The Nature of Man in the Light of Spiritual Science
GA 68d — 10 December 1907, Stuttgart
14. Man, Weib und Kind im Lichte der Geheimwissenschaft
Dasjenige, was uns heute beschäftigen soll, bildet in einer gewissen Beziehung einen Gegenstand des Interesses zu allen Zeiten, insbesondere dürfen wir aber das Verhältnis von Mann und Weib [auch] bezeichnen als eine Art Frage unserer unmittelbaren Gegenwart, als eine Frage, die von den verschiedensten Gesichtspunkten, von den verschiedensten Parteistandpunkten heute mit großer Lebhaftigkeit erörtert wird. In Parteistreitigkeiten, in Parteigegensätze sich einzulassen, ist nicht die Aufgabe, nicht die Mission der Geheimwissenschaft. Daher wird dasjenige, was über diesen Gegenstand heute zu sagen sein wird, vielleicht sich in einer gewissen Beziehung recht unzeitgemäß ausnehmen; denn von einer höheren Warte aus hat Geisteswissenschaft mit völliger Objektivität, mit völliger Ruhe, mit der Ruhe des erzählenden Tones auch solche Fragen wie diese zu betrachten.
Allerdings hat sie es dabei nicht leicht. Denn solche Fragen rühren das Gemüt der Menschen, die ganze Empfindungs- und Leidenschaftswelt in einer außerordentlichen Weise auf, und mehr als gegenüber etwas anderem ist es einer solchen Frage gegenüber der Fall, dass der eine oder andere seine Antwort irgendwie bereit hat, und dass ihm daher manches, was gesagt werden muss von einer höheren Warte aus, gerade auf diesem Gebiete gegen alle seine Urteile und Vorurteile geht, dass er sich innerlich auflehnen muss. Das aber kann den Geistesforscher nicht abhalten, trotz aller Parteigegensätze, trotz aller Aufrührung der Leidenschaften, gerade auf einem solchen Felde seine Aufgabe der Gegenwart gegenüber zu erfüllen, ein reger Beobachter zu sein und eine solche Frage hinauszuheben über alle parteimäßige Anschauung.
Wie schwer es ist, das zeigt vielleicht eine ganz kleine Blütenlese von Urteilen, die auf diesem Gebiet vorgebracht werden in unserer Gegenwart. Nicht nur Agitatoren und Agitatorinnen, nicht nur solche, die leichten Herzens diese oder jene Schlagworte finden, haben sich über unser Thema, insbesondere über das Wesen der Frau ausgelassen, sondern auch solche, die von eigenen Gesichtspunkten aus einen höheren objektiven Ton anschlagen wollen, und lehrreich wird es sein, diese kleine Umschau zu halten. Dabei wird von vornherein betont, dass nicht irgendwelche zufällig aufgelesenen Urteile gegeben werden, sondern tonangebende Urteile.
Gelehrte und ungelehrte Leute haben sich über das Wesen der Frau ausgesprochen. Aber es ist bezeichnend, wie das geschehen ist. Da beschäftigt sich einer mit dem Wesen des Menschen vom anthropologischen Standpunkte aus, das Wesen der Frau zusammenfassend in dem Worte: Ergebenheitsgefühl. Wohl gemerkt, das ist nicht so gemeint, als ob das wie ein Ideal hingestellt sein wollte, dem die Frau nachzustreben habe, sondern er will sagen, dass nach der ganzen Natur des Weibes die hervorstechendste Eigenschaft der Frau das Ergebenheitsgefühl sei. — Eine andere Persönlichkeit, die mit ebensolcher Objektivität das Wesen der Frau bezeichnen wollte, fasste ihrerseits zusammen, was sich für sie ergab, und drückte das Wesen der Frau aus mit dem Worte: Herrschaftslust. — Ein sehr bedeutender Pathologe versuchte von seinem Gesichtspunkte aus das Wesen der Frau zu skizzieren. Er sagte: Alles in der Frau weist hin auf eine Grundeigenschaft, das ist die Sanftmut. — Das wollte ein wissenschaftliches Urteil sein. Ein anderer sagte: Zornmütigkeit. — Wiederum jemand, der glaubte, von einer höheren Warte aus die Eigenschaften der Frau zusammenfassen zu können, sagte: Konservativer Sinn, und ein anderer sagte: Alles Revolutionäre gehe aus der Frauennatur hervor. - Da haben Sie eine kleine Blütenlese, die ein Bild geben kann von der Einmütigkeit derer, die objektiv skizzieren wollen. Ein sehr berühmter NervenPathologe hat das Büchelchen geschrieben: «Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes».
Wenn wir solche Urteile nicht nur von ihrer komischen, sondern von der universell-geistigen Seite nehmen, sind sie im höchsten Grade lehrreich; denn sie zeigen uns, was es für eine Bewandtnis damit hat, wenn man uns sagt: Was ihr Geisteswissenschaftler sagt, ist subjektiver Glaube, aber wenn man sich auf das Feld der äußeren Beobachtung stellt, können nur einmütige Urteile herauskommen. — So sind diese einmütigen Urteile! Interessant ist es aber, dass uns, wie aus so zahlreichen Punkten unserer zeitgenössischen Urteile, gerade hier eine Tatsache entgegentritt, die beweist, wie die Geheimwissenschaft etwas ist, das wie gerufen uns vorkommen muß gegenüber den großen, den wichtigen Fragen der Gegenwart. Denn wenn auch unsere Zeit in vieler Beziehung über solche Dinge im Dunkeln tastet, dieses Tasten im Dunkeln weist oft in merkwürdiger Ahnung darauf hin, wie notwendig es ist, das richtige Wort zu sprechen.
Etwas, was wie eine aus dem Geist des Materialismus heraus gesprochene Ahnung, aber eine karikierte Ahnung des Richtigen erscheinen muss, ist das, was in einem viel Aufsehen erregenden Buch der letzten Zeit steht, in dem Buch, das herrührt von einem genialischen, aber unreifen Denker, dem jungen Weininger: «Geschlecht und Charakter». Wollen wir diese merkwürdige Ahnung richtig würdigen, dann müssen wir zuerst einen Tatbestand, den uns die Geisteswissenschaft zeigt, vor die Seele rücken. Trotzdem wir die elementare Anschauung über das Wesen des Menschen schon oft dargestellt haben, müssen wir uns heute noch einmal vertiefen in dieses Wesen des Menschen. Wir fassen vom Standpunkt der Geisteswissenschaft ... /Lücke in der Mitschrift]
Nun verstehen wir das Verhältnis zwischen Mann und Weib, wenn wir zunächst eine wichtige Tatsache aussprechen, die uns die Geisteswissenschaft liefert, eine Tatsache, die freilich manchem wie eine groteske Tatsache erscheint, aber das macht nichts. Im Grunde genommen hat ein jeder Mensch in einer gewissen Form beide Geschlechter in sich. Der Mann hat äußerlich den sichtbaren männlichen Leib; sein Äther- oder Lebensleib ist weiblicher Natur; und umgekehrt ist es beim Weibe, sodass ein polarischer Gegensatz beim Menschen vorhanden ist.
Derjenige, der versucht, diese Tatsache mit allen Kräften seiner Seele zu würdigen, wird verstehen, wie viel von den Erscheinungen verständlich wird. Wer sähe nicht, wie im Mann zu schöner Harmonie mit seinen männlichen Eigenschaften weibliche Eigenschaften sich vereinen! Damit ist zu gleicher Zeit etwas anderes gegeben, dass man die Frage aufwerfen kann: Wenn nun im Schlaf der Astralleib und das Ich außer dem physischen und ätherischen Leib sind, wie verhält es sich mit dem Geschlecht des Astralleibes und des Ich? Die sind in Bezug auf das Geschlecht absolut neutral, was im Geschlecht lebt, ist ein Organ nach außen, genau wie die Sinne.
Damit bekommen wir die Notwendigkeit, überhaupt nicht mehr vom Standpunkte der äußeren Welt oberflächlich vom Männlichen und Weiblichen zu sprechen, sondern wir überzeugen uns, dass wir zu den unsichtbaren Welten zurückkehren müssen, zum Ätherleib. Die sinnliche Beobachtung ist auf diesem Gebiet eine Illusion. Äußerlich ist der Mann Mann, nach innen hat er die Eigenschaften seines weiblichen Ätherleibs, und die Sinnenbeobachtung zeigt uns nur den einen Teil seines Wesens. Diese Tatsache ist in karikierter Weise geahnt von Weininger, nur spricht er von dieser Tatsache im grob materialistischen Sinn. Er spricht davon, dass in jedem Teil des Menschen durcheinandergemischt wären männliche und weibliche Stoffe. Aber es ist nicht möglich, mit einer solchen materialistischen Theorie weiterzukommen. Er gibt merkwürdige Eigenschaften von der Frau an. Das Weib habe keine Individualität und keine Persönlichkeit und keine Intelligenz und keine Freiheit und keinen Charakter und keinen Willen. — Auch die männliche Seite trägt dieses Wesen in sich. Auch jeder Mann hat also in einem Teil seines Wesens keine Individualität und so weiter.
Wenn wir die Wahrheit festhalten, dass wir es in jedem Mann mit der männlichen Natur nach außen, mit der weiblichen Natur nach innen zu rechnen haben, dann werden wir manchen Standpunkt des Mannes und der Frau begreifen. Und wir werden begreifen, aus wie tiefer Wahrheitsgrundlage heraus unsere Männerkultur zum Beispiel spricht: «Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.» Es ist dies vom Standpunkt des Mannes aus gesprochen. Aber da unsere abgelaufene Kultur eine Männerkultur war und jetzt erst das Zusammenwirken beginnt, das Früchte tragen wird, von denen sich die heutige Zeit wenig Ahnung macht, begreifen wir, dass in aller Mystik das, was aufwärtsstrebt, das neutral Geschlechtslose als das Ewig-Weibliche bezeichnet wird. Man braucht nur zu sehen, welche aktiven, positiven Eigenschaften die Frau im Kriegsdienste an männlicher Hingabe im Liebesdienst, im Wohltätigkeitsdienst zu erzeugen vermag, welche Unerschrockenheit in ganz anderen Tugenden die Frau zeigt; dann wird man die Doppelnatur auch vollständig sehen können.
Nun aber handelt es sich darum, von einem noch viel tieferen Gesichtspunkt [aus] den Gegenstand aufzufassen. Uns hat sich gezeigt, dass das Geschlecht, dasjenige, was sich im Gegensatz des Männlichen und Weiblichen ausdrückt, angehört dem physischen und Ätherleib. Wie ist es nun mit einem Gegensatz, der hier in der Welt zum Ausdruck kommt, in den höheren Welten? Hört da jeglicher Gegensatz auf? Nachts hat es keinen Sinn mehr, von Geschlecht zu sprechen. In einer Welt, für die man die höheren Sinne braucht, lebt der menschliche Astralleib mit dem Ich in der Nacht. Mit dieser Welt geistiger Wesenheiten sind der Astralleib und das Ich des Menschen vereint. Hört in diesen Welten überhaupt die Möglichkeit auf, von einem ähnlichen Gegensatz zu sprechen, oder gibt es dort auch etwas von einem solchen Gegensatz? Für denjenigen, der an der Grundwahrheit festhält, dass alles Physische der äußere Ausdruck des Geistigen ist, für den muss diese Frage auftauchen. Der Gegensatz der Geschlechter muss doch der physische Ausdruck sein für irgendetwas in der geistigen Welt. Das Mysterium des Geschlechtlichen ist so tief und bedeutsam, dass, wenn man auf diesem Gebiet dazu kommt, von der Wahrheit zu reden, man für die oberflächliche Betrachtung Paradoxes über Paradoxes behaupten muss.
Es gibt einen Gegensatz in der Welt, in die der Mensch eintritt während des Schlafzustandes, einen Gegensatz, dessen Ausdruck hier der Gegensatz der Geschlechter ist. Dieser Gegensatz in der geistigen Welt wird seit uralten Zeiten in der Geheimwissenschaft bezeichnet als der Gegensatz von Tod und Leben. Hinter unserer Welt liegt eine Welt, in welcher höhere Kräfte sind für Tod und Leben. Und hier in dieser Welt ist für diese Kraft der Ausdruck der Gegensatz der Geschlechter. Wir werden wenigstens annähernd dies verstehen können.
Betrachten wir ein Wesen dieser Welt, zum Beispiel den Menschen. Wir dürfen ihn nicht zu geradlinig und einfach betrachten, wir müssen sehen, wenn wir ihn verstehen wollen, wie in diesem Menschen tatsächlich Gegensätze zum Ausdruck kommen. Wir sehen, wie der Mensch geboren wird, wie er heranwächst, wie er bis zu seinem siebten Jahr zunächst die Form ausbildet nach dem Festbestimmten hin, wie diese Form noch lange wächst und größer wird, wie er dann stationär bleibt, wie dann von der Lebensmitte an verzehrende Kräfte wirken. Da, wo die schöpferischen Kräfte wie kondensiert erscheinen, da ist die Geburt; da, wo die verzehrenden Kräfte erscheinen, ist der Tod. In der Mitte des Lebens stehen wir im Gleichgewicht. Während des ganzen Lebens aber sind diese zwei Kräfte im Menschen vorhanden. Mit der Geburt beginnen die verzehrenden Kräfte schon ihre Tätigkeit. In der Lebensmitte gewinnen sie den Vorsprung. Und das menschliche Wesen ist nicht möglich ohne das fortwährende Zusammenwirken dieser beiden Kräfte. Würde nur die Kraft des Lebens im Menschen wirken, dann würde der Mensch in einem kurzen Dasein wie Feuer aufbrodeln, immer weiter sich entwickeln, sich überstürzen im Leben. Die verzehrenden Kräfte, die ihre Summe im Tod finden, sind zugleich die Kräfte, welche als wohltätige Kräfte im Menschen die Möglichkeit geben, Form, Gestalt in seine Wesenheit hineinzubringen. Vom Leben kommt ein Vorwärtsdringen. Das Leben will jede Form in eine neue verwandeln. Der Tod erscheint nur dann als etwas, was seiner Wesenheit nach Vernichtung ist, wenn wir ihn in seiner Summe betrachten. Was er als Summe ist, ist er nicht immer. Dieselbe Kraft, die des Menschen physischen Leib schließt, ist es, die dem Menschen seine Form gibt und in einer gewissen Ruhe erhält. Das können Sie sehen, wenn Sie den Gegensatz an einem Äußeren, zum Beispiel Pflanzenwesen betrachten. Da sehen Sie, wie Spross für Spross hervorgebracht wird, wie die Kräfte im Leben Blatt für Blatt hervorbringen. Und da sehen Sie eine Kraft, die die Form erhält, die Festigkeit und Gestalt in das sich überstürzende Leben hineinbringt. Würde nur die Lebenskraft wirken, dann würde ein Blatt gar nicht bestehen können, denn das Leben würde weitereilen. Das Leben muss fortwährend gehemmt und seinem nie rastenden Lauf entzogen werden. Diese zwei Kräfte halten einander ewig das Gleichgewicht. Diese zwei, die in ihrem höchsten Punkt als Tod und Leben erscheinen, sind die Aufbauer des gestalteten Lebens in der äußeren Welt.
Wenn wir in einem speziellen Fall diesen Gegensatz prüfen wollen, stellt er sich noch in einer anderen Form dar. Diejenige Geisteswissenschaft, die seit dem vierzehnten Jahrhundert in Europa gewirkt hat, hat diesen Gegensatz genannt: den Gegensatz von Entstehung und Verwesung — Verwesen heißt: zum Wesen hingehen. Im Gegensatz zum überstürzenden Leben die sich gestaltende Form, das sich Gestaltende. Diesen Gegensatz kann man überall im Leben empfinden, wenn man nicht bloß mit dem Verstand die Welt auffasst. Und suchen wir jetzt diesen anderen Ausdruck, so sagen wir: Dasjenige, was sich in den verwesenden Kräften ausdrücken lässt, wenn vor uns hintritt die Juno Ludovisi, wo alles Leben, in der wunderbaren Form erstarrt, in einem Augenblick festgehalten ist, da haben Sie aufs Höchste gespannt die Kraft. In der Wirklichkeit lebt sich die Form nicht so in einem Augenblick aus. Die Formen verändern sich in jedem Augenblick. Zusammengedrückt das Innere in einem einzigen Augenblick, tritt es uns entgegen. Schönheit ist der äußere Ausdruck dessen, was nur die Kräfte der Verwesung bewirken, die Kräfte, die das Leben aufhalten. Urkraft, Wille, das ist das andere, was die Form in jedem Augenblick überwinden will. Wollen wir Kräfte sehen, dann muss in der Zeit von Gestaltung zu Gestaltung gehandelt werden.
Und noch in einer anderen Beziehung lebt im Menschen dieser Gegensatz von Form und Leben, von Vernichtung und ewigem Werden. Wenn bloß die Kräfte des Lebens im Menschen herrschten, so wäre es, wie wenn eine Überfülle von Sauerstoff da wäre. Der Mensch würde sich überstürzen. Es ragt herein aus der astralischen Welt die Kraft des Lebens und des Aufhaltens des Lebens. Und so ist es mit unserem Leben. Wir müssen durch den Tod gehen. Würden wir nicht durch den Tod gehen, dann fehlte uns eines. Wir wissen, wie der Mensch in vielen Erdenleben mit gesteigertem Bewusstsein und vollkommenerem Ich erscheint. Wodurch kommt der Mensch zum vollen Erfassen des Lebens? Kein Wesen würde sein Selbstbewusstsein immer höher gestalten können. Er könnte nicht dazu kommen, wenn er nicht seinen Gegensatz selber erleben könnte. Denken Sie sich ein Wesen, das keine Ahnung hätte, dass es eine Vernichtung gibt, das keine Todesfurcht je geahnt hätte, dem es unmöglich wäre, dem Tode ins Angesicht zu sehen. Ein solches Wesen könnte zu dem starken Selbst- und Lebensgefühl, das weiß, dass das Leben zuletzt siegt über den Tod, nicht kommen. Im Gegensatz lernen wir die starken Kräfte kennen. Unser Ich verdanken wir der Tatsache, dass wir imstande sind, durch den Tod zu gehen. Und der hat das rechte Gefühl, der die Todesfurcht gekannt und überwunden hat. Der Mensch nimmt die Kräfte des Todes auf und verarbeitet sie zu einem erhöhten Leben.
Und wem in der physischen Welt verdankt der Mensch, ein Wesen, das durch den Tod gehen kann, diese für sein Leben so wichtige Tatsache, den Tod überwinden zu können? Dem Gegensatz des Männlichen und Weiblichen.
Für die Geisteswissenschaft stellt sich das Weibliche dar als die Gestalterin der Form, das Männliche als das, was die Form immer und immer überwinden will. Würde nur Weibliches wirken können in der Welt, dann würde alles in der Form, und sei es auch die schöne Form, erstarren. Ein Leben in einer abgeschlossenen Form, bewirkt könnte es werden durch das Weibliche. Dass diese Form überwunden wird, dass von Form zu Form geeilt wird, verdankt das Dasein dem Zusammenwirken des Weiblichen mit dem Männlichen. Und wir Menschen verdanken dem weiblichen Teil unsere Form, und dem männlichen Teil verdanken wir das forteilende Leben, das Werden. Und alles ist im Leben ein Zusammenwirken dieser Kräfte. Daher wirkt in jedem Wesen Männliches und Weibliches zusammen, und der Mann ist nur ein Mensch, bei dem der eine Pol besonders bezeichnend im Physischen zum Ausdruck kommt, während die Formgebung im Innern mehr geistig bleibt. Und im Weibe tritt im Äußeren die weibliche Form auf, während das Willensartige nach innen tritt. Deshalb dieses harmonische Ergänzen in der Beziehung der Geschlechter zueinander. Deshalb findet das eine Geschlecht etwas in dem anderen, was gleicher Art und Wesenheit ist, deshalb versteht das eine Geschlecht das andere, weil das eine das andere in sich hat.
So wunderbar sind die Dinge in der Welt verkettet, dass dasjenige, was uns zuweilen so wunderbar in der Stimmung anmutet: der Gegensatz [von] Vernichtung und Werden, dass der sich eben ausdrückt in dem Geschlechtsgegensatz. Vernichtung, angehalten, bedeutet Ruhe in der Form. Werden bedeutet, wenn es im äußeren Leben uns entgegentritt, zugleich von einer anderen Seite Vernichtung der Form. So kann, wenn wir diese Sache in ihrer Totalität betrachten, niemals sich irgendetwas mehr oder weniger Sympathisches an das eine oder andere dieser Worte knüpfen. Geisteswissenschaftlich betrachtet erscheint uns unser Erdenleben so, dass wir sagen: Mit dem Zusammenwirken der Geschlechter ist eingepflanzt dem Menschen ein Kompromiss zwischen Form und ewigem Werden und Vernichten der Form. Eingepflanzt ist dem Menschen, was in ihm auftreten muss. Wir nehmen mit unserer Erzeugung diese zwei Kräfte der Form und des Lebens auf, weil wir von zwei Seiten her ins Leben gerufen werden. Und so wirken die großen Gesetze des Kosmos, dass dasjenige, was als Gegensatz in einer anderen Welt erscheint als männlich und weiblich, in einer höheren Welt als stärkerer Gegensatz erscheint. Da erst ergießt sich in unsere Betrachtung von männlich und weiblich in der ganzen Natur nicht nur Verstandesbegriff und Idee, sondern Wille und Stimmung und Gefühl, wenn wir in jedem Wesen schen, wie zwei Kräfte zusammenwirken, und diese Wesen nur dadurch vor uns stehen können, dass bei ihnen das Gleichgewicht dieser Kräfte erhalten wird. Kompliziert und mannigfaltig ist die Welt, und wir verstehen sie nur, wenn wir uns einlassen auf ihre Komplikation. So wunderbar diese Ableitung des geschlechtlichen Gegensatzes aus dem anderen Gegensatz einer höheren Welt erscheint, solch ein guter Führer ist er, wenn wir ihn überall im Leben verfolgen. Wir wissen dann, warum der Gegensatz der Geschlechter in der Welt überhaupt auftritt. Es ist gerechtfertigt, weil in der Welt das Gleichgewicht zwischen Gestalt und Werden gelten muss. Steigt der Mensch etwa als Eingeweihter aus der physischen Welt in höhere Welten hinauf, dann tritt ihm in diesen höheren Welten nicht der Gegensatz des Männlichen und Weiblichen entgegen. Tief wahr ist der biblische Ausspruch: «In den Himmeln wird nicht gefreit.» (Mt 22,30; Mk 12,25; Lk 20,35f.) Aber es tritt uns, wenn wir hellseherisch die höheren Welten betrachten, überall ein anderer Gegensatz stürmisch entgegen. Alles ist in fortwährender Bewegung. Hier wird dieses Werden und Gestalten nur verlangsamt und verdichtet. Es erscheint uns in größere Ruhe gegossen. Das kann ein Bild geben, wie in ganz anderem Lichte etwas, was man wahrnehmen kann in den höheren Welten, erscheint. Es könnte so aussehen, als ob dies nur für den Menschen gälte. Es gilt aber überall, wo Tod und Leben und ein geschlechtlicher Gegensatz in der physischen Welt zum Ausdruck kommt.
So erscheint uns in der Kunst, in der Juno, alle Seele, alle innere Größe, alles dasjenige, was im forteilenden Leben von Zustand zu Zustand schreitet, wie ausgegossen in einem Augenblick in eine Form und festgehalten. Wäre diese Form in dem realen Dasein Wahrheit, das Wesen müsste da zu gleicher Zeit sterben. Schönheit bedingt, wenn sie da sein soll in der Form, dass das Wesen, an dem die Schönheit in ihrem vollen Maße zum Ausdruck kommt, kein wirkliches Wesen ist. Das Leben muss heraus, dann bleibt, wenn das, was überwunden werden muss im Leben, für sich da bleibt, die Schönheit der Form. Und wollen Sie das innere Werden, das Eilen von Zustand zu Zustand darstellen, dann werden Sie sehen, dass das in einer charakteristischen Form festgehalten werden kann, aber unmöglich in einer schönen Form, Schön sind sie nicht, die Formen der Laokoon-Gruppe. Es ist keine innere Ruhe festgehalten. Schönheit und Leben sind auf dem Gebiete der Kunst dieselben Gegensätze, die wir so skizziert haben im Gebiete des Wirklichen. Da sehen wir tief in das Leben hinein. Nur müssen wir eine solche Lebensbetrachtung wirklich lebendig und praktisch machen. Auf Schritt und Tritt im Leben können wir tief hineinschauen und Verständnis gewinnen, wenn wir die Dinge von solchen Gesichtspunkten aus betrachten. Sehen wir irgendetwas, was in der Form festgehalten wird, so ahnen wir verborgenes Leben, und sehen wir das Leben, so sehnen wir uns tief — und dieses Sehnen gibt uns ein Verhältnis zu der betreffenden Wesenheit — nach Bewegung. Und dasjenige, was geisteswissenschaftliche Tatsache ist, es tritt uns in den großen religiösen Urkunden wörtlich entgegen. Das macht die Bedeutung dieser Urkunden aus, dass wir sie erst dann verstehen, wenn wir die zugrunde liegenden Tatsachen aus uns selbst eingesehen haben.
Betrachten wir die weibliche Natur. Nach außen ist sie das Weibliche, nach innen das Männliche. Nach außen ist sie dasjenige, was dem Leben die Form gibt, nach innen ist sie dasjenige, was das Leben fortwährend vernichten will. Nach außen ist sie dasjenige, was dem Menschen die Gestalt gibt, ihn auf die Erde stellt mit seinen Füßen, nach innen enthält die weibliche Natur dasjenige, was den Menschen fortwährend zu immer höheren Stufen führen will, hinwegheben von der Erde in immer höhere Sphären. Sehen wir uns jetzt einmal diesen Gegensatz des Männlichen und Weiblichen im Weibe an. Was können wir von diesem Gegensatz sagen? Es gibt eine Kraft im Weibe, welche die Menschen feststellen will auf die Erde, und welche, wenn sie allein da wäre, das Streben seines Kopfes nach geistiger Höhe zertreten würde. Und es gibt eine Kraft, die verborgen männliche Kraft, die bestrebt ist, den Menschen hinwegzuheben von der Erde. Setzen Sie das als Bild. Setzen sie für die männliche Kraft das Bild der Schlange, und setzen Sie für die andere Kraft die weibliche Natur. Was hat das Weib in seinem äußern Ausdruck zu tun? Den Kopf zu zertreten dem, was den Menschen hinwegheben will von der Erde. Und was hat die männliche Natur zu tun? Den Menschen da zu verletzen, wo er fest aufsteht auf der Erde, in die Ferse zu beißen. — «Sie wird dir den Kopf zertreten, du aber wirst ihrer Ferse nachstellen.» (1 Mos 3,15)
Hier haben Sie in einer wunderbaren Weise, was geisteswissenschaftliche Tatsache ist, in einem großen Symbol ausgedrückt. Und wörtlich wiederum können wir das nehmen. Das macht jene Schauer in der Menschenseele, wenn man, ausgerüstet mit den Wahrheiten der Geheimwissenschaft, an die religiösen Urkunden geht, und in ihren Bildern den wörtlichen Ausdruck findet für große Tatsachen des Lebens. Und dann wird das Wort, dass diese Urkunden einen höheren Ursprung haben aus einer geistigen Welt, uns nicht eine Hypothese, sondern eine notwendige Erkenntnis. Kann das von kindlicher Phantasie erdichtet sein, was wir erkennen durch tiefes Hineinschauen in die Natur? Diese Frage muss man sich stellen, und diese Frage führt immer dazu, uns zu zeigen, wie wir unter Umständen immer weiter kommen in der Erkenntnis, und immer besser die Urkunden der Religionen verstehen. Eine scheinbar so alltägliche Betrachtung wie die über die Beziehung der Geschlechter führt zum Verständnis eines wichtigen Wortes. Die Geheimschulung muss das geheimnisvolle Anziehungsband zwischen den Geschlechtern hervorheben aus den Quellen des Lebens, aus der geistigen Welt selber. Der Gegensatz in der physischen Welt hat seinen Gegensatz in der geistigen Welt.
Zusammenwirken müssen die Geschlechter auf allen Gebieten, auch im Geistigen. Und wenn wir eine Epoche vorherrschender Männerkultur hinter uns haben, so wird eine Epoche des Zusammenwirkens der beiden Kräfte kommen. Gerade die Geheimwissenschaft bringt uns daher Licht in die Frage, die mit unserem Thema angeschlagen ist. Alles im Leben erklärt sich, wenn wir dieses Leben aus seinen unsichtbaren, übersinnlichen Grundlagen herleiten. Gestern sprachen wir im Allgemeinen von der Mission der Geisteswissenschaft. Heute schen wir, wie sie etwas Alltägliches mit Licht und Klarheit erfüllt. Alles im Leben ist der Ausdruck jenseits des sinnlichen Lebens liegender Kräfte. Was uns im Leben entgegentritt, dem müssen wir seinen Ursprung in der geistigen Welt suchen. Und das Zusammenwirken von Leben und Form erklärt sich in großartiger Weise. Lebte der Mensch nur in der Form, er würde vernichtet; lebte er nur im Leben, so wäre wieder der Tod die Folge. Wahres Leben ist durch das Zusammenwirken von Gegensätzen möglich.
Dahinein leuchtet auch Goethe in den Worten, die er die «Urworte» nennt, um anzudeuten, dass sie aus der Geheimwissenschaft genommen sind. Er sagt in den «Orphischen Worten»:
Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen, Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, [Bist alsobald und fort und fort gediehen Nach dem Gesetz, wonach du angetreten. So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen! So sagten schon Sibyllen, so Propheten, Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.]