The Nature of Man in the Light of Spiritual Science

GA 68d — 26 October 1905, Berlin

Die Soziale Frage und die Theosophie

Die Frage, die uns heute beschäftigen soll, ist, wie ohne Weiteres für jeden klar [sein wird], nicht aus der bloßen Idee oder aus dem zweifellosen Bedürfnis einzelner weniger Menschen heraus entstanden, die soziale Frage ist eine Frage, die uns heute so stark und klar wie nur irgend möglich die Tatsachen stellen. Wer sich nur (ein) wenig herumsieht in der Welt, der wird wissen, welch deutliche Sprache diese Tatsache spricht. Es könnte wohl sein, dass derjenige, der diese Sprache der Tatsachen nicht hören will, in nicht zu ferner Zeit herausbekommen könnte, dass er zu lange sein Ohr verschlossen hat gegenüber dem, was notwendigerweise vorliegt. In dem Kampfe, der zuweilen noch unter der Oberfläche unserer gesellschaftlichen Ordnung sich abspielt, steht der Mensch der Gegenwart in Bezug auf die soziale Ordnung darinnen, und wer nun einigermaßen genau sagen will, wie der soziale Kampf an Ausdehnung und Gewalt zugenommen hat —- ich will nur aufmerksam machen und nicht weiter auf das Äußere eingehen —, (der braucht) nur aufmerksam (zu) machen auf die gewaltige Arbeiterbewegung anlässlich der Crimmitschauer Arbeitseinstellungen, [auf] den Bergarbeiterstreik anlässlich der Elektrizitäts(Arbeiter-) Aussperrungen und als Zusammenfassung dessen [auf das], was sich im Osten Europas zuträgt. (In all dem) werden wir ein Ausleben der sozialen Frage zu sehen haben.

Oft hat man der Theosophie zum Vorwurf gemacht, dass sie eine Anzahl von Träumern zu ihren Anhängern hat, dass sie nur dort versucht zu wirken, wo man sich zurückzieht von den großen gemeinsamen Fragen der Gegenwart, wo man in müßiger Betrachtung der menschlichen Seele verharren will, sodass man sagt: Theosophen sind einige Leute, die nichts Besonderes zu tun haben, die in egoistischer Weise sich in ihr Selbst zurückziehen wollen und ihr Selbst pflegen wollen im Sinne der Theosophie. Man macht ihr leicht den Vorwurf, dass sie abseitsstehen will von den großen Kämpfen der Gegenwart, von dem, was die Menschheit in der unmittelbaren Jetztzeit berührt. Dies sollte der Theosoph immer und immer wieder berichtigen. (Er sollte) immer wieder darauf aufmerksam machen, dass überall da, wo es etwas zu (er)forschen und zu denken gibt in Bezug auf berechtigte Angelegenheiten der Menschen in der Gegenwart, der Theosoph da sein muss, (der) ein klares Herz und ein klares Denken haben muss, (der) sich nicht verlieren darf in ein Wolkenkuckucksheim, sondern in dem unmittelbaren Alltag helfend und sorgend darinnen stehen muss.

Und der andere Vorwurf könnte (auch) leicht gemacht werden, dass für alle Übel und Schäden der Gegenwart von uns (die) Theosophie wie ein Allheilmittel angepriesen wird. Auch das verhält sich anders, weil behauptet wird, dass die Theosophie, die theosophische Bewegung, etwas zu tun hat mit alledem, was in der Gegenwart sich vorbereiten muss für eine gedeihliche Zukunft, aber nicht wie eine Meisterung, (nicht) wie ein Allheilmittel preisen wir die Theosophie an, sondern wir wollen (nur) zeigen, dass es darin etwas so Umfassendes gibt, dass man ohne sie heute in den allerwesentlichsten Dingen, die uns beschäftigen müssen, nicht vorwärtskommen kann, und dass alles Spekulieren und Reformieren nur eine Halbheit bleiben muss, wenn der Mensch nicht mit der theosophischen Anschauung an die Sache herantritt.

Nicht darum treiben wir in den inneren Kreisen unserer theosophischen Bewegung die Lehren der Denker über die großen umfassenden Weltenzusammenhänge, über das universelle Gesetz vom Weltenschicksal und vom Weltgeschehen, damit wir in müßiger Weise aufschauen können zu Sternenweiten, sondern weil wir wissen, dass diese Gesetze, die wir studieren, und die im großen Weltall tätig sind, auch tätig sind im Menschenherzen, in der Seele und dieser Seele sogar die Fähigkeit geben, wirklich in das unmittelbare Leben hineinzuschauen. Wir sind so wie ein Ingenieur, der sich jahrelang zurückzieht in sein technisches Studium, [aber] nicht um Betrachtungen anzustellen über die Geheimnisse der Infinitesimalrechnung und [um] diese zu bewundern, sondern wir suchen die Gesetze, die wir dann auf das Menschenleben anwenden, wie der Ingenieur Brücken baut und (seine Gesetze) in der Wirklichkeit anwendet.

Es gibt etwas Allgemeines, was übergreifend ist und was uns einen weiteren Horizont eröffnet. Wer würde es wagen, das Denken als solches als (ein) Universalheilmittel anzuklagen, obwohl dieses Denken notwendig ist für das, was im Weltall geschehen kann? Die Theosophie ist keine tote Sache, keine tote Theorie. Nein, sie ist etwas Leben-Weckendes. Nicht um die Begriffe, nicht um die Ideen, die wir uns aneignen, handelt es sich. Was hier erzählt wird, hat nicht die Absicht, durch die Ideen als solche zu wirken, nicht (die Absicht), interessante Dinge über verborgene Tatsachen zu entwickeln, sondern was hier der menschlichen Seele vorgeführt wird, hat eine ganz besondere Eigenschaft; und wer noch nicht Theosoph ist, (der) mag dies glauben oder nicht (glauben). Wer sich aber damit beschäftigt hat, der weiß, dass dies, was ich sagen werde, praktisch richtig ist. Und wer sich beschäftigt damit, in welcher Weise in der Theosophie die Welt und das Leben beherrscht wird, (der wird bemerken, dass) sein Sinnliches und sein Seelisches anders werden, als sie vorher waren; der lernt in anderer Weise denken (und wird) in unbefangenerer Weise als vorher die menschlichen Verhältnisse beobachten.

Nur eine entferntere Zukunft haben wir im Auge, wenn wir davon sprechen, dass wir durch die innere Entwicklung höhere Kräfte erwecken. Aber in der näheren Zukunft haben wir noch im Auge das Leben, das wir auch durch die theosophische Entwicklung herbeiführen können, das ist (die Möglichkeit), zu einer umfassenden, klaren und unbefangenen Beurteilung der uns unmittelbar umgebenden Menschheitsverhältnisse zu kommen. Unsere Kultur mit all ihrer Wissenschaftlichkeit, wie sie sich bisher entwickelt hat, hat Theorien gezeitigt, die dem Leben gegenüber ohnmächtig sind. Die theosophische Weltanschauung wird nicht solche ohnmächtigen Theorien zeitigen. Sie wird die Menschheit ein Denken lehren, denkende Kräfte in der Menschheit erwecken, welche nicht ohnmächtig der Wirklichkeit gegenüber sind, sondern uns befähigen werden, in die Menschheitsentwicklung selbst hineinzugreifen, hineinzugreifen in die unmittelbare Lebenspraxis.

Lassen Sie mich das kleine Symptom (anführen), das noch mehr verdeutlichen wird, was ich sagen will. Vor Kurzem ist ein klares Beispiel [auf politischem Feld] von einem preußischen Regierungsrat geliefert worden, der auf Urlaub gegangen war, um in Amerika Arbeit zu suchen, um da mitzumachen und die Verhältnisse kennenzulernen. Ein Regierungsrat ist doch (dazu) berufen, in der Menschheitsentwicklung mitzuwirken. Es ist — in höherem Sinne aufgefasst — seine Pflicht und Schuldigkeit, dass in seinem Herzen etwas lebt, was stimmt mit den Verhältnissen und nicht bloß mit den Theorien. Und wenn sie nicht etwas haben, das stimmt mit den Verhältnissen, dann ist ihre Theorie ohnmächtig. Jener Mann, der jahrelang vorher berufen war, am Menschheitsbau mitzuwirken, er hat den Menschheitsbau selbst einmal kennengelernt. Selbstverständlich schließt das, was ich sage, nicht den geringsten Vorwurf gegen den einzelnen Mann ein. Im höchsten Grade ehrenwert und kühn ist diese Tat und bewunderungswürdig. Aber für das, was nottut, ist das, was er geschrieben hat, [ein Symptom]. (Es zeigt) immer die [Unstimmigkeit] seiner Gesinnung gegenüber der Welt und den Arbeitern. Hier nur ein paar Worte aus seinem Buche über seine Erfahrungen in Amerika unter den Arbeitern:

Ein Tag nach dem anderen kam und ging, ohne uns dauernd Arbeit zu bringen. Wie oft habe ich mit moralischer Entrüstung gefragt: Warum arbeiten die Lumpen nicht? In der Theorie sieht sich manches anders aus als in der Praxis. Mit Theorien lässt sich manches ganz erträglich hantieren, aber nun kann man gewahr werden, wenn man in Berührung mit dem Leben kommt, und finden, dass sie unanwendbar sind im Leben.

Das beruht darauf, dass unser Bildungseifer ein Denken gezeitigt hat, das ohnmächtig ist gegenüber den Tatsachen. Es gibt kein größeres Armutszeugnis als dieses, wenn einer, der berufen war, mitzuwirken, sagt, dass die Theorie, die er hatte, nicht mit den Verhältnissen übereinstimmte. Hier ist der Punkt, um die Sache anzufassen. Wie die Logik die Menschen befähigt, überhaupt zu denken, und wie niemand Mathematiker werden kann, ohne die Logik zu handhaben, so kann niemals (ohne die Theosophie) die Kraft des praktischen Denkens entwickelt werden. Sehen Sie die Nationalökonomie [an], die unseren Bildungsmarkt überwuchert. Machen Sie sich einmal (daran), mit gesundem und umfassendem Denken, theosophischem Denken, [die Dinge] zu erforschen, dann finden Sie, dass die Dinge, die berufen sind, Wegweiser zu sein, die vielleicht hinführen zu Universitätsprofessoren, Parteiführern, dass es graue Theorien sind, die geeignet sind zur bequemeren Handhabung [der Dinge] am Studiertisch, aber nichts vermögen, wenn man der Wirklichkeit gegenübertritt. Solche Dinge zeigen sich bei den Kongressen. Man braucht nur die Sachen herzunehmen. Sie tragen ganz diesen Charakter. Wenn diejenigen, welche sich damit beschäftigen, hinuntersteigen wollten in das praktische Leben, so würden sie schon finden, dass sie nichts taugen. Das bloße Anschauen des Lebens macht es nicht. Weder kann einer über die Frauenfrage oder über die soziale Frage noch über andere Fragen urteilen, der vom Standpunkte der in der Gegenwart gebräuchlichen Bildung urteilt, noch kann derjenige darüber urteilen, der die Dinge nur anschauen will. Denn damit ist es auch nicht genug.

Wenn Sie jetzt diesen Herrn, der diese Worte geschrieben hat, fragen würden: Was kann nun zur Besserung führen? — dann [werden Sie feststellen, dass] er nur gelernt hat, wie es aussieht, aber wie es gemacht werden soll, das ist noch eine ganz andere Frage. Das ist aber auch keine Frage, die in einer Stunde, auch nicht an einem Tag beantwortet werden kann. Überhaupt lässt es sich nicht durch theoretische Erörterungen beantworten. Kein Theosoph, der dieses Namens würdig ist, wird Ihnen sagen: Ich habe dieses Programm, in der sozialen Frage, in der Frauenfrage, in der Vivisektionsfrage oder in der Pflege der Tiere und so weiter, sondern er wird sagen: Bringe Menschen, die Theosophen sind, in alle diese Fragen [betreffenden Institutionen] hinein. Setze [solche] Menschen auf Lehrstühle der Nationalökonomie, dann werden sie die Fähigkeit haben, das Denken zu entwickeln, welches dazu führen wird, die einzelnen Zweige ihrer Tätigkeit zu Wegweisern auf dem Gebiete des öffentlichen Lebens zu machen. Solange das nicht der Fall ist, so lange werden die Menschen Kurpfuscher auf diesem Gebiete sein und [werden] sehen müssen, wie die Welt um sie herum zusammenbricht, und wie sich das müßige Herumreden auf Kongressen in seiner Nutzlosigkeit zeigt.

Dieses sage ich nicht aus einem Fanatismus heraus, sondern aus demjenigen, was in jedem Theosophen wirkliche theosophische Gesinnung, wirkliches theosophisches Denken ist. Theosophisches Denken entwickelt eine Klarheit über die verschiedenen Lebensgebiete, eine klare, sachliche Anschauung der in der Welt wirkenden Kräfte und Mächte. Um die Sache richtig anzuschauen, dazu wird man fähig durch das theosophische Leben. Deshalb ist die Theosophie nicht im gewöhnlichen Sinne ein Allheilmittel, sondern sie ist die Grundlage des gegenwärtigen Lebens.

Nach diesen einleitenden Worten lassen Sie uns einige Hinweise geben [auf das], was unserer sozialen Frage, wie wir sie jetzt durch die Tatsachen auftauchen sehen, das Gepräge gegeben hat. Derjenige, der sehen will, was werden soll, der muss die Gesetze des Werdens der Menschheit kennen, der darf nicht graue Theorien haben, der muss die Gesetze des Werdens der Menschheit kennen. Diese Gesetze können wir nicht durch irgendeine abstrakte Wissenschaft finden. Die Theosophie geht nicht abstrakt vor. Sie geht auf klares, anschauliches Denken. Und so lassen Sie uns wenigstens mit ein paar Worten hinweisen darauf, wie sich dieses Leben heute gestaltet hat, wie dieses Leben heute geworden ist. Wer ein wenig sehen will, (der] wird klar erkennen, dass etwas Selbsterkenntnis auch auf diesem Gebiete dazugehört, um klarzusehen. Zunächst sehe ich die äußeren Tatsachen, dann sage ich einiges über dasjenige, um was es sich handelt.

Jeder von uns weiß, was der Mensch zum Leben braucht. Jeder hat eine Vorstellung davon, was er zum Essen und an Kleidung gebraucht. Einige Zahlen sagen uns, wie viel die Mehrzahl der Menschen zu alledem haben. Wir brauchen ja nur die Steuersysteme in dieser Beziehung einmal zu [be]fragen. Es ist oft und oft gesagt worden, aber man kann es sich wieder und immer wieder vor die Augen führen. In Preußen bezahlt derjenige, welcher ein Einkommen unter 900 Mark hat, keine Steuern. Man kann sehr leicht kontrollieren, wie viel Menschen in Preußen weniger als 800 oder 900 Mark [an] Einkommen haben; von denen, die überhaupt Steuern bezahlen — das sind noch nicht 30 Millionen - und 21 Millionen von alledem, also mehr als zwei Drittel, haben weniger. Und 95 Prozent der gesamten Bevölkerung haben weniger als 3000 Mark Einkommen. Nur 5 Prozent der Gesamtbevölkerung haben mehr Einkommen. Nehmen Sie England. Es wird da nur besteuert, wer mehr hat als 150 Pfund [Einkommen]. In England gab es 63 000 Steuerpflichtige. Sie sehen, wir haben ganz außerordentliche Zahlen, welche dafür sprechen, wie viele Menschen das haben, was man als unumgänglich nötig haben müsste.

Sehen Sie die Statistik an. Diese spricht eine deutliche Sprache. Was aber hat das mit unserer Selbsterkenntnis zu tun? Sehr viel. Denn es handelt sich darum, den richtigen Standpunkt unseres Selbst zu diesen Tatsachen zu gewinnen. Und in dieser Beziehung lässt es der Mensch sehr an dem Richtigen fehlen. Was machen die Menschen rings um uns her? Wodurch bekommen sie dieses niedrige Einkommen? Das ist dasjenige, was wir ihnen geben für das, was sie für uns schaffen. Wir machen jetzt gar keinen Unterschied zwischen Arbeiter und Nichtarbeiter, zwischen Proletarier und Nichtproletarier. Denn, wenn man diesen Unterschied macht, dann ist die Sache schon ganz falsch. Und das ist der Hauptfehler aller nationalökonomischen Betrachtungen, dass man nicht von der Selbsterkenntnis, sondern von dem Werk, den Kategorien ausgeht.

Was machen für uns nun die Leute? Zum Beispiel die Kleider. Wir tragen alle die Kleider, [die hergestellt werden] unter Verhältnissen, in /unleserlich im Stenogramm], die Kleider, die für einen Arbeitslosen notwendig hergestellt sind, für einen Arbeitslosen, der nicht ausreicht (mit seinen Mitteln) für das Leben. (Das geht nicht); das kann sich jeder (selbst) sagen, auch selbst die Näherin, welche für einen Hungerlohn arbeitet, trägt die Kleider, die wiederum für einen Hungerlohn hergestellt werden. Nicht diese oder jene Klasse ist also schuldig daran. Allen muss es klar sein, dass die Betrachtung hier bei sich selbst anzufangen hat. Dass dies nützlich und notwendig ist, das stellt sich erst heraus, wenn wir die Gedankengänge sich einspielen lassen, wenn wir anfangen, von hier aus die Gedanken herüberzuleiten in unsere Gefühle und Empfindungen. Und wenn wir in diesen [unseren Gefühlen und Empfindungen] einen gewissen Schmerz zu empfinden vermögen darüber, dass die Kleider, die wir anhaben, für einen Hungerlohn hergestellt sind, dann sehen Sie der Frage tief ins Herz hinein. Wenn Sie von alledem, was Sie am Leibe [an Kleidung] tragen und [als Nahrung] zum Munde führen, sich überlegen, woher das kommt, dann werden Sie die soziale Frage erst verspüren. Nicht durch Spekulation, sondern durch lebendige Betrachtung kommt man dazu, [einzusehen], um was es sich handelt.

Es ist nicht richtig, [wenn gesagt wird], dass, trotzdem wir das Elend in schlimmen Farben schildern können, das Elend heute größer wäre, als es in den Zeiten früherer Jahr(hundert)e war. Das ist nicht der Fall. Wir würden entschieden eine Verfälschung der objektiven Wirklichkeit begehen. Versuchen Sie einmal, objektiv die Verhältnisse in der Stadt kennenzulernen von heute und vor 120 Jahren und zu studieren. Sie werden sehen, wie vieles doch besser geworden ist. Und dennoch haben wir die soziale Frage. Wir haben sie, weil die Menschen noch eine andere Entwicklung durchgemacht haben, und zwar deshalb, weil sie innerhalb in großen Massen zum Denken, zum Selbstbewusstsein gekommen sind, weil ihre Bedürfnisse ganz andere geworden sind. Und da werden wir, wenn wir so die Frage studieren, allerdings notwendig darauf hingewiesen, auf große Zusammenhänge, welche dann für uns in der Weltgeschichte entstehen, wenn wir nicht, wie der moderne Forscher, zu kurzsichtig sind.

Um diese Dinge zu beurteilen, ist es nötig, die großen Gesetze des Lebens kennenzulernen. Was bewirkt es, dass das Soziale überhaupt diese Gestalt angenommen hat? Das ist die Art und Weise, die der menschliche Geist angenommen hat. Blicken Sie zurück auf die Zeit der Französischen Revolution. Anderes hat man dazumal gefordert. Eine mehr nach dem Juristischen hinzielende Frage war es, die das Wort «Freiheit — Gleichheit — Brüderlichkeit» hervorgebracht hat. Nach Freiheit riefen die französischen Revolutionshelden im Westen Europas. Nach Brot rufen die im Osten Europas heute Kämpfenden. Es sind nur zwei verschiedene Gestalten einer und derselben Sache, zwei verschiedene Forderungen des Menschen, der gelernt hat, solche Fragen zu stellen, weil sich seine Seele gewandelt hat.

Diese Seelenwandlung müssen wir etwas näher studieren. Wir müssen studieren und verstehen, warum die Seelen der großen Menschenmassen heute — und dieses dehnt sich über Jahrhunderte aus — [solches] fordern. Hier tritt zuerst in praktischer Anwendung, unser Verständnis unterstützend, die theosophische Weltanschauung ein. Nur derjenige, der die Dinge versteht, vermag sie zu beurteilen. Nur der vermag in die Seele hineinzuschauen, der im großen Weltzusammenhange sieht, was in dieser Seele vorgeht. Und nur der vermag in den Seelen etwas zu [be]wirken und zu leiten in die Zukunft, der von den Gesetzen der Seele etwas versteht.

Eine kleine Zwischenbemerkung: Die Wissenschaften der Gegenwart, die Biologie, der Darwinismus, der Haeckelismus, sie haben uns große Ideen gebracht, [so auch] die Idee, dass jegliches Lebewesen auf den ersten Stufen seines Daseins, im Keimzustande noch, wiederholt die Lebensformen, die vorher draußen in der Natur durchgemacht worden sind. Diese kurze Wiederholung der verschiedenen Lebensdurchläufe, der Lebensstadien [gibt es auch] in dem Wesen, das sie alle zusammenfasst und höher steigt als alle [anderen] auf der Stufenleiter der Entwicklung: [im Menschen]. Nehmen Sie an, ein Geist hätte Bewusstsein [gehabt] in der Zeit, als es noch keine Menschen gab, Bewusstsein hätte ihn früher hinleiten sollen durch die ganze Entwicklung bis zum Menschen, dann hätte er nicht nur wissen müssen dasjenige, was schon geschehen war, sondern er hätte auch — im Gegensatz dazu - sich ein Bild machen müssen nach der zukünftigen Entwicklung hin. Er hätte sich aus dem damaligen Tierzustande ein Bild für die Zukunft machen müssen.

Nur ein Mensch, der in seiner Keimanlage die vorhergehenden Gestaltungen wiederholt, kann uns zeigen, was zu tun ist. Tun ist es, was über alles Wissen hinausgehen muss. Kein Wissen beschäftigt sich mit etwas anderem als mit dem, was da war. Wollen wir aber in die Zukunft hineinwirken, so müssen wir das tun, was noch nicht da war. (Das zeigen uns) die großen Gesetze, die in der Zukunft verwirklicht werden sollen. In einer gewissen Weise ist alles schon dagewesen, was in der Zukunft entstehen wird, nämlich durch die Intuition. Der Geist, der damals eingegriffen hätte, hätte Intuition haben müssen, um die verborgenen Gesetze des Daseins, die für die Vergangenheit und die Zukunft gelten, herausfinden zu können. Deshalb pflegt die Theosophie die Intuition. Das ist das, was hinausreicht über die bloße physische Erfahrung der Welt. Die Theosophie sucht die Gesetze, die durch Intuition zu erkennen sind, und die uns hinleiten in die Zukunft des Menschengeschlechtes.

Eines dieser großen Weltgesetze, das uns Führer sein kann, ist das Gesetz der Reinkarnation. Zunächst macht es uns verständlich, dass auf höheren geistigen Gebieten nichts anderes ist als das, was das Gesetz im Sinne Darwins und Haeckels angedeutet hat. Es macht uns begreiflich, warum dies oder jenes in einem bestimmten Zeitalter als Bedürfnis empfunden wird. Wer sich darin vertieft, der weiß, wann das letzte Mal das nach allgemeiner Befreiung dürstende Leben gelebt hat, wann (und was) sie [die Menschen] in sich aufgenommen haben als Impulse, wonach sie heute schreien sollen. Die, welche heute nach Freiheit und Gleichheit schreien — ich sage das mit derselben objektiven Sicherheit, mit der der Naturwissenschaftler über das Physische gesprochen hat —, alle diejenigen Seelen, die heute nach Freiheit und Gleichheit rufen, haben das gelernt auf einer anderen Stufe ihres Daseins, in einer früheren Verkörperung. Die großen [Bedürfnisse] der heutigen Menschen waren in der ersten Zeit des Christentums, in der Zeit der ersten christlichen Jahrhunderte, verkörpert. Sie haben alle aufgenommen den Drang der Gleichheit, vor dem heute der Mensch im geistigen Leben steht. Das Christentum hat die Botschaft der Gleichheit vor Gott gebracht. In früheren Jahrhunderten gab es eine solche Gleichheit nicht.

Was ich jetzt sage, das sage ich nicht in abträglicher Art, das sage ich mit derselben nüchternen Objektivität, mit der ich über irgendein naturwissenschaftliches Problem sprechen würde. Dieselbe Seele, die einstmals in sich aufgenommen hat als einen Impuls «gleich sind sie vor Gott und vor der Menschheit», wenn man ihre eigentliche Seele betrachtet, und alles, was (äußerliche) Ungleichheit bedingt, hat keine Bedeutung vor dem geistigen Leben. Wenn die Grube sich über uns schließt, werden wir alle gleich sein und gleich werden. Dass das die Seele aufgenommen hat, lebt in der Seele fort und kommt heraus in einer neuen Form. (Die Betrachtung der) großen Welt hat gewaltig große Erziehungs-Perspektiven in ihren Kulturfortschritten. Schon einmal habe ich darauf aufmerksam gemacht, wie sich diese Erziehung auf der Erde ausnimmt in den vorchristlichen Zeiten. Sehen wir zurück in die Zeiten des Ägyptertums. Was [für] eine große Anzahl von Menschen, die mit Arbeiten beschäftigt waren, von deren Schwierigkeit sich heute ein Mensch keine Vorstellung mehr machen kann. Willig arbeiteten sie. Und warum? Weil sie wussten: Dieses Leben ist eines unter vielen. Jeder sagte sich: Derjenige, der mir die Arbeit befiehlt, ist ein solcher wie derjenige, der ich auch einstmals sein werde. Dieses Leben muss in verschiedenen Verkörperungen verarbeitet werden. Trotzdem regelt es sich aus diesen Erkenntnissen.

Daran schließt sich das Gesetz vom Karma an. Was ich im Leben erlebt habe, ist verdient, oder es wird mir in späteren Zeiten vergolten. Hätte sich das aber so fortentwickelt, dann hätte der Mensch das Erdenreich übersehen. Es wäre ihm nicht wichtig gewesen, dieses eine Leben zwischen Geburt und Tod. Dazu hat dann das Christentum die Erziehungsmaßnahmen gegeben, um dieses Leben zwischen Geburt und Tod wichtig zu nehmen. Nur scheinbar ist es, wenn das Christentum davon abzweigt, denn es hat auch stark auf das Jenseits hingewiesen. Es hat sogar auf das eine Leben ewige Strafe und ewige Belohnung gesetzt. Wer glaubt, dass das eine Leben von unendlicher Wichtigkeit ist, der lernt dieses Leben in diesem Leben wichtig zu nehmen. Es dreht sich um die Wahrheiten, die dem Menschen frommen, und es frommt dem Menschen, in der Idee dieses einen Erdenlebens erzogen zu werden. Das waren die zwei Aufgaben: Erziehung in der Wichtigkeit des Erdenlebens zwischen Geburt und Tod, und auf der anderen Seite, dass außer diesem Erdenleben vor Gott alle gleich sind. Nur dadurch ist dieses Erdenleben ertragen worden, dass es so aufgefasst wurde, dass vor Gott alle gleich sind. Wer das so betrachtet, der wird in der Entwicklung der Menschheit, seit der Entstehung des Christentums, ein Herabsteigen in die physische Welt beobachten. Mehr und mehr fühlt sich der Mensch dem sinnlichen Dasein verpflichtet. Dadurch übertrug er mehr und mehr die Wichtigkeit des Satzes von der Gleichheit vor Gott auf die Gleichheit im materiellen Dasein selbst.

Das Bild ist nicht misszuverstehen. Die Seele, die vor 1800 Jahren etwa gewohnt war, die Frage der Gleichheit für das Jenseits zu beanspruchen, die bringt den Impuls mit sich, den Impuls der Gleichheit, aber in Bezug auf das, was heute wichtig ist: «Gleichheit vor dem Mammon». Keine Kritik, nichts Abfälliges sehen Sie (bitte) darin, sondern die objektive Feststellung eines Weltgesetzes der sich entwickelnden Seele. So muss man den Gang der Zeiten studieren. Dann wird man verstehen, dass es nur eines gibt, was in dieser Seele wieder eine andere Richtung, ein Aufsteigen veranlassen kann, wenn wir die Seele, die nach Gleichheit ruft, wieder hineinbekommen in das Jenseits. Nach dem Jenseits hatten wir hinaufgeblickt, vor dem Jenseits hatten wir hinausgeblickt, es war irgendwo vorausgesetzt. Heute ist die Seele durch diesen Impuls auf sich selbst zurückgewiesen. Heute sucht sie dasselbe in dem Diesseits. Soll sie wieder einen Aufstieg finden, so muss sie in dem Diesseits den Geist, das Innere finden, im Seelischen selbst. Das ist dasjenige, was die theosophische Weltbewegung erstrebt: die Seele vorzubereiten für die drei Stadien, weil sie innerlich voll des Gottes wird, voll der göttlichen Weisheit, und sich deshalb wieder hineinzustellen weiß in die Welt, sodass sie wieder die Harmonie zwischen sich und der Umwelt finden wird.

Solche Gedanken haben einen richtunggebenden Wert. Nicht von heute auf morgen können wir das bewirken. Aber auch nicht unsere einzelnen Taten können wir betrachten. Jede Tat muss unter einem Einfluss stehen. Dann wird sie praktisch, dann ist sie etwas, dann ist sie keine graue Theorie, sondern unmittelbares Leben, weil wir hineinschauen in das Getriebe der Seele.

Unsere Nationalökonomen und unsere Sozialtheoretiker sagen so oft heute: Der Mensch ist nur das Produkt der äußeren Verhältnisse. Der Mensch ist so geworden, weil er in diesen oder jenen äußeren Verhältnissen lebt. So spricht zum Beispiel die Sozialdemokratie im Ernst [davon], dass der Mensch so wird, wie seine Umgebung ihn macht, dass er, weil er durch die ganze industrielle Entwicklung zum proletarischen Arbeiter geworden ist, so auch der Seele nach so ist, wie er eben durch diese Verhältnisse geworden ist. Der Mensch ist ein Produkt der Verhältnisse. - Das können wir oftmals hören. Studieren wir die Verhältnisse selbst, betrachten wir, was um uns [herum] ist, wovon wir am meisten abhängig sind. Sind wir abhängig von der bloßen Natur? Nein! Wir merken erst, wovon wir abhängig sind, wenn wir als Hungernde vor dem Bäckerladen stehen und nichts in der Tasche haben, um uns etwas zu kaufen.

Alle diese Verhältnisse sind wieder von Menschen gemacht und bewirkt. Der durch die Geschichte sich entwickelnde Geist hat diese Verhältnisse herbeigeführt. Was heute ist, haben die Menschen manchmal vor kurzer Zeit erst als den Menschen heilsam erdacht; das haben sie erst hineingelegt. So bewegt sich derjenige, der meint, dass die Menschen von den Verhältnissen abhängig sind, in einem Kreisschluss, denn die Verhältnisse sind von den Menschen herbeigeführt. Wenn wir uns das vergegenwärtigen, so müssen wir uns sagen: Es kommt nicht auf die Verhältnisse an, sondern darauf, zu sehen, wie die Verhältnisse geworden sind. Es ist müßig, zu konstatieren und zu sagen, der Mensch ist von seinen Verhältnissen abhängig. Der Mensch wird auch in fünfzig Jahren abhängig sein von den Verhältnissen, die ihn umgeben. Sie können es jedem Sozialdemokraten zugeben, dass der Mensch abhängig ist von den Verhältnissen, aber von denen, die wir heute machen, die aus unserem Gemüt, aus unserer Seele hervorgehen. Die sozialen Verhältnisse machen wir! Und das, was dann leben wird, das sind die kristallisierten Empfindungen und Gefühle, die wir heute in die Welt hinaussetzen.

Das zeigt uns, um was es sich handelt: dass man die Gesetze kennenlernen muss, unter denen sich die Welt entwickelt. Nicht Wissenschaft kann es sein, um was es sich da handelt, sondern es kann nur sein Intuition, die Erkenntnis dessen, was wir hineinlegen müssen als Gesetz. Dies kommt uns gerade von einer Betrachtung, die aber den meisten ganz phantastisch erscheint, die aber viel klarer und objektiver ist als vieles von der phantastischen Phantasie unserer Wissenschaftler. Wer sagen kann, was in der Seele lebt und heraustritt aus der Seele, das dann draußen sich kristallisiert, der kann auch sagen, aus der Weisheit des Göttlichen in der Seele, das, was nur einer in der Welt ausstreuen kann, und was der Menschheit frommt.

Wollen Sie in der Zukunft solche Verhältnisse um uns herum haben, wollen Sie das als Einrichtung, als Institution haben, was die Menschen befriedigt, von dem die Menschen sagen werden können: Das ist es, unter den Verhältnissen wollen wir leben — dann müssen Sie Menschlichkeit zuerst hineingießen in diese Verhältnisse, damit Menschlichkeit aus ihnen wieder herausströmt. Die tiefste Menschlichkeit, das tiefste Seeleninnere muss erst von unserem eigenen Herzen hinausströmen in die Welt. Dann wird die Welt ein Abbild sein von der Seele, (und in dieser Seele wird sein ein Abbild der Welt). Dies wird die Menschen wieder befriedigen können.

Deshalb kann sich der Mensch nichts versprechen von all den Kurpfuschereien auf dem sozialen Gebiet, die gemacht werden aus der Betrachtung der äußeren Verhältnisse. Diese äußeren Verhältnisse werden von Menschen gemacht; sie sind nichts anderes als die herausgeströmten menschlichen Seelen. Was zunächst zu bearbeiten ist, was wir zunächst als soziale Frage anzufassen haben, das sind die Seelen von heute, die die Umgebung von morgen schaffen. Sie können es sehen, wie von der Seele bessere Verhältnisse in die Umgebung strömen, wenn Sie es nur studieren wollen. Ich habe es immer wieder hören müssen von Sozialpolitikern: Macht die Verhältnisse besser, und die Menschen werden besser werden. Möchten diese doch nur studieren, was einzelne Sekten, die abgeschieden von der Weltentwicklung sich entwickeln, als Seelenkultur treiben, (möchten sie studieren), was die dazu beitragen, zur Gestaltung der äußeren Verhältnisse. Wenn der Mensch einsehen wird, dass die Verbesserung der Verhältnisse von ihm abhängt, wenn er theosophische Erkenntnisse erlangt haben wird, und wenn er erkannt haben wird den ersten Grundsatz: den Kern einer allgemeinen Brüderschaft zu bilden und ihn in uns selbst herauszubilden als soziale Empfindung für die Umwelt, dann ist (das) Sozial(e) möglich, (und man ist vorbereitet) für das, was in der nächsten Zeit geschehen soll.

Unsere ganze Nationalökonomie lebt heute unter falschen Kategorien. Unsere Theorien sind deshalb zumeist falsch, weil man von ganz anderen Voraussetzungen ausgeht, als diejenigen sind, die sich ergeben aus den (Menschen und aus der) Menschheit. Überall geht man von der Produktion aus. Man glaubt, von (der Entwicklung) der Entlohnung der Produktion etwas erreichen zu können. Alles Denken bewegt sich in dieser Richtung. Nicht gleich wird bei der Veränderung des Denkens auch eine Besserung eintreten. Aber sie tritt ein, wenn die Richtung geändert sein wird. Auch unser Proletariat hat keine Ahnung von dem, was hier vorliegt. Was gefordert ist, ist mehr Lohn und kürzere Arbeitszeit. Betrachten Sie sich den Arbeiter irgendeiner Branche, sagen wir der Elektrizitätsbranche, der sich gewerkschaftlich organisiert hat, um durch diesen Zusammenschluss bessere Löhne und Arbeitsverhältnisse zu schaffen. Was will er denn? Er will, dass zwischen ihm und dem Arbeitgeber ein anderes Verhältnis in der Entlohnung stattfindet. Das ist alles, was er will. Die Produktionsverhältnisse ändern sich nicht. Alles, was geschieht, ist, dass der Arbeiter höheren Lohn bekommt, dass das wegkommt von dem Kapital. Das ist alles, was geschicht, eine Umlegung [von dem Kapital].

Damit wird aber gar nichts Besonderes geändert. Wenn man heute mehr Lohn erhält, werden dafür morgen die Lebensmittel teurer. Es ist gar nicht möglich, auf diesem Wege irgendeine Besserung für die Zukunft herbeizuführen. Dass man (dieses Bestreben) dennoch hat, das beruht auf falschem Denken. Um was es sich da handelt, das sind Produktion und Konsumtion. Hier herrscht ein großes, umfassendes Weltgesetz der Arbeit. Dieses muss man kennen. Vielleicht werden gewisse (Leute) sagen, die gewohnt sind, in den heutigen sozialökonomischen Theorien zu denken, ich stelle ein Hirngespinst vor sie hin. Wer sich zum Theosophen durchentwickelt hat, der ist in der Regel hindurchgegangen durch das heutige Denken. Es soll als Lebensimpuls in uns tätig sein. Aber wie ein jeder Gedanke in uns hineinzieht und jede einzelne Handlung in uns anregen wird, so soll uns das auch anregen. (Wir brauchen) nicht daran [zu] denken, dass wir es [jetzt schon] realisieren können. So kann auch der Regierungsrat, der nicht in grauen Theorien lebt, das Leben ganz anders ansehen. Er braucht nicht erst nach Amerika zu reisen, um die Erkenntnis zu erhalten, dass der, welcher keine Arbeit bekommt, nicht ein Lump zu sein braucht. Das Arbeiten hat seine Formen im Laufe der Zeit sehr geändert.

Sehen Sie zurück ins alte Griechentum. Was war die Arbeit dazumal? Der Arbeiter stand in einem ganz anderen Verhältnis zu seinem Herrn. Damals war der Arbeiter Sklave. Er konnte durch Gewalt zur Arbeit gezwungen werden. Was er bekam von seinem Herrn, das war (sein) Lebensunterhalt. Das Erträgnis der Arbeit aber bekam sein Herr. Gar nichts hatte es zu tun mit dem Verhältnis des Arbeiters zu seinem Herrn. Er hatte zu arbeiten, er wurde (zwar) auch unter misslichen Verhältnissen unterhalten; im Einzelnen aber wurde er nicht entlohnt. Da haben wir eben Arbeit unter Zwang, ohne Lohn.

Ware ist das Resultat von etwas anderem als von unmittelbar entlohnter Arbeit. Ihr Wert hat daher auch nichts zu tun mit dem, was als Lohn zu bezahlen ist. Sehen Sie heute die Verhältnisse an. Heute haben wir Arbeiten, die teilweise dem Arbeiter entlohnt werden, teilweise. Dasjenige, was sie einträgt, fließt als Profit in die Tasche des Unternehmers. Teilweise wird also die Arbeit entlohnt. Was ist der Arbeiter dadurch selbst geworden? Seine Arbeitskraft steckt er in die Arbeit hinein. Wenn man in Griechenland ein Stück Arbeit vor sich hatte, dann war sie ein Produkt der Sklaverei. In Produkt, Ware, von heute steckt ganz etwas anderes darin. Heute ist das Genussmittel, das ich bekomme, kristallisierte Arbeit, die dem Arbeiter entlohnt wird. Wenn wir das so bedenken, werden wir finden, dass eine halbe Freiheit an die Stelle der alten Sklaverei getreten ist. Ein Vertragsverhältnis ist an seine Stelle getreten. Daher ist die Arbeit heute halb Zwang, halb Freiheit. Dadurch ist die Arbeit zur Ware geworden in der Gestalt des Arbeiters. So haben wir halb erzwungene und halb freie Arbeit. Und der Gang der Entwicklung ist (in der Richtung) zur völlig freien Arbeit hin. Diesen Weg (lehnt und) ändert niemand ab. Wie der griechische Arbeiter unter dem Zwang seines Herrn seine Arbeit verrichtete, wie der jetzige Arbeiter aus Zwang für Lohn arbeitet, wird in der Zukunft nur eine Freiheit der Arbeit sein. Arbeit und Lohn werden in der Zukunft vollständig getrennt.

Das ist die Gesundheit der sozialen Verhältnisse in der Zukunft. Sie können es heute schon sehen. Die Arbeit sei eine freie Verrichtung aus der Erkenntnis der Notwendigkeit, (aus der Erkenntnis), dass sie geschehen muss. Die [Menschen] verrichteten sie, weil sie den Menschen sich anschauten, an dem sie sähen, dass er die Arbeit brauchte. Was war die Arbeit im Altertum? Sie war ein Tribut; sie wurde verrichtet, weil sie verrichtet werden musste. Und was ist die Arbeit der Gegenwart? Sie beruht auf Eigennutz, auf Zwang, den der Egoismus auf uns ausübt. Weil wir da sein wollen, wollen wir die Arbeit bezahlt haben. Wir arbeiten um unseretwillen, um unseres Lohnes willen. Wir werden in der Zukunft (um) unserer Mitmenschen willen arbeiten, weil sie das brauchen, was wir arbeiten können. Deshalb werden wir arbeiten. Wir werden unseren Mitmenschen kleiden, (wir werden ihn) versehen mit dem, was ihm nottut — in vollständig freier Beträtigung. [Der] Lohn muss vollständig davon getrennt werden. Tribut (war die Arbeit) in der Vergangenheit, Opfer wird sie in der Zukunft sein. Nichts hat sie zu tun mit Eigennutz, nichts mit Entlohnung. Lasse ich mir die Arbeit von dem Konsum diktieren, von dem Hinblick auf das, was die Menschheit braucht, dann stehe ich in einem freien Arbeitsverhältnis, und meine Arbeit ist ein Opfer für die Menschheit. Dann arbeite ich nach meinen Kräften, weil ich die Mitmenschen liebe und meine Kräfte zur Verfügung stelle.

Das muss möglich sein, und das ist nur möglich, wenn Existenz getrennt wird von Arbeit. Und dies wird in der Zukunft eintreten. Niemand wird Besitzer des Arbeitsproduktes sein. Erzogen muss die Menschheit werden zu freier Arbeit, einer für alle, und alle für einen. Jeder hat danach zu handeln. Wenn Sie heute eine kleine Gemeinde gründen, in der jeder, was er einnimmt, in die gemeinschaftliche Kasse wirft, und jeder arbeitet, was er arbeiten kann, dann ist nicht seine Lebensexistenz abhängig von dem, was er arbeiten kann, sondern diese Lebensexistenz wird von dem gemeinschaftlichen Konsum aus bewirkt. Das bewirkt eine größere Freiheit als die Regelung des Lohnes nach der Produktion. Wenn das geschieht, werden wir eine Richtung bekommen, die (den Bedürfnissen entspricht. Das) kann heute schon in jedes Gesetz, in jede Verordnung hineinfließen. Natürlich nicht absolut, aber schon annähernd. Man kann jetzt schon die Fabrik[en] in der richtigen Weise gestalten. Das erfordert aber gesundes, klares, nüchternes Denken im Sinne der Theosophie. Wenn solche Dinge in die menschliche Seele hineinkommen, dann wird auch innerhalb dieser menschlichen Seele selbst wieder etwas leben können. Und so, wie das eine das andere bedingt, so wird auch dieses Leben der menschlichen Seele bedingen, dass die äußeren Einrichtungen ein Spiegelbild (davon sein werden, so), dass unsere Arbeit ein Opfer — nicht mehr Eigennutz — sein wird, (sodass nicht) die Entlohnung regelt die Verhältnisse zur Außenwelt, sondern das, was in uns ist. Was wir können und vermögen, bringen wir der Menschheit dar. (Vermögen wir wenig, dann) bringen wir wenig dar, haben wir viel, dann [bringen wir] viel.

Wir müssen wissen, dass jedes Tun eine Ursache ist von unendlicher Wirkung, und dass wir nichts ungenützt lassen (dürfen), was in unserer Seele ist. Wir werden aus unserer Seele heraus jedes Opfer bringen, wenn wir auf Lohn, der uns durch die äußeren Verhältnisse (zuteilwerden kann), völlig verzichten. Nicht um unserer selbst willen, nicht [um] unseres Wohlseins willen, sondern um der Notwendigkeit willen. Wir wollen die Seele durch das Gesetz des eigenen inneren Wesens festigen, damit sie lernt, unter anderen Gesichtspunkten ihre Kraft dem Ganzen zur Verfügung zu stellen, als unter dem Gesetze des Lohnes und des Eigennutzes. Es hat schon in gewisser Beziehung Denker gegeben, welche so gedacht haben. In [der] ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hat es solche Denker gegeben, die diesen Zug einer großen, seelischen Betrachtung der Weltgesetze hineingebracht haben. Ist dieser Zug nicht eine Heiligung der Arbeit? (Ist es nicht) so, dass wir sie hinlegen (können) auf den Altar der Menschheit? So wird die Arbeit etwas ganz anderes als eine Last. Sie wird etwas, in das wir unser Heiligstes, unser Mitgefühl für die Menschheit hineinlegen, und wir können dann sprechen: Heilig ist die Arbeit, weil sie ein Opfer ist für die Menschheit.

Nun hat es (Menschen) gegeben, die von der «heiligen Industrie» in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts lebten. (Einer derselben), weil er eine Ahnung hatte von den großen Zukunftsideen, war Saint-Simon. Wer die Schriften von ihm studiert, wird unendlich (viel) gewinnen für unsere Zeit, wenn er sie im theosophischen Sinne vertieft. Er [Saint-Simon] hat in rudimentärer Weise gesprochen von einer solchen Art und Weise des Zusammenlebens wie von einer Genossenschaft. Er hat Genossenschaften projektiert, in die die einzelnen den Tribut niederlegten, und die Existenz (dadurch) unabhängig wird. Dieser hat große Ideen über die Menschheitsentwicklung gehabt und manches entdeckt. Er hat gesagt: Die Menschenrassen entsprechen einer planvollen Entwicklung, und die Seelen kommen nacheinander zum Vorschein und entwickeln sich hinauf. So muss man anschauen die Menschheitsentwicklung, dann kommt man zur richtigen Anschauung. Er spricht (auch) von einem Planetengeist, der verwandelt sich in andere Planeten, auf die der Mensch kommt. Kurz — es gibt einen Nationalökonomen, den Sie lesen können, und der in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts lebte. Sie lesen das Werk (von ihm) wie ein theosophisches Buch.

Die Palingenese des Seelendaseins kann heute bewiesen werden. Wer Haeckel zugibt, der wird auch die Wiederverkörperung zugeben müssen, wenn er die Ideen von Haeckel weiter ausführt. Fourier hat auch in dieser Weise gedacht. Sie können bei ihm primitive Theosophie finden. Deshalb ist für denjenigen, der die Dinge betrachtet, wie sie sind, Theosophie für unser soziales Leben mit ihrem ersten großen Grundsatz, den Kern einer allgemeinen Bruderschaft zu gründen, dasjenige, was allein in dieser Umwelt gesunde Zustände verbreiten kann. Diese Anschauung des Theosophen ist keine unpraktische, sondern sie ist praktischer als die Anschauung aller Sozial-Theoretiker, und nur der — das werden Sie erkennen müssen, wenn Sie die Theorien auf das Leben anwenden — wird dasselbe sagen, was der gute Kolb gesagt hat: Mit den Theorien der Nationalökonomie studiert es sich noch ganz erträglich. — Wenn die Theosophie gehört werden wird bei Besprechungen über die soziale Frage, dann erst kann in dieselben eine gesunde Betrachtungsweise, ein gesundes Denken hineinkommen. So ist es (für die), welche auf diesem Gebiete sehen und hören wollen, ist es notwendig, sich mit der Theosophie auseinanderzusetzen.

Für den Theosophen ist zweierlei klar, der sagt — nicht aus Fanatismus, sondern aus einer Erkenntnis, die sich ergibt aus der Betrachtung des Lebens —: Eines ist möglich, bei grauen Theorien zu bleiben und Leuten die Sache anzuvertrauen, die nachher gestehen müssen, dass sie sich am Studiertisch anders ausnimmt als im Leben draußen. Dann werden wir lange zu warten haben und das, was kommen muss, wird doch kommen. Zuletzt wird doch die lebensvolle Theorie einzugreifen haben in das Leben, oder — man kann es heute schon hören — man kann heute schon sich auseinandersetzen mit dem, was die Theosophie zu sagen hat über die soziale Frage. Dann muss man nicht nur einen Vortrag von dem hören, sondern man muss sich mit der ganzen Theosophie auseinandersetzen. Man wird sich die Gabe, die Fähigkeit herausholen, [um] in gesunder Weise das Leben von oben bis unten zu betrachten, in seinen geheimsten und intimsten Kräften. Dann kann bald Heil und Segen in unsere soziale Ordnung hineinkommen.

Vollziehen wir dasjenige, was geschehen soll, in uns selbst, so viel wir können. Umgestaltung der Arbeit, Arbeiten nicht für Lohn, ist ein Opfer. Dann werden wir unsere Pflicht getan haben, (dann werden wir) das Leben gesund betrachtet haben. Oder (wir betrachten) eine Welt mit den grauen, lebensfremden Theorien weiter. Dann könnte es sich herausstellen, dass die zukünftige Menschheit sagen könnte: Fragen sind aufgeworfen worden. Solange diese Fragen zu studieren waren, solange das Heil auf gutem Wege möglich war, so lange haben sie sie nicht studieren wollen. Goethe hat einmal gesagt, Revolutionen könnten nur furchtbar werden, wenn die Regierenden ihre Pflicht nicht tun würden. — Er wusste, wer an den Revolutionen Schuld trägt. Versuchen wir (zu bedenken), was die zukünftige Geschichte über unsere Gegenwart sagen kann. Sie haben gesehen, wie die Zeit gewirkt hat, bis die Erde blutgetränkt war, (und wie) die Zeit in noch furchtbarerer Weise brennendste Fragen aufgeworfen hat.

German original of The Social Question and Theosophy · Next →