Truths and Errors in Spiritual Research

GA 69a — 24 February 1911, Zürich

GEISTESWISSENSCHAFT UND MENSCHENZUKUNFT

Meine sehr verehrten Anwesenden! Geisteswissenschaft, oder wie man in den letzten Jahrzehnten gewohnt worden ist, sie zu nennen, «Theosophie», ist in den weitesten Kreisen entweder unbeliebt, oder man kann wohl auch sagen unbekannt. Mit Ausnahme eines kleinen Kreises unserer Zeitgenossen - und klein muß dieser Kreis heute genannt werden, der sich intensiv mit dieser Geisteswissenschaft beschäftigt - kann man wohl mancherlei Urteile, mancherlei Kritik über diese Geisteswissenschaft hören, aber im Grunde genommen wenig von einem wahrhaften und ernsten Eindringen in dieselbe. Man weiß in den Kreisen unserer Gebildeten der Gegenwart recht wenig davon, daß dieser kleine Kreis sich in ernstester Art und in ganz wissenschaftlichem Sinne mit den Fragen des geistigen Lebens befaßt, mit Fragen, die sozusagen von den elementarsten Erscheinungen dieses Geisteslebens ausgehen und dann hinaufgehen bis zu den höchsten Fragen, welche die Menschenseele sich stellen kann, den Fragen nach Tod und Leben, nach der Entwicklung der gesamten Menschheit, Fragen selbst nach der Entwicklung unseres Planeten oder des Planetensystems. Und schon, wenn man in unserer Gegenwart von einer Beschäftigung mit solchen Fragen hört, dann faßt man in weitesten Kreisen ein Vorurteil gegenüber diesen Bestrebungen, ein Vorurteil, durch das man sich sogar berechtigt glaubt, sich nicht weiter einzulassen auf solche Zeitströmungen. Denn was, so meint man, kann man dahinter schon vermuten? Irgendeine doch größtenteils auf dilettantischen Vorstellungen fußende Sekte. - Davon weiß man eben wenig, daß die Menschen, die zu dieser angeblichen Sekte gehören, das heißt zu den genannten Kreisen gehören, mit wissenschaftlichem Ernst und mit wissenschaftlicher Gründlichkeit die ungeheuren Fragen studieren nach Methoden und Quellen, die eben den weitesten Kreisen unserer gegenwärtigen Gebildeten ganz unbekannt sind. Und man ahnt nicht, daß es ungefähr ebensoviel Sinn hat, von Theosophie oder Geisteswissenschaft als von etwas Sektiererischem zu reden, wie wenn man die Chemie oder die Botanik der Gegenwart etwas Sektiererisches nennen würde. Denn man glaubt ja freilich, echte wissenschaftliche Methoden seien diesen Fragen gegenüber überhaupt nicht möglich, man glaubt aber auch, solche Bestrebungen leichthin aburteilen zu können, sozusagen aus einem populären Wissen heraus. Man gibt heute zwar zu, daß man, sagen wir in der Chemie oder Botanik Vorstudien machen muß, zu den Quellen gehen muß, [um etwas davon zu verstehen], aber man gibt nicht zu, daß es notwendig oder auch nur möglich sei, in bezug auf die höchsten Fragen des Geisteslebens der Menschheit es ebenso zu machen. Allerdings ist man im Falle der Geisteswissenschaft noch in einer anderen Lage als gegenüber der Chemie oder Botanik. Diese Wissenschaften behandeln Dinge und Fragen, welche Spezialitäten des Lebens betreffen, und man kann mit dem, was sie einem geben, innerhalb dieser speziellen Verhältnisse des Lebens Gebrauch machen. Von dem aber, was aus wissenschaftlicher Gründlichkeit heraus auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft heute getrieben wird und wovon diejenigen, welche es treiben, nicht nur die Hoffnung, sondern auch die Zuversicht haben, daß sie für die Menschenzukunft große Bedeutung haben, von dem muß man sagen, daß es eine einschneidende Wichtigkeit hat für unsere gesamte Lebenspraxis, für die Sicherheit, Festigkeit und die Zuversicht unseres ganzen Lebens.

Wenn man nun die Frage nach der Bedeutung dieser Geisteswissenschaft für die Zukunft ins Auge faßt, so ist es natürlich notwendig, zunächst mit einigen Worten hinzuweisen auf das ganze Wesen dieser Geisteswissenschaft. Es ist das notwendig, obschon ich schon mehrmals die Ehre hatte, auch in dieser Stadt gerade über diese Fragen und über die Methode der Geisteswissenschaft zu sprechen. Wenn heute von Wissenschaft die Rede ist, dann hat man doch im Grunde genommen die Wissenschaft im Auge, welche aufgebaut ist auf der Beobachtung unserer Sinne und auf all dem, was mit Hilfe des Verstandes, der an das äußere Instrument des Gehirns gebunden ist, gewonnen werden kann. Und es entsteht immer die Frage in bezug auf die höchsten Gebiete des Daseins, inwieweit man mit einer solchen Wissenschaft eindringen kann in diese Gebiete, die uns etwas sagen über die Fragen: Wie ist das Wesen des Lebens? Wie ist das Wesen des Todes? Welches ist das Wesen der Menschheit überhaupt und ihrer Entwicklung?

Geisteswissenschaft macht nun geltend - und zwar nicht dadurch, daß sie das einfach behauptet, sondern dadurch, daß sie sorgfältig betriebene Einzeluntersuchungen gibt, die sich dann zusammensetzen zu einem umfassenden Wissen -, sie macht geltend, daß es nicht nur eine äußere Wissenschaft gibt, die gebunden ist an eine ganz bestimmte Stufe des menschlichen Erkenntnisvermögens, sondern daß dieses Erkenntnisvermögen des Menschen selber entwicklungsfähig ist, so daß wir, wenn wir nur wollen, ein höheres Erkenntnisvermögen entfalten können als dasjenige, was in der sinnlichphysischen Welt mit den Sinnen beobachtet und durch den an das Gehirn gebundenen Verstand begreift.

So wie die Wissenschaft der Gegenwart auf das Experiment hinweist, auf Versuche mit äußeren, mechanischen Mitteln, so weist die Geisteswissenschaft hin auf einen Versuch, der einzig und allein mit den Mitteln unserer Seele selbst angestellt werden kann. Unsere Seele verhält sich im normalen Leben in der Welt in einer ganz bestimmten Art. Aber diese Art kann verändert werden, und diese Veränderung ruft die Möglichkeit hervor, daß wir an die Geistesweit ebenso Fragen stellen können, wie wir an die Naturerscheinungen und ihren Verlauf Fragen stellen durch das Experiment. Nicht mit äußeren Versuchen und Werkzeugen können wir eindringen in die Geisteswelt, wohl aber dadurch, daß wir in unserer Seele Kräfte erwecken, die sonst schlummern, die sonst in dieser Seele, wenn wir wissenschaftlich sprechen wollen, latent sind. Es gibt ganz bestimmte Seelenübungen - sie können hier nur angedeutet werden und sind ausführlich besprochen in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» -, intime Verrichtungen unserer Seele, die geeignet sind, unseren inneren Willen in hohem Maße zu stärken, so daß wir in den Stand gesetzt werden, einen Inhalt in unserer Seele oder durch unsere Seele wahrzunehmen, wo wir im sogenannten normalen Leben sonst keinen Inhalt wahrnehmen. Wir erleben dann durch solche Seelenübungen Momente, welche sich zwar vergleichen lassen mit dem Einschlafen des Menschen, aber die doch im Grunde genommen etwas durchaus anderes sind. Was erleben wir zunächst - bloß für die Beobachtung -, wenn der Mensch vom wachen Zustand in den Zustand des Schlafes übergeht? Da erleben wir, wenn wir nur die äußere Beobachtung zu Rate ziehen, das Verdunkeln der äußeren Eindrücke; die äußeren Eindrücke hören endlich ganz auf, sie schwächen sich immer mehr und mehr ab, und endlich, nachdem alle Lust und alles Leid, alle Leidenschaften, Triebe und Begierden zum Schweigen gebracht sind, breitet sich in der Seele das aus, was wir gewöhnlich Bewußtlosigkeit nennen. Da zeigt jene Methodik, auf die sich die Geisteswissenschaft beruft, daß wir in diesem Falle des Einschlafens nur aus dem Grunde von Bewußtlosigkeit reden müssen, weil wir beim Aufhören aller äußeren Eindrücke nicht mehr imstande sind, im Innern unserer Seele so starke Kräfte zu entwickeln, daß diese Seele ihre eigene Wesenheit fühlt und somit auch sich in ein Verhältnis setzen kann zu ihrer Umwelt, in der sie sich dann befindet und die geistig ist. Wenn nun der Mensch einen ganz bestimmten Gedankeninhalt, eine ganz bestimmte Empfindungswelt auf seine Seele wirken läßt, dann wird er fähig, auch dann noch in seiner Seele sich als ein Wesen zu fühlen, wenn alle äußeren Eindrücke schweigen. Er ist dann in der Lage wie der Einschlafende und doch wieder radikal davon verschieden. Er ist dann fähig, bewußt und durch den Willen alle äußeren Eindrücke auszuschließen und auch alles, was sonst in wachem Zustande zu uns spricht durch Sinne und Verstand, und dennoch nicht bewußtlos zu sein, sondern aufleuchten zu lassen in der Seele den vollen Inhalt des Seelenlebens.

Die Seelenübungen können hier nur angedeutet werden. Mit dem, was wir als gewöhnliche Vorstellungen im Alltag haben, erreichen wir niemals irgendeine Möglichkeit, solche starken Kräfte zu entwickeln. Alle Vorstellungen, die wir im Wachzustand über unsere Welt, sei es des gewöhnlichen Lebens, sei es auch der sublimsten Wissenschaft, haben, sind ungeeignet, die in der Seele schlummernden Kräfte zu erwecken. Eine ganz andere Art von Vorstellungen ist notwendig, um jene Kräfte in unserer Seele in Bewegung, in Lebendigkeit zu bringen; wir können sie symbolische Vorstellungen nennen, wir können, sagen wir, ein Bild so auf uns wirken lassen, daß wir keine äußeren Eindrücke in unsere Seele hereinlassen, unsere Erinnerung zum Schweigen bringen, die Seele gleichsam losmachen und an eine Rose oder irgend etwas anderes denken, und dieses Sinnbild lasse ich in meiner Seele lebendig werden als einzige Vorstellung, der ich mich hingebe. Das ist nicht geeignet, uns gewöhnliche, physische Wahrheiten zu überliefern, auf welche die Mehrzahl der heutigen Menschen den meisten Wert legt, wohl aber ist es geeignet, wie ein Keim in unserer Seele zu wirken. Wie ein Pflanzenkeim, der in die Erde gesenkt wird, seine Wurzeln nach allen Seiten sendet, so sendet diese Bildvorstellung ihre verschiedenen Verzweigungen in das ganze Leben unserer Seele hinein, und diese Vorstellung wächst in uns. Allerdings, wenn wir solche intime Seelenübungen machen wollen, muß unser Seelenleben einen festen Halt haben; wir dürfen keine träumerischen, phantastischen, konfusen Naturen sein. Wir müssen ganz genau wissen, was wir tun und uns Rechenschaft geben, daß wir eine solche Bildvorstellung in unserer Seele haben.

Versuchen wir uns zum Beispiel drei Fälle vorzustellen von solchen Taten, die im Leben bezeichnet werden als Taten des Mitleids, und suchen wir aus dem Vergleich [dieser Taten] uns nicht eine Gesamtvorstellung, sondern eine Gesamtempfindung zu bilden über das Mitleid; suchen wir jetzt alles zu vergessen, was Taten des Mitleids in unserer Welt sind, und lediglich diesen Impuls in unserer Seele tätig sein zu lassen - dann haben wir eine solche Empfindung, von der wiederum die Wurzeln ausgehen zu einem reichen, vollen Inhalt der Seele. Dadurch kommen wir allmählich dazu, jenen Moment zu erreichen, der sich vergleichen läßt mit dem Einschlummern, und der doch wieder radikal davon verschieden ist. Hinuntersinken müssen die Alltagseindrücke, alle Erlebnisse des Tages, Lust und Leid, Freude und Schmerz, auch alle Gedanken und Ideen des Tages. Derjenige, der ein Geistesforscher werden will, muß imstande sein, dadurch, daß er seinen Willen so ausgebildet hat, wie es durch solche rein innerliche Erlebnisse geschieht, auszuschließen alle äußeren Eindrücke und das herzustellen, was die Seele erlebt, wenn der Körper im Zustande der Bewußtlosigkeit ist. Dann werden Seelenzustände geschaffen, in denen ganz andere Bewußtseinszustände vorhanden sind, wo die Seele ganz anders sich zur Außenwelt stellt, wo es für die Seele wie für einen Blindgeborenen ist, der bisher keine Farben gesehen hat und dann nach einer Operation Farben und Formen sieht. In diesem hellsichtigen Zustand sieht er etwas anderes als das, was ihn sonst in der physischen Welt umgibt; er empfängt neue Eindrücke, Eindrücke aus der Geisteswelt, die unserer physisch-sinnlichen Welt zugrundeliegt.

Dann kommen wir dazu, uns zu sagen: Wenn der Mensch des Abends einschläft, dann ist es nicht so, daß der gesamte Mensch sich erschöpft in dem, was im Bette liegen bleibt, sondern der Wesenskern des Menschen, das Geistig-Seelische, verläßt diese äußere Hülle, und eben dieser Wesenskern ist es, der im normalen Bewußtsein keine Organe hat, der aber durch die vorhin charakterisierten Seelenübungen geistig-seelische Organe erhalten hat, durch die er sich in eine neue Welt versetzt fühlt. Das wirkliche Erleben im Geistig-Seelischen wird dadurch erreicht; eine neue Welt der Beobachtung wird dadurch gegeben, und von diesen elementaren Tatsachen des geistigen Erlebens aus steigen wir dann bis zu den höchsten Tatsachen hinauf. Nun gibt es solche einzelne Menschen, die entsagungsvolle Übungen machen, um ihre Seele selber zu einem Werkzeug zu gestalten. Wenn diese dann vor einen kleinen Kreis von Menschen treten, der sich interessiert für solche Sachen, und ihnen erzählen, was sie in anderen Bewußtseinszuständen erfahren haben, dann glauben diese es. Bei demjenigen, der sich nur oberflächlich bekannt macht mit der Geistesströmung der Theosophie, ist es durchaus begreiflich, wenn er das glaubt, denn wenn man nur das kennt, was an der Oberfläche des Lebens vorhanden ist, ist es außerordentlich schwierig, sich eine Vorstellung zu bilden von der Art, wie diese Geistesströmung betrieben wird. Daher ist es durchaus begreiflich, wenn sie in den weitesten Kreisen verkannt wird. Das muß betont werden. Begreiflich ist es, daß solche Menschen nur den Offenbarungen aus der Geisteswelt glauben, die auf die geschilderte Weise gewonnen sind. Daß solche Menschen Phantasten, Träumer, Schwärmer, Sektierer sind, das zu glauben ist etwas ungeheuer Naheliegendes, und man möchte sagen, für die Mehrzahl der Gebildeten der Gegenwart etwas geradezu Selbstverständliches. Nur verkennt man eine ganz bestimmte Tatsache: Zum Forschen in der Geisteswelt, zum Aufsuchen der geistigen Wahrheiten gehört die entwickelte Seele, das entwickelte andere Bewußtsein. Wenn auch heute noch nur wenige Menschen durch die Entwicklung ihrer Seele, wie ich sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»

ausführlich geschildert habe, ihre Seele selber zu einem Werkzeug zu machen vermögen, um damit hineinzuschauen in die Geistesweit und dann mitzuteilen, was sie da erfaßt haben, so genügt dies für diejenigen, die mit einem gewissen Wahrheitssinn und mit Vorurteilslosigkeit herantreten an die Sache. Zum Forschen, zum Auffinden der Tatsachen gehört die geschulte Seele des Geistesforschers, zum Ergreifen einer solchen Wahrheit nur eine wirklich unvoreingenommene Logik. Wenn solche Dinge mitgeteilt werden, stimmen sie für jeden, der nachdenken will, in einem viel höheren Grade mit dem ganzen Leben zusammen als irgendeine andere Philosophie, die etwa heute gegeben wird.

Daher ist die Prüfung, sozusagen die Untersuchung der Beweiskräftigkeit des vom Geistesforscher Mitgeteilten für jeden möglich. Nur genügt es nicht, sich so ohne weiteres mit den Ergebnissen bekanntzumachen, denn die Logik und das ganze Begriffssystem der Entwicklung der Seele, um in die höheren Welten hinaufzusteigen, ist subtil und streng. Man kann sagen, es werden an Logik und Begriffsvermögen weit strengere Anforderungen gestellt als in der gewöhnlichen Wissenschaft heute auf irgendeinem Gebiet. Aber wenn man nicht im Handumdrehen die Dinge beurteilen will, sondern mit ganzer Seele bestrebt ist, sich einzugewöhnen in die Art dieser neuen Vorstellungswelt, um zu begreifen, was sich ergibt über die höchsten Fragen des Daseins, dann wirkt dieses Sicheinleben nicht etwa wie Suggestion, sondern die Seele kann es mit vollem Bewußtsein verfolgen. Jede Seele kann sich hineinfinden in jene Gebiete, bei denen die höchsten Fragen des menschlichen Daseins, Fragen von Zeit und Ewigkeit, behandelt werden.

Hat dieses Verkündigen von Geisteswissenschaft oder Theosophie eine Bedeutung für die heutige und für die fortschreitende Menschheitskultur? Diese Frage muß man aufwerfen. Denn es könnte der Einwand gemacht werden, es könne Menschen geben, die sich aus gewissen Sehnsüchten heraus für solche Dinge interessieren, aber das seien Eigenbrötler, die lieber in ihren Stuben nachdenken, aber mit den großen Vorgängen in der Menschheitskultur nichts zu tun hätten. - Man kann das nicht mehr sagen, wenn man den Gang der Menschheitsentwicklung so mit Verständnis überblickt, daß gerade der Zeitpunkt, in dem wir jetzt leben, seinem Wesen nach vor unsere Seele tritt. Dieser Zeitpunkt, in dem wir leben, hat sich ja herausentwickelt aus dem, was die Menschheit in der Vorzeit durchlebt hat bis in unsere Tage hinein. Und aus der gegenwärtigen Entwicklungstufe werden sich wiederum die Erlebnisse der Menschen der Zukunft herausentwickeln. Blicken wir zurück in die vorzeitliche menschliche Entwicklung, so zeigt sich, daß man einem gewaltigen Vorurteil unterliegt, wenn man glaubt, daß die ganze menschliche Seelenverfassung, die Art, wie der Mensch denkt, wie er sich Ideen und Begriffe macht über die Umwelt, die ganzen menschlichen Bewußtseinszustände in allen Zeiten ungefähr die gleichen seien. Davon kann nicht die Rede sein. Das Wort Entwicklung wendet man zwar auf die Umgestaltung der äußeren Formen an, aber selten auf das, was das menschliche Seelenleben selber ist, und gerade in bezug auf das menschliche Seelenleben ist der Entwicklungsbegriff etwas, was uns tief hinweist auf die wichtigsten Fragen der Menschheit.

Da zeigt uns die Untersuchung der Menschenseele durch den Blick des Geistesforschers und die Schlüsse, die man daraus ziehen kann, daß das menschliche Bewußtsein in alten Zeiten der Menschheitsentwicklung, die weit hinter dem historisch Erreichbaren zurückliegen, anders war als heute, daß wir sprechen dürfen von Zeiten der Menschheitsentwicklung, in denen die menschliche Seele selbst in einer Art hellseherischem Bewußtseinszustand gelebt hat, allerdings nicht so, wie es beim heutigen geschulten Geistesforscher ist. Der hellseherische Zustand, der vom geschulten Geistesforscher heute erreicht wird, ist ein solcher, der sich mit vollem Bewußtsein abspielt, mit dem vollen, wachen Bei-sich-Sein, das man im normalen Leben auch hat. So war es nicht bei dem alten Hellseher der vorzeitlichen Menschheit. Er hatte ein mehr träumerisches Hellsehen, ein traumhaftes Daseinsbewußtsein. Es ist so, daß wir sagen dürfen: Das, was der Mensch heute in seinen Träumen erlebt, was sich so chaotisch in sein Schlafleben hineinmischt, das ist ein alter atavistischer Rest, eine Art Erbschaft des alten Bewußtseinszustandes. Während heute Traumvorstellungen in der Mehrzahl nichts besonderes zu besagen haben über die Realität der Außenwelt, waren jene alten Bewußtseinszustände Bildvorstellungen, die sich zwar mit unseren Traumvorstellungen vergleichen lassen, aber doch davon sehr verschieden waren. Bild- Vorstellungen, die vielfach symbolisch "waren, waren der Inhalt eines alten hellseherischen Bewußtseins, das noch nicht durchzogen war von jener Intellektualität, die wir heute im normalen Tagesbewußtsein haben. In der Seele der Menschen der Vorzeit wogten diese Bilder auf und ab. Ein solches Bilderbewußtsein hatten die Menschen der Vorzeit nicht etwa immer; es wechselten auch bei ihnen wache Zustände und Schlafzustände, aber während diese bei uns ineinander übergehen und einen im wesentlichen bedeutungslosen Traumzustand zwischen sich haben, war in den alten Zeiten ein dritter Bewußtseinszustand vorhanden, der Zustand eines solchen Bilderbewußtseins, in dem nicht unsere sinnlichen Vorstellungen auf- und abwogten in der Seele, sondern Sinnbilder, wie sie ja in abgeschwächtem Zustande höchstens heute noch die Kunst hat. Diese Sinnbilder schwebten mit voller Lebendigkeit in diesen drei Bewußtseinszuständen auf und ab, und sie waren nicht etwa so wie unsere Traumvorstellungen, daß wir sie nicht beziehen dürfen auf eine Realität, sondern sie waren in deutlicher Weise auf eine Wirklichkeit gerichtet, so daß durch sie die äußere Wirklichkeit erkannt wurde, wenn auch nur in Sinnbildern. Man erlebte eine Geistesweit, die hinter der Sinneswelt stand. So hatten die Menschen der Vorzeit ein Bilderbewußtsein, das ihnen entbehrlich machte unsere heutige Intellektualität und unsere heutige Weisheit des wachen Bewußtsein. Dafür sahen sie in eine Geisteswelt hinein, aber in eine Geisteswelt, anzuschauen in den Bildern eines traumhaften Hellsehens. Man kann nun fragen: Gibt es denn in der äußeren Welt gar nichts, das uns einigermaßen belegt, was ihr Geistesforscher da seht, wenn ihr zurückschaut in die Vorzeit? Gibt es denn gar nichts, was einen Beleg dafür liefern kann, daß einstmals die Menschheit hineingeschaut hat in die geistigen Welten? - O, so etwas gibt es! Nur müssen die Menschen dieses Etwas in richtiger Weise deuten lernen. Was ist uns erhalten aus der grauen Vorzeit der Menschheit von Versuchen, in das innere Wesen der Dinge einzudringen? Bei der vorzeitlichen Menschheit suchen wir vergeblich nach einer Wissenschaft, wie wir sie heute haben, aber es sind uns erhalten die Legenden und die Mythen. Nun, der aufgeklärte Mensch der Gegenwart sagt: das entspricht den kindlichen Phantasien der Vormenschheit; jetzt sind wir eingetreten in das Mannesalter der Wissenschaft. - Wer sich aber in die Mythen der verschiedenen Völker vertieft, der erlebt da etwas ganz anderes als solch ein oberflächlicher Beurteiler, er erlebt da, daß diese Bildervorstellungen in wunderbarer Weise überall zusammenhängen [mit dem geistigen Leben der Menschheit]. Und wenn man eindringt in diese Vorstellungen, so eröffnen sich uns die Hinweise auf die tiefen Zusammenhänge mit diesem geistigen Leben der Menschheit und ihrer Kultur, und man bekommt immer mehr Respekt, immer mehr Hochachtung für die wunderbare Ausgestaltung der Bilder in den alten Mythen und Legenden, so großen Respekt, daß man sich oftmals sagt: Was sind alle Philosophien der Gegenwart gegenüber den wunderbaren Bildern, die uns in den Mythen erhalten sind. Sie stimmen so über die ganze Erde hin zusammen und sie stimmen so mit dem überein, was der Geistesforscher durch seine Methode in der Geisteswelt finden kann, daß wir uns fragen müssen: Ja, woher kommen denn diese alten Vorstellungen, die über das ganze Erdenrund zu finden sind, woher sind sie? Eine wirklich gewissenhafte Forschung findet die Erklärung nur, wenn sie sich sagen kann, daß diese Dinge Überreste eines alten Hellsehens sind. Und es ist ein durchaus falsches Urteil, unsachlich gefällt, wenn man sagt, die Mythen der alten Völker seien kindlicher Phantasie entsprossen. Nein, verstehen können wir sie nur, wenn wir uns sagen, da haben unsere Vorfahren hineingeschaut mit ihrem hellseherischen Bilderbewußtsein [in die Geisteswelt]. Noch um die Wende des 18. zum 19.

Jahrhundert hat es zahlreiche Menschen gegeben, die ein Bewußtsein davon gehabt haben, daß es eine solche bilderhafte Urweisheit gab und daß die wunderbaren Geistesstimmen aus den Mythen aus dem grauesten Altertum der verschiedenen Völker Zeugnis von einer Urweisheit der Menschheit ablegen. Damals war man sich noch klar darüber, daß die Völker, die man heute als einzelne Kulturvölker mit dekadenten Vorstellungen anspricht, nur heruntergekommen sind von einem höheren Standpunkt, daß aber alles, was die Menschheit heute an Kultur hat, zurückführt auf graue Urzeiten, wo noch das Wissen von der Geisteswelt lebendig war, daß es Urweisheit war und nicht kindliche Unvernunft, die am Ausgangspunkt der Menschheit steht.

Da gab es durchaus ernstzunehmende Forscher, die von dieser Tatsache durchdrungen waren. Fragen wir die großen Philosophen Aristoteles und Plato, fragen wir die anderen Philosophen, die der altgriechischen Kultur angehörten und ihre Philosophien zu uns herübergeschickt haben, so finden wir zahlreiche Stellen, wo diese Philosophen davon sprechen, daß alle Wissenschaft zurückführt zur Urweisheit, die von den Göttern selber den Menschen überliefert worden ist. Plato spricht von Menschen des Kronos-Reiches, die unmittelbar aus der Geisteswelt die Urweisheit übernommen haben. Die Geistesforscher sagen uns nicht bloß, daß dies so war, sondern auch, warum dieses alte Hellsehen allmählich verschwunden ist aus der Menschheit, das die Menschen hineingeführt hatte in die Geisteswelt.

Da kommen wir zu dem großen Gesetz, das auch in der Natur zu beobachten ist, das aber im Geistesleben der Menschheit besonders augenfällig ist: daß für die Ausbildung einer bestimmten Kraft zunächst eine andere zurücktreten muß. Diese alten Menschen, die in gewissen Zuständen ihres Bewußtseins die Möglichkeit hatten, hineinzuschauen in eine Geisteswelt, die hatten noch nicht unseren heutigen intellektuellen Verstand; sie hätten keine Wissenschaft, keine Kultur in unserem heutigen Sinn begründen können. Alles Intellektuelle mußte sich erst entwickeln. Entwicklung ist etwas, was uns in bezug auf das Seelenleben zu den tiefsten Fragen führt. Unsere Intelligenz, unsere verstandesmäßige Erfassung der Welt, die Seelenverfassung, die wir heute haben, wo wir total auf unsere Sinne bauen und die sinnliche Wahrnehmung mit dem an das Gehirn gebundenen Verstand kombinieren, alles das, was wir im Alltagsleben uns vorstellen und was wir in der Wissenschaft treiben, das konnte in das allgemeine menschliche Bewußtsein nur dadurch hineinkommen, daß für eine Weile das alte Heilsehen zurücktrat, übertönt wurde vom intellektuellen Bewußtsein. Das alte hellseherische Bewußtsein mußte zurücktreten, damit die intellektuelle Kultur innerhalb der Menschheit sich entwickeln konnte. Wer nur ein wenig den Grundcharakter des Mittelalters zu beachten versteht, der weiß, daß die eigentümliche Erscheinung der Geistesentwicklung des Mittelalters zu erklären ist, wenn man weiß, daß dieses Mittelalter die Zeit ist, in welcher nach und nach die Möglichkeit des alten Hellsehens verschwindet. Der größte Impuls in der Menschheitsentwicklung, der Christus-Impuls, der einmal die Menschheit zum vollen Hellsehen hinaufführen wird, hatte die Aufgabe, das alte Hellsehen zurücktreten zu lassen. Und so sehen wir, daß mit dem Heranbrechen der neuen Zeit sich eine eigenartige Erscheinung zeigt: das alte Hellsehen tritt zurück, nur die Überlieferung an jene Wahrheiten, die man durch das alte Hellsehen gewonnen hatte, bleibt. So pflanzten sich im Mittelalter die Wissenszweige fort, welche gewonnen waren auf der Grundlage eines alten Hellsehens, aber man wußte das gar nicht mehr, man hatte nur die Ideen begriffen, die in der Urzeit gefunden waren, ja, man wandte sie sogar gegen den Ausgang des Mittelalters ganz falsch an. Ein Beispiel: Aristoteles, der alte griechische Philosoph der vorchristlichen Zeit, stand schon am Wendepunkt zu dem Zeitalter, in dem die intellektuelle Bildung der Menschheit begonnen hatte, aber er sah noch zurück, obwohl fast nur noch in dunkler Ahnung an die Zeit, in der die menschliche Natur nur durch das Hellsehen etwas gewußt hat, zurück auf die Vorgänge der menschlichen Begriffsvorstellung und Empfindungen, überhaupt in die menschliche Entstehung, und diese schildert er. Er konnte es nicht mehr sehen, da er nicht mehr dem Zeitalter angehörte, wo man durch das alte Hellsehen einzudringen vermochte in die Geisteswelt, er hatte nur die Überlieferung. Da sagte er: Wenn der Mensch in seiner seelischen Tätigkeit, in seinem wachen Zustande ist, dann haben wir es im Menschen zunächst mit dem zu tun, was man physischen Leib nennen kann, und dieser hat seine Organe. Aber Aristoteles wäre noch durchaus abgeneigt gewesen, in materieller Weise in diesem physischen Leib das einzige zu sehen, was die menschliche Wesenheit ausmacht. Er wies hin auf ein nächsthöheres Glied, das seinen Mittelpunkt da habe, wo etwa das menschliche Herz ist, und von diesem übersinnlichen Glied gehen gewisse Strömungen aus, die besonders zum Gehirn hinaufgehen und sich als übersinnliche Strömungen im Menschenleibe verbreiten. Diese Strömungen wurden noch im Mittelalter «kaltes Licht» genannt, das namentlich in das Gehirn hinein sich ergieße, um da die physischen Organe des Gehirns zu beleben. Noch im Mittelalter sprachen die Menschen von diesem kalten Licht, das sich von da ausbreitet, wo das physische Herz liegt.

Aristoteles kann man nur verstehen, wenn man weiß, daß das, was er vom Herzen ausgehen läßt, übersinnlich gemeint ist, daß er nicht physische Stränge, Organe oder dergleichen meint. Nun kam das Mittelalter. Die Leute verloren das Verständnis für das Hineinschauen in die alte Welt. Sie lasen Aristoteles, und das ganze Mittelalter hindurch war der Glaube an Aristoteles wie ein Glaube an die Bibel. Aristoteles war die Grundlage für die Naturwissenschaft, für die Medizin, für alles. Alles wurde auf die Grundlagen des Aristoteles aufgebaut. Aber der Mensch hatte keine Vorstellung mehr von dem, was eigentlich Aristoteles meinte. So konnte eine eigenartige Vorstellung sich gerade bei den Aristoteles-Gläubigsten entwickeln, bei denen, die wacker an ihn glaubten, aber ihn nicht mehr verstanden. Denn bekanntlich ist es ja nicht notwendig, daß alles verstanden wird, woran man glaubt. Es konnten sich Vorstellungen entwickeln, daß mit dem, was vom Herzen ausgeht, nicht übersinnliche Strömungen, sondern sinnliche Stränge gemeint seien. Und so glaubten die Aristoteles-Gläubigen, vom Herzen gingen die Nerven aus.

Nun kamen am Ausgang des Mittelalters die großen Forscher und Denker, ein Giordano Bruno, ein Galilei, die auf der Grundlage der neugestalteten Weltanschauung des Kopernikus ein neues Weltbild entwarfen. Die Aristoteles- Gläubigen waren aber nicht geneigt, dieses neue Weltbild einfach anzunehmen. Galilei und Giordano Bruno wiesen hinaus in die wirkliche Welt der Sinne, weil jetzt die Zeit begann, in welcher die Menschen ihr Wissen durch Sinnesbeobachtung und Intellekt entwickeln sollten. Da ist es vorgekommen, daß Galilei einen Freund, der ein guter Aristoteles-Gläubiger war, vor eine Leiche führte und ihm zeigte, wie die Nerven nicht vom Herzen ausgehen, sondern vom Gehirn. Der schaute sich das an und sagte: Ja, es sieht fast so aus, als ob die Nerven vom Gehirn ausgingen, aber bei Aristoteles steht es anders, und wenn ein Widerspruch besteht, dann glaube ich dem Aristoteles! - Diese Antwort hat Galilei erhalten.

Diese Zeit war reif, das abzutun, was aus dem alten Hellsehen noch als Überlieferung herübergekommen war, denn es war völlig dem Mißverstehen verfallen. Damals gab es einen besonderen Aufschwung der intellektuellen Bildung, die wir insbesondere gerade bei Galilei so groß und gewaltig hervortreten sehen. Einen großen Teil der physikalischen Begriffe, mit denen wir heute arbeiten, führen zurück auf die Denkweise Galileis. Sein materielles, mechanisches Denken war unmittelbar auf die äußere Sinneswelt gerichtet und auf ihre Erfassung mit dem Verstande. Die Morgenröte für das Zeitalter der Intelligenz war auch auf wissenschaftlichem Gebiet angebrochen, und wir können nun von jener Zeit an bis in unsere Tage hinein immer wieder beobachten, wie sich der Mensch dieses Gebiet des menschlichen Seelenlebens erobern will, dessen wichtigster Teil die intellektuelle Eroberung der äußeren Wirklichkeit durch den Verstand war. Ein besonders drastischer Ausdruck, wie man im Mittelalter sozusagen nur mehr imstande war, materiell zu denken, aber noch die alte Überlieferung hatte, bietet sich uns in folgendem.

Keinem der alten hellseherischen Weisen wäre es eingefallen zu sagen, die Geisteswelt sei «oben», da sei ein blaues Himmeszelt, das schließe unsere Welt ein. So haben die alten Hellseher nicht gedacht, so wurden sie erst mißverstanden in der späteren Zeit. Da wies man hinauf auf den Fixsternhimmel als eine Art Schale, die unsere Welt umgibt. Es war ein großer Augenblick, als Kopernikus den Menschen die Erde gleichsam unter den Füßen wegzog. Ein großer Augenblick war es, als Giordano Bruno diese «Schale» in die Unendlichkeit des physischen Raumes hinaus verwies. Aber Giordano Bruno setzte neben das sinnliche Bild noch etwas anderes. Wir brauchen uns nur ein paar Worte des Giordano Bruno vor die Seele zu rufen und wir werden sehen, daß er die große Tat vollbrachte, neben dieses sinnliche Bild ein geistiges Bild hinzustellen. Er sprach aus, daß alles, was uns umgibt in der sinnlichen Welt, wurzelt in den Gedanken des Geistes der Welt, und das, was in den Gedanken des Geistes der Welt wurzelt, das offenbart sich in der äußeren Form, in dem, was wir mit den Sinnen anschauen. Wenn also Giordano Bruno in den unendlichen Weltenraum hinausweist und das Wesen der Dinge sinnenfällig aufsucht, so war dies für ihn doch nichts anderes als die Verleiblichung der Gedanken des Weltengeistes. Die Vorstellungen des Menschen nennt Giordano Bruno Schatten der Göttergedanken, nicht etwa Schatten der äußeren Dinge. Wenn also Giordano Bruno den physischen Blick auf die äußere Welt richtet, dann geht geheimnisvoll in seine Seele ein der Gedanke des Weltengeistes, und die menschlichen Begriffe sind nicht Schatten der äußeren sinnlichen Dinge, sondern der Gedanken des Weltengeistes. Das ist von unendlicher Wichtigkeit, daß wir in Giordano Bruno einen großen Geist vor uns haben, welcher hinausweist in die Raumesfernen, aber ebenso kräftig auf das, was die menschliche Seele verbindet mit dem Urgeist des Weltendaseins. Prüfen wir, was dem zugrundeliegt in der Seele des Giordano Bruno, so tritt deutlich hervor, daß ihm eine Intelligenz, eine Gesinnung zugrundehegt, die sich durchaus schon vergleichen läßt mit der Intelligenz und der Gesinnung der heutigen Wissenschaft, die aber noch befruchtet war von den Überlieferungen des alten Hellsehens. Man darf sagen, ein Schatten selbst des alten Hellsehens und des Sich-verwandt-Fühlens mit der göttlich-geistigen Welt lebte noch in der Seele des Giordano Bruno. Aber es blieb uns bloß das Bild, das er von der äußeren sinnlichen Welt entwarf, und nicht mehr, was in ihm damals noch lebendig war. Das Bild des alten Hellsehens, das in ihm lebte, verschwand. Man braucht die Entwicklung bloß vorurteilslos bis in unsere Gegenwart hinein zu verfolgen, dann wird man sehen, daß immer mehr und mehr der bloße Intellekt, dieses bloß äußere Anschauen der sinnlichen Welt Verbreitung gefunden hat im allgemeinen normalen Bewußtsein der Menschheit.

Was ist von unserem Zeitalter deshalb zu sagen? Da ist zu sagen, daß wir so recht im Zeitalter des Intellekts, des Verstandes und dessen Anwendung auf die Sinneswelt leben. Nun muß man im Sinne der Geisteswissenschaft die eigenartige Wirkung des Intellekts selber untersuchen, der bloßen Vernunfterkenntnis der menschlichen Seele gegenüber der hellseherischen Erkenntnis. Diese unterscheidet sich wesentlich von einer Erkenntnis aus Intellekt oder sinnlicher Beobachtung. Der Unterschied besteht darin, daß alle hellseherische Erkenntnis, die irgendwie die Verbindung des Menschen mit der Geisteswelt herstellt, hineinwirkt in unser Gemüt, und daß sich daraus ein Gefühl, eine Empfindung ergibt von der Stellung und Lage des Menschen im gesamten Weltall. Kraftvoll ist die hellseherische Erkenntnis, sie gießt hinein in unsere Seele Empfindung und Gefühl, sie befriedigt unsere Sehnsüchte, stärkt unsere Hoffnung, entzündet unsere Liebe. Es ist undenkbar, daß der Mensch an der übersinnlichen Erkenntnis teil hat, ohne daß sie sich umsetzt in Gefühl und Empfindung. Daher sehen wir, wie die bildhaften Legenden und Mythen in den Vorstellungen der Alten nicht gleichgültig aufgenommen wurden, sondern so, daß die ganze Seele entweder entzückt sein konnte und hingegeben an eine übersinnliche Welt oder aber zerknirscht über ihre eigene Kleinheit. Das gehört auch zum Wesen der Intelligenz, daß sie in gewisser Weise verdunkelnd wirkt auf all das, was als übersinnliche Erkenntnis da ist. Wir können das in unserem gewöhnlichen Seelenleben beobachten. In dem Augenblick, wo irgendeine bildhafte Vorstellung, die, wie man sagt, intuitiv oder auf dem Wege der Inspiration auftaucht, eingefaßt wird in abstrakte Begriffe, verschwindet der tiefe Empfindungsgehalt, den sie für die gesamte Persönlichkeit und das gesamte Seelenleben gibt. Intellekt ist in hohem Grade verständnisbringend, aber auslöschend für alle unmittelbare seelische Wirkung der übersinnlichen Erkenntnis.

Ich führe Ihnen nichts Ausgedachtes an, nichts, was Sie nicht in zahlreichen Büchern lesen können. Da weisen die Vertreter der Intelligenz hin auf Buddha, auf Christus, auf Zarathustra, auf Pythagoras und so weiter und sagen: Da steht die menschliche Seele der großen Welt gegenüber, sie erfaßt in verschiedener Weise die Welt. Das Hineinreichen der übersinnlichen Erkenntnis in die Seele war verbunden mit starkem Mut zum Dasein, der aus der Seele heraus bewirkt hat das Bewußtsein unseres Zusammenhanges mit dem Geistigen der Welt. Die Intelligenz führt zwar an der Oberfläche der Dinge zum Verständnis, ist aber nicht geeignet, ein Gefühl des inneren, seelischen Mutes hervorzurufen. So sehen wir Mutlosigkeit, Kraftlosigkeit gegenüber dem Eindringen der Erkenntnis als ein Charakteristikum unserer Zeit. Unsere Zeit lobt und hebt dasjenige hervor, was die Wissenschaft leisten kann. Das tut sie mit Recht. Aber überall, wo die Leute glauben, tiefer zu denken, da sagen sie, dort hinein, wo das Warum der Dinge spricht, kommt der Mensch nicht. Weder Pythagoras, noch Christus, noch Zarathustra hätten irgend etwas zu sagen gewußt von diesem Warum. Dies beweise doch zur Genüge, daß anstelle der alten Erkenntnis und Zuversicht getreten ist eine Erkenntnis der Mutlosigkeit.

Es gibt für das menschliche Gefühl im Grunde zwei Formen der Resignation. Der alte Hellseher konnte sagen: So wie in meinen Verhältnissen, in meinem Zeitalter die menschlichen Fähigkeiten sich entwickelt haben, so reichen sie noch nicht dahin, in die Urgründe der Dinge hineinzusehen - man muß resignieren. - Das war eine andere Resignation als die, die wir heute rinden. Warum resigniert der alte Hellseher? Weil er sieht: So wie ich dastehe, bin ich noch nicht geeignet, zu Erkenntnissen zu kommen. - Er resigniert aus Bescheidenheit, aus dem Bewußtsein, daß in ihm zwar die höchsten Kräfte sind, daß er sie aber vermöge seiner Unvollkommenheit nicht zu entfalten vermag. Das ist eine heldenhafte Resignation, voller Zuversicht, das ist der Mensch, dem die Pforten der Welträtsel nicht verschlossen sind.

Heute hingegen wird gesagt: Der Mensch kann überhaupt nicht eindringen [in die Erkenntnis höherer Welten]; so wie er beschaffen ist, kann sein Erkenntnisvermögen niemals so hoch entwickelt werden. - Das ist eine prinzipielle Resignation - sie unterscheidet sich ganz wesentlich von der heroischen Resignation -, sie hat etwas Hochmütiges, indem sie den jeweiligen Erkenntnisstandpunkt für absolut erklärt. Was dieser nicht erkennen kann, liegt überhaupt außerhalb der menschlichen Erkenntnis.

Das Zeitalter der Intelligenz wird von anderen Empfindungen erfüllt, Empfindungen negativer Art, weil es selber nicht produktiv sein kann, im Gegensatz zu den Zeiten des alten Hellsehens. Dahin mußte die Menschheit kommen, wenn sie alle alten Vorstellungen, auch jene des Glaubens verlieren sollte, und dazu bedurfte es dieser Kultur der Intelligenz. Das innere Leben würde aber veröden, wenn nur die Intelligenz berufen sein sollte, in das innere Leben des Menschen hineinzuleuchten. Daher tritt in der Gegenwart die Geisteswissenschaft oder Theosophie auf und zeigt, daß es wieder möglich ist, aus den Tiefen der menschlichen Seele Kräfte hervorzuholen, die die Intelligenz durchdringen mit einer höheren Erkenntniskraft, welche die Menschen wiederum in die geistigen Welten hineinführen wird. So will die neue hellseherische Erkenntnis ein Anreiz sein und eine Hilfe für die intellektuelle Erkenntnis, und sie gibt der Menschheit wieder das, was sie braucht, um nicht bloß das Licht der Intelligenz zu besitzen, das die Seele leer läßt, sondern sie gibt ihr die Möglichkeit, eine solche Erkenntnis zu besitzen, die wieder Kraft und Zuversicht und Hoffnung in unser Leben bringt. Zahlreiche Menschen lechzen danach, eine solche Erkenntnis zu erlangen, die sich in Mut und Kraft umsetzen läßt in unserer Seele. Wer den ganzen Geist der neuen Entwicklung von der Morgenröte des intellektuellen Zeitalters bis zu ihrem heutigen Höhepunkt begreift, der wird auch erfassen, daß für die Zukunft der Menschheit die Erfüllung der Seele mit einem Inhalt notwendig ist. Denn Intelligenz allein würde die Seele auslöschen können, aber nicht dazu führen, einen neuen seelischen Inhalt zu liefern. Die alten Vorstellungen werden von den fortgeschrittenen Kreisen der Gegenwart kritisiert oder höchstens als Geschichte registriert. Man taucht sozusagen zurück, um die alten Vorstellungen zu registrieren. Geisteswissenschaft wird aber, trotzdem sie echte Wissenschaft ist, immer eine solche Wissenschaft sein, die in unsere Seele das Gefühl der Kraft gießt für den Zusammenhang mit den geistigen Welten. Sie will einen Seeleninhalt geben und mit Seeleninhalt die Menschenseelen befruchten. Damit weist die Geisteswissenschaft auf ihre Mission in der Zukunft hin. Sie ist eine solche Wissenschaft, welche wieder Empfindung und Gefühl auf die natürlichste Weise der Weh gewähren wird. Intelligenz wird zwar die Brücke bauen von den alten Zeiten zu den Zeiten der Zukunft, aber die Mission der Geisteswissenschaft ist es, diese Intelligenz zu durchdringen mit dem lebendigen Wert des geistigen Lebens als Nahrung für die Seele. Weil in unserer Zeit die Intelligenz in gewissem Grade ihre größte Entwicklung erreicht hat, so ist gerade dieser Zeitpunkt erkoren worden von denen, die den Geist der Zeit zu deuten wissen, um den Versuch zu machen, durch die Geisteswissenschaft einzugreifen, um nach und nach [wieder lebendige Seeleninhalte für] die Seele zu erobern.

So stellt sich die Geisteswissenschaft nicht als etwas Willkürliches oder etwas beliebig Ersonnenes in unser Zeitalter hinein, sondern als etwas, was den eigentlichen Sinn, die tiefsten Aufgaben und Rätsel unseres Zeitalters kennenzulernen versucht. Und wenn die menschliche Seele in voller Vorurteilslosigkeit diese Geisteswissenschaft auf sich wirken läßt, dann wird sie empfinden, daß diese Geisteswissenschaft in bezug auf Logik und Intellekt jeder äußeren Wissenschaft gewachsen ist, daß sie aber die Logik in einer solchen Weise aufbaut, daß sie als Kraft der Liebe, des Mitleids, der Lebenssicherheit in unsere Seele einzieht. Und es wird eine jegliche Seele den hohen Sinn der Geisteswissenschaft fühlen und verstehen, deren Kern wir zusammenfassen wollen in den Worten:

Es sprechen zu den Menschensinnen Die Dinge in den Raumesweiten Sie wandeln sich im Zeitenlauf Erkennend lebt die Menschenseele Von Raumesweiten unbegrenzt Und unbeirrt vom Zeitenlauf Im Reich der Geistes-Ewigkeit.

German original of Spiritual Science and the Future of Humanity · Next →