The Nature of Man in the Light of Spiritual Science
GA 68d — 4 December 1905, Düsseldorf
3. Bruderschaft und Daseinskampf
Es gilt in unserer Zeit vielfach das Ergebnis des Kampfes als etwas, was den Fortschritt bewirkt. Man hört öfters sagen, die Kräfte müssen sich stählen dadurch, dass man Widerstand findet. Man meint, nur durch den Kampf kommt man vorwärts. Auch im geistigen Leben glaubt man, dass das der Fall sei. Man glaubt, den jungen Menschen am meisten dadurch vorwärtszubringen, dass man ihm das Leben als eine Art Kampfplatz vor Augen führt. Weit entfernt ist diese Anschauung von einer andern, die zum Mindesten ebenso viele Bekenner hat als die andere. Verwandt mit jener Weltanschauung, die Buddha gekennzeichnet hat durch das Wort: Hass wird nicht durch Hass, sondern durch Liebe überwunden, ist diese Anschauung. Diese enthält das genaue Gegenteil einer Kampfesgesinnung. Auch das echte Christentum ist aufgebaut auf einer anderen Gesinnung als einer solchen, die den Kampf zum Hebel des Fortschrittes macht. Aber in unserer Zeit haben gerade die tiefsten Geister, um das herbeizuführen, was viele ersehnen, geglaubt, in der Kampfesgesinnung das Beste zu liefern für den Fortschritt der Menschheit in der Entwicklung.
Der radikalste Ausdruck einer kämpferischen Gesinnung ist gefunden bei Nietzsche. Er sagt: «Ich liebe nur den großen Krieg.» Diese Anschauung ist die, dass der Mensch sich entwickelt durch Kampf zur Größe. In der Wissenschaft glaubt diese Anschauung ihre Stütze zu finden. Wenn das so ist, können wir nicht leicht den Versuch wagen, gegen eine solche Gesinnung viel einzuwenden. Versuchen müssen wir aber, zu sehen, ob diese Wissenschaft selbst etwas auf festem Boden Stehendes ist. Dem entgegengesetzt ist das, was durch die theosophische Weltanschauung einer Lösung entgegengeführt werden soll.
Mit all den andern Fragen tritt an die theosophische Weltanschauung die Frage nach Brüderschaft und Daseinskampf heran. Die Theosophische Gesellschaft, die theosophische Strömung ist dazu da, auch auf diesem Gebiete eine neue Epoche herbeizuführen; manches, was bisher auf den Kampf gegründet ist, in einer andern Art auf festen Boden zu stützen.
Nur scheinbar hängen die drei Grundsätze der Theosophischen Gesellschaft nicht zusammen. Sie hängen alle zusammen. Besonders aber hängen der zweite und dritte mit dem ersten zusammen, mit dem Grundsatz, eine Begründung einer allgemeinen Menschenbruderschaft herbeizuführen. Der Theosoph, indem er scheinbar unpraktisch, idealistisch denkt, hat gerade das Praktischste im Auge. Wir wollen uns in die Seelen unserer Mitmenschen versetzen, dass wir sie recht verstehen, woher die kämpferische Gesinnung kommen kann. Wir hören vom Klassenkampf, vom Kampf für die Frauenbefreiung, für Befreiung des Arbeiters. Überall, wo wir die großen Tagesfragen angeschlagen sehen, sehen wir sie förmlich in die Frage des Kampfes gehüllt. Weil das begründet ist in der Zeitenseele, hat es dazu geführt, den Kampf als das Fortschrittsprinzip hinzustellen, und besonders seit Darwin. Wie denken sich die darwinistischen Materialisten den Fortschritt? Sie denken sich: Vielleicht hat es einmal Unvollkommenes und Unzweckmäßiges in der Natur gegeben, neben Vollkommenem und Zweckmäßigerem. Das Zweckmäßige hat das Unzweckmäßige überwunden. Der dieser Anschauung huldigt, glaubt, dass im Kampf ums Dasein fortwährend das Bessere die Oberherrschaft gewinnt. Da ist die Idee vom Kampf ums Dasein mit der Fortschrittsidee verbunden. Auch im Menschenleben setzt sich das fort. Die Welt der Wesen um uns herum ist wie ein Gladiatorenkampf, in dem dann der stärkste Sieger bleibt und der Schwächere überwunden wird. Manche Darwinianer haben die Anschauung begründet, dass auch im Menschenleben so etwas notwendig ist. Bei Haeckel kann man lesen, dass der Starke siegt, und dass der Schwache zugrunde gehen muss. Alexander Tille sagt, dass aus unserer Anschauung: dass wir den niedergedrückten Menschenbrüdern helfen müssen, sie an uns heranziehen, sie wärmen mit unserer Liebe, sie umfangen mit unserer Empfindung — eine andere Anschauung herauswachsen müsse, welche den Kampf an die Stelle des Mitleids setzt; dass der Schwache gerade um des allgemeinen Menschenfortschrittes willen nicht geschützt werden solle. Aus dieser Meinung stammt auch heraus, was Nietzsche vom großen Kampf, vom großen Krieg gesprochen hat. Es ist bezeichnend, dass sogar in die Natur hinein dieser Daseinskampf gelegt wurde.
Da müssen wir etwas voraussetzen in der Natur der Zeit, der Zeitseele. Ist es so, dass diejenigen Tiere die meiste Aussicht auf Entwicklung haben, die ihre schwachen Brüder unterdrücken, dann müssten wir einen eigentümlichen Schluss ziehen auf die Zeitseele. Ist das nicht so, dann hat der Mensch sich geirrt, dann hat er den Kampf in die Natur hineingesehen, und er ist dann selbst für diesen Kampf jetzt besonders veranlagt. Unser öffentliches Leben ist kaum auf etwas anderes als auf den Daseinskampf gegründet. Sogar Menschen, die sich nahestehen, sind in einem solchen Daseinskampf befindlich. Unsere Gemüter stehen sich oft ganz anders gegenüber, als wir uns als Personen in der Wirklichkeit gegenüberstehen. Unser Leben ist fremd geworden demgegenüber, wie unsere Einrichtungen sind. Nehmen wir an, zwei Menschen wären in verschiedene geschäftliche Verbindungen verstrickt. Die zwei Geschäfte führen einen furchtbaren Konkurrenzkampf. Aber die Gemüter der zwei Menschen haben sich lieb. In Wahrheit jedoch bekämpfen sie sich hinter den Kulissen des persönlichen Lebens.
Unser öffentliches Leben ist in der Tat auf den Krieg der Einzelnen gegen die andern vielfach begründet. Wir müssen uns klarmachen, dass heute unsere Verhältnisse so kompliziert sind, dass es viel Erkenntnis braucht, damit Menschen ganz bewusst sich so gegenüberstehen, dass unser ganzes Leben auf Brüderlichkeit aufgebaut ist. Dazu bedarf es einer Weltauffassung, die alle Gebiete des Lebens durchdringt, die in alles hineingreifen kann, die auf diese Brüderlichkeit aufgebaut ist. Man sollte, um Theosophie zu kennen, sich auf sie einlassen bei einzelnen praktischen Fragen des Lebens und zeigen, wie bei den einzelnen Fragen die theosophische Anschauung in Angriff genommen werden kann. Hier im Westen Europas kann man viel lernen über den Daseinskampf, und man weiß nicht, dass es auch seit 25 Jahren in der Naturwissenschaft eine Richtung gibt, die fast bis zur Augenscheinlichkeit bewiesen hat, dass die Ansicht über den Daseinskampf in der Natur falsch ist. Der russische Naturforscher Kessler hielt im Jahre 1880 einen Vortrag, in dem eine im höchsten Grade einleuchtende naturwissenschaftliche Auffassung klargelegt worden ist, nämlich, dass nicht die Tiere am besten fortschreiten, deren Individuen miteinander kämpfen, sondern diejenigen, die sich am meisten gegenseitig Hilfe leisten.
Es gibt natürlich Kampf in der Natur. Aber nicht das, was der Krieg bewirkt, ist das Fortschreitende, aber das ist das Fortschreitende, was gegen den Krieg wirkt und für die gegenseitige Hilfeleistung wirkt. Seit jener Zeit sind viele Arbeiten auf diesem Felde in der Naturwissenschaft geliefert worden. Wenn man sich damit bekannt macht, überzeugt man sich immer mehr, dass es in der Seele gelegen hat derer, die den Kampf ums Dasein als Prinzip aufstellten, diesen Kampf ums Dasein als das Fortschrittsprinzip anzusehen. — Seelen dagegen, die in sich die Gesinnung der Brüderlichkeit haben, die werden auch draußen in der Natur die Brüderlichkeit finden. Wenn wir das bedenken, werden wir nicht festhalten können an der Vorstellung, dass das Menschengeschlecht vorwärtskommt durch die gegenseitige Bekämpfung der Kräfte. Das Menschengeschlecht ist eine Art. Es wird dann als Art vorwärtsschreiten, wenn sein ganzes Leben aufgebaut ist auf gegenseitige Hilfeleistung. Hier tritt die theosophische Weltanschauung ein, indem sie das gegenseitige Sich-Helfen ansieht nicht als begründet auf ein unbestimmtes Gefühl, sondern auf die tiefste Erkenntnis vom Wesen des Menschen. - Die zwei großen Lehren, die uns die theosophische Weltanschauung zeigt, erscheinen denen, die mit Vorurteilen an sie herangehen, als etwas Absurdes. Von einer gewissen Akademie der Wissenschaften wurde, als einmal ein Meteorstein gezeigt wurde, behauptet, es sei unmöglich, dass aus dem Himmelraum dieser Stein herniedergefallen sei. — Auch die Lehren von Reinkarnation und Karma, von dem Menschenschicksale und der allgemeinen Weltengerechtigkeit werden von vielen noch als absurd angesehen.
Unser Leben zwischen Geburt und Tod ist nicht das einzige; wir haben in uns einen unvergänglichen Daseinskern. Der war da, ehe der physische Körper da war, und er wird noch da sein, wenn der physische Körper zerfallen ist. Oft haben wir schon gelebt, und wir kehren oft wieder. Unendlich verständlicher wird das Leben durch diese Lehren. Ich sehe einen Menschen im tiefsten Elend geboren, mit geringen Fähigkeiten, verdammt, sein ganzes Leben in Armut und Elend zu leben; einen andern sehe ich, mit großen Fähigkeiten ausgestattet, sodass das ganze Leben ihm ein Leichtes ist. Die theosophische Weltanschauung sagt uns: Das, was wir hier sehen, das trägt in sich einen Wesenskern, eine unvergängliche Seele, die in früheren Leben ihr Schicksal vorbereitet hat. Alles, was wir in dem einen Leben erleben, ist die Folge von unsern früheren Verkörperungen. Wenn ich jetzt tue, was ich als gerechtfertigt ansehen kann, dann zimmere ich mir mein künftiges Leben. Durch meine Arbeit in früheren Zeiten habe ich mir mein jetziges Leben gezimmert.
Wir wollen zurückblicken auf eine Zeit in der diese Weltanschauung allgemeine Gesinnung war. Für den ägyptischen Sklaven war es deshalb möglich, ohne Murren die schwersten Arbeiten des Pyramidenbaus zu verrichten, weil er wusste, dass diese Inkarnation eine unter vielen war, dass er einst dort stehen würde, wo jetzt sein Herr stand, dass sein Schicksal sein Karma war, die Folge früherer Verkörperungen, und dass er einst selbst seine nächsten Verkörperungen vorbereitete. — Wenn dies zum tiefsten Bewusstsein wird, dann verbreitet sich eine Ruhe in der Seele, das friedvolle Ruhen im Dasein; und in geistiger Beziehung verbreitet sich im Menschen ein Leben in Seligkeit. Tief schreibt sich dann in die Seele hinein: Mein Bruder steht neben mir. Ich sehe ihn. Er ist vielleicht das, was man einen schlechten Menschen nennt. Und ich richte über ihn, trotzdem das Christentum vorschreibt: Richtet nicht! Solange ich nur das sinnliche Dasein kenne, richte ich vielleicht mit Recht. Weiß ich aber, dass dieser Mensch mir vielleicht nicht zum ersten Mal in der Welt entgegentritt, dann mag ich wohl denken, im verflossenen Leben war ich mit ihm zusammen - ich selbst bin vielleicht schuld daran, dass er nicht anders ist. Vielleicht als Vater oder als Erzieher habe ich ihm gegenüber meine Pflicht versäumt. — Da wird das Bruderschaftsprinzip noch mehr vertieft, wenn ich eine Ahnung habe von einem verflossenen Leben. Selbst wenn mir jemand Böses tut, muss ich mir klar sein, dass ich das, was er an mir tut, vielleicht in einem früheren Leben selbst herbeigeführt habe. Wenn wir das Leben uns geistig wie von einem Netzwerk durchdrungen und umschlungen ausdenken, dann entsteht daraus das Bruderschaftsgefühl.
Wer das theosophische Leben auffasst, der lernt noch andere Gründe kennen, warum sich geistige Fäden vom Menschen zum Menschen schlingen. Wir erkennen, wie das tiefere geistige Wesen in uns allen ein gemeinsames ist. Man muss das Einheitsband allmählich mit allen Kräften der Seele spüren. Wenn ich die Hand vom Körper trenne, so verdorrt sie. Nur am gemeinschaftlichen Organismus ist sie wertvoll. Ein paar Meilen über die Erde versetzt, würden wir sofort sterben. Nur in dieser Höhe über der Erde können wir leben. Wie die Hand an den Körper, so ist der Mensch an die Erde gebunden. Unser ganzes Wesen setzt sich fort auch draußen, es ist nicht nur da innerhalb unserer Haut. Wer das erkennt, sagt zu seiner ganzen physischen Umgebung: Das bist du. Mit noch viel festeren Banden sind wir alle als Menschenseelen miteinander verbunden. Wenn wir auf das Geistige hinblicken, werden wir fühlen, dass keiner ohne seine Mitmenschen da sein könnte. Wenn wir die Seele herausschälen wollten aus der übrigen Menschheit, dann müsste unsere Seele verdorren. Aufgabe der theosophischen Bewegung ist, sich einzufühlen in die ganze Menschheit und uns als ein Glied erkennen von ihr; zu wissen, dass, wenn wir hier ein Glied herausnehmen, wir dieses Glied zum Verdorren bringen. Die einzelne Menschenseele aus der ganzen Menschengemeinschaft genommen, bleibt nicht mehr die Seele, die lebendige Seele; sie verdorrt. Immer verständlicher wird denen, die sich einleben in die geistige Weltanschauung, dass, sowie die einzelnen Zellen sich dem Körper unterordnen und sich dem Ganzen einfügen, auch die einzelnen Seelen sich dem Ganzen einfügen müssen. Würden die einzelnen Zellen besondere Wege gehen, so könnten wir nicht leben. Die Seele lebt auf einem höheren Plan als die einzelnen Zellen. Die Zellen wirken zusammen, in einer Gemeinschaft. Sie schaffen einen neuen Mittelpunkt. Darin wirkt die Seele; so wirken auch die Seelen zusammen. Das Gesetz des Zusammenwirkens gilt auch auf jedem andern Gebiete des Daseins.
Man denke sich eine Menschengemeinschaft, deren Seelen ihr eigenes Sein aufgeben, mit ihren Gedanken zusammen denken, mit ihren Gefühlen zusammen empfinden, mit ihren Willensimpulsen zusammen wollen, wie Zellen sich zusammenschließen. Wenn wir uns so zusammenschließen, so schaffen wir einen neuen Mittelpunkt für ein höheres Wesen; wir geben einem unsichtbaren Wesen die Möglichkeit, sich hier auszuleben, so oft Menschen sich zusammenschließen wie Zellen. Ein wahres Wesen höherer Art kann dann durch die Kräfte der Menschen wirken, wie eine Seele durch die Zellen wirkt. Dazu ist noch mehr notwendig als das, was man die brüderliche Gesinnung nennt, etwas, was tief hineingreift in die Seele des Menschen. Um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts ist das Prinzip der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aufgestellt worden. Wir haben es wohl dazu gebracht, dass wir achten die Freiheit der Person. Im Prinzip wenigstens wird das anerkannt, in der Theorie. Aber es gibt ein noch viel tiefer gehendes Prinzip von Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit. Hier kommt etwas in Betracht, was geeignet ist, eine Welt zu erobern. Nicht so leicht erkenne ich, dass ich in die Freiheit des andern eingreife auch durch das Wort, durch den Gedanken und durch das Gefühl. Wenn zwei Menschen miteinander sprechen, hört man viel, dass der eine gar nicht abwartet, zu hören, was der andere sagt. Er widerspricht äußerlich oder, wenn das nicht möglich ist, innerlich. Es gibt eine Kunst des Zuhörens. Eine ungeheure Selbstdisziplin liegt darin, wenn man die Kunst des Zuhörens lernt, wenn man auch die entgegengesetzte Meinung voll und ganz toleriert, in ihrer ganzen Würde schätzt. Ganz anders würde unser Leben sich gestalten, wenn wir lernen, mit den Worten und Gedanken zurückzuhalten. Das liegt in unserm zweiten Grundsatz: Wir wollen erkennen den Wahrheitskern aller Religionen. Wenn man sich bemüht, den andern zu verstehen, mit Liebe seine Meinung auch im Religiösen zu umfassen, dann findet man, dass in allen Meinungen ein Wahrheitskern enthalten ist. In allen Weltanschauungen und Religionen, verschiedenen Religionen, suchen wir den Wahrheitskern, damit wir brüderlich zusammenleben können. Dulden sich die Seelen innerlich, dann werden sie auch äußerlich solche Verhältnisse schaffen, welche dem Prinzip der Brüderlichkeit dienen. Hier beginnt in Wahrheit die volle Lebenspraxis. Die gegenwärtige Art des Lebens ist grundverschieden von dem, was charakterisiert wurde. Alle unsere Einrichtungen sind herausgeflossen aus dem, was nicht Toleranz ist. Die öffentlichen Einrichtungen sind Abbilder dessen, was in den Seelen unserer Vorfahren gelebt hat. Gehen wir von dem tiefen Prinzip der Bruderliebe aus, dann gießen wir die Bruderliebe auch in die Einrichtungen des sozialen Lebens hinein. Auf einer klaren Anschauung der menschlichen Seele muss diese klare Bruderliebe aufgebaut sein.
Hier folgte das Beispiel vom Regierungs-Rat Kolb, der nach Amerika ging, um unter den Arbeitern mitzuarbeiten und Erfahrungen zu sammeln — der dort zur Erkenntnis kam, wie wenig die Herren am Studiertisch wissen von dem, worauf es ankommt.
Wir müssen unsere gegenwärtige Weltanschauung prüfen an der theosophischen Weltanschauung. Die theosophische Weltanschauung bleibt nicht stehen bei der Maske des Lebens, sondern leitet hinein in den Geist. In jeder einzelnen Persönlichkeit lebt das Spiegelbild des einen Geistes. In früherer Zeit war die Idee der Bruderschaft mehr vorhanden, als man glaubt. In der Zeit, in der aus einer Unzahl von Städtchen das hervorgegangen ist, was man heute das Bürgertum nennt, da findet man überall, dass das Leben, da wo es sich auf eine neue Weise bildet, auf das Prinzip der Brüderlichkeit begründet ist. Abstrakt und verstandesmäßig ist heute das Band zwischen dem Advokaten und dem, den er zu richten hat. Im Mittelalter kannte der Richter den, den er zu richten hatte. Bruderschaften gründete man damals unter denen, die das gemeinsame Interesse verband. Diese alten Formen passen für unsere heutige Zeit nicht mehr. Aber die Theosophie soll für die neuen Verhältnisse neue Formen schaffen.
So ist es auch mit den Religionen. Die Stifter richteten die einzelnen Religionen ein für die Fähigkeiten der verschiedenen Völker. Jetzt ist der ganze Erdball durch gemeinsames Denken verbunden. Da muss der Mensch auch innerlich den Menschen verstehen. Mit dem Kulturfortschritte auf dem materiellen Gebiet ist das Herankommen der theosophischen Weltanschauung durch innere Bande verknüpft. Sie soll dasselbe auf geistigem Gebiet herbeiführen wie die Kultur auf materiellem Gebiet. Die theosophische Weltanschauung ist geeignet, alle Lebensgebiete wieder zu vertiefen: Medizin, Pädagogik, Jurisprudenz und so weiter. Dadurch, dass nur ein geringes Verständnis für das Geistige vorhanden ist, leiden alle diese Lebensgebiete.
Wenn man jedes Einzelne der Lebensgebiete durchtränkt mit theosophisch geschultem Denken, dann wird alles ganz umgestaltet. Wer einmal durch die Gedanken hindurchgegangen ist, die ihm die theosophische Weltanschauung geliefert hat, der sieht hinein in das innerste Wesen der Dinge. Er lernt in ganz anderer Weise sein Denken schulen. — Alles das zeigt, wie die theosophische Weltanschauung das Prinzip der Bruderschaft auffasst, das gestützt ist auf eine wahre Welt- und Lebenserkenntnis. Hineinschauen in die Seele des andern und sich selbst schen im Spiegelbilde, das ist die höchste Frucht der Theosophie. Das alte Lehrwort «Erkenne dich selbst» kommt hier zu neuer Geltung. Ein neues Leben, gebaut auf Bruderliebe, weil diese Bruderliebe aufgebaut ist auf Erkenntnis. Die geistigen Augen öffnen und in die Seele des Menschen hineinschauen, tolerant werden gegen das, was im Innern der Seele des andern lebt, das führt dazu, ihn wirklich zu lieben. Erkenne dich selbst in dem andern, umfasse mit dem Gefühl der Gemeinsamkeit das gemeinsame Wesen, das in allen ist. Lerne von dem andern zu sagen wie von dir selbst: Das bist du.