Truths and Errors in Spiritual Research

GA 69a — 19 March 1911, Prag

WIE WIDERLEGT MAN THEOSOPHIE?

Sehr verehrte Anwesende! Vielleicht hat der Titel des heutigen Vortrages manchem eine Überraschung gebracht, da es doch sonderbar scheinen könnte, daß für die diesmalige Einladung unserer Prager Freunde als erstes Vortragsthema von mir die Frage gewählt worden ist: «Wie widerlegt man Theosophie?» - Dennoch scheint es mir, daß es eine gute Einleitung sein kann für das Begreifen und das Sichhineinfinden in die theosophische oder geisteswissenschaftliche Weltanschauung, auch einmal gerade über dieses Thema seine Gedanken schweifen zu lassen. Wenn Theosophie oder Geisteswissenschaft das Herz einer großen Anzahl unserer Zeitgenossen gewinnen will, so ist es für sie von ganz besonderer Notwendigkeit, daß sie nicht nur eine Weltanschauung, eine Lebensauffassung werde, sondern daß von dieser Weltanschauung und Lebensauffassung ausgehend Lebensimpulse sich ergeben, Impulse, die uns Kraft, Sicherheit und Hoffnung für das Leben geben, Impulse aber auch, welche die innere Harmonie unserer Seele fördern. Nun gibt es für eine Weltanschauung nichts Gefährlicheres und nichts, was für das Leben sozusagen weniger geeignete Impulse geben könnte, als alles das, was man mit dem Worte Fanatismus bezeichnet. Und wie macht sich Fanatismus nicht nur auf den übrigen Gebieten des Lebens, sondern gerade auf den Gebieten der verschiedenen Weltanschauungen geltend - das weiß ja ein jeder.

Soll Theosophie oder Geisteswissenschaft gerade nach dieser Richtung hin einen Impuls geben, so ist es für sie von einer ganz besonderen Notwendigkeit, daß sie lerne, als Weltanschauung völlig unfanatisch zu sein, das heißt, in ihre Lebensführung alles hineintragen zu können, was man nennen mag: volles Verständnis für ihre Gegner und volles Entgegenkommen für die möglichen Einwände der Gegner. Wie hören wir es doch auf den übrigen Gebieten des Lebens und der Weltanschauungen so leicht, daß man einfach den Gegner abtut als einen unlogischen, vielleicht sogar als einen mehr oder weniger schlechten Menschen. Theosophie oder Geisteswissenschaft sollte sich darauf einlassen, den Gegner und namentlich seine Gründe voll zu verstehen. Sie selbst hat ja dazu, man darf sagen, allen Grund. Denn so sehr sie auch zunächst zu manchen Herzen spricht, so sehr sie manche Sehnsüchte des Lebens befriedigen kann, so muß man auf der anderen Seite doch sagen: Der Weg in die Tiefen, um die Beweiskraft ihrer Behauptungen und ihrer Lehren zu erkennen, dieser Weg ist ein recht weiter. Die Schwierigkeiten, welche sich dem entgegentürmen, der aus dem heutigen zeitgenössischen Leben heraus in ehrlicher, gewissenhafter Weise den Weg in die Theosophie hinein finden will, sind gerade die denkbar größten.

Daher darf der Vortrag, den ich am 25. März hier halten werde und der dann in positiver Weise hineinführen soll in den Grundnerv der Theosophie, eingeleitet und vorbereitet werden durch eine Betrachtung der möglichen und, man darf sagen, der bis zu einem gewissen Grade in unserer Zeit berechtigten Einwände. Um aber über solche Einwände sprechen zu können, müssen wir uns erst verständigen, was Theosophie sein will, namentlich was hier als «Theosophie» gemeint ist. Denn sicher ist es ja, daß keineswegs mit allem, was sich als theosophische Literatur in der Welt ausgibt, immer Staat zu machen ist. Hier soll vor allen Dingen von Theosophie insofern gesprochen werden, als sie Anspruch darauf machen will, wissenschaftlich ernst genommen zu werden. Was ist nun Theosophie, wenn wir absehen von allem, was sich in dilettantischer Weise an ihre Fersen heftet?

Theosophie will eine Weltanschauung sein, die hinaufführt in die geistige Welt, sie will eine wissenschaftliche Begründung jener Anschauung geben, die da sagt: Hinter alledem, was unsere Sinne uns über die Außenwelt sagen, was unser an das Gehirn gebundener Verstand über die Außenwelt erkennen kann, hinter alledem liegt eine höhere, eine geistige Welt, und in dieser geistigen Welt liegen erst die Gründe für alles, was in der Sinneswelt, was in der Verstandeswelt vor sich geht.

Damit allerdings würden wir uns als Theosophen nicht sehr unterscheiden von manchen Bekennern dieser oder jener anderen Weltanschauung der Gegenwart.

Denn es wird ja heute nachgerade in immer weiteren Kreisen auch der äußeren Wissenschaft zu einer Überzeugung, daß hinter allem, was diese äußere Wissenschaft selbst erforschen kann, was Welt des Verstandes ist, etwas anderes sich verbirgt, das zunächst ein Unbekanntes ist. Wesentlich für die Theosophie oder Geisteswissenschaft ist nun nicht nur die Anerkennung, daß hinter einem Sinnlichen ein Übersinnliches, hinter allem Physischen ein Geistiges steht, sondern das Wesentliche ist, daß dem Menschen bis zu einem gewissen Grade erkennbar ist und in immer höherem und höherem Grade erkennbar wird - wenn er seine eigene Seele dazu geeignet macht -, was es hinter der physischen Welt gibt. Und nicht mit denjenigen kann Theosophie oder Geisteswissenschaft übereinstimmen, welche da sagen: Es gibt Grenzen der menschlichen Erkenntnis. - Wir müssen uns allerdings als Menschen auf das beschränken, was die Sinne erkennen, was methodische Wissenschaft erforschen kann. Aber wir können voraussetzen, daß diese Grenzen der menschlichen Erkenntnis immer mehr und mehr zu erweitern sind, so daß der Mensch durch die Entwicklung seiner Erkenntniskräfte sich hinaufarbeiten kann zu der Erkenntnis von Welten, die anders sind als die Welt, in der er zunächst mit seinem normalen Bewußtsein steht. Von diesem Gesichtspunkte aus ist Theosophie untrennbar von der Voraussetzung, daß der Mensch in einer gewissen Weise fähig ist, das zu entwickeln, was - nennen wir es mit dem Goetheschen Wort: geistige Sinne, Geistesaugen, Geistesohren sind. Es ist für den Menschen also möglich, daß er höhere Organe entwickelt, allerdings nicht physische höhere Organe, sondern geistig-seelische höhere Organe, so daß für ihn in einem gewissen Zeitpunkt der große, gewaltige Augenblick eintritt, der auf einer höheren Stufe zu vergleichen ist mit dem gewöhnlichen Augenblick, welchen derjenige erleben kann, der als Blinder geboren ist und dann das Glück hat, durch eine Operation der Augen sehend zu werden. Während er vorher Dunkelheit, Farblosigkeit um sich herum hatte, mischt sich nun durch das Öffnen des Sehvermögens in die Finsternis hinein die Welt der bunten Farben. Wie bei dem Blindgeborenen ein solches Aufwachen in einer für ihn höheren oder wenigstens anderen Welt eintritt, so ist es für eine jede Seele möglieh, den Moment des Aufwachens in einer anderen Welt zu erleben, das heißt, anders zu sehen als in der Welt, in der zunächst das normale Bewußtsein lebt. In keinem anderen Sinne ist die Welt durch die Theosophie als eine andere, als eine höhere, übersinnliche anzusehen, als in dem eben charakterisierten Sinne.

Dann aber zeigt die Theosophie natürlich auch, worin die Mittel liegen, um einen solchen Moment des Aufwachens für den Menschen herbeizuführen. Von diesen Mitteln soll im nächsten Vortrage besonders gesprochen werden. Heute handelt es sich nur darum, eine Skizze der theosophischen Weltanschauung zu entwerfen. Fassen wir, um uns zu verständigen, wie es eigentlich mit diesem Moment des Aufwachens bestellt ist, einen Moment ins Auge, den jeder Mensch an jedem Tage erlebt, den Moment des Einschlafens, wo der Mensch alles, was äußere Eindrücke auf seine Sinne macht, gleichsam erlöschen sieht, und wo der Verstand, der sich wie ein Netz ausbreitet über die Wahrnehmungen der Sinne, aufhört zu funktionieren. Wir können sagen, in einem solchen Falle ist der Mensch in einer ganz anderen Seinslage; er befindet sich dann in der Unmöglichkeit, irgend etwas um sich herum wahrzunehmen, wenn die Eindrücke der Sinneswelt und die Arbeit des Verstandes aufhören. Nun kann natürlich nur die wirkliche Erfahrung darüber entscheiden, ob es unbedingt nötig ist, daß der Mensch immer dann, wenn er keine Eindrücke der Sinneswelt erhält, in einen Zustand verfallen muß, der dem Schlaf ähnlich ist, oder ob es auch einen anderen Zustand geben kann. Das kann nur die Erfahrung derjenigen entscheiden, welche die intime Arbeit der Seele durchgemacht haben, sie dazu geführt hat, solche starken Seelenimpulse zu entwickeln, daß etwas für sie eintreten kann, was ähnlich ist dem Moment des Einschlafens und doch wieder radikal davon verschieden. Ähnlich ist es dem Einschlafen darin, daß alle äußeren Sinneseindrücke und alle Verstandesarbeit aufhören. Verschieden davon ist es dadurch, daß derjenige, der Geistesforscher werden will, seine Seele durch Übungen in eine solche innere Regsamkeit bringt und aus ihrer Tiefe solche Kräfte heraufholt, daß er dann, wenn er selber willkürlich das Aufhören aller äußeren Sinneseindrücke und aller Verstandestätigkeit herbeiführt, nicht Bewußtlosigkeit als Horizont um sich herum hat, sondern auch dann ein inneres bewußtes Leben führt. Dieses innere bewußte Leben ist ein Sichorientieren der Seele, ein Heraufholen von Fähigkeiten und Kräften aus den Tiefen der Seele, wovon das normale Bewußtsein keine Ahnung hat. Es läßt sich das vergleichen mit dem Heraufholen des Sehvermögens bei dem Blindgeborenen, wenn er operiert worden ist. Aus den Tiefen der Seele können wir Kräfte heraufholen, die dann wirken, wenn sonst Bewußtlosigkeit eintreten müßte, und die nun so wirken, daß sie die Seele in Verbindung bringen mit einer geistigen Welt, die für den Menschen ebenso wahrhaft vorhanden ist, wie unsere Sinneswelt äußerlich vorhanden ist. So ist das, was den Geistesforscher zu seiner Wissenschaft führt, zunächst allerdings etwas Subjektives, etwas, was sozusagen aus der eigenen Seele hervorgerufen wird, dennoch aber ergeben die Beobachtungen derer, die ihre Seele zu einem solchen Aufwachen gebracht haben, übereinstimmende Resultate. Zunächst wollen wir nur das beschreiben, was sich auf den Menschen bezieht, wie er unmittelbar vor uns steht.

Der Mensch, so wie er vor uns steht, erscheint dem unmittelbaren Bewußtsein zunächst als physischer Leib, mit alledem, was man von ihm mit Händen greifen, mit den Augen sehen kann. Die Theosophie aber zeigt uns, daß sich des Menschen Wesenhaftigkeit nicht erschöpft in dem, was wir durch die Sinne wahrnehmen, sondern daß das, was wir als «physischen Leib» bezeichnen, eingebettet ist in übersinnliche, höhere Glieder der Menschennatur, die nur auf dem eben gekennzeichneten Wege zu erforschen sind. Da sprechen wir dann davon, daß alles das, was am Menschen die Lebenserscheinungen hervorruft, von einem besonderen übersinnlichen Ghede des Menschen herrührt, von dem sogenannten «Ätherleib» oder Lebensleib. Von diesem Ätherleib sprechen wir so, daß er vor das geistige Auge treten kann, wie die Farbe vor das physische Auge tritt, daß er eine äußerliche, allerdings nur übersinnlich wahrnehmbare, geistige Realität ist. Wir sprechen weiter davon, daß außer diesem Ätherleibe ein weiteres übersinnliches Glied der Menschennatur vorhanden ist - stoßen Sie sich nicht an dem Namen, er soll nur ein terminus technicus sein -, der astralische Leib. Wir nennen «Astralleib» den übersinnlich erkennbaren Träger dessen, was wir sonst nur in unserem Innern erleben als unsere Leidenschaften, als Lust und Leid, als Schmerzen und Freuden, aber auch als das ganze auf-und abwogende Vorstellungsleben. Wir unterscheiden dann neben dem Ätherleib und dem Astralleib noch ein nächstes übersinnliches Glied der Menschennatur; denn wie der Mensch einen physischen Leib gemeinsam hat mit der ganzen mineralischen Welt, so hat er den Ätherleib gemeinsam mit der ganzen lebendigen, und den Astralleib mit der ganzen tierischen Welt. Aber der Mensch hat für sich noch ein viertes Glied, wodurch er die Krone der Erdenschöpfung ist, das wir bezeichnen als den Ich-Leib oder die Ich-Wesenheit, die wir nicht antreffen bei den anderen irdischen Wesen.

So sagt die Theosophie, daß wir den Menschen erst völlig verstehen, wenn wir uns ihn zusammengefügt denken aus diesen vier Gliedern der menschlichen Wesenheit. Weiter zeigt sie, daß beim Menschen, wenn er in Schlaf versinkt, eine Spaltung seiner Glieder stattfindet, indem im Bette liegenbleiben der physische Leib und der Ätherleib, und sich von diesen trennen und in eine höhere Welt aufsteigen der astralische Leib und das Ich. Solange der astralische Leib und das Ich vom physischen und Ätherleib getrennt sind, ist der Mensch so organisiert, daß der Bewußtseinshorizont dunkel bleibt. Daher die Bewußtlosigkeit des Schlafes. Wir sprechen in der Geisteswissenschaft davon, daß dem zeitlichen Verfall nur der Teil der menschlichen Wesenheit unterliegt, welcher nach den sinnlicheren Gliedern hingeneigt ist, das heißt der physische Leib und das Dichtere des Ätherleibes, daß es dagegen einen menschlichen Wesenskern gibt, der aus dem Ich und dem Astralleib und einem Teil des Ätherleibes besteht; dieser Wesenskern wirft mit dem Tode die äußere Hülle des physischen Leibes und einen Teil des Ätherleibes ab und macht in der geistigen Welt ein Leben unter anderen Bedingungen durch.

Ferner sprechen wir in der Theosophie davon, daß das Leben des Menschen nicht nur zwischen der Geburt und dem Tode verläuft, sondern daß der geistige Wesenskern des Menschen wiederholte Erdenleben in einem physischen Leibe durchläuft, indem die Kräfte, die der menschlichen Wesenheit angehören, von dem einen Leben in das andere hinüberreichen. Alles, was wir in unserem Leben zwischen Geburt und Tod an Erfahrungen dadurch in uns aufnehmen, daß wir lernen, alles, was wir uns erarbeiten, alles, was wir dadurch vollbringen, daß wir Schuld oder Verdienst auf unsere Seele laden, das alles bildet Kräfte in unserem inneren Seelenleben; es löscht nicht aus, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, sondern es bleibt vereinigt mit dem menschlichen Wesenskern. Und nachdem der menschliche Wesenskern diese Kräfte in einem geistigen Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verarbeitet hat, wird ein neues Dasein für den Menschen leiblich und dem Schicksale nach aufgebaut, so daß wir in dem Leben, welches wir jetzt führen, die Ergebnisse und Wirkungen unserer früheren Leben innerhalb des Erdenseins zu sehen haben. Wir haben uns durch unseren Wesenskern unseren physischen Leib so zurechtgezimmert, daß er jetzt diese oder jene Fähigkeit hat, dieses oder jenes verrichten kann.

Dieses Gesetz, das uns an diesen oder jenen Ort, in diese oder jene Verhältnisse hineinstellt, das unser Schicksal nach den früheren Leben gestaltet, dieses Gesetz von Ursache und Wirkung, das von einem Leben hinüberreicht in das nächste Leben, das nennen wir in der Geisteswissenschaft mit einem aus der orientalischen Literatur übernommenen Namen - weil wir keinen guten Ausdruck in der abendländischen Literatur dafür haben - das Karmagesetz. Mit einem dem normalen Bewußtsein allerdings zunächst nicht bekannten Wesenskern haben wir uns unser Schicksal selber zubereitet. Wir sprechen also davon, daß der Mensch in den aufeinanderfolgenden Erdenleben durchmacht, man könnte sagen die Kette eines über das Zeitliche hinüberreichenden und die Ewigkeit des Menschen beweisenden Lebens.

Damit habe ich heute allerdings ganz abgesehen von jeglichen Beweisen für diese Dinge und habe nur skizzenhaft die Erkenntnisse angeführt, die die elementarste Stufe der theosophischen Weltanschauung bilden. Was an Belegen, an Beweisen für Reinkarnation und Karma beizubringen ist, soll im nächsten Vortrage behandelt werden. Heute soll nur darauf hingewiesen werden, daß der Mensch der Gegenwart, besonders wenn er eine gute wissenschaftliche Bildung hat, es recht schwierig hat, schon zu den eben charakterisierten Wahrheiten der Theosophie den Zugang zu gewinnen.

Nun wollen wir einige der möglichen ernstzunehmenden Einwände besprechen, die für alle diejenigen Menschen bestehen können, welche sich ihre Weltanschauung und ihre Lebensauffassung nur herausgebildet haben aus den Begriffen und Vorstellungen der Gegenwart. Für diese Menschen ist es zunächst außerordentlich schwierig, überhaupt in den Gedanken sich hineinzufinden, daß die menschliche Seele durch Übungen zu der Möglichkeit der Erringung «geistiger Sinne», wenn man dieses widersprüchliche Wort gebrauchen darf, heraufgeführt werden könne.

Nehmen wir an, eines Menschen Seele habe innere Übungen durchgemacht, habe versucht, die Willenskräfte so zu trainieren, daß sie imstande wird, auch dann etwas vorzustellen, "wenn keine äußeren Eindrücke da sind; sie habe es in der Verinnerlichung so weit gebracht, daß sie in dem Glauben lebt, auch wenn sie nichts durch Augen und Ohren wahrnimmt, doch etwas zu sehen und zu hören. Welcher Grund liegt dann vor - so könnte jemand sagen - dies überhaupt als etwas Berechtigtes gelten zu lassen? - Man braucht gar nichts dagegen einzuwenden, daß ein Mensch durch gewisse innere Übungen zu solchen inneren Erlebnissen der Seele kommen kann, die eine gewisse Lebendigkeit, vielleicht sogar eine höhere Lebendigkeit haben als die äußeren Sinneseindrücke und als alles, was der Verstand erreichen kann. Aber - so könnte ein Gegner sagen - kennt man nicht auch alles das, was man Illusionen, Halluzinationen nennt? Kennt man nicht auch Selbsttäuschungen der Seele? Schwören nicht diejenigen, welche solchen Selbsttäuschungen der Seele unterliegen und bei denen man von nichts anderem als von Seelenerkrankungen sprechen kann, daß sie alles, was sie hören, als wirkliche Stimmen hören und das, was sie schauen, als Wirklichkeit sehen? Welcher Grund liegt vor, daß die Schauungen, die Visionen desjenigen, der künstlich durch Seelenübungen seine Seele zu einem anderen Erleben führt, einen anderen objektiven Wert haben? - Das ist es, was wir zunächst beantworten müssen.

Was hier von der Geisteswissenschaft gemeint ist, das sind nicht krankhafte Zustände, sondern etwas, das durch «künstliche» Seelenübungen erreicht wird. Was ich jetzt gesagt habe, ist eigentlich trivial. Aber es kommt ja nicht darauf an, daß eine solche Aussage mehr oder weniger trivial oder geistvoll ist, sondern es kommt darauf an, was sie in unserer Seele auslöst, wie wir uns mit unserem Glauben und unseren Überzeugungen dazu stellen. Und da muß man sagen: Der gewissenhafte Wahrheitsforscher der Gegenwart hat viele Gründe, so über Seelenerlebnisse zu sprechen, und wir begreifen, daß ernste Forschung solches abweist. Wir brauchen uns nur vorzuhalten, wie einleuchtend es für den Menschen der Gegenwart ist, daß ernste wissenschaftliche Forschung erst dann ihre segensreiche Wirkung ausüben konnte, als sozusagen zurückgedrängt worden waren alle ähnlichen Tendenzen wie diejenige, die auch in der Geisteswissenschaft da zu sein scheinen. Da brauchen wir ja nur zurückverweisen in ältere Zeiten der Menschheitsentwicklung, ja, bis hinauf ins Mittelalter können wir gehen, wir würden nachweisen können, wie überall in das, was der Mensch mit seinen Sinnen gesehen hat, was er mit den Methoden seines Verstandes erforschen konnte, hineingemischt wurde etwas, was der Mensch glaubte, durch innere mystische Erkenntnis in sich zu erleben; und wie durchwirkt, durchwoben wurden die Sinneseindrücke mit dem, was die Seele innerlich erlebte. Schließlich braucht man nur einmal mit dem geschulten Blick, den man sich erworben hat in der heutigen Naturwissenschaft, in irgendein naturgeschichtliches Buch des Mittelalters hineinzublicken, so wird man da für den heutigen Menschen ganz sonderbare phantastische Tiere sehen, und man wird als Mensch der Gegenwart bald erkennen, wie alle damaligen Erkenntnisse und Anschauungen darauf beruhten, daß die Menschen das, was sie gesehen haben, ungenau gesehen haben und es sich dann weiter ausgemalt haben mit dem, was sie in ihrer Seele erlebten. Wodurch - so könnte ein heutiger Mensch fragen - sind denn die alten Standpunkte der Täuschung überwunden worden? - Durch die exakte Wissenschaft, die so segensreich gewirkt hat einzig und allein dadurch, daß sie sich immer mehr und mehr stützte auf die Erfahrungen der äußeren Sinne und auf das, was diese durch Beobachtung und durch Experiment unseren Verstand lehren. Sichere Ergebnisse der Wissenschaft haben wir erst, seit wir eine solche Forschung haben, durch die die Ergebnisse zu jeder Stunde von jedem Menschen der Gegenwart geprüft werden können. So hat der Mensch der Gegenwart recht, wenn er alles prüfen will.

Dagegen kann nur der, welcher auf dem Boden der Geisteswissenschaft oder Theosophie steht, einiges einwenden. Blicken wir zurück in die Zeiten der Morgenröte unserer heute mit Recht so gepriesenen Naturwissenschaft, auf einen Menschen wie Kepler, so werden wir uns klar, daß in Keplers Geist allerdings nicht nur jene äußeren Gesetze der Himmelsmechanik lebten, die wir heute als die Keplerschen Gesetze der mechanischen Himmelsordnung studieren können, sondern in Keplers Geist lebte ein ?wirklicher geistesforscherischer Blick für die Harmonie der Welt; aus dem geistigen Durchwogtsein und Durchlebtsein der Welt wurden bei ihm seine Gesetze der mechanischen Himmelsordnung erst herausgeboren. Da kann jemand, der auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, sagen: Seht einmal, wie fruchtbar es ist, wenn wir den geistesforschenschen Blick auf Kepler richten. Die Keplerschen Gesetze beweisen doch geradezu eine geistige Welt, sie zeugen von ihr. Also Kepler kann uns doch überzeugen von einer geistigen Welt!

Nun könnte der Gegner sagen, gerade bei einem solchen Geiste wie Kepler könne man sehen, daß er doch manche Schwäche gehabt habe; bei ihm könne man sich gerade davon überzeugen, wie schlimm es für die wissenschaftliche Sicherheit ist, wenn in seiner Seele so etwas lebt wie eine gewisse mystische Versenkung in die Weltenbeziehungen; denn da komme man ja wieder in die mittelalterliche Mystik hinein und damit in die Nähe von recht bedenklichen Geistesoperationen, wie es zum Beispiel die Astrologie ist mit allen ihren Auswüchsen.

Das ergab sich eben dadurch, daß man in abstrakter Weise den Gedanken der allgemeinen Weltenharmonie ausbaute und sagte, es müsse doch ein Zusammenhang bestehen zwischen der großen Welt des Makrokosmos und dem, was im einzelnen Menschen geschieht. Daraus ergab sich dann das, was man als die mittelalterliche Astrologie kennt. Nun hat die Astrologie allerdings eine recht bedenkliche Seite. Nichts stachelt so sehr den menschlichen Egoismus auf wie gerade die Astrologie, wenn dem Menschen aus dem Verlauf der Sterne vorausgesagt werden soll, was an glücklichen oder unglücklichen Zufällen eintreten kann. Will er diese Zufälle im voraus wissen, so hat das immer einen selbstsüchtigen Grund, und es findet ganz besonders bei denjenigen, die das Horoskop gestellt haben wollen, geradezu eine Pflege des Egoismus statt. Kepler hat das gewußt und es hat ihm großen Schmerz bereitet, daß er manchem hohen Herrn das Horoskop hat stellen müssen auf Befehl seines Fürsten. In einem Brief an einen Freund teilt Kepler diesem einmal seinen Schmerz mit, als er einer hohen Persönlichkeit ganz bestimmte Dinge voraussagen mußte. In diesem Falle, so sagte er, wäre es schlimm, der betreffenden Persönlichkeit so etwas mitzuteilen, und es wäre besser, wenn es diese Persönlichkeit nicht wüßte, weil sie sonst gar keine Sorgfalt und gar keine Tatkraft entwickeln würde. - In einem anderen Falle sagte er, man müsse eine Persönlichkeit darauf aufmerksam machen, daß ein Unglück bevorstünde.

Dazu könnte ein Gegner sagen, bei diesem einzig großen Geiste sei doch auch ein wenig die Tendenz zu einer bedenklichen Moral vorhanden, wenn er sagt, man müsse, wenn man das Schicksal der Menschen aus der geistigen Welt heraus bestimmen kann, in einer gewissen Weise nachhelfen, man dürfe nicht überall bloß die Wahrheit sagen, man müsse Rücksicht darauf nehmen, ob die Wahrheit gut oder schädlich sei. Kurz, man könne bei Kepler selbst sehen, wie ein Nachbargebiet der Geisteswissenschaft, die Astrologie, gerade den Weg auf die schiefe Ebene hinunterführt. Tragisch könne gerade bei Kepler erlebt werden, wie ein Weg, der auf der einen Seite in die reinsten, hehrsten Gebiete des geistigen Lebens hinaufführt, auf der anderen Seite in den tollsten Aberglauben hineinführen kann. Kepler selbst mußte ja mit dem krassesten Aberglauben des Mittelalters kämpfen, um seine Mutter vor dem Verbranntwerden zu retten, weil sie von dem Aberglauben der damaligen Zeit als Hexe angeklagt war. Hier stehen wir an einem Punkte, wo wir die Kette restlos schließen können zwischen dem, was Hineinblicken in die geistige Welt ist, und dem krassesten Aberglauben, dem die Menschen des Mittelalters leicht zugänglich waren. Wer wüßte nicht, wie leicht die Menschen, welche ein Bedürfnis haben, mit der geistigen Welt Bekanntschaft zu machen, dies auch heute auf eine bequeme Art tun wollen und lieber die Geister auf eine bedenkliche spiritistische Art herunterrufen und zur Manifestation bringen wollen, als sich durch seelische Entwicklung hinaufzuerheben in die geistige Welt. So könnte ein Gegner sagen: Wir sehen bei Kepler einen Beweis dafür, wie die theosophische Denkweise geradeso wie die astrologische in bedenkliche Gebiete führen kann. Wir könnten viele derartige Beispiele anführen. Aber auch, wenn wir ein gar nicht so weit entlegenes Gebiet wie die Astrologie betreten, kann man zeigen, wie die ganze Art und Weise, unabhängig von aller äußeren Erfahrung in die geistige Welt einzutreten, für die Gegner der Theosophie etwas Groteskes haben kann. Wir wollen nur auf ein Beispiel hinweisen, das typisch für andere sein kann.

Wer, gleich mir, Hegel in so gründlicher Weise studiert hat, darf auch das folgende sagen: Hegel hat ja unausgesetzt nach einer Weltanschauung gestrebt, die unabhängig ist von aller sinnlichen Anschauung. Solange man im Allgemeinen bleibt, in einer Art von verschwommenem Pantheismus, läßt sich diskutieren über die Berechtigung des einzelnen. Wenn man aber vorgibt, etwas zu wissen über die besondere Gestaltung dessen, was sich ergibt aus der übersinnlichen Welt heraus, dann ist man darauf angewiesen, sich kontrollieren zu lassen von den Tatsachen. Nun ist ja eines der Gebiete, die von der Geistesforschung zuerst betreten werden, das Gebiet der Zahlen und ihrer Harmoniegesetze. Solche Gesetze haben manche Philosophen angenommen, so auch Hegel. Hegel hat versucht nachzuweisen, daß ein gewisses Zahlengesetz unserem Planetensystem zugrundeliegt, und daß nach diesem Zahlengesetz wir selbst wissen können, daß unser Sonnensystem soundso viele Planeten haben muß, und daß diese sich in bestimmten Abständen bewegen. Also Hegel meinte, aus innerem Nachsinnen heraus müsse man das Planetensystem kontrollieren können. Er hat daher nachgewiesen, daß nach den Zahlengesetzen nur soundso viele Planeten möglich sind und außer diesen keine anderen existieren könnten. Auf diese Weise hat Hegel aus der unbedingten Notwendigkeit der Zahlengesetze heraus den Nachweis geführt, daß es keine weiteren Planeten gibt - damals war der Planet Neptun noch nicht entdeckt -, und trotzdem ist nachher der Planet Neptun gefunden worden.

Solche Dinge könnten wir aus allen Zeiten anführen, denn sie sind nach dem eben charakterisierten Muster. Gerade daran sieht man, daß nicht nur die Erfahrungen für die heutige Wissenschaft eine Quelle des Beweises sind, sondern daß auch eine gesunde Kontrolle [durch die Tatsachen] da sein muß. Auch wo die Wissenschaft Hypothesen annimmt, läßt sie nur dann etwas gelten, wenn die Erfahrung die Theorien bestätigt. Nun könnten die Gegner der Theosophie sagen: Da hat sich nun die Wissenschaft auf einen gesunden Boden gestellt; und nun kommt die theosophische Geisteswissenschaft und will in diese auf Erfahrung sich stützende Wissenschaft etwas hineinmischen, was aus ganz anderen Quellen kommt, aus einem höheren Schauen, aus Karmagesetzen und dergleichen.

Der Geistesforscher wird dazu vielleicht sagen: Ja, aber du könntest mir doch so weit entgegenkommen, daß du das, was ich behaupte, zum Beispiel die Lehre vom Karma und von den wiederholten Erdenleben, als etwas zugibst, was man im wissenschaftlichen Leben eine brauchbare Arbeitshypothese nennt. - Kein Mensch hat damals, als die sogenannte Schwingungstheorie des Lichtes entstand, darin etwas anderes gesehen wie etwa so zu nennende «Ätherschwingungen». Dagegen ist vieles einzuwenden; die ganze Theorie war ein ausgedachtes System. Man sagte sich bei der Zugrundelegung dieses Systems: Nehmen wir an, daß alle materiellen Vorgänge ein Weltenäther durchdringt, daß alles in Bewegung ist, dann müssen diese Schwingungen nach mathematisch berechenbaren Gesetzen so verlaufen, daß sich dies und jenes ergibt. - Und nun zeigte sich, daß sich [die Berechnungen] auch wirklich in der Erfahrung als richtig erwiesen, so zum Beispiel bei Licht, Wärme und so weiter. Das nennt man eine brauchbare Arbeitshypothese, wenn man sagt: Es nutzt uns diese Hypothese sogar, um neue Tatsachen aufzufinden; mag die Hypothese an sich falsch sein, sie hat uns doch gerade auf das Wahre geführt.

Laßt doch - könnte der Geistesforscher zu den Gegnern der Theosophie sagen - die Idee von Karma und Wiederverkörperung als eine Arbeitshypothese gelten!

Dagegen könnte nun eingewendet werden: Wo es sich um so wesentliche und wichtige Dinge handelt, die so tief ins Leben eingreifen, da könne man sich nicht bloß auf die Möglichkeit einlassen, daß das äußere Leben erklärt werden kann, wenn man gewisse hypothetische Voraussetzungen macht. Wer sich etwas gründlicher in der Logik umgetan hat, der weiß, daß man richtige Schlußfolgerungen sogar aus falschen Voraussetzungen ziehen kann. Die Theosophie könnte also ganz falsch sein, selbst wenn man annimmt, daß die Idee vom Karma und den wiederholten Erdenleben richtig ist. Es könnten die Schlußfolgerungen in bezug auf das äußere Leben richtig sein - auch wenn die Voraussetzungen falsch wären. - So allerdings könnte eine strikte, bündige Logik sagen; damit aber wäre zurückgewiesen, die theosophischen Ideen auch nur als brauchbare Arbeitshypothesen anzuerkennen.

Und erkenntnistheoretisch liegt es noch schlimmer. Da könnte ein Gegner der Theosophie sagen: In der Erkenntnis kommt es vor allem darauf an, die objektive Gültigkeit zu erforschen. Nun besteht bei Illusionen, Halluzinationen und bei allem inneren Seelenleben überhaupt keine andere Möglichkeit, Wahres und Falsches zu unterscheiden, als die Kontrolle an der Erfahrung. Wenn die Erfahrung ausgeschlossen wird und das Seelenleben verlaufen soll ohne die [Kontrolle durch die] Erfahrung, so kommt man in das Gebiet der absoluten Willkür, des Unkontrollierbaren hinein. Das heißt, eine Wissenschaft, die das Prinzip der Kontrollierbarkeit sucht, muß die ganze Methode des höheren Schauens als unberechtigt ansehen, und sie muß der heutigen Wissenschaft zustimmen, die da sagt: Was wissenschaftlich gelten soll, muß unabhängig von allen inneren, subjektiven Erlebnissen gefaßt sein, es muß sich so abspielen, daß wir, indem wir es beschreiben, alles ausschließen können, was unserem Seelenleben angehört.

Du aber sagst - so könnte der moderne Erkenntnistheoretiker zum Geisteswissenschaftler sagen -, daß du gerade innerhalb deines inneren Seelenlebens bleiben willst und es isolieren willst; das heißt, du begibst dich in das Gebiet hinein, das die Wissenschaft gerade ausgeschlossen hat. Die neuere Wissenschaft hat ja gezeigt, daß sie ihre sicheren Ergebnisse gerade dadurch gefunden hat, daß sie so verfahren ist, daß sie alle subjektiven Erlebnisse ausgeschlossen hat. Also muß man zu den Theosophen sagen: Bringt uns nur nicht das in die Wissenschaft hinein, was aufgewärmte ältere Methoden sind, die seit dem Beginn der neueren Forschungen des 15., 16., 17. Jahrhunderts überwunden sind. So könnte das Gemüt, die Empfindung eines Menschen sprechen, der aus der Gesinnung der heutigen Zeit heraus sich zur Geisteswissenschaft stellt. Aber man kann noch tiefer dringen und fragen: Gibt es überhaupt irgendeine Möglichkeit zu behaupten, daß das, was ein Mensch sieht, der es zu einem höheren Schauen gebracht hat, eine Bedeutung habe auch für andere Menschen? - Da allerdings sagt die Geisteswissenschaft: Zum Aufsuchen der übersinnlichen Welt und zum Erforschen ihrer Wahrheiten gehört dieses höhere Schauen; aber wenn die Wahrheiten der übersinnlichen Welt gefunden worden sind und dann erzählt und mitgeteilt werden, so können sie von jeder unbefangenen Logik und von jedem natürlichen Wahrheitssinn aufgefaßt werden. So wie auch nicht jeder Mensch in der Lage ist, ins Laboratorium zu gehen, um sich über die Methoden der Biologie und Zoologie und so weiter zu unterrichten und dennoch die Ergebnisse dieser Forschungen entgegennehmen kann, ebenso kann auch entgegengenommen und verstanden werden - so sagt die Geisteswissenschaft -, was auf dem Gebiet der übersinnlichen Welt erforscht wird.

Man könnte nun fragen: Ist eine solche Behauptung der Geistesforschung berechtigt? Sie wäre nur dann berechtigt, wenn das, was der Geistesforscher zu sagen hat, von uns nach dem Muster begriffen werden könnte, das wir uns gebildet haben für das Begreifen in der sinnlichen, in der gewöhnlichen wissenschaftlichen Welt. Da sagt also der Geistesforscher zum Beispiel: Unser jetziges Leben zwischen Geburt und Tod baut sich auf als eine Wirkung, die sich ergibt aus den Ursachen der früheren Leben; die früheren Leben reichen herein in unser jetziges Leben. Was ich jetzt als Glück oder Unglück, als meine Fähigkeiten, als meine Kräfte, meine Hoffnungen und meine Lebenssicherheit erlebe, das erlebe ich so, weil ich die Ursachen dazu in früheren Leben gelegt habe. Ich muß lernen, das gegenwärtige Leben als Wirkung derjenigen Ursachen anzusehen, die in früheren Leben gelegt worden sind.

Dagegen könnte der Gegner sagen: Solche Dinge haben wir auch in der äußeren Welt, daß wir Wirkungen zurückführen auf Ursachen und daß wir erkennen, wie ein Früheres fortlebt als Wirkung in einem Späteren. Nehmen wir ein Beispiel, das eine große Rolle spielt in der modernen Naturwissenschaft. Da haben wir das Gesetz, daß der Mensch in seiner Keimesentwicklung vor der Geburt kurz durchmacht alle diejenigen Formen, welche gewisse Tiere im Laufe ihrer Entwicklung durchmachten von unvollkommenen Stufen zu vollkommeneren. Wir wissen, daß der Mensch während seiner Keimesentwicklung - etwa vom achtzehnten Tage nach der Empfängnis ab - ein Stadium durchmacht, das in der äußeren Form geradezu die Fischgestalt nachahmt; später macht er dann andere Formen durch, so daß er allmählich heranwächst zu den Formen, in denen er geboren wird. Daraus schließt die Naturwissenschaft, daß das, was der äußere, physische Mensch ist, abstamme von den unvollkommeneren Lebewesen, und daß die Gestalt der unvollkommeneren Lebewesen fortwirke, nachwirke in dem, was der Mensch vor der Geburt ist. Da sehen wir also hereinwirken diejenigen Formen, die wir in der Abstammungslinie sehen. Du, Geistesforscher, mußt uns also zeigen, daß tatsächlich in dem Leben des Menschen, wie es sich abspielt zwischen Geburt und Tod, in dem Seelisch-Geistigen und in dem menschlichen Schicksal etwas lebt, woran man erkennen kann die Herkunft der früheren Ursachen, so wie man eben an der vorgeburtlichen Entwicklung des Menschen die Abstammungslinie erkennt, in der er die tierischen Formen annimmt.

Nun kann allerdings die Geistesforschung kommen und zeigen, wie gewisse innere Seelenvorgänge, die sich für jeden Menschen individuell gestalten, gar nicht erklärt werden können als Produkt der Vererbung von Vater und Mutter, Großvater und Großmutter, wie also durchaus sein innerster Wesenskern dem Menschen etwas anderes gibt als das, was die Vererbungslinie ist. Und wenn man dann verfolgt, wie das menschliche Leben sich entwickelt von der Stunde der Geburt an, Stunde für Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr, wie der Mensch allmählich heranwächst, dann sieht man, wie Kraft um Kraft auftritt, Fähigkeit um Fähigkeit sich herauskristallisiert; und wenn man ein aufmerksames Auge hat, kann man schon durch äußere Mittel erkennen: Dies hat zunächst nicht bloß die Vererbung, auch nicht bloß die Erziehung dem Menschen gegeben, sondern das hat sich herausgearbeitet aus dem inneren Individuellen, das bei jedem einzelnen Menschen vorhanden ist; das kommt dazu zu dem Vererbten, und das muß, wenn es sich nicht in lauter Wunder auflösen soll, aus anderen Ursachen kommen, welche man nur zurückführen kann auf ein geistig-seelisches Leben, das der Mensch bereits früher durchgemacht hat. Die Ursachen dafür kann man weder in der Vererbung noch in der Erziehung finden. Eine solche Schlußfolgerung ist möglich. Und der Geistesforscher kann sagen: Was ich weiß aus dem geistigen Schauen, das kann ich begreiflich machen durch eine solche Logik, wie ich sie jetzt charakterisiert habe.

Darauf könnte nun der Gegner sagen: Es drängt sich manches herein in das Leben zwischen Geburt und Tod, "was nicht wunderbar wäre, wenn man nur die gewöhnlichen Verhältnisse alle zu Rate ziehen würde. Wer an der Hand wissenschaftlicher Methoden tiefer in das Leben hineinsieht, der weiß, welchen immensen Einfluß gerade die allerersten Kindheitserlebnisse auf eine Seele haben, wie irgend etwas, was wir im ersten Jahre noch mit halbem Bewußtsein erlebt haben, damals einen gewissen Eindruck auf unsere Seele gemacht und sich in sie hineingebohrt hat. Da ist es dann drinnen verborgen, aber bei dem nötigen Anlaß kommt es hervor, und wir könnten leicht glauben, wenn wir es später hervortreten sehen und nichts davon auf die Erziehung, auch nichts auf die Vererbung zurückführen können, das müsse sich aus einem früheren Leben erklären lassen. Aber das tun wir bloß aus dem Grunde, "weil wir nicht achtgeben, wie sich die ersten Jugenderlebnisse in die Seele festsetzen und wie diese gerade eine viel größere Bedeutung haben als alles Spätere. Daher könnte die äußere Wissenschaft sagen: Wir sind noch nicht so weit, um das kindliche Leben genug zu erforschen, um sagen zu können, wie sich für die Seele des Kindes die Erlebnisse der ersten Jahre gestalten; wir müssen warten, bis wir immer tiefer und tiefer hineinkommen in dieses Gebiet, dann wird manches, von dem ihr Geistesforscher behaupten wollt, daß es aus früheren Leben zu erklären sei, sich erklären lassen aus Dingen, die sich auf ganz natürliche Weise abspielen in dem Leben zwischen der Geburt und dem Tode.

Ja, der Gegner kann noch viel weiter gehen. Er könnte zum Beispiel sagen: Selbst jene Menschen, die durch innere Seelenübungen zu einem geistigen Schauen, zu einer höheren Einsicht kommen, sie müssen ja das, was sie in einer höheren Welt wahrnehmen - schon um verstanden zu werden -, ausdrücken in den Formen, in den Sinnbildern der äußeren, physischen Wirklichkeit. Und was sehr merkwürdig ist: Diejenigen Menschen, die sozusagen hellsichtig geworden sind, sie drücken sich - so könnte der Gegner sagen - jeweilig ganz anders aus! Um die Wende des 18., 19. Jahrhunderts hat niemand in der geistigen Welt etwas gesehen, was zum Beispiel auf Elektrizität oder auf Eisenbahnen Bezug hatte; jetzt sehen die Menschen in den geistigen Welten Dinge, die auf Elektrizität oder Eisenbahnen Bezug haben. Wer "würde also nicht daran zweifeln, daß es sich dabei handelt um ein unbewußtes Hereinspielen von Dingen in die Seele, die so umgeformt werden, daß diese illusorischen geistigen Erlebnisse auftreten! Und nichts ist da, was vor einem wissenschaftlichen Gewissen rechtfertigen könnte die Prätentionen derer, die da sprechen von einem Heraufdringen in geistige, in übersinnliche Welten. Je genauer man hinsieht, desto mehr bröckeln ab die Ideen von einem früheren Leben, vom Karma und so weiter. Gerade auf so etwas wie die ersten Kindheitserlebnisse sollte immer wieder hingewiesen "werden, wenn so etwas vorgebracht wird wie die Karma-Idee.

Nun könnte von der Geisteswissenschaft wohl gesagt werden: Seht einmal an, da hat ein Elternpaar drei, vier Kinder - jedes Kind ist ausgestattet mit anderen Eigentümlichkeiten. Wenn alles auf Vererbung zurückzuführen sein soll, so kann man doch nicht einsehen, warum nicht alle Kinder eines und desselben Elternpaares auch die gleichen Eigenschaften haben, da sie doch von demselben Vater und derselben Mutter abstammen. Gerade das zeigt uns also, so sagt wohl mancher Verteidiger der Geisteswissenschaft, daß in das, was der Mensch vererbt erhalten hat, eine individuelle Wesenheit hineingeboren worden ist, und daraus erklärt sich die Verschiedenheit.

Dagegen braucht der Gegner nur zu sagen: Was vererbt wird, das wird doch von beiden Eltern vererbt oder auch von noch früher her. Es handelt sich also nicht darum, daß bloß direkt vererbt wird, sondern es werden die verschiedenen Eigenschaften [der Vorfahren] durcheinandergemischt. Warum sollte daher nicht für jedes Kind auch eine andere Mischung auftreten, indem jedesmal durch die Mischung der verschiedenen Arten der vererbbaren Merkmale auch die verschiedensten Individualitäten auftreten können? Und würde man einmal hineinsehen können in das komplizierte Gefüge der Vererbbarkeit - so könnte der Gegner sagen -, so müßten alle Prätentionen der Geistesforscher zum Schweigen kommen, die den Gesichtspunkt der wiederholten Erdenleben einnehmen. Und wenn, um die Idee der Wiederverkörperung zu stützen, in der theosophischen Literatur besonders darauf hingewiesen wird, daß selbst Zwillinge verschiedene Eigenschaften zeigen, so könnte der Gegner wieder sagen: Alles, was man so zeigen kann bei Kindern in verschiedenen Altersstufen, das gilt ja ganz besonders auch für Zwillinge.

Andere sagen, um die Lehre von den wiederholten Erdenleben zu beweisen, der Mensch zeige in seinem inneren Wesenskern ein Gewissen, eine innere sittliche Verantwortlichkeit. Wenn man sich für eine Tat, die man tut, verantwortlich fühlt, so muß man doch noch eine andere Meinung über seine Taten haben können, als sie bloß getan zu haben; man müsse also dem Menschen einen anderen Ursprung zuschreiben als nur den der Vererbungslinie. Gewissen, Verantwortlichkeit und ähnliches fassen gewisse theosophische Schriftsteller so auf, daß sie ihnen zu Beweisen werden für den durch die verschiedenen Erdenleben hindurchgehenden individuellen menschlichen Wesenskern. - Da braucht man nun bloß darauf hinzuweisen, daß Gewissen, Verantwortlichkeit und so weiter auch schon von scharfsinnigen Forschern dahin erklärt wurden, daß der Mensch langsam und allmählich sich unter der menschlichen Gesellschaft entwickelt hat. Leicht kann zum Beispiel für das Gewissen gezeigt werden, daß der Mensch sieht, wie ihm bestimmte Handlungen gewisse Nachteile bringen. Dadurch werden zusammengebracht in seiner Seele die Begriffe der Handlung mit dem darauf folgenden Nachteil; das lebt sich in die Seele ein, so daß es schließlich in der Seele zu dem Urteil wird: dies darfst du nicht tun! - Denken wir uns das in einen Impuls umgesetzt und diesen Impuls vererbt, dann haben wir bei den Nachkommen durch eine reine Sukzession ein Gewissen. Und wieder - so kann der Gegner einwenden ist es eine Oberflächlichkeit, wenn von der Tatsache des Gewissens aus die Behauptung aufgestellt wird von einem inneren Wesenskern des Menschen, der durch verschiedene Erdenleben hindurchgehe.

Von außen gesehen könnte manches dem, der nicht genau hinsieht, so erscheinen, als ob es sich nicht beweisen läßt. Und es geziemt sich gerade für einen Geistesforscher, hinzuhorchen auf die Schwierigkeiten, welche gerade den gewissenhaften Menschen bereitet werden, wenn sie herankommen wollen an die Geisteswissenschaft. Denn was heute gesagt worden ist, das ist gerade für gewissenhafte Menschen ein Hindernis und Hemmnis; darüber können sie nicht hinweg.

Gehen wir weiter und untersuchen wir, wie ein Gegner die Frage aufstellen kann: Wie ist es denn in der Geisteswissenschaft bestellt auf dem Gebiete der Moral, der Ethik? Man sagt gewöhnlich in der Theosophie:

Was muß das dem Menschen für einen sittlichen Impuls geben, wenn er hört, daß sein jetziges Leben bewirkt ist von Ursachen, die von dem menschlichen Wesenskern, das heißt von ihm selbst, in einem früheren Leben gelegt worden sind, und daß er mit dem, was er jetzt tut, die Ursachen legt für das spätere Leben. Wie ist es nun mit den sittlichen Auffassungen eines solchen Menschen beschaffen? So könnte der Gegner fragen. Und er wird sagen: Ein solcher Mensch wird leicht dazu gebracht werden können, sich von einer nicht guten Tat zu sagen: tust du sie, so ziehst du sie in das nächste Leben hinein und du ziehst dir selbst die Strafe im nächsten Leben zu. - Unter einem solchen Impulse werden gewisse Handlungen unterlassen werden. Was ist das aber für ein Impuls? Es ist der egoistischste Impuls, den es nur geben kann, wenn der Mensch das Gute tut, weil es ihm Wirkungen bringt in dem nächsten Leben, die er sich wünschen kann, und wenn er das Böse unterläßt, weil es ihm Wirkungen bringt, die ihm recht unangenehm und fatal werden müssen. Daher also spricht man zu dem Egoismus des Menschen, wenn man ihn auf das Karma verweist und ihm sagt: Durch diese oder jene Handlung legst du schlimme Ursachen für spätere Wirkungen! - Wo bleibt da das große Wort, daß sittlich erst dasjenige ist, was dem Grundsatze lebt, das Gute um des Guten willen zu tun? Wenn jemand, der an das Karma glaubt, sich sagt: Etwas, was mir in diesem Leben vielleicht Nachteil bringt, das tue ich dennoch - aber darum, weil es mir in einem späteren Leben Vorteil bringt, so ist in einem solchen Falle gar nicht das Gute um des Guten willen getan, sondern es ist der menschliche Egoismus in der raffiniertesten Weise aufgestachelt.

Oder nehmen wir an, ein Mensch lebt so recht unter dem Eindruck des Glaubens: Was ich erlebe an Glück oder Unglück, das habe ich mir selbst früher bereitet; ich muß es hinnehmen und darf nicht murren. - Eine solche Gesinnung - so könnte der Gegner sagen - wird sich einleben als Fatalismus, indem der Mensch alles, was ihm geschieht, Taten zuschreibt, die er früher selber getan hat; und statt sich aufzuraffen und tätig einzugreifen ins Leben, wird er einfach auf den Grundsatz bauen: das hast du dir selber bewirkt! - was dann dazu führen wird, daß ein Theosoph, wenn er schwach ist, sich sagt: Warum soll ich mich aufraffen? Mein Karma hat mich schwach gemacht; das hat seine guten Gründe in einem früheren Leben. - Auf diese Weise kommt der furchtbarste Fatalismus heraus. Daraus können wir also ersehen, wie Egoismus und Fatalismus vom Gegner als etwas angeführt werden können, was in gewichtigster Weise gegen das Moralprinzip der Theosophie vorgebracht werden kann.

Wenn wir uns nun vergegenwärtigen wollen, wie Theosophie wirken muß im religiösen Leben, wenn sie hingeleiten soll zu einer religiösen Auffassung der Welt, dann sehen wir, wie Führer des theosophischen Lebens die Theosophie definieren als eine Art Weisheitsreligion, als etwas, was aus dem Wissen und Erkennen heraus in das religiöse Gebiet hineinführen soll. Religion kann nicht bestehen ohne das, was man nennen kann einen lebendigen, die Welt durchwebenden und durchlebenden Geist - gleichgütig, ob man sich diesen Geist als eine Mehrheit von Geistern oder als einen einzigen vorstellt. Ohne den lebendigen Geist, der wirklich in den Erscheinungen und Tatsachen lebt, kann jener Gefühlsund Empfindungsaufschwung nicht in der Seele platzgreifen, der notwendig ist zu einem wirklichen religiösen Leben. Dieses Aufblicken zu einem Geistigen - so könnte der Gegner einwenden -, diese Hingabe an ein äußerlich Geistiges, in welchem man den Quell sieht für die irdischen Ereignisse und in welches man einverwoben findet sein eigenes Schicksal, wird dadurch getrübt, daß der Mensch angewiesen ist auf den Glauben an eine menschliche Individualität, die sich von einem zum anderen Leben hinüberergießt, und er ist weiter angewiesen, alles, was das religiöse Leben betrifft, innerhalb seiner Individualität auszumachen, das heißt, auf sich selbst zu beziehen. So werden untergraben jenes Sichweiten des Herzens und jenes Sichöffnen des Gemütes, die gegeben sind, wenn der Mensch nicht nur in sich blickt, sondern aufblicken kann zu etwas Göttlichem, dem er angehört, an dem er Anteil hat und zu dem er in einer lebendigen Beziehung steht.

Wenn wir alles zusammenfassen wollen, was gegen die Theosophie vorgebracht werden kann, so könnte [ein Gegner] sagen, sowohl in moralischer wie in religiöser Beziehung lasse die Geisteswissenschaft sehr viel zu wünschen übrig. Das zeige sich insbesondere darin, daß Menschen, die innerlich seelisch undiszipliniert oder mit einem von vornherein laxen wissenschaftlichen Gewissen ausgestattet sind, dem Leben gegenüber nach und nach ganz merkwürdige Impulse entwickelten. Da sehe man - und das könne für alle Anhänger der Theosophie gelten, "wie sich aus Beobachtungen ergibt -, daß die Menschen, wenn sie sich einlassen auf geisteswissenschaftliche Wahrheiten, das Interesse verlieren würden für das frische, volle Leben und damit gerade für das, was wir als Menschen im Leben besorgen sollen; man sehe, daß sie sich zurückziehen von den unmittelbaren Angelegenheiten der äußeren Welt. Dann grübelten sie nach über das, was sie in das Leben hineingestellt hat und fingen sogar an, nach und nach die äußere Wirklichkeit zu verachten und könnten sich nur dann behaglich fühlen, wenn sie nichts mehr von der äußeren Welt wollen.

Ich will nur von dem sprechen, worauf Gegner der Theosophie mit Recht hinweisen könnten. Sie könnten mit Recht darauf hinweisen, daß zahlreiche Theosophen mit einem laxeren wissenschaftlichen Wahrheitsgefühl unbrauchbar werden für alle Verrichtungen, wie sie ein starkes, gesundes Leben erfordert, weil sie in einem Leben stehen, das nicht vollsaftig, nicht inhaltvoll ist, das nicht unmittelbare Angriffspunkte für das Leben bietet, daß sie Sonderlinge werden, Menschen, die nicht fertig werden mit dem Leben und sich als unharmonisch in ihrem Innern erweisen. Solche Menschen ergeben sich aus der Theosophie! - So könnte der Gegner sagen. Und auf Beispiele, die wahrhaftig in nicht geringer Anzahl vorhanden sind, könnte der Gegner dabei hinweisen. Weiter könnte darauf hingewiesen werden, wie die mangelnde Kontrolle durch äußere Erfahrungen recht schlimm werden kann, wenn der Mensch, der in sich selber Geistesaugen, Geistesohren schaffen will und sich nur angeeignet hat die Sehnsucht für das innere Schauen, sich nicht erzogen hat an dem streng exakten Wahrheitssinn. Wenn der Mensch nicht in sich erzogen hat einen solchen Wahrheitssinn und einen solchen Wahrheitsimpuls, wie sie bestehen, wenn die äußere Erfahrung uns kontrolliert, dann kann der geistig Schauende, der sogenannte hellsichtige Mensch, weit abkommen von der inneren Kontrolle, die umso bedeutsamer sein muß, wenn die äußere Kontrolle fehlt. Da zeigt es sich, wie nahe es liegt, daß ein Mensch in zunächst unbewußte Unwahrheit, in Irrtümer, dann aber auch in bewußte Unwahrheit, in die Lüge hineingeraten kann, deren Tragweite er nicht durchschaut, weil er die Illusion nicht von der Wahrheit unterscheiden kann.

Und hieran liegt es, warum das Bedürfnis, in die geistige Welt hineinzuschauen, das innere Gegründetsein des Menschen auf Wahrheit und Moral voraussetzt. Es zeigt sich, warum es ein so tiefes Problem hat werden können, wie es zum Beispiel Goethe in seinem «Faust» ausgedrückt hat. Da steht der Mensch Faust vor uns, der typische Mensch, der hinein will in die geistige Welt und sein individuelles Leben erweitern will, der aber auch, trotz gewissenhaftestem Streben, unzählige Male die Möglichkeit hat abzuirren, und der, nachdem er seine Lebensbahn beinahe vollendet hat, den schweren Ausspruch tut: Könnt ich Magie von meinem Pfad entfernen! - So tragisch kann das Bekenntnis zur Geistesforschung werden.

Aber wir müssen die Menschenseele nicht nur theoretisch betrachten, wir müssen sie im vollen Leben betrachten. Und da kann uns nur die Erfahrung selbst die entsprechenden Lehren geben. Mag man noch so sehr begründen, unsere Seele müsse soundso beschaffen sein, wenn sie der Geistesforschung folgen will - man kann ganz genau wissen: Ein anderes sind theoretische Sätze als seelische Impulse. In der Theorie kann alles ganz logisch sein, und die Seele kann, wenn sie nicht die Sicherheit in sich selbst begründet hat, trotzdem in die bezeichneten Irrpfade hineingeraten. Auf so etwas, das in den verschiedensten Formen existiert, kann von den Gegnern mit Recht hingewiesen werden. Das kann uns zeigen, daß wir Einwände nicht leicht nehmen dürfen, denn solche Einwände kann jeder auf der Straße finden.

Sie können in der Geisteswissenschaft oder Theosophie den Hinweis finden, daß ein individueller Wesenskern im Menschen lebt. Es wird da gezeigt, daß nur für den Menschen eine Biographie möglich ist, weil nur der Mensch jenen eigentümlichen, individuellen Verlauf des Lebens hat, der eine Biographie möglich macht. Für den größten wie für den kleinsten Menschen ist eine Biographie möglich. Wir bringen dem einzelnen Menschen dasselbe Interesse entgegen, das wir in der Tierwelt einer ganzen Tiergattung entgegenbringen. Wir bringen dem einzelnen Menschen dasselbe Interesse entgegen wie dem Löwenvater, dem Löwensohn, dem Löwenenkel und so weiter. Es ist ein leichtgeschürzter Einwand, wenn jemand sagt: Aber der einzelne Löwe hat doch ebenso eine Biographie, und man könnte doch ebenso von einem Hund oder einer Katze eine Biographie schreiben. - Gewiß könnte man das. Als ich Schulbub war, hat uns der Lehrer einmal damit geplagt, die Biographie unserer Schreibfeder zu schreiben. Man kann ja alles auf alles übertragen, aber man muß doch darauf sehen, worin das Wesentliche einer Sache beruht. Das behauptet ja auch kein Geistesforscher, daß nicht ein Hund oder eine Katze eine Summe von individuellen Eigenschaften haben kann. Es wird nur gesagt, daß wir dasselbe Interesse, das wir im Grunde genommen als Mensch einem einzelnen Menschen entgegenbringen, beim Tier der ganzen Art entgegenbringen; es kann sogar das Interesse für ein Tier größer sein als für einen Menschen, aber es ist nicht dasselbe Interesse, das wir dem Menschen entgegenbringen. Die Art des Interesses, das vorliegt gegenüber dem einzelnen menschlichen Individuum, liegt vor gegenüber der tierischen Gattung. Daher müssen wir sagen: Jeder Mensch ist seine eigene Gattung.

Etwas anderes ist es, ob wir wirkliche Gegner der Theosophie vor uns haben oder solche, die an den Schwierigkeiten nicht vorbei können, wie sie uns unser ganzes zeitgenössisches Denken und Empfinden und unsere ganze heutige Wissenschaft geben. Einige solche Einwände sollten heute aufgezählt werden. Selbstverständlich könnten wir bis morgen früh weiterreden und könnten die Einwände bis ins einzelne vermehren. Und ich bin mir bewußt, daß ich nicht einmal die wichtigsten Einwände aufgezählt habe. Ich habe nur gezeigt, wie man das Gebiet der Erkenntnistheorie, der Moral, der Ethik, der Religion und der Lebenssicherheit heranziehen kann, wenn man Gegenbeweise gegen die Theosophie bringen will. Nun ist es vielleicht die schönste Kultur, die aus der Geisteswissenschaft hervorgehen kann, daß man echte Toleranz üben lernt. Echte Toleranz kann man nur üben, wenn man Verständnis hat für anders geartete Individualitäten, für anders geartetes Denken, für anders geartetes Fühlen. Solange wir die von unseren Gegnern geltend zu machenden Einwände hören, können sie uns anregen, wenn wir uns nicht in leichter Weise dazu stellen, sondern imstande sind, das, was der Gegner vorbringt, in uns selber zu finden. Wenn wir sozusagen einen Teil von uns selbst zu unserem Gegner machen, um mit den berechtigten Einwänden fertig zu werden, dann üben wir theosophische Toleranz.

In dieser charakterisierten Weise sollte der Geistesforscher stets auch allen anderen Einwänden entgegenkommen, die von gegnerischer Seite gemacht werden könnten. Das sollten sowohl die Bekenner wie auch die Gegner bedenken: Mit jenem absoluten Gegenteil von Fanatismus, das ein Impuls sein muß für die theosophische Gesinnung, sich zum Gegner so zu stellen, daß man sich immer fragt: Welches Gewicht haben seine Einwände? - Daher ist der Theosoph von gar keinem Einwände überrascht. Es kann nur dann die theosophische Geistesströmung in rechter Weise weitergehen, wenn eine solche innere Auseinandersetzung mit einem jeden Gegner stattfinden kann. Daß dies eine Forderung ist, mit der auch unsere heutige Zeit ringt, das kann sich zeigen, wenn man immer wieder glaubt, die Gegner könnten gar nicht das Gewicht und die Bedeutung ihrer Einwände ermessen. Man braucht nicht auf dem Standpunkte Eduard von Hartmanns zu stehen und kann doch in seiner «Philosophie des Unbewußten» etwas ganz Bedeutsames sehen, das gewichtige Einwände brachte gegen eine gewisse materialistisch gefärbte Behandlung der naturwissenschaftlichen Tatsachen. Als Eduard von Hartmann seine «Philosophie des Unbewußten» hat erscheinen lassen, 1869, da haben sich in dem damals gerade aufbrechenden Darwinismus überall die gegnerischen Stimmen gegen Eduard von Hartmann gezeigt. Was da vorgebracht wurde, war immer durchklungen davon, daß die Leute sagten: Da spricht ein Philosoph, ein Mensch, der doch gar nichts weiß von den naturwissenschaftlichen Tatsachen, ein Dilettant; deshalb kann man darüber zur Tagesordnung übergehen. - Und es erschien Schrift über Schrift gegen diese «dilettantische» Arbeit von Eduard von Hartmann. Unter diesen verschiedenen gegnerischen Schriften gegen die «Philosophie des Unbewußten» war auch eine von einem Anonymus «Das Unbewußte vom Standpunkt der Deszendenztheorie und des Darwinismus», die als besonders geistvoll befunden wurde. Sie war wirklich eine schlagende Widerlegung alles dessen, was in der «Philosophie des Unbewußten» vorgebracht worden war; sie war so schlagend, daß ein bedeutender Biograph Darwins sagte: Es ist schade, daß sich dieser Mann nicht genannt hat, der diese ganz im Geiste einer wirklich wissenschaftlichen Naturforschung gehaltene Abhandlung gegen den Hartmannschen Dilettantismus verfaßt hat! - Und ein anderer Naturforscher schrieb, der Unbekannte möge sich nennen, denn er sei einer der Ihrigen. Diese Schrift fand eine rasche Verbreitung, sie war bald verkauft und erlebte eine zweite Auflage. Jetzt nannte sich der Verfasser: Es war Eduard von Hartmann selber, der damit in seiner Art den Beweis geliefert hatte, wie man doch vorsichtig sein soll mit dem, was man glaubt, als eine einzige absolute Wahrheit zu besitzen, und daß man nicht den Gegner für dumm und dilettantisch halten soll, wenn er eine andere Meinung hat, denn es könnte sehr leicht sein, daß der Verfasser die Einwände sehr gut kennt.

Die Theosophen sollten aber die Einwände [gegen die Theosophie] nicht bloß kennen, sondern in einer gewissen Weise obliegt es ihnen als theosophische Pflicht, sich mit diesen Einwänden auseinanderzusetzen. Nachdem wir heute nun etwas von diesen Einwänden auf unsere Seele haben wirken lassen, wollen wir im nächsten Vortrag sehen, wie dieses Gebiet von der anderen Seite aussieht, von dem wir heute mehr oder weniger die Kehrseite gezeigt haben. Und wir wollen sehen, ob es gewichtige Gründe gibt für die Gegner, wenn sie behaupten: Lass' uns mit dieser Theosophie zufrieden, denn sie ist nicht nur unwissenschaftlich, sondern sie widerspricht jeder höheren Moral, sie begründet eine unzulängliche Ethik, sie gibt keine Lebenssicherheit, und sie ist religiös durchaus unzulänglich.

Oder könnte es vielleicht noch irgend etwas geben, was da zeigt, wie irrtümlich doch im Grunde genommen alle diese Einwände sind? Wir wollen aber diese Einwände nicht so nehmen, als ob wir sie einfach als Irrtümer abtun wollten, sondern so, daß wir an ihnen lernen können. Es ist schwierig für manche Zeitgenossen, den Weg in die Theosophie hinein zu finden. Aber vielleicht könnte es auch für manchen, der leichten Herzens ein Bekenner der Theosophie wird, geradezu vorbildlich sein, sich einmal solche Schwierigkeiten vorzuhalten. Denn auch der Weg zu den Sternen könnte ein rauher sein, und es könnte gut sein, wenn wir ihn uns nur recht rauh werden ließen, wenn wir ihn uns nicht gar zu bequem machten.

Wie der Mensch sich hineinfinden kann in diese Welt der geistigen Sterne, und daß er nicht den heute charakterisierten Einwänden zu unterliegen braucht, sondern Sieger werden kann über sie, davon wollen wir im nächsten Vortrag sprechen.

German original of How Does One Disprove Spiritual Science? · ← Previous · Next →