The Nature of Man in the Light of Spiritual Science
GA 68d — 2 November 1905, Berlin
2. Die Frauenfrage und die Theosophie
Heute gestatten Sie mir, ein sehr aktuelles, die unmittelbare Gegenwart berührendes Thema etwas zu beleuchten von dem Standpunkt der Theosophie, und dass es an der Tagesordnung sein kann, eine solche Frage, eine solche unmittelbar in das Kulturleben eingreifende Bewegung in das Licht unserer Weltanschauung zu stellen, dafür lassen Sie mich einen kleinen Beleg aus den letzten Tagen anführen, der außerordentlich bezeichnend in mehrfacher Beziehung ist. Er ist bezeichnend dafür, dass gerade praktisch denkende Menschen die Notwendigkeit einer Vertiefung unserer Kultur durch die theosophische Weltanschauung einsehen und dass auf der anderen Seite wieder in den weitesten Kreisen die Theosophie doch noch etwas ist, was recht unbekannt sich ausnimmt.
Letzten Sonntag erschien im «Tag» ein höchst merkwürdiger Artikel, auf dessen politischen Inhalt ich durchaus nicht eingehen will, über Russland, Japan und den Frieden, von Carl Peters. Man mag über den Namen Carl Peters denken, wie man will; dass er zu den großen Praktikern unserer Tage gehört, das wird niemand bestreiten. Er spricht in diesem Artikel über die Verschiedenheit in der Auffassung des zwischen Japan und Russland zustande gekommenen Friedens innerhalb der beiden Länder. Er erwähnt das Manifest, mit dem in Russland dieser Friede dem Volk verkündet worden ist, das die Worte enthält, dass Gott seinen großen Segen geben möge diesen Leuten vom Volk, und für die Entwicklung des ferneren Russlands. Er erwähnt dann die Verkündigung des Friedens an Russland. [Der Mikado sagt in seinem Friedensmanifest]: Das Resultat des Krieges ist den gütigen Seelen unserer Vorfahren zuzuschreiben. Nachdem Ruhe und Friede gesichert sind, rufen wir die großen Ahnen an, uns fähig zu machen, die Früchte unseren Nachkommen zu übermachen. Der Kaiser von Japan besucht den Tempel, um die Kunde von dem Abschluss des Friedens den kaiserlichen Vorfahren zu bringen. ... [Lücke] Ich führe das an wegen der Worte, die der Verfasser des Artikels darüber sagt. Er sagt: Die beiden haben das gemeinsam, dass sic an ein spirituelles Fatum im Weltprozess appellieren. Der Unterschied ist der, dass es nach ostasiatischer Auffassung kein Sieg des Materiellen ist. Die japanische Auffassung ist mehr pantheistisch, die christliche mehr [monotheistisch]. Welche im Rechte ist, lässt sich mit Vernunftgründen nicht untersuchen. Ich möchte daran folgende Bemerkung anschließen: Die Japaner sind eine [nüchterne, gewissermaßen mathematische] Nation, sodass ich nicht annehme, dass das, was wir glauben können, bei ihnen eine große Rolle spielt. Wenn sie einen Einfluss auf das Erdenschicksal annehmen, so beruht das kaum auf Glauben, sondern auf Wissen. Ich möchte vermuten, dass Hoch- und Ostasien gewisse spirituelle Kenntnisse besitzen, von denen sich der hochentwickelte Westen nichts träumen lässt. Wenn sie ein solches Wissen in unsere mehr oder weniger verflachende Kultur hineinleiten können und wollen, so würden sie uns ideale Werte liefern, welche weit über das hinausgehen, was wir ihnen bieten können. ... [Lücke]
Nicht, was in diesen Worten enthalten ist, wollen wir prüfen. Dass sie von einem sogenannten [Praktiker] ausgesprochen worden sind, das wollen wir an die Spitze unserer Betrachtung stellen. Zweierlei muss uns dabei auffallen. Das eine ist, dass auf die Notwendigkeit einer spirituellen Vertiefung unserer Kultur mit so scharfen Worten hingewiesen wird, [auf Kräfte, die nicht im Materiellen leben], und dass auf der anderen Seite hingewiesen wird auf Ostasien und geradezu die Hoffnung ausgesprochen wird, dass unsere verflachende Kultur eine Auffrischung von Osten erhalten solle, indem die Hoffnung ausgesprochen wird, dass diese Wissenden uns mehr bieten können als wir ihnen mit unserer Kultur. Ganz völlig ernst wird hier genommen von einem Weltmanne die Tatsache, dass man etwas wissen könne über die Kräfte, die ausgehen von den Menschen, die nicht mehr im irdischen Dasein leben.
Es ist sehr merkwürdig, dass die Notwendigkeit auf der einen Seite so betont wird, und dass auf der anderen Seite zu gleicher Zeit gar kein Bewusstsein vorhanden ist, dass seit dreißig Jahren in Europa eine Bewegung vorhanden ist, welche nicht aus den Überresten eines älteren Volkes, dessen spirituelles Bewusstsein sich nicht auf seiner vollen Höhe heute befinden kann, arbeitet, sondern dass, sage ich, in Europa selbst eine spirituelle Bewegung vorhanden ist seit dreißig Jahren, wie es die Theosophie ist. Das wird völlig vergessen; und gar nicht berücksichtigt wird, dass wir vielleicht hier berufen sind, in ganz anderer Weise diese spirituelle Kultur zu begründen als jene ostasiatischen Völker. Das Ganze ist ein Lichtwerfen auf der einen Seite nach der Sehnsucht nach Spiritualität, nach Erkenntnis der geistigen Welt und auf der anderen Seite, ich möchte sagen, eine oberflächliche Auffassung unserer eigenen europäischen Bestrebungen.
Mehr als bei irgendeiner anderen Frage kann uns das, was hier berührt worden ist, bei der Besprechung der Frauenfrage interessieren. Die theosophische Bewegung kann auf keinen Fall in den Verdacht kommen, in irgendeiner reaktionären Weise diese Sache zu behandeln. Einfach die Art und Weise, wie sie sich entwickelt hat, würde einer solchen Behauptung stracks ins Gesicht schlagen. Frauen gehörten zu den besten Gründern und Mitarbeitern der theosophischen Bewegung, von jeher. Ja, die eigentliche Begründerin der Theosophical Society — Helena Petrowna Blavatsky - war eine Frau. Und an die Summe von Wissen, welche vorhanden ist in den Werken dieser Frau, an sie reicht nichts heran, was in den Kulturwerken der letzten Jahrhunderte gegeben worden ist.
Das braucht man nicht zu glauben. Wenn man sich ernstlich vertieft in das, was diese Frau gegeben hat, dann wächst die Überzeugung, dass das, was eben ausgesprochen worden ist, eine Wahrheit ist. Und Annie Besant, ihre Nachfolgerin — wiederum eine Frau —, hat es in ganz außerordentlicher Weise verstanden, moderne Wissenschaftlichkeit, modernes Denken, fortschrittliche Lebensauffassung zu vereinigen mit der theosophischen Gesinnung und der theosophischen Bewegung überhaupt.
Innerhalb der Theosophischen Gesellschaft arbeiten Männer und Frauen zusammen. Niemals hat man irgendwie dieser Tatsache gegenüber das Gefühl innerhalb der Gesellschaft, dass das Geschlecht dabei irgendwie mitspielt. Ja, man hat wohl von einer Seite, welche die theosophische Bewegung doch nicht in ihrem tiefsten Grunde erfasst hat, diese Bewegung eine weibliche genannt; zum Teil, weil sie von einer Frau begründet wurde, zum Teil, weil vielleicht jetzt in der Mehrzahl Frauen in der Bewegung mitarbeiten. Diese Tatsache sichert uns vor allen Dingen vor dem Vorurteil, dass wir in irgendeinem rückschrittlichen Sinne, in einem feindlichen Sinne diese Sache auffassen könnten.
Aber der Theosoph ist berufen, alle diese Dinge im Lichte der Spiritualität, im Lichte der höchsten Geisteskultur zu betrachten. Dies muss er auch bezüglich dieser Sache tun. Vor allem wird uns das eine auffallen, dass diese Frauenfrage, wie sie uns jetzt entgegentritt, ein Ausfluss unserer modernen Weltanschauung, unseres modernen Denkens und Empfindens ist. So, wie sie uns heute entgegentritt, wäre sie vor hundert Jahren noch nicht möglich gewesen. Insofern die Theosophie stets darauf bedacht ist, den Geist der Menschheitsepochen klar und deutlich zu verstehen, werden wir uns auch klar werden müssen, wie aus unserer Kultur heraus gerade diese Frauenfrage so geworden ist, wie sie geworden ist. Die Theosophie bemüht sich weniger, zu kritisieren, sondern nach allen Richtungen hin zu begreifen. Daher wird sie sich weniger programmatisch zu dieser Frauenfrage verhalten, sondern sie wird vielmehr zu erforschen haben, was die Ursache dieser Frage ist.
Wir kommen dieser Frage nicht so leicht auf den Grund wie anderen. Denn die Theosophie führt tief hinein in die Menschennatur. Und diese ist mannigfaltiger und komplizierter, als man denkt. Während der moderne Mensch leichthin hinweggehen konnte über das Unterscheiden zwischen Mann und Frau, muss der Theosoph doch aus der Tiefe der menschlichen Natur heraus einen Blick werfen auf diesen Unterschied und sich fragen, ob trotz dieses Unterschiedes jenes eigentümliche Zusammenarbeiten, das sich gerade innerhalb der Theosophischen Gesellschaft herausgebildet hat, auch größere Kulturkreise ziehen könnte, vielleicht eine allgemeine Weltauffassung in Bezug auf diese Frage in der Gegenwart daraus werden könnte.
Wenn wir die Zeiten überblicken, so finden wir, dass die Auffassung der Frau, sowohl von sich selbst als auch die Auffassung, die sie bei dem anderen Geschlecht hatte, sich im Laufe der Zeit sehr geändert hat. Ebenso haben sich die äußerlichen Einrichtungen, innerhalb derer die beiden Geschlechter gelebt haben, wesentlich geändert. Betrachtet man dies nur obenhin, so wird man nicht auf die wirkliche Ursache und Grundlage kommen. Bekannt ist, dass im Anfange derjenigen Zeit, in die uns nicht die Geschichte, wohl aber die Urgeschichte führt, die Frau eine wesentlich andere Rolle gespielt hat. Bekannt ist, dass das Patriarchat, die «Vaterfamilie», mit ihrem eigentümlich gearteten Erbrecht und sonstigen sozialen Einrichtungen entstanden ist aus einer ursprünglichen «Mutterfamilie» - Matriarchat, dass die Frau eine bevorzugte Stellung hatte in Bezug auf Dinge, die sich auf die Nachkommenschaft beziehen, wie das Erbrecht und so weiter.
Der Theosoph muss sich fragen: Wie hängt eine solche Sache mit den geistigen Urkräften der Welt zusammen? Da kommen wir zur Besprechung einer Tatsache, die hier schon öfters berührt worden ist, die wir aber auf diesen besonderen Fall anwenden müssen. Die Grundlage allen menschlichen Lebens in seiner geschichtlichen Entwicklung auf der Erde ist eine natürliche, eine solche, die sich aus einer [instinktiven] Anlage herausgebildet hat zum bewussten, klaren Denken, zu bewussten, klaren Einrichtungen, die durch den Verstand und gewisse sittliche Begriffe geschaffen worden sind.
Die ursprünglichen Bande der Menschheit waren von der Natur herausgeflossen. Die Blutsverwandtschaft war das Ursprüngliche. Einrichtungen, die die sittlichen Begriffe schufen, werden später an die Stelle der uralten Blutsverwandtschaft gestellt.
Der Materialist sieht in dieser Blutsverwandtschaft nichts als die rohe Naturgewalt. Wer aber eine spirituelle Weltanschauung hat, der weiß: Was sich als Instinkt auslebt, was als Trieb zum Vorschein kommt, was als Blutsverwandtschaft zum Ausdruck kommst, ist alles auf geistige Kräfte zurückzuführen auf geistige Wesenheiten, die hinter dem sinnlichen Dasein stehen. Wie heute, mehr oder weniger bewusst, der Mensch die soziale Ordnung lenkt, so lenkten ursprünglich die Devas [oder Dhyans], göttliche Mächte, den Zusammenhang der Menschheit, [sie ordneten die menschlichen Verhältnisse].
Dieses Herausarbeiten aus einer geistigen Grundlage, die den Menschen noch unbewusst ist, erscheint als Trieb und Instinkt. Der Träger dieser ursprünglichen aus geistiger Wesenheit begründeten Instinktanlage war die Frau. Die uralten Mythen und Sagen der Völker liefern Ihnen ein Zeugnis für diese Tatsache. [Vom theosophischen Standpunkt ist das leicht beweisbar, aber auch rein verstandesmäßig ist diese Anschauung zu beweisen.] Nur eines ist da zu erwähnen. Sehen Sie sich die Bildnisse an, welche auf die ältesten Zustände des Menschengeschlechtes zurückweisen, dann werden sie in diesen Bildnissen die Tradition gegeben haben von einer ursprünglich weiblichen Grundlage des ganzen Menschengeschlechts. Der Grieche bildete [in den ältesten Darstellungen] seinen Zeus mit einer weiblichen Büste.
Die theosophische Weltanschauung führt uns zurück in den Urgrund der Zeit, so weit wir auf der Erde die Zeit verfolgen können, in jene Zeiten, in denen es noch keine Geschlechtertrennung gab, in jene Zeiten, von denen wir heute nicht ausführlich sprechen können, in jene Zeiten, wo die Geschlechter nicht verteilt auf zwei verschiedene Individuen waren, sondern vereint waren. Kenner der wissenschaftlichen Forschung werden wissen, dass selbst die Naturwissenschaft auf ein Wesen der Urzeit hinweist, das nicht eingeschlechtlich, sondern zweigeschlechtlich war. Ich mache diesbezüglich aufmerksam auf den Darwinianer Oskar Schmidt. Die Theosophie spricht von jener Zeit, in welcher der bildlich dargestellte Urmensch eine Tatsache war. Mehr hinneigend war er zu dem weiblichen Geschlecht.
Ein geringfügiges Denken kann das schon klarmachen. Die Fortpflanzung ist gebunden gewesen an das weibliche Geschlecht zu allen Zeiten. Das, was als Grundlage da war, das hat sich auch in den äußeren sozialen Zusammenhängen ausgelebt. Diese Naturgrundlage war in den ersten Zeiten umgesetzt in eine Art von sittlicher Weltanschauung, umgesetzt in Bezug auf soziale Einrichtung, in die Rechte und die Institutionen.
Dass die Geisteskraft des Menschen in der Frau besonders konzentriert war, das zeigt uns selbst jene Anschauung, die wir finden bei Tacitus, wo man die Frau ansah als eine Prophetin, [die berufen ist, aus der geistigen Welt heraus, was in der Zukunft geschieht, zu verkündigen — Velleda, Alruna -], die zu verkündigen hat, ob Recht oder Unrecht besteht, ob etwas unternommen werden soll oder nicht. Solche Anschauungen finden wir bei verschiedenen Völkern. Dass auch das Geistige da, wo es im Anfang unserer Zeiten auftritt, wo es wie eLwas Neues, wie etwas Weises erscheint, in derselben Naturgrundlage wurzelt, das geht aus solchen Tatsachen hervor.
Und jetzt noch etwas anderes: Gehen Sie zurück in die frühesten Zeiten der religiösen Weltanschauung, da finden Sie bei allen Völkern einen gemeinsamen Grundzug, der zusammenhängt mit dieser Naturgrundlage des menschlichen Geschlechts, und andererseits mit dem Bewusstsein, aus dem heraus die ältesten Einrichtungen und das Sinnen und Trachten der Menschheit sich entwickelt haben. In geschlechtlichen Symbolen, in Sinnbildern, die mit dieser Naturgrundlage zusammenhängen, drückt sich in ganz bestimmten Zeiten die Kultur, die Religion der verschiedenen Völker aus. Naive, aber schöne und großartige Zeiten sind das, wo die Menschen in holder Einfachheit und Naivität nichts Niedriges oder Frivoles verbanden mit diesen geschlechtlichen Symbolen, wo ihnen das Hervorbringen eine Kraft der Natur war und sich in dem Weibe symbolisierte, die sich in verschiedenen Ausdrucksformen zeigte wie das göttliche Schaffen für sie. Man hat versucht, aufzuwärmen diese Anschauungen von einer sogenannten Sexualreligion. Es besteht kein Recht, es so zu machen, wie man es gemacht hat. Denn die jetzige Empfindungsgrundlage ist nicht darnach, jenes Ursprüngliche und Unbescholtene, das mit diesen Symbolen verknüpft war, nachzuempfinden, sodass die Art und Weise, wie diese alten Dinge heute besprochen werden, für den Kenner etwas Verletzendes hat.
Nur langsam und allmählich gingen jene Einrichtungen, jene Bewusstseinszustände, die an den weiblichen Ausgangspunkt des menschlichen Geschlechtes anknüpfen, in eine andere Ordnung über, in eine Ordnung, die, um es kurz zu sagen, von dem Manne gemacht worden ist, von dem Manne, der losgerissen ist von dieser Naturgrundlage, von dem Manne, der nicht als solcher zu tun hat mit dem sichtbaren Fortgang im Menschengeschlecht.
Erst durch das Gesetz, durch die juristische Regelung wird das Recht des Mannes hineingestellt in das ursprüngliche, auf Blutsverwandtschaft gegründete, vom weiblichen Ausgangspunkte hergenommene Recht. So sehen wir, dass dann sich auf jener ursprünglichen Unterlage einer religiösen Weltanschauung, die ausgeht von den Hervorbringungskräften der Natur, erst das entwickelt, was uns entgegentritt in den Überbleibseln alter Völker, [mongolischer alter Stämme] als Ahnenkultur. Eine Kraft, welche unmittelbar wirkte, verehrte man in der Frau.
Dann tritt an die Stelle der Weise und Wahrsager, und an die Stelle der Verehrung des unmittelbar gegenwärtigen Weiblichen das, was man Ahnenkult nennt, die Verehrung verstorbener Volksglieder, die um das Wohl der Gesamtheit sich verdient gemacht haben — männlicher Vorfahren. Bei ihnen verehrte man, was nachwirkte über den Tod hinaus. Sie können das noch darin sehen, wenn der Mikado die Nachricht von Frieden und Krieg zu den Gräbern seiner Ahnen hinträgt. Wir schen da also den Übergang von der weiblichen Kultur zur Manneskultur.
Die Eroberung der Einrichtungen, die durch die Naturanlage von alters her mit dem Weibe verknüpft sind, durch die Vernunft und das Denken des Mannes vollzieht sich langsam und allmählich. Etwas anderes aber hängt damit noch zusammen, etwas, was ich nicht besser bezeichnen kann als den Übergang von einem Ur-Konservatismus zu einem allmählich in der Welt heraufdringenden Idealismus.
Sie können das in denjenigen Zeiten der Weltentwicklung verfolgen, in denen sich jene alten Religionskulturen, von denen ich gesprochen habe, entwickelten. Diese gehen zurück entweder auf Zeiten, in denen man in der schaffenden Hervorbringungskraft das Göttlich-Schaffende sehen konnte, oder auf solche, in denen es längst gestorben war, aber noch als etwas Gegenwärtiges weiterwirkt. Diese Kulturen bauen auf etwas Vergangenes. Zuerst finden wir in der Weltentwicklung solche, die auf dem Ausgangspunkt der Menschheit bauen, die auf das Alte hinweisen, auf das Herkommen, auf das, was heilig ist seit Urzeiten, auf die Natur, auf die Ahnen weist man hin.
Das ist der Ausgangspunkt des Menschengeschlechts, und allmählich geht diese Anschauung über in eine völlig andere. Bei allen Völkern, welche die Ausgangspunkte geliefert haben für die Kultur, der wir selbst angehören, finden Sie anstelle der Ahnenverehrung die Verehrung der Propheten, die Verehrung derjenigen, welche die Zukunft verkündigen, derjenigen, die den Völkern die hohen Ideale vorhalten. Der Urkonservatismus geht über nach und nach in Idealismus. Von dem Blick in die Vergangenheit wendet man sich zu dem Blick in die Zukunft, auch bei dem Volke, aus dem herausgewachsen ist das Christentum selber. Die Propheten waren die eigentlichen großen Persönlichkeiten, [die es leiteten], und Hand in Hand mit ihnen geht eine Loslösung von dem Natürlichen, von der bloßen Blutsverwandtschaft, von alledem, was auf die Untergründe unseres Geschlechts hinweist.
Auf die gewaltige Tiefe der Menschheitsentwicklung sehen wir hin, wenn wir diesen Umschwung betrachten. Dasjenige, was zusammenhängt mit dem Verhältnis der Geschlechter, was heute den Gegenstand vieler Besprechungen der Anthropologen und anderer bildet, das sogenannte Schamgefühl, war nicht vorhanden am Ausgangspunkte unserer Kultur. [Nicht verhüllt war das, was mit dem Hervorbringen des Menschen zusammenhängt; es war etwas Natürliches, Selbstverständliches.] Erst in der Zeit tritt es auf, wo wie eine Notwendigkeit der charakterisierte Umschwung stattgefunden hat. Da, wo die Naturkraft übergegangen ist zum Verstand, zu den Idealen, da fing man an, dasjenige zu verhüllen, was als Überbleibsel der Naturgrundlage des Menschengeschlechts zu gelten hat.
Sehen Sie sich einmal diesen Punkt etwas näher an. Wovor schämt sich der Mensch? Betrachten Sie dieses Gefühl des Schämens auf anderen Gebieten. Überall werden Sie finden, dass der Mensch dann sich schämt, wenn etwas von ihm so gemacht ist, dass er eigentlich mehr oder weniger die Forderung anerkennt, er hätte es besser gestalten können, besser machen können, dass es eigentlich so nicht richtig ist, wie er es gemacht hat. Ein ganz Ähnliches können wir psychologisch von dem Schamgefühl überhaupt behaupten. Es ist da und bezieht sich auf etwas, was von alten Zeiten herstammt und überwunden werden kann, und was heute so ist, wie es, wenn man auf die Zukunft sieht, nicht sein soll.
Da weist der menschliche Instinkt, die Empfindung auf etwas hin, was wieder die theosophische Weltanschauung als verwirklicht in ferner Zukunft hinstellt. Hindeuten muss ich heute darauf, dass die Entwicklung der Menschheit durch das Geschlecht hindurch nur ein Übergangsstadium ist, dass ebenso, wie die Menschheit ausgegangen ist von der Vereinigung der beiden Geschlechter in einem Individuum, die Menschheit wiederum zusteuert einem Zustand, in dem es wiederum nicht zwei, sondern nur ein Geschlecht gibt. So sehen Sie unsere gegenwärtige Entwicklung durch die theosophische Weltanschauung hineingestellt in eine ferne Vergangenheit und in eine ferne Zukunft, die einander ähnlich sind, die einander in gewisser Beziehung gleichen.
Wir können wahrnehmen, wie sich in den vertrautesten Seelenäußerungen des Menschengeschlechtes diese eben angedeutete Tatsache ausnimmt. Sehen Sie sich einmal an uralte künstlerische oder halb künstlerische Darstellungen der göttlichen hervorbringenden Urkraft, sehen Sie sich an die Anschauung der alten Ägypter, die [sie] mit dem Isisdienst verknüpften, und vergleichen Sie diese mit dem eigentümlichen Zuge, der von der Raffael’schen Madonna ausgeht. Das, was natürlich ist, was mit der Hervorbringungskraft zusammenhängt, sehen Sie in den alten Zeiten halb künstlerisch zum Ausdruck kommen. Scheu verhüllt ist die Hervorbringungskraft in einer Raffael’schen Madonna, und ein [ganz] anderes, [höheres] Moment tritt uns entgegen: die Liebe, das ist ein Verhältnis, welches als geistiges an die Stelle des alten natürlichen Verhältnisses tritt. Die Mutter mit dem Kinde, umgossen von dem Zauber der Liebe. Und das Geistige ist ausgedrückt, wie zum Beispiel in der Sixtinischen Madonna, in den hervorkommenden Engelsköpfen. Die hervorbringende Kraft ist wie ein geistiger Nachklang angedeutet. Da sehen Sie vom Künstler vorempfunden eine große universelle Wahrheit.
Die Religionen nehmen selbst diesen Gang. Asketische Religionen, solche Religionen, die weltflüchtig sind, sind nicht am Ausgangspunkte der Menschheit. Sie treten auf erst in der Zeit, in der der angedeutete Umschwung stattgefunden hat. Großartig und gewaltig ist es in den Zeiten, in denen sich dieser Umschwung vorbereitet. Die Heilande in der Menschheitsentwicklung werden mythisch als unbefleckt empfangen dargestellt. Das haben Sie bei Buddha und bei den anderen Heilanden der Menschheit und endlich in der christlichen Religion selbst. Zum Heiligsten wird in der Religion die ursprüngliche Naturgrundlage ausgestaltet.
[Vergleichen Sie wiederum den ägyptischen Isisdienst mit diesen vergeistigten Religionen.] In der Verwandlung Ägyptens wird dies wunderbar angedeutet, mit dem Ideal und der vergeistigten Empfindung am Ausgangspunkte unserer Zeitrechnung. Dann werden Sie diese Umwandlung in der ganzen Menschheit spüren. Darum ist die theosophische Weltanschauung sich klar darüber, dass jene Naturgrundlage, von der das Menschengeschlecht ausgegangen ist, der äußere physiognomische Ausdruck einer geistigen Wesenheit ist. Diese geistige Wesenheit ist dieselbe, der sich der Mensch in bewusster Art wieder nähern wird in der Zukunft.
Wenn wir uns das vorhalten, dass wir vom Geist in seiner Naturform zum Geist in seiner unmittelbaren Form vorschreiten, dann werden wir so manches besser verstehen, was sich im Laufe der geschlechtlichen Entwicklung vollzogen hat. Dann werden wir vor allen Dingen besser verstehen, was ich vorhin genannt habe den Ersatz uralter weiblicher Institutionen und auf die weibliche Grundlage zurückgehender weiblicher Einrichtungen durch eine männliche Kultur, in der wir heute noch leben. Die Naturgrundlage sollte zurückgedrängt werden. Sie konnte zuerst nur auf dem Gebiete der äußeren Einrichtungen zurückgedrängt werden, sie blieb aber sonst vorhanden und so tritt uns in unseren heutigen Einrichtungen eine merkwürdige Zwitterbildung entgegen. Halb sind sie noch auf das gegründet, was von der alten Naturgrundlage mit der Blutsverwandtschaft herrührt, und halb sind gerade diese Institutionen getaucht in menschlichen Verstand, in sittliche Einrichtungen, die darübergegossen sind. Aus unseren gegenwärtigen Einrichtungen lugt beides heraus in bunter Mischung. [Im Grunde hat der Mann nur übertüncht, was ihm die ursprüngliche Naturgrundlage der Frauenkultur geliefert hat, sie blickt überall hindurch.] Mit seiner Kultur und Tüchtigkeit werden wir uns aber an die Zukunft wenden. Dann wird sich dieser Geist in seiner eigentlichen, ihm zukommenden Gestalt zeigen, und zwar im Lichte einer ganz anderen Anschauung, als sie ursprünglich vorhanden war. Wollte sich der ursprüngliche Mensch zu dem Göttlichen erheben, wollte er den Blick hinaufrichten zu dem, dem die höchste Verehrung und Anbetung zuteilwerden muss, dann wendete er sich an die durch den Menschen selbst keimende und sprossende, natürlich schaffende Macht.
Immer mehr und mehr geht diese Anschauung über in eine ganz andere, und wir stehen heute erst so recht im Morgenrot dieser anderen Anschauung. Aber bei einzelnen Auserlesenen hat sie sich längst herausgebildet. Drei Worte drücken schon in der wunderbaren, uralten, indischen Vedantaweisheit keimhaft diese Weltanschauung aus: Tat twam asi — das bist du. — Und was bedeutet dies? Es bedeutet sehr viel. Wenn der Vedanta-Weise sich so ganz vertiefte in dieses «Das bist du», dann wendete er sich an das ganze, große Universum, er wendete sich an alles, was außer ihm ist, er wendet sich an das, mit dem er sich eins fühlt. Dann sagt er zu jedem Stein: Du bist gleicher Art und Wesenheit mit mir — das bist du. So, wie meine Hand zu mir gehört, so gehört der Stein zu einer Wesenheit, der ich auch angehöre.
Alles in unserer Umgebung wird durch diese Weltanschauung eine Aufforderung, den Blick nach außen zu richten, eine Aufforderung, das Göttliche in der Welt selbst zu suchen, den Geist nicht bloß in den schaffenden und hervorbringenden Kräften, die durch die Menschennatur selbst hindurchwirken, anzubeten. Das «Tat twam asi» ist die Anbetung des göttlichen Geistes in der ganzen Natur, und damit zugleich die Aufforderung, diesen göttlichen Geist hineinzutragen in unsere ganze Umgebung, umzuschaffen diese Umgebung, sodass wieder jener ursprüngliche Zustand um uns herum eintritt, aus dem der Mensch selbst heraus entsprungen ist.
Aus der Ungeschlechtlichkeit kommt die Geschlechtlichkeit. Aus dem Männlich-Weiblichen kommt das Männliche und Weibliche. Dieser Unterschied wird wieder untertauchen in der gemeinschaftlichen, objektiven geistigen Außenwelt, wenn der Mensch sein Selbst finden wird in dem großen Universum, wenn er sich verbrüdert und verbunden fühlen wird dem ganzen großen Universum, das kein Geschlecht hat, das umso vollkommener ist, je erhabener es ist über alle ähnlichen Differenzen.
Wenn dieser Gedanke ganz und gar lebt, sodass er die Kultur durchdringen kann mit diesem Gedanken des über alles Geschlecht erhabenen höheren Menschen, dann ist die Sonne aufgegangen. Sie ist das, was Ihnen heute als Morgenrot einer neuen Kultur entgegenglänzt. Dann ist von selbst gegeben die Zukunft unserer Kultur, derjenigen Kultur, in die wir einlaufen müssen, wenn der Idealismus weiter ausgebildet ist, und diese Kultur darf in der Außenwelt nichts tragen, was mit dem Geschlecht etwas zu tun hat. So gehen wir in Institutionen, in Einrichtungen ein, welche uns eine Kulturumgebung, eine Sittenumgebung zeigen, die in gleicher Weise für den Mann und für die Frau gilt, die für Mann und Frau dieselbe sind.
Das ist der theosophische Gedanke, und das theosophische Ideal ist, nach diesem umzuschaffen unsere Einrichtungen, die herausgeflossen sind [aus einer ursprünglich weiblichen Kultur, die hindurchgegangen sind durch eine Manneskultur, sie hinüberzuführen in einen höheren Zustand, in welchem diese zwei Epochen im Hegel’schen Sinne nur als aufgelöste Momente vorhanden sein werden].
Das kann nur in einer Kultur sein, die im besten Sinne des Wortes spirituell ist, eine Kultur, welche von dem ausgeht, was nichts zu tun hat mit der Geschlechtsdifferenzierung. Die in der theosophischen Bewegung sich vorbereitende ist eine solche. Denn was will die theosophische Weltanschauung pflegen? Das höhere Selbst im Menschen, diejenige Natur und Wesenheit, welche gar nichts zu tun hat mit Mann und Frau. Denn dasjenige im Menschen, worauf der Theosoph sieht, das, was er zum Gegenstand seiner speziellen Betrachtung und seines besonderen Studiums macht, der höhere Mensch, der Geistmensch, der erscheint in der einen Verkörperung als Mann, in der anderen als Frau. Derjenige, der heute als Mann lebt, ist ebenso wie der andere, der als Frau lebt, durch männliche und ebenso viele weibliche Inkarnationen hindurchgegangen. Mann und Frau waren ein äußerer Ausdruck für die innere höhere Individualität, die weder männlich noch weiblich ist.
So lebt im heutigen Menschen schon etwas, was männlich-weiblich zugleich ist, etwas, was beide Seiten vereinigt. Und eine Weltanschauung, die dieses Männlich-Weibliche durch die Verkörperungen hindurch als Grundlage von beiden zeigt, eine Weltanschauung, die dieses pflegt, bereitet erst den Boden vor, auf dem Mann und Frau völlig gleich sind, nicht nur in unseren rechtlichen Institutionen, sondern auch empfindungsmäßig. Durch das «Tat twam asi» überwinden wir die Geschlechtsdifferenzierungen, und das Zusammenarbeiten zwischen Mann und Frau in der Theosophischen Gesellschaft ist eine Art von Vorbild, ein schwacher Anfang für eine große, gewaltige Kultur, die nach dieser Richtung in der Zukunft sich entwickeln muss, wo nicht in abstrakter Gleichheit die beiden Geschlechter nebeneinander leben werden, denn die Verschiedenheit kann da größer sein als heute. Aber das, was gleich ist, ist das, worauf es ankommt. Das ist die um uns gestaltete Außenwelt.
Nicht darauf kommt es an, was wir in uns tragen, sondern, was außerhalb um uns herum lebt. So lange der Mensch selbstisch, egoistisch ist, so lange die ganze Kultur auf Herrschaft und Persönlichkeit begründet ist, so lange holt der Mensch aus seiner weiblichen oder männlichen Persönlichkeit die Impulse zu den Institutionen hervor. Sobald er aber das schafft, was im höheren Selbst begründet ist, so kann das Innere gestaltet sein, wie es mag, die äußere Welt, die sich im Inneren spiegelt, ist dieselbe. Stellen Sie, um ein Bild zu gebrauchen, zwei Hohlspiegel auf, einen konvexen neben einen konkaven, und stellen Sie vor beiden dasselbe Bild auf. Der konvexe, nach außen gebogene wird ein anderes Bild zeigen als der konkave, aber es ist in beiden Fällen dasselbe Bild. Es wird, solange es im physischen Leibe Männliches und Weibliches gibt, natürlich auch noch ein Konvex- und ein Konkavspiegel dastehen, aber abspiegeln wird sich die gleiche äußere Welt. Sie darf nicht von dem einen oder von dem anderen Geschlecht in einseitiger Weise ausgestaltet werden.
Wer den Geist erfasst hat, wird in diesem noch etwas unendlich Höheres sehen. Nur eine materialistische Anschauung sieht im Geistigen eine Wirkung der Materie. Der Theosoph aber kommt zu der Überzeugung, dass alle Materie nur aus dem Geiste stammt, dass alles, was heute materiell ist, früher geistig vorhanden war, und alles, was wir am Ausgangspunkte beobachten konnten, aus früheren, geistigen Grundlagen herrührt. So wird auch ein zukünftiges, natürliches Übergeschlechtliches hervorgehen aus dem jetzigen Übergeschlechtlichen, das der Mensch selbst schafft. Unsere äußeren Institutionen, die wir in die Welt bringen werden, werden wir in gleichem Maße aus dem Weibes- und Mannesgeist heraus schaffen. Sie werden selbst die Ursache sein für die späteren natürlichen Wirkungen. Das, was der Mensch schafft als ungeschlechtliche Kultur, wird später schaffen eine übergeschlechtliche Natur.
Daher war es ganz natürlich, dass die Urkultur zurückging auf die Verehrung von solchem, was konservativ aus alten Zeiten festgehalten wurde, auf die Verehrung schaffender Naturkräfte, auf die Verehrung der Ahnen. Der Geist ging der Natur voraus. Durch ihn wurde die Natur geschaffen. Wollte man zum Geist aufblicken, so musste man in die Morgendämmerung der Welt sehen. Will man aber in die Zukunft sehen, so muss man als Mensch selbst mitarbeiten — im unbewussten und im bewussten Zustand. Dann tritt der prophetische Blick in die Zukunft an die Stelle des alten Ahnenkultus und der Geschlechtsverehrung. Was in der Zukunft werden soll, was für eine äußere Kultur da sein soll, das müssen wir heute selbst als Kultur vorbereiten.
So führt uns ein großer, umfassender Weltenhorizont zu einer Lösung der Frauenfrage, die uns große Perspektiven eröffnet. Wenn heute durch die theosophische Weltanschauung in dem Mann oder in der Frau die höhere Menschennatur gesucht wird und das Geschlecht dabei völlig Privatsache bleibt, also dasjenige, was wirklich umhüllt wird, nicht in Betracht kommt, dann ist das in gewisser Beziehung jene höhere Ausbildung des Gefühls, das als Schamgefühl in den Zeiten des Übergangs hervortritt, dann ist das, was früher eine scheue Verhüllung war, heute eine heilige Überwindung.
Ein solches Hinaussein und Hinausblicken ist ein großes, gewaltiges Gefühlsideal für die Zukunft. Indem die theosophische Weltanschauung den höheren Menschen in Mann und Frau entwickelt, erweckt sie in Mann und Frau solche Empfindungen, die kulturschaffend sind. Edle, schöne, über alles Niedrige hinausgehende Empfindungen müssen aufsprießen aus dieser Pflege der höheren Menschennatur. Von einer Art weiblicher Grundlage ist die Kultur ausgegangen. Und wenn wir in die alten Zeiten zurückblicken, überall können wir die weiblichen hervorbringenden Zeugungskräfte als göttliche Natur verehrt finden. Diese ist dann zu einer [Mannes-]Kultur übergegangen. Zunächst haben wir einen wahren Gegensatz zu dieser [Mannes-]Kultur in der heutigen Frauenbewegung, die auch daraus erklärlich ist, [ein Auflehnen gegen diese Manneskultur ist heute die Frauenbewegung, und durchaus berechtigt].
Aber jede Einseitigkeit in der Welt zeigt uns ihre Ergänzung. Was uns in der äußeren Geschichte entgegentritt, das zeigt sich uns ideell in einer Art von Gegenbild. Die einseitige ältere Kultur sucht einen Gegensatz. Die alte weibliche Kultur, die Isis-Kultur, findet ihren ideellen Gegensatz in der Osiris-Anbetung, der zerstückelt wurde, zugrunde gegangen ist und nach dem sich Isis sehnt. Es ist das ein Bild, durch das sich das Weib ergänzen will, da, wo ein Neues aus dem [Mannes-]Denken an die Stelle der alten Kultur tritt.
Dann tritt ein anderes Ideal im Christentum auf. Das Christentum musste im Anfang eine männliche Kulturstufe sein. Aber es ergänzte sich. Wie die Isiskultur in einem Mannesideal, so ergänzte sich diese Manneskultur in einem weiblichen Ideal: im Marienkult des Mittelalters.
Den Gegensatz der weiblichen Kultur zur Manneskultur hat auch Goethe in seinem «Faust» angedeutet. «Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan», sagt er im Zusammenhang mit den vorangegangenen Versen. Dies hat er sich dabei vorgestellt: Die höhere Kultur wird diejenige sein, wo nicht mehr im Weibe das Gegenbild des Mannes ersehnt werden muss und nicht mehr von der Manneskultur das Frauenideal ersehnt werden soll, wo nicht mehr das Weibliche hinanzuziehen braucht, sondern wo das höhere Göttliche, das höhere Selbst als das Hinanziehende im Menschen erscheint. Dieses höhere Selbst, der ganze Mensch, ist dasjenige, was die theosophische Weltanschauung anstrebt. Wie sollte es nicht sein, dass die Frau zunächst am besten versteht dasjenige, was jetzt in einer Art von Morgendämmerung uns von der Zukunftskultur entgegentreten soll.
Manneskultur haben wir für Jahrtausende gehabt. Unsere ganze Kultur ist eine männliche Kultur. Unsere moderne Justiz, Theologie, Medizin und so weiter sind fast ausschließlich Erzeugnisse der männlichen Kultur. Wer tiefer an diese Sachen herantritt, wird leicht einen physiologischen Ausdruck der Mannesseele finden. Soll es jetzt aber anders kommen, dann ist es selbstverständlich, dass der Anreger die Frau sein muss. Soll die theosophische Bewegung schneller verstanden werden, dann muss sie nach dieser Richtung verstanden werden. Wer sie nicht so durchschaut, kann sie heute im absprechenden Sinne eine Weibliche nennen. Wer aber sich klar darüber ist, dass vom Weiblichen auch das Männliche zum Männlich-Weiblichen hin sich der große Fortschritt der Kultur vollzieht, der wird es selbstverständlich finden, dass die Frau dieser theosophischen Weltanschauung das beste Verständnis entgegenbringen kann.
Dem Manne wird es schwerer, [sich von den Vorurteilen der heutigen Kultur freizumachen], denn er ist ja aufgewachsen von Jugend auf in den Ergebnissen einer Manneskultur. Er soll sich förmlich innerlich umwandeln. Er wird es auch müssen, wenn er auf der Höhe der Zeit stehen will. Aber alles das, was da kommen muss, schreibt uns auch vor das freie Zusammenwirken, das völlig freie Zusammenarbeiten von Mann und Frau, die absolute Gleichheit in der Empfindung des höheren Ich, des eigentlichen Geistes des Menschen.
So wird das einstige Idealbild des Ewigen im Manne, das uns im Osiriskult entgegentritt, und des Ewigen im Weibe, das in der neuen Zeit einen mystisch-formenhaften Ausdruck gefunden und bei Dichtern und Mystikern gelebt hat, sich verwandeln in das Idealbild des harmonisch-gegliederten, mit keiner Einseitigkeit behafteten Menschen. Wir können voraussehen eine Kultur rings um uns her, die die äußere Physiognomie der Übergeschlechtlichkeit tragen wird. Das ist die Aufgabe der theosophischen Weltanschauung. Nicht mit Phrasen, nicht mit Worten und Programmen, nicht mit Forderungen arbeiten wir, sondern wir suchen aus der Anschauung des Geistes heraus das lebendige Leben in der Seele zu erwecken, den Quell zu erschließen, der selbst schaffend ist. Wir reden nicht bloß als Theosophen, sondern wir zeigen an, was nach der Natur der Tatsachen sich in diesen Seelen entwickeln muss.
So sehen Sie an dieser speziellen Frage, dass der europäische Spiritualismus, die europäische Theosophie noch etwas ganz anderes zu sagen hat, als die Überreste alter Weltanschauungen wiederzugeben, die den Ahnenkult sich noch bewahrt haben. Die Spiritualität, den Hinweis auf das Geistige haben sie, aber dasjenige haben sie nicht, was wir haben als diejenigen, die nach Idealen, nicht nach alten Gewohnheiten zu arbeiten haben. Der Spiritualismus ist uns gewiss eine Notwendigkeit und er muss in die Welt kommen; aber nicht ein Spiritualismus, der Errungenschaften unserer Kultur hinträgt zu den Gräbern der Ahnen — obwohl wir solches verstehen und achten können —, sondern ein Spiritualismus der prophetisch ist, der das Beste, was wir in uns entwickeln können, [hinträgt zu einem Altar], um es abzubrennen für ein Feuer, das die Leuchte unserer Zukunft sein soll.