The Nature of Man in the Light of Spiritual Science

GA 68d — 11 October 1907, Leipzig

11. Der Krankheitswahn Im Lichte Der Geisteswissenschaft

Krankheit und Gesundheit sind Worte, die jeden Menschen interessieren und die in gewisser Beziehung im Mittelpunkt des Denkens und Fühlens stehen; nicht nur aus egoistischen Gründen, sondern weil damit die Lebenstüchtigkeit und die Lebensarbeit zusammenhängt. Derjenige, der sich einer guten Gesundheit erfreut, kann seinen Mitmenschen ein größerer Helfer sein als derjenige, der durch Krankheit und Leiden niedergedrückt ist; er wird freudiger seine Arbeit, seinen Beruf und seine Mission in der Welt erfüllen.

Wenn wir vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus über die Gesundheit und Krankheit sprechen, muss uns klar sein, dass wir einen anderen Standpunkt als der Materialist einnehmen müssen. Wir müssen unsere Betrachtungsweise auf eine höhere Stufe heben. Um aber einigermaßen das Wort «Krankheitswahn» zu rechtfertigen, möchte ich zwei Bilder vorführen, und Sie werden von dem einen sehen, dass Krankheitswahn etwas Modernes ist, und in dem anderen, inwieweit von Krankheitswahn zu reden ist.

Ich fuhr mit einer bekannten Persönlichkeit an vielen Ruinen vorbei, die malerisch auf den Hügeln lagen, aber unter vielen neueren Gebäuden, welche an den Höhen hinaufgebaut waren, zeigten sich auch viele Sanatorien. Der Mitreisende sagte: An Stärke und Kraft vergangener Zeiten mahnen jene Ruinen, und alle die Sanatorien dagegen an Schwäche und Krankheit. — Ich hatte die Notwendigkeit, auf eine kurze Zeit, eine Viertelstunde, ein Sanatorium zu besuchen. Zu dieser Zeit sehe ich eben sämtliche Patienten zum Mittagessen an mir vorüberziehen. Ich bekam den Eindruck, dass die meisten von ihnen etwas Besseres tun könnten, als dort zu sein.

Ein anderes Bild: Ich fuhr von Rostock nach Berlin mit einem Herrn und einer Dame. Sie teilten sich gegenseitig ihre Leiden mit. Die Dame empfahl dem Herrn für seine verschiedenen Leiden verschiedene Rezepte, er dagegen machte sie auf Lahmanns Buch aufmerksam, das er bei sich hatte und zu dessen Sanatorium sein Weg ihn führte. Der Frau fehlte einiges, aber dem Manne fehlte sicher der Wille zum Gesundsein. Es ist für jemand, der wenig selbst beobachtet, was man eingebildete Krankheit nennt. Hört man davon, so stellt man sich etwas Leichtes dabei vor. Wenn auch jenem Manne der Wille zum Gesundsein fehlte, so ist es doch nicht so leicht, ihm den Willen zu geben, ohne den Grund der wirklichen Tatsache zu kennen. Ein Krankheitsgrund ist da. Weh tat ihm alles Mögliche, auch da konnte man von Eingebildetem nicht reden. Wenn wir von Krankheitswahn sprechen, müssen wir bei der eingebildeten Krankheit uns klarmachen, wie sich die Krankheitsursache dazu verhält.

Derjenige, der das Leben betrachtet, zunächst der Arzt, der sich den Blick angeeignet und erkannt hat, was seelische Anlage und was physische Grundlage ist, kann viel davon sagen, welche Rolle die Einbildung spielt. Zum Beispiel, wenn in einer vielgelesenen Schrift über irgendeine Krankheit angegeben ist, was man da alles spürt, so finden sich viele Menschen beim Arzt ein, die die Anlage zu dieser Krankheit in sich zu spüren meinen. Ohne jene Schrift würde das nicht der Fall gewesen sein!

Wie ein Arzt sich in solchem Falle verhalten kann, zeigt Ihnen folgendes Beispiel: Ein berühmter Arzt wurde in eine Familie gerufen, wo nicht nur die Familie, sondern auch der Hausarzt glaubte, das junge Mädchen sei an einer Hirnhautentzündung erkrankt. Erst vermutete er, Liebesgeschichten seien schuld; dann fand er heraus, dass das junge Mädchen die Schule verlassen sollte, obgleich sie den dringenden Wunsch hatte, noch in sie besonders interessierenden Fächern unterrichtet zu werden. Er versprach ihr, das durchzusetzen unter der Bedingung, dass sie sofort sich ankleide, um in zehn Minuten an der Familientafel zu erscheinen. Keine Spur von Gehirnhautentzündung war zu merken. Es handelte sich im Allgemeinen um eine gewisse Verquickung seelischer Zustände.

Anderes Beispiel: Eine Dame litt seit dem Tode ihres Mannes an einem langwierigen Fußleiden; man schob es ihrem seelischen Zustand zu. Ein Arzt fand auf der Fußsohle ein großes Hühnerauge, und nach dessen Entfernung war auch der Nervenschmerz gehoben.

Ein Arzt erlebte Folgendes: Ein Bruder sah bei seines Bruders Knieoperation zu und hörte dabei einen Knacks, der ihn so energisch ergriff, dass er plötzlich Schmerz im Knie bekam, während der Operierte nichts empfand. — Bei Schlafmitteln wirken häufig Täuschungen. Wer nicht in solchen Fällen unterscheiden kann, wo hier die Grenze liegt, der wird nie zur Klarheit kommen. Gewisse Krankheitsformen stammen aus dem Seelischen, sie hängen im weitesten Umfang mit dem Leben der Jetztzeit zusammen.

Wollen wir in diese Sache hineinleuchten, [so] müssen wir die Geisteswissenschaft zu Hilfe nehmen. Wir müssen das Zusammenwirken der verschiedenen Teile oder Glieder im Menschen in Betracht ziehen. Der physische Leib ist ganz durchsetzt mit dem Ätherleib; dieser ist der Bildner des physischen Leibes. Würde der physische Leib sich allein überlassen bleiben, so würde er zerfallen. Der Ätherleib kämpft in jedem Augenblick [darum], den physischen Leib zusammenzuhalten. Bei Trennung ist der physische Leib ein Leichnam.

Eins möchte ich hier berühren: Eine Hoffnung der Wissenschaft besteht darin, dass zukünftig Lebendiges im Laboratorium aufgebaut werden könnte. Die Geisteswissenschaft ist sich klar, dass das dereinst noch der Fall sein wird. Was die chemischen Stoffe zusammenhält, nennen wir den Ätherleib. Der Träger der Begierden, von Schmerz und Freude, Leid und Lust ist der Astralleib. Ein jedes Wesen empfindet einen Stoß als Schmerz, das empfindet der Mensch wie das Tier.

Jetzt wollen wir von dem vierten Glied des Menschen reden, von dem Ich in Bezug auf seine drei Leiber. Wer sich diese Gliederung vor Augen stellt, wird sich klar sein, dass das, was wir Schmerz, Freude, Unlust nennen, einen Astralleib voraussetzt. Schmerzen sind nur da, wo ein Astralleib vorhanden ist. Wie verhalten sich nun diese drei Leiber zueinander?

Lust und Leid ist nicht bloß die Folge von dem, was im physischen Leib vor sich geht, Lust und Leid sind die Bildner des Äther- und des physischen Leibes. Der Astralleib war der erste und war schon lange vorher da. Warum sind sie so aufgebaut? Letzten Endes hat das der astralische Leib getan. Gehen wir weit, weit zurück, [so] kommen wir auf einen Zustand des Menschen, wo er nur Astralleib war.

Sie fragen: Wie haben solche Leiber vor Millionen von Jahren ausgeschaut? Für den Begriff unserer Zeit haben sie grotesk und spaßig ausgesehen mit ihren knochenlosen weichen Körpern mit Fangarmen, die sich weit hinaustrecken und zurückziehen konnten. Damals nahm zuerst die Seele Besitz von diesem eigenartigen Leibe und bildete ihn nach und nach herauf zur heutigen Gestalt. Ein schwacher Nachklang dieses Einflusses zeigt Ihnen noch heute das Erbleichen beim Schreck, das Erröten. Sie sehen, wie durch ein seelisches Empfinden eine körperliche Veränderung vor sich gehen kann. Damals konnte der Mensch noch mächtig wirken auf seinen Leib, weil der Leib noch ganz weich war. Der astralische Leib wirkt zuerst auf den Ätherleib und dieser auf den physischen Leib.

Lassen Sie uns klarmachen, wie diese Einwirkung geschieht. Nehmen wir irgendeinen Schmerz, eine Lust im astralischen Leib; was entsteht da im Ätherleib? Ein Bild, eine Form, und diese Form ist das, was sich in den physischen Leib hineinlebt, sodass der physische Leib ein Abdruck ist dieses Bildes.

Woher hat denn in alten Zeiten der astralische Leib Leid und Freude hergenommen? Inneres war es nicht. Er erlebte seine Umwelt. Damals erlebte er sie nicht durch Auge und Ohr. Körperformen sind der Ausdruck von Lust und Leid der Umwelt. Die vier Teile oder Glieder des Menschen müssen Sie sich in einer viel innigeren Verbindung denken, als es bei der Vorwelt der Fall war. Der Mensch kroch immer mehr in sein Körperliches hinein. Früher war der astralische Leib schöpferischer. Er formte den physischen Leib um. Im Wesentlichen ist jetzt diese Umgestaltung beinahe abgeschlossen; deshalb erleben wir auch mit, was im physischen Leib vor sich geht.

Wir wollen uns das Wesen des Schmerzes, von innen verursacht, klarmachen. Wodurch entsteht Schmerz? Der astralische Leib ist der Tätige. Nehmen wir folgenden Fall: Ist ein Finger weggeschnitten, so berührt das nur den physischen Finger; der astralische ist nicht zerschneidbar. Warum schmerzt es? Weil der Zusammenhang zwischen beiden gehemmt ist. Hemmung des Astralleibes ist Schmerz. Wo die Tätigkeit nicht gehemmt ist, kann kein Schmerz sein.

Was kommt da in Betracht? Hier ein Vergleich. Jemand war sich ganz klar, dass er einen Fehler in seinem Auge habe, der ihn in der Dämmerung oder bei besonderer Lichtwirkung eine Art Gespenst sehen ließ; es war eine Trübung in seinem Auge. Dasselbe, was im physischen Leib eintritt, kann auch für den höheren Leib, den Ätherleib, eintreten. Des Menschen Ätherleib erhält einen unrichtigen Eindruck, eine Trübung. Durch seine eigene Trübung wird der astralische Lauf gehemmt. Was muss dann auftreten? Schmerz ohne physische Ursache. Der Astralleib muss Bilder erzeugen. Ist der Ätherleib nicht richtig, dann erscheinen verzerrte Bilder. Schmerz kann [dadurch] entstehen, dass der physische Leib beschädigt ist, aber es ist auch möglich, dass der astralische Leib sein eigenes Hemmnis sich bildet. Erzeugt der Ätherleib falsche Bilder, so widerspricht es dem physischen Leib. Da entsteht ein falsches Hineinstellen in die physische Welt,

Ohne Ursache der Krankheit kann Nachahmung da sein. Das hat für unsere Weltanschauung eine tiefe Folge. Es macht uns unabhängig. Es macht uns aber auch klar, dass eine physische Erkrankung nur durch die Wirkung auf den physischen Leib geheilt werden kann. Ob wir äußerlich verletzt sind oder uns den Magen verdorben haben — in Wahrheit sind es äußerliche Verletzungen, die auch vom physischen Gebiet aus geheilt werden müssen. Was anders ist es, wenn im astralischen Leibe Hemmung entsteht. Was schadet das? Wenn Sie festhalten, dass das nicht drei getrennte Teile sind, wenn Sie annehmen, dass die höheren Leiber Bildner sind, wenn auch in engeren Grenzen als früher, so müssen Sie annehmen, dass es nicht bedeutungslos für den physischen Leib sein kann, wenn Hemmungen im astralischen Leib vorkommen. Schneidet man sich ins Fleisch, so schmerzt es; Haare und Nägel abzuschneiden schmerzt nicht. Diese Tatsache ist von grundlegender Bedeutung für das Verständnis. Alles, was in einem Lebendigen verletzt werden kann und nicht schmerzt, wächst wieder. Bei der Pflanze ersetzt sich das Blatt, die Blüte, weil sie keinen Schmerz daran hat. Niedere Tiere ebenfalls; sie können zerstückelt werden und die gelösten Teile ersetzen sich wieder. Der astralische Leib ist der Schmerz- und Lustträger; der Ätherleib ist der Wachstumsträger.

Schmerz ist etwas, was an sich selber zerstörend wirkt auf Ätherleib und physischen Leib. Der andauernde Schmerz ertötet nach und nach das Glied, das er ergreift. Wie können wir da gesundend wirken? Der physische Arzt erreicht durch physische Mittel Wirkung. Aber durch physische Mittel wird er nie imstande sein, eingreifend auf den astralischen Leib zu wirken, der die Krankheit imitiert. Was sollen wir da tun? Würde man Arzeneien geben, würde keine Wirkung erzielt werden, ja vielleicht eine Krankheit erzeugt werden. In einem Arzneibuch ist zu lesen: Ein Gift macht den Körper krank, außer wenn es sich im Körper mit einem anderen Gift streiten kann. Daher muss man Krankheitsursachen genau unterscheiden.

Auf welche Weise können wir einem kranken Ätherleib beikommen? Hier will ich nur auf eine bestimmte Tatsache hinweisen: Alles dasjenige, was auf den Menschen so wirkt, dass es im Einklang liegt mit den harmonischen Weltgesetzen, zerstört alle solche Krankheitserscheinungen, welche sich im physischen Leibe festsetzen.

Hier kommt es auf zwei Empfindungsweisen an. Die eine ist die, wo sich der Mensch immer mit seinem Ich beschäftigt. Die andere Empfindungsweise geht ab vom Ich, beschäftigt sich mit Kunst, hat Freude an der Sternenwelt, der Natur und anderen, kann darin aufgehen, sich vergessen. Das Überhandnehmen der ersten Empfindungsweise züchtet solche Körper, die zu Krankheit neigen und Krankheit erzeugen. Derjenige, der sich womöglich vergisst, kommt dazu, dass er Schmerzen oder Veranlassung zu Schmerzen, die im Astralleib auftreten, vergessen kann. Ebenso schlimm, wie die erstere Empfindungsweise wirken kann, ebenso heilsam wirkt die zweite. Jeder überwundene Schmerz ist aufbauend. — Wir müssen durch in uns entwickelte Kraft über die Schmerzen hinwegkommen. Wer hingegeben ist den großen Weltenzusammenhängen, für den werden die Vorgänge seines astralischen Leibes schöpferisch sein; wo sie fehlen, wird Krankheit erzeugt.

Woher kommen in unserer Zeit die vielen Leiden? Der wahre Grund liegt darin, dass so wenig Menschen sich den großen Interessen des Weltenalls zuwenden. Wer seinen Geist da hinaufsendet, der wirkt gesundend. Wer vor einer bunten Farbenkleckserei steht, die keinen tiefen Sinn hat, hat keinen Nutzen. Wer aber vor einem Kunstwerk steht, durch das das göttlich Geistige hindurchscheint, wird gesundende Wirkung spüren. In dem Maße, als der Materialismus unserer Zeit seine Wirkung ausübt, müssen der astralische und physische Leib krank werden. Solche Krankheitserscheinungen sind alle Nervenkrankheiten, Neurasthenie und anderes. Seuchen und Epidemien können erscheinen durch Zunehmen des Materialismus. Würden die Menschen loskommen von ihrem beschränkten Ich, würde sich vieles von ihnen lösen. Die Wahrheit besteht darin, dass eine hohe Weltanschauung das allein Heilende und Gesundende ist.

Hier gibt es aber auch eine Kehrseite: Brütet ihr in euch hinein ein- und zweimal, so schadet es nichts. Aber mehrmals, dann wirkt es schlimm, weil dann der Mensch sich zu sehr mit seinem Ich beschäftigt. Wer aber sucht, loszukommen von seinem Ich, wer sucht, sich in Einklang zu bringen mit den Gesetzen der Welt, und sich den großen Tatsachen des Weltalls zuwendet, der kommt zur Wahrheit über das Gesundwerden. Der Mittelglaube ist der Krankheitswahn der Jetztzeit. Nützlicher ist es, etwas zu tun, um von sich loszukommen, und seinen Blick gründlich zu richten auf die großen geistigen Weltenzusammenhänge.

Theosophie und Geisteswissenschaft sind nicht gegeben zur Befriedigung der Neugierde, sondern damit der Mensch lerne, loszukommen vom Ich. Damit wird er seine Gesundheit fester begründen.

Diejenigen Forscher werden keinen Schaden vom Materialismus haben, wie zum Beispiel Haeckel, der sich in besonderer Weise hineinvertieft. Wenn die Gedanken auf dem Umweg auf die drei Leiber wirken, durch ihre häufige Wiederkehr wirken sie auf die ganze Konstitution des Menschen. So wirkt das Seelische auf das Körperliche. Immer möchte ich darauf hinweisen, dass, wenn wir uns in die Harmonie des Weltalls versetzen können, ein wirkliches Gesunden zu erwarten steht. Die Seele hat ihren Leib erbaut, und gibt man der Seele gesunde Geistesnahrung, wird sie den Körper gesund gestalten.

Fragenbeantwortung

{Frage nicht überliefert.]

Antwort: Irreligiosität hat eine ganz besondere Bedeutung; sie kann eine Krankheitsursache sein. Nicht nur der Gedanke, sondern auch das Gefühl, welches sich zum Göttlichen wendet, hat seine Wichtigkeit. [Frage nicht überliefert.] Antwort: Ist man bei der Arbeit mit dem ganzen Menschen, so kommt Überarbeitung fast nicht in Betracht.

Die Arbeit muss aber eine nutzbringende sein. [Von] Schaden ist jede unfruchtbare Arbeit.

German original of The Delusion of Illness in the Light of Spiritual Science · ← Previous · Next →