komme oder sich von der Wahrheit entferne. Da dürfen wir einmal an den Ausspruch eines jüngst verstorbenen amerikanischen Vielmillionärs, erinnern, der sich unter anderem auch neben seiner Tätigkeit, die ja in Bezug auf seine Millionen gewiss einträglicher war, damit beschäftigte, über gewisse Dinge durch Gedanken zur Wahrheit zu kommen. Er hat über den Wert des Menschen in seinen Aphorismen einen merkwürdigen Ausspruch getan: Kein Mensch auf der Welt ist unersetzlich; ja, man könne gar nicht einmal von einem besonderen Wert des einzelnen Menschen sprechen. Wenn ich — so sagte er — jetzt meine Arbeit niederlege, so werden sich zahlreiche andere finden, die sie da aufnehmen, wo ich sie niedergelegt habe. Wenn ich mich zurückziehe von demjenigen, was ich bisher getan habe, so werde ich leicht ersetzt werden können, und wenn ich sterbe — so ungefähr sagte er —, dann werden die Eisenbahnen geradeso fahren wie vorher, dann werden die Dividenden geradeso verdient werden wie bisher. Kurz, es wird sich nichts Besonderes in der Welt durch den Abgang eines Menschen geändert haben. Und da setzt er hinzu — und das ist wichtig —: So ist es bei jedem Menschen.
Vergleichen wir diese sogenannte Wahrheit, die der Vielmillionär herausgebracht hat von seinem Standpunkte aus, über den Wert und die Bedeutung des Menschen in der Welt, mit einem ähnlichen Ziele verfolgenden Ausspruch des geistvollen deutschen Kunsthistorikers Herman Grimm, den dieser damals getan hat. Als Treitschke gestorben war, da sagte Grimm [über dessen Werk und Bedeutung] ungefähr: Wenn ein solcher Mann dahingestorben ist, wie Treitschke einer war, dann fühlt man erst, was er all denen, die mit ihm zu tun gehabt haben, eigentlich war, dann fühlt man eine Lücke, in die niemand hineintreten kann. Treitschke gehörte zu denjenigen Menschen — so etwa sagt Grimm —, die, wenn sie ihre Arbeit niederlegen, in Bezug auf diese Arbeit keinen Fortsetzer finden können. Er bringt einem so recht zum Bewusstsein, dass der Einzelne unersetzlich ist in seinem Wert und seiner Bedeutung.
Nicht wahr, die unterscheiden sich, diese beiden Aussprüche über den Wert und die Bedeutung eines Menschen: der eine von dem amerikanischen Millionär, der andere von dem geistvollen deutschen Kunsthistoriker Herman Grimm. Ich möchte ausdrücklich noch bemerken: Grimm setzte nicht hinzu, was der amerikanische Millionär hinzugesetzt hat: So ist es bei jedem Menschen! Zwei Standpunkte sind das, könnte man sagen, wenn man leichthin urteilen wollte, dahingehend, dass die Wahrheit für jeden Menschen eine besondere Gestalt annehmen kann. Zwei Standpunkte, könnte man sagen, über den Wert und die Bedeutung des Menschen.
Nun, welcher ist der wahrere? Prüft man ein wenig die beiden Aussprüche, dann wird man einen gewaltigen Unterschied zwischen beiden merken. Man muss sie nur prüfen nach gewissen Eigenschaften, nach denen gewöhnlich heute nicht geprüft wird. Wie nimmt der Millionär seinen Standpunkt? Lediglich nach seiner eigenen Persönlichkeit. Er prüft nach, was geschehen würde mit derjenigen Arbeit, die er bis zu einem gewissen Zeitpunkt getan hat; er urteilt ganz von sich aus und gewinnt es, über sich zu sagen, weil er findet, dass die Arbeit, die er aus der Hand gibt, jeden Augenblick von einem anderen aufgenommen werden kann, deshalb müsse es so bei jedem Menschen sein. Ein ganz persönlicher Standpunkt tritt uns da entgegen, der nur auf sich sieht, um über die Frage nach dem Werte und der Bedeutung des Menschen zur Wahrheit zu kommen. Und Herman Grimm, er urteilt gar nichts über sich in diesem Falle, sondern über eine andere Persönlichkeit. Er urteilt so, dass er ganz von-sich selber absieht und sozusagen überwältigt ist von etwas, was außer ihm als ein Wesen sich befindet. Und dadurch kommt er gerade dazu, den Fall so zu beurteilen, dass er gar nicht von diesem Einzelfalle aus ein allgemeines Urteil fällt, sondern einfach den Fall hinnimmt, wie er ist. Wir brauchen nur die Verschiedenheit des Standpunktes beider in Betracht zu ziehen, und wir werden sehen, worin das Charakteristische in dem einen und in dem anderen Falle liegt. Im einen Falle wird ganz subjektiv, ganz persönlich, ganz aus der eigenen Ichheit heraus über den Wert und die Bedeutung des Menschen geurteilt; im anderen Falle spielt die Ichheit gar nicht mit. Und wer sollte nicht fühlen, wenn er wirklich eingeht auf beide Aussprüche, dass der eine der Urteiler, der unpersönlich urteilt, der von sich absieht, sich gleichsam überwältigen lässt durch das Objektive, dass der über den Wert und die Bedeutung eines Menschen mehr zu sagen hat als derjenige, der ganz subjektiv, ganz persönlich urteilt! Das muss einem jeden sein natürliches Gefühl geben. Solch ein Vergleich zeigt, dass wir niemals sagen dürfen: Standpunkt ist eben Standpunkt; sondern dass es ein Sich-Nähern der Wahrheit gibt, ein wirkliches Erreichen in gewisser Beziehung auf dem Wege hin zur Wahrheit, wenn wir versuchen, die Wahrheit so zu ergründen, dass wir unpersönlich zu Werke gehen. Oder fühlt man nicht etwa, dass in einer gewissen Beziehung von jedem Menschen im Sinne Herman Grimms gesagt werden muss, er ist unersetzlich? Nicht bloß große Menschen sind unersetzlich. Kann der Standpunkt des amerikanischen Millionärs gelten, wenn man denkt, wie unersetzlich für manches Kind zum Beispiel die Mutter ist? Darf man sagen, dass in diese Lücke etwas eintreten könne, was sie ersetzt? Oh, man wird es schon fühlen, sobald man den Standpunkt einnimmt, dass es ein Näherkommen der Wahrheit gibt, wenn es auch nur ein ewiges Streben nach der reinen, vollen Wahrheit geben kann.
So kommt es gerade bei denjenigen Dingen, die für die menschliche Seele einen solchen Wert haben, darauf an, dass man zuweilen recht intim und tiefgehend prüft. Und mit dem, was wir dabei erlangt haben an dem einfachen Beispiel von dem persönlichen und dem unpersönlichen Urteil, haben wir schon sehr viel gerade zur Charakteristik der Wahrheit erlangt.
Wir sind in dem Vortrag über die Mission des Zornes davon ausgegangen, dass dasjenige, was des Menschen eigentliches Seelenwesen ist, dasjenige, was wir im Gegensatz zur menschlichen Leiblichkeit seine Seelenhaftigkeit nennen können, aus drei Gliedern besteht der Empfindungsseele, die sozusagen zunächst das unterste der menschlichen Seelenglieder ist, aus der Verstandes- oder Gemütsseele, die das zweite Glied der menschlichen Wesenheit im Innern ausmacht, und aus der Bewusstseinsseele, die das dritte Glied ist. Und wir haben schon charakterisiert, dass diese Empfindungsseele dasjenige Glied im Menschen ist, innerhalb dessen wir finden Begierde, Triebe, Leidenschaften und so weiter. Wir haben ja selber ein Stück dieser Empfindungsseele durchmessen, indem wir hingewiesen haben auf das Element des Zornes und seine Wirksamkeit in der Empfindungsseele, und haben gesehen, wie in dieser Empfindungsseele das Ich in einer dumpfen Weise vorhanden ist, wie es da noch überwältigt wird von den Leidenschaften, Trieben, Instinkten und so weiter
Steigen wir herauf in dasjenige, was ein höheres Glied der menschlichen Seele ist, in die Verstandes- oder Gemütsseele, dann wird das Ich schon klarer in sich selber und lichtvoller, da wird das Ich schon eine sich selber haltende und fassende Kraft im Menschen. Wodurch eigentlich ringt sich die Verstandes- oder Gemütsseele aus der Empfindungsseele heraus? Der Mensch steht gegenüber der Außenwelt. Diese Außenwelt macht ihre Eindrücke auf den Menschen; sie gibt ihm in der Wahrnehmung die reiche Welt von Farbe und Licht, von Tönen, von Wärme und Kälte, kurz von allem, was wir durch unsere Sinne wahrnehmen. Wenn wir unsere Seele durch ihre Organe mit der Außenwelt in ein Verhältnis bringen, dann steigt auf in unserer Empfindungsseele gegenüber dem, was wir in der farbigen Welt, in der tondurchströmten Welt, in der Welt des Geschmackes und Geruches draußen wahrnehmen, Lust, und Freude, Leid und Schmerz und so weiter über die Wahrnehmungen. Alles das, was da in unserer Empfindungsseele an Begierden, Trieben sich anknüpft an die äußere Wahrnehmung, das macht sozusagen das unterste der Seelenglieder aus, und in diesem lebt dumpf, seiner selbst noch unbewusst, das menschliche Ich, dieser Mittelpunkt des menschlichen Wesens. In diesem untersten Glied der Seele leben aber auch die Affekte, die Leidenschaften, die Triebe und Begierden. Der Mensch lässt sich leicht hinreißen von ihnen; sein Ich ist da noch nicht Herr über Zorn, Ärger, Verdruss; es lässt sich hinreißen von Lust und Leid, von Trieben und Begierden, geht in diesen unter, ist nicht der Dirigent, der Akteur gegenüber diesen Trieben und Begierden. Da unten also lebt in dem wogenden Meere der Erscheinungen der Empfindungsseele dumpf brütend — können wir sagen — das Ich; aber es kann sich nicht herausheben aus diesem, wogenden Meere der Empfindungsseele dasjenige, was wir Verstandes- oder Gemütsseele nennen, wenn nicht der Mensch sich so in sich selbst vertieft, dass er im Innenleben anknüpft an dasjenige, was er in der Außenwelt erfahren hat. Von dieser Außenwelt empfangen wir die unmittelbaren Eindrücke. Die tragen wir hinweg aus unserem Verkehr mit der Außenwelt. Dann sind wir mit uns selber. Da wägen wir die eine Freude an der andern ab, da brüten wir über unseren Schmerz, wir versuchen, über ihn wegzukommen oder uns erst recht in ihn hineinzuwühlen. Da bauen wir das aus in uns, was wir empfangen haben an Eindrücken von außen. Was so die Seele aufbaut im Innern, das könnte sie nicht durcharbeiten, wenn nicht das Ich mit dem, was empfangen worden ist, etwas machte, wenn nicht das Ich in dieser Seele arbeitete. Anregungen von außen können kommen ohne das Ich; der Mensch braucht sich nur der Außenwelt gegenüberzustellen, die Welt wirkt auf ihn ein. Wie aus einem Spiegel entstehen in der Empfindungsseele an der Außenwelt Lust und Leid, Begierden und Triebe und so weiter; aber erst, wenn wir uns von dieser Außenwelt abwenden und in uns sammeln, wenn wir unsere Triebe und Begierden verarbeiten, wenn wir in unseren Vorstellungen ein Ganzes bilden, dann sagen wir: Wir arbeiten uns durch das Ich aus der Empfindungsseele in die Verstandesseele, dann verinnerlichen wir uns innerhalb unseres Selbst, dann verarbeiten wir dasjenige, was wir von außen empfangen haben. Und dieses im Innern Erarbeitete, das ist der Inhalt der Verstandes-, der Gemütsseele. Und erst dann, wenn wir imstande sind, das, was wir aufgebaut haben, wieder in Beziehung zu bringen zur Außenwelt, wenn wir uns durch unser Innenleben ein Reich von inneren Erlebnissen gebildet haben, wenn wir eine Summe von Lust und Freude in unserer Seele ausgebildet haben, die wir «schön» nennen zum Beispiel, und das alles wiederum anwenden auf die Außenwelt; wenn wir durch die Begriffe, die wir uns gemacht haben, dazu kommen, etwas in der Außenwelt als gut, schön, wahr zu erkennen, dann sagen wir, wir erlangen ein Erkennen von der Außenwelt. Da arbeiten wir uns wiederum heraus zum Ergreifen der Außenwelt, herauf zum wissenden, erkennenden Menschen: Da bilden wir die Bewusstseinsseele aus. Die ist zunächst das höchste Glied der menschlichen Seele. So führt uns die Empfindungsseele von außen in uns hinein, so leben wir in uns durch die Verstandes- oder Gemütsseele, so finden wir den Weg wiederum, die Welt erkennend und wissend zu erfassen durch unsere Bewusstseinsseele.
Innerhalb der Empfindungsseele haben wir das Element des Zornes angetroffen, und in dem Zorn haben wir einen der Vorbereiter gefunden zur Entwicklung des Ichs und der Seele. Derjenige Mensch, der noch nicht reif ist, in sich ein Urteil zu bilden über das Wahre, Gerechte, Gute, der wird dadurch, dass er beim Anblick irgendeiner Lüge, einer Ungerechtigkeit, eines Bösen in edlen Zorn gerät, Stellung nehmen zu dieser Außenwelt. Der Zorn wird sozusagen ihm anzeigen: Das ist nicht dir gemäß, [das ist ein Missklang, ein Hemmnis] und in seinem Innern erwacht dasjenige, was man das Ich nennt, was sich der Außenwelt entgegenstellt. Da, wo wir in Zorn entflammen über etwas, was wir nicht zugeben können, da ist das Erwachen des Ichs gegeben. [Und [der Zorn] entwickelt dieses im Hinüber- und Hinaufleben in die Verstandes- und Gemütsseele durch stetige Verinnerlichung heraus aus der Entwicklungsseele.] Ist der Zorn also etwas, was der Mensch überwinden muss, damit er sich entwickle, können wir geradezu sagen vom Zorn: Er hat seinen Wert dadurch, dass er überwunden werden kann; hat der Zorn erst dann seine volle Bedeutung für den Menschen erlangt, wenn der Zorn sich in Liebe und Milde verwandelt hat, so müssen wir sagen: Das Wichtigste für die Verstandes- oder Gemütsseele ist so, dass es sich uns als dasjenige Element darstellt, das im besten Sinne die zwei gestern erwähnten Seiten des Ichs zur Entwicklung bringt. Soll das Ich des Menschen sich in entsprechender Weise entwickeln, so muss es so geschehen, dass es auf der einen Seite immer voller und voller wird. Nur dadurch, dass der Mensch ein reiches Vorstellungs- und Ideenleben, ein reiches Empfindungs-, Gefühls- und Willensleben in sich entwickelt [und dadurch seine Ich-Kräfte in sich stärkt], nur dadurch wird er auf der einen Seite viel von der Welt umfassen können — und auf der andern Seite wird das Ich ein starker Ausgangspunkt des Wirkens nach außen werden können. Je mehr seine Eigenheit sich entwickelt, desto mehr — dürfen wir sagen — ist der Mensch als Menschenwesen in der Welt wert. Aber wir haben schon darauf hingewiesen, dass dieses Ich ein zweischneidiges Schwert ist, dass auf der andern Seite dieses Ich, indem es nur darauf ausgeht, in sich selber reicher und voller zu werden, sich in sich verschließen kann; dass es gerade dadurch, dass es nur in sich leben will, das Tor versperrt gegen die Außenwelt und dadurch verarmt. Soll der Mensch so selbständig, so stark als möglich werden auf der einen Seite, so muss er gerade dadurch vermeiden zu verarmen, wenn dieses Selbst sich gegenüber der Außenwelt verschließt, dass er auch die zweite Seite des Ichs, die Selbstlosigkeit, das Zusammenfließen mit der Außenwelt kultiviert.
Wo ist das Element in der menschlichen Entwicklung, das durch seine Eigentümlichkeit diesen zwei Seiten des Ichs gerecht wird? Nichts anderes gibt es, was so sehr den beiden Seiten des Ichs gerecht wird, als gerade die Wahrheit. Wahrheit ist etwas, was wir, wenn es uns in seiner höchsten Form erscheinen soll, nur im Innersten unseres Ichs finden können. Erst dasjenige kann für uns als Wahrheit gelten, was wir durch unser Ich selber als solche erkannt haben. So muss im Geheimsten des menschlichen Ichs die Wahrheit für das Ich gefunden werden. Wir können sagen: Durch das Selbst wird die Wahrheit für den Menschen gefunden. Wenn der Mensch diesen Charakter der Wahrheit einsieht, dann wird er sagen: Gerade an der Arbeit für die Wahrheit erstarkt das Ich an seiner Selbstheit in seiner inneren Kraft; denn Wahrheit wird nur errungen, wenn das Ich sich anstrengen muss, weil nur in der Tiefe des Ichs die Wahrheit gefunden werden kann.
Daher diese Eigentümlichkeit der Wahrheit, dass wir nichts brauchen als das Arbeiten unseres Ichs selber, wenn die Wahrheit einen Wert für uns haben soll. Allerdings ist es beim gegenwärtigen Menschen so, dass kaum etwas anderes als die einfachsten Wahrheiten für ihn eine solche Gestalt annehmen, dass das Ich wirklich durch sich selbst entscheiden kann. Es sind das die einfachsten rechnerischen Wahrheiten. Haben wir einmal bei uns selber entschieden, dass dreimal drei neun ist und nicht zehn, dann genügt diese im innersten Allerheiligsten unseres Ichs gefällte Entscheidung, um zu wissen, dass das wahr ist. Und wenn Millionen von Menschen sagen würden: Dreimal drei ist zehn, wir würden uns unbedingt für dreimal drei ist neun entscheiden. Das ist für die rechnerischen, für die mathematischen Wahrheiten deshalb gültig, weil sie übersichtlich sind, weil sie sozusagen in ihrer Einfachheit sich uns unmittelbar darbieten. Wenn wir daher durch diese Einfachheit dasjenige überwinden, was in der Empfindungsseele sich geltend macht als Leidenschaft, indem sich das Ich heraufarbeitet in die Verstandesseele, muss es geradeso, wie es den Zorn überwindet, überwinden die anderen Affekte. Denn nur dadurch wird das, was der Mensch in der Seele erlebt, zur Wahrheit, dass alles, was an Instinkten, Begierden, Trieben, Leidenschaften in der Seele ist, hinausgeworfen wird. Da, wo die Menschen nicht übereinstimmen in Bezug auf die Wahrheit, wo nicht ein jeder in seiner Seele dieselben Wahrheiten findet, da sind es eben die Triebe, die Begierden, die Leidenschaften, welche ihn sozusagen hindern, wirklich durchsichtig und hell und klar die Verhältnisse der Wahrheit zu schauen. Bei den einfachen rechnerischen Wahrheiten können die Leidenschaften nicht mitsprechen. Würden zum Beispiel die Leidenschaften aufkommen gegenüber der Durchsichtigkeit der rechnerischen Wahrheiten, dann würde gewiss manche Hausfrau begehren, dass, wenn sie dreimal drei Mark zum Markte bringt, das zehn Mark machen würde; denn die Leidenschaften sprechen dafür, aber die Einfachheit und Durchsichtigkeit der rechnerischen Wahrheiten lässt die Leidenschaften, die Begierden nicht aufkommen. In diesem Falle — in einer jeglichen Sache überhaupt, wo wir es dahin gebracht haben, die Leidenschaften und Begierden zum Schweigen zu bringen, da durchschauen wir auch klar die Verhältnisse der Wahrheit. Bei alldem, wo wir es noch nicht dahin gebracht haben, dass die Leidenschaften und Begierden schweigen, sind wir noch nicht imstande, über die Wahrheit im Ernst zu entscheiden. Haben wir es aber dahin gebracht, über eine Wahrheit zu entscheiden, dann ist das Ich in seinem Innersten der Richter über die Wahrheit. Also, das Ich muss sich fühlen in seiner Kraft, indem es über die Wahrheit entscheidet, indem es sich Wahrheit erwirbt.
Und wiederum: Haben wir die Wahrheit über eine Sache erworben, dann dürfen wir sagen: Diese Wahrheit ist, trotzdem sie auf die persönlichste Art erworben ist, das Allerunpersönlichste; denn dieselbe Wahrheit können wir in allen Seelen finden. Wenn wir eine Wahrheit gefunden haben, wird sie bei Millionen Menschen, die sie auch gefunden haben, dieselbe Gestalt zeigen. Daher werden wir uns über die Wahrheit mit der ganzen Umwelt verständigen können. So ist die Wahrheit das Persönlichste und so ist sie das Unpersönlichste. Sie führt am tiefsten in uns hinein, weil sie da entschieden werden muss, und sie führt wiederum hinaus, weil sie unabhängig von unserer Willkür gilt. Daher ist die Wahrheit dasjenige Element im Seelenleben, das die wichtigste Mission in Bezug auf dieses Seelenleben hat, das auf der einen Seite zur Selbstständigkeit das Ich erzieht — denn das Ich ist der Richter über die Wahrheit — und auf der anderen Seite zur Selbstlosigkeit, indem die Wahrheit dieses Ich zusammenführt mit all demjenigen, was in unserer Umgebung ist, wo überhaupt von Wahrheit gesprochen werden soll. Die beiden Seiten des zweischneidigen Schwertes, sie werden durch die Wahrheit am besten erzogen, und so wird das Ich kräftig, um heraufgeführt zu werden aus dem wogenden Getriebe der Empfindungsseele, wo es noch dumpf brütet; so wird es kräftig, um heraufgeführt zu werden in die Verstandes- oder Gemütsseele, und so wird es zu gleicher Zeit vorbereitet, um hinaufgeführt zu werden in die Bewusstseinsseele, wo es wiederum hinauskommt zum Ergreifen der Umwelt, zur selbstlosen Erfassung der Welt. Damit haben wir die Wahrheit charakterisiert als das wichtigste und das wesentlichste Element bei der Entwicklung des Ichs, bei der Arbeit des Ichs an den drei Seelengliedern, der Empfindungsseele, der Verstandesoder Gemütsseele und der Bewusstseinsseele. Deshalb ist die Wahrheit eine so gewaltige Erzieherin des Ichs, weil sie nach beiden Seiten hin wirkt. Nur müssen wir es wirklich ernst mit ihr nehmen. Nur derjenige, der in seinem Ich wirklich nach der Wahrheit strebt, und nur nach der Wahrheit strebt, der wirklich nur entscheiden lässt in sich selber, in seiner Vorstellungswelt nach Maßgabe der Wahrheit, der darf hoffen, dass diese Wahrheit für ihn selber diese angedeutete Mission erfüllt. Mit Recht sagt ein großer englischer Dichter von der Wahrheit, andeutend ihre Sprödigkeit, andeutend die hohen Forderungen, die sie an uns stellt: [Demjenigen], der der Wahrheit etwas vorzieht, dem ergibt sich diese Göttin nicht. Wer sein Christentum stellt über die Wahrheit, wird bald bemerken, dass er seine besondere Konfession über das Christentum stellt. Wer aber seine besondere Konfession über das Christentum stellt, wird bald bemerken, dass er seine Sekte über die Konfession stellt. Und wer seine Sekte über die Konfession stellt, wird bald bemerken, dass er seine persönliche Willkür auch über das Bekenntnis seiner Sekte stellt. So sagt der Dichter Coleridge. Die Wahrheit ergibt sich nur demjenigen, der wiederum bereit ist, sich ihr ganz hinzugeben. Nun aber treffen wir diese Wahrheit in uns selber in einer doppelten Gestalt. Das Ich macht seine zwei Seiten, die wir charakterisiert haben, gar wohl geltend gegenüber dieser Wahrheit. Wenn wir diese zwei Seiten des Ichs charakterisieren wollen, dann müssen wir dasjenige, wie sich die Wahrheit aus der Welt dem Ich darbietet, vor unsere Seele hinstellen.
Wir blicken in die Welt hinein. Die Welterscheinungen bieten sich unseren Sinnen, das heißt unserer Empfindungsseele an. Derjenige, der sich Begriffe, Ideen, Vorstellungen über die Welt machen will und nicht glauben will, dass diese Welt nach Begriffen, Ideen, Vorstellungen gebaut ist, der mag nur gleich zugeben, dass man aus einem Glas, in dem kein Wasser ist, Wasser herausschöpfen könne. So unsinnig es wäre, dies zu behaupten, so uns innig ist es, zu glauben, dass man aus einer Welt, in der keine Ideen, keine Begriffe sind, herausschöpfen könne dasjenige, was wir dann in der Seele haben: Ideen und Begriffe von der Welt. Eine Welt, die nicht nach Ideen gebaut wäre, die nicht weisheitdurchtränkt wäre, die könnte niemals in der menschlichen Seele ein Spiegelbild hervorrufen, das als Innenerlebnis Begriffe und Ideen von dieser Welt darstellt. Denn was wären unsere Begriffe und Ideen, durch die die Gesetzmäßigkeit der Welt in uns erlebt werden soll, was wäre alle Wissenschaft, wenn die Welt nicht nach Ideen gebaut wäre? Phantasterei, Träumerei wäre alle Wissenschaft; denn die Wissenschaft ist eine Summe von Ideen und Begriffen. Lägen nicht Ideen und Begriffe, mit anderen Worten: Läge nicht Weisheit in der Welt, wäre die Welt nicht durchwoben und durchzogen von Weisheit, dann wäre unsere Weisheit Torheit; denn sie wäre eine reine Phantasterei, ein reiner Irrtum. Wir würden uns in unserer Seele etwas vorstellen als ein Bild der Welt, das ganz willkürlich aufgebaut ist. Einen Sinn hat es nur, mit Hilfe der Begriffe und Ideen ein Bild sich von der Welt zu machen, wenn man voraussetzt, dass in der Welt diese Begriffe und Ideen da sind und dass die Dinge selber, die unseren Sinnen sich darbieten, heraussprießen und hervorwachsen aus der Weltenweisheit, aus der durch die Welt fließenden und strömenden Weisheit. So sagen wir uns: Hinter dieser Welt, die wir einfließen lassen durch unsere Sinne, die wir fühlen und begehren durch die Empfindungsseele, hinter dieser Welt ist Weisheit. Und wir suchen uns dieser Weisheit dadurch wiederum zu nähern, dass wir uns in unserer Seele selbst lebend heraufarbeiten zu demjenigen, was unsere Verstandesseele innerlich als Wahrheit erkennen lässt. Weisheit ist da in der Welt; Weisheit arbeitet sich heraus in unserer eigenen Seele, indem wir aufsteigen zur Verstandes- und zur Bewusstseinsseele. Wenn wir uns aber zu dieser Weisheit in der Welt stellen, dann müssen wir sagen: Oh, diese Weisheit, sie ist der Welt eingebaut, eingegliedert. Wir Menschen stehen sozusagen dieser Welt als nachträgliche Betrachter gegenüber und erforschen die ihr eingepflanzte Weisheit. [Ein großer Teil unseres Strebens in der Erlangung des Wissens besteht darin, dass wir uns das aneignen, was die Welt durchpulst und durchlebt als Weisheit.] Wenn wir die Weisheit, die die Welt durchströmt, als Wahrheit in uns aufglänzen lassen, so sind wir da so recht diejenigen, die hinterher kommen. Und auch wenn wir die Menschheitsentwicklung betrachten, [so zeigt diese uns, wie der Mensch mit alle seinem Tun und Treiben, mit seinen Erfindungen, hinter den bereits errungenen Tatsachen der Umwelt mit ihrer Weisheit zurücksteht]. So können wir sagen: Ein genauerer Blick in die Menschheitsentwicklung zeigt uns sehr bald, wie der Mensch sozusagen hinter der Weisheit der Welt mit seiner Wahrheit steht. Man überblicke einmal die geschichtliche Entwicklung der Menschheit. In den Schulbüchern kann man es lesen, wie die Menschen allmählich dazu gekommen sind, aus gewissen Substanzen sich das herzustellen, was wir Papier nennen. Papier herzustellen durch die menschliche Weisheit haben die Menschen gelernt. Ganz so, wie der Mensch aus gewissen Substanzen sich sein Papier macht, so wird das Papier des Wespennestes gemacht — denn das Wespennest besteht aus Papier, das Wespennest zeigt die Kunst, Papier zu bereiten, die durch unzählige Jahrhunderte als Weisheit draußen in der Natur vorhanden war und die der Mensch in seiner geschichtlichen Entwicklung hinterher gefunden hat. Da ist der Mensch so recht der Nach-Denker dessen, was draußen vorgedacht ist. Ein großer Teil unseres Strebens in der Erlangung des Wissens besteht darin, dass wir die Weisheit der Welt nachdenken, dass wir uns aneignen in uns selber, was die Welt durchpulst und durchlebt als Weisheit. Indem wir uns so gegenüber der Welt stellen, dass wir ihre Weisheit in uns aufglänzen lassen, fühlen wir eben in der innersten Wesenheit unseres Ichs, dass wir erstarken, dass wir uns mit der Substanz, die draußen als geistige Substanz ist, der Welt gegenüberstellen. Wir erstarken, indem die Weltenweisheit als Wahrheit in unserem Ich wiederum aufglänzt. Diese Wahrheit, die der Weltenweisheit nachgedacht ist, die entspricht so recht der einen Seite unseres Ichs, nämlich derjenigen Seite, die wir nennen können die selbstlose Seite. Denn alles dasjenige, was wir so über die Welt denken, das ist ja ohne unser Ich da, das ist längst da gewesen, bevor wir es denken konnten. Wir erleben im Erfassen der Weltenweisheit etwas, was außer unserem Ich ist. Wir strömen sozusagen unser Ich in die Welt hinaus: Wir sind ganz Welt, wir sind ganz hingegeben an die Welt, ganz selbstlos, indem wir die Weisheit der Welt in uns aufleben lassen. Dadurch machen wir uns selbstlos, dass wir ganz hingegeben, objektiv hingegeben sind an die Weisheit der Welt, die als Licht der Wahrheit in uns selber aufglänzen soll. Das ist die eine Seite der Wahrheit.
Die andere Seite der Wahrheit tritt uns entgegen, wenn wir die menschliche Arbeit ins Auge fassen. Wenn wir alles dasjenige, was wir an menschlichen Ideen im Kleinsten und im Größten verwirklichen, vor unsere Seele hinstellen, gleichgültig, ob es eine alltägliche Idee ist oder ob es die Idee eines Erfinders ist, der eine Maschine zum Beispiel erfindet, da haben wir die schallende, die produktive, die schöpferische Arbeit des Menschen im Auge. Da haben wir zuerst die Idee, dann haben wir dasjenige, was der äußere Ausdruck dieser Idee oder die Folge der Idee ist. Wir sehen dasjenige, was in uns entsteht, was noch nicht in der Welt vorgedacht ist, aus unserem Ich heraus entspringen. Wir sehen unser Innerstes heraustreten in unseren alltäglichen Verrichtungen, in den Verrichtungen, die wir bezeichnen können als die Realisierung der großen Ideen der Erfinder. Da haben wir zuerst den Gedanken, da denken wir den Gedanken nicht nach, da ist die sinnliche Erscheinung nicht zuerst da, da ist der Gedanke zuerst da, darin tritt die sinnliche Erscheinung durch unsere eigene Tat uns entgegen, da sind wir die Vordenker und da sind wir diejenigen, die nach unserem Vorgedachten selber schöpferisch in die Welt treten, da fühlen wir unser Ich nach der anderen Seite erstarken; da fühlen wir, wie die Wesenheit unseres Ichs hinausgeflossen ist, fühlen dasjenige, was wir unsere Selbstheit nennen können; wodurch wir imstande werden, dasjenige, was das Ich zuerst im Umkreis unseres Daseins draußen erlebt, verwirklicht zu sehen. Da fühlen wir jene Seite des Ichs, wo wir nicht aufgehen in etwas, was ohne das Ich da ist, sondern im Gegenteil, da fühlen wir unsere innere Aktivität, unsere Selbstheit. [Unser Ich ist in unseren Taten, unseren Werken ebenso darinnen, wie es auch zuerst in unseren Gedanken gearbeitet hat.] Als Vordenker ist das Ich so recht kultivierend seine Selbstheit; als Nachdenker ist das Ich so recht kultivierend seine Selbstlosigkeit. Und in diesen beiden Bestandteilen des gesamten Innenlebens tritt uns die Wahrheit innerhalb unseres Wirkens und Strebens in der Welt entgegen als nachgedachte Wahrheit und als vorgedachte Wahrheit.
Nun fragen wir uns: Gibt es eine Vermittlung zwischen diesen zwei Seiten? So, wie das Leben herantritt an den Menschen, so treten sozusagen die beiden Seiten seines Ichs, doch wiederum auseinanderhaltend die Bestandteile der Wahrheit, auf. Wahrheit ist zwar die große Erzieherin beider Seiten, aber dadurch, wie das Ich sich dieser Wahrheit bemächtigt, bringt es selber Spaltung hinein. Gibt es etwas, wo die beiden Seiten der Wahrheit uns in der Welt entgegentreten? [Wenn es nun aber solche Wahrheiten gibt, die vorher da waren, vor dem Ich, und das Ich erfasst sie unabhängig von der äußeren Welt, verwirklicht sie dann auch in der Welt, so ist das eine Wahrheit, die wir als eine der Selbstigkeit und zugleich der Selbstlosigkeit anerkennen können.] Wenn es solche Wahrheiten gibt, die auf der einen Seite vor aller sinnlichen Wirklichkeit gedacht sein können und die dennoch sich verwirklichen, nicht in Maschinen und täglichen Verrichtungen; sondern wenn wir die Wahrheit erlassen unabhängig von der äußeren Welt und sie dann in dieser äußeren Welt verwirklicht sehen; wenn die Wahrheit, die uns als vorgedachte sich ergibt, sich zu gleicher Zeit zeigen kann als ganz nach dem Muster der nachgedachten Wahrheit gebildet: Solch eine Wahrheit wäre eine die beiden Seiten des Ichs besonders kultivierende. Gibt es solche Wahrheiten? Solche Wahrheiten will eben der modernen Menschheit geben die Theosophie oder Geisteswissenschaft.
Versuchen wir uns das an einem Beispiel klarzumachen. Es wurde schon angeführt, dass es der Theosophie obliegt, den Satz hinzustellen: Seelisch-Geistiges entsteht nur aus Seelisch-Geistigem, so wie Redi für ein anderes Gebiet den Satz zuerst hingestellt hat: Erwas Lebendiges entsteht nur aus Lebendigem. Wir haben gesehen, dass dieser Satz hervorgeht aus demjenigen, was wir nennen die Erkenntnis der wiederholten Erdenleben des Menschen. Die Art und Weise, wie durch die Geistesforschung erkannt wird, dass der innerste Wesenskern des Menschen sich wiederverkörpert, ist nicht durch logische Schlüsse herbeigeführt, sondern eine unmittelbare Erkenntnis des hellsichtigen Bewusstseins. So wie der mit physischen Augen begabte Mensch Farbe und Licht sieht, so nimmt der Mensch, welcher die inneren, verborgenen Kräfte der Menschenseele entwickelt hat, denjenigen Wesenskern des Menschen wahr, den wir als den unsterblichen bezeichnen können, der in dem Menschen lebt und der sich selber dem hellsichtigen Bewusstsein darstellt, der da kommt aus vorherigen Verkörperungen und der da geht zu künftigen Verkörperungen. Also, durch übersinnliche Erkenntnis ist dasjenige gegeben, was wir hier in Begriffe kleiden von der Wiederverkörperung des menschlichen Wesenskernes. Da kommt also der Geistesforscher und sagt: Ich habe durch meine Forschung herausgebracht, dass der Mensch Wiederverkörperungen durchmacht; er schildert die Wiederverkörperung, er bringt das in Begriffe, wie die moderne Naturwissenschaft die sinnliche Anschauung und Verstandeserrungenschaften in Begriffe bringt. Mit diesen Begriffen tritt er vor die Menschen hin. Durch äußere Wahrnehmung kann eine solche Erkenntnis nicht gefunden werden; sie muss gefunden werden durch übersinnliches Schauen, durch Entwicklung derjenigen Organe, die man Geistesaugen, Geistesohren nennt. Dann aber, wenn sie so gefunden ist, dann kann sie in Begriffe, in Gedanken, in Formen gebracht werden, die wir die Formen der Wahrheit nennen. Also, wir haben damit eine Wahrheit vor uns, die sich ausdrückt so wie etwas, was nicht durch äußere Wahrnehmung gewonnen werden kann. Ein gegenüber der äußeren Wahrnehmung Vorgedachtes haben wir. Gerade so wie der Gedanke, wie die Idee der Maschine lebt in dem Kopfe des Erfinders, ohne dass er sie äußerlich sieht, so lebt der Gedanke der Wiederverkörperung als ein Resultat der Forschung in der geistigen Welt, so lebt er in dem Kopfe des Geistesforschers, dann aber tritt die Mitteilung vor die Welt hin, dann können wir den Blick in die Außenwelt richten und sagen: Wir sehen, wie sich [zum Beispiel das Kind] von dem ersten Tage eines Menschen an [allmählich] aus den unbestimmten, verschwommenen Gesichtszügen herausentwickelt zu bestimmten Formen, [zu einer festen Physiognomie], was in einem dunklen Untergrund des Daseins schlummert. Da sehen wir die bestimmten Formen sich herausbilden. Und wir sagen uns: Nach dem, was uns der Geistesforscher sagt, können wir das leicht verstehen. Das aus früheren Verkörperungen Herübergekommene ist der Wesenskern des Menschen, [der im Kinde sich von Neuem auslebt und aus einem früheren Leben kommt], der arbeitet aus, was unbestimmt war, zu bestimmten Formen. Wir sehen die ganze Entwicklung uns an und sagen: Wenn wir hinsehen auf das Leben und das Leben prüfen, dann zeigt uns dieses Leben selber in seinen Erscheinungen die Bewahrheitung dessen, was der Geistesforscher sagt; und nur die Befangenheit kann dem Menschen den Blick so trüben, dass er an der äußeren sinnlichen Erscheinung nicht bewahrheitet finden würde, was der Geistesforscher herunterholt als Vorgedachtes aus den höheren Welten. So holt dieser seine Wahrheiten herunter aus den höheren Welten, so hält er sie entgegen der äußeren Wahrnehmung, und was uns da in der Außenwelt entgegentritt, das bietet uns die Beweise für die Wahrheiten aus den höheren Welten dadurch, dass wir die Außenwelt dann verstehen. Wir dringen unter die Dinge hinunter mit dem, was wir denselben als Wahrheiten entgegenbringen. So stimmt das Vorgedachte mit der Außenwelt überein wie die Idee des Erfinders mit der fertigen Maschine. So ist vereint in den Wahrheiten, die die Theosophie darbietet, was sonst getrennt ist. Da haben wir sozusagen nichts hinter uns. Die theosophische Wahrheit ist nicht gefunden wie die Idee eines Erfinders — in gewisser Beziehung aus dem Nichts heraus geschaffen —, sie ist gefunden durch Beobachtung in der geistigen Welt. Lässt sich aber anwenden auf die äußere sinnliche Welt. Diese theosophische Wahrheit ist zu gleicher Zeit ein Vorgedachtes und zu gleicher Zeit ein Nachgedachtes. Daher wirkt sie in ganz anderer Weise auf die menschliche Seele als alles andere, was sonst an Wahrheiten uns entgegentritt. [Durch die Aufnahme dieser Wahrheit entfesselt der Mensch sein Ich.]
Dadurch, dass der Mensch sich in die Weisheit der Welt vertieft, dadurch entselbstet er sich, dadurch wird sein Ich ein solches, das sozusagen immer mehr und mehr ausfließt; es verarmt an innerer Kraft. Dadurch, dass der Mensch in seinen täglichen Verrichtungen vordenkt, Anspruch macht darauf, dass das Vorgedachte sich umsetzt in äußere Wirklichkeit, dadurch will er sein Ich aufprägen der äußeren Welt, dadurch will er in seiner Umgebung immer mehr und mehr dasjenige sehen, was sein Selbst will; er will sein Selbst aufprägen seiner Umgebung. Damit ist er ganz in der Selbstheit darinnen, damit hat er ein Interesse geschaffen, dieses Ich, ganz abgesehen von der Umwelt, so stark zu machen als möglich. So können wir zwei Möglichkeiten einer IchAusbildung sehen. Die eine ist diese, dass das Ich ein ganz nachdenkliches wird, wo es ganz hingegeben ist an die äußere Welt, wo es immer selbstloser und selbstloser hingegeben ist an die äußere Welt, wo es in seiner Kraft nicht erstarkt. Die andere ist die, wo das Ich nicht bloß sich anfüllt von Ideen der Außenwelt, sondern erfüllt sein soll vom Willen. Im ersten Fall kann das Ich am Willen veröden. Wir können die Erfahrung machen, dass solche Menschen, die in der gewissenhaftesten Weise die objektive Wahrheit aufnehmen, schwach an Willen sind. Auf der anderen Seite können wir die Erfahrung machen, dass diejenigen Menschen, die einzig und allein ihren Willen der Umwelt aufprägen wollen, verschlossen werden gegenüber dem, was in der Außenwelt vorgeht, gegenüber dem, was ihr Interesse erwecken sollte an weisheitsvollem Gehalt der Welt. So sehen wir sozusagen das denkende Ich bei denjenigen Menschen ausgebildet, die auf die erste Art sich entwickeln, und das wollende Ich bei denjenigen, die auf die zweite Art sich entwickeln. Harmonisches Zusammenwirken aber des denkerischen Ich und des wollenden Ich, das können wir erreichen, wenn wir die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten in uns wirken lassen. Da werden die beiden wohltätigen Kräfte im Ich erwachen, da wird das Ich auf der einen Seite in sich einströmen lassen allen Gehalt der Welt, aus dem es selber herausgeboren ist, wird sich innerlich reich machen durch das, was in die ganze Welt als deren geistiger Gehalt ausgegossen ist; da wird es auf der anderen Seite in sich selber sich zusammenfassen, um in sich stark zu werden. Dadurch wird das Ich weder nach der einen noch nach der anderen Seite verarmen, sondern kräftig und gesund werden nach beiden Seiten hin. Und das ist das Gesundende der theosophischen Wahrheit, dass sie auf der einen Seite in gleicher Weise gewonnen ist wie die nachdenkliche Wahrheit, und dass sie auf der anderen Seite wirkt wie die vorgedachte Wahrheit. Daher ist sie gesundend, weil sie auf der einen Seite in uns hineingießt alle Schönheit der Welt, und auf der anderen Seite unser Ich so blühend und fruchtbar macht, weil sie ermöglicht, dass dasjenige, was in dem Ich wächst, sein Spiegelbild findet an den äußeren Erscheinungen. Durch die theosophische Wahrheit bringen wir unser Ich so sehr zur Entwicklung, weil sie diejenige Wahrheit ist, die zu gleicher Zeit eine vorgedachte und eine nachgedachte ist. Das ist das Gesundende der theosophischen Wahrheit. Während wir bei einem Menschen, der nur ein nachdenklicher Mensch wäre, der nur die Weisheit der Welt umfassen wollte, sehen würden, dass er unter Umständen immer mehr und mehr sich selber lähmen kann an Willenskraft und ihn deshalb innerliches Schwachsein durchdringt, dass er innerlich erkrankt am Mangel solcher Kraft, würden wir auf der anderen Seite sehen, dass derjenige, der nur seinen Willen verwirklichen will, innerlich verarmt, weil er keinen Zusammenhang hat mit der Welt. Dagegen sehen wir beim Theosophen nach allen Seiten hin Harmonie herrschen. Der Gedanke verdichtet sich dadurch, dass er erfasst wird von der Zuversicht der Verwirklichung. Kurz, es wird das Ich dadurch, dass es sich mit der theosophischen Wahrheit durchdringt, zum Durchgangspunkt für die Weisheit. Da wird der Wille erleuchtet und auf der andern Seite zum wahren Mittelpunkt dadurch, dass er die vorgedachte Wahrheit mit der nachgedachten Wahrheit gegenüber der Welt hat. Das wird die Menschheit nach und nach erkennen, dass der Wille, der uns so trocken und so nüchtern erscheinen kann bei demjenigen, der ihn bloß umgesetzt haben will in äußere Wirklichkeit, herauf sich erwärmt zu lebendigen Gefühlen, weil er in unserem Ich sich begegnet mit der Weisheit der Welt; und wiederum, dass uns diese Weisheit, die uns so trocken erscheinen kann bei dem bloß nachdenklichen Betrachten der Welt, individuell anmuten kann, wenn sie sich im Ich begegnet mit dem lebendigen Willen. Weisheit und Wille müssen sich im Ich treffen. Das ist das Gesundende, das Lebenskräftigende jener Wahrheit, dass wir nicht nur Verstandesseele — oder Gemütsseele - sondern Gemüt-durchsetzte Verstandesseele und Verstand-durchsetzte Gemütsseele in den höheren Seelengliedern, in der Verstandesseele, erzeugen, dass es durch die Natur des Ichs diese zwei Seiten, sich der Wahrheit zu nähern, gibt.
Das hat vor allen Dingen in neuerer Zeit keiner so tief gefühlt als derjenige, von dem wir hier schon öfter gesprochen haben, der der Geisteswissenschaft so nah als möglich gestanden hat, der die größten dichterischen Werke geschaffen hat, als Goethe. Und wie eine Illustration zu dem Gesagten soll uns heute dienen ein Werk des späteren, älteren Goethe. Oh, Goethe wusste klar und deutlich, dass die Art und Weise, wie sich der Mensch der Wahrheit gegenüberstellt, davon abhängt, wie er in seinem Ich selber sich ausgestaltet hat. Dass die Wahrheit bloß etwas objektiv Zwingendes ist, das war niemals Goethes Gedanke, dass die Wahrheit den Menschen umso mehr erleuchtet, je mehr er ihr Empfänglichkeit entgegenbringt, das war seine Grundüberzeugung, das wird heute wenig verstanden. Da kommen die Leute und sagen: Ach, über eine gewisse Art, die Wahrheit zu erfassen, sind wir längst hinaus. Die Wissenschaft hat uns dahin geführt, dass wir nicht umhinkönnen, daran zu zweifeln, dass etwas Geistiges in einem Lebewesen drinnen ist. [Die Wissenschaft hat uns gründlich ausgetrieben, hinter jedem Materiellen etwas Geistiges zu suchen.] Sie hat uns ausgetrieben den Glauben an etwas wie einen Ätherleib oder eine Lebenskraft, denn diese Wissenschaft ist nahe daran, zu zeigen, wie die lebendige Substanz sich zusammensetzen lässt aus äußeren chemischen Bestandteilen. Hören Sie nicht überall, dass uns gesagt wird: Wir können nicht solche Phantasterei anerkennen, wie die Theosophie sie zeigt, denn wir haben das Ideal, im Laboratorium aus toter Materie Eiweiß, das heißt Lebendiges herzustellen. Darf da vielleicht einmal eine Gegenfrage gestellt werden? Kann denn nach der ganzen Entwicklung des Menschen dasjenige etwas entscheiden, was er erwartet über die Zusammensetzung eines Lebewesens? Kann das für seine Bekenntnisse zum Geist der Welt etwas entscheiden? Wer nachdenken will, der kann einen äußerlichen Beweis dafür finden, dass gar nichts entschieden wird über das Bekenntnis zum Geist durch so etwas wie die Erwartung, man könne einmal im Laboratorium auf chemischem Wege Eiweiß herstellen. Das eine zwingt gar nicht zum anderen, das kann man geschichtlich beweisen. Fragen Sie einmal, was noch ganz anderes geglaubt worden ist, was zum Beispiel die Menschen in früheren Jahrhunderten, im Mittelalter etwa, geglaubt haben, die haben nicht bloß geglaubt, dass es ihnen gelingen werde, aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff und so weiter Eiweiß zusammenzustellen, die haben noch etwas ganz anderes geglaubt. Vergegenwärtigen Sie sich die Sätze im Goethe’schen Faust, wo Wagner vor der Bereitung des Homunculus steht; das zu können war ein Glaube, der im Mittelalter vorhanden war. Die Leute haben geglaubt, dass sie aus äußeren Substanzen durch die verschiedenen Verrichtungen, die sie machten im Laboratorium, so etwas herstellen könnten, was ein kleines Menschlein ist. Dieser Glaube, dass sie aus äußeren Substanzen einen Menschen herstellen können, hat aber diese Menschen gar nicht dazu veranlassen können, den Geist abzuleugnen. Daher rührt es gar nicht aus dem Zwang der objektiven Tatsachen her, dass heute der Geist verleugnet wird, sondern von der Unfähigkeit [den Geist zu erfassen], in dem eigenen Seeleninneren sich aufzuschwingen zu derjenigen Vorstellungsart, welche einsieht, welches die Bedingungen sind, sich zum Geist zu bekennen. Solche Dinge muss man auch ins Auge fassen, dann wird man verstehen, was es hieß, dass nur derjenige das Leben der Seele erfassen kann, der in der Seelen-Substanz so zu arbeiten versteht wie der äußere Naturforscher in der äußeren Substanz.
Und Goethe war ein solcher, der in die Vorstellungen, die wir heute angeführt haben, tief hat hineinschauen können. Vor allen Dingen stand ihm vor Augen dieser Gegensatz zwischen der nachdenkenden und der vordenkenden Wahrheit. Und er prägte in einer wunderbaren, kleinen Dichtung, in seiner «Pandora», diesen Gegensatz schön aus.
Diese «Pandora» ist 1807 entstanden; über sie ist viel Unsinniges geschrieben worden. Da haben die Leute gesagt: Das ist eben ein Goethe’sches Alterswerk, da stellt Goethe in Symbolen allerlei Begriffe dar. In einer Goethe-Ausgabe, von einem vielgerühmten deutschen Gelehrten, können Sie die Worte ungefähr lesen: Nun, was sagt uns denn das viel anderes, als dass wir uns von uns selber einen Begriff bilden können, dass der Mensch darstellt, was er sich von sich selber denkt. Goethe würde sich bedankt haben, so etwas der Welt vorzusetzen, was er «sich von sich selber gebildet» hat. Goethe selber hat sich selber einmal vielleicht in einer nicht höflichen, aber deutlichen Weise ausgesprochen über das Urteil der Menschen über seine Alterswerke.
Wer «Pandora» [aufmerksam und unvoreingenommen] in die Hand nimmt [und auf sich wirken lässt], wird eines davon erkennen. Oh, es gibt nicht viele Werke, worinnen in solcher wunderbaren Durchführung stilgemäß gewertet ist, was den Inhalt bildet. Es ist dasjenige in diesem Werke, was man nennen kann die leichte künstlerische Hand. Lesen Sie «Pandora» und Sie werden, wenn Sie sie mit Ihrem Stilgefühl durchdringen, bewundern jene Leichtigkeit, mit der im Versbau, in der Diktion, überall alles auf die betreffende Person und Situation hin gestaltet ist. Da redet die eine Person in dieser Versform, die andere in einer anderen, in einem leichter fließenden Stil. Da ist alles leicht in dieser «Pandora». Gerade darin zeigt sich das Große, dass Goethe dieses Werk Fragment lassen musste. Selbst bei einem Goethe ist so eine gewaltige künstlerische Vollendung, wie sie in «Pandora» zutage tritt, nur möglich für Augenblicke. So war sie auch bei Goethe nur ausreichend für den Anfang der «Pandora»; aber dann erlahmte er; denn er war zu klein, um das Werk in der Größe weiterzuführen, von der er durchdrungen war als Künstler, als er den Anfang gestaltete. Das kann uns aber nicht beirren, das Große anzuerkennen, was in der «Pandora» vorhanden ist.
Goethe hat sich wohl ausgesprochen über die Leute, die da sagen: Ja, was Goethe in der Jugend geschrieben hat, da kann man mitgehen, das ist alles voller dichterischer Ursprünglichkeit; aber was Goethe als Alter zusammenallegorisiert hat, das kann kein vernünftiger Mensch verstehen. Das war nämlich schon bei Goethes Lebzeiten so — nicht beim Faust, aber in Bezug auf die anderen Alterswerke — Goethe selber hat keineswegs den ersten Teil des «Faust», der so bewundert wird, aufs Höchste geschätzt. Er wusste, was er darauf verwandt hatte, um sich immer höher und höher zu entwickeln; er wusste in sich selber, wie hoch seine späteren Werke über seinen früheren stünden. Und da sagt er etwas unhöflich, aber deutlich:
Da loben sie den Faust
Und was noch sunsten
In meinen Werken braust
Zu ihren Gunsten.
Das alte Mick und Mack
Das freut sich sehr;
Es meint das Lumpenpack,
Man wär’s nicht mehr!
Dieses Urteil verspürt man in seiner Berechtigung gegenüber den philiströsen Goethe-Beurteilern, die Goethe zu demjenigen machen, was sie eben selber sind — es kommt schon etwas Rechtes dabei heraus! Gerade in neuerer Zeit ist unser Publikum überschwemmt worden mit solchen Goethe-Deutern. [Sehen wir uns das Werk im Sinne unseres heutigen Themas näher an:] «Pandora» enthält in großem Stile das Problem vom nachdenklichen und vom vordenklichen Menschen — [Epimetheus gehört zu der ersteren, Prometheus zu der letzteren Art]. Zeus hat der sich fortentwickelnden Menschheit das Dasein nehmen wollen. Unter des Zeus Herrschaft wäre die Menschheit dem völligen Untergang geweiht gewesen. Prometheus tritt dem Zeus entgegen. Er bringt nach der Sage dem Menschen das Feuer, auch die Sprache, die Schrift. Er ist es dadurch, der den Menschen die Möglichkeit gibt, aus dem Zustand, in dem sie früher waren, wo das Ich dumpf unten brütete in der Empfindungsseele, heraufzukommen. Immer mehr und mehr zur Entfaltung des Ichs sollte der Mensch kommen. Es ist eine richtige Beobachtung, dass alles, was zum Beispiel mit dem Feuer zu tun hat, in irgendeinem Zusammenhang steht mit dem menschlichen Vordenken. Reisende beschrieben es, wie in Gegenden, in die sie gekommen sind, in denen sie sich Feuer gemacht haben, die Affen zum Beispiel gekommen sind und sich gewärmt haben, wie es den Affen aber gar nicht eingefallen ist, das Feuer selber zu schüren; das heißt, diese Tiere höchststehender Art bringen es nicht dahin, die Zukunft vorzudenken. [Diese höheren, dem Menschen am nächsten stehenden Tiere fühlten wohl das Angenehme des wärmenden Feuers, sie fühlten vielleicht auch in dumpfer Form eine Art von Gedanken, aber sie kamen trotzdem nicht dazu, den Gedanken so weit auszudenken, dass sie da Feuer durch Auflegen von Holz weiter unterhielten, noch viel weniger dazu weitere Nutzanwendung vorzudenken.] Gerade dadurch, dass der Mensch das Element des Feuers beherrscht, ist er fähig gemacht worden, sein Ich zum Ausgangspunkt des Vordenkens zu machen, [um dadurch allmählich sein Ich auf eine höhere Stufe in immer steigendem Maße hinaufzuführen].
So stellt uns Goethe in seiner «Pandora» die zwei Brüder entgegen, den Epimetheus und den Prometheus. Da steht der eine Bruder: Epimetheus. Sein Name besagt schon, dass er der Nachdenkende ist; er ist hingegeben demjenigen, was der Welt eingeprägt ist als Weisheit, denjenigen Gedanken, die als Wahrheit aufleuchten können in der menschlichen Seele. Er ist nicht bereit, etwas vorzudenken; er träumt in seiner Seele den Wahrheitstraum der Welt, der ein hinter der Weisheit der Welt als Wahrheit gedachter nachträglicher Traum ist. So Epimetheus. Prometheus dahingegen ist der anderen Einseitigkeit hingegeben; er will nichts wissen von dem Nachdenken der Weisheit. Er will nur von demjenigen wissen, was in der Seele des Menschen selber aufsprießt, um es zu verwirklichen.
Des echten Mannes wahre Feier ist die Tat
— das ist Prometheus’ Ausspruch. [Er ist ein Mann der Tat, und diese ist es, in der er vor uns auftritt als Vordenker.] So sehen wir die beiden Gegensätze: den Epimetheus, den Nachdenker, und den Prometheus, den Vordenker. Das drückt Goethe in seiner «Pandora» schon in der Szenerie aus. Da haben wir auf der einen Seite den Wohnplatz des Prometheus. Alles, was da aufgebaut ist, sehen wir durch Menschenarbeit zustande gekommen. Es ist zwar roh, aber wir sehen es, dass es nirgends den Charakter der Natur trägt, nicht etwas draußen in der Natur abbildet; wir sehen nicht eine Schönheit der Natur nachgeahmt, roh und ungeschlacht ist es, aber als Menschenwerk steht es vor uns da. Dagegen tritt uns dasjenige, was auf der Seite des Epimetheus als sein Wohnsitz ist, als eine Szenerie entgegen, die aus den schönen Gestaltungen der Natur, aus Teilen der Natur zusammengestellt ist und sich in eine wunderbare Landschaft fortsetzt. Wir sehen selbst darin ausgeprägt das Nachdenken über die Natur und das Sich-Einrichten so, dass man nachlebt, was draußen vorgelebt ist. Als völlige Gegensätze in Bezug auf das Wahrheitsstreben erscheinen uns Epimetheus und Prometheus.
In der griechischen Sage wird uns erzählt, dass Zeus sich rächen wollte für die Tat des Prometheus. [Durch Hephaistos ließ Zeus in kunstvoller, künstlerisch schöner Vollendung ein Frauenbild herstellen] — Pandora —, [diese belebte er]. Sie sollte den Menschen Gaben aus der Welt des Zeus bringen. [Nach ihrem Niedersteigen auf die Erde weist Prometheus das göttliche Wesen zurück, Epimetheus aber nimmt sie bei sich auf und macht die schöne Göttin zu seiner Gattin.] Die Sage erzählt, wie nun diese Pandora, die durch die Götter hergestellte Frau, [das von Zeus mitgegebene] Kästchen öffnet und wie da herausfliegen die Güter, die den Menschen eigentlich elend machen. Nur ein Gut bleibt darinnen: die Hoffnung. Damit sehen wir, dass in der Sage auch die Pandora etwas mit demjenigen zu tun hat, was für das menschliche Geschlecht der Vergangenheit angehört. Von der Zukunft hat die nachdenkende Menschheit von der Pandora nur die Hoffnung. Was sie sonst hat, wodurch die Menschen sich einrichten können, das ist überkommen aus der Vergangenheit.
Diese Pandora tritt bei Goethe auch auf als die Gattin des Epimetheus. Aber wir sehen ganz klar, dass Goethe dasjenige, was äußere Handlung ist, hinaufsteigert in eine geistige Welt. Wir sehen die nachdenkende Seele des Epimetheus und sehen sie verbunden mit Pandora, das heißt, in dieser Seele des Epimetheus lebt das, was da draußen ausgebreitet ist in der Welt als Weisheit, was nachgedacht wird wie in einem Traum. Wunderbar ist die Charakteristik des Epimetheus, der nachträumt die Weisheit, die nichts anderes ist als Pandora selber, wenn sie personifiziert ist. Er fühlt sich unbefriedigt und schwach, dann lässt im weiteren Verlauf des Dramas Goethe den Prometheus, den Bruder, dem Epimetheus gegenübertreten. Da schwärmt Epimetheus von der [geliebten, aber auch entschwundenen, göttlichen] Pandora, von der allbegabten Pandora. Goethe zeigt uns, dass ihm durch diese Gestalt die Weltenweisheit durchleuchtet, die Weltenweisheit aber, wie sie vom Menschen im Nachdenken erfasst wird. Wie ist diese nachgedachte Wahrheit? Abstrakt, unschöpferisch ist sie, unproduktiv. Denken Sie sich einmal, dass wir in der Seele vereinigen könnten alles Wissen über die gesamte Welt; aber unproduktiv wäre dieses Wissen, wenn es nur ein nachgedachtes wäre. Wie etwas, das mit der ganzen Weltenweisheit begabt ist, aber unproduktiv ist, so ist die Gattin des Epimetheus, so ist Pandora. Prometheus, der keinen Sinn hat für diese Pandora, tritt dem Epimetheus gegenüber; während Epimetheus von dem herrlichen Haare der Pandora schwärmt, während er davon schwärmt, wie der Fuß sich schön bewegt — da sagt Prometheus: Oh, ich weiß, wie das zubereitet ist. [Ich weiß, wie Pandora vom Hephaistos, dem Schmied, hergestellt worden und vom Zeus belebt ist. Er denkt nur an das Entstehen der Göttin, nicht an die Schönheit des Gewordenen, Geschaffenen und daher gibt die sonst unproduktive Pandora bei ihm den Anstoß zur Produktivität. Und diese ist es, die als Reaktion bei ihm herauskommen kann.] Sie ist bei Pandora etwas mechanisch Zusammengestelltes, etwas, was nicht in die Tat übergehen kann; etwas, wogegen er geltend macht seinen Spruch:
Des echten Mannes wahre Feier ist die Tat!
Nun zeigt Goethe, wie entsprossen sind aus der Ehe zwischen Epimetheus und Pandora Elpore und Epimeleia: die Hoffnung und die Vorsorgliche. [Bei ihrem Fortgang hat Pandora das eine Töchterchen, Elpore, mit sich zu den Göttern genommen und die vom Epimetheus gewählte Epimeleia dem Vater zurückgelassen.] Diese zwei Töchter zeigen verschiedene Seiten von der Seelenart des Epimetheus, [besonders die Letztere in besonderer Stärke]. Die Hoffnung, [Elpore], ist dasjenige, was das Nachdenken sich allein in Bezug auf die Zukunft wehren kann. Derjenige, der ein vordenkender Mensch ist, sieht das in der Wirklichkeit entstehen, was er gedacht hat; derjenige, der ein nachdenkender Mensch ist, kann sagen: Ich erwarte von der Zukunft, dass dieses oder jenes geschehe; denn es geht nicht von ihm selber aus, was geschehen soll. Auf der anderen Seite steht Epimeleia, die andere Tochter da, die die Behütende des Vergangenen 1st.
Auch Prometheus hat einen Sprossen, den Phileros; denjenigen, der abstammt von diesem Ich-Menschen Prometheus, der der eigentliche Pfleger der menschlichen Ichheit ist. Aber schon im Sohne sehen wir die volle Einseitigkeit des bloßen Ichstrebens. Er will nun nicht mehr schaffen. [Er hält nicht aus, in nutzbringender andern denkender Tätigkeit.] Denn das hält nicht an, was sich als einseitiges Ichstreben nicht ergänzt durch Weisheit. Bei Prometheus ist dieses Ichstreben noch so vorhanden, dass es das ganze Wesen des Prometheus durchzieht. Im Sohne zeigt es sich so, dass es zu gleicher Zeit seine schädliche Seite zeigt. Der Sohn ist nicht bloß Hervorbringer, sondern Genießer dessen, was da ist. Dadurch ruft er Streit hervor. Er verwundet sogar [in seiner blinden Erregung] im Streite diejenige, die das Da-Seiende behütet, [die von ihm heiß geliebte] Epimeleia, die Tochter des Epimetheus.
So stehen die Kräfte der menschlichen Seele, die nachdenkende und die vordenkende, in diesem Goethe’schen Drama einander gegenüber. [Und so bekämpfen sich diese Kräfte. Dadurch aber wird nichts erreicht; denn die Seelenkräfte erhöhen, verstärken sich nur durch harmonisches Zusammenwirken. Nur dadurch kann die Wahrheit erst ihre Mission im Menschen erfüllen.] Und wie im Drama die einzelnen Personen handeln, so geschieht es in der Seele. Und so, wie durch die Geisteswissenschaft der Mensch die Harmonie hervorbringen kann zwischen beiden Kräften der Seele, so sehen wir im Drama, nachdem zuerst die Morgenröte erscheint, voran verkündend den Frieden zwischen den verschiedenen Personen, das heißt Kräften der Seele, schließlich die Sonne aufgehen, das heißt die einzelnen Personen bzw. Kräfte der Seele sich versöhnen. Das will Goethe zeigen, dass zusammenwirken müssen vordenkende und nachdenkende Wahrheit, dass durch dieses harmonische Zusammenfließen die Wahrheit erst ihre eigentliche Mission erfüllen kann. Prometheus und Epimetheus müssen zusammenwirken im Menschen, das ist der große und gewaltige Grundgedanke der Goethe’schen «Pandora».
Goethe zeigt uns, wie dann zuletzt durch das Zusammenwirken der beiden Strömungen das wahre Heil des Menschen entsteht. Und Goethe zeigt uns auch, wie dasjenige, was er da dargestellt hat, bei ihm ein reifes Entwicklungsresultat ist. Da blickte Goethe zurück auf jene Zeit, in der er bloß einseitig die Prometheusnatur in sich selber ausgebildet hatte. 1774 hat der gewiss schon mit allen Goethe-Anlagen ausgestaltete, aber noch jugendlich unreife Goethe in seinem damaligen «Prometheus» diese einseitige Prometheus-Wahrheit als seine Überzeugung ausgesprochen, und sie strömt uns da entgegen. Und wenn wir heute mit einer gewissen Selbstbefriedigung hingewiesen finden auf diesen jugendlichen «Prometheus», als wenn er uns den ganzen Goethe gäbe, dann müssen wir sagen: Das ist nur eine einseitige Ausprägung Goethes selber. Goethe ist nicht stehen geblieben bei dem Vordenken; er fügte hinzu das seiner reifen Erkenntnis, das Nachdenken. Nein, nicht bloß das Vorgedachte, nicht bloß das, was ablehnt alle Weisheit, nicht nur das Vordenkende, das alles Nachdenkende abweist, sondern das Zusammenfließen beider allein kann die Mission der Wahrheit begründen.
Dass Goethe in seiner Jugend auf einseitigem Standpunkt gestanden hat, können wir noch entnehmen aus etwas anderem. Er erinnert sich nicht an das Wort im ersten Teil des «Faust», wo Faust darangeht, die Bibel zu übersetzen. Da sehen wir, wie Faust an die Bibel herantritt und das richtige Wort «Im Anfang war das Wort» ersetzen will durch ein anderes: «Im Anfang war die Tat.» Dies will er mehr in die Bibel hineintragen als jugendlicher Mensch; das war nicht Goethes letzte Meinung. Es sollten aufhören die Menschen, darinnen den ganzen Goethe zu sehen. Goethe hat in der Jugend diesen Prometheus-Standpunkt wohl gepflegt, aber er hat später deutlich gezeigt, wie er darüber hinausgeschritten ist, wie er später wusste, dass zu demjenigen, was vorgedachte Tat ist, um den Menschen gesund zu entwickeln, das Wort, das heißt der Abglanz der von den Weltengeistern der Welt eingeprägten Weisheit, treten muss. Daher fügt Goethe in seiner «Pandora» aus seiner Totalität heraus seinem jugendlichen Standpunkt erweiternd hinzu:
Gleich vom Himmel
Senkert Wort und Tat sich segnend nieder,
Gabe senkt sich, ungeahnet vormals.
Das heißt, er meint, ungeahnt von ihm selber vormals, da er noch geglaubt hat, das Johannesevangelium an dieser Stelle verbessern zu müssen, die Stelle «Im Anfang war das Wort» ersetzen zu müssen durch «Im Anfang war die Tat». Tat wird für Goethe das Wort, das ausdrückt den Charakter des Vordenklichen. Wort das andere, die aufleuchtende Weltenweisheit. Daher sagt Goethe in «Pandora»:
Was zu wünschen ist, ihr unten fühlt es;
Was zu geben sei, die wissen’s droben.
Groß beginnet ihr Titanen; aber leiten
Zu dem ewig Guten, ewig Schönen,
Ist der Götter Werk; die lasst gewähren.
So ergänzt Goethe seinen jugendlichen Prometheus-Standpunkt in der richtigen, harmonischen Weise durch den Epimetheus-Standpunkt, vorzeigend uns dasjenige, was Gesinnung und Gesinnungstreue wahrer Theosophie sein soll. So zeigt uns Goethes Vorbild die Mission der Wahrheit im eigenen menschlichen Innern.
Die Wahrheit haben Sie heute erkannt als Erzieherin des Menschen. Sie haben gesehen, dass die Wahrheit etwas Persönlichstes ist und zugleich etwas Unpersönliches; etwas, was den Menschen zum Ich-Menschen macht, und etwas, was wiederum das Ich mit allen anderen Wesen zusammenführt. Sie haben gesehen, dass das Ich auf seinen zwei Seiten so stark ist, dass es noch auf der einen Seite seinen selbstlosen Charakter im Epimetheus’schen Wahrheitselement und auf der anderen Seite seinen selbstischen Charakter im Prometheuscharakter ausprägt; und Sie haben gesehen, dass es möglich ist, Harmonie zu stiften zwischen beiden in der geisteswissenschaftlichen Wahrheit, die die beiden umfasst, die den Willen hinaufführt zur Weisheit, die die Weisheit herunterführt und als Licht gelten lässt, zu durchleuchten den Willen selber.
So sehen wir, dass die Wahrheit zwar auf einer Mittelstufe nachgibt dem starken Menschen-Ich, dass sie aber in ihrer Vollendung doch wiederum die große Mission erfüllt, das Ich immer höher und höher zu gestalten. Die Wahrheit hat diese Mission, die größte Erzieherin des menschlichen Ichs zu sein, zu gleicher Zeit zur starken Innerlichkeit im Vordenken zu führen und zur starken Selbstlosigkeit im Nachdenken.
So ist die Wahrheit diejenige Kraft, welche die stärkste Mission hat, welche das Ich von Stufe zu Stufe hinaufführt, die Seele immer vollkommener und vollkommener macht. Und das sehen wir an dem Standpunkt, den Goethe selber gegenüber der Wahrheit eingenommen hat, nicht achtend irgendeine frühere Stufe, hinzufügend das notwendige Epimetheus-Element dem Prometheus-Element. Und ein wirkliches Vorbild eines nach Wahrheit strebenden Menschen, das ist Goethe gerade da, wo wir ihn so intim belauschen, wo wir ruhig zugeben: Gerade dadurch, dass wir sehen, er ist immer reifer und reifer geworden, dadurch können wir uns an ihm hinaufranken; dadurch ist er der Große, der uns die hoffnungsvollen Wege im Wahrheitsstreben zeigt. Und da fühlen wir dieses Streben so in uns, dass es uns mit gesunder Kraft erfüllt, dass es uns stärker und selbstloser macht. Wir fühlen, dass dagegen jener Satz verstummt, der da sagen will, die Wahrheit hänge bloß vom Standpunkt ab.
Dann aber wiederum wenden wir uns Goethe zu und lassen eine andere Stimmung über uns kommen. Bei allem Ernst des Wahrheitsstrebens darf uns niemals jenes andere gesundende Element verlassen, das uns sagt: Wenn du glaubst, irgendeine Stufe der Wahrheit erreicht zu haben, irgendetwas erkannt zu haben, vermöge es auch, dir auf der anderen Seite zu sagen: Du musst auch über dasjenige, worüber du glaubst, schon entschieden zu haben, den Willen haben zu forschen; du musst dir keiner Wahrheit gegenüber sagen, dass sie ganz unfehlbar sein könnte, du musst danach streben, selbst in Bezug auf dasjenige, was du als Wahrheit schon erkannt hast, sie in noch viel wahrerer Gestalt vor deine Seele treten zu lassen. Wenn wir Ernst und Würde fühlen im Streben nach Wahrheit, so fühlen wir auch einen ernsten, würdigen Humor mit, der auf der anderen Seite wiederum so schön korrigiert, was uns als Hochmut das Wahrheitsgefühl einimpfen könnte. Wir fühlen dann auch das andere, was Goethe immer sagte, wenn er in Gefahr war, die eine Wahrheit zu fest zu halten: Oh, das Nachgedachte könnte nur ein Trug sein, das Vorgedachte könnte etwas sein, was sich nicht ausführbar zeigt. Ja, fühlen wir auch das als ein Korrigierendes unserem Wahrheitshochmut gegenüber, als eine Anspannung unseres Ernstes, unserer Würde im Wahrheitsstreben! Fühlen wir das Goethe-Wort
Ganz und gar
Bin ich ein armer Wicht.
Meine Träume sind nicht wahr,
Und meine Gedanken geraten nicht.
Wenn wir das fühlen können, dann werden wir zurechtkommen gegenüber unserem hohen Ideale der Wahrheit.