The Nature of Man in the Light of Spiritual Science
GA 68d — 7 April 1906, Hamburg
7. Hypnotismus und Spiritismus im Lichte der Theosophie
Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn wir uns unter unseren Mitmenschen umsehen und das geistige Streben ins Auge fassen, wodurch sie ihr inneres Sehnen nach etwas Höherem zu befriedigen suchen, so finden wir, dass sich im Laufe des vorigen Jahrhunderts eine große Veränderung geltend macht. Lange Zeit war die tonangebende Richtung diejenige, welche nur im Stofflichen, dem Sinnenfälligen das sucht, was für sie Wert hat. Der Geist war für sie der Ausfluss aus dem Sinnlichen, geradeso wie der Zeiger der Uhr der Ausdruck ist für das, was im Innern der Uhr abläuft, nämlich das Räderwerk. Alle Kräfte suchte man aus dem Materiellen heraus zu erklären. Wer noch redete vom göttlichen Geist, von der Seele, der war nach Ansicht der Tonangebenden stecken geblieben in veralteten Anschauungen. Alles Leben sollte aus der Stofflichkeit entstehen.
In den letzten Jahren ist hierin eine große Veränderung eingetreten. Ein tiefes Sehnen geht durch die Welt nach seelischer Vertiefung, nach dem Lösen des Rätsels dessen, was innerhalb der Form lebt. Selbst die Naturforscher von heute scheuen sich nicht mehr, von Seele und Geist zu sprechen.
Von drei Seiten versucht die heutige Menschheit in die Tiefen des Daseins einzudringen. Die umfassendste Forschung stellt die theosophische Weltanschauung an. Sie trat vor dreißig Jahren auf den Plan als eine Vereinigung von Philosophie, Wissenschaft, Religion und Moral. Die Theosophen sind Geistesforscher, die mit den höchsten Kräften des Menschen das geistige Leben zu erforschen streben. Die theosophische Forschung geht aber ebenso sicher wie die Wissenschaft. Sie will die Wahrheit erkennen und lässt nur gelten, was auf dem Wege strengster Wahrheitsforschung gefunden ist. Es ist dies ein schwieriger Weg, und unser Streben geht dahin, diesen Weg populär zu machen.
Das zweite Gebiet, auf dem der Mensch sich dem Geistigen und Seelischen zu nähern versucht, ist das Gebiet des Hypnotismus und der Suggestion. Man hat seit längerer Zeit abnorme Erscheinungen beobachtet, die man nicht aus dem Mechanismus des Gehirns erklären kann. Man merkt aber, dass es viele Dinge in der Welt gibt, wovon unsere Schulweisheit sich bis vor dreißig Jahren nichts träumen ließ. Die Gelehrten wurden durch so manche unerklärliche Erscheinungen förmlich hingezwungen, davon Kenntnis zu nehmen.
Als Wilhelm Preyer, der das «Leben Darwins» geschrieben hat, darauf aufmerksam machte, dass es Erscheinungen gäbe, die man sich aus den gewöhnlichen Theorien nicht erklären könne, wurde die Behauptung von seinen Fachgenossen mit Achselzucken aufgenommen. Doch die Erscheinungen mehrten sich. Das Auftreten des dänischen Magnetiseurs Hansen erregte unter den Laien großes Aufsehen, wie mancher sich noch erinnern wird. Er setzte einen Menschen auf einen Stuhl und konnte dann mit ihm machen, was er wollte. Er gab ihm essigsaure Flüssigkeiten zu trinken, und sagte ihm, es sei herrlicher Wein, worauf der Mensch mit Behagen trank; und erst, wenn er aus dem Zustande erwachte, in den ihn Hansen versetzt hatte, so schüttelte er sich und spuckte das Genossene aus. Oder er gab ihm eine Kartoffel und sagte ihm, es sei eine schöne Birne, in welche der dann mit Behagen hineinbiss. Ja, er ließ ihn auf allen vieren kriechen und bellen wie ein Hund.
Einige Naturforscher zuckten lächelnd die Achseln und meinten, das seien eben abnormale Erscheinungen; aber auf einen Versuch der Erklärung ließen sie sich nicht ein. Doch es gab einzelne Forscher, die versuchen wollten, ob auf diesem Wege vielleicht etwas über die verborgenen Seiten des Seelenlebens des Menschen zu erforschen sei.
Das dritte Feld, auf dem seine Anhänger so gern stehen, ist der Spiritismus. Wer nicht Spiritist oder Spiritualist ist, kann nicht begreifen, wie sonst vernünftige Leute zu dem Glauben kommen können, dass sie jeden beliebigen Verstorbenen heranrufen können, um von ihm alle möglichen Geheimnisse über das Jenseits zu erfahren. Dass mancher sich anstrengt, um auf andere Weise zur Erkenntnis zu kommen, das imponiert den Spiritisten wohl gar nicht. Was ein solcher sagt, gilt ihnen als phantastisch. Sie meinen, um an die Quelle zu kommen, brauchte man nur zu sterben. Sie wenden sich oft an solche, die hier im Leben gar nichts Besonderes von höherer Weisheit in sich hatten, und glauben, dass diese, nun sie tot sind, ihnen die allerschwierigsten Gebiete des Daseins erklären können.
Das sind die drei Gebiete, auf denen man sich Aufklärung über das übersinnliche Leben zu verschaffen sucht.
Das erste, das theosophische Gebiet, ist nichts anderes als die populäre Verkündigung einer Mysterienweisheit, die immer existiert hat. In den Mysterien wurde immer die Entwicklung des Menschen, auch die der geistigen Welt, gezeigt.
Da steht vor mir das vollkommene Tier; sollte es wirklich aus einem Erdenkloß gemacht sein? Nein! Es hat sich aus dem Unvollkommenen zum Vollkommenen entwickelt. Das haben ehrliche Theoretiker auch erkannt und diese Entwicklung verfolgt vom unentwickelten Seetiere hinauf bis zum Affen. Dieselbe Entwicklung, die die körperliche Wesensform durchgemacht hat, hat auch die Seele erlitten. Auch die menschliche Seele hat sich hinaufentwickelt. Das werden wir gewahr, wenn wir einen «Wilden», der blindlings seinen Trieben und Begierden folgt und seinen Mitmenschen verzehrt, einem europäischen Kulturmenschen gegenüberstellen, der sich dem Gebot unterstellt, wenn es heißt: Das darfst du nicht tun. Dieser hat allmählich gelernt, die Pflichten an die Stelle der Begierden treten zu lassen. Von einem Durchschnittsmenschen sehen wir auf zu Schiller. Wie hoch erhaben steht der über dem Durchschnittsmenschen! Er hat seine Begierden schon abgestreift. Von da aus kommen wir zu dem höheren Menschen, der durch Frömmigkeit sich erhoben hat, wie Franz von Assisi; von da schauen wir auf die Eingeweihten wie Plato und Pythagoras. Zwischen diesen und dem gewöhnlichen Menschen ist der Unterschied genauso groß wie zwischen einem Knorpelfisch und einem Löwen.
Der theosophisch Gesinnte sagt sich, dass diese Schillerseele — oder selbst die Buddhaseele — sich auch wohl zu dieser Höhe erst hinaufentwickelt hat, dass sie von uralten Zeiten dieselbe primitive Grundlage durchgemacht hat wie der heutige Wilde. So sieht er immer höhere Entwicklungsstufen vor sich. Er sieht die Möglichkeit jeder Seele vor sich, sich hinaufzuschwingen zu immer höherer Erkenntnis, zu einem ewigen Lebensziel. Was von der Seele gelebt hat vor der Geburt und was nach dem Tode weiterleben wird, lebt auch heute in uns. Warum wir diese Seele nicht sehen? Weil uns die Organe zum Wahrnehmen fehlen. Leben und Wahrnehmen ist zweierlei; dazwischen besteht ein großer Unterschied. Der Blinde lebt auch, aber er nimmt nicht wahr. Wenn der Mensch die Seele in sich und die Seelen um sich nicht wahrnimmt, so kommt das daher, dass ihm die Organe zum Wahrnehmen fehlen. Aber im Menschen können diese Organe geweckt werden. Wie der Blinde sehend wird, wenn ihm der Star gestochen wird, so können auch im Menschen die höheren Wahrnehmungsorgane geweckt werden, und dann kann er aus eigener Anschauung wahrnehmen, und dann kann er hineinwandern in die höheren Welten.
Zunächst geschieht dies im Schlafzustand, wenn der Körper von getaner Arbeit ausruht. Allmählich übermittelt dann das Gehirn dem Verstand, was der Geist im Schlaf wahrgenommen hat, und dieser lernt sich auch in den höheren Welten zurechtfinden. Die Sinnenwelt umhüllt uns mit Finsternis. Kein Mensch kann sagen, wenn er vernünftig ist, dass die innere Natur des Menschen tot sei; aber er nimmt sie nicht wahr. Es ist aber die Möglichkeit vorhanden, sie wahrnehmbar zu machen. Wie sich dem Blindgeborenen nach der Operation eine ganz neue Welt von Licht und Farben auftut, so geht es dem Menschen, dem durch Übung das geistige Auge und Ohr geöffnet wird; die tiefe Nacht, die ihn umgibt, erhellt sich allmählich und fängt an, die geistigen Dinge, die ihn umgeben, wahrzunehmen. Ist so das innere Leben des Menschen erweckt, so wird für ihn die ganze Natur lebendig. Er findet die Seele des Waldes, die Pflanzenseele, die ganze Welt ist für ihn beseelt.
Mancher wird sagen: Davon weiß ich nichts. Mag sein; aber der ist ein schlechter Kritiker, der etwas beurteilen will, von dem er nichts weiß. Nur wer selbst gesehen hat, kann es beurteilen.
Welche Welt ist das, die der Mensch so betritt? Es ist dieselbe Welt, die der gewöhnliche Mensch mit dem Tode betritt. Der Hellseher betritt sie bewusst, die Welt, die man sonst nur nach dem Tode betritt. Für ihn ist der Tod nur eine Veränderung im Leben. Für den, der nicht sehen kann, ist das Fortleben nach dem Tode eine Glaubenssache; mancher leugnet die Tatsache. Für den, der sehen kann, schwindet aller Zweifel; für ihn ist der Tod nur das Ablegen des körperlichen Kleides; für den, der das Wahrnehmungsorgan hat, ist die Seele genauso da wie vorher.
Worauf es also ankommt, ist, dass wir uns Organe schaffen und die eigene Seele emporentwickeln zur geistigen Welt, zu den entkörperten Seelen. Alles wird sich durchringen, alle werden Genossen, Bürger der geistigen Welt werden; aber es geht nur langsam vonstatten. Darum wird allen zugerufen: Entwickle deine Seele! Heute sind es freilich erst wenige, die hinausgewachsen sind über die Durchschnittsmenschheit und die aus eigener Erfahrung Kunde bringen von den höheren Welten. Aber heute soll durch die theosophische Weltanschauung diese Kunde allen Menschen gebracht werden.
Das Anhören von den Erzählungen von der Entwicklung der Seele ist die erste Stufe, die zur Entwicklung des eigenen seelischen Lebens dient. Die Kenntnisnahme von theosophischen Lehren ist ein ganz anderes Ding als das wissenschaftliche Lernen. Es ist ein großer Unterschied, ob ich ein gewöhnliches Buch lese - wenn ich Kenntnis von seinem Inhalt genommen, so hat es mir das gegeben, was es geben sollte —, lese ich aber ein theosophisches Buch, so gibt dieses mir in besonderer Weise geistige Nahrung; indem es in mir Gedankenmächte rege macht, zündet es ein Feuer an in meiner Seele. Und diese Gedankenmächte sind Leben spendend, indem sie die schlummernden Kräfte in der Seele wachrufen. Und somit ist das Lesen eines theosophischen Buches oder das Anhören eines theosophischen Vortrags der erste Schritt zur eigenen, selbstständigen Erkenntnis. Und wie der erste Schritt auf diesem ersten Wege zur Erkenntnis höherer Welten bei vollem Tagesbewusstsein geschieht, so wird jeder Schritt vorwärts bei hellem Tagesbewusstsein gemacht.
Wenn auch der Mensch zunächst seine Erfahrungen nachts im Schlafe macht, so nimmt er doch die Wahrnehmungen mit ins helle Tagesbewusstsein und ist von morgens bis abends wach. Bei seiner Weiterentwicklung in die höheren Welten hinein wird er auch imstande sein, das geistige Licht, das uns stets umgibt, auch bei Tage zu schauen. Beim wahren, richtigen Hellsehen muss der Mensch fest und sicher bewusst im Mittelpunkt stehen. Nur ein ganz vernünftiger Mensch kann diesen Weg betreten; denn nur ein solcher kann jeden Schritt vorwärts vernunftmäßig erfassen und logisch durchdenken. Das ist das Hellsehen, zu dem die Theosophie den Menschen führen will.
Man kann auch ein gewisses Hellsehen erlangen dadurch, dass das Bewusstsein heruntergestimmt wird. Die Seelen sind fortwährend um uns herum; für den Hellseher im obigen Sinn ist das Geisteslicht durch das Lampen- oder Tageslicht nicht ausgelöscht. Für einen anderen Grad von Hellsehen ist es nötig, das Lampenlicht zu dämpfen, damit das schwächere Licht erkennbar wird. Machen wir uns das klar. Wenn wir ein kleines Licht erkennen wollen, das vom hellen Lampenlicht überstrahlt wird, so können wir unseren Zweck auf zweierlei Weise erreichen. Einmal können wir das Lampenlicht dämpfen, damit das schwächere Licht in der Finsternis scheine, oder aber wir können das kleine Licht - oder Feuer — so anfachen, dass es die Flamme des Lampenlichts überstrahlt. Letzteres tut der theosophisch geschulte Hellseher. Bei vollem Tagesbewusstsein kann er das Licht leuchten machen, ob Tageslicht oder Lampenlicht oder Finsternis ihn umgibt. Anders verhält es sich mit den Medien, bei denen ein Hellsehen anderer Art auftritt, nicht im hellen Tagesbewusstsein, sondern in Trance. Also in einem Zustand, wo das Tagesbewusstsein ausgelöscht ist; da ist der Seele die Möglichkeit gegeben, das Zwischenlicht zu sehen, weil das wache Sinnenbewusstsein in Finsternis versenkt ist. Beim Hellseher wird die Welt, die sonst Finsternis ist, hell. Bei dem Medium fängt diese Welt an zu leuchten, wenn das Sichtbare für dasselbe unsichtbar geworden ist. Die beiden anderen Gebiete nun haben es nicht mit dem wachen Tagesbewusstsein zu tun; sie appellieren an das Trance-Bewusstsein.
Wir kommen nun zur Hypnose. Durch irgendetwas wird das Bewusstsein des Menschen so herabgestimmt, dass er seine Handlungen nicht mehr kontrollieren kann; in verschiedenen Graden wird das helle Tagesbewusstsein herabgestimmt. Einen solchen Einfluss hat die Suggestion auf den Menschen. Der Mann, zu dem gesagt wird: Hier hast du eine Birne, während ihm eine Kartoffel in die Hand gegeben wird, hat nicht die Anschauungsfähigkeit verloren; er kann hören und sehen, aber er hat die Fähigkeit verloren, die Vorstellungen durch das Ohr und das Auge zu kontrollieren. Das Bewusstsein ist in dem Grade herabgestimmt, dass er nur noch Empfänglichkeit hat für das, was Sie ihm sagen. Solange er wach ist, kann er sagen und tun, was er will; da kann er seine Handlungen kontrollieren. Nun, da das wache Tagesbewusstsein eingedämmert ist, ist das seelische Bewusstsein noch da. Durch verschiedene Mittel kann man einen Menschen in einen solchen Zustand versetzen, zum Beispiel durch das Anschauen eines glänzenden Gegenstandes. Ist das Bewusstsein bis auf einen gewissen Grad herabgestimmt, so ist der Mensch ein brauchbares Objekt für Suggestion. Er tut dann Dinge, die er, wenn er wach wäre, nicht tun würde, zum Beispiel wie ein Hund auf allen vieren kriechen und bellen. Er hört, was gesprochen wird, kann aber keinen Sinn damit verbinden. Aber auch ohne solche Mittel kann die Suggestion ausgeführt werden. Man nennt das Verbal-Suggestion oder Suggestions-Hypnose, und viele gegenwärtige Forscher meinen, dass alles aus solchen Verbal-Suggestionen hervorgeht. Was uns wunderbar erschien — das Bellen des hypnotisierten Menschen —, erscheint uns jetzt nicht mehr wunderbar, da wir gesehen haben, dass, wenn das physisch-sinnliche Bewusstsein ausgelöscht oder gedämpft ist, der seelisch-geistige Rapport von Seele zu Seele hergestellt worden ist.
Wenn man mit wachem Verstand durchs Leben geht, so kann man diesen Rapport von Seele zu Seele vielfach im täglichen Leben beobachten. Nicht nur das, was wir hören und sehen, wirkt auf uns ein; die Seelen wirken direkt aufeinander; daraus erklärt sich auch die sonst unerklärliche Sympathie und Antipathie. Vieles beruht aber auf Suggestion. Wer das Wirken der Seele beobachtet, wird sich auch dadurch die gewaltige Einwirkung erklären, die mancher Redner ausübt auf die Masse, obwohl er nichts weniger als logische Gründe anführt für seine Überzeugung. Das sind so feine Suggestionswirkungen. Interessante Beobachtungen kann man auf diesem Gebiet anstellen. Der bekannte Theaterdirektor Laube übte eine solche feine Suggestionswirkung auf das Publikum aus. Den großen Schauspieler Sonnenthal und die Wolter hat er auf die Höhe gebracht. Zuerst wollte das Publikum nichts von ihnen wissen; aber Laube war seiner Sache gewiss. Er sagte: Heute noch nicht, aber sie werden sie schon fressen! — Die Wiener haben erst gelacht, dann gehöhnt, aber endlich erkannten sie auch die Größe der vorzüglichen Schauspieler an. Durch das fortgesetzte Anhören wurde die Gegenstimmung des Publikums eingeschläfert und sie wurden empfänglich für den Eindruck, den die großen Schauspieler auf sie ausübten.
Wie verhält sich nun die Wissenschaft zu den Suggestionserscheinungen? Wilhelm Wundt, der von manchen Wissenschaftlern fast wie ein Gott verehrt wird, konnte zwar die Tatsachen nicht leugnen, aber er suchte und fand auch keine genügende Erklärung dafür. Er erkannte, dass ein Teil des Gehirns bei der Hypnose ausgeschaltet war, aber eine wissenschaftliche Erklärung konnte er dafür nicht geben und zuckte die Achseln, weil er nicht an die Existenz der Seele glaubte. Seine Schüler suchten der Existenz der Seele und ihren Wirkungen auf die Spur zu kommen.
Der Vorwelt waren die Suggestionswirkungen wohl bekannt. [Kircher] hat sie 1646 seinen Mitmenschen schon bewiesen durch ein einfaches Experiment. Er nahm ein Huhn, setzte es auf den Tisch, stieß es mit seinem Kopf ein paar Mal auf die Tischplatte, zog dann einen geraden Kreidestrich auf dem Tisch, und das Huhn ging gehorsam diesen Strich entlang, ohne daran zu denken wegzufliegen. — Bekannt ist auch der bäuerliche Gebrauch, um die Gänse, die nicht weglaufen sollen, einen dicken Kreis von Kreide zu zichen; aus diesem wagt sich keine heraus.
Die Kenntnis von Suggestionswirkungen war lange Zeit unter dem Schutt vergraben, bis der halbe Scharlatan Hansen sie wieder aufgedeckt hat. Die Gelehrten verhalten sich meist abweisend gegen die ihnen neuen Erscheinungen. Doch fanden sich auch vorurteilsfreie Männer, besonders Ärzte, die sich näher mit der Sache befassten und bald merkten, dass gerade für sie sich hier eine ganz neue Bahn eröffnete. Hatte man vorher geglaubt, die Seele habe mit dem Körper nichts zu tun, so kam man allmählich zu der Überzeugung, dass die Irrtümer der Seele gar schädlich auf den Körper wirken. Die kranken Körper sind aufgebaut durch Irrtümer der Seele, die gesunden Körper sind aufgebaut durch gesunde Seelen.
Sie alle, die Sie hier versammelt sind, werden den Spiritismus, das dritte Gebiet, zu dem wir uns wenden wollen, nicht bestreiten können und wollen. Also brauchen wir uns mit Beweisen für die wirkliche Existenz desselben nicht aufzuhalten. Wenn wir die Spiritisten betrachten, so wird uns etwas auffallen. Die meisten sind durchaus leichtgläubig, wenn es sich um die Geister handelt, die man sehen will, und schwergläubig, wenn es sich um den Geist handelt, der im Menschen lebt.
Ihr Spiritisten wollt den Geist bewiesen haben! Bereichert euch doch am Erkennen eures eigenen Geistes! Ihr tut wirklich in eurem gewöhnlichen Leben oft viel Gescheiteres, als euch an den Tisch zu setzen, um euch mit abgeschiedenen Geistern zu unterhalten!
Wenn neun Menschen um einen Tisch sitzen, so sind neun Geister anwesend, und es scheint mir viel nützlicher, wenn diese neun Geister sich miteinander unterhalten, als dass sie fremde Geister herbeirufen, um sich mit denen zu unterhalten. Indem der Spiritismus bekannt ist, weiß man, dass viel Schwindel dabei getrieben wird; aber man weiß auch, dass viele interessante Erscheinungen dabei vorkommen.
Für den Theosophen tritt nun die Frage auf, ob es angemessen ist, sich so der geistigen Welt zu nähern. Für den Hellseher sind die entkörperten Seelen selbstverständlich Genossen, und er rät dem Menschen, seine eigene Seele so zu entwickeln, dass er auch sehend werde. Der Spiritist sagt: Warum soll ich anders werden als ich bin? Das kann ich mir sparen; meinen Geist entwickeln, mag ich nicht. - Der Spiritist trachtet danach, dass der Geist sich ihm manifestiert. Der Theosoph will sich zum Geist hinaufentwickeln, dass er durch die eigene Seele den Geist erfährt.
Die Spiritisten sind Materialisten. Sie sagen: Was gehen mich die geistigen Welten an? Ich will sehen! - Der Spiritismus ist entstanden als eine Reaktion gegen den Materialismus. An das Materielle glaubten die Menschen, nach dem Geistigen sehnten sie sich. Und so wollten sie auch den Geist materiell sichtbar machen. Das erwies sich nicht als nützlich für die Menschenkultur. Was nötig war, war dieses: noch tiefer heruntersteigen, um die Welt begreifen zu lernen aus sich selbst heraus. Indem die Spiritisten versuchen, den Geist zu sich herabzuziehen, verlieren sie alle Kontrolle über die geistige Welt. Eines ist klar: Nur wer seinen vernünftigen Verstand behält, kann richtig urteilen.
Durch die spiritistischen Sitzungen wird die Neugierde aufgestachelt, und Neugierde ist Egoismus. Es soll nicht verkannt werden, dass viele von edlen Motiven getrieben werden und dass sie es gut meinen. Aber im Ganzen kann die Sache nicht moralisierend wirken, da sie in den krassesten Materialismus hineintreibt, indem man sogar die Geister materialisieren will. Zum Glück hat sich eine große Anzahl von Spiritisten in die theosophische Bewegung hereingerettet.
In dieser Wissenschaft wird jeder Schritt vorwärts durch den logischen Verstand kontrolliert. Was ist es nun, was in den spiritistischen Sitzungen passieren kann? Wenn der Mensch tot ist, legt er seinen physischen Leib ab; der Leichnam verwest; auch der Ä[hcrkölpcr verlässt ihn, und dieser löst sich bald nach dem Tode auf. Dem Menschen bleibt dann noch der Astralleib; viel, viel später legt er auch diesen ab, wenn er ins Devachan eingeht. Dann hinterlässt er im Kamaloka einen Astralleichnam. Dieser besitzt keine Intelligenz, aber er kann noch automatenhaft antworten auf Fragen. Diese Schatten sind es, die sich sehr häufig manifestieren. Es ist unsinnig, sich an die astralen Leichname zu wenden. Das Phänomen kann richtig sein, aber der Mensch kann es nicht beurteilen. In anderen Fällen hat man es überhaupt nicht mit menschlichen Wesen zu tun. Es fanden auch häufig Verwechslungen statt. Es lässt sich in etwas mit dem Telefon vergleichen; da hört man eine Stimme, sieht aber den nicht, der spricht. Da kann auch eine Verwechslung der Stimmen vorkommen. Man spricht zu einer anderen Person, als man glaubt. So und noch viel schlimmer geht es in der geistigen Welt her. Da ist alles unsicher; nichts gibt uns genügend Garantie. Alles ist dem klaren Tagesbewusstsein entzogen.
So steht die Theosophie zu den anderen zwei Gebieten. Die ersten Materialisten behaupteten, es könne kein Stein vom Himmel fallen. Und jetzt finden wir in jedem naturhistorischen Museum Meteorsteine.
Wenn wir die Hypnose betrachten, so sehen wir, dass die Gelehrtenwelt durchaus ablehnend, ja spottend und feindlich sich dagegen verhielt. Doch allmählich sind die Gelehrten von der Hypnose herangebändigt worden, die Erscheinungen zu registrieren, und der Hypnotismus hat sich Respekt zu verschaffen gewusst.
Die Spiritisten, die sich so sehr nach Gewissheit sehnen, werden häufig zu Fanatikern; aber ein klein wenig hat der materialistische Spiritismus doch dazu gedient, das Geheimnisvolle der unsichtbaren Welt zu enthüllen.
Geheimnisvoll am lichten Tag
Lässt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
sagt Goethe, und Goethe war Theosoph.
Die Gelehrten lassen sich nur auf das ein, was sie registrieren können; bei ihnen gelten nur Zahlenreihen und Prozente. Ein klein wenig erreichen sie, und viele der Forscher weichen davon doch ab. Sie untersuchen die Phänomene auf ihre Echtheit hin mit der größten Genauigkeit. Ob sie auf diese Weise dem Geist auf die Spur kommen: Einstweilen mag ihr wissenschaftliches Treiben ganz gut sein, bis sie lernen, den einzig richtigen Weg zur Erkenntnis einzuschlagen.
Die theosophische Weltanschauung führt den Menschen wirklich zu Höherem herauf. In heller, lichter Klarheit will sie den Menschen führen und ihm den Beweis bringen, dass all sein Sehnen nach Klarheit gestillt werden kann, wie Goethe aus der eigenen geistigen Erkenntnis heraus sagte:
Die Geisterwelt ist nicht verschlossen, Dein Sinn ist zu; dein Herz ist tot. Auf, bade, Schüler, unverdrossen Die ird’sche Brust im Morgenrot!