Goethe and the Present
GA 68c — 29 November 1909, Leipzig
XXX. Die Mission Der Kunst (Homer, Aischylos, Dante, Shakespeare, Goethe)
Kunst ist etwas, was verschiedenen Menschen, je nach ihrem Temperament und Lebenslauf, wesentlich oder unwesentlich für das Leben erscheint. Wie verschieden waren die Gesichtspunkte in der Vergangenheit: Plato hatte jenen gewaltigen Plan der Staatskunst entworfen, er sah aber Dichter und Künstler als entbehrlich im ganzen Organismus an. Schiller sah in der Kunst eine Erhebung für die Menschheit.
Was hat die Kunst zu sagen über die wahren Kräfte des Lebens? Theosophie lässt die Dinge selbst sprechen und fragt: Was hat die Kunst uns gezeigt in den verschiedenen Weltenaltern? Da müssen wir uns vorher skizzenhaft zurechtzufinden suchen. Theosophie ist in der Form etwas recht Neues. Sie fußt ganz auf einer gewissen Voraussetzung, auf der, in die übersinnliche geistige Welt hineinzuforschen. In der menschlichen Seele liegen Kräfte, die entwickelt werden können, so die Erweckung geistig schauender Kräfte der Seele. Es ist das eine Tatsache wie das Sehen-Lernen des operierten Blindgeborenen.
Es hat früher die Kunst nicht so ausgesehen wie heute. In Jahrhunderten, in Jahrtausenden hat sie sich sehr verändert. Das berücksichtigt man heute oft nicht. Die Griechen der Urzeit waren nicht solche Menschen wie wir. Sie waren damals dem Seelenstand der geistigen Welt, die hinter der physischen liegt, viel näher. In der Vorzeit gab es zahllose Menschen, welche durch ihre natürliche Begabung hineinschauen konnten in die geistige Welt. Damit war verknüpft, dass die Menschen an sich und auch in ihrem Fühlen andere waren als heute. Heute muss der Mensch im äußeren Leben dieselben Eigenschaften entwickeln als die anderen. Alles, was die Urzeitmenschen taten, war beeinflusst durch die übersinnliche Welt. Sie sahen zum Beispiel hinter Stein, Pflanze die geistige Kraft. Nun weiß derjenige, der geistig entwickelt wird, der hineinsieht, weiß, dass darin eine geistige Gesetzmäßigkeit liegt, und dass das, was in der physischen Welt geschieht, das Spiegelbild geistiger Vorgänge ist. Für den Griechen der Vorzeit war es ganz klar, dass wenn in der physischen Welt etwas geschah, der Grund dazu im Jenseitigen lag.
Für die Griechen gab es ein ganz besonderes Ereignis: Sie gingen über zu einer ganz anderen Art des Lebens. Was wir heute Verstandeskulturleben nennen, das gab es damals nicht. Sie waren Wesen, welche sich aus dem Hellsehertum entwickelten. Sie waren verschieden hellseherisch begabt. Einzelne hervorragende Individualitäten, was jetzt Genies sind, das waren damals die, die sich auskannten in der geistigen Welt. Die, welche die höhere hellseherische Gabe umwandelten in Taten, das waren die Herren des Heldenzeitalters. Dieses Hellsehen war damals Tatsache. Genie ist heute nicht an Vererbung gebunden, damals war es an das Blut gebunden. Es gab ganz bestimmte Familien, die diese hellsehende Führerschaft sich aneignen konnten. Die Herren und Helden waren Menschen in denen lebte der instinktive Zusammenhang mit der übersinnlichen Welt. Sie brauchten sich nicht zu überlegen, was sie tun sollten, sie handelten aus ihren Instinkten, ihren Begierden heraus. Sie überließen sich ihnen ohne verständige Überlegung. Das war der bedeutende Umschwung, dass das Gefühl sich umwandelte in Verstandeskultur. Solch ein Grieche mag wohl in später Zeit empfunden haben: Unsere Vorfahren handelten aus dem unmittelbaren Impuls ihrer Seele, jetzt vererbt sich solche Eigenschaft nicht mehr. Dieses drückte der Grieche im Bilde aus: Die Götter haben sie uns genommen, diese Hellsehergabe, und brachten sie nach Asien in den Priesterstaat, dadurch, dass das schönste griechische Weib, Helena, die Gattin des Menelaos, als Darstellerin des Hellsehertums nach Troja, dem Priesterstaat hinübergetragen wurde. Helena ist ein anderes Wort für: Selena — Mond. Man empfand, der Sonnendienst hat abgelöst die alte Mondeskultur. Achilles, Agamemnon, Menelaos sahen sie hereinreichen aus der Mondenzeit. An jenes Ereignis knüpft Homer an mit seiner Ilias.
Die Ilias beginnt damit: Singe, o Muse, mir vom Zorn des Achilles. Von Leidenschaften sollte gesungen werden, um auf die Zeit hinzuweisen, die der Verstandeskultur voranging. Die Frau als Darstellerin des Hellsehertums geht auf zweifache Weise verloren. Gekämpft wird um das Verlorene, was gebannt ist an den Priesterstaat "Troja. Homer stellt die zweite Weise so dar, dass, als der Sturm sich erhebt, dieser nur dadurch besänftigt wird, dass Iphigenie nach [Aulis] geopfert wird. Die griechische Sage zeigt uns die Ablösung der Hellseherkultur durch die Verstandeskultur. Odysseus ist der Träger der modernen Verstandeskultur - hölzernes Pferd; Pferd als Symbol für Verstand. Er bildet den Übergang zu ihr.
Poseidon, der Gott des Meeres, ist Schutz des Alten. Athene ist Weisheit, auch Symbol des Verstandes. Athene führt Odysseus nach Haus. Hier soll das Völkerschicksal geschildert werden, und die Menschen werden nur dazu herangezogen. Der Dichter blickt auf die großen Weltereignisse und schafft durch die Kunst Antwort auf diese.
Platon hingegen vertrat den Standpunkt: Auf diejenigen kommt es an, die im Leben stehen, nicht auf diejenigen, die hinterherkommen und dann erzählen. Er brachte eine priesterliche Dichtung in der vorhomerischen Zeit mit Hinaufblick zu den Göttern. Mit dieser Dichtung trat erst Lebensbetrachtung ein, vorher war solche nicht da.
Aischylos steht noch ganz in der Betrachtung der übersinnlichen Welt. Die Eumeniden, der gefesselte Prometheus, zeigen das Hereinwachsen der übersinnlichen Welt in die sinnliche.
Immer mehr wuchsen die Menschen hinein in die Verstandeskultur, und nun kommen wir in das dreizehnte Jahrhundert, wo Dante seine «Göttliche Komödie» schrieb. Was führt er uns da vor? Eine Welt des übersinnlichen Seins. Die ganze Philosophie des Thomas von Aquino, des Albertus Magnus, lebte in Dante. Dante war ein Weiser, ehe er jene Dichtung schrieb. Die übersinnliche Vision war vor seiner Seele. Durch die Hölle ließ er sich führen, durch das Fegefeuer, durch den Himmel wanderte seine Seele. Der Mensch wurde damals sich seiner Einzel-Individualität bewusst. Er fragte nach seinem Verhältnis zur Umwelt. Das bedeutete einen Fortschritt in der Menschheit. Den Schatten Dantes lässt Goethe sagen — denn Goethe hat das als erwas Gewaltiges gefühlt: Welch hoher Dank ist dem zu sagen, der frisch uns diese Welt gebracht!
Wiederum überschlagen wir einige Jahrhunderte und kommen zum sechzehnten bis siebzehnten Jahrhundert, zu Shakespeare. Die Menschheit war anders geartet. Sie hatte einen Fortschritt gemacht in der physisch-sinnlichen Wirklichkeit. Wie schuf Shakespeare? Für wen zunächst? Er schuf nicht für die, die in der Bildung den Ton angaben. Er schrieb für das niedere Volk und schuf seine Dramen in einer ganz verlassenen Gesellschaft. Gebildete wären nie dorthin gekommen, hätten sich der Schande und dem Spott ausgesetzt. Die den Ton damals angaben, waren vollständig beschäftigt in der physischen Welt, aber das niedere Volk bewahrte sich noch eine Empfänglichkeit. Shakespeare nimmt den Menschen, wie er ist in seinen Taten, seinen Schicksalen. Die Impulse seiner Gestalten lebten sich aus in der physischen Welt, aber sie schaffte nur ein Abbild. Er schilderte nur Einzelschicksale, Hätte Shakespeare noch Jahrhunderte gelebt, er hätte noch viele solcher Einzelschicksale herausgreifen können und noch viele solcher Dramen schreiben. Der größte Dichter, Goethe, hätte kein zweites Drama schaffen können wie den «Faust». «Faust» ist das, was über den Einzelmenschen hinausgeht. Bis zu Shakespeare steht der Mensch auf dem Boden der sinnlichen Welt. Goethe wächst darüber hinaus und sucht wieder Verbindung von Himmel und Hölle. Es wird im «Faust» geschildert, was nicht Einzelschicksal ist.
Wie Schiller die Aufgabe der Dichtkunst sucht und ausspricht, das finden wir in seinen «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen». Er fragt: Wie gelangt der Mensch wieder aus dem Alltäglichen in das Höhere, das Übersinnliche?
Wo Goethe Einzeldichtung schafft, findet stets statt ein Herausfallen des Menschen aus sich selbst.
So geht die Kunst gleichlaufend mit der Entwicklung des Menschen. Goethe führt aus der sinnlichen in die übersinnliche Welt. Die Sehnsucht nach der übersinnlichen Welt zeigt uns deutlich der Schluss des «Faust». Das zwanzigste Jahrhundert wird das Testament Goethes uns bringen. In der Geisteswissenschaft soll der Menschheit aufgehen, wonach die Kunst lechzte. Jetzt soll die Kunst die Menschheit in das Übersinnliche führen. Die Kunst ist eine geheime Kundgebung der Weltengesetze.
Die Geisteswissenschaft wird eine Erfüllung jener Sehnsucht sein, die Goethe am Schluss des «Faust» ausspricht im «Chorus mysticus»:
Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getanz
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.