Truths and Errors in Spiritual Research
GA 69a — 25 March 1911, Prag
WIE VERTEIDIGT MAN THEOSOPHIE?
Sehr verehrte Anwesende! Der am letzten Sonntag hier gehaltene Vortrag «Wie widerlegt man Theosophie?» sollte gleichsam die Grundstimmung abgeben für die Ausführungen, welche heute vor unsere Seele treten sollen. In jenem Vortrage sollte namentlich gezeigt werden, daß in dieser Grundstimmung, in welcher der mit Theosophie sich Durchdringende sich befinden soll, nichts, aber auch gar nichts enthalten sein sollte von Fanatismus, von einem fanatischen Vertreten irgendwelcher Annahmen, Behauptungen, Hypothesen und dergleichen. Es ist vielleicht aus dem ganzen Ton des letzten Vortrages hervorgegangen, daß die Gründe, die gegen die Theosophie angeführt worden sind, nicht so genommen werden sollten, als ob sie nun etwa in diesem heutigen Vortrag Stück für Stück widerlegt werden sollten. Sie sollen vielmehr so betrachtet werden, daß sie einen Teil jener Erwägungen, Empfindungen und Gefühle darstellen - allerdings nur einen Teil -, welche sich ganz notwendig in der Seele desjenigen ergeben müssen, der aus dem heutigen Zeitbewußtsein heraus an die Theosophie herankommt. Mit anderen Worten, die gegen die Theosophie vorgebrachten Gründe sollen nicht als unberechtigte, sondern im Gegenteil, als im Sinne unseres heutigen Zeitbewußtseins in hohem Maße berechtigte Gründe angesehen werden, als solche, die sich als wirkliche und nicht bloß als vermeintliche Schwierigkeiten ergeben, gerade wenn der Mensch mit wissenschaftlichem und mit moralischem Gewissen heute den Weg zur Theosophie sucht. Daraus möchte ich aber gewissermaßen auch das Recht ableiten, in dem heutigen Vortrag so sprechen zu dürfen, daß alles, was heute für die Theosophie vorgebracht wird, in dem gleichen Lichte gesehen werde, wie es bis zu einem gewissen Grade hervorgerufen werden konnte durch die am letzten Sonntag gleichsam «probeweise» gegebene Widerlegung der Theosophie.
Es ist ja mit wenigen Worten der Inhalt der Theosophie da kurz charakterisiert worden, und es ist gesagt worden, wie man über die Quellen der Theosophie zu denken hat, über die eigentlichen Ursprünge jener Erkenntnisse, welche vermittelt werden sollen durch die Theosophie. Diese Quellen ergeben sich nicht dem gewöhnlichen normalen Bewußtsein, wie es im gegenwärtigen Entwicklungszustand des Menschen sich herausgebildet hat, sondern sie ergeben sich nur dann, wenn des Menschen Seele sich gewissen inneren Übungen unterwirft, die über das Erleben hinausführen, welches man bei dem normalen Bewußtseinshorizont haben kann. Nun wurde schon im letzten Vortrage gesagt, daß es ja insbesondere bei der gegenwärtigen Wissenschaft Anstoß erregt, daß man aufsteigen will zu einer Anschauung der Welt, welche sich erst ergibt, wenn gewisse innere Erlebnisse der Seele durchgemacht worden sind, in denen gleichsam das menschliche Subjekt sich entfernt hat von den äußeren Eindrücken, sich leer gemacht hat von den gewöhnlichen Wahrnehmungen in der physischen Welt und auch von jenen Gedanken, die sich an diese Wahrnehmungen anknüpfen lassen. Wenn das menschliche Subjekt gleichsam künstlich den Zeitpunkt herbeiführt, der sonst eintritt beim Einschlafen - aber in radikal anderer Art -, daß alle anderen Eindrücke schweigen und auch alle Gedanken und Empfindungen, die diese äußeren Eindrücke hervorgerufen haben, und wenn dann durch die Vorgänge des inneren Seelenlebens nicht die Bewußtlosigkeit des Schlafes eintritt, sondern solche starken inneren Kräfte entfaltet werden, daß das Bewußtsein bleibt, und wenn Kräfte heraufgeholt werden aus der Seele, die sonst unter der Oberfläche des Bewußtseins schlummern, dann tritt das in der Seele auf, was man nennen könnte: ein höheres Anschauungsvermögen, das mit einem Goetheschen Wort bezeichnet werden darf als «Geistesaugen» und «Geistesohren». Eine solche Seele befindet sich dann auf einer höheren Stufe in derselben Lage wie ein Blindgeborener, der das Glück hat, durch eine Operation sehend zu werden und vor dem sich nun die Welt von Licht und Farben erschließt. Wie um den Blindgeborenen die Realitäten des Lichtes und der Farben auch da waren, bevor er operiert worden ist, in demselben Sinne sind um uns herum alle die Dinge und Wesenheiten der geistigen Welt, von denen die Theosophie oder Geisteswissenschaft spricht; bewußt können sie uns aber erst werden, wenn die geistigen Augen, die geistigen Ohren gleichsam durch innere, seelisch-geistige Energien herausgeholt werden aus ihrem Schlummer. Dann tritt eine neue Welt vor dem Menschen auf. Es wurde gesagt, daß die äußere Wissenschaft an dieser Sache gerade deshalb Anstoß nehmen müsse, weil diese Wissenschaft mit allem Ernst, mit tiefer Gewissenhaftigkeit danach strebt, den Inhalt der Erkenntnis unabhängig zu machen von dem menschlichen Subjekt, also von dem, was wir in unserem Innern erleben. es wird mit Recht eingewendet, was der Mensch in seinem Innern erlebt, das sei eben nichts anderes als ein Subjektives, das jeder in einer anderen Art erlebt und das für uns daher auch nur eine individuelle, eine subjektive Geltung haben könne. Mag der Mensch daher aus diesen seinen subjektiven Seelenerlebnissen zu was immer für Überzeugungen über eine andere Welt als die physische Welt kommen so könnte ein Gegner der Theosophie sagen -, so mag er das mit sich selber abmachen, denn das ist nicht in gleicher Weise zu belegen wie diejenigen Dinge, die wir als Erkenntnisse gewinnen anhand des Experimentes, der wissenschaftlichen Beobachtung oder der historischen Forschung. - Daher wird wohl auch mancher diesen Dingen gegenüber sich abfinden und sagen: Gewiß, die äußere Forschung hat ihre Grenzen; sie kann uns nicht hinführen in die Gebiete, die uns nach den Sehnsüchten unserer Seele vielleicht die wertvollsten sind; aber was über das Gebiet der äußeren Forschung hinausführt, das muß ein intimes Erleben der menschlichen Seele sein, das muß jeder mit sich selber abmachen, denn es muß ja auch jeder nach der Art und Weise, wie er sich seinem ganzen Innenleben nach entwickelt hat, sein besonderes Bild haben von dem, was über die sinnliche Wahrnehmung hinausgeht. Wenn das richtig wäre, daß jeder sein besonderes Bild haben muß von dem, was über die sinnliche Beobachtung hinausgeht, dann wäre allerdings Theosophie nicht zu halten, dann wäre alles, was wir aus den Quellen der Geisteswissenschaft heraufholen wollen, lediglich etwas, was jeder einzelne Mensch für sich als seine subjektive Überzeugung hätte, und sie könnte unmöglich eine Gültigkeit objektiver Art beanspruchen. Das ist aber nicht so. Und daß es nicht so ist, das kann dem Menschen nur das Durchlaufen der Seelenübungen selber zeigen; das kann nur das innere Experiment zeigen, das der Mensch vornimmt, um zu solchen Quellen der übersinnlichen Erkenntnis zu gelangen.
Nun kann ja in einem solchen orientierenden Vortrage auch nur skizzenhaft angedeutet werden, um was es sich handelt. Aus dem Vergleich des Wachzustandes, der uns die äußeren Eindrücke und die daran sich knüpfenden Gedanken überliefert, mit dem Schlafzustande, in dem die äußeren Eindrücke schweigen, ergibt sich ja, daß unser inneres Seelisches, wie es im wachen Zustande vorhanden ist, mit dem Einschlafen in seinen eigenen Kräften erlahmt und nicht mehr in der Lage ist, aus seinen Tiefen Erkenntniskräfte heraufzuholen; daher breitet sich ja im Einschlafen Finsternis und Dunkelheit der Bewußtlosigkeit aus. Deshalb muß der, der diesen Zustand bewußt durchmachen will, künstlich solche Momente der Abgeschlossenheit von der Außenwelt herbeiführen, in welchen er trotzdem ein inneres Erleben hat, er muß starke innere Kräfte wachrufen. Das erlangt man durch jenen Seelenvorgang, den man Meditation nennt und durch die Konzentration von Gedanken, Gefühlen und Empfindungen. Wenn wir das, was uns die äußere Welt gibt, nicht bloß so benutzen, daß wir es betrachten als Vermittler von Erkenntnissen oder als Impulse unseres alltäglichen Handelns, auch des moralischen Handelns, sondern wenn wir beginnen, an wichtigen, starken Eindrücken der Außenwelt uns zunächst innerlich zu vertiefen, indem wir diese starken Eindrücke von der Außenwelt dadurch lösen, daß wir sie nicht unmittelbar benutzen, sondern von dem unmittelbaren äußerlichen Erleben absehen und die Eindrücke abgesondert von allem Äußeren in unserer Seele wirken lassen, dann führt uns das allmählich zur Entfaltung von in der Seele schlummernden Kräften. An einem Beispiele sei dies gezeigt.
Wir können in der Welt sehen, wie der eine Mensch dem anderen hilft, wie er mildtätig handelt gegenüber dem anderen. Das kann in unserer Seele einen so starken Impuls des Mitleids hervorrufen, daß uns dieser Impuls Tränen in die Augen preßt. Wir können so veranlagt sein, daß wir jedesmal, wenn wir eine solche Handlung sehen, zu solch einem Impuls des Mitleids kommen. Dies kann in uns so gesteigert sein, daß wir in dem Falle, wo die Not eines anderen an uns herantritt, selbst mildtätig handeln, daß wir uns in die Seele des andern versetzen und uns anregen lassen von dem Eindruck der Außenwelt zu einer Handlung des Mitgefühls. Wir können es vielleicht so weit bringen, daß wir dieselbe innere Stimmung, die sich ausdrückt im Auspressen von Tränen, auch dann entfalten können, wenn wir bloß ein Bild einer solchen Handlung vor uns haben. Es gibt Menschen, und sie sind sehr zahlreich, die zum Beispiel, wenn sie im Verlaufe der Lektüre eines Romans an eine Stelle kommen, wo bloß das Bild von menschlichem Elend und von menschlichem Mitgefühl vor unsere Seele gezaubert wird, dann Wasser in ihre Augen bekommen. Sie werden von dem, was nur ein Bild der äußeren Realität ist, so berührt, daß in ihrer Seele ein ähnlicher Impuls ausgelöst wird, wie er sonst nur durch eine äußere Impression einer physischen Realität ausgelöst werden kann.
Nehmen wir nun aber an, daß wir im gewöhnlichen, normalen Bewußtsein einfach an eine solche Handlung denken, dann werden wir schon verspüren, wie unendlich schwächer dieser Impuls ist, wie wir ihn nicht zu jenem Grade erhöhen können, daß er uns Tränen auspreßt. Wenn wir nun durch innere Seelenübungen dahin kommen, einen Gedanken zu denken, der zusammenhängt mit menschlichem Mitfühlen, mit Hilfsbereitschaft, mit dem Hineinsichversetzen einer Seele in die andere, ohne daß wir von der Außenwelt irgendwie dazu veranlaßt sind, wenn wir einen solchen Gedanken rein aus inneren Impulsen in unserer Seele frei aufsteigen lassen und uns in diesen Gedanken so versenken können, daß wir uns ganz mit ihm identifizieren, vielleicht noch imstande sind, uns das Bild der äußeren Realität vor Augen zu führen, und wenn wir dieses Bild so stark werden lassen, daß es unsere Seele so durchrüttelt, wie es sonst nur durch die äußere Impression geschehen kann, so haben wir einen Anfang gemacht mit dem, was man eine «Empfindungsmeditation» nennen kann. Wenn man dann die Geduld hat, eine solche Empfindungsmeditation nicht einmal, nicht fünfzigmal, sondern immer wieder und wieder in der Seele regsam /u machen, dann merkt man, daß ein Sichversenken in solche, von der äußeren Realität abgezogene Empfindungen aus unserer Seele Kräfte hervorzaubert, die unsere Seele innerlich erziehen. Wer solche Übungen macht, dem zeigen sich diese Bilder noch ganz anders lebendig als etwa die Phantasiebilder, die wir uns im gewöhnlichen Leben machen. Wenn man sich in solche Meditationen immer wieder und wieder versenkt, so erlebt man sich selber tatsächlich so, wie wenn man ganz voll wäre des inneren Lebens, der inneren Durchdringung, wie man sonst nur fühlt, wenn man die Innerlichkeit seinem äußeren Leib eingeprägt hat.
Ja, durch dieses Inanspruchnehmen der Seele, durch dieses Durchtränktwerden der Seele mit dem, was aus der Meditation ausstrahlt als ein unmittelbar in unser Bewußtsein Tretendes, erlebt man so etwas, daß man sich sagt: Mit alledem, womit du sonst im Schlafe dich abgesondert hast von deinem physischen Leib, darin lebst du jetzt so stark und lebendig, wie du sonst nur zu leben vermagst, wenn du dich mit der Seele in deinem physischen Leibe befindest und deine Augen und Ohren und die anderen Sinnesorgane die äußeren Impressionen und Eindrücke dir zutragen. Was ich hier charakterisiere, kann nicht irgendwie theoretisch bewiesen werden, sondern das kann nur erlebt werden. Wenn es aber erlebt wird, dann ist es in unserem Bewußtsein vorhanden als ein unmittelbares inneres Gefühl: Du bist jetzt von deinem äußeren Leibe frei; du lebst jetzt aber nicht im Nichts, sondern in einer geistig-seelischen Wesenhaftigkeit, die für dich ebenso Realität ist wie sonst die Erlebnisse des physischen Leibes. - Ein solches Bewußtsein muß vorausgehen dem Forschen, dem Erkennen in der geistigen Welt. Und wer es dazu gebracht hat, ein solches Bewußtsein in sich selber zu entwickeln, der ist dann etwa so weit wie jemand, der für ein äußeres Experiment alles zusammenholt und hergerichtet hat, damit er alle die Dinge, die dabei in Betracht kommen, nur in Bewegung zu setzen braucht, um ein Naturgesetz durch dieses Experiment zu erkennen. Er ist dann so weit, daß er vordringen kann zu den Quellen der geistigen Welt, die immer um uns sind, wie Licht und Farben immer um den Blindgeborenen sind, aber von ihm erst dann gesehen werden können, wenn er durch eine Operation sehend geworden ist. Es muß aber immer wieder betont werden, daß solche Seelenübungen nur notwendig sind zum Forschen, zum Erleben in der geistigen Welt, daß sie aber nicht notwendig sind zum Begreifen dessen, was der Geistesforscher, der sich so vorgebildet hat, aus den geistigen Welten herunterholt und als Ergebnisse der Geistesforschung erzählt. Denn was in der Theosophie mitgeteilt wird, ist durch das natürliche Wahrheitsgefühl, durch die gesunde Logik des Menschen durchaus zu begreifen. Erforscht werden können also die Tatsachen und Wesenheiten der geistigen Welt nur von dem Geistesforscher, vernünftig eingesehen werden können sie dagegen von jedem Menschen mit natürlichem Wahrheitsgefühl und gesunder Logik, der nicht voreingenommen ist durch irgendwelche Vorurteile.
So müssen wir also sagen: Die Quellen dieser Weltanschauung, die wir «Theosophie» nennen, werden nur durch eine Entwicklung der Seele errungen. Wenn nun jemand einwenden will: Alles, was der Mensch so als Erkenntnisse produziert, die unkontrolliert von der äußeren Realität sind, sei das Gegenteil von Wissenschaftlichkeit im heutigen Sinne, weil es doch eigentlich etwas Individuelles sei und jeder Mensch dabei zu etwas anderem kommen müsse, so muß auf der anderen Seite doch betont werden, daß es zwar voll gilt, was so gesagt wird, aber nur für gewisse vorbereitende Stufen der seelischen Entwicklung. Der Mensch muß, wenn er zu einer solchen Erkenntnis vordringen will, sich durchringen durch mancherlei schwere und schwerwiegende Seelenkämpfe, durch vieles, was nur für ihn eine subjektive Bedeutung hat, und er lernt wohl erkennen, wie schwer es ist, mit diesen subjektiven inneren Seelenerlebnissen sich in einer gewissen Weise von der Welt zu isolieren, in die wir nun doch hineinverwoben sind. Dadurch ergibt sich eine große Reihe von wahrhaft gewaltigen Schwierigkeiten. Da wogt in uns manches, was nur für uns selber Geltung hat. Dann aber wird ein Punkt in der Seelenentwicklung erreicht, wo man unmittelbar durch sein Bewußtsein weiß: Jetzt bist du über das Subjektive hinaus; jetzt erlebst du in deiner Seele Wahrheiten, Wesenhaftes, das frei ist von alledem, was sich aus dir selbst in deine Erkenntnisse hineinmischt. Jetzt hat man das unmittelbare Gefühl, man ist eingedrungen in die Welt geistig-seelischer Realitäten. Eine einfache Überlegung zeigt, daß es auch innerhalb unserer gewöhnlichen Wissenschaften eine ganz besonders hervorstechende gibt, bei der Erkenntnisse so errungen werden, wie es eben charakterisiert worden ist, das ist die Mathematik. Schon bei den einfachsten mathematischen Operationen können Sie sich überzeugen, daß die Wahrheiten errungen werden in vollständiger Isolierung der Seele. Wer aber eine solche Wahrheit gefunden hat, weiß, daß jeder, der dieselben Operationen vornimmt, absolut sicher zu denselben Resultaten kommen muß. Keiner kann den pythagoreischen Lehrsatz anders erkennen, auch wenn man die Gedankenoperationen an der Tafel versinnlicht, als daß man die in Betracht kommenden Zusammenhänge innerlich erlebt. Wer einmal innerlich den pythagoreischen Lehrsatz erarbeitet hat, der weiß, daß jeder andere zu demselben Resultat kommen muß. So ist es mit allem mathematischen Erkennen. Und wir können nun sagen, daß die Methode der Geistesforschung nach demselben Grundsatz vorgeht wie die Mathematik, die man für die sicherste der Wissenschaften hält. Es mögen Millionen von Menschen über einen mathematischen Lehrsatz etwas anderes denken, wer ihn in seinem Innern einmal erlebt hat, der weiß, daß er wahr ist. Und so ist es auch mit den Erkenntnissen, die in der geistigen Welt gewonnen werden.
Wer erkenntnistheoretische Einwände machen will, könnte sagen: Es ist zwar beim mathematischen Erkennen so, wie du sagst. Die mathematischen Wahrheiten werden im tiefsten Innern der Seele errungen, aber sie können nicht auf das Sein unmittelbar angewendet werden. Wir können mit den mathematischen Erkenntnissen - so könnte jemand sagen - zwar Verhältnisse im Sein, Verhältnisse in der Realität durchschauen, aber keine Mathematik kann darüber entscheiden, ob auch reale Wesenheiten wirklich existieren, welche diese mathematischen Gesetze in sich tragen; die Realität selber muß man auf andere Art erfahren als durch mathematische Urteile.
Dieser Einwand ist voll berechtigt. Er gehört sogar zu denjenigen, von welchen ich wünschen möchte, daß sie ganz gehörig dem Theosophen entgegengehalten würden, damit er es nicht leicht hat, die Theosophie zu verteidigen. Es ist ein gewichtiger Einwand. Was aber ihm gegenüber in Betracht kommt, das ist, daß der Mensch, wenn er mathematische Urteile erlebt, eines nicht miterlebt, was er aber erlebt, wenn er sich so zu einer übersinnlichen Welt aufschwingt, wie es beschrieben worden ist. Was kein mathematisches Urteil geben kann, das ist die Anschauung des eigenen Ich, das Objekt-Werden des eigenen Ich, das Sich-selbst- Gegen-übertreten, so, als ob wir mit unserer Persönlichkeit aus uns heraustreten und uns selber anschauen würden. Wenn wir noch so viele mathematische Urteile bilden -bei mathematischen Urteilen, die unseren Bewußtseinshorizont ausfüllen, können wir unser Ich als Objekt nicht finden. Das ist das Wesentliche, das uns keine Mathematik zu geben vermag: das anschauende Erleben des eigenen Ich. In den mathematischen Urteilen sind wir innerhalb unserer Persönlichkeit geblieben, durch sie können wir nicht in die äußere Realität eindringen. In dem Augenblick, wo wir uns selbst gegenübertreten, sind wir mit einem Teil unserer Wesenheit herausgeschritten und in die Objektivität eingetreten, und wir fühlen uns in den Dingen, in der Realität drinnen. Das ist der Unterschied: daß die Mathematik zwar zur innerlichen Gewißheit kommt, aber nicht den Weg zur Realität macht. Die übersinnliche Erkenntnis dagegen macht den Weg zur Realität. Daher bekommt der, der auf dem Wege der Geistesforschung vorschreitet, auch einen neuen Begriff, eine neue Idee von Realität. Und mit diesem neuen Begriff von Realität, der zugleich Anschauung ist, kann der Mensch nun wieder herantreten an die Betrachtung des menschlichen Lebens. Wir wollen uns das an einem Beispiel einmal vor Augen führen.
Wir sehen, wie das Leben des Menschen verläuft von der Geburt bis zum Tode. Für die sinnliche Anschauung tritt der Mensch mit der Geburt ins Dasein und schließt sein Leben mit dem Tode. Für die Zeit vor der Geburt oder Empfängnis und für die Zeit nach dem Tode kann die äußere sinnliche Anschauung, die äußere Wahrnehmung nichts ausmachen über die objektive Wesenheit des Menschen.
Wenn aber der Mensch sich selbst gegenübertritt und gelernt hat, auf die eben charakterisierte Weise den Menschen von außen anzuschauen, so zeigt sich ihm auch zugleich, daß diesem ganzen äußeren Werden des Menschen, den die Sinne sehen können, ein Übersinnliches zugrundeliegt, welches der eigentliche Werkmeister, der Erbauer, der Bildner und Gliederer dieses sinnlichen Organismus ist. Und er wird gewahr, wie von dem Moment der Geburt an, der uns so rätselhaft vor Augen tritt, geheimnisvoll die menschliche Entwicklung beginnt. Da können wir sehen, wie aus einem tiefen Untergrunde des menschlichen Daseins in die noch unbestimmten Gesichtszüge des Kindes allmählich im Laufe der Jahre sich bestimmte Züge hineinprägen, wie seine Gesten und seine Fähigkeiten von innen nach außen sich immer bestimmter ausprägen. Auch das Gehirn, das Werkzeug unseres Denkens, hat ja nach der Geburt noch lange nicht seine volle Ausbildung erhalten; es wird noch umgestaltet und gegliedert. Nun ist das Gehirn aber das Werkzeug unseres geistigen Erlebens. Betrachten wir nun einmal mit dem gewonnenen Blick der Geisteswissenschaft dieses menschliche Leben weiter, dann müssen wir uns die Frage vorlegen: Wann tritt denn eigentlich im Menschenleben der Augenblick ein, wo das Seelisch-Geistige voll imstande ist, sich seines Werkzeuges, des Gehirns zu bedienen? Dies ist ja in den ersten Kindheitsjahren noch nicht der Fall. Denn sonst brauchte das Kind sich nicht mancherlei anzueignen durch die Eindrücke der Außenwelt und durch die Nachahmung, und wir brauchten das Kind nicht zu erziehen. Erst im Laufe unserer ersten Lebensjahre wachsen wir in die Möglichkeit hinein, das Werkzeug des Gehirns zu gebrauchen. Das können wir geisteswissenschaftlich so ausdrücken: Unser Gehirn wird erst im Verlaufe unseres Lebens fähig, das Werkzeug des Ich zu werden.
Wenn wir nun von dem Augenblick des Lebens, wenn wir an die zwanzig Jahre alt sind, vielleicht auch noch nach den Zwanzigerjahren, wo wir voll gelernt haben, unser Gehirn zu gebrauchen, zurückgehen zu früheren Lebensepochen, dann zeigt sich der geisteswissenschaftlichen Beobachtung, daß das Gehirn, dessen sich unser Ich im späteren Lebensalter als Instrument bedient, in den frühen Kindheitsjahren erst ausgearbeitet, ausgeprägt wird. Da zeigt sich dem Geistesforscher, der mit dem geöffneten Auge des Sehers die menschliche Entwicklung betrachtet, daß dasjenige, was später im Menschen ist, um das Gehirn zu gebrauchen, ganz dasselbe ist wie das, was an der Ausbildung und Gestaltung des Gehirns gearbeitet hat aus Kräften heraus, die kein sinnliches Auge sehen kann. Wer mit der Vernunft an diese Dinge herantreten will, der kann sagen: Also du sagst uns, daß du gleichsam eine kindliche geistige Atmosphäre siehst um das Kindeshaupt herum und daß durch diese kindliche Atmosphäre, durch eine Art Kopf-Aura, ausstrahlen geistige Kräfte, die an dem Gehirn des Kindes arbeiten, um es so zu bearbeiten, daß es später ein Werkzeug des Ich werden kann. Dann, sagst du, schlüpft diese Kopf-Aura, dieses nur für das Auge des Sehers sichtbare Lichtgebilde, das wie eine astralische Bildung das Kindeshaupt umgibt, in das Innere hinein, um später von innen aus das als Werkzeug zu gebrauchen, woran es selber im kindlichen Alter mitgearbeitet hat. So behauptest du also, daß in der Tat dasjenige, was später sich des Gehirns bedient, für das übersinnliche Auge des Sehers erkennbar als ein geistiges Gebilde, als eine Gehirn-Aura, in dem kindlichen Alter vorhanden ist, daß es also von außen nach innen vorrückt, erst arbeitend tätig ist an dem menschlichen Organismus, dann in sein Inneres tritt und als Ich jetzt mit dem Werkzeug, das unter seiner eigenen Kraft zustandegekommen ist, die Welt betrachtet und begreift.
Wenn die Vernunft an diese Aussage des seherischen Bewußtseins herantritt, kann sie sich überlegen, daß ein jedes Werkzeug entstanden sein muß durch Kräfte, die verwandt sind den Kräften, die dieses Werkzeug gebrauchen. Kein Werkzeug kann in den Dienst der intelligenten menschlichen Kultur gestellt werden, das nicht durch die menschliche Intelligenz selbst hervorgebracht ist. Und leicht kann sich die Vernunft die Überlegung ausbauen, daß in der Tat das Werkzeug, welches von Ich-Kräften später in Anspruch genommen wird, aus diesen selben Ich-Kräften heraus gebildet worden sein muß.
Wenn man dann mit der geistigen Anschauung so weit gekommen ist, daß man das Geistig-Seelische des Menschen arbeiten sieht an der Konfiguration der menschlichen Gestalt, wie sie sich ins Leben hineinentwickelt, dann ist man nicht mehr weit davon entfernt, sich zu sagen: Also ist es im Grunde genommen das Geistig-Seelische, das beteiligt ist an dem, was sein Körperliches ist. - Und dann kann man sich auch weiter sagen: Also müssen wir das Seelisch-Geistige so anerkennen, daß es eine Existenz hat vor dem Physisch-Körperlichen, weil das Physisch-Körperliche erst gestaltet werden muß! - Allerdings muß man mit dem Beobachten nun weiterschreiten und muß sich einmal fragen: Was so im Menschen gebildet worden ist durch das Seelisch-Geistige des Menschen selber, was als sein Gehirn ausgebaut ist, tritt uns das nun so entgegen, daß wir uns fragen müssen: Das, was vor der Geburt am Menschen arbeitet, ist das für jeden Menschen dasselbe? Oder tritt es uns so entgegen, daß wir sagen müssen, es ist für jeden Menschen ein Individuelles?
Eine wirkliche Lebensbeobachtung wird selbstverständlich nicht umhin können zuzugeben, daß jeder Mensch individuell gebaut ist, daß er daher auch individuelle Fähigkeiten hat, die vom Gebrauch seiner äußeren Instrumente, seiner äußeren Kräfte abhängen, und daher kann er auch nicht nur aus einer allgemeinen Menschennatur, sondern er muß aus einer menschlichen Individualität heraus aufgebaut werden.
Das heißt, wenn wir aufsteigen zu dem Bildner der menschlichen Gestalt, der sich dem hellseherischen Auge in der Aura des Kindes zeigt, so müssen wir sagen: Es ist schon individuell gestaltet. Und wenn wir als ein sachkundiger Erzieher den heranwachsenden Menschen betrachten, so können wir sehen, wie sich bestimmte menschliche Talente, bestimmte menschliche Fähigkeiten hereindrängen in das Leben, bei dem einen Menschen so und bei dem anderen so. Und von diesen bestimmten Talenten und Fähigkeiten müssen wir sagen: Sie suchen sich das, was gerade in einer bestimmten Kulturregion vorhanden ist; zum Beispiel gestaltet sich das eine Talent nach dem Künstlerischen hin, das andere nach dem Handwerklichen, ein drittes mehr nach dem Denkerischen hin und so weiter, und das wird dann zu dem, was auf der Erde in unserem gegenwärtigen Leben da ist. Woher kommt aber das, was so in unserem gegenwärtigen Leben da ist? Was ist es, wenn wir bei dem sich heranentwickelnden Kinde den Zeitpunkt sehen, daß es zu solchen Verrichtungen hindrängt, die in unserer Kultur gegeben sind? Was das Kind darin sucht, das hat sich ja entwickelt ganz außerhalb des Kindes. Das Kind hat diese oder jene bestimmte Fähigkeit, dieses oder jenes ganz besondere Talent. Wenn wir Zusammenhang aber erkennen wollen, dann müssen wir zurückgehen in unserer Kultur bis zu früheren Stufen. Wäre eine solche kindliche Individualität gar nicht verwandt mit dem, was auf der Erde geschieht, so könnte sie zwar zu etwas Allgemeinem Neigung haben, aber nicht zu etwas Besonderem, was aus unserem Kulturleben herauswuchs. Daher wird es begreiflich erscheinen, daß das, was als kindliche Individualität auftritt, früher gewisse Verwandtschaften sich erworben haben muß mit dem, was sie innerhalb der Kultur für ihre Fähigkeit sucht. Daher können wir nicht anders denken als: Die Seelen, die sich herniedersenken und diese oder jene Fähigkeit zeigen, waren schon einmal auf der Erde und haben sich damals zu dem vorbereitet, zu dem sie solche Verwandtschaften entwickeln.
Im normalen Bewußtsein haben "wir allerdings nur die Möglichkeit, dies zu denken. Dann aber sehen wir, wie die Geisteswissenschaft aufsteigen kann von dieser bloßen Möglichkeit des Denkens zu der Anschauung der Tatsachen. Und man könnte nun fragen: Wo zeigt sich denn für die äußere Beobachtung dasjenige, was der Geistesforscher die kindliche Aura nennt, die sich erst hineinsenkt in das Innere, um sich des Gehirns als seines Werkzeuges zu bedienen?
Ja, dieser Augenblick markiert sich sehr stark. Er markiert sich dadurch, daß jeder Mensch, der zurückdenkt, der sich zu erinnern versucht an seine früheren Lebensverhältnisse, nur bis zu einem bestimmten Punkt zurückkommt - dann reißt die Erinnerung ab, und es können ihm höchstens noch die Eltern oder diejenigen, die in der Jugend um ihn herum waren, erzählen, was vorher gewesen ist. Dennoch aber muß jeder Mensch annehmen, daß sein Ich auch schon vorhanden war in den Zeiten, an welche er sich nicht zurückerinnern kann. Für den genauen Beobachter fällt der Zeitpunkt, bis zu dem der Mensch in der rückläufigen Erinnerung kommt, zusammen mit dem Zeitpunkt, da der Mensch als Kind lernt, zu sich «Ich» zu sagen, das heißt, wo das Ich-Bewußtsein auftritt. Bis zu diesem Zeitpunkt reicht auch das Gedächtnis eines Menschen zurück. Was vor dem Erwachen des Ich-Bewußtseins liegt, entzieht sich der Erinnerung. Hier haben wir die Markierung im menschlichen Leben: Das Kind, das vorher gesagt hat «Karlchen ist da», «Mariechen ist da», das sagt nun: «Ich bin da». In der Zeit, wo der Mensch anfängt, sich als Ich zu fühlen, da sieht das hellseherische Bewußtsein das Hineinrücken dessen, was als kindliche Aura bezeichnet worden ist.
Aus dieser Tatsache dürfen wir schließen, daß unser zurückreichendes Gedächtnis in keinem Falle maßgebend ist für das Vorhandensein unseres Ich. Wir dürfen auch betonen, daß es unzweifelhaft in unserem Menschenleben eine Zeit gibt, wo das Ich vorhanden ist und dennoch der Mensch dieses Ich nicht finden kann in der rückläufigen Erinnerung. Er kommt nur bis zu einem bestimmten Punkt. Wer aber glauben wollte, das Ich erwache dann erst oder es würde dem Menschen eingeprägt in dem Augenblick, wo das Kind «ich» sagen lernt, der "würde etwas Widersinniges glauben. Wenn sich unser Ich weiter nach rückwärts ausdehnt, als unser Gedächtnis reicht, so brauchen wir uns auch nicht zu wundern, wenn die Geisteswissenschaft sagt, daß es möglich sei, das Ich auch noch weiter auszudehnen - bis hinter die Geburt in frühere Leben hinein. Aber gerade zur Anschauung des Ich für diejenigen Stadien der Entwicklung, für die es in der normalen Entwicklung nicht ins Bewußtsein hineinreichen kann, kann man allmählich aufrücken durch ganz bestimmte Seelenübungen, Meditationen und so weiter. Nur das Elementarste von solchen Seelenübungen soll hier geschildert werden.
Der Mensch muß, wenn er in die Zukunft schauen will, in sich eine ganz bestimmte Stimmung entwickeln, für die man das Wort «Gelassenheit» gebrauchen kann. Wenn er mit Gelassenheit, mit absoluter Gleichmütigkeit in die Zukunft schauen kann, dann hat er für die Erringung des höheren Schauens viel gewonnen. Diese Stimmung kann man etwa so beschreiben: Der Mensch sagt sich: Es mag die Welt uns loben, es mag die Welt uns verdammen, es mag dieses oder jenes von der Zukunft her über uns verhängt werden, Furchtbares oder Erfreuliches - ich werde aufrechtstehen und alles, was kommen mag, mit Gleichmut entgegennehmen und furchtlos der Zukunft entgegengehen. - Beschrieben ist das leicht - errungen werden kann es nur durch lange Seelenübung meditativer Art, wie es im Beginn des heutigen Vortrages beschrieben worden ist. Wenn der Mensch aber in sich diese Stimmung entwickelt, lernt er, zunächst das Tor zu durchbrechen, welches das gewöhnliche Bewußtsein abschließt von den Erlebnissen des Menschen in den ersten Kindheitsjahren; dann lernt er hineinzuschauen in die ersten Kindheitsjahre zunächst, und dann weiter. Kurz, er erschließt sich also dasjenige, was wir nennen können die Rückschau in frühere Erdenleben. Wir können als eine besondere Methode dafür anführen das Erringen einer furchtlosen Stimmung der Zukunft gegenüber. Durch absolute Gelassenheit der Zukunft gegenüber erwerben wir uns die Möglichkeit, den Gang unseres Ich bis zu dem Punkte verfolgen zu können, wo Ich-Bewußtsein im normalen Bewußtsein im Leben zwischen Geburt und Tod auftritt. Der Geistesforscher braucht aber dann dabei nicht stehenzubleiben, sondern er kann sein Bewußtsein über das gewöhnliche Maß hinaus erweitern, und es kann das, was wir wiederholte Erdenleben nennen, für ihn eine wirkliche Anschauung werden.
Nun kann noch immer viel eingewendet werden gegen das, was heute angedeutet worden ist. Ich wollte aber nur die Wege angeben, auf denen die Methoden gefunden werden können, um die Theosophie zu verteidigen. Nur den Anfang konnte ich damit in skizzenhafter Weise machen, aber die Verfolgung dieses Weges kann allmählich zu einer Verteidigung der Theosophie gegenüber solchen Angriffen führen, die von der anderen Seite aus gesehen voll berechtigt sind.
Ähnlich verhält es sich, wenn diese Angriffe etwa liegen auf dem auch im letzten Vortrage angedeuteten moralischen Gebiet. Da haben wir uns sagen müssen, daß diejenigen eine gewisse Berechtigung haben, die sagen: Eure Lehre von den wiederholten Erdenleben und von dem Hinüberwirken des Lebens von einem Dasein in das andere stützt zunächst ja geradezu den Egoismus, denn dadurch können sich die Menschen sagen: Ich muß das Gute tun; denn tue ich das Schlechte, so werde ich die Früchte des Schlechten im kommenden Leben erfahren müssen; tue ich aber das Gute, so werde ich auch die Früchte des Guten erfahren. Es ist also nur ein raffinierter Egoismus, was von dem Hinüberreichen des einen Lebens in das andere abgeleitet werden kann. Und das kann auch im weitesten Umfange auf das ausgedehnt werden, was als das Wirken des Karma bezeichnet wird.
Wenn wir auf diese Idee näher eingehen wollen, so können wir uns etwa folgendes sagen. Betrachten wir zum Beispiel einen Menschen, der sich sagt: Ich will das Gute tun, denn das Gute bringt mir gute Früchte, und es ist unvorteilhaft, das Schlechte zu tun, denn ich muß ja doch die Früchte des Schlechten tragen, also unterlasse ich es. - Vergleichen wir einen solchen Menschen mit einem anderen, der in einer nicht unedlen Art im Leben zwischen Geburt und Tod über die Dinge denkt, die er zu tun hat, sagen wir zum Beispiel Eltern, die es sich zum Grundsatz machen, ihre Kinder zu recht tüchtigen Menschen zu erziehen. Wenn wir nun diese Eltern aufs Gewissen hin fragen könnten, warum sie das tun, so würden wir vielleicht die Antwort bekommen: Wenn wir einmal alt geworden sind, werden wir Kinder haben, die etwas Tüchtiges im Leben geworden sind, die uns dann halten und stützen können, während wir von Kindern, die wir untüchtig gelassen haben, im Alter keine Stütze haben würden. - Da hätten wir einen Fall, der uns zeigt, wie das Gute getan wird wegen der Früchte, die einmal zu erwarten sind, denn es wäre ein solches Erziehen von Seiten der Eltern zweifellos auch unter einem egoistischen Gesichtspunkt vorgenommen. Fragen wir aber jetzt: Wozu kann ein solcher Gesichtspunkt, auch wenn er ein egoistischer ist, dennoch führen? Denn daß Menschen den Gesichtspunkt haben, ihre Kinder zu tüchtigen Menschen zu erziehen, damit sie im Alter eine Stütze an ihnen haben, das ist ja zunächst - ganz objektiv betrachtet - eine Sache, die sich nicht durch moralische Deklamationen bewerkstelligen läßt; es ist vielmehr etwas, was mit dem Satz des Philosophen getroffen wird: Moral predigen ist leicht, Moral begründen ist schwer. - Es handelt sich aber nicht darum zu sagen, man solle nicht aus einer solchen Gesinnung heraus seine Kinder erziehen, sondern es handelt sich darum, daß man die Tatsachen erkennt und betrachtet, wie die Menschen unter solchen Einflüssen geworden sind. Wenn die Eltern alle Sorgfalt darauf verwenden, ihre Kinder zu tüchtigen Menschen zu erziehen, und die Kinder dann tüchtig werden im Leben, dann helfen sie nicht nur den Eltern, sondern sie sind wirklich brauchbare Glieder in der menschlichen Gesellschaft. Wir werden aber noch eine andere Wirkung sehen können. Wenn nämlich die Eltern anfangen, ihre Kinder so zu erziehen - auch wenn ihr Gesichtspunkt zunächst noch so egoistisch war -, dann erwacht unter einer solchen Erziehung bald etwas Unegoistisches. Es wandelt sich das in der Anlage Egoistische um in ein Unegoistisches, und tatsächlich wird das erreicht, was durch ein bloßes Moralpredigen gewiß nicht erreicht werden könnte: das Leben selbst erzieht uns vom Egoismus zum Altruismus, zur Egoismusbefreiung.
Geradeso wie bei der Erziehung, so ist es mit dem Grundsatz, den wir haben könnten, wenn wir jetzt das Gute tun und das Schlechte unterlassen, damit wir im nächsten Leben die Früchte des gegenwärtigen Lebens haben werden. Das ist ja zunächst egoistisch, aber es muß uns ja bekannt sein, daß die Menschennatur einen solchen Egoismus hat. Es handelt sich aber nicht darum, daß dies so ist, sondern es handelt sich um die Frage: Wie wird real durch das wirkliche Leben der Egoismus überwunden?
Da können wir sehen, daß ein Mensch zwar die Karmalehre so annehmen kann, daß er sich sagt: ich werde das Schlechte unterlassen, weil es mir schlechte Früchte bringt, und ich werde das Gute tun, weil ich dann die guten Früchte haben werde -, wie dann aber doch unter dem Einfluß dieses Gesetzes nach und nach die egoistische Gesinnung umgewandelt wird in eine unegoistische. Und wir sehen in der Realität nach und nach erblühen aus dem Egoismus das Unegoistische.
Daher müssen wir sagen: Wenn eine Ethik noch so schöne Grundsätze aufstellt, so gleicht sie doch, wenn sie das Gute bloß predigt, in der Tat einem Menschen, der sich vor einen Ofen hinstellt und sagt: Sieh doch ein, lieber Ofen, daß es in deiner Natur liegt, das Zimmer zu erwärmen. - Da können Sie sich lange hinstellen und predigen; davon wird es nicht warm. Wenn wir uns aber unsere Predigt sparen und uns zum Ofen so verhalten, daß in ihm ein Verbrennungsprozeß geschehen kann, das heißt, wenn wir ihm Kohlen geben, dann macht er das Zimmer warm, dann begründen wir damit seine Ofen-Moral, ohne daß wir predigen. So ist es auch bei den Menschen. Dem Kenner der Psychologie ist es klar, wie wenig im Leben getan ist durch das bloße Predigen von Moral. Moral muß einfließen als Kraft in die menschliche Natur. Wenn wir uns alles Predigen über schöne Grundsätze ersparen und nur die Karmalehre als lebendige Kraft in die menschliche Seele versetzen können, gleichsam als Brennmaterial für die Seele, dann kann es zwar vielleicht sein, daß diese Lehre zunächst aus Egoismus aufgenommen wird, aber es werden dadurch die Kräfte der Seele zum Brennen gebracht, so daß dann aus dem Egoismus heraus die unegoistische Handlung sich entwickeln kann, die aus dem Mitgefühl entspringt.
So ist Theosophie in bezug auf Ethik von einer Realität, die wir nicht bloß als Lehre uns aneignen, sondern die wir einsaugen als eine Summe von Ideen, die in der Seele wirken und uns zu anderen Menschen machen. Und keiner - wenn er nicht etwa abnorm veranlagt ist - wird die Karmalehre so auffassen, daß er sagt: Ich habe noch viele Leben vor mir; ich habe noch Zeit bis zum nächsten Leben, um ein anständiger Mensch zu werden. - Keiner kann so denken. Wer sich mit der Karmalehre durchdringt, der weiß: Du erlebst die Früchte deines jetzigen Lebens im nächsten Leben; legst du jetzt den Grund zu einem ordentlichen Menschen, so kannst du im nächsten Leben einer sein; schaffst du aber jetzt nicht die Ursachen zu einem ordentlichen Menschen, so kannst du es im nächsten nicht werden, würdest also somit die Ursachen legen zu einem unordentlichen, vielleicht sogar zu einem bösen Menschen. - Bei der richtig aufgefaßten Karmalehre ist es unmöglich, den Egoismus bis auf die Spitze zu treiben; denn richtig verstanden wird sie uns jederzeit dazu bringen, nicht nur den Egoismus in Altruismus zu verwandeln, sondern auch einzusehen, daß wir nicht in einer fatalistischen Weise auf das bauen, was ein Schicksal über uns verhängt. Wir erkennen, daß wir selbst die Ursachen ins Leben hineinversetzt haben, die dann im Karma wirken.
Nun können wir noch auf das eingehen, was vom religiösen Standpunkte aus gegen die Theosophie eingewendet werden könnte. Da kann gesagt werden: Ja, der Theosoph erkennt an, daß im Menschen ein Höchstes lebt, das wie ein Tropfen ist aus dem Meer des Göttlichen. Da wird also das, was der Mensch sich erwerben soll, was er sich erringen kann, sozusagen wie eine Gotteskraft in die eigene Seele des Menschen gelegt, und da kann man dann nicht mit der Stimmung, die aus einer solchen Gesinnung hervorgeht, jene Hingabe entwickeln, jenes opferwillige Aufgehen in dasjenige Wesen, welches die Welt durchwebt und durchlebt. Die Stimmung - so könnte jemand sagen - welche der wahrhaft religiöse Mensch empfindet in der selbstlosesten Hingabe an die göttliche Wesenheit, die das All durchdringt, würde beeinträchtigt durch die theosophische Stimmung, die einen Funken des Göttlichen in den Menschen selber verlegt als sein «höheres Ich», das sich allmählich durchkämpft bis zu dem Standpunkte, den Paulus charakterisiert hat, indem er sagte: Nicht ich - sondern der Christus in mir! - wo es mit der Christus-Wesenheit oder mit dem, was die Theosophie überhaupt als eine solche Wesenheit anerkennt, eins wird. Und man muß sagen: da wird alles, was der Mensch erkennen kann, herausisoliert aus dem, was das All durchlebt und durchwebt. - Aber ist denn nicht ein anderes möglich? Wenn man das Dargestellte einmal in dem besten Sinne auffaßt, wird man sich sagen können: Also lebt in dir ein Teil der Gotteskraft. Du bist nicht nur dir selbst gegeben, sondern du stehst mit einem Teil der Gotteskraft da. Und wenn du eine Weile 'weitergegangen bist - in diesem oder in einem nächsten Leben - dann betrachte einmal, was da deine Pflicht war. Es war deine Pflicht, den Keim, den Samen der Gotteskraft, der in dich gelegt ist, zur Ausbildung zu bringen - mit anderen Worten, dich dem immer ähnlicher und ähnlicher zu machen, was diese Kraft von dir verlangt. Allmähliche Entwicklung, allmähliche Vervollkommnung wird zur Pflicht, so daß die Gotteskraft in dir immer reger und reger entspringen kann. Nicht ein solches religiöses Gefühl fordert die Theosophie, das allein in der bloßen Hingabe an das Göttliche besteht, sondern ein solches, das sich sagt: Ich muß schaffen an meiner Vervollkommnung, denn tue ich das nicht, so lasse ich den Gotteskeim in mir unentwickelt, und ich werde dann nicht ein Bild, sondern eine Karikatur des Göttlichen. Das darf ich aber nicht werden. Ich habe die Pflicht zu meiner Vervollkommnung.
Das ist tätige, aktive Hingabe an das Göttliche. Das ist eine religiöse Stimmung, welche die Menschen aufruft, immer mehr und mehr für ihre Erkenntnis zu tun, immer mehr und mehr für ihre Moralität zu sorgen, immer mehr und mehr bestrebt zu sein, jene Kräfte herauszuentwickeln, die als göttliche Kräfte in die Seele gelegt sind. So leben wir mit einer religiösen Stimmung in die Zukunft hinein, die uns nicht bloß eine passive Hingabe an die Göttlichkeit vermittelt, sondern mit einer Stimmung, die uns auffordert, unser Ich immer göttlicher zu machen. Gegenüber dem Göttlichen, das die Welt durchwebt und durchlebt, wäre es die größte Pflichtverletzung, wenn wir unser Ich unvollkommen ließen. Wir dürfen nicht das Pfund, das wir bekommen haben, ungenutzt lassen, wir müssen wuchern mit dem Pfunde. Diese echteste, aktive Stimmung muß berücksichtigt werden, wenn von dem religiösen Element gesprochen wird, das aus der Theosophie kommen kann. So kann man sehen, daß es vieles gibt, was zunächst in den Elementen angeführt werden muß, um zu zeigen, daß Theososphie auf der einen Seite das Leben stark machen, den Egoismus in Altruismus wandeln und eine religiöse Stimmung hervorrufen kann, die eine aktive Religiosität für die Zukunft immer mehr und mehr entfalten kann. Das ist die andere Seite der Frage, die wir das letzte Mal betrachtet haben. Wir dürfen also sagen: Gewiß, berechtigt sind die Einwände und Widerlegungen, die gegen die Theosophie vorgebracht werden können, aber dann können wir uns gegen diese Einwände so stellen, wie es jetzt angeführt worden ist, und wir können unseren ganzen Menschen fragen, nicht bloß einseitig unseren Verstand und unsere Vernunft, und wir können uns sagen: Vielleicht ist es doch wahr, daß es Dinge gibt, die so liegen, daß man anerkennen muß, sie beginnen erst da, wo die Vernunft aufhört. Dann müssen wir unseren ganzen Menschen in Bewegung setzen und der muß entscheiden. Diese Entscheidung kann aber durch eine jede einzelne Seele, durch eine jede Individualität getroffen werden. Dadurch ist Theosophie das geistige Element, das am intensivsten zur menschlichen Individualität spricht, indem sie die menschliche Individualität zum höchsten Entscheiden selbst gegenüber der Vernunft aufruft.
Wenn sich der Mensch in solche lebendige und heilige Impulse hineingestellt fühlt, so findet er durch diese Impulse allmählich den Weg, der ihn erkennen läßt: Du stehst hier auf dieser Erde; du gehörst mit allem, was an dir physisch-sinnlicher Mensch ist, der physisch-sinnlichen Erdenmenschenwelt an, und du gehörst mit allem, was aus der geistigen Welt in dein Geistig-Seelisches hereinfließen kann, einer geistigen Welt an.
Du empfängst aus der geistigen Welt deine Mission, und du hast das, was du aus der geistigen Welt heruntertragen kannst, einzuprägen dem gesamten Erdenentwicklungsprozeß. Du hast die Mission, Vermittler zu sein zwischen dem Erdenprozeß und dem sich zur Erde drängenden Geistigen, das in das Erdendasein einströmen will. Lernst du durch theosophische Vertiefung erkennen, daß es so ist, und kannst du die theosophische Vertiefung umwandeln in eine Gesinnung, die dir jene unendlich beseligende Erfüllung des Geistes, des Herzens gibt, die sich aussprechen kann in dem Bewußtsein des Zusammenhanges sowohl mit dem Zeitlichen, Endlichen wie auch mit dem Unendlichen, Unzeitlichen - dem Ewigen und dem Vergänglichen -, dann kannst du zu dir sagen, daß du wurzelst mit deinem Wesen in dem Ewigen, daß du zwar als sinnlicher Mensch an die Erde gebunden bist, aber nur, um das Ewige in irdischer Gestalt durch deine Mission zu verwirklichen.
Eine solche Gesinnung kann die Theosophie werden, wenn sie sich verwandelt im Menschen durch eine Gesamtstimmung, die sich künstlerisch ausdrücken läßt mit den Worten:
Es sprechen zu den Menschensinnen Die Dinge in den Raumesweiten Sie wandeln sich im Zeitenlauf Erkennend lebt die Menschenseele Von Raumesweiten unbegrenzt Und unbeirrt vom Zeitenlauf Im Reich der Geistes-Ewigkeit.