The Nature of Man in the Light of Spiritual Science

GA 68d — 2 July 1907, Eisenach

10. Das Wesen des Menschen

Wir wollen heute über die Grundfragen des ganzen Menschenwesens sprechen, über diese Frage aller Fragen, die die Antwort sucht in der Erforschung des eigenen Wesens, der eigensten Natur des Menschen. Innig hängt sie zusammen mit allem, was den Menschen berührt, nicht theoretisch allein, sondern mit allem, was seine Seele umfasst, wachruft, mit allem, was zusammenhängt mit dem Glück und dem Leid unseres Daseins, mit allem, was in der Welt Stärke und Kraft des Willens verleiht.

Wenn wir die Beantwortung dieser Fragen finden wollen, wenn wir vom Wesen des Menschen sprechen, dann müssen wir nicht nur Bescheid wissen von dem, was physisch vom Menschen da ist.

Das Tier ist in gewisser Beziehung glücklicher daran als der Mensch, es lebt in seinem Dasein dahin, innerhalb der ihm eingeimpften Kräfte, und braucht sich nicht zu fragen nach Ziel und Zweck seines Daseins, doch der Mensch muss diese Fragen stellen, sie werden ihm gestellt vom Leben selbst. Alle Sicherheit, alle Hoffnung im Leben muss daraus entspringen, wie sich die menschliche Seele zu dieser Frage aller Fragen stellt. Sie schließt in sich das Geheimnis des Lebens und des Todes. Das Vergängliche und das Unvergängliche, das Zeitliche und das Ewige umschließt sie im Leben des Menschen.

Wenn Sie den physischen Leib ansehen — er schwindet im Tode, er zerschellt in tausend und abertausend Bestandteile, die Sie im Stoffkreise verschwinden sehen. Da taucht ganz von selbst die Frage auf: Ist denn mit diesem Hinschwinden des Menschen alles das, was er bedeutet in der Welt, erschöpft? Und wenn wir unser Kulturleben ansehen, wenn wir sehen, wie der Mensch schafft und wirkt in der Welt, wenn wir sehen, wie große Meister der Kunst, wie Michelangelo, Raffael ihre Meisterwerke schaffen, wie sie ins Physische, Körperliche, Irdische eine [Fülle] geistiger Kräfte umwandeln und an die Wand zaubern, wenn wir das alles sehen und wissen, dass diese Werke der großen Genies, an denen die Menschen sich erfreuen und erheben, auch einst vergehen, zerstieben werden, sodass keines Menschen Auge sie mehr sehen, keines Menschen Seele sich [mehr daran] erfreuen wird, dann tritt von Neuem diese Frage vor unsere Seele.

Alles, was der Mensch dem Zeitlichen einverleibt, das sehen wir verschwinden; was bleibt nun von dem Menschen und seinen Schöpfungen zurück? Gibt es etwas, was von ihm selbst überdauert? Gibt es etwas Ewiges im Menschenleben? Das, was als tiefe Empfindung in allen Zeiten in diesen Fragen die Menschen beschäftigt hat, das wurde in mannigfaltiger Weise immer befriedigt. Diejenigen, die berufen waren, haben in den verschiedenen Religionen den verschiedenen Völkern, wenn diese Frage nach dem Leben und dem Tode auftauchte, dieselben beantwortet. Doch in unserer heutigen Zeit sehen wir bei vielen Menschen ein eigentümliches Schicksal. Ein tiefer Riss geht durch ihre Seelen, geht durch ihr ganzes Leben.

Blicken wir einmal zurück in vergangene Zeiten. Damals, als die Buchdruckerkunst noch nicht populär war, da erhielten die Seelen noch leichter eine befriedigende Antwort von denen, die dazu berufen waren, doch heute, in unserer Zeit, sehen wir grade die denkendsten, strebendsten Seelen vor dieser Frage ratlos stehen. Sie haben in ihrer Jugend viel gelernt, den Verstand geübt, die Intelligenz geschult — dann treten die Fragen der Religion an sie heran. Durch die sogenannte moderne Wissenschaft, durch tausend andere Kanäle ist ihnen eine Fülle von Wissen zugeflossen, und schwer wird es da der Seele, festzuhalten an dem, was die Religion gibt als Seelennahrung. Es sind diejenigen, die am sehnsüchtigsten nach der Wahrheit dürsten, die da dann irre werden. Durch die Auskunft, die die Religion ihm gibt, kann der Mensch nicht mehr befriedigt werden. Die Wissenschaft gibt ihm auch keine Weltanschauung, die ein ernstlich strebendes Herz in seinem Wirken kraftvoll macht.

Und so sehen wir die Seele in sich selbst zerfallen oft schon in früher Jugend, sehen einen tiefen Zwiespalt bei denen, die am ernstesten streben; und der pflanzt sich fort ins Leben hinein. Bei vielen tritt dann später eine gewisse Gleichgültigkeit ein gegenüber diesen Fragen; sie suchen sich dieselben fernzuhalten, um nicht durch dieselben beunruhigt zu werden. Eine Oberflächlichkeit des Lebens geht daraus hervor, und das ist vielleicht noch schlimmer als bei anderen Menschen, bei denen durch die Sehnsucht, Antwort zu bekommen auf diese Fragen, immer neue Zweifel angeregt werden, die kaum durch etwas zu befriedigen sind. Das ist eine tiefe Tragik im Innenleben des Menschen!

Das ist die Stimmung unserer Zeit. Der Mensch braucht etwas, das seiner Seele Nahrung gibt, das ihm Gewissheit gibt auf die Fragen. Das muss kommen für die Menschheit. Wer die Zeichen der Zeit zu deuten weiß, der weiß auch, dass alles dieses noch viel schärfer wird, der weiß auch, wie notwendig für die Menschheit die Geisteswissenschaft oder die theosophische Weltanschauung ist.

Mit «Theosophie» verbinden manche eine merkwürdige Anschauung. Es handelt sich da durchaus nicht um etwas Neues, im Gegenteil: Die Menschheit hat in einer gewissen Form immer das, was die Theosophie ist, gehabt. In derselben Weise, wie der Mensch theoretisch die Tatsachen der Natur erforscht, sucht die Theosophie die Tatsachen des ewigen Lebens zu erforschen.

Nicht hervorgegangen sind die Tatsachen des ewigen Lebens aus einer kindlichen Phantasie, nicht aus einer veralteten Entwicklungsstufe der Menschheit, sondern die Theosophie enthält die tiefste Geistesweisheit, die in der Form des Wissens den Menschen das überliefert, was aus der Religion [heraus in der Form des Gefühls dem Menschen] diese Fragen beantwortet. Daher dürfen wir uns nicht vorstellen, die Theosophie sei eine neue Religion; das ist sie nicht. Sie tritt auch nicht entgegen den Religionen, sondern sie macht sie klarer, sie erklärt die Wahrheiten der Religion selbst, sodass sie den strengsten Anforderungen der Wissenschaft standhalten können. Sie ist das Instrument, um die Wahrheiten der Religion an die Oberfläche zu bringen. Nicht eine neue Religion will sie stiften, sondern die alten klarmachen. Dasselbe wissenschaftliche Denken, genau die gleiche Methode wie in der Wissenschaft herrscht in der Theosophie.

Freilich wird manches, was heute gesagt werden wird, dem materialistisch Denkenden grotesk, phantastisch erscheinen, doch wir müssen nicht übersehen, dass, wenn man solche Wahrheiten in ihrer ursprünglichen Form hört, man sich erst in sie hineinfinden muss, dass man das nicht in einer Stunde kann, denn die Theosophie umfasst die wichtigsten, die tiefliegendsten Fragen der Menschheit! Alle Dinge sind in einer Zeit aufgetreten und zuerst als Phantasien angesehen worden, sind, wenn sie wirklich ihren Grund im Leben und in der Wahrheit hatten, mit der Zeit selbstverständlich geworden, und ebenso werden die theosophischen Lehren, die jetzt noch scharf bekämpft werden, bald zu den Selbstverständlichkeiten gerechnet werden.

Wir wollen uns jetzt vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus die Fragen nach dem Wesen des Menschen beantworten. Es ist nicht so leicht, über dasselbe zu sprechen, denn der Mensch ist ein ganz kompliziertes Wesen, und nur wenn wir uns die Unbequemlichkeit auferlegen, tief hineinzuleuchten in die Gründe des Daseins, können wir Antwort finden.

Der Mensch erscheint zunächst den äußeren Sinnen der Menschen. Wir können ihn betasten, können ihn sehen, hören, was er spricht; er ist den äußeren Sinnen wahrnehmbar. Der Verstand kann alles das kombinieren; der Anatom kann Menscheninneres erforschen. Aus alledem können wir uns eine Vorstellung machen, was der Mensch ist. Im Grunde genommen ist es kein großer Unterschied zwischen dem Sichtbaren, Tastbaren am Menschen und dem, was der Anatom, der Physiologe findet, wenn er den Menschen zergliedert. Alles das begreifen wir zusammen als das, was wir wissen können am Menschen. Manche sagen: Es gibt nichts anderes am Menschen als das, was die Sinne erfassen, was die Wissenschaft erforschen kann. — Andere sagen: Wohl gibt es noch vieles andere, doch wir können es nicht erforschen, wir müssen uns auf die sinnlichen Tatsachen beschränken. - Doch die Geisteswissenschaft sagt das nicht; für sie ist all das nur ein Teil der menschlichen Wesenheit. Der physische Menschenleib ist für sie nur ein Teil der sehr komplizierten menschlichen Wesenheit.

Das gilt für viele als eine Art von Unbescheidenheit, wenn man sagt, dass man noch mehr vom Menschen und der Welt wissen kann. Man fragt: Woher weißt du diese Dinge? Du kannst sie nicht wissen, denn es gibt Grenzen in unserer Erkenntnis! — Ich führe da ein Wort eines großen deutschen Denkers an, Johann Gottlieb Fichte, der 1811 vor einer großen Schar von Zuhörern dasselbe besprach, was die Theosophie immer wieder wird besprechen müssen: was als Unsichtbares dem Menschen zugrunde liegt. Fichte sagt: Wenn man sich vorstellt, man sei der einzig Sehende in einer Welt von Blinden, man spräche diesen von Formen und Farben, von all den Herrlichkeiten, die das Auge uns überliefert, dann könnten diese Blinden sagen, das sei alles zusammenphantasiertes Zeug. In dem Augenblick aber, wo man imstande sei, all diesen Blinden das Sehvermögen zu geben, dann sehen sie eine neue Welt, alles das, wovon der eine ihnen gesprochen, das steht dann vor ihnen. Der Blinde sieht dann ein, dass er kein Recht gehabt hat, zu sagen, es gibt keine Formen, keine Farben. — In demselben Sinne spricht die Theosophie von den höheren Welten. Das sind keine neuen Welten, sie sind um uns herum, wir sind inmitten derselben, nur fehlen dem Menschen die Organe, die Fähigkeiten, sie wahrzunehmen. — Die Theosophie sagt: Die Welt, die unsere physischen Sinne wahrnehmen, ist nicht die einzige; wir können unsere Wahrnehmungen erweitern, können noch andere Welten wahrnehmen. — Nicht in einem unfassbaren Jenseits, nicht in einem Wolkenkuckucksheim liegen sie, sondern um uns herum. Nicht in einem Zaubersinn spricht die Theosophie von diesen Welten, sondern in demselben Sinn wie Johann Gottlieb Fichte.

Die Sinne zur Wahrnehmung anderer Welten sich zu verschaffen, ist möglich durch die Theosophie. Eingeweihte, Initiierte konnten von jeher Zeugnis abgeben von dem, was sie selbst geschaut und erlebt in diesen Welten. Diese geistigen Sinne liegen in einem jeden Menschen, sie können herausgeholt und entwickelt werden durch die geisteswissenschaftliche Methode. Wenn der Mensch Geduld und Energie genug besitzt, sich in der Schulung diesen Methoden zu unterwerfen, dann kann er in die anderen Welten hineinschauen, wie der Blinde die Farben schaut, nachdem er operiert ist. [Dem Blindgeborenen allerdings hilft diese Operation nicht, doch ein jeder kann durch die Schulung diese geistige Operation erlangen.]

Alle Religionen der Welt sind hervorgegangen aus dem, was die Initiierten gesehen haben in den geistigen Welten, die rings um uns herum sind. Sie haben der Welt davon Kundschaft gegeben, und aufgezeichnet steht in den heiligen Urkunden das, was die Seher gesehen. Nur wir stehen jetzt in einer Zeit, wo die Menschheit von Neuem einen Strom geistigen Lebens herunterholt aus diesen geistigen Welten. Daher gibt die Theosophie diese Weisheit von den übersinnlichen Welten in populären Vorträgen [einem großen Teil der Welt]. Das ist der Grund, warum solche Lehren heute öffentlich mitgeteilt werden, die sonst nur ein kleiner Kreis vorbereiteter Menschen empfangen durfte.

Vor einem solchen Menschen, der hineinsieht in die geistigen Welten, stehen aber so wahr und wirklich wie der physische Leib auch die höheren Glieder der Menschennatur. Ich kann Ihnen heute nur Andeutungen geben und einen Überblick über das, was die Theosophie in diesen Dingen zu sagen hat.

Der physische Leib ist das Glied der Menschennatur, das die Stoffe mit der gesamten leblosen, mineralischen Welt gemeinsam hat. Alle Stoffe der Umwelt, alle Metalle der Erde enthalten dieselben Stoffe wie dieser Leib. Dennoch unterscheidet er sich von den sogenannten leblosen Wesen. Er hat dieselben Stoffe in sich, aber er würde zerfallen in sich selbst, wenn nicht eine gewisse Komplikation, ein anderes Prinzip, ein anderes Glied ihn zusammenhielte. Ein Bergkristall besteht in sich selbst. Das kann der physische Menschenleib nicht.

Das zweite Glied desselben, das er mit den Pflanzen und Tieren gemeinsam hat, doch nicht mit dem Mineralreich, das ist der Ätherleib. [Das ist nicht der hypothetische Äther, den die Physik annimmt.] Er hat die Aufgabe, in jedem Augenblick des Lebens den Zerfall des physischen Leibes zu verhindern. Erst der Tod trennt diesen Ätherleib von dem physischen Leib, dann ist derselbe «Leichnam», er zerfällt, wenn er den Stoffen, die in ihm sind, ausgeliefert wird. In jedem Augenblick des Lebens kämpft der Lebensleib gegen den Zerfall des physischen Leibes.

Bis in das neunzehnte Jahrhundert galt es für selbstverständlich, auch für die äußere Wissenschaft, dass es im Lebewesen etwas Derartiges gäbe, man nannte es Lebensprinzip. Erst um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts begann man, alles das abzuweisen, was man nicht mit den Augen sehen konnte; und man galt als Dummkopf, wenn man trotzdem daran festhielt. Die materialistischen Gelehrten - wie [Vogt], Moleschott — schufen eine Weltanschauung, die das Leben nur aus einer Kombination von Atomen erklären wollte. Heute kommen Einzelne dazu, zuzugeben, dass es doch etwas darüber Hinausgehendes geben müsse.

Für die Theosophie ist dieser Äther- oder Lebensleib zu finden in der Pflanze, [in] Tier und Mensch, und er ist so wirklich für den, der in die geistigen Welten hineinschauen kann, wie der physische Leib; man kann ihn sehen mit dem, was Goethe die geistigen Augen nennt.

Dies ist das zweite Glied. Das dritte können wir uns vor die Seele rufen, wenn wir darüber nachdenken, dass der Mensch, der vor uns steht, nicht allein besteht aus dem, was wir sehen von ihm, nicht aus Farben und Formen, sondern dass innerhalb der Haut, die das Physische umschließt, etwas lebt, was nur die Gedankenlosigkeit nicht berücksichtigen kann. Und das ist etwas viel, viel Wichtigeres als der physische Leib. Alles, was wir nicht wahrnehmen können, die Triebe, Freude, Lust, Leid, Schmerz, Begierde, die im Menschen leben von der Geburt an bis zum Tode, alles das ist ebenso wirklich wie die Farbe auf seinen Wangen. Das alles sind nicht Folgen von Vorgängen in den Stoffen des Leibes. Die Theosophie sagt: Dieser Träger von Begierden, Leidenschaften und so weiter im Menschen ist eine Wesenheit, die eher da war, die der Ursprung ist des physischen Leibes.

Machen wir uns das klar am Wasser und Eis. Eis ist Wasser, nur in anderer Form. So gewiss Eis wieder Wasser werden kann und ursprünglich Wasser ist, so gewiss zeigt die Geisteswissenschaft, dass alle Materie, aller Stoff, nichts anderes ist als verfestigtes Geistiges. So wahr Eis Wasser ist, so wahr ist es, dass alles, was im Menschen als Trieb, Begierde, Lust und Schmerz lebt, sich verdichtet hat, sich gleichsam kristallisiert zum physischen Leib. Der ist ein Geschöpf des Astralleibes, dieses dritten Gliedes der Menschennatur. Den hat der Mensch nicht mehr mit der Pflanze, sondern nur mit dem Tier gemeinsam.

So haben wir den physischen Leib mit dem Mineral, Pflanze und Tier gleich, den Ätherleib mit Pflanze und Tier, den Astralleib nur mit dem Tier gemeinsam. Manche Forscher behaupten allerdings, dass auch manche Pflanzen Empfindung zeigen, da sie auf Reize antworten, doch das ist eine dilettantische Ansicht, wenn man sagt, die Pflanze habe Empfindung. Wer das sagt, weiß nicht, was man unter Empfindung versteht. Erst ein Wesen, das diesen äußeren Reiz im Innern spiegelt, erst das ist ein Wesen, dem man Empfindung zusprechen kann, erst ein solches Wesen hat einen astralischen Leib. Wollte man das von den Pflanzen sagen, dann könnte man es ebenso gut vom blauen Lackmuspapier sagen, das sich unter gewissen Umständen, die einen gewissen Reiz ausüben, in rotes verwandelt.

Wir haben nun drei Glieder der menschlichen Wesenheit und kommen zu dem vierten. Erschrecken Sie nicht über diese vielen Glieder! Der Mensch ist eben eine sehr komplizierte Wesenheit. Zu diesem vierten Gliede kommen wir durch eine einfache Erwägung. Wir verstehen es am leichtesten, wenn wir folgenden Gedankengang einschlagen: Im ganzen Umkreis der deutschen Sprache gibt es ein Wort, das sich von allen anderen unterscheidet. Alles andere, was uns umgibt, kann man nennen, doch ein Wörtchen kann niemand zu Ihnen sagen, das können Sie nur selber zu sich sagen, das ist das Wörtchen «Ich»! Dieses Wort muss aus der Seele eines jeden selbst herausklingen, jedes andere ist für Sie ein Du; nur sich selbst sind Sie ein Ich! Man merkt nicht gleich die hohe Bedeutung dieser Tatsache. Das Ich kann nie von außen an unser Ohr klingen, [es muss in der Seele selbst erklingen], die Seele muss es als ihren innersten Namen aussprechen. Das wussten die alten Religionenstifter sehr wohl, die auf Geisteswissenschaft ihre Religion aufgebaut haben. Man nannte das, was im Innern des Menschen zu reden beginnt, den Geist im Menschen, man nannte es den unaussprechlichen Namen Gottes! Das Ich, der Gott im Menschen kündigt sich an in diesem Wort!

Niemand darf sagen, die Theosophie behaupte, Gott ist im Menschen, wie oft oberflächlich behauptet wird, aber so wenig, wie man, wenn man einen Tropfen aus dem Meer nimmt, sagen kann: Dieser Tropfen ist das Mcer, dabei aber doch weiß, dass dieser Tropfen in seiner Essenz dasselbe ist wie das Meer, ebenso wenig kann jemand, wenn er zu seiner Seele sagt «Ich», den umfassenden Geist meinen. Das ist er ebenso wenig, wie der Tropfen das Meer ist, und dennoch ist er die gleiche Wesenheit wie der göttliche Allgeist. In diesem Sinne müssen Sie das auffassen. In diesem Sinne nannten die alten Hebräer Jahve, Jehova den unaussprechlichen Namen Gottes, das bedeutet die Wesenheit, das Ich. Deshalb ging ein tiefer, ehrfurchtsvoller Schauer durch die Reihen des Volkes, wenn, der dazu berufen war, einmal im Jahre diesen heiligen Namen aussprach: Jahve, das heißt: Ich bin, der da ist, der da war und der da sein wird!

Deshalb fühlen tiefere Naturen das als ein einschneidendes Ereignis, wenn im Laufe des Lebens sie in innere Berührung mit diesem ewigen Geist des Lebens kommen, wenn in ihnen das aufwacht: Ich bin ein Ich. Jean Paul zum Beispiel, als ihm dies klar wurde —- er war erst ein Kind von sieben Jahren —, empfand dies als ein gewaltiges Ereignis, als blicke er in das verhangene Heiligtum seines Innern, und er erinnerte sich noch in seinen späteren Jahren gern der äußeren Umstände, als ihm dies auftauchte.

Und in dieses verhangene Heiligtum sehen auch wir hinein, wenn wir zum ersten Male bewusst dieses Wörtchen «Ich» aussprechen. Das ist es, was den Menschen zur Krone der Erdenschöpfung macht, dies Ich, das den Körper durchglüht und durchströmt, das macht ihn zum heiligsten Wesen auf Erden! Damit bezeichnen wir das vierte Glied seiner Wesenheit. Das ist es, was in der pythagoräischen Schule als die heilige Vierheit zu verstehen ist. Wenn das im Menschen auftritt, dann ist er zu einer höheren Stufe der Erkenntnis aufgerückt, die geheimnisvoll ausdrückt das Tiefste in der Menschennatur. Doch das ist noch nicht alles.

Die Menschen unterscheiden sich nicht voneinander in Bezug auf diese Vierheit, die hat jeder Mensch. Es muss einen anderen Unterschied zwischen ihnen geben. Machen wir uns klar den Unterschied zwischen einem Menschenfresser, einem gewöhnlichen Durchschnittsmenschen und einem hohen Idealisten, wie zum Beispiel Schiller, oder einem Franz von Assisi. Wir sehen einen großen Unterschied zwischen solchen Menschen bestehen!

Darwin erzählt, auf einer seiner Reisen sei er in ein Gebiet gekommen, das von einem Menschenfresserstamm bewohnt war. Er ließ dem Häuptling durch seinen Dolmetsch klarmachen, wie schlecht es doch sei, einen Menschen zu fressen. Der «Wilde» aber schaute den Europäer erstaunt an und erwiderte naiv, das könne er ja gar nicht wissen, ob es gut oder schlecht sei, ehe er selbst einen Menschen gefressen habe! — Er hatte eben nur im Sinne, ob etwas für ihn gut oder schlecht sei, das heißt schmecke.

Aber solch ein Mensch hat auch die vier Glieder, von denen ich Ihnen sprach. Wodurch unterscheidet sich nun der europäische Durchschnittsmensch von einem solchen «Wilden»? Der sagt sich von manchen Trieben: Ihnen darfst du folgen, von anderen verbietet er sich dies. Er hat moralische Begriffe, die ihm das eine verbieten und das andere gestatten; er hat seine Triebe und Leidenschaften geläutert und gereinigt, er hat, wenn er ein wenig höher steht, gewisse Ideale, denen er nachstrebt. Wodurch unterscheidet er sich von dem «Wilden»? Er hat seinen Astralkörper bearbeitet, den Körper, der der Träger ist von Begierden und Leidenschaften. Das hat der «Wilde» noch nicht getan, er hat noch keine Arbeit darauf verwendet, er lebt noch in seinen Trieben und Lüsten, und der Teil seiner Leiber, das Ich, lebt in ihm, wie es ihm von den Göttern überliefert ist. Je höher der Mensch steht, desto mehr arbeitet dieses göttliche Erbteil in ihm und wandelt die anderen Leiber um. Der Idealist hat noch mehr umgewandelt an sich, er hat noch mehr unter die Herrschaft des Ich gebracht; und derjenige Mensch, der seine Triebe und Leidenschaften so in der Hand hat, dass nichts geschieht, was er nicht selbst als das Richtige und Gute erkennt, der sich nie mehr fortreißen lässt von seinen Trieben und Begierden, der hat seinen Astralleib ganz geläutert und veredelt.

So haben wir dann fünf Glieder der Menschennatur: die Vierheit physischer Leib, Ätherleib, Astralleib, darin das Ich, und dann den Teil, den das Ich sich selbst ausgearbeitet hat, dieses Glied bezeichnen wir mit Geistselbst oder Manas, er ist ein Umwandlungsprodukt des astralischen Leibes. Und so viel der Mensch in seinem astralischen Leibe umgearbeitet hat, so viel hat er in sich vom Geistselbst oder Manas.

Der Mensch kann nun auch an seinem Ätherleib oder Lebensleib arbeiten. Derselbe ist nicht nur der Träger der Ernährung, des Wachstums und der Fortpflanzungskräfte, sondern auch der Träger der bleibenden Gewohnheiten, des Charakters, des Gewissens, des Temperamentes. Ob ein Mensch gut oder schlecht ist — im normalen Sinne —, das hängt ab vom Astralleib, doch ob er ein Melancholiker oder ein Choleriker ist, hängt ab vom Ätherleibe. Denken sie einmal nach, wie wenig Sie als achtjähriges Kind gewusst haben. Sie haben seitdem viel gelernt, wenn Sie aber ein jähzorniges Kind waren, dann wird der Jähzorn noch manchmal bei Ihnen durchbrechen, waren Sie ein melancholisches Kind, werden Sie noch manchmal mit Trübseligkeit zu kämpfen haben. Alles, was im Astralleib ist, verändert sich schnell, alles, was im Ätherleib verankert ist, ändert sich langsam, sodass man das Umarbeiten des Astralleibes mit dem Minutenzeiger, das des Ätherleibes mit dem Stundenzeiger der Uhr vergleichen könnte.

Daher hat auch das Ich viel größere Schwierigkeiten, wenn es auf den Ätherleib wirken soll. Starke Impulse zu dessen Umwandlung gibt die hohe, reine Kunst, die ein Ewiges ahnen und schauen lässt, starke Impulse auch die Größe und Herrlichkeit der Natur und der Schöpfungen Gottes, am allerstärksten aber wirken zur Umwandlung des Lebensleibes die religiösen Impulse; nicht moralische Anweisungen mit abstrakten Begriffen, doch ein Sich-Vertiefen in den ewigen Inhalt des Seins, ein Sich-Versenken in das, was in den großen Religionen uns als Weisheit gegeben ist, das löst aus Impulse, die stark veredelnd auf des Menschen Ätherleib wirken, und daher die große Bedeutung [derselben] für die Menschheit.

Hier ist es, wo die Schulung und Erziehung des Eingeweihten beginnt. Er hat anderes zu lernen und durchzumachen als das, was man im Schulsinn lernen nennt. Er muss selbstverständlich auch das lernen, was in dem Astralleib lebt und erfasst werden kann, das, was man lernen im gewöhnlichen Sinne nennt, ebenfalls, doch ist das nicht die Hauptsache. Der Schüler hat mehr getan in der Richtung der Einweihung, wenn er eine Neigung bekämpft, eine Gewohnheit bewusst abgelegt hat. In den Einweihungsschulen wird daher besonders darauf hingearbeitet; der Schüler muss Übungen durchmachen, die es ihm ermöglichen, sein Temperament zu ändern, seinen Charakter zu überwinden; und diese Arbeit führt hinauf in höhere Welten. Alles das, was gelingt im Ätherleib umzuwandeln, sodass das Ich es beherrscht, das nennt man Lebensgeist oder Budhi. So ist der sechste Teil der menschlichen Wesenheit der umgewandelte Ätherleib oder Lebensleib.

Wenn wir noch weiter gehen, dann kommen wir zu der höchsten Stufe, wo der Eingeweihte an seinem physischen Leibe zu arbeiten beginnt; das ist das siebte Glied der Zukunft. Es mag sonderbar scheinen, dass durch das Höchste das Niederste im Menschen, der physische Leib, bearbeitet wird, doch müssen wir bedenken, dass dadurch der Mensch auch fähig wird, hinauszuwirken in die physische Welt, aus der der Menschenleib selbst seinen Stoff genommen hat. Der Eingeweihte auf dieser Stufe kann in den Kosmos hinauswirken! Durch eine Umwandlung des Atmungsprozesses wird diese Stufe erreicht, sie wird Atma genannt — Atma, das heißt Atmen, weil es zusammenhängt mit dem Atmen —, oder auch Geistesmensch.

So haben wir die Vierheit des Menschen und die sogenannte höhere Dreiheit, die aus der Vierheit hervorgeht, die ein Umwandlungsprozess der Vierheit ist. Wir wollen jetzt noch einen Blick tun auf das Arbeiten dieser Glieder im Menschen, wir wollen den Menschen im Leben sowohl wie auch im Tode betrachten.

Was ist der Schlaf? Er bringt eine Veränderung in den Zusammenhang der eben geschilderten Glieder der Menschennatur. Solange der Mensch wacht, vom Morgen bis zum Abend, sind sie ineinander verschlungen und bilden ein lebendiges System ineinander wirkender Kräfte. Anders ist es nun im Schlaf. Hinuntergesunken sind Lust und Leid, Freude und Schmerz, wenn der Mensch im tiefen, traumlosen Schlaf liegt. Dass dies alles für den Menschen nicht da ist, kommt daher, weil sein Astralleib, der der Träger von Lust und Leid ist, im Schlaf ihn verlassen hat. Im Bette liegt nur der physische Leib des Menschen verbunden mit dem Ätherleib. Der Astralleib ist außerhalb des Menschen, sobald er in Schlaf versinkt. Was tut nun dieser Astralleib während der Nacht? Ruht er irgendwo im Wesenlosen? Nein! Grade wenn wir wissen, was der Astralleib in der Nacht tut, dann tun wir einen tiefen Blick hinein in das Wesen des Menschen.

Solange der Astralleib am Tage im physischen Leib darinnen ist, nimmt er durch die physischen Organe wahr. Durch das Auge empfängt er Licht und Farben, durch das Ohr Töne, und so weiter. Der Astralleib empfindet diese Dinge, denn die Empfindung sitzt in ihm. Doch dadurch, dass er im physischen Leib drinnensteckt, empfindet er auch die Disharmonien der Umwelt, um ihn ist keine Harmonie vorhanden, und [das] nutzt ihn fortwährend ab. Diese Abnutzung des astralischen Leibes drückt sich aus dadurch, dass der Mensch ermüdet. So lange nun der Astralleib drinnen ist, ist er beschäftigt mit der Außenwelt, sobald er aber draußen ist, arbeitet er an der Ausbesserung des physischen Leibes, er ist in der Nacht beschäftigt, die Ermüdungsstoffe wegzuschaffen. Das ist sein Geschäft in der Nacht. Der Mensch würde viel eher sterben, wenn der Astralleib das nicht jede Nacht täte und seine Kräfte nicht hinuntersenden würde in den physischen Körper, um ihn in den Zustand zu bringen, in dem er sein muss, um das Leben weiterzuführen.

Wir müssen uns das so vorstellen: Denken wir uns, dass wir, wie in einem großen Gefäß mit Wasser, eingeschlossen sind in einem Meer von Astralität. Von dieser saugt ein jeder Mensch, gewissermaßen wie ein Schwämmchen, tagsüber einen Tropfen in sich hinein und entlässt ihn wieder in der Nacht. Und so taucht in der Nacht der Astralleib unter in das, woher er stammt, er ist nachts wieder in seiner Heimat. Wie die ausschaut, kann Ihnen nur der Hellseher sagen. Der gewöhnliche Mensch hat keinerlei Einblick darin, doch bei dem Hellseher ist das anders, für ihn eröffnet sich in der Nacht in seinem bewussten Schlaf eine Welt von Licht und Farben, er lebt bewusst in der Welt der Sphärenharmonie, in der der Astralleib eines jeden Menschen unbewusst auch lebt. Und diese Welt ist keine Phantasie, diese Sphärenharmonie ist eine Wirklichkeit! Sie ist der Urgrund aller Dinge, es ist dasselbe, was man in der christlichen Religion nennt die Reiche der Himmel. Die Eingeweihten haben das immer gewusst. — Es mag wohl unerhört für viele klingen, wenn ich sage: Goethe wusste das auch! Wenn der Mensch in den Himmel hinauf entrückt wird, dann hört er jene Harmonien der Sphären, aus der die ganze Welt entstanden ist, und Goethe drückt das aus, wenn er sagt:

Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,

und so weiter. Wenn wir diese Stelle oberflächlich ansehen, können wir sie uns nicht erklären. Die physische Sonne tönt nicht! Aber die Sonne hat ihren Geist, und diese geistige Wesenheit ist es, die tönt in Sphärenwettgesang! Und diesen Geist meint Goethe, den derjenige wahrzunehmen vermag, der in den geistigen Welten wahrnehmen kann. Und ferner der Schluss des Faustdramas, [die Arielszene, was steht da]:

Tönend wird für Geistesohren
Nun der neue Tag geboren;
Es drommetet, es posaunet,

und so weiter. Weil die Seele in diesem tönenden Astralmeer, in dieser Sphärenharmonie in der Nacht lebt, nennt sie Paracelsus mit Recht den Astralleib, denn sie ist jede Nacht in ihre ursprüngliche Heimat, in die Welt der Sterne versetzt.

Solange dieser Astralleib noch nicht ganz aus dem Äther- und physischen Leibe heraus ist, ist die Zeit, wo aus der unbewussten nächtlichen Finsternis die Träume auftauchen. Solange der Astralleib noch nicht ganz seine Verbindung mit dem Menschen gelöst hat, träumt der Mensch. Ist der Astralleib ganz drin im Menschen, lebt er im wachen Tagesbewusstsein.

Wenn der Mensch nun stirbt, treten andere Veränderungen ein. Es bleibt zurück vom Menschen nach dem Tode nur der physische Leib, der Astralleib ist mit dem Ätherleib fortgegangen. [Nur in den seltensten Fällen geschieht es, dass der Astralleib den Ätherleib mit herausnimmt.] Gewöhnlich tritt nach dem Tode für den Menschen etwas Besonderes ein.

Das ganze bisherige letzte Leben tritt dann wie ein großes Tableau, wie ein Wandelpanorama vor die Seele des Menschen, doch in ganz eigentümlicher Art, denn alles, was den Menschen gefreut und ihm Leid bereitet hat in seinem Leben, das fehlt in diesem Gemälde, ganz objektiv schaut der Mensch sein Leben an. Das ist, solange der Ätherleib mit dem Astralleib und dem Ich verbunden ist. Dann trennt sich der Astralleib, und der zweite Leichnam des Menschen bleibt zurück, der Ätherleichnam. Der löst sich auf in den allgemeinen kosmischen Äther, ebenso wie sich der physische Leichnam auflöst, nur bedeutend schneller. Doch eine Essenz, ein Kraftzentrum bleibt zurück von diesem Lebenstableau, gewissermaßen eine Summe der Erlebnisse. Wie wenn man einem Buch ein neues Blatt hinzufügt, so fügen Sie jedes Mal den Inhalt Ihres letzten Lebens hinzu in diesem hellsehenden Umblick nach Ihrem Tode. Das kann Stunden, aber auch Tage währen, je nach der Individualität des Menschen.

Im menschlichen Leben gibt es Momente, die diesem ähnlich sind. Wenn der Mensch einen starken Schrecken erhält, wenn er zum Beispiel bei einer Bergpartie einen Absturz erleidet oder in Gefahr des Ertrinkens ist, dann zieht auch wohl sein ganzes Leben wie ein Tableau an ihm vorbei, und selbst materialistisch Denkende haben das erlebt und bekundet, wie zum Beispiel der Kriminalanthropologe Benedikt in Wien. Worin liegt die Ursache für dies Erlebnis? Sie alle kennen das Gefühl, was wir haben, wenn ein Glied eingeschlafen ist, dies prickelnde Gefühl, Kinder sagen wohl: Es ist wie Selterswasser in meinen Fingern. Als Hellseher sieht man, dass in einem solchen eingeschlafenen Gliede der Ätherleib sich gelockert hat, sodass die Ätherhand bei einer eingeschlafenen Hand zum Beispiel seitwärts heraushängt, und ebenso ist es mit dem Kopf der Fall, wenn der Mensch sich in Hypnose befindet. Erhält der Mensch nun einen solchen Schreck, dann lockert sich für einen kurzen Moment der ganze Ätherleib. Weil nun der Ätherleib der Träger des Gedächtnisses ist und sonst fortwährend im physischen Leibe drinsteckt, kann er sich im gewöhnlichen Leben nur so viel erinnern, was ihm der physische Leib erlaubt. Doch in solchen Momenten, wo der Ätherleib frei wird, also der physische Leib kein Hindernis mehr ist, da tritt dann die Erinnerung voll und ganz auf.

Nun sagte mir vor Kurzem jemand, er sei dem Ertrinken nahe gewesen, habe aber das Erinnerungstableau nicht gehabt, da er bewusstlos gewesen sei. Das ist grade der Beweis dafür, denn wenn der Mensch bewusstlos ist, also der Astralleib auch heraus ist, der der Träger des Bewusstseins ist, kann natürlich diese Erinnerung nicht auftreten.

Nun tritt für den Astralleib nach dem Tode, wenn er nun befreit ist vom physischen Leibe und dem Ätherleibe, die als zwei Leichname zurückbleiben und ihre Stoffe der Umwelt zurückgeben, eine gewisse Epoche ein: die sogenannte Kamalokazeit. Kamaloka ist kein Ort, der fern von uns ist. Die Menschen, die gestorben sind, sind durchaus immer um uns. Der hellseherische Blick kann sie immer sehen.

Wir können uns das klarmachen durch eine einfache Logik. In welcher Lage ist der Mensch nun, nach dem Tode? Denken wir zum Beispiel an einen Feinschmecker, der im Leben eine Leidenschaft, sagen wir, für Beefsteaks hatte. - Den Genuss davon hatte nicht der physische Leib, sondern der Astralleib, der der Träger der Begierden, Leidenschaften, Empfindungen und so weiter ist, doch er braucht den physischen Leib, um sich diesen Genuss zu verschaffen; der ist sein Instrument gewissermaßen. Nun hat er nach dem Tode den physischen Leib abgelegt, hat also kein Instrument mehr, aber noch genau dieselbe Sehnsucht nach der Befriedigung seiner Begierden.

Es ist dieselbe Lage, in der ein Mensch sich befindet, der in einer schönen Gegend weit und breit kein Wasser findet und brennenden Durst erleiden muss. Ebenso brennt die ungestillte Sehnsucht im Astralleib nach den physischen Genüssen. So lange der Mensch sich die noch nicht abgewöhnt hat, so lange seine Gier nach dieser Befriedigung besteht, so lange dauert seine Kamalokazeit. Erst wenn ihn nichts mehr hinzieht in diese Welt, kann er hinaufsteigen in die eigentliche Geisteswelt, himmlische Welt.

Man könnte wohl fragen: Ist sich der Mensch bewusst in diesem Kamalokazustand? Gewiss, denn dieselben Kräfte, die der Mensch in seinem Astralleib hat und die jede Nacht in den kosmischen Raum hinausgehen, dort in der Harmonie des Unendlichen leben und dadurch die verbrauchten Kräfte des physischen Körpers immer wieder erneuern —, grade die sind es jetzt, die er in sich selber verwendet in diesem Zustand. Also muss der Mensch bewusst sein nach dem Tode.

Nun steigt der Mensch hinauf in die geistigen Welten und nimmt diese Essenz, von der ich Ihnen gesprochen habe, aus seinem Ätherleibe und eine ähnliche Essenz aus seinem Astralleibe mit sich dahin.

Die Essenz, die er sich an seinem Ätherleibe erarbeitet hat im Laufe seines Lebens, die beeinflusst sein Gefühlsleben in moralischer Beziehung, und das, was er sich an seinem Astralleib erarbeitet hat, beeinflusst sein Begierden- und Triebleben. Er lebt nun eine gewisse Zahl von Jahren in den geistigen Welten, dann steigt er wieder hinunter in die Welt, ausgerüstet mit dem, was er sich selbst in dieser Weise erarbeitet hat, mit einem mehr oder weniger gereinigten Äther- und Astralleib, und jedes neue Leben, das er führt, ist gleichsam ein neues Blatt in dem Buche seines Lebens. Je mehr Verkörperungen er erlebt hat und je besser er sie angewendet hat, um sich zu veredeln und höher zu streben, desto reicher ist das neue Leben, [und so steigt der Mensch von Leben zu Leben] und es vervollkommnet sich mehr und mehr. Er ist nicht losgetrennt in einem Leben, nichts ist ein bloßes Spiel des Zufalls, sondern seine Leben hängen zusammen. Ebenso, wie im täglichen Leben die Arbeit des einen Tages die des andern Tages vorbereitet und beeinflusst, so hängt unsere Vergangenheit mit der Zukunft zusammen, und so schaffen wir uns selbst unsere eigene Zukunft durch unser Verhalten in der Gegenwart. Das ist ein Gesetz, das durch die ganze Natur durchgeht, durch die leblose sowohl wie durch die lebende.

Und diesen Zusammenhang zwischen den Ereignissen die später geschehen, und denen, die früher geschehen sind, nennt man [«Krma» — nicht «Karma»]. Aus jedem Lebenslauf geht für jeden Menschen ein gewisses [Krma] hervor. Das hat etwas tief Versöhnendes, wenn es in der richtigen Weise betrachtet wird; denn wenn wir im Leben oftmals einen tüchtigen, guten Menschen zu Armut und Elend verdammt sehen und einen anderen, scheinbar ganz ohne Verdienst, in Glück und Freude leben sehen, dann fragen wir wohl vergeblich, wie das kommen kann, was so ungerecht erscheint! Aber wenn wir das Gesetz von [Krma] kennen, wenn wir wissen, dass ein jeder sich sein Schicksal selbst zubereitet, dass [Krma] ein Lebensgesetz ist, wenn wir wissen: Alles, was ich tue, trägt seine Früchte, tue ich etwas Törichtes, Böses, dann werden die Früchte ebenso sein, tue ich Gutes, dann wird Glück und Freude die Folge sein -, dann wird dieses Gesetz etwas tief Versöhnendes sein für einen jeden, und wenn es erst, nicht nur theoretisch, sondern in Wahrheit das Leben des Menschen durchleuchtet, dann wird es in ihm neue Kräfte entfalten, es wird ihm Zuversicht, Orientierungsvermögen und Sicherheit im Leben geben.

Auch mit der Erlösung Christi lässt sich das Gesetz vollkommen vereinigen, sobald es richtig verstanden wird. Die Theologen sagen: Wir reden von der Erlösung durch den Christus Jesus, ihr aber redet davon, dass man sich selbst erlösen müsse. Ihr glaubt nicht an die Erlösungsidee! — Das ist nicht so. Wie der Kaufmann jeden Augenblick seine Bilanz ziehen und trotzdem jeden Augenblick neue Posten einschreiben kann, so kann man auch im Leben jeden Moment neue Posten in sein Lebensbuch einschreiben. [Krma] verträgt sich vollkommen mit der Freiheit des Willens, wir können schlechte, wir können gute Posten einschreiben. Nun können wir, wenn wir stark genug sind, einem Mitmenschen helfen. [Sind wir noch mächtiger, können wir zweien helfen] und so weiter, ein übermächtiges Wesen aber, wie der Christus Jesus, der in der Menschheit erschienen ist, der kann zahllosen Menschen helfen durch eine einzige Tat, die die Zeiten überleuchtet. Richtig verstanden stimmt so das [Krma]gesetz vollständig überein mit der christlichen Idee der Erlösung, es ist auch mit der ganzen christlichen Lehre vereinbar.

Wenn die Lehre von der Natur und Wesenheit des Menschen allmählich eindringt in die Menschheit, wenn sie davon durchdrungen und vergeistigt sein wird, dann wird auch neues Leben, neues Werden sie durchströmen. Denn die Menschheit braucht diese Lehren jetzt. Die Seelen der Menschen würden austrocknen unter den Verhältnissen, die am Eingang angedeutet worden sind. Die Theosophie musste kommen, es war eine Lebensnotwendigkeit für die Menschheit. Wenn sie auch jetzt noch angefeindet wird, was schadet das? Alles, was neu und unbegreiflich erscheint, ist zuerst angefeindet worden und nachher selbstverständlich geworden. Man denke an die Postmarke — kein Postverwalter kam auf diese einfache Idee, und als sie zuerst aufkam, wurde sie «hirnverbrannt» genannt. Das war vor nur 70 Jahren! Und ebenso war es mit den ersten Eisenbahnen. Es hieß, wer darauf führe, müsse unweigerlich schwere Nervenerschütterungen davontragen.

Die Theosophie weist hin auf Dinge, und es kommt darauf an, dass sie sich im Leben bewähren, wenn man sie anwendet; und hat die Theosophie den Wahrheitsbeweis angetreten, dann wird sie ganz von selbst ihren Weg durch die Seelen der Menschen nehmen. [Denn sie ist das geistige Heilmittel für die Menschheit!] Nicht durch Reden, nicht durch Diskussionen — durch die Tat kann die Gesundung des geistigen Lebens erst gefunden werden. Und diesen Beweis warten diejenigen ab, die da wissen, was die Theosophie der Menschheit sein soll in den Zeiten, die da kommen werden. Erkenntnis, die ins Leben geht, Erkenntnisse tun uns not, die nicht durch die schwachen Kräfte unseres Verstandes allein gefunden werden können, sondern die aus höheren Welten einfließen sollen und müssen, um unsere Kultur neu zu beleben, die uns Kraft und Sicherheit geben sollen im Leben, die uns zu starken, schaffenden Menschen machen werden.

German original of The Essence of the Human Being · ← Previous · Next →