The Nature of Man in the Light of Spiritual Science
GA 68d — 15 February 1907, Leipzig
9. Der Lebenslauf des Menschen vom Geisteswissenschaftlichen Standpunkt
Sie alle kennen den griechischen Tempelspruch «Erkenne dich selbst». Er enthält die tiefste Lebensweisheit und wieder und immer wieder wird er den Menschen nahegebracht. Wenn er auch als Führer durch das Leben segensreich ergriffen werden kann, so kann er doch auch missverstanden werden. «Erkenne dich selbst» ist eine Wahrheit. Nicht darf sie so verstanden werden, als solle der Mensch in sich hineinbrüten und denken, er sei schon ein fertiger Mensch, sondern es ist eine Aufforderung zur Selbstentwicklung der inneren schlummernden Seelenkräfte, diese zu erhöhen und zu erweitern, die Anlagen und Keime zu entwickeln. Streben und Suchen sind viel bessere Werkzeuge zur Selbsterkenntnis, als zu glauben, alles sei bereits fertig in uns.
Lassen Sie uns betrachten, wie der Mensch sich von [der] Geburt bis zum Tode entwickelt, wie es in Wahrheit ist.
Wer über das Wesen des Menschen vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt hört, dem erscheinen diese Dinge mit mannigfaltigen Zweifeln und Anfechtungen verbunden. Ich kann Ihnen hier nur eine kurze Skizze geben. Dasjenige, was der materialistische Sinn betrachtet, das ist für den Geistesforscher nur ein Glied der menschlichen Wesenheit. Wir nennen dieses den physischen Leib. Er ist zusammengesetzt aus denselben Stoffen und Kräften wie Mineralien, Steine. Ein Stein, ein Mineral aber, diese leblosen Körper haben die Fähigkeit und Kraft, sich durch sich selbst zu erhalten. Das hat der physische Leib des Menschen nicht. Gerade durch seine physischen und chemischen Kräfte ist es ihm eine Unmöglichkeit; als Leiche zerfällt er. Wir können das eigentliche Prinzip des Lebens auffassen als eine Wesenheit, die jeden Augenblick kämpft, den Zerfall des physischen Körpers zu verhindern. Diese Wesenheit nennen wir den Ätherleib, er ist gleichsam der Architekt des physischen Leibes, er ordnet die chemischen und physischen Stoffe. Es ist in der verflossenen Zeit selbst üblich gewesen in der Naturwissenschaft, von diesem Prinzip des Lebens zu sprechen als Lebenskraft. Von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts an ist es Mode geworden, von den lebendigen Stoffen so zu sprechen, als wenn sie sich selbst zusammensetzten, geradeso, als ob ein Haus sich von selbst aus Holz und Ziegelsteinen zusammensetzte. Wie das Haus gebaut wird nach dem Plane des Architekten, so auch werden die Kräfte vom Ätherleib benutzt zum Aufbau des physischen Leibes. Der Ätherleib ist also das zweite Glied des Menschen.
Das dritte ist der Astralleib. Er ist der Träger von allen Begierden, Leidenschaften, Lust und Leid, Freude und Schmerz. Was aber den Menschen zur Krone der Schöpfung macht, das ist die Kraft, Ich zu sagen, das ist das vierte Glied der menschlichen Wesenheit. Diese vier Glieder der menschlichen Wesenheit hat man seit Jahrtausenden betrachtet und überall angesehen als den Ausdruck der Kräfte, die den göttlichen Menschen aufbauen. In allen Schulen der Eingeweihten werden diese vier Teile erklärt. Pythagoras machte seinen Schülern zunächst klar, dass der Mensch aus diesen vier Teilen besteht, dann erst durften sie die höheren Stufen kennenlernen. Damit mussten sie ein Gelöbnis ablegen: mit Ernst, Würde und Inbrunst die höheren Geheimnisse aufnehmen zu wollen. Diese eidesartige Formel lautet: Ich schwöre bei dem, der uns in das Herz geprägt die heilige Weisheit, das erhabene reine Sinnbild, den Urquell der Natur und alles Schaffens der Götter.
Der Mensch, der auf der untersten Stufe steht, der «Wilde» schon hat diese vier Wesenheiten, so auch der europäische Durchschnittsmensch, ein Idealist wie Schiller und auch ein Geistmensch wie Franz von Assisi. Sie unterscheiden sich darin, dass der «Wilde» zunächst seinen Trieben und Leidenschaften folgt und sich ihnen überlässt. Derjenige, der schon weitergekommen ist in der Entwicklung, bei dem schon sein Ich, der Mittelpunkt seiner Wesenheit, gearbeitet hat an der Entwicklung der drei Glieder und damit schon veredelnd auf seine Begierden und Leidenschaften gewirkt hat, der ist sich schon klar geworden darüber, dass er gewissen Dingen folgen darf und andern nicht. Der hat ein zweites Glied an seinem astralischen Leib ausgebildet, also somit ein fünftes, sein Geistselbst, das Manas.
Aber auch in den Äther- oder Lebensleib kann der Mensch hineinarbeiten durch alle Impulse der Kunst, und da bildet er an diesem auch ein zweites Glied heraus, und das ist das sechste Glied des Menschen: die Budhi, das ist der Lebensgeist, sind die religiösen Impulse, die umgestalten im Unbewussten den Ätherleib. Seit es ein Menschengeschlecht gibt, geht diese Umwandlung vor sich. Der Ätherleib ist der Träger des Gedächtnisses, der Gewohnheiten und dessen, was man Gewissen nennt. Diese Umgestaltung geht langsamer vor sich als die im Astralleib; und [es] sind diese Tätigkeiten zu vergleichen bei Letzterem mit dem Minutenzeiger an einer Uhr und beim Ersteren mit dem Stundenzeiger.
Versetzen Sie sich zurück in die Zeit, da Sie acht Jahre waren, und vergleichen Sie, was Sie seitdem an Begriffen und Lebenserfahrung lernten. Ungeheuer viel ist das. Das ist die Veränderung in Ihrem Astralleib. Aber war ich als Kind jähzornig, so hat sich das nicht so sehr geändert. Unser Ich kann den Lebensleib nur langsam bearbeiten. Das geschieht unbewusst. Der höhere Schüler aber arbeitet in bewusster Weise an der Umänderung. Er erhält Anleitung, seine Gewohnheiten, sein Temperament zu ändern. Hat der Schüler gelernt, bewusst gewisse Grundlinien umzugestalten, zum Beispiel Herrschsüchtiges in Demütiges zu wandeln, so hat er die Hoffnung, höher und höher hinaufzusteigen, und höhere Pforten werden sich ihm öffnen. Dieses ist verhältnismäßig schwer, aber noch viel schwieriger ist es, in seinen physischen Leib hineinzuarbeiten. Was hat er für Macht über seinen Pulsschlag, seine Atmung, über die Funktionen seines physischen Leibes? Was der Schüler da lernt auszubilden nach höherer Entwicklung, das ist das siebte Glied, der Geistmensch, Atma. Somit besteht der Mensch dann aus sieben Gliedern.
Wir wollen nun betrachten, wie sich diese sieben Glieder entwickeln in der Zeit von [der] Geburt bis zum Tod. Der Mensch beginnt sein Dasein mit der physischen Geburt; eigentlich setzt er ja nur das Leben im Mutterleib fort, aber auch dieses ist ja nur eine Fortsetzung von früherem Leben. Vor der physischen Geburt war der Mensch allseitig umgeben von dem Leib der Mutter, der ihm auch Kräfte und Säfte zuführte. Mit dem Heraustreten des physischen Leibes stößt er die mütterliche Hülle zurück; während er vorher geschützt war, tritt er nun in die physische Welt. Auge und Ohr hatten sich gebildet, aber Licht und Ton konnte der Mensch nicht wahrnehmen; das lernt er erst in der physischen Welt. Er hat durch die Geburt seinen Schauplatz geändert.
Mit dieser Geburt ist aber bloß das eine Glied, der physische Leib geboren. Nun gibt es noch eine zweite und eine dritte Geburt für den Menschen. Wenn der Mensch geboren ist, ist er immer noch von einer unsichtbaren ätherischen und astralischen Hülle umgeben. Genauso wie im Mutterleib und wie bei seiner Geburt diese [physische] Hülle zurückgeschlagen wird, ebenso wird beim Zahnwechsel die Ätherhülle zurückgeschlagen und der Ätherleib vollständig geboren. Das ist die zweite Geburt. Sie spielt sich langsam ab und begleitet die Zeit, wo die Milchzähne durch andere ersetzt werden. Wenn der Mensch seinen Ätherleib verlassen hat, ist er noch umgeben vom astralischen Leib. Die dritte Geburt geschieht bei der Geschlechtsreife. Da wird die astralische Hülle zurückgeschlagen und der Mensch wird da empfänglich für astralische Einflüsse. Es sind wichtige Momente, die berücksichtigt werden müssen. Erstes bis siebtes Jahr: erste Epoche. Die zweite Epoche - siebtes bis vierzehntes Jahr — ist wesentlich verschieden, und ebenfalls die dritte vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Jahr. Dann entwickelt der Mensch seinen astralischen Leib durch das dahinterliegende Ich in einer freien Weise.
In der ersten Epoche, da sind physische Organe bis zu einen gewissen Punkt zu gestalten. Zwar wächst der Mensch auch dann noch, aber sehr zu unterscheiden ist das Wachstum bis zum siebten Jahr und nachher. Der Zahnwechsel ist eine Art Schlussjahr. Bis dahin hat der Mensch die Richtung bekommen, die er behält, die Grundlage seiner Form bleibt. Was also der Mensch bis zum siebten Jahr nicht entwickelt hat, ist nicht mehr nachzuholen. Nur ein Gesichtspunkt ist zu berücksichtigen. Bis zum einundzwanzigsten Jahr wird die Entwicklung mehr erzieherischer Natur sein, dann wird sie anderen Charakter annehmen. Was macht es, dass die Organe des Menschen das richtige Gepräge erhalten? Die umliegende Welt macht es. Goethe sagt, das Auge wird vom Licht selbst herausgebildet. Das Licht ist der Schöpfer, der Gestalter. Der Ton bildet das Ohr und so weiter. Was Licht und Luft am Menschen schaffen kann, das wird am intensivsten in der ersten Epoche gebildet bis zum Zahnwechsel. Eine geeignete Umgebung ist schaffend für den physischen Leib des Menschen.
Es ist zum Beispiel gar nicht gleichgültig, ob ein Kind mit belebenden oder abstumpfenden Farben umgeben ist. Ein nervöses, aufgeregtes Kind sollte man daher mit lebhaften Farben umgeben, rötlichen, rötlich-gelben Farben. Es kommt darauf an, was schöpferisch auf das Kind wirkt. Hier ein Beispiel. Sehen Sie scharf auf ein weißes Tuch mit roten Flecken und sehen Sie dann davon weg, so nehmen Sie die Gegenfarbe wahr und sehen grüne Flecke. Dieses Grün wirkt wohltätig. Deshalb sollte ein erregtes Kind ein rotes Kleid tragen, ein ruhiges Kind in dumpfen Farben gekleidet sein. Auf Anregung der inneren Kräfte kommt es an. Mit einer vollkommenen Puppe tut man dem Kinde einen schlechten Dienst, denn daran hat die Phantasie keine Betätigung mehr. Und das Kind hat ein Wohlgefühl am Gestalten der inneren Organe, und das raubt man ihm damit. Freude an der Umgebung muss das Kind haben. Sie können nicht genug tun an Lust und Freude in der ersten Epoche des Lebens. Nur nicht Askese.
Ein anderes ist die Liebe. Die Liebe, die das Kind umgibt, mischt sich hinein in seine ätherische und astralische Hülle. Es bringt sogar günstige Instinkte.
Hier möchte ich die Nahrung erwähnen. Glauben Sie nicht, dass die Kinder mit Eiern überfüttert werden dürfen. Diese Nahrung verdirbt die günstigen Nahrungsinstinkte. Je weniger ein Kind mit Eiern überfüttert wird, desto gesunderen Instinkt hat es, sich zu nähren. Die Geisteswissenschaft gilt als eine praktische Sache, die Sie hier im Leben praktisch anleitet.
In der zweiten Epoche - vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife —, da wird der astralische Leib eigentlich geboren. Bisher ist der Lebensleib — Ätherleib — eingehüllt; nun muss hervorkommen alles, was Gedächtnis, Gewohnheit ist, damit er ein brauchbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft wird. Wenn Sie vorher mit etwas dergleichen auf das Kind wirken wollen, so würde es so sein, wie wenn Sie Licht und Ton dem Kinde im Mutterleib von außen zuführen wollten. Sie können es nicht. Wohl aber ist es die Zeit bis zum siebten Jahr, wo Freude und Lust, Begierde und Instinkt in richtige Bahn geleitet werden. Zwei Zauberworte müssen Sie ihm ins Herz schreiben: Nachahmung und Vorbild. Das sind die beiden wirkenden Kräfte. Ein Vorbild muss gegeben werden, nicht ein Gebot.
Hier ein Beispiel. An einem gut gearteten Kinde machten die Eltern die Entdeckung, dass es ihnen Geld genommen habe. Die Eltern nannten es gestohlen. Das Kind aber hatte dafür Geschenke für arme Kinder gekauft. Es hatte das getan, was es seine Eltern tun sah. In der physischen Umgebung darf nichts getan werden, was das Kind nicht nachahmen darf. Lehren nützen da nichts, die wirken nicht in dem Alter, sie wirken erst, wenn der Ätherleib freigelegt ist. Jean Paul nennt das Vorbild die größte Parole der Erziehung. Ihr mögt einen Weltreisenden fragen, und er wird sagen, mehr als auf allen Reisen habe er von seiner Mutter oder Amme in den ersten Lebensjahren gelernt. Unter dem Schutze der äußeren physischen Umgebung, die die Liebe hineinwirkt in die äußere Hülle, entwickeln sich unendliche Kräfte. Auch da sagt Jean Paul: Seht euch das Kind an, es lernt die Sprache und auch den Geist der Sprache in innerer Bildung. Was würde der Mensch für spätere Sprachbildung erreicht haben, wenn ihm solche Kraft erhalten bliebe. Das Kind hat sprachbildende Kraft, zum Beispiel nennt es den, der die Flaschen fertigt, den Flascher - und anderes mehr. Das Schlimmste ist, wenn man bei der Erziehung nicht die rechte Reihenfolge einhält. — Jean Paul sagt: Sehet an, was für Worte das Kind gebraucht, und fragt dann, ob sein Vater es ihm philosophisch erklären kann. So kommt das Nachahmungstalent für Buchstaben, aber den Sinn der Buchstaben lernt das Kind erst nach dem siebten Jahr verstehen.
In der Zeit zwischen dem siebten Jahr und der Geschlechtsreife wird Gedächtnis, Neigung und Charakter umgebildet. Da sind drei Gesichtspunkte zu beachten, das Denken, Wollen und Fühlen. Diese werden durch verschiedene Lehrkräfte gespeist. Das Denken, was er durch den Ätherleib instinktiv herausgebildet hat, muss umgebildet werden. Die Sprache hat er gelernt, aber nun ist ihm der Sinn des Gesprochenen beizubringen, der Sinn dessen, was er in Formen nachgemacht hat. Daher sollte mit dem Anschauungsunterricht nicht zu früh begonnen werden, erst wenn es im Kinde vorgebilder ist. Dann soll auf das Gefühl, Gemüt gewirkt werden mit Dingen, die man mit Geschichte bezeichnet. Versuchen Sie, das Kind hinaufschauen zu lassen zu den großen Persönlichkeiten der Weltgeschichte. Die Religion ist zur unerlässlichen Grundlage der Erziehung zu machen. Der Mensch macht eine Willensbildung durch, die ihm erscheint als das Ursein der göttlichen Wesenheit. Die Aufnahme von bildlichen Vorstellungen muss Begriffe bilden, nicht die abstrakte Form. Heute ist es nicht leicht für den Lehrer, den Vergleich zu finden für den Tod, wie von Puppe zu Schmetterling: Die Puppe öffnet sich und hinaus fliegt der Falter. So löst sich im Tod die Seele vom Leibe. Es wirkt auf das Kind, was man selbst glaubt. Goethe sagt: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.» Das ist das Bild vom Falter. Es gibt einen Standpunkt, wo der Geistesmensch wirklich daran glaubt. Dann wird dem Kinde durch sinnliches Bild übersinnliches Abbild klargemacht.
Von diesem Gesichtspunkt aus möchte ich von einer Sache reden, die heute ganz sonderbar dargestellt wird. Was für Sorge macht das «Storchennest». Unsere hochaufgeklärten Zeitgenossen sagen heute, wir dürfen den Kindern solche Lügen nicht beibringen. So liegt die Sache nicht. In fünfhundert Jahren werden unsere Nachkommen von uns sagen: Was sind das für merkwürdige Menschen, die haben da grobklotzig das physische Geschehnis hingestellt. Das ist viel mehr gelogen. Das Storchennestbild stammt aus einer Zeit, wo man wusste, dass damit der Vorgang geistigen Ausdruck fand. Aus dem geistigen Land, da kommt die Seele herunter, und das ist das Wichtigste bei diesem Vorgang. Alles Herabgehen und alles Hinaufgehen wird mit fliegenden Wesen zusammengebracht. So war es auch das fliegende Wesen, der Storch. Das Liedchen «Flieg, Käfer, flieg» und so weiter - «Pommerland» bedeutet Kinderland — sagt uns von der fliegenden Scele, die die Mutter herausholt aus dem Kinderland. Alle Märchen bringen die geistige Wahrheit in der Form, wie das Kind sie versteht. Es handelt sich darum, dass die Kräfte herausgebildet werden. Wenn in der ersten Epoche die beiden Zauberworte Nachahmung und Vorbild wirken müssen, so in der zweiten Epoche Nachfolge und Autorität. Die Schulfrage wird eine Lehrerfrage werden. Ein jeder muss den Lehrer wählen, der ihn die Wege zum Olymp nacharbeiten lässt. Das, was das Kind glaubt, darauf kommt es an. Die Wahrheit muss in Person zum Ausdruck kommen, Fleisch geworden sein. Autorität ist das Zauberwort, in dem des Kindes Gewissen, Charakter, Temperament sich lebendig dem Lehrer nachbildet.
Mit der Geschlechtsreife wird der astralische Leib geboren. Da wird bloßgelegt im Menschen, was ihm in der Welt entgegentritt. Das Bewusstwerden des Getrennten in den Geschlechtern ist die Zeit der Geburt des astralischen Leibes; das Verhältnis des Männlichen zum Weiblichen lernt er selbst kennen und scheiden. Darum zu jener Zeit so wenig wie möglich von diesem allem in Theorie sich bewegen. Es ist ein Irrtum, dass der Mensch erst vom vierzehnten Jahr eine Zeit braucht, in der einwirken muss die Welt, bis er reif wird, selbst zu urteilen. Heranreifen muss der astrale Leib, heranreifen unter der Autorität der Welt, die hinzuzufügen hat, was sie ihm zu geben hat. Und dann kommt das in Betracht, was die Reifung bewirkt, die Kräfte. Vom fünfzehnten bis sechzehnten Jahr müssen ideale Kräfte entwickelt werden, Lebenskräfte und Lebenswünsche. Was er an Ideal hat, ist Kraft für ihn. Mit dem Heranreifen des astralen Leibes stärkt sich das Muskelsystem. Und wie mit der Geschlechtsreife die Schulzeit abschließt, so schließt mit dem einundzwanzigsten Jahr die Lehrzeit ab. Nach der Lehrzeit folgt eigentlich erst die Geburt des freien Ichs. Es ist da, wo der Mensch als selbstständiger Arbeiter in die Welt tritt, wo die Wanderzeit beginnt. Er muss selbstständig arbeiten lernen, bevor er herangereift ist, als Meister auf das Leben einzuwirken.
In all dieser Zeit ist der Mensch im Wachstum begriffen, und wie der Mensch bis zum achtundzwanzigsten, ja sogar bis zum dreißigsten Jahr noch immerfort wächst an seinen äußeren Organen, so hat er auch ein inneres Wachstum, denn der Leib ist der Ausdruck des Seelischen. Da bildet sich der Mensch einen Grundstock heran. Erst bildet sich das Kind durch Nachahmung eines Vorbildes, dann durch Nachfolge der Autorität in der Lehrzeit, und in den Wanderjahren im freien Verkehr. Dann kommt eine Zeit, wo alles im Menschen herausgestellt ist, das ist die eigentliche Mannes- und Weibeszeit. Von da ab hört der Einfluss von außen in einer gewissen Weise auf. Mit dreißig Jahren beginnt im Körper der Fettansatz, der Mensch geht in die Breite. Das ist ein Zeichen, dass die Kräfte nachgelassen haben, im Innern tätig zu sein.
Im fünfunddreißigsten Jahr beginnt der Mensch, segensreich die Kräfte in sich selbst zu verarbeiten. An seiner Seele arbeitet bis dahin an dem Zeitlichen [dasjenige], was er mitgebracht hatte aus früheren Verkörperungen, für das Ewige fängt der Mensch nun an, nach innen zu arbeiten. Deshalb wird alles, was wir gelernt haben, erst vom fünfunddreißigsten Jahr an reif, etwas zu werden, um es der Welt zu geben. Es ist die Zeit, wo er in sich selbst fest wird, in sich selbst Gewicht erhält. Muss der Mensch bis dahin lernen durch die Welt und durch das Leben, so kann erst vom fünfunddreißigsten Jahr an die Welt von ihm lernen. Beraten soll die Jugend werden, raten kann erst der, der über die Sonnenhöhe sich erhoben hat. Dann kann er mehr geben, als er von ihr entnimmt. Das rührt davon her, dass der astralische Leib mit der Geschlechtsreife herauskommt, dann kann er innerlich in seinem Ätherleib arbeiten. Solange die Muskeln noch wachsen, ist das nicht möglich. Wenn die Muskeln nicht mehr dem Körper selbst überlassen sind, wird der Lebensleib — Ätherleib — immer gediegener, und er gibt, was in ihm erarbeitet wird, der Umwelt. Besonders begabte Menschen können dieses vor dem fünfunddreißigsten Jahr, aber Gewicht hat er erst vom fünfunddreißigsten Jahr an. Die alten Griechen würden nie gestattet haben, dass ein Mensch vor dieser Zeit raten könne. Tun wohl, aber raten nicht. In allen Geheimschulen kamen alle Schüler vor dem fünfunddreißigsten Jahr nur in [das] Vorbereitungsstudium.
Erst wenn die Kräfte frei geworden waren, konnten sie höher steigen. Wenn der Mensch alt wird in dieser Welt, wird er erst jung für die unsterbliche. Es ist ein großes Glück — ein gesund entwickelter Mensch, er wird etwas Bescheidenes um sich haben und wird bis dahin noch sich seinen Helden wählen, dem er sich nacharbeitet in seinen Olymp. Insbesondere muss das zu großer Vorsicht mahnen, wenn in der höchsten Erkenntnis der Welt die Jugend schon in der Welt wirken will. Das fordert Reife, Stehen in der geistigen Welt. Immer mehr verinnerlicht sich der Mensch, bestimmte Perioden gibt es da nicht. Wer eine gewisse Schulung durchmacht - und sind seine Haare auch schon gebleicht, seine Haut runzlig und welk —, so kann er doch vielleicht der Jüngste sein. Diejenigen, die die Jugend der Seele haben, die werden selbst noch im Greisenalter die größten Kräfte erwerben. Selbst wo das Gedächtnis abnimmt, die bildende Kraft anfängt, schwächer zu werden, die Kraft der Ideale erstirbt, dann erspart man die Kräfte auf alles das, und sie dienen der Pflege des Unsterblichen. Das Greisenalter verwelkt nach außen und lässt heraufleben das Ewige im Menschen.
Es ist das auch ein Beweis für die menschliche Fortdauer. Das wächst und bildet sich heran, was der unzerstörbare, unverwesliche Wesenskern des Menschen ist. Je mehr die Umgebung für ihn das Interesse verliert, desto wichtiger ist, was der Mensch in diesem Alter sagt und denkt für die Welt. Deshalb nahmen die Alten auch die Ältesten zu ihren Führern, auch für die soziale Ordnung. Sie hatten das zu sagen, zu denken, was bleiben sollte, das Unvergängliche im Vergänglichen.
Deshalb lässt uns die Geisteswissenschaft dieses Leben im richtigen Lichte sehen. Sie gibt uns nicht nur Theorien, sondern etwas, was uns Kraft und Sicherheit gibt im Leben, Zuversicht in die ganze, große Zukunft der Welt. Dann hat der Lebenslauf des Menschen mit seinem Aufsteigen und Absterben etwas sehr Sinnvolles, wenn wir wissen, wie mit dieser Weisheit zu leben, nach dem erhabenen Satz: Erkenne dich selbst. Sie zeigt ihm, wie die Welt ihn schafft, und wie er sich aus sich selbst hinausarbeitet. Es zeigt uns, wie wir der Welt unser Dasein verdanken, aber auch, dass wir geben können. Die Seligkeit des Nehmens und Gebens zeigt uns dieser Weg.