Truths and Errors in Spiritual Research
GA 69a — 1 March 1913, Karlsruhe
GEISTESWISSENSCHAFT UND NATURWISSENSCHAFT IN IHREM VERHÄLTNIS ZU DEN LEBENSRÄTSELN
Verehrte Anwesende! Man redet in der Gegenwart keineswegs von etwas in weiteren Kreisen Beliebtem und Anerkanntem, wenn man von Geisteswissenschaft in dem Sinne spricht, wie sie hier gemeint ist, und das ist durchaus begreiflich. Wenn es auf diesem Gebiete für den Vertreter der Geisteswissenschaft ein Verwundern geben könnte, so müßte man sagen, daß man sich mehr wundern könnte, wenn diese Geisteswissenschaft heute allgemein Anerkennung fände, als daß sie in den weitesten Kreisen überall Gegnerschaft hervorruft und vielfach als etwas angesehen wird, was einer phantastischen Denkungsweise, einer Träumerei entspringt. Begreiflich ist dies aus dem Grunde, weil die Stärke unserer Zeit und alles das, was ja zu dieser Stärke geführt hat, keineswegs auf den Gründen beruht, auf denen Geisteswissenschaft aufbauen muß.
Die Triumphe, zu denen die Menschheit geschritten ist im Verlauf der letzten Jahrhunderte und besonders des letzten Jahrhunderts, liegen auf jenem Gebiete, das der Naturwissenschaft und ihren Erkenntnissen entspringt. Und wie der einzelne Mensch, wenn er sich ganz hingebend einer einzelnen Tätigkeit widmen soll, oftmals die Aufmerksamkeit ablenken muß von allem übrigen und ganz sich konzentrieren muß auf das, dem diese Tätigkeit dienen soll, so ist es gewissermaßen auch mit dem Genius der Menschheit. Dieser Genius der Menschheit mußte sich, durch eine geschichtliche Notwendigkeit, im Laufe der letzten Zeiten der äußeren Sinneserkenntnis widmen, die an den Verstand gebunden ist, der wiederum vom Gehirn abhängt. Und er mußte sich gerade dieser Art die Welt zu betrachten voll widmen, er mußte seine Aufmerksamkeit ganz dahin lenken. Und so ist es denn gekommen, daß sich allmählich aus diesem Betätigungsfeld Denkgewohnheiten entwickelt haben, -welche zunächst unsympathisch berührt sind von alledem, was an Forschungsergebnissen hervorgeholt wird aus dem Gebiete des geistigen Lebens.
Man kann diese Tatsache nicht bloß in abfälliger Weise kritisieren; man muß sie verstehen. Man muß verstehen, daß es begreiflich ist, wenn über Betrachtungen, wie sie heute gepflogen werden, nur abfällige Bemerkungen Zustandekommen bei denjenigen, die der Sache nicht näherstehen, gleichgültig, von welcher Seite diese Bemerkungen kommen. Geisteswissenschaft hat es ja nicht zu tun mit denjenigen Gebieten, mit denen es die naturwissenschaftliche Erkenntnis in unserer Zeit zunächst zu tun hat. Und Geisteswissenschaft unterscheidet sich von dieser naturwissenschaftlichen Vorstellungsart nicht bloß durch das, was betrachtet wird, sondern sie unterscheidet sich namentlich auch durch die ganze Art und Weise, wie betrachtet wird. Und gerade diese Art und Weise ist eigentlich für unsere Zeitgenossen ganz anstößig, ganz unsympathisch.
Naturwissenschaft, die voll anerkannt wird von der Geisteswissenschaft und die in unserer Zeit zu den großen Triumphen unserer Epoche geführt hat, Naturwissenschaft muß sich mit dem beschäftigen, was von außen an den Menschen herantritt, und sie muß dieses wiederum nach seiner Außenseite betrachten. Ihr ist es - aus gewissen Gründen, die uns am heutigen Abend entgegentreten werden gerade wegen dieser ihrer Stärke nicht möglich, in das Innere der Dinge wirklich einzudringen. Geisteswissenschaft muß gerade durch ihre Aufgabe, durch ihr Wesen, in das Innere der Dinge eindringen. Und wenn man erinnern möchte an das Goethe-Wort über Erkenntnis, das wiederum anknüpft an das Wort des großen Naturforschers Haller, so könnte man sagen, daß eigentlich mit diesem Goethe-Wort hingeleitet wird von der äußeren Naturbetrachtung zu der inneren, Goetheschen Betrachtungsart. Der Naturforscher Haller hatte gesagt:
Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist, Glückselig, wem sie nur die äußre Schale weist.
Und Goethe, der auch in der Naturbetrachtung ganz von geistigen Untergründen ausging, ganz vom Geistigen durchdrungen war, sagte darauf:
Das hör ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend tausendmale:
Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male.
Dich prüfe du nur allermeist, Ob du Kern oder Schale seist.
Gewiß hatte Goethe das hohe Recht, so zu sprechen. Aber man muß sagen, er leitete zugleich über von der äußeren Naturbetrachtung zur Geistesbetrachtung. Und wenn er sagt:
Ort für Ort sind wir im Innern, 248 so können wir doch so sagen: Wir sind nur dann im Innern der Natur, wenn wir in die Lage kommen, hinter allem Physischen den schöpferischen Geist zu erkennen, der sich birgt in ihrem Kern. Dann stehen wir im Innern der Natur. Die Frage ist dann nur: Wie ist im Sinne der Geisteswissenschaft dieses Eindringen ins Innere der Natur vorzustellen?
Mit der Erkenntnisart, mit der man im gewöhnlichen Leben die Dinge betrachtet und die man den gewöhnlichen Handlungen zugrundelegt, die auch in der Wissenschaft geltend sind, mit dieser Erkenntnisart kann man nicht in das geistige Innere der Dinge eindringen. Deshalb muß man sagen: diese Erkenntnisart gehört der äußeren Naturbetrachtung an.
Zur Geistbetrachtung ist eine Selbsterziehung der Seele notwendig, eine Heranerziehung der Seele zu einer anderen Erkenntnisart und zu einem völlig anderen Seelen- oder Bewußtseinszustand. Die Seele muß etwas anderes aus sich machen, als sie im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft ist, wenn sie die geistigen Untergründe erforschen will. Welche Entwicklung, welche Selbsterziehung hat die Seele durchzumachen, wenn sie sich diejenigen Kräfte aneignen will, die im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft nicht vorhanden sind und mit denen man in das Innere der Dinge eindringt?
Damit wir uns verständigen, muß ich Sie bitten, mit mir eine Art vergleichsweise Betrachtung zu machen, die aber keineswegs als Vergleich gemeint ist, sondern die uns tatsächlich in das Innere unserer ganzen Anschauungsweise, wie sie entwickelt werden soll, hineinführt.
Gehen wir aus von einem großen Naturwandel, der uns jährlich entgegentritt, von dem großen Naturwandel des Sommers und des Winters. Wir sehen mit dem Frühling aus der Erde hervorsprießen ein blühendes Wachstum, sich allmählich entfaltend zur Grünheit, zur mannigfaltigsten Buntheit in der Sommerszeit, zur Fruchtentfaltung gegen den Herbst, wo dann das Blühende, Fruchtende wieder beginnt zu -welken, bis es gegen den Winter zu erstirbt. Wir sehen, wie im Winter alles das in einem dunklen Erdenschoß ruht, was im Sommer unseren Blick entzückt, unser Herz erfreut, wenn wir die Augen auf das lenken, was die Erde hervorbingt im Frühling, was sie weiter gedeihen läßt im Sommer. Wir sehen das sprossende Leben im Sommer herausquellen aus der Erde. Wir sehen es aber nicht nur so herausquellen, als ob die Erde das bloß heraustriebe durch die in der Erde befindlichen Kräfte, sondern wir wissen, daß die Pflanzen dem Licht entgegenwachsen, aus den Kräften des Lichtes zum Wachsen kommen. Und wir wissen ganz gut, daß ohne das Sonnenlicht, ohne die Kräfte, die von außen der Pflanze zuströmen, die Erde diese Pflanzen nicht hervorbringen könnte. Wir sehen die Erde im Verhältnis zu dieser kosmischen Weltumgebung, wenn wir die Pflanze im Frühjahr hervorsprießen sehen. Im Herbst ziehen sich diejenigen Kräfte zurück, die die Pflanzen hervorlocken, sie werden unwirksam. Und wir sehen diese Weltenkräfte gleichsam abgeschlossen von dem Fleck Erde, wo Winter ist; wir sehen dann die Erde sich selber überlassen. Nehmen wir nun an, ein Mensch wäre so organisiert, daß in dem Augenblick, in dem im Frühling das sprießende Leben aus der Erde hervorquillt, er durch irgend etwas betäubt würde und daß er in diesem Zustand, in einer Art Schlafzustand, den Frühling und den Sommer durchmachte, daß er dann im Herbst wieder aufwachte und nur das kennenlernen würde, was Herbst und Winter bieten. Nehmen wir an, das könnte irgendwie eintreten, und nehmen wir an, die Erde wäre nur von solchen Wesen bewohnt, die die Erde nur in ihrem leblosen Zustand schauen; sie würden die Erde nur schauen, wenn sie die Keime der Pflanzen in ihrem Innern birgt; und das, was außen ist, würde höchstens in den Dauergewächsen daran erinnern, daß es auch einen Frühling, einen Sommer gibt. Solche Wesen würden glauben, daß die Erde etwas ganz anderes sei für den Menschen, als sie ist. Sie würden sie nur nach ihrer Winterseite sehen und würden die Erde für das halten, was Unlebendiges, Verödetes hervorbringt. Man male sich einmal aus, wie das Bild der Erde wäre für solche Wesenheiten.
Wenn wir das Bild noch weiter ausdehnen, so könnten wir sagen, solche Wesenheiten würden herumwandern um die Erde, um auf der einen Hälfte der Erde und dann auf der anderen Hälfte der Erde den Winter durchzumachen, so daß sie nie den Sommer erleben. Dann brauchten sie nicht zu schlafen. Dann würden sie vielleicht den Blick immer abgewendet halten von dem, was Leben ist. Sie würden die Erde nur in erstorbenem Zustand kennenlernen. Wir lenken den Blick auf das, was verborgen wäre für solche Wesen. Alles das, was dem Menschen sich offenbart zur Sommerzeit, was die Erde zu einer Quelle des lebendigen Daseins macht, das wäre eine verborgene Welt für solche Wesenheiten.
Nun, nicht in bezug auf die Erde, aber in bezug auf etwas anderes gibt es diese Erscheinung auf der Erde, von der hier gesprochen worden ist, und zwar gibt es diese Erscheinung im Menschen selbst. Das Beobachtungsfeld ist allerdings nicht die Erde, sondern es ist der Mensch. Selbsterkenntnis des Menschen für das gewöhnliche Leben ist in einer gewissen Weise so geartet wie die Erdenerkenntnis geartet -wäre für ein Wesen, wie es jetzt angeführt worden ist. Warum?
Wenn wir den Menschen betrachten in seinem alltäglichen Leben, so wechselt dieses alltägliche Leben zwischen einem Schlaf- und einem Wachzustand. Und betrachten wir den Menschen, auch schon naturwissenschaftlich - denn die Naturwissenschaft ist jetzt daran, das auch äußerlich zu erkennen -, betrachten wir den Menschen, wie er sich uns darstellt im Schlafe. Da schweigen in ihm all die Erlebnisse, die innerlich seelisch vom Aufwachen bis zum Einschlafen in uns auf- und abwogen; Triebe, Leidenschaften, Ideale, Gefühle, alles das schweigt dann. Und betrachten wir dann das, was äußerlich sichtbar ist an dem schlafenden Menschen. Was haben wir da vor uns? Ein Wesen, das lebt - gewiß; es lebt im Schlafe, aber wir haben ein Wesen vor uns, das wir wohl vergleichen können mit einer Pflanze. Ein Wesen haben wir vor uns, das ganz den Wert einer Pflanze hat. Und ein solches Wesen, das ganz den Wert einer Pflanze hat, von dem müssen wir sagen, daß es seinen Lebensunterhalt in einer ähnlichen Weise hat wie die Pflanzendecke der Erde. Wie wir die Pflanzendecke der Erde, wenn sie sproßt und sprießt, nur begreifen können unter dem Eindruck der Weltenkräfte, der kosmischen Kräfte, so können wir auch diesen schlafenden Menschenleib nur begreifen, wenn wir ihn uns so vorstellen wie das Pflanzenwesen. Will man sich vorstellen, daß in dem Menschen das Leben sprießt und sproßt, so nimmt man gewöhnlich, wenn man auf diese Dinge zu sprechen kommt, einen ganz falschen Standpunkt ein: man vergleicht gewöhnlich das wache Leben des Menschen vom Morgen bis zum Abend mit dem sprießenden Pflanzenleben vom Frühjahr bis zum Herbst. Der Wirklichkeit entspricht es aber, sich vorzustellen, daß der Mensch im Schlafe in eine Art von Pflanzenzustand übergeht, das heißt, daß beim Einschlafen für den Menschen ein Frühling kommt und daß er in den Sommer hineingeht, je weiter wir in die Nacht hineinkommen. Wenn es auf das Aufwachen zugeht, ist im Menschen Herbsteszeit, und vom Aufwachen bis zum Einschlafen, also im wachen Tagesleben, haben wir im Menschen Winterszeit. Wie gesagt, sogar die Naturwissenschaft ist heute darauf gekommen, das zu verifizieren. Winterszeit haben wir beim wachenden Menschen aus dem Grunde, weil das Tagesleben zerstörend und ertötend wirkt - so wie der Winter für die Erde - , und durch alles, was sprießendes, sprossendes Leben ist, in der Nacht wiederhergestellt werden muß. So wie der Winter verödend hinzieht über die Erde, so zieht das wache Tagesleben sengend und lähmend über das Leben hin, und zur Seelensommerzeit, wo der Mensch im Pflanzenzustand ist, da wird in ihm das bewirkt, was wie das sprossende, sprießende Leben der Pflanzen der Erde zur Sommerzeit ist.
Wir können also sagen: Das, was der Mensch entfaltet in seinem wachen Zustand, das verhält sich zu seinem Gesamtwesen so, wie das, was die kosmischen Weltenkräfte, die auf die Erde wirken, während der Winterszeit auf dieser Erde tun. Daraus allein können wir verstehen, was eigentlich unser waches Vorstellungsleben vom Aufwachen bis zum Einschlafen ist, was dieses Leben ist, das sich entfaltet in unserem wachen Vorstellungsleben, in unseren Empfindungen, Gefühlen und so weiter. Es ist so wie das Leben auf der Erde zur Winterszeit. Es ist das wache Leben die Seelenwinterzeit. Das ist die reale Betrachtung des Menschenwesens.
Und jetzt kommen wir zurück zu unserer ersten Vorstellung. Der Mensch macht eine Seelensommerzeit durch, und in dem Augenblick, wo er eintritt in diese Zeit, wo in ihm etwas sich entfaltet wie das sprießende, sprossende Pflanzenleben, da verfällt er in die Bewußtlosigkeit - , so wie ein Wesen, das im Frühling einschlafen würde, nie das Pflanzenwachstum sehen könnte und einer verborgenen Welt gegenüberstände in der Sommerzeit. Und wie die kosmischen, die Weltenkräfte im Winter nicht eingreifen in das Erdenleben, wie sie im Winter nicht geeignet sind, das hervorzuziehen, was sich im Pflanzenwachstum offenbart, so sind die Winterkräfte des Menschen, seine Gedanken, seine Empfindungen, sein bewußtes Leben, nicht imstande, Sommerzeit zu machen im Menschen.
Es ist nun die Frage, die sich daran schließen muß, die folgende: Liegt in dieser Seelensommerzeit des Menschen etwas verborgen, was sich vergleichen ließe mit dem, was unseren hypothetischen Wesen verborgen bleibt, die durch ihren Schlafzustand nicht das wahrnehmen können, was erst offenbar wird im Pflanzenwachstum der Erde? Diese Frage kann nur beantwortet werden, wenn die Möglichkeit da ist, jene Bewußtlosigkeit, in die der Mensch verfallen ist in seiner Seelensommerzeit, umzuwandeln in Bewußtheit, das heißt, wenn es möglich ist, in dem Menschen einen Zustand herbeizuführen, durch den er so wahrnehmen kann, daß vor ihm sich die Seelensommerzeit ausbreitet mit all ihren Wesen, also wenn die Seelensommerzeit bewußt gemacht werden kann.
Kann sie das? - Und eine andere Frage: Haben wir ein Recht vorauszusetzen, daß, wenn der Mensch sich die Seelensommerzeit bewußt macht, sich ihm dann etwas enthüllt aus der Verborgenheit heraus, was sich nicht nur mit dem vergleichen läßt, was sich in der Pflanzendecke der Erde offenbart, sondern was sich mit Recht nennen läßt eine höhere Welt, gegenüber der des gewöhnlichen Lebens? Daß wir so etwas vermuten dürfen, geht aus der folgenden Betrachtung hervor.
Wenn wir die Welt betrachten, da finden wir, daß sie sich entfaltet in den verschiedenen Reichen der Natur, und in diese Reiche ist der Mensch hineingestellt. Es gehört wahrhaftig keine Überheblichkeit dazu, wenn der Mensch voraussetzt, daß zu seiner Schöpfung gewisse höhere Kräfte notwendig sind, höher als die Kräfte, die sich in den anderen Naturreichen entfalten, und auch nicht dazu einzusehen, dass, wenn wir während unseres Taglebens unsere Kräfte abnutzen und diese wiederhergestellt werden in der Nacht, während der Seelensommerzeit, dann sich zeigt, wie diese höheren Kräfte sind, um den Menschen wieder aufzubauen. Zwar können wir aus dem, was in der Nacht geschieht, nicht gleich wahrnehmen, wie die gesamten Bildekräfte des Menschen sind. Aber indem wir während des Tages menschliche Lebenskräfte abtragen und zur Nachtzeit wieder herstellen, finden wir doch darin herstellende Kräfte, die sich nur der Beobachtung verbergen. So haben wir zu vermuten, daß diese Bildekräfte, die Verlebendigungskräfte des Menschen, sich offenbaren, wenn wir bewußt eindringen können in die Seelensommerzeit. Und in die Seelensommerzeit muß derjenige bewußt eindringen, der ein Forscher auf dem Gebiete des Geisteslebens werden will.
Was sind für den Geistesforscher diese Vorstellungen, Ideen und Begriffe, die er im wachen Zustand hat? Nun, es sind diejenigen inneren Wesenheiten des Menschen, die vorhanden sind zur Seelensommerzeit. Und es ist wiederum kein besonderer Vergleich, sondern die Realität: In seiner Seelensommerzeit, wenn in ihm alles blüht, dann hat er in dieser Zeit etwas, was sich in seinem Wesen so verhält wie die Keime, die im Winter im Schöße der Erde ruhen, zu den vollentwickelten Pflanzen des Sommers sich verhalten. Können wir das, was als waches Leben gleichsam die bildenden Winterkeime des Menschen sind, können wir diese in uns selbst zum Keimen, zum Sich-Entwickeln, zum Leben bringen, so tun wir in Wirklichkeit dasselbe, was mit der Erde geschieht, wenn sie gegen den Frühling zu das Leben, die Keime zur Entwicklung bringt.
Derjenige also, der bewußt eindringen will in die Seelensommerzeit, der müßte das, was wie die im Winter brachliegende Erde im Menschen ist - Gedanken, Empfindungen, Gefühle -, das alles müßte er zu einem lebendig sich regenden Dasein entfalten, wie sich im Frühling und im Sommer die Keime der Pflanzendecke der Erde entfalten. Was jetzt wie eine Forderung hingestellt wird, das kann wirklich geschehen. Wir können wirklich sozusagen unsere Gedanken, wie wir sie bewußt erleben, als die den Seelenwinter überdauernden Keime anschauen, und wir können etwas tun, um diese Keime zum Leben aufzurufen. Und das geschieht durch das, was man in der Geisteswissenschaft nennt: Konzentration, Kontemplation, Meditation. Zunächst geht der Geistesforscher aus von den Gefühlen und Empfindungen, die er im gewöhnlichen Leben, also zur Seelenwinterzeit erlebt hat, und die zur Seelenwinterzeit daliegen wie Keime, die nichts von dem zeigen, wozu sie sich entfalten können. Der Mensch, der ein Geistesforscher werden will, muß diese Winterkeime seines Seelenseins zu einem energischeren Dasein aufrufen, als sie im gewöhnlichen Leben sind. Das geschieht durch Meditation, Konzentration, Kontemplation. Man macht dann die ganz besondere Entdeckung, wenn man die Begriffe, Empfindungen, Gefühle nicht so gebraucht, daß sie nur ein äußeres Dasein abbilden, sondern daß sie in unserer Seele leben, und zwar so, daß wir mit unserer Seele in ihnen leben, ganz darin aufgehen.
Und damit die volle Kraft entwickelt werde, nehmen wir uns eine einfache Vorstellung heraus. Nicht auf den Inhalt dieser Vorstellung kommt es an. Während unsere Gedanken im gewöhnlichen Alltagsleben von Vorstellung zu Vorstellung gehen, wobei man nur vorübereilt, macht es der Geistesforscher so, daß er mit dem ganzen Seelenleben sich konzentriert auf eine Vorstellung, auf eine Empfindung, daß man durch einen Willensimpuls darauf ruht, und zwar eine gewisse Zeit lang. Dazu ist notwendig ein gewisses Abgezogensein von den äußeren Sinneseindrücken, auch von dem, was sonst unsere Seele denkt und vorstellt, woran sie sich erinnert, zum Beispiel Sorgen und dergleichen. Durch eine starke Willensentwicklung muß der Mensch dahin gelangen, einen Zustand herbeizuführen, der dem Einschlafen sehr ähnlich, und doch wiederum radikal davon verschieden ist. Der Zustand muß so sein, daß der Mensch sich nicht mehr seiner Leibesglieder bedient, daß er den Körper ruhen läßt wie im Schlafe, daß er nicht durch die Sinne wahrnimmt, daß man den Verstand, der ja schweigt im Schlafe, schlafen läßt, und daß man nur das eine durch starken Willensentschluß bewerkstelligt: in dieses sonst schweigende und ruhende Bewußtsein einer eben durch Willkür in das Bewußtsein hineinversetzten Vorstellung sich hinzugeben und darauf eine Weile zu ruhen, sie innerlich ganz und gar zu erleben. Ohne zu fragen, was es bedeutet, hat man nur darauf zu achten, was es bewirkt in der Seele, was es an Kraft gibt; man hat nur sich zu konzentrieren auf diese Vorstellung.
Das, was hier im Prinzip geschildert wird, das bildet den Inhalt einer Wissenschaft. Das Nähere darüber finden Sie in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und «Die Geheimwissenschaft im Umriß». Hier können die Dinge nur im Prinzip angedeutet werden. Das, worauf es ankommt, ist, daß die Seele sich einer einzelnen Vorstellung hingibt, aber eine gewisse Zeitdauer lang. Nicht lange Zeit braucht es zu sein, aber tief muß man sich versenken in die Vorstellung. Man muß verwachsen mit der Vorstellung, sich ganz konzentrieren auf diese Vorstellung. Es genügt aber nicht, so etwas wenige Male zu machen, sondern solche Übungen müssen lange, je nach der Begabung des Menschen jahrelang fortgesetzt werden. Dann, wenn die Seele, die ja jedes einzelne Mal nicht viel Zeit darauf zu verwenden braucht, sich immer wieder solchen Übungen hingibt, dann macht man die Entdeckung, daß wirklich die im gewöhnlichen Leben in unserer Seele vorhandenen Gefühle und Gedanken und Vorstellungen wie Keime sind, die sich entfalten können, die etwas Neues, etwas Besonderes aus sich heraustreiben. Und man kommt durch solch ein in starker Selbsterziehung herbeigeführtes inneres Leben dazu, seine Vorstellungen und Gefühle allmählich so zu gestalten, daß man innerlich eine Welt verwirklichen kann, die nicht, wie unsere gewöhnliche Vorstellungswelt, gebunden ist an die äußeren Sinne, sondern die hervorgezaubert ist als Keime, die die Seelenwinterzeit überdauern. Und wir erleben dann den Aufgang des Seelenfrühlings, der Seelensommerzeit. Der Geistesforscher muß das bewußt erleben. Er muß erleben, wie er, abgeschlossen von der äußeren Welt, in sich selbst eine Seelenfrühlingszeit, eine Seelensommerzeit erweckt, wie er eine andere Welt hineinstellt in die Welt, die er sonst hat, in die Seelenwinterzeit. Dann geht dem Menschen in der Tat eine neue Welt auf, eine Welt, die er vorher nicht gekannt hat.
Nur eines ist notwendig: daß er lernt, gegenüber dieser Welt, die ihm jetzt aufgeht, sich so zu verhalten, wie er sich sonst verhält gegenüber der Welt der Seelenwinterzeit.
Ich sagte, diese innere Welt geht auf zur Seelensommerzeit. Aber zunächst hat diese Welt, die da aufgeht, äußerlich gewisse Ähnlichkeit mit einer anderen Welt, die uns zu unserem Leidwesen begegnet und die aus krankhaften Seelenzuständen herrührt. Die Ähnlichkeit ist nur eine äußerliche, denn das, was eben geschildert wurde, ist radikal verschieden von dem, was aus krankhaften Zuständen hervorgeht wie Halluzinationen, Wahnvorstellungen und dergleichen, weil es nur aus einem gesunden Seelenleben hervorgehen kann. Nur äußerlich sind sie einander dadurch ähnlich, daß beide aus der Seele aufsteigen.
Nun haben aber diese Erscheinungen, die aus krankhaften Zuständen hervorgehen, eine bestimmte Eigentümlichkeit, die wir oft beklagen müssen. Sie wirken auf das menschliche Leben überwältigend, ja betörend. Denn das, was die Seele erlebt als Halluzination, das sieht sie nicht an als ein Spiegelbild ihres Wesens, sondern sie sieht es an als eine objektiv-wirkliche Welt. Und das ist ein großer Fehler! Wir wissen, wie stark dieser Fehler wirken kann. Jemand, der mit solchen Menschen lebt, weiß, daß man ihnen ihre Halluzinationen nie ausreden kann. Das ist aus dem Grunde so, weil in dem Augenblick, wo der Mensch über das normale Seelenleben hinausschreitet, wo er die ihm sonst gewohnte Seelenwinterzeit überschreitet, aus dieser noch stark etwas hervortritt, was sonst auch in ihm vorhanden ist. Wir kommen wieder zurück auf unseren Vergleich, der aber mehr ist als ein Vergleich.
Wenn der Mensch herankommen fühlt Frühling und Sommer, und wenn er begabt ist für die Offenbarungen der Natur, dann möchte sein Herz aufjauchzen, dann hängt sein Herz an diesem sprossenden Leben; er ist ihm hingegeben. Es steigert sich die Hingabe an das, was uns entgegentritt, wenn wir übergehen von der schneebedeckten Erde zu dem sprießenden Leben des Frühlings und des Sommers. So ist es aber auch, wenn wir dem gegenübertreten, was in der Seele aus dieser selbst aufsteigt als eine Welt, die nicht die gewöhnliche Welt der Seelenwinterzeit ist. Wenn aufsteigen an dem Horizonte des kranken Seelenlebens Visionen, Halluzinationen, die im gewöhnlichen Leben im Seelenwinterleben nicht vorhanden sind, dann fühlt sich die Seele zunächst hingezogen und hingegeben an das, was da wie eine neue Welt hervorgeht. Und dennoch ist das nichts anderes als der Ausfluß der Seele selbst. Wenn der Mensch gegen den Frühling und den Sommer zu das äußere Treiben, das Sprießende, Sprossende liebt, so hebt er in dem, was aus der eigenen Seele hervorkommt, sich selbst. Das ist das Geheimnis. Aus diesem aus dem Innern hervorsprießenden Leben heraus blickt dem Menschen sein ihm sonst verborgenes Eigenleben entgegen. Er hängt deshalb an diesen Erscheinungen, kann sich nicht davon losreißen.
Man merkt erst auf diesem Gebiet, wie der Mensch stark selbstliebend, eigenliebend ist. Und man kann das begreifen, wenn man weiß, daß der Mensch [in seinen Visionen] sich selbst entgegentritt. Er müßte sozusagen sich selbst auslöschen, wenn er nicht an seine Visionen glaubte. Die gesteigerte Selbstliebe, die wie eine Naturkraft wirkt, die ist es, die den Visionär an seine Visionen so stark glauben läßt. Nicht darauf kommt es an, daß derjenige, der ein Geistesforscher wird, aus den den Seelenwinter überdauernden Gefühlen bloß neue Gefühle hervorruft, sondern daß er eine Willenskultivierung durchmacht. Denn das, was sich die kranke Seele nie sagt, was sich die Seele nur sagt, wenn sie wieder gesund ist, das muß sich der Geistesforscher sofort sagen, wenn die Welt, die eben geschildert worden ist, welche die Seelensommerzeit erfüllt, vor ihm auftritt. Besiegen muß er den erwachten, den zu großer Stärke gediehenen Selbsttrieb. Ausgelöscht muß dieser werden nicht nur in Gedanken, sondern ausgelöscht werden muß er durch einen starken Willen, den der Geistesforscher sich durch Schulung heranerzieht. Erst wenn ihm das gelingt, ist er in richtiger Weise vorbereitet für die Geisteswissenschaft.
Wie wäre ein Mensch, der als Geistesforscher nicht durch innere Willkür das auslöschen könnte, was sich da ausbreitet? Ein solcher Mensch wäre auf dem Gebiete des Geistes so wie ein Mensch, der auf dem Gebiete der Sinnenwelt einem Gegenstand gegenübersteht, ihn anschaut, aber nie wieder davon wegsehen könnte, wäre er an diesen Gegenstand gefesselt. So wäre ein Geistesforscher, der das stehenlassen würde, was da herauftritt aus seiner Seelensommerzeit. Er muß alle einzelnen Bilder, die da heraufsteigen, auslöschen können. Und die richtige Schulung führt eben zu dem, was nur in einer vollständig gesunden Seele heranerzogen werden kann, in freier Handhabung alles das auszulöschen, was heraufkommt. Wie wir uns niemals richtig der Pflanzenwelt gegenüberstellen würden, wenn wir nicht frei das Auge hinlenken könnten von einem Punkt zum anderen, so würden wir nie herankommen an eine geistige Welt, wenn wir uns nicht abwenden könnten von dem, was eben geschildert wurde. Das ist eine notwendige Eigenschaft des echten Geistesforschers, daß er in solchem Grade durch Selbsterziehung die Selbstsucht besiegt haben muß, daß er imstande ist, mit starker innerer Kraft - denn eine solche ist notwendig - die Welt, die er hervorgezaubert hat, jederzeit auch wieder auszulöschen. Weil es seine eigene Seelenwelt ist, heißt das, sich selbst auszulöschen.
Selbstbesiegung ist das, was als erste Etappe zu gelten hat auf dem Wege des Hereinkommens in die geistige Welt.
Wenn dies eingetreten ist - und es ist ein großes Erlebnis, wenn die Menschenseele dazu gekommen ist, das Hervorgebrachte wieder auszulöschen -, wenn dies eingetreten ist, dann erlebt der Geistesforscher das, was man nennen kann eine objektive geistige Welt. Dann tritt in dem durch Auslöschen frei gewordenen Geistesfelde die objektive geistige Welt hervor. Hier ist der Abgrund, den die Seele überschreiten muß, wenn sie in die geistige Welt eintritt. Und wenn die Seele diesen Abgrund überschritten hat, wenn sie die Selbstliebe besiegt hat, dann kann ihr auch die Welt, die ihr entgegentritt, etwas geben. Man kann ja sagen, wenn man nur materialistische Vorstellungen und keine Fähigkeit hat, auf das einzugehen, was die Geistesforschung zu bieten vermag: Wie unterscheidest du denn das, was da in der Seele aufsteigt, von der äußeren Wirklichkeit?
Über solche Dinge entscheidet nur das Leben, wie auch im äußeren Leben nur das Leben selbst entscheidet, ob etwas Wahrnehmung ist oder Vorstellung. Man kann dies unterscheiden. Ich habe Schopenhauer immer voll anerkannt; ich habe ja selbst eine Einleitung zur Herausgabe seiner Werke geschrieben. Aber wenn Schopenhauer sagt, daß die Welt nur unsere Vorstellung sei, so läßt sich das leicht widerlegen durch etwas, was zwar trivial klingt, was aber eine volle Widerlegung ist. Wenn man vor sich ein Stück rotglühendes Eisen liegen hat, so kann man ja sagen: das ist nur meine Vorstellung. Wenn man es aber anfaßt, dann merkt man sehr gut, ob es nur eine Vorstellung ist oder eine Realität. Einen logischen Beweis für das eben Gesagte gibt es nicht; es gibt nur das Leben, das da entscheidet. Und die Geistesforschung führt uns dazu, auf geistigem Felde Wahrnehmung und Vorstellung, das heißt Wirklichkeit und Phantasie wohl zu unterscheiden. Wir müssen nur das Leben in seiner ganzen vollen Wirklichkeit nehmen und nicht beim halben Erleben stehenbleiben.
Wir sehen, wodurch sich die Geistesforschung von der Naturforschung unterscheidet. Die Naturforschung bleibt bei den Erkenntniskräften stehen, die der Mensch mit ins Leben bringt und im Leben entwickelt. Die Geisteswissenschaft kommt nur dadurch zu etwas, daß der Mensch seine Seele weiterentwickelt, daß er die geschilderte Etappe durchmacht, das heißt, daß er seine Seele zu einem Entwicklungszustand bringt, der sich vergleichen läßt mit dem Zustand beim Kinde im dritten, vierten Lebensjahr, wenn es zum Selbstbewußtsein erwacht. Jeder kennt dieses Erwachen, wo das Bewußtsein des Kindes zum Selbstbewußtsein wird. Auf einer höheren Stufe tritt etwas Ähnliches ein beim Geistesforscher: er erwacht zu einem solchen höheren geistigen Leben, demgegenüber das gewöhnliche wache Tagesbewußtsein selbst eine Art von Schlafzustand ist.
Ein zweites Erwachen muß die Seele erleben, um einzudringen in eine neue Welt. Der Mensch ist, wenn er wirklich im Geistigen forscht, in demselben Zustand, in dem der Schlafende ist, nur ist er trotzdem in einer völlig entgegengesetzten Verfassung. Der Schlafende läßt seinen Leib völlig ruhen. Er läßt keine Sinneseindrücke in sich hereinkommen; er läßt nicht die Sinneswirklichkeit wirksam sein. Real ist derjenige, der im Geistigen forscht, in demselben Zustand, nur daß das, was beim Schlafenden bewußtlos ist, bei ihm bewußt ist und die geistige Welt wahrnimmt.
Wenn der Mensch so die geistige Welt wahrnimmt und kennenlernt, dann lernt er nicht etwa bloß das Geistige allein kennen, sondern er lernt auch einzelne Tatsachen und einzelne Wesenheiten kennen. Das verzeihen einem ja heute die Leute am wenigsten, daß man nicht nur von Seele und Geist spricht, sondern von einzelnen Wesenheiten. Der Materialismus ist heute im Abfluten, und die Menschen geben schon zu, daß man von Geist und Seele spricht. Man erlaubt schon, daß man von einzelnen Erscheinungen in der Natur spricht und nicht nur sagt Natur, Natur, Natur. Aber in bezug auf das Geistige erlaubt man heute noch nicht, daß die Geisteswissensehaft von einzelnen Wesenheiten spricht und nicht nur sagt, Geist, Geist und Seele, Seele. Der Geistesforscher dringt ein in eine konkret gestaltete, von Wesen erfüllte geistige Welt, in eine Welt also, die zu der äußeren Sinneswelt als eine neue Welt hinzukommt. Und da erfährt er, da sieht er die gestaltenden Kräfte der äußeren Welt, er sieht dasjenige, was der äußeren Welt als ihr Geistiges zugrundeliegt. Er dringt wirklich ein in das Innere der Natur - zunächst aber in das eigenes Innere. Er ist ja unmittelbar in seinem eigenen Innern darinnen.
Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie der Geistesforscher dazu kommen muß, das auszulöschen, was er erst hineingezaubert hat in seine Seelensommerzeit. Er kann das auslöschen, besser gesagt, er kann sich auslöschen in der für ihn neuerstandenen Welt. Aber etwas davon kann er nicht auslöschen. Ein Rest bleibt immer da. Und wenn der Geistesforscher in diesen Rest sich einlebt, dann lernt er ihn erkennen seiner inneren Wesenheit nach. Und das ist das tiefere, das geistigseelische Wesen, der eigentliche Wesenskern von ihm selbst. Wenn er die geschilderten Vorgänge durchmacht und dadurch zu einer realen Selbsterkenntnis gekommen ist, dann lernt er seinen Seelenkern etwa so kennen wie derjenige, der in einer Straßenschlammsubstanz gräbt und darin den Keim eines niederen Tieres findet. Wenn dann das niedere Tier entsteht, dann weiß der Betreffende, daß aus dem Keim das niedere Tier entstanden ist. Der Tierkeim muß erst dagewesen sein; er hat die Materie herangezogen, aber es wäre das niedere Tier nie entstanden, wenn nicht ein Keim vorhanden gewesen wäre.
So schaut der Mensch mit dem, was er auf dem Wege der Geistesforschung als Keim oder Kern des Geistig-Seelischen in sich selbst kennengelernt hat, nun wiederum in die objektive Welt. Er sieht darin etwa das folgende: Er sieht, wie ein Mensch in geheimnisvoller, wunderbarer Art von der ersten Stunde seines Daseins an sich immer weiter und weiter entwickelt. Die zunächst unbestimmten Gesichtszüge des Kindes werden immer bestimmter und bestimmter. Die Wissenschaft weiß, wie sich das Gehirn immer plastischer gestaltet. Von Jahr zu Jahr bildet sich der Körper des Menschen mehr aus. Dann schaut der Mensch auf Vater und Mutter, Großeltern, Urgroßeltern und so weiter, und er sagt sich: die Eigenschaften, die da heraufkommen, die finde ich bei meinen Eltern, Großeltern und so weiter, aber das, was diesen Eigenschaften zugrundeliegt, ist der geistig-seelische Kern, der auf dem Wege der Geistesforschung entdeckt worden ist. Und hier ist die Geistesforschung an einem Punkte, wo sie für die Gegenwart ein Ähnliches zu leisten hat, wie die Naturforschung im 17.
Jahrhundert, als Francesco Redi, ein großer Naturforscher, sagte: Leben kann nicht entstehen aus Unlebendigem - nur aus Lebendigem kann Lebendiges entstehen. - Redi ist als Ketzer verfolgt worden. In einer ähnlichen Lage wie Francesco Redi ist heute wiederum die Geisteswissenschaft. Der Geistesforscher ist heute genötigt zu sagen: Die Erkenntnis dieses geistig-seelischen Wesenskerns des Menschen zeigt, daß er herrührt von einem geistigen Dasein, das der Mensch vor der Geburt durchgemacht hat, und daß er durchgegangen ist vor diesem geistigen Dasein durch frühere Erdenleben. Man sagt heute nicht mehr, das sei eine Ketzerei, sondern man sagt, es sei eine Verrücktheit. Auch heute versucht man, die Leute, die solche Dinge aussprechen, unschädlich zu machen. Man verbrennt sie zwar nicht - die Sitten sind etwas milder geworden, man spricht auch von Toleranz -, aber im Grunde genommen wird heute nur eine andere Methode angewendet für dasselbe. Im 17. Jahrhundert war es eine Ketzerei dieses Francesco Redi, was heute als naturwissenschaftliche Tatsache anerkannt wird. Und so gilt es heute noch als Phantasterei, wenn Geisteswissenschaft davon sprechen muß, daß der geistig-seelische Wesenskern des Menschen nicht auf die physische Vererbungslinie zurückführt, sondern zurückführt auf ein geistig-seelisches Erleben in früheren Erdenleben. Und dieses Erdenleben, in dem wir jetzt leben, ist der Anfang und die Aussaat für ein neues Erdenleben.
Das, was der Geistesforscher als einen geistig-seelischen Wesenskern erkennt, was er nicht auslöschen kann, das ist nun ganz und gar verschieden von dem, was im wachen Tagesleben, zur Seelenwinterzeit, erlebt wird. Dieser geistig-seelische Wesenskern ist wie die aufgesprossene Pflanze gegenüber dem Keim der Pflanze. Er ist die wahre seelisch-geistige Realität, die im Menschen schafft und webt, welche das empfängt, was von Vater und Mutter gegeben wird, und sich innerlich an den Tag arbeitet, um zu einem physischen Dasein zu kommen, wie der Keim, der von einem vorhergehenden Wesen übrigblieb und nun wiederum sich entfaltet zu einem geistig-seelischen Wesen. Das, was da erkannt wird als geistig-seelischer Kern, das geht über Geburt und Tod hinaus.
Hier ist die Geistesforschung an einem ähnlichen Punkt wie in früheren Jahrhunderten die Naturforschung. Kopernikus, Giordano Bruno, sie konnten hinausschauen in die Weltenweiten und konnten sagen: Ja, was bis heute der Mensch geglaubt hat, daß der Himmel abschließt mit dem, was Menschenaugen sehen, das stimmt nicht mit der Wahrheit überein. Erweitert sah Giordano Bruno die Welt, und er sah, die Grenzen sind nur hingestellt durch ein schwaches menschliches Erkennen. Erweitert wurde durch ihn der Horizont des menschlichen Erkennens der physischen Welt. Und dasselbe hat der Geistesforscher heute wiederum zu leisten. Er hat der gegenwärtigen Menschheit die Erkenntnis zu bringen, daß der Mensch aus früheren Erdenleben stammt und daß er weitere Erdenleben zu durchleben hat.
Geisteswissenschaft dehnt den Blick aus zu einer geistig-seelischen Unendlichkeit. Und wie Giordano Bruno unzählige Welten in die Raumesweiten eingefügt fand, so muß der Geistesforscher die Zeit erweitern, die zum Menschen gehört, in der er seinen geistig-seelischen Kern in vielen Leben nach vor- und rückwärts entfaltet. So stellt sich heute die Geisteswissenschaft neben die Naturwissenschaft hin, nicht der Naturwissenschaft widersprechend, sondern sie voll anerkennend. Ja, gerade aus derselben Gesinnung, wie die Naturwissenschaft sie der Natur gegenüber hat, möchte die Geistesforschung zu einer Wissenschaft des Geistes kommen. Sie möchte so eindringen in die inneren Kräfte des Daseins, wie die Naturwissenschaft eindringt in die äußeren Kräfte des Daseins. Und zeigen wird sich, wenn einmal diese Geisteswissenschaft Platz greift im Geistesleben unserer Zeit, wie das volle Dasein, die volle Wirklichkeit nur dadurch erfaßt "werden kann, daß man von zwei Seiten her sich dieser Wirklichkeit nähert, auf der einen Seite naturforscherisch, indem man die Welt von außen betrachtet, auf der anderen Seite geisteswissenschaftlich, indem man sie vom Geiste aus betrachtet, bis man von beiden Seiten kommend, [wie bei einem Tunnelbau,] in der richtigen Richtung bohrend, in der Mitte zusammentrifft. So findet man die wahre Wirklichkeit, indem man von der Natur und vom Geiste her in entgegengesetzter Linie zusammenarbeitet, bis die zwei Richtungen zusammenkommen.
Naturwissenschaft hatte ihre Morgenröte, als Kopernikus seine bedeutsame Weltanschauung in die Welt sandte. Geisteswissenschaft steht nun auf demselben Punkt und mit derselben Gesinnung dem Geiste gegenüber. Wenn man das äußere Leben naturwissenschaftlich erforscht, wenn man in der Physik, in der Chemie und so weiter das erforscht, was einem im äußeren Leben entgegentritt, und wenn man die mathematischen Gesetze erforscht, dann kommt man bis zu einem bestimmten Punkt. Gerade derjenige, der diese Dinge beurteilen kann, wird wissen, daß die Naturforschung mit ihrer Arbeit bis zu einem bestimmten Punkte kommt, zu dem Punkt, der mit dem Wort Leben zu bezeichnen ist. Wenn der Naturforscher die Pflanze untersucht, da will er sich immer mehr und mehr dem nähern, was das Leben ist. Leben ist etwas wie das große Ziel, dem man zustrebt in der Naturwissenschaft. Das Leben erforschen zu können, das ist das große Ideal der äußeren Naturwissenschaft. So gräbt sie in den Tunnel hinein.
Wenn der Geistesforscher die Saatkeime aufsprießen läßt, die dauern von der Seelenwinterzeit in die Seelensommerzeit hinein, und wenn er sich das zur bewußten Anschauung bringt, dann sieht er eine Welt vor sich. Und auch diese Welt hat einen solchen bestimmten Punkt, bis zu dem man kommt, den man gleichsam auch in der Ferne liegen sieht, so wie der Naturforscher das Leben in der Ferne liegen sieht. Und dieser Punkt, dem man sich nähert, wie der Naturforscher sich dem Leben nähert, dieser Punkt ist für den Geistesforscher der Tod.
Eine bestimmte Höhe muß der Geistesforscher erreichen, die Höhe, auf welcher er sich sagt: Bis zu einem gewissen Grade durchschaue ich das geistige Leben, durchschaue ich die Welt, die sich da vor mir ausbreitet. Aber dann steht etwas da, das man nicht berühren darf mit diesem innerlichen Erleben, dem man vielmehr das innerliche Erleben übergeben muß. - Man gelangt im Bewußtsein, im Erkennen zu allen möglichen Wesen und Tatsachen der übersinnlichen Welt, und man sieht, wie am Ende der Tod steht. Man sieht, wie das, was unser geistig-seelischer Wesenskern ist, durch den Tod gehen muß, wie er nach dem Tode durch die geistige Welt hindurchgehen muß, um in dieser geistigen Welt zu leben, und wie er dann wieder aufleben muß zu einem neuen Leben. Man sieht, wie Leben nach Leben sich entwickelt. Das gesamte Dasein setzt sich zusammen aus dem Leben in der geistigen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und dem Leben in der physischen Welt zwischen Geburt und Tod.
Man bemeistert in der Geistesforschung den Tod ebensowenig, wie man in der Naturforschung das Leben bemeistert. Bis zum Leben erstreckt sich das Erkennen der Naturforschung, dem Tode nähert man sich lebendig erkennend im Geiste; er ist das große Ziel der Geistesforschung. So verhält sich die Geistesforschung dem Tode gegenüber. Das ist die andere Richtung, sie bohrt [den Tunnel] von der anderen Richtung her, und die beiden kommen sicherlich zusammen, denn die beiden müssen zusammenkommen.
Der Tod kann nicht anders da sein, als durch das Leben entstanden - und umgekehrt. Von zwei Seiten her wird nach demselben Ziele gestrebt. Das ist etwas, was sich als eine Gesinnung in das moderne Geistesleben hineinstellen muß, bei der die Naturwissenschaft und die Geisteswissenschaft in gleicher Art zu ihrem Rechte kommen.
So wie die Naturwissenschaft die äußere Welt zu erkennen trachtet, so muß die Geisteswissenschaft das Schicksal zu erkennen trachten, und sie kann das Schicksal des Menschen nur so erkennen, indem sie die Ursache für ein nächstes Erdenleben zubereitet sieht in diesem Erdenleben. Das Schicksal, Glück und Unglück des Menschen, sie werden uns dadurch in ihren Ursachen verständlich. Das Leben selbst tritt uns als Umgestaltung des Todes entgegen. Und die Unsterblichkeit tritt uns so entgegen, daß wir wissen: Indem wir in den Tod gehen, tragen wir unseren geistigseelischen Wesenskern in die geistige Welt hinein, um in einem neuen Leben uns neu zu betätigen.
Nicht eine leere Unendlichkeit steht vor uns, sondern eine solche, in der sich Glied an Glied kettet, so daß wir wissen, warum der Mensch unsterblich sein muß. Er muß es sein, weil das Leben von der Geburt bis zum Tode in seinem geistig-seelischen Kern die Kräfte trägt, um immer neue Leben hervorzubringen, weil wir in einem Leben den Keim zu einem folgenden Leben gelegt sehen.
So beantworten sich die großen Lebensrätsel, indem Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft zusammenwirken. Wer da glaubt, stehenbleiben zu müssen auf dem Boden der Naturforschung und von diesem Boden aus eine Weltanschauung aufbauen will, der gleicht in einer gewissen Weise dem, der sagt: Ja, was da unten in einem Bergwerk vorhanden ist an Erzen, an Metallen, an all diesen Schätzen der Erde, das erscheint mir erst im wahren Lichte, wenn ich eine Höhlung mache und die Sonne hineinscheinen lasse. Gewiß, alles das wird beleuchtet, aber was die Sonne hervorbringt, erzeugt sie an der Oberfläche. Die Sonne kann zwar das beleuchten, was da drunten ruht in der Erde, aber hervorbringen kann sie es nicht.
So muß das, was des Menschen innerlichen Wesenskern an den Tag bringt, entzogen sein der bloß äußeren Wissenschaft. Sie kann dann kommen, es zu beleuchten; dann kann das, was der Geistesforscher erforscht, auch von dieser äußeren Wissenschaft begriffen werden.
Und hier kommen wir an einen Punkt, wo eine Einwendung aus der Welt geschafft werden muß. Es kann gesagt werden: Ja, was du uns da erzählst, das sagt uns, daß die Geisteswissenschaft nur für den Geistesforscher selbst Bedeutung hat. Ich muß da hinweisen auf mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Sie finden darin näher ausgeführt, daß gesagt werden darf: Jeder Mensch ist heute so weit gelangt, daß er bis zu einem gewissen Grade Geistesforscher werden kann. Aber es ist mühsam; es ist nur mit viel Konzentration zu erreichen. Aber geradeso, wie die Erze und Metalle aus der Erde hervorgehen und dann von der Sonne beleuchtet werden, so kann da, was gefunden ist von dem Geistesforscher, beleuchtet werden von dem gewöhnlichen Begreifen des Menschen und kann dadurch auch verstanden werden. Es kann dann der Seele das geben, was sie braucht gegenüber den vor diese Seele hintretenden Lebensrätseln, was sie braucht zu ihrer Sicherheit, zu ihrem Halt. Der Geistesforscher hat auch nicht mehr, als was derjenige haben kann, der ihm zuhört und seine Schriften liest.
Der Geistesforscher schaut die geistige Welt an. Sie ist aber erst Wissenschaft der Seele, wenn sie in die gewöhnlichen Begriffe gebracht ist, die der gesunde Menschenverstand verstehen kann. Und er kann sie verstehen, so wie die Sonne auch das beleuchten kann, was sonst ihrem Lichte entzogen in den Tiefen der Erde wächst. Daher ist es auch ein Vorurteil, wenn man sagt, man könne nicht verstehen, was die Geistesforschung hervorbringt. Man kann es sehr wohl begreifen und ihre Ergebnisse durch den vorurteilslosen gesunden Menschenverstand prüfen. Wenn die Menschen meinen, durch Naturforschung werde die Geistesforschung widerlegt, so werfen sie sich selber Knüppel in die Räder.
Wenn die Menschen die Vererbung aufzeigen von Vater, Mutter, Großeltern und so weiter, so wird ihnen der Geistesforscher gewiß völlig recht geben. Es ist gar keine Rede davon, daß sie unrecht haben. Aber durch einen Vergleich soll klar gemacht werden, wie in der Tat Geistesforschung neben der Naturforschung stehen kann. Es ist wie bei zwei Menschen, die jeder etwas anderes zu sagen haben; der eine widerlegt nicht den anderen, eines ist ebenso wahr wie das andere. Wenn die Naturforschung sagt, der Mensch habe diese und jene Eigenschaften von seinen Ahnen, so sagt die Geisteswissenschaft, daß dies wahr ist. Aber ebenso wahr ist es, daß der Mensch diese Eigenschaften hat, weil er in einem früheren Leben die Ursachen dazu gelegt hat. Die Welt wird sich schon überzeugen, daß Naturwissenschaft ihre Stärke gerade darin sehen muß, daß sie sich auf ihre Gebiete beschränkt und daß sie voll bestehen kann neben der Geisteswissenschaft, die es mit dem Geistigen zu tun hat, in das wir mit Seele und Leib hin-einverwoben sind. Wie in der Physik durch die Spektral- Analyse gezeigt werden kann, daß dieselben Substanzen hier auf der Erde wie auch im Weltenraum zu rinden sind - wie da materiell der Blick erweitert wurde ins Unermeßliche des äußeren Raumes -, so gewahren wir, daß in der -weiten Welt des Geistes überall die geistigen Wesenheiten und geistigen Tatsachen vorhanden sind, mit denen das geistig-seelische Wesen des Menschen wesensverwandt ist, aus denen es herausgestaltet ist. Und so wie der Mensch sich als lebend weiß in den materiellen Substanzen, die die ganze Welt erfüllen, so kann sich der Mensch geborgen wissen in dem allwaltenden, allwesenden Geistigen, das die Geisteswissenschaft ihm erkennbar macht. Das aber wird bewirken, daß so wie die Naturwissenschaft unser äußeres Dasein umgestaltet hat, wie sie Wunderbares geleistet hat, wie sie der Menschheit Kulturgüter geschenkt hat, ebenso die Geisteswissenschaft der Menschheit Seelengüter schenken wird, die die Menschheit immer mehr und mehr braucht.
Wenn einmal die Erziehung ergriffen sein wird von der Geisteswissenschaft, so wird sie den Menschen schon so erziehen, daß er nicht nur abstrakt wissen wird, daß in ihm ein seelischer Kern ist, der durch den Tod hindurchgeht, sondern der Mensch wird dieses Wissen vom Geiste in innere Kraft verwandeln; er wird diese Kraft in sich lebendig fühlen. Er wird fühlen, wenn sein Haar bleicht, wenn seine Haut sich runzelt, wenn die Glieder schlaff werden, daß sich in ihm sein geistig-seelischer Wesenskern immer mehr und mehr ausbildet. Wie in der wachsenden Pflanze der Keim sich konzentriert, um zu einer neuen Pflanze zu werden, so konzentriert sich der geistigseelische Wesenskern im Menschen immer mehr und mehr, je mehr wir dem Tode entgegengehen. Wir werden ihn immer kräftiger und kräftiger fühlen; wir werden erkennen, wie wir uns als Mensch entwickeln, trotzdem von uns die Glieder abfallen, wie das Laub abfällt von der Pflanze. Dieses Wissen wird dem Menschen Sicherheit und Halt geben, im Glück und im Unglück. Es wird ihn innerlich mit dem erfüllen, was er braucht, damit er zu seiner Arbeit Kraft hat, damit das ganze äußere Leben gedeihen kann. Geisteswissenschaft ist nicht bloß Wissenschaft; sie geht aus vom Erlebten und sie endet beim Erleben.
Das sind die Dinge, die man heute vorbringen kann, wenn man skizzenhaft vortragen will den Beitrag, den Geisteswissenschaft und den Beitrag, den Naturwissenschaft zu bringen hat. Und es wird sich ja gezeigt haben durch die heutige Darstellung, wie die Art der Forschung auf geistigem Gebiet allerdings verschieden ist von der Art der Forschung auf äußerlich-sinnlichem Gebiet. Aber wenn man in Betracht zieht, daß durch die lange Gewöhnung an eine von Triumph zu Triumph eilende Naturwissenschaft bestimmte Denkgewohnheiten sich nun einmal ausgebildet haben, dann wird man sich nicht wundern, daß Geisteswissenschaft zunächst nicht mit großen Sympathien rechnen kann und daß gegen das, was sie zu sagen hat, Einwendungen gemacht werden. Über das Gegenteil müßte man sich wundern. Es ist wahr, daß gegenüber der Wahrheit der Schopenhauersche Satz gilt:
In allen Jahrhunderten hat die arme Wahrheit darüber erröten müssen, daß sie paradox war: und es ist doch nicht ihre Schuld. Sie kann nicht die Gestalt des thronenden allgemeinen Irrtums annehmen. Da sieht sie seufzend auf zu ihrem Schutzgott, der Zeit, welcher ihr Sieg und Ruhm zuwinkt, aber dessen Flügelschläge so groß und langsam sind, daß das Individuum darüber hinstirbt. - Aber die Zeit und ihre Entwicklung sind so geartet, daß, wenn die Wahrheit auch noch so schwer erkannt wird, wenn die Felsspalte auch noch so eng ist, durch die sie sich zu zwängen hat, sie ringt und gräbt sich durch. Es ist noch immer das, was einmal paradox war, später als Wahrheit erkannt worden. Und so wird es auch mit der Geisteswissenschaft sein. Wenn heute noch Gegnerschaft, ja Feindschaft auftritt, dann möchte man sich an den Goethe-Satz erinnern, der so schön das Verhältnis des Menschen zur Wahrheit ausdrückt:
Eine falsche Lehre läßt sich nicht widerlegen; denn sie beruht ja auf der Überzeugung, daß das Falsche wahr sei. Aber das Gegenteil kann, darf und muß man wiederholt aussprechen.
Und so muß es mit den Wahrheiten der Geistesforschung sein. Die falsche Lehre, daß der Geist nur ein Anhängsel des materiellen Daseins sei, sie läßt sich nicht widerlegen, denn sie beruht auf der Überzeugung, daß das Falsche, das bloß materielle Dasein, wahr sei. Aber das Gegenteil davon ist - daß dem materiellen Dasein das Geistige zugrundeliegt und daß der menschliche Wesenskern Teil dieses Geistigen ist, an seiner Wesenheit teilnimmt. Und das ist die Lehre, die nicht nur umfassender ist als die einseitige Lehre von der bloß materiellen Wahrheit, sondern das ist die Lehre, die dieser einseitigen Erkenntnis gegenüber die Wahrheit darstellt, die wahre Erkenntnis. Und so wird es kommen, daß diejenigen, die das erkannt haben, im geisteswissenschaftlichen Sinne gegen allen Widerspruch diese Wahrheit immer wieder und wieder aussprechen können und dürfen und müssen. Dann wird der Genius der Wahrheit seine Macht zeigen - die Zeit. Und wenn auch ihre Flügelschläge noch so weit und noch so langsam sind, endlich wird die Wahrheit sich durchringen. Und die Flügelschläge des Genius der Zeit, sie werden sich ausbreiten über die geist-erkannten Wahrheiten, über die Weltengründe und über die Lebensrätsel.
GEISTESWISSENSCHAFT UND NATURWISSENSCHAFT IN IHREM VERHÄLTNIS ZU DEN LEBENSRÄTSELN Frankfurt, 3. März 1913 Sehr verehrte Anwesende! Wer in unserer gegenwärtigen Zeit von Geisteswissenschaft spricht in dem Sinne, wie es hier gemeint ist, der kann nicht schon irgendwie auf eine allgemeine Zustimmung rechnen, nicht einmal auf Zustimmung weiterer Kreise. Und dies darf gerade denjenigen, der in dieser Geisteswissenschaft darinnen-steht, nicht etwa in besondere Verwunderung versetzen. Im Gegenteil, es müßte Verwunderung erregen, wenn diese Geisteswissenschaft schon in unserer Gegenwart, wo sie sozusagen kaum die ersten Blüten treibt, allgemeine Anerkennung, allgemeine Sympathie finden würde. Denn alle Denkgewohnheiten unserer Zeit, alle Vorstellungsarten unserer Zeit sind ja zunächst herausgewachsen aus einem anderen Grund und Boden, als es derjenige der Geisteswissenschaft ist.
Seit der Morgenröte der neueren Naturwissenschaft, also seit drei, vier Jahrhunderten, seitdem diese Naturwissenschaft von Triumph zu Triumph geeilt ist und unser ganzes äußeres Leben mit ihren gewaltigen Errungenschaften durchsetzt hat, beruht ja der wesentliche Fortschritt des menschlichen Geistes auf der Beobachtung der äußeren Welt und auf der Anwendung des Verstandes auf diese äußere Welt. Geisteswissenschaft kann durchaus keine Gegnerschaft hegen gegen Naturwissenschaft und ihre Ergebnisse. Im Gegenteil, sie muß gerade diese Naturwissenschaft und ihre Erfolge voll anerkennen. Aber wir stehen heute wiederum in einer Zeit, in welcher der menschliche Geist und die menschliche Seele sich immer mehr und mehr sehnen nach einer Beantwortung auch jener Fragen, die über die sinnliche Anschauung hinausgehen und sich erheben zu den Untergründen des Daseins, zu den Schöpfermächten des Daseins, und diese im Geistigen suchen. Geisteswissenschaft beruht ja in der Tat nicht nur auf ganz anderen Voraussetzungen, sondern auf einer ganz anderen Art und Weise des Forschens, des Suchens als die Naturwissenschaft und damit alles desjenigen, was gerade die Größe unserer Zeit ausmacht. Deshalb braucht man aber durchaus nicht der Anschauung zu sein, daß diese Geisteswissenschaft in irgendeinem Sinne in Widerspruch kommen würde mit der Naturwissenschaft. Im Gegenteil. Wenn auch von ganz anderen Voraussetzungen, von ganz anderen Forschungsmethoden, einer ganz anderen Art des Suchens ausgehend, kommt die Geisteswissenschaft zu Ergebnissen, die, wenn sie richtig verstanden werden, mit den naturwissenschaftlichen Ergebnissen unserer Zeit in völliger Übereinstimmung gefunden werden können. Naturwissenschaft beruht auf der äußeren Anschauung. Sie hat Großes und immer Größeres geleistet, auch in der Ausgestaltung jener Werkzeuge, die den Menschen in den Stand setzen, in das physisch Kleinste hineinzuschauen. Aber gerade, wenn die Naturwissenschaft ihre Aufgabe verrichten will, muß sie sich auf das beschränken, was in äußerer Weise an den Menschen herantritt, was mit den Sinnen erfaßt und mit dem Verstand begriffen werden kann.