The Nature of Man in the Light of Spiritual Science
GA 68d — 3 March 1906, Hamburg
6. Erziehungsfragen
Sehr verehrte Anwesende! Dass die theosophische Weltanschauung nicht nur in einer Reihe von Lehren und Dogmen besteht und dass es nicht in erster Linie darauf ankommt, diese zu bekennen, das wird sich am besten zeigen, wenn wir die großen Kulturfragen unserer Zeit praktisch ins Auge fassen. Wir wollen heute die Erziehungsfragen vom theosophischen Standpunkt aus betrachten. Was könnte für schönere Frucht aus dieser Weltanschauung ersprießen, als wenn sie uns hineinführte in die Tiefen und in alle Ecken der menschlichen Natur, wenn sie uns das Menschenwesen verstehen lehrte, und damit die Kunst, auf dasselbe zu wirken. Das wäre freilich etwas anderes, als wenn wir nur aus Neugierde oder Wissbegierde kämen, um zu hören, um unbekannte Dinge zu erfahren über Geist, Seele und Leib des Menschen.
Dieser Weg allein - der Weg des Lernens — kann nicht als theosophisch bezeichnet werden, weil der theosophische Weg nur der ist, der durch das praktische Leben hindurchgeht. Für den, der nicht im täglichen Leben tiefer hineindringt in die Lehren, bleiben sie unverständlich. Man lernt den Menschen in Bezug auf Seele und Geist nur kennen, wenn man mitarbeitet an dem unentwickelten Leben desselben. Dadurch bekommt man auch Aufschluss über die höheren Welten. Und wir können nicht leugnen, dass ein intimes Verständnis der Seele not ist, wenn wir Führer sein wollen.
Das Wesen des Menschen besteht aus verschiedenen Gliedern, von denen der physische Leib nur einer ist. Dieses zu wissen, ist von großer Bedeutung, denn ganz anders wird sich der zu dem heranwachsenden Kinde verhalten, der da weiß, dass die Seele dieses Kindes schon ein reiches Leben geführt hat, dass es durch viele Erdenleben hindurch schon viele Stufen absolviert hat. Was mit der Geburt auftritt an Anlagen und Fähigkeiten, das ist in früheren Leben erworben worden.
Wer da weiß, dass die Seele sich allmählich herausentwickelt aus ihren Hüllen, der sieht das Kind mit ganz anderen Augen an. Nicht nur bezüglich der intimeren Kenntnisse der Menschennatur, sondern auch auf den ganzen Werdeprozess des Menschen in der Zeit wirft die Theosophie in neuer Art Lichtstrahlen.
Zweierlei müssen wir beim Menschen unterscheiden: erstens einen ewigen Kern, der in den mannigfachsten Verkörperungen neue Erfahrungen macht, indem er aus jedem Erdenleben sozusagen einen Extrakt mitnimmt, und zweitens die niedere Menschennatur, die nur die Hülle des eigentlichen Ichs ausmacht. Kurz sei noch einmal wiederholt, aus welchen Teilen diese niedere Natur besteht.
Wir haben erstens den handgreiflichen, sichtbaren physischen Leib, zweitens den Ätherleib, der die Gestalt des Menschen schafft, drittens die Begierden, Triebe und Leidenschaften — den Astralleib. In diesen Hüllen ist das höhere Ich eingeschlossen. Den physischen Leib haben wir gemeinsam mit dem Mineralreich, den Ätherleib mit dem Pflanzenreich, den Astralleib mit dem Tierreich. Nur das vierte, das Ich, besitzt der Mensch allein. Die Hüllen, die das Ich umgeben, dienen dem Menschen als Instrumente, als Werkzeuge, in denen sich das eigentliche Ich, das, was schon vorhanden war, auslebt.
Bei jeder neuen Geburt bilden sich diese drei Hüllen neuerdings. Wir müssen uns diese Hüllen aber nicht als Zwiebelschalen vorstellen, die den Wesenskern abschließen von der Außenwelt, sondern die Körper durchdringen einander, und das Ich durchdringt die Körper.
Nur derjenige, der das heranwachsende Menschenkind nicht nur nach seinem physischen Körper kennt, der sich ausbildet und wächst, sondern auch den belebenden Ätherkörper und den Astralleib berücksichtigt, kann im vollen Maße auf seine Erziehung einwirken.
Es gibt aber noch andere Grundfragen zu erfassen. Seit über hundert Jahren sind große Fortschritte in der Erziehungskunst gemacht worden. Pestalozzi einerseits, Rousseau andererseits sowie Herder haben den Versuch angebahnt, den Weg herauszufinden, um aus dem Kinde den ganzen Menschen zu machen. Da sind tiefe Versuche gemacht worden. Durch die Theosophie erfahren diese Versuche noch größere Vertiefung.
Da das Gebiet ein so großes ist, wollen wir uns heute Abend auf einige Erziehungsfragen mit Rücksicht auf die feineren Glieder des Menschen beschränken.
Solange man die Menschen als ein wahres Durcheinander ansieht, so lange kann man nur aus Beobachtungen Resultate erzielen. Ganz anders verhält es sich mit dem, dessen Blick imstande ist, die vier Glieder des Menschen wahrzunehmen, oder der wenigstens Kenntnis besitzt von den Zusammenhängen dieser Dinge. Anders entwickelt sich das Kind in den ersten Lebensjahren, anders in der späteren Zeit. Wir wollen nun zunächst absehen von dem Ich und uns mit dem physischen, Äther- und dem Astralleib beschäftigen.
Betrachten wir einmal das Kind, wie es nach seiner Geburt vor uns steht. Da haben wir den physischen Körper, auf den es am meisten ankommt. Dann, vom siebten, achten Jahre an gilt es vor allem, die größte Sorgfalt auf den Ätherleib zu verwenden. Zur Zeit der sich anbahnenden Geschlechtsreife bedarf der Astralleib einer ganz eigenartigen erzieherischen Behandlung.
Was hat im ersten Lebensjahre zu geschehen? Der Ätherleib widmet sich in diesem Jahre ganz dem Wachstum des physischen Leibes, sodass der Ätherleib nach seiner natürlichen Anlage noch nicht für den Astralleib frei ist. Erst später, wenn der physische Körper ausgebildet ist, wird der Ätherkörper zu selbstständigem Wachstum frei, damit hängt für den okkulten Blick zusammen der Wille; der sitzt am tiefsten.
Dasjenige im Menschen, was er am leichtesten ändert, sind seine Begriffe und Vorstellungen. Die Begriffe, die wir uns in der frühesten Kindheit von Dingen machen, weichen bedeutend ab von dem, was wir im späteren Leben darüber denken. Auch unsere Gefühlswelt ist veränderlich, obgleich sie sich schwerer ändert als die Begriffswelt. Wenn einem Kinde zum Beispiel ein mürrisches Wesen eignet, so wird es schwer davon loskommen. Das Temperament und der Charakter ändern sich schwerer.
Am allerschwersten der Grundcharakter des Willens, weil der Wille seinen Sitz hat, wo der Mensch am wenigsten hin kann. Er kann sich neues Verständnis schaffen, neue Gefühle erwerben, aber eins kann er nicht: Am physischen Leib arbeiten kann er nicht; und der gibt dem Willens-Charakter die Grundschattierung. Nur in den ersten Lebensjahren ist es möglich, am physischen Leib zu arbeiten. Das muss der Erzieher immer im Auge behalten. Für ihn gilt es nun, in den ersten Jahren den Willensmut auszubilden; dessen reiner Ausbildung muss er sich ganz widmen; er muss sich hüten, daselbst störend einzugreifen dadurch, dass er dem Kinde zu früh Begriffe beibringen will. Also der Wille muss vor allen Dingen entwickelt werden. Der Mensch hat in sich den Trieb zum Nachahmen. Auf diesen Nachahmungstrieb muss sich das Augenmerk des Erziehers hauptsächlich stützen. Er sorge dafür, dass dem Kinde gute Vorbilder zur Nachahmung zur Verfügung stehen. Der Erzieher hat durch sein bloßes Dasein auf das Kind zu wirken. Zu manchen tüchtigen Eigenschaften, zum Beispiel Furchtlosigkeit und Geistesgegenwart, muss der Grund schon im ersten Jahre gelegt werden. Bis zum siebten Lebensjahre muss das Hauptaugenmerk darauf gerichtet sein, den physischen Körper zu einem brauchbaren Organismus zu erziehen.
Kann denn in der Periode gar nicht auf den Ätherkörper eingewirkt werden? Der Erzieher wird da nicht viel eingreifen dürfen. Durch sein Dasein muss er wirken. Dass Gefühle und Gedanken Tatsachen sind, wird ihm dann klar. Er muss nicht glauben, dass nur eine Ohrfeige, ein Stoß oder [eine] Magenverderbnis etwas Wirkliches sind, sondern er muss sich klar sein, dass es ebenso wirklich ist, ob er gute oder böse Gesinnung hegt, und dass es nicht einerlei ist, welche Gesinnung der hat, der das Kind pflegt. Nicht was man mit dem Äther- und dem Astralkörper des Kindes tut, darauf kommt es an, mit welchen Gedanken, mit welcher Gesinnung, mit welcher Atmosphäre man das Kind umgibt. Je nach der Umgebung wird sich auch beim Kinde die Gesinnung edel oder unedel gestalten. So ist es möglich, systematisch, mit vollem Bewusstsein, durch das Vorbild im gewöhnlichen, täglichen Leben auf das Kind zu wirken. Alles, was das Kind aufnimmt, nimmt es durch die Sinne auf, und was es aufnimmt, ahmt es nach. So ist man imstande, es harmonisch zu beeinflussen.
Es wäre sehr wichtig, wenn von theosophischer Seite dieser Gedanke gründlich bearbeitet würde, damit man immer besser erkennen lernte, von welch ungeheurer Bedeutung die Umgebung für ein kleines Kind ist. Wir wollen uns das an einzelnen Details klarzumachen suchen. Manche Leute glauben, dem Kinde einen großen Dienst zu erweisen durch eine schöne Puppe. Das ist nun in den Augen des Okkultisten das Schlimmste, was es geben kann. Durch die schöne Puppe presst man den Nachahmungstrieb des Kindes, der angeregt werden soll, in bestimmte Bahnen. Die schöpferische Kraft wird ertötet. Wenn man ein Kind recht beobachtet, so wird man häufiger sehen, dass es das schönste Spielzeug wegwirft und sich aus dem einfachsten Material ein neues selbst schafft. Nicht ein Abbild der Wirklichkeit soll man dem Kinde geben. Die Nachahmung darf die Phantasie nicht einschnüren. Das Kind muss in der Scheinwelt leben, die Phantasie muss das Kind beschäftigen. Es muss seine Kräfte selbst entwickeln, sich seine eigene Vorstellungswelt schaffen. Und diese innere Kraft bleibt bei der schönen Puppe untätig. Die Spiele des Kindes sind Nachbildungen dessen, was sie hören und sehen; sie fordern Willens-Anspannung. Dadurch werden zweierlei Energien erweckt, Geschicklichkeit und in den verschiedensten Verhältnissen das Gleichgewicht zu halten. Das sind so einige Gesichtspunkte, von denen aus man die Erziehung des kleinen Kindes ins Auge zu fassen hat.
Um das siebte Jahr wird der Ätherkörper freier. Der physische Körper hat nun die Lebenskraft erworben, um sich weiterzuentwickeln. Nun gilt es, auf den Ätherkörper einzuwirken und dessen Kräfte zu entwickeln, als da sind: Gedächtnis und Aufmerksamkeit. Gute Gewohnheiten sind in dieser Zeit anzuerziehen. Diese Seelenkräfte muss der Erzieher nun entwickeln.
Das haben auch die heutigen Pädagogen erwogen. Noch darf nicht auf den Astralkörper eingewirkt werden, das kommt später; in diesen Jahren ist die formale Bildung die Hauptsache. Nicht um Erlangung einer Menge von bestimmten Kenntnissen handelt es sich zunächst, sondern um den Menschen selbst. Was der Mensch in den Jahren nicht lernt an Geografie und so weiter, das kann er nachholen, aber was er nicht nachholen kann, das ist die Erwerbung von Gedächtnisvermögen, von Aufmerksamkeit. Und diese Kräfte sollen gestählt werden, damit der Mensch später vor Flatterhaftigkeit bewahrt werde, dass er feststehen lerne, dass er nicht unstet werde. Also formale Bildung beizubringen, darauf kommt es an in diesem Alter.
In dieser Hinsicht werden große Fehler gemacht. So früh wie möglich will man die Urteilsfähigkeit des Kindes ausbilden, ihm das Warum und Weshalb beantworten. Dazu ist noch nicht die richtige Zeit. Vielmehr soll man dem Kinde eine Summe von Anschauung bieten und so sein Gedächtnis stärken. Das innerliche Schweigen muss gefördert werden, man muss das unaufhörliche Fragen zu beschränken suchen, um so ein reiches Innenleben zu befördern. Nicht um Nein- und Ja-Sagen handelt es sich zunächst, sondern um die Möglichkeit der eigenen Urteilskraft zu entwickeln; die würde eingeschnürt werden dadurch, dass man sagt: Dies sollst du tun, jenes sollst du lassen, sondern man soll mehr durch Beispiele und Erzählungen wirken. Das Geistige muss sich spiegeln in Symbolen, Märchen und Mythologien, die man dem Kinde mitteilt; dadurch werden tiefere Seelenkräfte geweckt. Mit Ja- und Neinsagen engen wir die Kräfte ein; sie sollen sich aus sich selbst heraus entwickeln. Keine fertige Moral soll man dem Kinde geben; große Gedanken und Gefühle für große Menschen soll man zu erzeugen suchen. Wenn möglich, wenig Doktrin. Erzählungen von großen Persönlichkeiten wirken besser als moralische Regeln. Die Welt schildern, aber nicht Regeln und Gesetze lehren. Nicht die eigene Urteilskraft, eigene Anschauung sollen in dieser Zeit großgezogen werden; dazu ist das Kind noch nicht reif. Aber was im Alter von sieben bis vierzehn Jahren versäumt ist an der Ausbildung des Gedächtnisses, das kann später nicht nachgeholt werden. Zum Beispiel beim Rechnen: Wenn durch Anschauungsunterricht die Grundlage gelegt ist, so muss das Gedächtnis herhalten durch das Lernen des Einmaleins. Dasselbe gilt für Sprachen und andere Dinge.
Der Erzieher hat nach und nach seine Person zurücktreten zu lassen und ein Diener des Kindes zu werden. Er muss nicht nur in die Seele des Kindes die Weisheit hineinfüllen; er muss an das Wesen des Kindes herantreten und aus seiner Seele herausschlüpfen. Er muss ein Rätsellöser sein. Es ist ein großer Gewinn für die Seele, wenn der Ätherhülle eine feste Gestalt gegeben wird in dem siebten bis vierzehnten Jahre. Wenn das Gedächtnis geübt, die Fähigkeit ausgebildet ist, dass das Kind in ruhiger Konzentration bei einem Gegenstand verweilen kann, so sind das feste und gediegene Gewohnheiten, die bei den Menschen konstant werden, sie bleiben ihm fürs Leben.
Was wir können, muss geübt sein. In diesen Jahren muss man immer wieder wiederholen lassen, dass alles zur Gewohnheit wird. Bildende, schaffende Kräfte werden im elften, zwölften, dreizehnten Jahr entwickelt. Die Aufgabe des Erziehers ist es nun, vom Beispiel hinüberzuleiten zur Urteilsfähigkeit; das Kind soll seine feineren Kräfte gebrauchen lernen. Es muss nicht allein auf das Gemüt gewirkt werden, auch nicht nur durch Ver- und Gebot. Pythagoras hat da die Mitte gehalten und weise Lehren gegeben, die in eine Form gekleidet waren, die die Mitte hielt zwischen Beispiel und Grundsatz. Du sollst mit deinem Schwerte nicht das Feuer schlagen, das heißt: Ein Zorniger ist ein Kraftverschwender. Dieses drückt er nun in einer Weise aus, die nicht nur auf den abstrakten Verstand wirkt, sondern er fasst die Lehre in ein Bild, das die Vorstellungskraft des Kindes anregt, seine Phantasie entwickelt, die Imagination. Die pythagoreischen Lehrsätze sind ein Mittelding zwischen Bild und Grundsatz. Darauf soll hingearbeitet werden, dass das Kind lernt, sich eine eigene Meinung zu bilden. Die Meinung des Kindes soll nicht durch strenge Lehrsätze eingeengt werden, nicht eingeschnürt, sondern erweitert. Und das geschieht durch Bilder, durch symbolische Darstellungen der großen Wahrheiten. Während der ersten Schuljahre gilt es, Ruhe und Arbeit in das richtige Verhältnis zu dem Ätherleib zu bringen. Wenn die Zeit der Reife herannaht, ist es nötig, das richtige Gleichmaß zur Reife zu bringen, sodass der Mensch sich ausleben kann in den drei Welten. Die erste Aufgabe war, den Ätherleib freizumachen von den Anforderungen, den physischen Anstrengungen des Körpers; da galt es sorgfältige Beobachtung, um den Körper durch gymnastische Ubungen zu stählen und beweglich zu machen, und ihm dann wieder die nötige Ruhe zu verschaffen, ihn an Ruhe zu gewöhnen, während der Ätherleib arbeitet.
Die Aufgaben des Erziehers werden immer schwieriger, wenn die dritte Periode, die Zeit der Geschlechtsreife herannaht. Da hat man mit Sorgfalt auf den Astralleib zu wirken. Nun erst ist die Zeit gekommen, wo das Kind angeleitet werden muss, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Vorher war Schweigsamkeit, was erzielt werden sollte. In der ersten Periode wird das Kind durch seine Sinne zur Nachahmung getrieben; da gilt es, ihm das richtige Vorbild zu schaffen. In der zweiten Periode soll durch Autorität auf das Kind gewirkt werden; das ist naturgemäß und wirkt wohltätig, indem es Glaube und Vertrauen erzeugt. Wohl dem Kind, das mit Verehrung zu einer Autorität aufschaut, die ihm alles ist. Während der dritten Periode hat der Erzieher die eigene Weisheit zurücktreten zu lassen vor der Weisheit des Menschen, den er vor sich hat in dem heranwachsenden Kinde. Die Geschlechtsreife hängt zusammen mit der Selbstständigkeit des Menschen. Dazu ist eine Vorbereitung notwendig. Was der Astralleib in sich aufnehmen soll, muss vorbereitet werden im Ätherleib. Dies bezieht sich auf eine harmonische Ausbildung der Gefühlswelt. Gelingt es, ästhetische anmutige Gefühle im Kinde zu erzeugen, so wirkt das zurück auf den Astralleib und erzeugt eine normale, harmonische, ästhetische Urteilskraft.
Es ist nicht gut, wenn Kinder von 16 oder 17 Jahren mit fertigen Urteilen an uns herantreten; das rächt sich bitter. Edle Gestalten aus der Geschichte, schöne Gedichte, die Werke unserer großen Meister soll man ihnen bringen, aber kein Bekenntnis. Bekenntnisse rufen ein Ja oder Nein hervor, aber kein reiches Innenleben. Und wer nicht das Glück gehabt hat, Autoritäten vor sich zu sehen, wird auch nicht zu einem eigenen Urteil kommen.
Jetzt ist die Zeit gekommen, wo wir danach trachten müssen, in dem Menschen das Verhältnis zu den Menschen zu entwickeln. Früher galt es, die Gesinnung der Verehrung zu wecken; jetzt muss er den Wert der verschiedenen Menschen selbst erkennen lernen. Jetzt lernt er sein früheres Verhältnis den Menschen gegenüber als Mensch zu Mensch zu unterscheiden, erkennt, was wert, was unwert ist. Denn was muss nun wachgerufen werden? Die Affekte, die Empfindungen, Lust- und Leidempfinden. Das Astrale entwickelt sich im Verkehr mit der Umwelt. Daher müssen wir den Astralkörper erst so pflegen, dass er nach innen wirkt. Jetzt tritt er heraus. Soll er nun den richtigen Gebrauch von seiner Freiheit machen, so muss er durch den Ätherleib vorbereitet sein. Man nannte den Astralleib sonst Trieb- und Begierdenkörper. Ist dieser nicht richtig vorbereitet, so macht er sich in wilden Begierden und den Untugenden des akademischen Lebens Luft. Ist er nicht vorbereitet für die Freiheit, so wird die Triebkraft, die sich ausleben will, wild und zügellos; sie muss in früheren Jahren gefestigt werden durch Erziehung des Ätherleibes.
Durch die theosophischen Kenntnisse wird der Erzieher imstande sein, sein pädagogisches Können zu vertiefen und zu durchgeistigen. So wird die Theosophie nutzbar, wenn man sie nutzbar macht für den Einfluss auf die Jugend. Wie nützlich es ist, diese Begriffe zu haben, wird der erkennen, der versucht, sie praktisch im Leben anzuwenden. Er wird dann aus dem Leben heraus die Erkenntnis praktisch erlangen, selbst wenn er auf die theosophische Weltanschauung verzichtet. Und diese praktische Erkenntnis ist mehr wert als Neugier und Wissbegierde.
Die äußeren materiellen Kenntnisse hängen vielfach nicht von uns ab. Der Staat, der Stand, die Verhältnisse sind da oft entscheidend; aber das ist auch nicht das Wichtigste. Was Beruf und Stand erfordert, kann gute oder schlechte Richtung annehmen. Selbst bei fehlerhaftestem Lehrplan, bei den überfülltesten Schulräumen kann man wirken, wenn man den Menschen kennt. Wenn es wahr ist, dass der Mensch alle seine Kräfte harmonisch entwickeln kann, so kann das eben nur geschehen, wenn man ihn, den Menschen, erkennt vom ersten Lebensjahre an, ja selbst vor der Geburt.
Geistiges ist Wirklichkeit. Es ist nicht gleichgültig, welche Gedanken ein Kind umgeben, nicht gleichgültig, wer den Menschen empfängt. Es kommt sehr darauf an, ob der Mensch, der einen Menschen empfängt, gute oder böse Gedanken und Empfindungen hat; Arzt und Hebamme sollten priesterlich gebildete, veredelte Persönlichkeiten sein. Ist das der Fall, dann tritt der Mensch bei seiner Geburt in eine reine Atmosphäre, und das ist nicht gleichgültig. Der Geist ist etwas Wirkliches. Dies ist ein Gebiet, wo eine einsichtige Erziehung viel nützen kann und umgekehrt die Unwissenheit viel schaden. Unvollkommen tritt der Mensch ins Dasein. Er tritt ins Dasein, um höhere Fähigkeiten zu erlangen; die Möglichkeit, höher zu steigen, muss er mit seiner Hilflosigkeit erkaufen. Ihm muss geholfen werden. Daran erkennen wir so recht die Solidarität der ganzen Menschheit, die Notwendigkeit der gegenseitigen Hilfe. So ist die ganze Menschheit ein großer Körper, an dem die Einzelnen nur Glieder sind. Das gibt uns ein Verständnis für die Brüderlichkeit, den ersten Grundsatz der Theosophischen Gesellschaft.
Wenn der Mensch ins Dasein tritt, so handelt es sich im eminentesten Sinne nicht um ein fertiges Leben; die Aufgabe der Erzieher liegt darin; ihn für die Kultur heranzubilden, und das kann nur geschehen, wenn es aus dem Gefühl der Brüderlichkeit, aus dem Gemeinschaftsgefühl heraus geschieht.
Fragenbeantwortung
Ein Lehrer, der offenbar tief ergriffen war von dieser klaren, einleuchtenden Rede, tat eine Frage bezüglich der Vererbungsverhältnisse.
Antwort: Der Erzieher hat vor allen Dingen ein Beobachter zu sein. Er hat die Menschennatur im Kind zu beobachten. Dabei kommt es zunächst nicht darauf an, ob er die materialistische Anschauung hat, dass die Anlagen und Triebe im Kind von Vererbung herrühren, oder die theosophische, dass der Mensch sich seine Anlagen in früheren Erdenleben erworben habe und aus dem Grunde in die bestimmten Verhältnisse hinein von bestimmten Eltern geboren ist. Die Tatsachen, das Resultat der Beobachtung wird immer dasselbe sein. Der Erzieher hat sich zu hüten, gewaltsam in die Entwicklung des Kindes einzugreifen. Dazu ein Beispiel: Ein Erzieher hatte es in einer Familie mit einem elfjährigen Knaben zu tun. Dieser war zurückgeblieben, auch sein Körper war nicht normal; er hatte einen Großkopf. Er war nie über die unterste Klasse hinausgekommen. Seine Rechenhefte waren unter anderem in einem traurigen Zustand. Wenn er eine Aufgabe gerechnet hatte, so stimmte sie nie, und er radierte, bis alles voll Löcher war.
Der Erzieher verzagte nicht und sagte sich: Die Seele würde sich den Körper schon bilden. Vorsichtig ging er daran, die Seele des Kindes auszubilden, er arbeitete nach dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes. Er ging von ganz bestimmten Gesichtspunkten aus und erfuhr, dass man lernt, Rätsel zu raten. Es ist ihm gelungen, in eineinhalb Jahren den Knaben zu einem normalen Kind zu erziehen, weil es ihm gelang, an den Merkmalen die Ursachen zu erkennen, wovon sie herrührten. Der Großkopf nahm allmählich richtige Gestalt an; der Knabe entwickelte sich dann normal und war später fähig zu studieren.
Es wäre sehr wünschenswert, wenn die Erziehungsfrage im Licht der Theosophie einmal gründlich ausgearbeitet würde.