The Nature of Man in the Light of Spiritual Science

GA 68d — 14 November 1907, Berlin

13. Man und Weib im Lichte der Geisteswissenschaft

Dies sind die größten Rätselfragen des Daseins, wobei Sympathie, Antipathie und allerlei anderen Empfindungen den Blick so leicht trüben. Soweit menschliches Denken reicht, wurde immer an diese Frage gedacht. Wenn der Geistesforscher sieht, was in dieser Richtung alles gedacht, gesagt und geforscht worden ist von denen, die auf dem modernen Standpunkt stehen, einem Standpunkt, der allerdings bereits über 200 Jahre zählt, muss er feststellen, dass Gelehrte und Ungelehrte, Gebildete und Ungebildete die Charaktereigenschaften der Frau und des Mannes ganz eigenartig beurteilen.

Besonders großes Aufsehen rief hervor Lombrosos Charakteristik der Frau. Er schreibt der Frau Ergebenheitsgefühl, das den ganzen weiblichen Charakter durchdringt, zu. Andere heben wieder bei der Frau das Gefühl des Herrschens und des Regierens hervor: Das Hauptsächlichste des Frauencharakters sei, wie es sich durch die Geschichte gezeigt hat, die Herrschsucht. Zwei Urteile stehen hier einander gegenüber. Eine ganz andere Richtung spricht dem Charakter der Frau Demut und Sanftmut, dem Manne Energie zu. Andere behaupten wieder, dass der Grundcharakter der Frau Zornmütigkeit ist. Endlich bezeichnet ein Nervenarzt das Weib als pathologische Natur: «Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes». Einige bezeichnen die Frau als konservatives, Hippel als revolutionäres Element der Geschichte.

Vielleicht ist es aber gar nicht vernünftig, die Frage so zu stellen. Beschränken wir uns doch einmal auf die objektive Beobachtung der Tatsachen. Es gibt Ähnlichkeiten zwischen Mann und Weib, die eigentlich viel ähnlicher sind als zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau. Wenn sie das Leben von diesem Punkte aus betrachten —- was tritt Ihnen dann stärker entgegen, was tritt Ihnen in stärkster Weise entgegen? Der Frauencharakter respektive Männercharakter - oder andere, gar nichts mit männlichem oder weiblichem Charakter zu tun habenden Eigenschaften? Und ist es nicht vielleicht ein Kennzeichen einer höheren Bildung, anerkennen zu können, dass wir auch einem anderen Geschlechte gegenüberstehen können, es betrachten können nach Eigenschaften, die nichts damit zu tun haben, was das Geschlechtliche aufweist?

Ist es berechtigt, dem Geschlechte eine so große Bedeutung für die Beziehungen der Menschen untereinander beizumessen, als es heute geschieht, oder ist [es] nicht vielleicht eine der vielen Konsequenzen des Materialismus, dass heute dem Geschlechtscharakter eine so große Rolle beigemessen wird?

Betrachten wir objektiv die Sache! Diejenigen, welche die Menschen bloß äußerlich, ihrem Sinnlichen nach betrachten, haben nur das Äußere im Auge. Aber es gibt auch noch ein Übersinnliches. Wenn man zu dem Unsichtbaren ginge, vielleicht könnte dann dasjenige kommen, welches hoch erhaben dasteht über den bloßen Geschlechtsbeziehungen. Für den, der mit allen seelischen Kräften beobachtet, ist klar, dass die so starke Bedeutung, welche dem Geschlechtlichen beigegeben wird, die alles andere von diesen Beziehungen des Geschlechts verschlingen lassen möchte, dass diese Bedeutung das Ergebnis ist der materialistischen Denkweise unseres Zeitalters.

Wir wollen sehen, wo die Wahrheit über das Männliche und über das Weibliche liegt! Die Geisteswissenschaft sieht viele Glieder im Menschen: Der physische Leib und der Ätherleib kämpfen gegen den Zerfall des Menschen, der astralische Leib gegen die Übermüdung. Die Pflanze die keinen astralischen Leib hat, ermüdet auch nicht. Der astralische Leib ist der fortwährende Kämpfer gegen die Ermüdung; der Schlaf ist dazu berufen, die Ermüdung des Ätherleibes und physischen Leibes fortzuschaffen. Vor einer außerordentlich wichtigen Tatsache stehen wir hier!

Man wird leicht bei der Benennung dessen, worum es sich hier handelt, lachen und es grotesk finden, aber auf der anderen Seite ist es etwas, was eine tiefe, tiefe Bedeutung hat für die Erkenntnis des wahren Menschenwesens und des Lebens auf der Erde. Jeder Mensch, ob er Mann oder Frau ist, besteht aus den vier Gliedern, aber nun haben wir einen merkwürdigen Gegensatz in der menschlichen Natur: Der physische Leib des Mannes ist ja männlich, der physische Leib der Frau ist weiblich; anders verhält es sich aber mit dem sogenannten Ätheroder Lebensleib: beim Manne ist der Ätherleib weiblich, bei der Frau männlich, sodass ein jedes Geschlecht das andere fortwährend in sich trägt.

Wie gesagt, so grotesk das erscheint für diejenigen, die nichts wissen von diesen Tatsachen, so aufklärend erscheint es für diejenigen, die diese Dinge zu nehmen wissen. Wie tief bedeutsam leuchtet dies hinein in viele, viele Erscheinungen unseres alltäglichen und sozialen Lebens. Wenn wir den einzelnen Menschen betrachten, können wir nicht geradezu ein Auge haben für die schöne Harmonie der männlichen Eigenschaften, harmonisiert durch seine von seinem Ätherleib herrührenden weiblichen Eigenschaften, und umgekehrt beim Weibe? Woher kommt es, dass gerade die stärksten Männer in gewisser Beziehung gewisse weibliche Eigenschaften haben? Oder sehen wir nicht auch bei der Frau Heldeneigenschaften? Sind es nicht solche, die sie zum Beispiel im Kriege entwickelt? Diese Tatsache, die eine uralte geistige ist, die ahnen einige Leute, aber wie sie sie verwerten, ist recht charakteristisch für unser materialistisches Zeitalter.

Vielleicht wissen die meisten, dass ein Buch eines unglücklichen jungen Mannes — Weiningers Buch «Geschlecht und Charakter» — nicht, weil es viele Paradoxe enthält, sondern auch durch das Schicksal des unglückseligen Verfassers, der ja bald darauf Hand an sich gelegt hat, als dies Buch erschienen ist, sehr gewirkt hat. Man kann in solcher Jugend kein Urteil haben, wenn man auch noch so befähigt ist; man muss Geduld haben, um über diese Fragen ein Urteil zu fällen. Nicht umsonst spricht der große Dichter Dante davon, dass er im 35. Jahre in die Lebensmitte gekommen sei. Vor dem 35. Jahre ist es überhaupt nicht möglich, gerade über diese wichtige Angelegenheit ein gesundes Urteil zu haben. Nun, dieser Weininger hat etwas geahnt von der Doppelnatur eines jeden Menschen, von der Männlichkeit der Frau und der Weiblichkeit des Mannes. Allerdings hat er das so recht im Sinne des Materialismus aufgefasst, recht stofflich, indem er in jeder Keimzelle zweierlei Substanzialität sucht, einen männlichen und einen weiblichen Charakter jeder Zelle! So musste das sichtbare auf geheimnisvolle Art ein unsichtbares enthalten! Man kann sich kaum etwas Groteskeres denken! Weil er nichts vom Ätherleib wusste, so schreibt er dem Sichtbaren das Unsichtbare zu! Er weiß nicht, dass es höhere Glieder gibt, und nun versucht er, den Menschen zu charakterisieren, und jeder zerfällt in Weib und Mann. Dadurch kommt Weininger zum Schluss, dass doch ein gewisser Unterschied im Weiblichen und Männlichen besteht: das Weibliche — das Körperhafte, und das Männliche — das Seelische. Er kommt zu der Konsequenz: Das Weib hat nicht Ich und nicht Individualität, nicht Persönlichkeit und nicht Freiheit, Charakter und Wille! — Er muss aber dann auch der anderen Hälfte dasselbe absprechen! Dann schreibt er jedem Weibe die Hälfte von diesem zu und jedem Manne ab! So ist es, wenn man die materialistischen Theorien unmittelbar ins Praktische überführen will.

Wollen wir jetzt über andere Eigenschaften des Menschen denken, zum Beispiel über das Ich! Betrachten wir den schlafenden Menschen. Wenn wir den schlafenden Menschen vor uns haben, dann sinkt hinunter in ein unbestimmtes Dunkel alles Empfindungsleben; im Bette bleiben der physische und der Lebensleib liegen; daraus erhebt sich der Astralleib mit dem Ich. Er ist in dieser geistigen Welt. Wenn wir nun diesen Astralleib und das Ich in Bezug auf das Geschlecht betrachten, was ergibt sich dann? Hier kann nur die Geisteswissenschaft Auskunft geben. Dasjenige, was wir hier in dieser Welt in der physischen Welt und auch in der Welt, der unser Ätherleib angehört, Mann und Frau nennen, das kennt der Astralleib nicht, und nicht das Ich. Männliches und Weibliches bleibt mit dem physischen und dem Ätherleibe verbunden, wenn der Mensch lebt, und ohne das Geschlechtliche ist der Mensch im Schlafzustande, in seiner eigentlichen Heimat, in der sogenannten astralischen und in der geistigen Welt: Weder weiblich noch männlich ist zunächst des Menschen astralischer Leib und das Ich.

Nun fragen wir uns aber: Gibt es denn in dieser astralischen Welt, wo wir des Nachts sind, gar nichts, was dem Geschlechte entspricht? Hier liegt ein großes, ein bedeutsames Mysterium, welches der Mensch verstehen muss, wenn er überhaupt wagen [will], hierüber ein Urteil abzugeben! Die Frage ist diese: Was gibt es in der Welt, die in demselben Raume ist, indem wir hier sind, in einer Welt, die wir astral oder geistig nennen, was dem Männlichen und dem Weiblichen der physischen Natur entspricht? Immerhin halten Sie vor sich, dass diese geistige oder astralische Welt nicht in einem Wolkenkuckucksheim, sondern um uns herum ist. Wenn wir nun fragen, was in dieser Welt dem Gegensatze vom Männlichen und Weiblichen entspricht, da finden wir zwei wesentliche Worte, tief, tief sich einbohrend in unsere Seele — wenn wir sie richtig verstehen, können sie uns viele, viele Geheimnisse der astralischen Welt lösen.

Dort entspricht dem Geschlechtsgegensatze der Gegensatz von Leben und Tod, von Vernichtung und Entwicklung.

Dieser polarische Gegensatz entspricht ihm! Zwei Urkräfte sind damit angedeutet, die durch den ganzen Kosmos gehen und die da sein müssen. Es müssen nur, wenn der Mensch hier Verständnis haben will, die Schrecken und alle eigentümlichen Gefühle, die sich an die Worte Tod und Leben beim Menschen anknüpfen, aufhören! Er muss die große Bedeutung von Tod und Leben ersehen! Goethe hat gesagt: Die Natur hat den Tod erfunden, um viel Leben zu haben!

Was bedeutet denn der Tod für den Menschen? Die Geisteswissenschaft zeigt uns, dass der Mensch diesen Tod nicht einmal nur stirbt, dass er ihn zu wiederholten Malen durchmacht! Dieses Leben ist die Wiederholung vieler Leben, die ihm vorangegangen sind, und viele schließen sich an das jetzige an, im Wechsel zwischen Geburt und Tod. Und eine jede Verkörperung bedeutet für ihn in einer gewissen Beziehung einen Fortschritt: Höher steigt der Mensch mit einer jeden Verkörperung. Damals, als der Erdenplanet aus dem Lebensdunkel aufleuchtete, damals kam der Mensch zuerst in die Daseinstufen, in denen er jetzt ist, zu seiner ersten physischen Verkörperung, zu seinem ersten irdischen Dasein. Unvollkommen waren seine Glieder, sein Ich war ein Sklave des astralischen Leibes. Niemals würde der Mensch zu den höheren Entwicklungsstufen aufsteigen, wenn er nicht durch den Tod hindurchginge. Das allein bewegt ihn, höher zu steigen.

Diesen Körper musste er zerstören, aber was blieb dem Menschen aus der ersten Verkörperungsform? Was er gehört und gesehen hat, ging in die geistige Welt, aus der er gekommen war, und nun baut er sich in dieser geistigen Welt die Grundlage zu seiner zweiten Verkörperung. Bliebe er auf der ersten, könnte er niemals als Schaffender das verwenden in der geistigen Welt, was man sich hier erobert hat.

So muss man immer wiederum durch den Tod schreiten, und ein Abbild des Todes ist die Verfestigung der Form, die Verhärtung der Form. Betrachten Sie das, was man Leben und Sterben nennt, draußen in der Natur, sehen Sie sich den Baum an! Wie geht er dem Tode entgegen? Er verholzt, er trocknet aus. Und so ist es mit allem, was dem Tode unterliegen muss! Sie können es im eigenen Menschenleben verfolgen! Sie können ganz genau unterscheiden beim Menschen eine aufsteigende Linie des Lebens bis zur Lebensmitte, wo immer mehr und mehr Kräfte, die in der früheren Verkörperung entwickelt wurden, herauskommen, und dann die absteigende Linie im Greisenalter, eine Verhärtung. Verdichtungen legen sich ab an verschiedenen Stellen und so weiter. Hier, auf dieser Erde, unterliegt ein jedes Leben der Verhärtung, und die Verhärtung ist die Schwester des Todes.

Die Verhärtung ist aber nichts anderes als dasjenige, was die eine Seite vorstellt, die Form, die Gestalt. Denken Sie sich einmal aus dem Menschen das Leben heraus — was bleibt nach? Gestalt! Studieren sie ein wunderbares Bild des Lebens, so bleibt doch nur ein Bild ohne Leben, welches sie zum Beispiel an dem großen, bedeutenden Zeus bewundern, und so weiter. Da haben Sie die Gestalt, das Kunstwerk ohne das Leben, das Bild des Lebens, jedoch nicht erfüllt vom Leben. Ewig strebt die Gestalt, sich vom Leben zu emanzipieren, und diese Emanzipation der Gestalt können Sie in jedem Augenblicke als Seher in der astralen Welt verfolgen, da ist sie dasjenige, was der Seher empfindet als das Bild, als das starre Bild des Lebens, als die Totengestalt des Lebens. Das ist eine Kraft, wie der positive Magnetismus, wie die Elektrizität; so führt durch die astrale Welt diese Gestalt.

Sucht sie sich hier, in der physischen Welt zu verkörpern — [so] ist es die Schönheit! Die entgegengesetzten Pole stoßen einander fortwährend ab, drängen und schreiten, jede entstandene Gestalt wird sofort aufgelöst und in eine neue verwandelt, ein ewiges Metamorphosieren. Das bewirkt der andere Pol; er ist dasjenige, was den Menschen in der Nacht entgegentritt: Wille, Energie. Gestalt, Schönheit, das sind die beiden Erscheinungen hier in der physischen Welt, was uns in der astralischen als Tod und Leben umringt. Ewig kommt die Gestalt und ewig das Leben. Ewig herrscht das Prinzip des Auflösens, des Kristallisierens. Das sind zwei Grundkräfte, und im Menschen müssen die Abbilder dieser zwei Grundkräfte herrschen: Der reine astralische Leib ist umgeben von Tod und Leben in der astralischen Welt, und tritt er herein in diese Welt des Tages, des Wachens, dann wird er aufgesogen vom physischen [Leibe] und vom Ätherleibe.

Das Weibliche des Menschen ist das Bild der Gestalt, dessen, was fortwährend auf dem astralischen Plan sich zum Sein, das Männliche des Menschen ist das Bild dessen, was fortwährend jedes in ein Ewiges gestalten will.

In dieser physischen Welt wird das Verhältnis bestimmt von Tod und Leben. Was auf dem astralischen Plan zwei Pole sind: Tod und Leben, ist hier ein fortwährender Kampf. Das Abbild des ganzen physischen Lebens wird verkörpert in der weiblichen Gestalt - wenn das fortschrittliche Prinzip siegt, kommt der Tod. Hier wird bestimmt des Menschen Leben als sich teilend zwischen Geburt und Tod, im Weiblichen, das das Abbild des Gestalteten ist, dessen, was zum Festen drängt, das bleibend werden will. Würde nur das Weibliche wirken, dann würde der Mensch die Tendenz haben, so lange wie möglich im physischen Leibe zu leben, in der Gestalt zu verweilen. Durch den Einfluss des Männlichen wird der Tod der Gestalt eingeimpft. Dies ist das Geheimnis des Wirkens zwischen Mann und Weib — hierdurch wird gerichtet über Leben und Tod in dem Verhältnis zwischen Weiblichem und Männlichem. Das Weibliche gibt uns das Leben, und das Männliche begrenzt uns dieses Leben, setzt dem Leben den Tod entgegen. So berührt sich dasjenige, das man in dem gewöhnlichen Leben als Ausdruck des Liebesgefühls nennt, es berührt sich unmittelbar mit dem Geheimnis des Todes. Als Merkmal dieser Sache stehen die Wesen da, die in dem Augenblicke, wo sie lieben und ein neues Wesen hervorbringen, auch mit dem Tode aus dieser Welt scheiden.

Damit sind wir, wie man in der Geisteswissenschaft sagt, an den Rand eines großen Geheimnisses gekommen. Die Vermischung, und was damit zusammenhängt, der Tod, zeigt uns die Möglichkeit, dass der Geschlechtsgegensatz —- männlich und weiblich — nur eine Spezialität, nur etwas Besonderes eines großen Gegensatzes ist. Wir sehen auf der astralischen Ebene auftreten diesen Gegensatz als sich ewig wechselndes Leben — kraftvoller Wille und gestaltete Schönheit. Der geschlechtliche Gegensatz ist ein spezieller Fall. Es geht ein Gesetz durch die Welt, das viel bedeutender ist als der geschlechtliche Gegensatz. Für alle Welten sind solche Gesetze vorhanden, und sie wirken herunter in diese unsere Welt, und wenn die Menschen nur über die wichtigsten Daseinsrätsel wüssten, so würden sie sehen, dass diese Gesetze da sind, denn die Folgen sind da in der gewöhnlichen Welt. Es ist das gleiche Maß des Männlichen und des Weiblichen auf der Erde, von großen, durch die Welt flutenden kosmischen Kräften. Der Mensch ist eingesenkt in viele Welten, und ob irgendwo ein männliches oder ein weibliches Kind geboren wird, hängt nicht von dem Elternpaar, sondern von den Kräften, die außerhalb desselben sind, ab.

Stellen Sie sich zum Beispiel zwei Gefäße vor; das eine mit einer roten, das andere mit einer blauen Flüssigkeit gefüllt. Wenn sie irgendeinen Gegenstand in das Gefäß mit der blauen Flüssigkeit eintauchen, so muss der betreffende Gegenstand blau herauskommen, und umgekehrt. So ist es auch in Bezug auf das Geschlechtliche der Menschen.

Die Physiologen haben gut forschen; wenn sie nicht imstande sind, mehr zu sehen und zu erforschen als das, was ihre Augen sehen können, wird ihnen das Geheimnis niemals eröffnet.

Erinnern Sie sich des Wortes: Im Himmel wird nicht gefreit. (Mt 22,30; Mk 12,25; Lk 20,35f.) Daher ragt der Mensch durch seine weder männliche noch weibliche Astralnatur in die höhere Welt hinein, dadurch überragt er den Gegensatz zwischen männlich und weiblich, und ein jeder von uns trägt neben der seinigen noch eine übermännliche oder überweibliche Natur, durch die wir als Mensch dem Menschen gegenüberstehen, [und je mehr das Höhere in uns zur Entwicklung kommt, desto mehr können wir auf diese Weise einem anderen Menschen gegenüberstehen.]

Nicht um Askese zu predigen, ist die Theosophie da, nicht zum Abtöten des Sinnlichen, sondern um das Weibliche und das Männliche zu durchströmen und zu durchdringen. Die Geisteswissenschaft ist berufen, dem Menschen wieder das zum Bewusstsein zu bringen, und das wird jenes schon heute von den Besten ersehnte Zusammenleben von Männern und Frauen in der Zukunft sein, wenn man bewusst sein wird über das, was über dem Geschlechte steht, was die höchsten Interessen in sich trägt und Mann und Frau in sich verbindet. Dann wird es unmöglich sein, dass die Beziehungen zwischen Mann und Frau einen Kampf abgeben können. Und die geisteswissenschaftliche Strömung wird eine solche sein, die durch die Menschheitsentwicklung hindurchfluten und den Menschen ergreifen wird. Dann wird die Zeit kommen, wo man auch nicht in müßiger und phrasenhafter Weise davon reden wird, ob ein Unterschied zwischen Mann und Frau besteht. Der Unterschied ist in vielen Beziehungen nicht hinwegzuleugnen, denn wir stehen fest auf diesem physischen Plan: Sind wir Mann, [so] sind wir im männlichen physischen Leibe, sind wir Frau, so sind wir im weiblichen physischen Leibe. Das gibt die Schattierung dem äußeren Dasein; wenn wir aber erkennen, dass wir einen innersten Wesenskern haben, dann werden wir diese Schattierung mit Freuden entgegennehmen, sie gibt die entzückende Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit. Gerade wenn wir verstehen, das Ewige, das Wesenhafte zu finden, dann können wir uns auch des Zeitigen freuen. Dann öffnet sich eine große, [praktische] Perspektive, und wir sehen, wie die Geisteswissenschaft ins Leben eingreifen kann, in die Kunst, Erziehung und so weiter. Wir sehen, dass die Geisteswissenschaft keine graue Theorie ist, sondern lebendiges Wirken und Weben. Wer sie aufnimmt, durchdringt damit sein ganzes Wesen und veredelt, verschönt und erhebt die Beziehungen der Menschen, die sich in Geschlechtern der Menschheit ausdrücken, indem sie sie zur Harmonie, zu einem Zusammenwirken für den großen Fortschritt und die Vorwärtsbewegung des Menschengeschlechtes bringt.

German original of Man and Woman in the Light of Spiritual Science · ← Previous · Next →