The Nature of Man in the Light of Spiritual Science

GA 68d — 12 October 1907, Leipzig

12. Das Gesundheitsfieber im Lichte der Geisteswissenschaft

Die heutige Besprechung ist eine Art von Fortsetzung zu dem, was wir gestern nur in großen skizzenhaften Linien berühren konnten, ein Thema von großer Wichtigkeit. Haben wir gestern vom Wahn gegenüber dem Kranksein gesprochen, so soll uns heute etwas beschäftigen, was scheinbar dem recht ähnlich ist: das Gesundheitsfieber.

Was gibt es heute nicht alles, um die Gesundheit zu erhalten oder zu fördern. Hier ein Beispiel: Ein Freund, der sich überanstrengt fühlte, ging zu seiner Erholung in ein Sanatorium. Er zeigte mir einen Zettel seiner dortigen Tagesbeschäftigung. Da war jede Stunde mit etwas anderem ausgefüllt. Nun fragte ich ihn: «Wann haben Sie mehr zu tun gehabt, jetzt oder zur gewöhnlichen Arbeitszeit?»

Alle suchen Gesundheit zu finden, und die Wege dazu ändern sich fortwährend; das geben auch Fachleute zu. Ob nun jemand es auf «christlich-wissenschaftlichem» oder unchristlichem Wege versucht, ist gleich. Niemandem ist es zu verdenken, Gesundheit zu suchen. Die Frage ist nur: [Was ist] die rechte Art? Ist denn wirklich dieses «fieberische» Suchen nach Gesundheit voll berechtigt?

Lassen Sie mich ein Gleichnis wählen. Es gibt zweierlei Arten, Wohlstand anzustreben. Die eine ist, Wohlstand zu erwerben, um die Möglichkeit zu haben, anderen zu dienen. Anders ist es aber, wenn man das Geld anhäuft, um des Geldes willen. Dann erfüllt es nicht seinen Zweck in der Welt. In ähnlicher Weise wird das Suchen der Gesundheit Zweck an sich und wird dadurch zum Feind der Gesundheit. Was da zugrunde liegt, ist das, dass heute die Menschen kein Bewusstsein mehr haben, dass es eine geistige Welt gibt. Es genügt aber nicht, dass man die sieben Grundteile des Menschen kennt. Graue Theorie ist es, wenn sie sich nicht ins Leben umsetzt.

Was nützt es, wenn man nur seine Gesundheit sucht? Fällt es heute jemandem ein, nach Äther- oder Astralleib zu fragen, um die Richtigkeit eines Nahrungsmittels zu prüfen? Vielfach wird heute die Ernährungsweise von rein materialistischem Standpunkt aus besprochen. Heute wollen wir das vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus tun.

Wir müssen uns klar sein, dass der physische Leib nur ein chemischer Aufbau ist. Was ist die Aufgabe des Ätherleibes? Wenn wir Pflanzen studieren, können wir sehen, durch wie viele Stufen hindurch eine Daseinsform sich wiederholt, wie dieselbe Gattung Jahr für Jahr wieder erscheint. Wiederholung ist das Wesen der Kräfte, die im Ätherleib sind. Gleichheit oder teilweise Gleichheit und teilweise Abänderung liegen dem Prinzip des Ätherleibes zugrunde. Nach und nach nur geht beim Menschen ein Organ in eine Veränderung über. Sie können das an der Wirbelsäule des Menschen beobachten, wie nach und nach die ringförmigen Knochen der Wirbelsäule bis zum Wirbel im Kopf, wo sie das Gehirn einschließen, sich verändern. Diese Wiederholung wird durchbrochen von den Kräften des astralischen Leibes. Der Astralleib muss sie einschränken und bringt deshalb Lust und Schmerz hervor. Durch das Aufhalten entsteht das Empfinden bei Tier und Mensch.

Nur müssen wir Tier und Mensch unterscheiden. Der Mensch hat sozusagen einen zweigliedrigen Astralleib, der Mensch hat einen von einem Ich durchstrahlten Leib. Weil der Mensch einen zweigliedrigen Astralleib hat, deshalb kann der Mensch ganz anderen Krankheitserscheinungen unterliegen als das Tier.

Was muss der physische Leib in sich tragen, um vollkommen zu sein? Er muss physische, chemische Vorgänge richtig abwickeln können. Der Ätherleib muss seine Kraft zum Ausdruck bringen, er muss reproduzieren, wieder hervorbringen. Kann er das nicht, wird er die Quelle von Krankheit sein. Der Astralleib ist die Quelle von Lust, Leid und Freude. In jeder gehobenen Stimmung drückt sich auch die gedeihliche Stimmung des Ätherleibes aus. Wie der Ätherleib nur gesund ist, wenn er hervorbringen kann, so der Astralleib, wenn er imstande ist, Behagen und Genuss zu erleben. Diese drei Dinge müssen miteinander harmonieren.

An einem Beispiel will ich Ihnen zeigen, wie sich Tier und Mensch voneinander unterscheiden. Das Tier hat einen Astralleib - der Löwe, Tiger, Affe —, an dem kann kein Glied herausgenommen werden noch umgestaltet werden. Beim Menschen findet eine Umgestaltung fortwährend statt. Der Teil, der vom Ich aus gestaltet wird, muss in ein richtiges Verhältnis zu diesen niederen Gliedern gestellt werden. Die Kultur verändert den Menschen; das Tier kann nicht aus seinen Lebensverhältnissen heraustreten, weil sein Astralleib eine bestimmte Form hat. Der Mensch muss alles von seinem Ich aus umgestalten, und das wirkt auf ihn selbst zurück. Affen sind in der Freiheit gesund; Gefangenschaft vertragen sie nicht, sie werden tuberkulös. Warum? Weil ihr Astralleib eine bestimmte Form hat und sich nicht künstlichen Zuständen anpassen kann. Würde der Mensch in selber Lage sein, würde ein Kulturzustand unmöglich sein. Wie muss der Mensch in seiner Kultur wirken? Er muss die Wege finden, dass sein Astralleib zurückwirkt auf seine beiden anderen Leiber: Äther- und physischen Leib.

Wir wollen hier zur Betrachtung von äußerlichen Tatsachen ausgehen. Die Wissenschaft — und das ist gut — geht mit mikroskopischen Untersuchungen vor. Ich will Ihnen einige Zusammenhänge von der Geisteswissenschaft aus nennen. Der Mensch besteht aus Weichteilen, die nach und nach in Muskeln, Knorpel und Knochen übergehen. Niedrige Tiere haben nur Weichteile. Die Knorpelmasse ist da, damit sich Knochenmasse einlegen kann. Im Laufe der Entwicklung ist diese Verknöcherung eingeleitet worden. Die Verknöcherung des Menschen ist sehr wichtig; ein Nachteil ist es, wenn sie nicht zu ihrem richtigen Ziel kommt. Die Verknöcherung des Menschen ist im siebenten Jahre abgeschlossen. Von da an beginnt eine andere Lebensperiode. Von der Geburt an muss er sich auf richtige Weise verknöchern, die Weichteile müssen zurückbleiben. Ist sein Organismus so geartet, dass er nicht genug in diesen Ätherleib hineinbauen kann, so zeigt sich das am einschneidendsten an den Zähnen; sie werden schadhaft. Es hat aber nicht nur Bezug auf die Zähne. Da stimmt etwas nicht mit dem Ätherleib. Schlechte Zähne und Kindbettfieber hängen zusammen.

Die menschliche Entwicklung muss fortschreiten. Beim Tier bleibt die Entwicklung stehen. Die Gehirne der Menschen waren vor sechstausend Jahren ganz anders gebildet, ja sogar die Knochenbildung. Die Veränderung ist scheinbar klein, aber für das Wesen des Menschen sehr groß. An die Verknöcherung knüpft die Entwicklung an. Alle Menschen haben im eigenen Leib einen gewissen Kampf - geistig Geschulte können das sehen: Weichteile haben das Bestreben, die Verknöcherung zurückzuhalten. Wo nun irgendetwas nicht stimmt, da sehen Sie das Streben nach Verweichlichung — Rachitis. Es ist hier das Überspringen eines gewissen Prinzips, das für die Entwicklung notwendig ist.

Noch bei etwas anderem ist das der Fall — die äußeren Erscheinungen gehen uns nichts an in Bezug auf das Geistige: die Krankheitsform als Tuberkulose. Hier hat sozusagen ein Überspringen, ein Überschnappen stattgefunden. Der Prozess der Verhärtung ist ein richtiges Prinzip, nur hier ins Übertriebene verzerrt.

Folgendes ist eine wichtige Folge: Der Mensch muss sich dem Kulturprozess anpassen, wenn auch diese Anpassung nach [der] einen oder der anderen Seite ausschlagen kann. Was sind Krankheitserzeuger? Diese hängen zusammen mit dem Fortschrittsprozess, der eine Quelle von Krankheitserzeugern ist. Hierzu muss das Ich das richtige Gleichgewicht finden. Als geschulter Okkultist kann man angeben, was da geschehen sollte, damit kein Überstauen der Kräfte stattfinde. Der Organismus des Menschen ist nicht geeignet, in natürliche Verhältnisse zurückzukehren, er - der Mensch — müsste den Kulturprozess leugnen.

Jetzt will ich kategorisch einen Satz aussprechen: Es kommt darauf gar nicht an, dass man Krankheitsursachen bekämpft, sondern dass man den Menschen kräftig macht, diese Krankheitszustände zu ertragen, dass man möglichst günstige Bedingungen schafft, sein Dasein umzuwandeln. Hat ein Mensch seine Hand eingebüßt, so muss man die Möglichkeit ihm bieten, dass er sonst gesund und kräftig mit diesem Fehler möglichst gut leben kann. Es gibt einen Maßstab, der für das Ich notwendig ist. Ich knüpfe hier an den Vegetarismus an.

Es ist ganz gut, wenn der Mensch so lebt, es ist aber nur ein Notbehelf. Im wahren, okkulten Sinne gibt es nur einen Grund und der ist der: dass man kein Fleisch essen kann. Die Menschen essen so ohne Verständnis, ohne es im Sinne der Geheimwissenschaft mit Andacht zu tun. Herunterschlingen ist so unokkultistisch wie möglich. Man soll die Nahrung genießen mit dem Gedanken, wie sie entspringt in der Natur, welchen Weg sie bis zur Reife machte. Dann isst man geistig. Es handelt sich nicht darum, so und so viel Stoff in den Körper zu bringen. Der Mensch muss mit Seele und Geist essen: Das Blatt und [das] Kraut hat die Sonne beschienen, die Wurzel hat sich in die Erde versenkt und so weiter. Es entsteht Harmonie, wenn der Mensch gedankenvoll isst. Unokkultistisch ist, wenn man Materie nur als Materie ansieht. Materie ist verdichteter Geist. Es ist eine gute Sache, wenn die Leute vor dem Essen beten, dass das Göttliche drin ist, dass man den Geist der Welt isst. Hierbei entsteht ein Gefühl der Erhebung.

Es gibt einen gewissen Punkt des okkulten Wissens, wo man die Natur des Fleischwerdens kennt; da kann man nicht mehr davon essen, es ekelt, weil man erkennt, was Fleisch ist. Auf einen unverdorbenen Geschmack kommt es an. Das Tier hat ihn, der Mensch muss sich ihn erst wieder aneignen, Behagen und Genuss muss in ihm erregen, was ihm gesund ist, Ekel, was ihm schädlich ist. Der Mensch wird lernen, was er haben muss.

All das fieberhafte Jagen nach äußerlich vorgeschriebenen Regeln und Gesetzen steht im Widerspruch mit einer wirklich gesunden Lebensauffassung. Ist einem das Sonnenbad wirklich angenehm, so ist es ihm hilfreich. Reist einer nach dem Süden, mag er kurzen Erfolg haben. Aber darauf kommt es an, Lebensbedingungen zu schaffen, die den Menschen mit Genuss und Behagen erfüllen. Der Genuss ist der Schöpfer; er bringt das, was im Astralleib aus dem Gleichgewicht kam, wieder ins Gleichgewicht. Das gesunde Empfinden, das gesunde Behagen muss erreicht werden. Asketismus tut es nicht. Es kommt darauf an, an was man Behagen hat. Fühlen sich Menschen wohl, in Spelunken zu verkehren, so nützt es nichts, sie herauszuholen. Man muss es dahin bringen, dass sie kein Behagen dort fühlen. Wenn uns Geistiges befriedigt, so gehören wir ins Geistige hinein. Wollen wir Gesundheit fördern, so müssen wir dem Menschen Behagen, Lust und Freude für das Geistige beibringen.

Wir können den Ätherleib pflegen dadurch, dass wir die Schaffenskraft anregen. Nach dem siebenten Jahr sollen wir bedacht sein, dem Kinde keine Begriffe zu geben, sondern Bilder; die regen an. Religiöse Schriften, die einen tausendfältigen Sinn haben, sie machen das Kind schöpferisch. Lassen Sie künstlerische Schöpfungen auf ein Kind wirken: den Laokoon, eine Statue des Zeus, der Pallas Athene und dergleichen; später klassische Werke lesen lassen. Wie wird die Vielseitigkeit der Gedanken angeregt! Was ist alles über Goethes «Faust» geschrieben, und wie Verschiedenes! Gott sei Dank, dass man darüber streiten kann, dass ein jedes sich noch Besonderes dabei denken kann. Wo ein freies, geistiges Bewegen ist, da gibt es belebende Kraft. Alles muss das Gefühl erwecken. Turnen wir, bewegen wir uns im Freien — alles, was meiner Gesundheit fördernd ist, muss das Gefühl in uns erwecken: Ich werde stark, ich wachse.

So ergriffen [früher] die griechischen Spiele; selbst die ganze zuschauende Bevölkerung wurde mit in diese Empfindung hineingezogen. Was hatte Michelangelo für ein lebendiges Gefühl des Raumes! Wie ist in der [Sixtinischen] Kapelle in Rom der Raum verteilt, die Malerei angepasst den Raumverhältnissen, wie schließt sie sich der überragenden Decke an. Wenn man so das Kunstwerk nachfühlt, dann gestaltet sich der Ätherleib um.

Hier möchte ich zurückgreifen auf das Sonnenbad. Nur insoweit ist es nützlich, als es in uns Behagen und ein Lebensgefühl hervorruft. Wir müssen die Sonnenkraft als belebende Kraft empfinden.

Wir würden viel gesünder leben, wenn wir das Wachstumsgefühl mit unserem Leben in Einklang brächten. Dorthin sollen wir gehen, das sollen wir tun, wodurch wir angeregt uns fühlen. Am besten fördern wir die Gesundheit, wenn sie nicht Selbstzweck ist und wenn wir das aufsuchen, was Lust und Freude am Dasein erweckt. Man muss suchen, den Menschen umzugestalten, damit er sich den Verhältnissen anpasst. Schließlich muss cs dahin kommen, dass der Mensch selbst Maßstab für seine Gesundheit sein kann. Je selbstständiger, je freier, desto besser. Je mehr wir suchen, den Menschen als Gegebenes zu betrachten, desto besser ist es für uns. Wenn wir imstande sind, den Menschen zu einem lebensfrohen zu machen, dann wirken wir im wahren Sinne für seine Gesundheit. Wir sollen denken wie Paracelsus, welcher sagt: Der Arzt muss sein ein Künstler, der jeden einzelnen Fall für sich betrachtet.

Man muss die Lebensbedingungen erkennen, die über das Leben hinausgehen. So werden wir durch unsere Betrachtung hingewiesen auf den Geist, und erkennen, dass Theosophie etwas tief Eingreifendes ist und den Menschen dienen wird.

Fragenbeantwortung

[Fragen nicht überliefert.]

Antwort: In der Regel wirkt Kaffee augenblicklich anregend; für die Dauer schwächt er. Er fördert das logische Denken; ein Gedanke wird ausgeführt und ein anderer logisch angeschlossen. Ganz natürlich ist es zum Beispiel, dass ein Journalist Cafes aufsucht; tatsächlich kommen ihm beim Kaffee die Gedanken.

Teegenuss hat zur Folge nicht das Ankoppeln der Gedanken, sondern das Springen derselben, macht Witzige zum Witz aufgelegt. Es ist das Diplomatengetränk. Verschieden sind aber die Wirkungen bei verschiedenen Völkern. Die Russen sind ein noch jugendliches Volk; da wirkt der Tee anders als bei älteren Völkern. Tabakrauchen ist ziemlich gleichgültig für okkulte Schulung. Ja sogar hilft der Rauch, Elementarwesen zu vertreiben.

Alkohol ist Gift für die okkulte Schulung.

Milch ist Leben fördernd; obgleich vom Tier stammend, geht die Milchbildung ganz besondere Wege.

Fleisch wirkt verdorrend, denn Fleisch ist ein Verfallsprodukt. Wer Schweinefleisch isst, genießt wirklich damit etwas vom Charakter des Schweines, isst somit das ganze Schwein.

Essen wir Fisch, so essen - genießen — wir das ganze Tierreich.

Frage: Mönche, die doch jedenfalls in den Klöstern okkulte Schulung hatten, genossen doch reichlich Fisch?

Antwort: Es war das eben in einer früheren Zeit, wo auch Wein getrunken wurde von den Mönchen, sie tranken viel Wein. Okkulte Schulungen verändern sich auch.

{Fragennicht überliefert.]

Antwort: Wenn Kinder Lust danach haben, lassen Sie dieselben Fleisch essen. Die ganze Menschheit wird sich aber dereinst entwickeln, kein Fleisch mehr zu essen. Über Kunstwerke darf man nicht spintisieren, das ist Grübeln oder Nachsinnen; sie müssen einfach auf uns wirken.

German original of The Health Fever in the Light of Spiritual Science · ← Previous · Next →