Truths and Errors in Spiritual Research

GA 69a — 3 March 1913, Frankfurt

GEISTESWISSENSCHAFT UND NATURWISSENSCHAFT IN IHREM VERHÄLTNIS ZU DEN LEBENSRÄTSELN

Sehr verehrte Anwesende! Wer in unserer gegenwärtigen Zeit von Geisteswissenschaft spricht in dem Sinne, wie es hier gemeint ist, der kann nicht schon irgendwie auf eine allgemeine Zustimmung rechnen, nicht einmal auf Zustimmung weiterer Kreise. Und dies darf gerade denjenigen, der in dieser Geisteswissenschaft darinnen-steht, nicht etwa in besondere Verwunderung versetzen. Im Gegenteil, es müßte Verwunderung erregen, wenn diese Geisteswissenschaft schon in unserer Gegenwart, wo sie sozusagen kaum die ersten Blüten treibt, allgemeine Anerkennung, allgemeine Sympathie finden würde. Denn alle Denkgewohnheiten unserer Zeit, alle Vorstellungsarten unserer Zeit sind ja zunächst herausgewachsen aus einem anderen Grund und Boden, als es derjenige der Geisteswissenschaft ist.

Seit der Morgenröte der neueren Naturwissenschaft, also seit drei, vier Jahrhunderten, seitdem diese Naturwissenschaft von Triumph zu Triumph geeilt ist und unser ganzes äußeres Leben mit ihren gewaltigen Errungenschaften durchsetzt hat, beruht ja der wesentliche Fortschritt des menschlichen Geistes auf der Beobachtung der äußeren Welt und auf der Anwendung des Verstandes auf diese äußere Welt. Geisteswissenschaft kann durchaus keine Gegnerschaft hegen gegen Naturwissenschaft und ihre Ergebnisse. Im Gegenteil, sie muß gerade diese Naturwissenschaft und ihre Erfolge voll anerkennen. Aber wir stehen heute wiederum in einer Zeit, in welcher der menschliche Geist und die menschliche Seele sich immer mehr und mehr sehnen nach einer Beantwortung auch jener Fragen, die über die sinnliche Anschauung hinausgehen und sich erheben zu den Untergründen des Daseins, zu den Schöpfermächten des Daseins, und diese im Geistigen suchen. Geisteswissenschaft beruht ja in der Tat nicht nur auf ganz anderen Voraussetzungen, sondern auf einer ganz anderen Art und Weise des Forschens, des Suchens als die Naturwissenschaft und damit alles desjenigen, was gerade die Größe unserer Zeit ausmacht. Deshalb braucht man aber durchaus nicht der Anschauung zu sein, daß diese Geisteswissenschaft in irgendeinem Sinne in Widerspruch kommen würde mit der Naturwissenschaft. Im Gegenteil. Wenn auch von ganz anderen Voraussetzungen, von ganz anderen Forschungsmethoden, einer ganz anderen Art des Suchens ausgehend, kommt die Geisteswissenschaft zu Ergebnissen, die, wenn sie richtig verstanden werden, mit den naturwissenschaftlichen Ergebnissen unserer Zeit in völliger Übereinstimmung gefunden werden können. Naturwissenschaft beruht auf der äußeren Anschauung. Sie hat Großes und immer Größeres geleistet, auch in der Ausgestaltung jener Werkzeuge, die den Menschen in den Stand setzen, in das physisch Kleinste hineinzuschauen. Aber gerade, wenn die Naturwissenschaft ihre Aufgabe verrichten will, muß sie sich auf das beschränken, was in äußerer Weise an den Menschen herantritt, was mit den Sinnen erfaßt und mit dem Verstand begriffen werden kann.

Geist-Erkenntnis kann sich nur aufbauen auf einer inneren Vertiefung der Menschenseele, auf einer solchen Vertiefung, durch welche die Seele in sich Erkenntnisfähigkeiten und Erkenntniskräfte entdeckt, die weder im gewöhnlichen Tagesleben noch auch in der äußeren Wissenschaft vorhanden sind, von denen man sagen muß, daß sie weder im gewöhnlichen Leben noch von der gewöhnlichen Wissenschaft gebraucht werden. Ja, wenn diese gewöhnliche Wissenschaft in mißverständlicher Weise von geisteswissenschaftlichen Methoden durchsetzt würde, so würde sie auf ihrem Boden durchaus nur zu unberechtigten Ergebnissen kommen. Dennoch wird man finden, wenn man tiefer in die Sache eindringt, daß dieselbe Art des Denkens, dieselbe Logik, auf der unsere Naturwissenschaft beruht, auch in der Geisteswissenschaft zur Anwendung kommt. Nur müssen wir uns klar darüber werden, daß das einzige Instrument, um in die übersinnliche Welt einzudringen, kein anderes sein kann als die menschliche Seele selbst, die menschliche Seele, die aber nicht bei dem stehenbleibt, was das Alltagsleben gibt, sondern die die Voraussetzung macht, daß sie von diesem Standpunkte des Alltagslebens ausgehend sich zu einem tieferen Eindringen in die Dinge erheben kann. Damit dies geschehen kann, damit der Mensch ein Geistesforscher werden kann, dazu ist notwendig, daß diese menschliche Seele sich anders verhält in ihrem ganzen inneren Leben, als sie das vor dem Eintritt in die Geistesforschung gewöhnt war.

Unser Seelenleben verläuft ja so, daß wir gewisse Dinge denken, gewisse Dinge fühlen, daß wir also Vorstellungen in unserer Seele hegen. Welchen Zweck und Sinn verbinden wir mit diesem Seelenleben? Wir verbinden damit zumeist den Zweck, die äußere Welt kennenzulernen und uns in dieser Sinneswelt zurechtzufinden. Für den Geistesforscher handelt es sich um etwas anderes. Er muß in der Mannigfaltigkeit der Vorstellungen, Empfindungen, Ideen, Impressionen gewisse einzelne aussuchen, die ihm für seine Zwecke dienlich sein können. Lassen Sie mich von einem Vergleich ausgehen.

Nehmen wir an, wir vergleichen das gesamte Seelenleben des Menschen, das ja in mannigfaltigen Vorstellungen abläuft, die in jedem Augenblick wechseln, nehmen wir an, wir vergleichen diese vielen Vorstellungen, die während des Tages ablaufen, mit den vielen Getreidekörnern, die auf einem Felde in den Halmen vorhanden sind. Von diesen vielen Getreidekörnern wählt derjenige, dem das Feld gehört, einige aus. Und während er die anderen zu ihrem Ziele kommen läßt, als Nahrung zu dienen, wählt er einzelne aus, die ihm zur neuen Aussaat dienen und die aus sich selbst heraus neue Früchte erzeugen sollen.

In einer ganz ähnlichen Weise muß der Geistesforscher mit seinem Seelenleben sich verhalten. Während sonst die Vorstellungen ablaufen, ohne daß man sie überblickt, muß er sich nun so verhalten, daß er einzelne von ihnen auswählt, die er zu etwas anderem verwendet als zum äußeren Erkennen der Welt. Und das, was der Geistesforscher mit diesen einzelnen Vorstellungen macht, das nennt man Konzentration, Meditation, Kontemplation. Welchen Sinn verbindet man mit diesen Worten? Wir wollen uns an dem Vorgang, den der Geistesforscher vollzieht, einmal darüber orientieren.

Der Geistesforscher muß versuchen, gewisse Zeiten in seinem Leben herbeizuführen, in welchen er die Aufmerksamkeit völlig abwendet von aller Außenwelt, in welchen er auch alle Sorgen des Lebens, alle Triebe, Affekte und Begierden unterdrückt, er muß also einen Zustand in der Seele hervorrufen, den wir als leer bezeichnen können, als eine Art leeres Bewußtsein. Nur einzelne Vorstellungen, auf deren Inhalt es nicht ankommt, wählt er aus dem gesamten Umfang seines Seelenlebens oder aus den Vorstellungen der Geistesforschung aus und versenkt sich in diese Vorstellungen nicht in ihren Inhalt, darauf kommt es nicht an. Sondern es verhält sich der Geistesforscher so, daß er eine Vorstellung, die ihn sehr erfüllen kann, die stark und kräftig in seiner Seele sich geltend machen kann, willkürlich in den Mittelpunkt seines Bewußtseins hereinrückt, und daß er - während sonst im Alltag das Seelenleben auf viele Vorstellungen verteilt wird - dann alle Seelenkräfte aufruft und diese eine Vorstellung, die er so in sein Seelenleben gestellt hat, klar festhält in seinem Bewußtsein, und zwar durch längere Zeit hindurch und mit aller inneren Anstrengung. Es kommt nur darauf an, daß die Seele eine Anstrengung macht, daß alles auf einen Punkt konzentriert wird. Wenn man irgendeine Arbeit zu verrichten hat, bei der man etwa immer seinen Arm anzustrengen hat, und wenn diese Arbeit ein Ziel hat, so muß man sich eben immerfort anstrengen, um den Sinn dieser Arbeit zu erfüllen. Wenn man aber seine Muskeln stärken will, dann kann es gerade darauf ankommen, nicht dieses oder jenes bestimmte Ziel zu erreichen, sondern die Kräfte frei hervorzurufen, welche die Muskeln zur Anstrengung bringen, damit sie sich ausbilden. So ist es auch bei Meditation und Konzentration mit den Seelenkräften, und zwar mit anderen Seelenkräften als denen, die man im gewöhnlichen Alltag anwendet. Wir strengen unsere Seelen sozusagen nie an in bezug auf die Kräfte, die hier in Betracht kommen, wenn wir im Alltag leben. Wir müssen, um uns auf eine Vorstellung konzentrieren zu können, tiefere Seelenkräfte aus den Untergründen des Bewußtseins heraufrufen, Seelenkräfte, die sonst völlig ungebraucht bleiben. Und darauf, daß wir die Seele so anspannen, daß wir auch den inneren Willen dazu haben, darauf kommt es an.

Wenn wir eine Vorstellung bekommen dadurch, daß wir uns von außen anregen lassen, dann wird die Vorstellung ohne unser Zutun in unserer Seele hervorgerufen. Sie ist da - nicht wir haben sie hervorgerufen. Die Vorstellungen, die anknüpfen an Sorgen, an Triebe und Begierden, die stellen sich ja ein ohne Anstrengung. Diese Vorstellungen nützen uns nichts, wenn wir unsere Seele zum Instrument der höheren Welt machen wollen. Nicht darauf kommt es an, daß wir eine Vorstellung haben, sondern auf die Anstrengung, die Vorstellung in den Mittelpunkt [unseres Bewußtseins] zu rücken. Dann, wenn der Mensch in einer solchen Weise seine tiefsten Seelenkräfte in Geduld und Ausdauer aufruft, dann tritt für die Seele ein völlig Neues ein. Sie können das Nähere darüber finden in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Das ist etwas, was heute sehr viele Menschen nicht glauben wollen, daß für die Seele etwas völlig Neues eintreten kann. Wir können dieses Neue vergleichen mit einem Moment, der im menschlichen Seelenleben [an einem bestimmten Zeitpunkt] eintritt. Das kleine Kind verbringt sein Leben so bis zum zweiten, dritten Lebensjahr in einem Bewußtsein, aber nicht in einem Selbstbewußtsein. Man kann in einer gewissen Weise sagen, daß das Bewußtsein des Kindes schlafend ist, bevor im Kinde der Moment auftritt, wo es weiß: Ich bin ein Ich. Das ist eine Art Erwachen. Und eine Art Erwachen ist es auch, wenn auf die geschilderte Art die menschliche Seele auf eine andere Stufe des Daseins gehoben wird, wenn sie zu einem Instrument gemacht wird, um in die geistige Welt hineinzuschauen.

Das, was man erlebt, wenn man solche Übungen in seiner Seele vollzieht, das laßt sich vergleichen mit etwas, womit es einerseits ähnlich ist, und von dem es andererseits wiederum radikal verschieden ist: mit dem Übergehen des Menschen in den gewöhnlichen Schlafzustand. Wie tritt dieser gewöhnliche Schlafzustand an den Menschen heran? Es soll hier nicht auf die naturwissenschaftlichen Hypothesen über den Schlaf eingegangen werden. Ohne besondere Wissenschaftlichkeit soll hier nur von dem die Rede sein, was der Mensch im alltäglichen Leben erlebt, wenn er übergeht aus dem Wachzustand in den Schlafzustand.

Wir wissen, daß im Moment des Einschlafens die Sinne anfangen zu versagen, daß sie uns keine Eindrücke mehr überliefern. Der Verstand fängt an, sich zu verdunkeln. Der Mensch geht also in einen Zustand über, in dem sein Leib untätig ist. Zunächst muß die Geisteswissenschaft sagen - was die Logik schon bestätigt -, daß in dem schlafenden Menschen, den wir sichtbar im Bette vor uns haben, nicht etwa die ganze menschliche Wesenheit vorhanden ist, sondern daß das, was die eigentliche menschliche Wesenheit ist, im Schlafe heraustritt und leibfrei, entkörpert wird, daß der Mensch also außerhalb seines Leibes ist. Nun ist das zunächst eine Hypothese, aber diese Hypothese wird gerade durch die Geisteswissenschaft zu einer begründeten Wahrheit erhoben. Die Naturwissenschaft nähert sich im Grunde genommen immer mehr dem, was in diesem Punkte die Geisteswissenschaft zu sagen hat. Du Bois-Reymond sagt, daß Naturwissenschaft nur den Schlafenden, niemals den bewußt-wachenden Menschen verstehen könne.

Will man nicht so unlogisch sein, um zu behaupten, daß allabendlich alles das verschwindet, was an Trieben, Leidenschaften und so weiter in uns lebt und morgens wieder aus dem Nichts entsteht, so muß man annehmen, daß es noch da sei. Aber innerhalb der Leiblichkeit ist es nicht vorhanden. Das bedeutet, daß der Mensch mit seiner inneren Wesenheit außerhalb seines Leibes ist. Diese innere Wesenheit ist aber übersinnlicher Natur, daher kann man sie nicht sehen.

Es mag Menschen geben, die sagen: Ja, da gehen eben gewisse Dinge im Menschen vor, und andere Prozesse bewirken, daß das Seelenleben sich abspielt. - Wer so spricht, der ist in derselben Lage wie einer, der glauben würde, daß man aus der Lunge und ihrer Tätigkeit die Natur der Luft begreifen kann. Die Luft kann man begreifen, wenn man sie außerhalb des Leibes untersucht. Dann dringt sie in den menschlichen Leib ein; die Lunge ist da, um die Luft zu verwenden. Gerade das wird die Naturwissenschaft immer mehr und mehr entdecken, daß während des Schlafes die inneren Tätigkeiten des menschlichen Leibes solche sind, die sich vergleichen lassen mit der inneren Lungen- und Herztätigkeit. Es ist eine innere leibliche Arbeit. Aber ebensowenig wie die Lunge die Luft hervorbringt, ebensowenig ist das, was beim Aufwachen immer mehr und mehr als Seelenleben den Organismus durchdringt, ein Erzeugnis des Leibes; vielmehr dringt es in den Leib ein, und es ist vom Einschlafen bis zum Aufwachen außerhalb dieses Leibes. Vieles kann noch dagegen eingewendet werden. Ein wirkliches Begreifen dieser Dinge gibt es nur dann, wenn man durch die Tatsachen beweisen kann, daß das, von dem man vermutet, daß es aus dem menschlichen Leibe im Schlafe heraustritt, sich in der Tat leibfrei als etwas Wesenhaftes zeigt.

Und das tritt eben beim Geistesforscher ein, wenn er in jener Richtung Seelenübungen macht, wie ich es vorhin besprochen habe. Dadurch führt er gleichsam künstlich, wie durch seine Willkür, den leibfreien Zustand seiner Seele herbei. Indem der Geistesforscher absieht von dem, was sein Leib ihm vermittelt, bewirkt er, daß er, vollständig wach, den Leib unbenutzt läßt. Während der psychischen Tätigkeit muß der Leib untätig sein wie im Schlafe. Die Sinne müssen schweigen; Sorgen und Leidenschaften, die vom äußeren Leben angeregt werden, müssen schweigen, wie sie sonst nur im Schlafe schweigen. Ein vollständig leeres Bewußtsein führt der Geistesforscher herbei. Dann aber stellt er in den Mittelpunkt des Seelenlebens, gleichsam wie eine Erinnerung, nur eine einzige Vorstellung. Und dazu braucht er Kräfte, die sonst in den Tiefen der Seele schlummern und die er jetzt durch Übungen innerlich erst zu der Stärke führt, daß sie vernehmbar sind. Das, was der Geistesforscher dann erlebt, das muß eben erlebt werden, wenn es zugegeben werden soll in seiner Tatsächlichkeit. Es gleicht in den erwähnten Umständen dem Schlafe: Es ist nicht in Verbindung mit den Bewegungen des Leibes noch mit den äußeren Sinnen und dem Verstand. Während aber ein solcher Zustand sonst nur im Schlafe herbeigeführt wird, kommt der Geistesforscher durch seine Übungen, durch die er willkürlich gleichsam einen schlafähnlichen Zustand herbeigeführt hat, dazu, innerlich regsam seine Seele von einer neuen Seite kennenzulernen. Er weiß, es gibt ein innerliches Leben der Seele, auch wenn die Seele auf alles verzichtet, was vom Leibe kommt. Man kann noch so sehr durch irgendwelche äußeren Gründe beweisen, daß die Seele des Menschen nicht vom Leibe befreit leben kann - die Einsicht, daß sie es doch kann, entsteht nur, wenn die Tatsache des leibfreien Zustandes herbeigeführt ist. Dann weiß man, daß man ein Seelenleben führt, das in nichts ähnlich ist dem früheren Seelenleben, das durch den Leib herbeigeführt wurde. Man möchte sagen, das ist ein Grunderlebnis, zu dem des Geistesforschers Seele kommt, wenn er lange genug für seine Individualität solche Übungen gemacht hat, wenn er schon starke Kräfte aus seiner Seele hervorgezaubert hat. In meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» können Sie Näheres darüber nachlesen. Ich möchte hier das Typische dieses Erlebnisses schildern.

Wenn man genügend lange die geschilderten Übungen vollzogen hat, dann tritt ein ganz bestimmtes inneres Erlebnis auf. Entweder erwacht man aus der Tiefe des Schlafes, oder aber man fühlt sich versucht, mitten im Tagesleben einzuhalten. Es ist eine Art bildhaftes Erlebnis, was dann eintritt. Es besteht darin, daß man das Gefühl hat, es geht etwas in einem vor, wie wenn der Blitz in einen eingeschlagen hätte. Was geht vor?

So etwa denkt der Mensch: Du fühlst jetzt das, "was du immer als deinen Leib gefühlt hast, wie von Naturelementen durchdrungen und dir genommen. - Und in der Tat: Man fühlt jetzt, wie starke Kräfte dazu gehören, um sich aufrecht zu erhalten gegenüber einer solchen Erfahrung. Man fühlt dasjenige, was man immer genannt hat das Herankommen an die Pforte des Todes. Man macht bildhaft Bekanntschaft mit dem, was im Tode beim Menschen auftritt, im Sterben, mit dem Hinsinken der Leiblichkeit. Gewiß, umgeänderte Gefühle und Vorstellungen treten jetzt in der Seele auf. Man weiß jetzt, was es ist, nicht mehr so zu sich selbst zu stehen, wie das früher der Fall war. Man fühlt jetzt die Seele verwandelt, man fühlt sie so, daß man weiß, sie ist nicht finster und stumm, sondern innerlich regsam, wenn man auf alle Mitwirkung der Leiblichkeit verzichtet.

Das Erlebnis ist ein sehr bedeutsames. Es ist ein dramatisches Erlebnis für die Seele. Es ist etwas, wovon die Seele sagt: Was ich auch bisher im Leben durchgemacht haben mag, was mir auch entgegengetreten ist - an Bedeutung mit diesem Erlebnis, das manchmal wie mit einem Schlage durch die Seele zieht, läßt es sich nicht vergleichen. Vieles von dem, was man bisher nur wie in den Hintergründen des Daseins schlummernd empfunden hat, von dem man glaubt, man könne es nur ahnen, das tritt einem so vor Augen, daß man jetzt weiß: Ja, der Mensch ist im innersten Wesenskern mit jener Welt verbunden, die hinter der Sinneswelt liegt und die eigentlich nur wie verschleiert ist durch die Sinneswelt.

Aber auch noch etwas anderes weiß man. Man weiß, daß es notwendig war, solche Übungen zu machen, eine solche innere Verstärkung der Seele herbeizuführen. Man weiß dies deshalb, weil man sieht, daß zum Erleben des Geschilderten eine gewisse Stärke der Urteilskraft notwendig ist und daß auch notwendig ist ein gewisser innerer moralischer Mut, um sich aufrechtzuerhalten. Und die Seelenkräfte, die man, seine Seele verstärkend, hervorgeholt hat aus ihren Tiefen, die geben einem diesen Mut und diese Urteilskraft. Sie finden das Nähere dieses Weges wiederum beschrieben in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Denn wenn man bei diesem Punkte angelangt ist, dann weiß man eben: Hätte man sich nicht vorbereitet, hätte man nicht die Seelenkräfte verstärkt, dann würde man an dieses Ereignis herantreten mit zwei Eigenschaften des Menschen, welche im höchsten Grade bedenklich sind, wenn sie in Berührung mit diesen Erlebnissen auftreten, zwei Eigenschaften der Menschenseele, die man erst an diesem Punkte der Seelenentwicklung recht erkennen lernt: Eigenliebe, Eigen-sinn, besser gesagt Selbstsinn, und eine gewisse innere Furcht und Unsicherheit gegenüber denjenigen Regionen, welche hinter der Sinneswelt liegen. Selbstsinn und Eigenliebe spielen ja eine große Rolle im gewöhnlichen Leben, aber sie sind im gewöhnlichen Leben von der Art, daß sie durch die Seele auch immer bemeistert werden können. Wir wissen, daß wenn wir uns seelisch anstrengen, wir sie bemeistern können. Untugenden, Untüchtigkeiten treten in unserer Seele auf, und wir können sie ändern. Und wenn wir sie nicht ändern wollen, so können wir wenigstens fühlen, daß wir sie ändern könnten. Einer Naturkraft gegenüber, dem Blitz, dem Donner gegenüber haben wir nicht das Gefühl, daß wir sie ändern können. Würden wir ohne Vorbereitung in diesen Zustand, der eben geschildert worden ist, eintreten, wo einem gleichsam im Bild der Leib entschwindet, dann würde man sehen, daß man zwar seine Seelenkräfte verstärkt hat, daß man schlummernde Kräfte hervorgeholt hat, aber daß man mit ihnen auch etwas anderes hervorgeholt hat, nämlich eine verstärkte Eigenliebe. Und nur wenn die andere Seelenkraft auch verstärkt worden ist, ist man imstande, diesen Selbstsinn, der jetzt aufgetreten ist, abzudämpfen. Ebensowenig wie man imstande ist, dem Blitz und dem Donner Widerstand zu leisten, ebensowenig kann man dem, was im Selbstsinn auftritt wie eine Naturkraft, Widerstand leisten, es dem Seelenleben entreißen.

Wenn man aber wirklich in der richtigen Weise die Seele zu einem Instrument gemacht hat für die geistige Welt, dann befähigt einen das Überschauen des Bildes dazu, diesen Selbstsinn in seiner wahren Gestalt zu erkennen. Denn dieses Bild zeigt einem noch etwas anderes, als man mit wenigen Worten schildern kann. Es zeigt uns alles, was wir bisher unser Ich, unsere Seele genannt haben, wie außer uns hingestellt. Es zeigt uns, was wir bisher gewollt haben, wofür man leidet, worüber man sich freut. Man weiß jetzt: Das alles mußt du von dir abschälen, wenn du das entwickeln willst, was aus dir heraus in die übersinnliche Welt hineinführen kann. - Man lernt sich auf diesem Punkt des Daseins erst selbst als Seele erkennen. Man weiß jetzt erst, was es heißt, sich selbst gegenüberzutreten in wahrer Selbsterkenntnis; man weiß, daß man von dem, was man bisher sein Selbst genannt hat, nichts für eine höhere Erkenntnis bewahrt - man muß es abschälen und wie etwas ganz Äußeres behalten. Sich selbst objektiv gegenüberzutreten, sich aus sich herauszuschälen, sich so zu betrachten wie einen anderen Menschen oder wie einen Gegenstand, das ist eine Vorbereitung für das Eindringen in die geistige Welt. Das aber setzt voraus, daß man auch die starken Kräfte entwickelt hat, um den verstärkten Selbstsinn zu besiegen. Derjenige, der das nicht getan hat, würde unendlichen Schmerz darüber erleben, wenn er sieht: Um in die geistige Welt hinaufzuschauen, mußt du alles, was du gelitten hast, herausschälen und darauf verzichten. - Nichts von dem, was einem in der Welt dient, scheint geeignet, einen in eine höhere Welt hineinzuführen.

So ist es notwendig, daß man den Selbstsinn besiegt. Und noch etwas anderes tritt auf. Wenn der Mensch diese Erfahrung macht, bemerkt er, daß seine ganze Lebenssicherheit in dem enthalten war, was er da aus sich herausstellen muß, worauf er jetzt nichts mehr zu geben hat. Da ergreift ihn Furcht, denn das, was ihm bisher Sicherheit gab, das muß er eine Weile zurücklassen. Nun ist es, als verlöre man den Boden unter den Füssen. Nur dann, wenn man andere Kräfte sich anerzogen hat, hat man nicht Furcht, sondern Mut, ins unbekannte Land des Geistes hineinzudringen. Das, was da in der Seele als Furcht lebt, das tritt einem noch ganz anders entgegen. Das Seelenleben ist etwas sehr Kompliziertes. Nur ein Teil davon ist bewußt; ein anderer Teil ruht immer unten in den Seelengründen, aus denen ihn dann der Geistesforscher mit seiner Kraft hervorzieht. Der Mensch weiß nur von einem Teil seines Seelenlebens; andere Teile wirken von den Untergründen herauf in das gewöhnliche Seelenleben hinein. Aber der Mensch weiß nichts davon. Ja, was der Mensch in seinem gewöhnlichen Seelenleben hat, das ist oft dazu da, um zu verdecken, zu umnebeln, was in den Untergünden des Seelenlebens ruht. Es ruht da in verborgenen Tiefen, über die der Mensch sich hinweghilft, indem er sich Täuschungen hingibt. Für den, der die Seele kennt, ist eine Erscheinung sehr interessant, die ja dem Menschen der Gegenwart paradox erscheinen wird, aber die doch wahr ist. Wir sehen in der Gegenwart Leute, Materialisten -oder, wie man es vornehmer ausdrückt: Monisten -, eine Verbindung derjenigen Menschen, die den Geist in seiner wahren Gestalt nicht suchen wollen auf dem Wege des geistigen Lebens. Warum wird man materialistischer Monist? Wenn man begreift, warum das so ist, wird man auf der einen Seite tolerant gegen den Materialisten, weil man einsieht, daß unter gewissen Bedingungen die Seele nicht anders sein kann, wenn sie nicht die Anregung empfängt, aus dem Materialismus herauszukommen. Denn derjenige, der die Seele des Materialisten untersucht und auf sie eingeht, der merkt, daß in ihren tiefsten Untergründen nichts anderes waltet als die Furcht, die Furcht vor der geistigen Welt.

Tatsächlich ist es so. Und wenn einem die materialistischen Monisten das auch sehr übel nehmen, es ist so. Sie fürchten sich, ohne daß sie es wissen, in den Untergründen ihres Seelenlebens; sie fürchten sich vor der geistigen Welt, weil sie eben in den Untergründen der Seele ein dunkles Gefühl davon haben, daß sie in dem Augenblick, wo sie den sicheren Boden des Verstandes verlassen, den Boden unter den Füßen verlieren. Davor fürchten sich die Seelen in den Untergründen, und deshalb verdeckt man die Furcht mit materialistischen Theorien, geradeso wie man sich betäubt gegen Angst und Furcht. Der materialistische Monismus ist nichts anderes als die Betäubung der in den Seelengründen lebenden Furcht. Das wird der wahre Psychologe immer erkennen können. In den materialistisch-monistischen Theorien ist nicht bloß das, was die Materialisten sagen, sondern man kann es aussprechen, daß für den Kenner der Sachlage immer zwischen den Zeilen die Furcht sichtbar ist. Diese Furcht muß durch die verstärkte Seelenkraft überwunden werden, dann wagt es der Mensch, über den Abgrund hinüber zu setzen und in das geistige Gebiet einzudringen.

Dann wird der Mensch gewahr werden, daß in der Tat sich sein Seelenleben für die Erfahrung der geistigen Welt in einer gewissen Weise spaltet. Was bedeutet diese Spaltung? Ausdrücklich soll hervorgehoben werden, daß der wahre Geistesforscher nicht etwa ein Träumer oder Schwärmer sein soll, der nun die sinnliche Welt ganz verlassen und dort leben will in der geistigen Welt. Er muß dahin kommen, das, wovon er weiß, daß er es ablegen muß für die geistige Welt, nun auch wieder an sich heranzuziehen. Dieses freie, im Gleichgewicht sich Hin- und Herbewegen zwischen dem Schauen der geistigen Welt und dem vollen Leben in der sinnlichen Welt muß der Geistesforscher zustandebringen, sonst ist er kein Geistesforscher, sondern für die äußere Welt ein Phantast. Das erreicht er, wenn er von einem wirklich gesunden Seelenleben ausgeht.

Daher werden Sie sich überzeugen können, daß die wirklichen Geistesforscher immer im gewöhnlichen, alltäglichen Leben nüchtern darinnenstehen, weil sie sich bewußt sind - sie haben es ja objektiv, nicht nur subjektiv gesehen -, daß dieses von den Menschen fordert, alle Dinge recht nüchtern zu betrachten und keine Schwärmer zu sein. Sie stellen sich in das gewöhnliche Leben als richtige Lebenspraktiker hinein. Sie wissen das Gleichgewicht zu halten zwischen der gewöhnlichen Lebenspraxis und dem Darinnenstehen in der geistigen Welt. Es ist sehr wichtig, gerade auf diesen Punkt ganz besonderen Wert zu legen, weil sich das Seelenleben spalten muß, so wie abgespalten wird eine große Anzahl von Feldfrüchten von den wenigen, die nicht verzehrt werden, sondern wiederum in die Erde versenkt werden, damit neue Früchte aus ihnen hervorgehen.

So sieht der Mensch sein Seelenleben nicht ganz aus sich herausgestellt. Er sieht gleichsam einen Teil dieses gewöhnlichen Seelenlebens neben sich hingestellt, er fühlt es als etwas, was ihn nicht in die geistige Welt hineinstellen kann: die Frucht, die zur Nahrung dient. Der andere Teil aber, der überbrückt den Abgrund. Das ist der Teil, der aus der Konzentration sich entwickelt; es ist der Teil, der zur Aussaat verwendet wird für das Seelenleben, das in die geistige Welt hineingeht. Damit es sich aber gesund entwickelt, ist es notwendig, daß der Geistesforscher an diesem Punkt in der Lage ist, anders sich zu verhalten als derjenige, der durch ein krankes Seelenleben an diesem besonderen Punkt angelangt ist, den man als sehr leidvoll empfinden lernt.

Das, was auf den Geistesforscher eindringt, wenn alle die Vorbedingungen erfüllt sind, das ist, daß er von einem gewissen Zeitpunkte an nicht mehr nötig hat, sich auf bestimmte Vorstellungen zu konzentrieren, sondern es treten aus seinem leeren Bewußtsein von selber Bilder hervor, die eine neue Welt bedeuten. Sein Bewußtsein füllt sich an mit einer neuen Welt. Für den äußeren Betrachter wird diese Welt sehr ähnlich sein den ungesunden Halluzinationen. Aber nur äußerlich sind sie sich ähnlich. Was zu Halluzinationen führt, das ist ein ungesundes Seelenleben. Was beim Geistesforscher zu der Welt von Bildern oder Imaginationen führt, das muß gerade das gesündeste Seelenleben sein! Wir sehen bei dem, der durch ein ungesundes Seelenleben eine Bilderwelt aufziehen sieht, daß er dabei mit einer inneren Kraft an ihre Wirklichkeit glaubt, daß er glaubt, daß seine Wahnvorstellungen wahr seien. Und viele von uns werden wissen, daß man einem Menschen, der in dieser Weise krank ist, oft das, was er mit den Augen sieht, ausreden kann, nicht aber die seiner Halluzinationen. Warum ist das der Fall? Weil eben in einem dergestalt ungesunden Seelenleben mit der starken Kraft, die auftritt, auch der Selbstsinn wächst. Der Mensch ist eins mit seinen Vorstellungen; er bringt sie aus seiner Seele hervor; sie sind die Schattenbilder des Seelenlebens, die verdichteten Phantasien. Weil er selbst das alles ist, glaubt er so fest daran. Denn der Mensch muß eben unbedingt an sich glauben, wenn er in der Welt feststehen will - und so glaubt er denn an seine visionären Vorstellungen wie an eine objektive Welt.

Das ist das, was durch die Besiegung des Selbstsinnes der Geistesforscher erreichen muß: daß er jetzt die Bilderwelt, die so beseligend auf ihn wirken kann, wieder wegschaffen lernt aus eigener Willkür. Wenn jemand in der richtigen Weise die Übungen macht, von denen ich gesprochen habe, so erlangt er die Fähigkeit, diese Bilderwelt - die wirklich so auftritt wie eine geistige Welt, wie am Morgen die Sonne am Horizont erscheint - auch wieder auslöschen zu können. Die Übung muß in der besonderen Willensschulung bestehen, daß man nicht nur dazu kommt, diese Bilderwelt hervorzurufen, sondern sie auch wieder auslöschen zu können - darauf beruht alle Erkenntnis in der höheren Welt. Das ist der Unterschied gegenüber den Bildern des krankhaften Seelenlebens. Wenn die Übungen gemacht werden, erlangt nämlich der Mensch die eigentümliche Kraft, seinen Willen allmählich bewußt stärker werden zu lassen und dann wieder abfluten zu lassen. Diese Fähigkeit hat man im gewöhnlichen Leben nicht. Man kann Anstrengungen machen und sie unterlassen. Das hat man erst durch Schulung zu lernen, daß man den Willen so stark macht, wie ich es geschildert habe. Wenn die ganze Bilderwelt heraufgezogen ist, dann muß man bewußt den Willen immer schwächer werden lassen, der erst diese Welt heraufgezaubert hat, und so imstande sein, diese ganze Welt versinken zu lassen. Das kann man aber nur nach der Besiegung des Selbstsinnes.

Bedenken Sie nur, was eigentlich da von unserer Seele gefordert wird. Es wird gefordert, daß wir erst alle Anstrengungen machen, um eine solche Welt hervorzurufen; dann aber müssen wir das, wofür wir die größten Anstrengungen gemacht haben, wieder auslöschen. Wir können uns nicht daran beseligen. Die ganze Welt, die wir so erst durch die äußeren Anstrengungen entwickelt haben, müssen wir in den Untergründen des Bewußtseins versinken sehen wie Vorstellungen, die wir vergessen haben. Wenn wir das erlangt haben, dann treten wir erst ein in eine Welt, welche die wahre geistige Welt ist, die Welt geistiger Wesenheiten und geistiger Tatsachen. Und der Geistesforscher weiß durch die vorangehenden Übungen, daß er jetzt in der geistigen Welt lebt. Würde er nicht sich diese Fähigkeit erworben haben, das alles wieder verschwinden zu lassen, so würde er kein freier Beobachter der geistigen Welt sein können. Es läßt sich damit vergleichen, wie wenn man ein Ding anschauen würde und sich nicht mehr abwenden könnte. Das, was dem Zuwenden und Abwenden der Aufmerksamkeit entspricht, das entspricht auf dem Gebiet der geistigen Beobachtung dem Heraufziehen der Eindrücke und dem Wieder-Verschwinden-Lassen. Das muß bei der Entwicklung des Seelenlebens erlernt werden. Wenn der Mensch an diesem Punkt angekommen ist, dann tritt für ihn nicht nur die Spaltung ein, die schon geschildert worden ist, sondern der Zeitpunkt, wo er etwas wie zwei getrennte Gebiete vor sich hat. Von dem einen Gebiet erlebt er, daß er es von sich losschälen muß; er fühlt, es ist das, was er bisher als sein einziges Eigentum geschätzt hat, von dem erkennt er auch, daß er es im Tode ablegt. Es gehört ein gewisser Mut dazu, das in wirklicher Erkenntnis zu ergreifen. Denn der Mensch erkennt, daß er lernen muß, etwas, woran er hängt und das ihm sonst erst im Tode entrissen wird, nunmehr aus freien Stücken zu entbehren.

Dann lernt er erkennen, wie gleichsam die Frucht, die auserwählt wird zur weiteren Aussaat, der menschlich-seelische Wesenskern ist, der nicht in der Leiblichkeit aufgeht, sondern ihr nur zugrundeliegt, der Wesenskern, der nicht von Vater und Mutter herrührt, sondern der aus der geistigen Welt herunterkommt, der das, was ihm die Eltern geben, verwendet im äußerlich-leiblichen Menschendasein. Diesen geistigen Wesenskern lernt man erkennen. Was Geisteswissenschaft da zu zeigen hat, ist unserer Gegenwart durchaus entsprechend, es entspricht durchaus einer naturwissenschaftlichen Errungenschaft.

Die Geisteswissenschaft weist darauf hin, daß im Menschen wohl die Eigenschaften der Eltern und Großeltern leben, daß es aber eine ungenaue Betrachtung ist, wenn man sagt, daß der Mensch nur zusammengesetzt ist aus dem, was er von den Eltern ererbt hat. Physisch trägt der Mensch die Merkmale seiner physischen Vererbung, aber Geistes-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem stammen. Das, was in uns als Geistig-Seelisches lebt, als geistigseelischer Wesenskern, was man erkennen lernen kann auf die geschilderte Weise, das kommt aus dem Geistig-Seelischen. Und weil der Mensch eine innerlich geschlossene Individualität ist, hat man es nicht zu tun mit einem Gattungskeim, sondern mit einem Individuellen. Das heißt, was in uns auftritt als geistig-seelischer Keim, das führt auf das Individuelle des Menschen zurück. Damit aber tritt vor unserer Seele jene Lehre auf von den wiederholten Erdenleben.

Dieses Geistig-Seelische, das wir in uns tragen und das durch die Pforte des Todes hindurchschreitet, dieses Geistig-Seelische, das sich selbst den Leib auferbaut, das führt zurück auf ein früheres und auf noch frühere Erdenleben, bis man zu der Zeit kommt, wo es zum ersten Male gelebt hat. Und das, was in diesem Teil unseres Wesens ruht, das geht durch die Pforte des Todes und lebt dann in einem übersinnlichen Dasein. Von diesem aus tritt der Mensch, indem er in die Vererbungsströmung sich begibt, die ihm von der physischen Welt entgegenkommt, zu einem neuen irdischen Leben ins Dasein.

Sie sehen, die Logik ist ganz dieselbe wie in der Naturwissenschaft. Wer sie bekämpfen will, der weiß nur noch nicht, wovon er eigentlich redet. Denn wenn derjenige, der auf naturwissenschaftlichem Boden steht, sagen wollte: Ja, man kann es aber doch nachweisen, daß die Eigenschaften ererbt sind von den Eltern -, muß man ihm antworten: Insoweit es nachgewiesen werden kann von der Naturwissenschaft, kann man nur sagen: Es ist wahr! - Wenn aber der materialistische Monist daraus machen will: Weil man diese Eigenschaften ererbt hat von Eltern und Voreltern, könnten sie nicht von dem herrühren, was der Mensch in einem früheren Leben als Kräfte gestaltet hat, die in seinem jetzigen Leben wieder aufleben -, so ist ihm zu erwidern: Man kann ebensogut sagen, der Mensch ist naß, weil er ins Wasser gefallen ist. - Das eine ist wahr, weil das andere wahr ist. Wahr ist, daß der Mensch gewisse Eigenschaften von seinen Voreltern ererbt hat - wahr ist aber auch, daß er gerade zu diesen Eltern hingezogen wurde, weil er sich die Kräfte anzueignen hat, die gerade von diesen Eltern zu holen sind. Nur Geistiges verursacht Geistiges.

Wer richtig hinsehen will auf diese Sache, der wird anerkennen, daß heute die Geisteswissenschaft vorzugehen hat wie Francesco Redi, der als eine naturwissenschaftliche Wahrheit den Satz hinstellen mußte: Lebendiges kann nur von Lebendigem kommen. - Es wird ihr auch mit Bezug auf die Aufnahme der Wahrheit so gehen. Sie dürfen nicht glauben, daß man den Satz «Lebendiges kann nur von Lebendigem kommen» mit Wohlgefallen aufgenommen hat. Nur mit knapper Not ist Francesco Redi dem Schicksal Giordano Brunos entgangen. Heute redet man nicht mehr von Ketzerei, sondern heute nennt man die Menschen, die Neues zu verkündigen haben, Träumer und Phantasten, und man hat heute mildere Methoden gefunden als das Verbrennen, um dem zu begegnen, was in die Zeitkultur hineinkommen muß. Es wird aber so kommen, wie es immer in solchen Fällen gekommen ist. Was zuerst Phantasterei, ja Narretei genannt wurde, wird nachher zur Selbstverständlichkeit. Und es wird die Zeit kommen, wo der Satz «Geistig- Seelisches kann nur von Geistig-Seelischem kommen» als eine Selbstverständlichkeit gelten wird. Dann wird allerdings mancher sich so vertieft haben in die ganze Art dieses Satzes, ihn so haben wirken lassen auf sich, daß gewisse Einwendungen, die heute noch gemacht werden, dahinfallen.

Ich habe schon gesagt: Man braucht sich nicht zu wundern über die Gegnerschaft gegen diese Lehre vom Geistigen. Die Sache ist so, daß nicht nur die, die sich wenig mit den Dingen befassen, sondern auch diejenigen, die mit gutem Willen hinein wollen in die geistige Welt, das noch nicht begreifen können, um was es sich hier handelt: um die Lehre von den wiederholten Erdenleben.

Mit der Lehre von der Reinkarnation stehen wir der Unsterblichkeitsfrage in einer ganz anderen Weise gegenüber, als wenn man sie in bezug auf eine unendliche Zeit beurteilen wollte. Man steht dann der Unsterblichkeit so gegenüber, daß man sie Glied für Glied sich aufbauen sieht. Man spricht davon, daß die Seele fortlebt, weil man sieht, daß in dem einen Erdenleben der Keim enthalten ist, der mit derselben Sicherheit ein nächstes Erdenleben hervorbringt, wie in der Pflanze der Keim enthalten ist, der die nächste Pflanze hervorbringt. Und so, wie man das gesamte Pflanzenleben überblickt, indem man die Pflanze anschaut von der Wurzel bis zum Keim, dann später im Frühling den Keim wieder hervorkommen sieht, so wird eine fortlaufende Kette der Entwicklung der Seele überschaut. Da stellt sich dann heraus, daß man auch zu einer befriedigenden Lösung des Schicksalsrätsels kommen kann. Wir sehen den einen Menschen heranwachsen von seiner frühesten Kindheit an in einer liebevollen und guten Umgebung, und wir sehen einen anderen Menschen aufwachsen in einer Umgebung, die nur in schlechtem Sinne auf ihn wirken kann. Warum ist das so? Da müssen wir das eine und das andere Leben verursacht sehen von einem früheren Erdenleben. Wenn es einerseits trostlos klingt, daß jedes Unglück auf diese Weise selbstverschuldet sei, so muß doch gesagt werden, daß es sich bei Glück und Unglück um etwas anderes handelt, wenn Glück und Unglück vom richtigen, vom einzig berechtigten Gesichtspunkte aus betrachtet werden. Was ich damit meine, möchte ich an einem Beispiel zeigen. Ein achtzehnjähriger junger Mann, dessen Vater sehr reich war, lebte wenig zur Freude seiner Umgebung. Er wollte nichts lernen, nur das Leben genießen, und war auf dem Wege, ein rechter Taugenichts zu werden. Da starb der Vater, und zugleich ging auch das Vermögen verloren. Dadurch wurde der junge Mann gezwungen, etwas zu lernen, zu arbeiten, und er wurde ein tüchtiger Mensch. Da mußte er sich sagen: Was ein Unglück zu sein schien, das war ein Glück für mich. So müssen wir uns im Unglück sagen: Wir haben uns aus einem früheren Leben heraus selbst zu dem Unglück bestimmt; wir haben selbst uns zu diesem Schicksal hingeleitet. Dann ist es unberechtigt, ein Unglück zu beurteilen, wenn wir darinnenstehen. Man muß es betrachten als die Folge einer früheren Unvollkommenheit. Wir müssen uns sagen können: Die gesamte Seele würde sich nicht entwickeln können, wenn sie nicht dieses Unglück erleben würde. Das Unglück kann eine Schule der Vollkommenheit bilden.

Wenn jemand es hier schon zu einer Erkenntnis gebracht hat, die er im Leben erkämpft und errungen hat, und wir fragen ihn: Du hast Leid und Schmerz erfahren, Freude und Seligkeit - was würdest du lieber hergeben von diesen Erlebnissen? - Wenn der Mensch nachdenken würde über den wahren Sachverhalt, er würde antworten: Freude und Seligkeit nehme ich dankbar hin; wenn ich aber zu wählen hätte zwischen den Leiden und den Freuden, so gäbe ich lieber die Freuden hin, denn durch die Leiden habe ich gerade meine Erkenntnisse erhalten: ich wäre nie der geworden, der ich bin, wenn ich nicht durch die Schule des Leidens gegangen wäre. - Es gibt eine andere Beurteilung der Leiden, als die vom Standpunkt der gewöhnlichen Empfindungen aus. So darf man die Lehre von den wiederholten Erdenleben nicht trostlos nennen. Was wird uns durch diese Lehre gegeben? Die Unsterblichkeitsfrage und die Schicksalsfrage lösen sich! Die Unsterblichkeitsfrage löst sich dadurch, daß wir wissen, dieses Leben trägt den Keim zu einem folgenden Leben in sich. So fügt sich uns das ganze Leben zu einem unsterblichen zusammen in einer ganz wissenschaftlichen Weise. Und die Schicksalsfrage löst sich dadurch, daß das Schicksal zur Entwicklung notwendig ist. Den Tod und den Schmerz zu verstehen suchen, das ist im Grunde genommen: Interesse entwickeln für die großen Lebensrätsel.

Ein großer Gelehrter, Charles Eliot, hat 1909 einen Vortrag gehalten über die Zukunft der Religion. Er hat darin zugegeben, daß der Mensch aus den Naturprozessen selbst zu der Annahme eines Geistes und der Seele kommen muß. Er hat aber auch gefordert, daß die Weltanschauung der Zukunft nicht von dem Tod und dem Leid ausgehen muß. Er sagte, die Weltanschauungen der Vergangenheit redeten von Schmerz und Leid. Die Leiden werden dem Menschen abgemildert durch die Freude. Eine Weltanschauung sollte nur von Freuden und von überwundenen Schmerzen reden. - Man möchte ihm recht geben, denn es wäre in der Tat wünschenswert, daß der Mensch auch materiell nur sprechen könnte von einem Leben voller Freude. Aber wenn der Mensch absehen will von Tod und Schmerz und sagt: Ich will nicht auf Leid und Schmerz eine Weltanschauung aufbauen, ich will nur das Leben in Freuden gelten lassen -, dann muß man ihm erwidern: Magst du auch das Leben in Freude gelten lassen, Tod und Leid kommen von selbst, sie kommen an dich heran, sie treten in dein Leben ein. Nur eine solche Weltanschauung kann wirklich mit den Rätselfragen fertig werden, die, wie die Geisteswissenschaft, aus Leiden und Freuden sich zusammenschließt, weil beide eine Schule der Vervollkommnung sind. Und mit dem Tod kann eine Weltanschauung nur fertig werden, wenn sie versteht, daß der geistig-seelische Kern, diese Hülle, die er um sich hat, ebenso abwerfen muß, wie der Pflanzenkeim, der im nächsten Jahr eine Pflanze hervortreiben will, die welk werdenden Blätter und Blüten abwerfen muß. Wir müssen, um in ein neues Leben einzutreten, den geistig-seelischen Kern entwickeln, der aber mit derselben Sicherheit den Körper, den Leib abwerfen muß, durch den Tod gehen muß, um in ein nächstes Leben einzutreten.

Da wird man fertig mit dem Tod, denn da erkennt man in ihm das, was notwendigerweise eintreten muß: daß man durch ihn zu einem neuen Leben kommen kann. Man erkennt in dem Tod die Wurzel des unsterblichen Lebens. Nicht dadurch wird man fertig mit den Welträtseln Leid und Tod, daß man vor ihnen die Augen zumacht, wie Charles Eliot meint, sondern dadurch wird man mit ihnen fertig, daß man sie als notwendig erkennt, als ebenso berechtigt wie Glück und Leben.

Ich sagte eben, daß in der Gegenwart noch nicht viel Vorbedingungen da sind, selbst bei den Besten, die nach Weltanschauung streben, um in diese Dinge einzudringen. Ein Beispiel möchte ich anführen, das gerade so vielsagend ist, weil es von einem Manne genommen worden ist, der sich in tiefer Weise in geistige Probleme einzuleben versuchte, der manches Wunderschöne, auch oftmals allerdings Mystisch-Verschwommene geliefert hat, Maurice Maeterlinck. Er trat in der letzten Zeit auch an die Frage der Unsterblichkeit heran. Da begegnete ihm diese Lehre von den wiederholten Erdenleben, und von dem, wie das Schicksal sich zimmert. Und es ist wörtlich in der Übersetzung des neuesten Werkes von Maeterlinck zu lesen über das, was er für einen «Glauben» hält und als Glauben anspricht. Er hält also das, was als Geisteswissenschaft charakterisiert worden ist und das sich als Wissenschaft zeigt, für einen Glauben. Er sagt: «... Denn nie gab es einen Glauben, der schöner, gerechter, reiner, moralischer, fruchtbarer, tröstlicher und in einem gewissen Sinne wahrscheinlicher ist als der ihre.» - Er meint den «Glauben» der Theosophie. -«Er allein gibt mit seiner Lehre von der allmählichen Sühne und Läuterung allen körperlichen und geistigen Ungleichheiten, allem sozialen Unrecht, allen empörenden Ungerechtigkeiten des Schicksals einen Sinn. Aber die Güte eines Glaubens ist kein Beweis für seine Wahrheit, obwohl sechshundert Millionen Menschen dieser Religion huldigen. Obwohl sie den in Dunkel gehüllten Ursprüngen am nächsten steht, obwohl sie die einzige nicht gehässige und von allen am wenigsten abgeschmackt ist, hätte sie das tun müssen, was die anderen nicht taten: uns unverwerfliche Zeugnisse zu bringen. Denn was sie uns bisher gab, ist nur der erste Schatten vom Anfang eines Beweises».

Da sehen Sie einen solchen Menschen, der herangekommen ist an die Geisteswissenschaft, der aber verstrickt ist in die Denkgewohnheiten der heutigen Zeit; er nennt die Anschauung von den wiederholten Erdenleben einen «Glauben», der schöner, gerechter, reiner, moralischer und so weiter ist als andere. So weit geht er. Aber er findet keine Möglichkeit, sich einen Beweis - was er einen Beweis nennt zu beschaffen. Dem gegenüber muß man erstens sagen: Wenn jemand keinen Beweis sieht für eine Anschauung, so braucht das nicht zu bedeuten, daß diese Anschauung nicht bewiesen werden kann, sondern es kann davon herrühren, daß diese Anschauung ihn eben nicht durchdrungen hat. Und es ist charakteristisch für die Gegenwart, daß die Menschen sich so schwer hinfinden können zu etwas, was einmal selbstverständlich sein wird.

Zweitens muß man sagen: Wenn einem gerade eine solche Aussage entgegenkommt wie diese von dem genialen Maeterlinck und man sie tiefer durchschaut, dann drängt sich einem unwillkürlich der Gedanke auf: Bewiesen soll diese Anschauung von den wiederholten Erdenleben werden? Nun, so wie sie hier heute besprochen worden ist, wenn auch allerdings nur skizzenhaft, so ist das gegeben worden, was man ihre Begründung nennen kann. Aber es könnte sein, daß irgend jemand von einem Beweis etwas fordert, was gar nicht von einem Beweis gefordert werden kann.

Ich möchte an etwas anderes erinnern, etwas scheinbar ganz Fernes. Es hat immer Leute gegeben, die sich befaßt haben mit der Quadratur des Kreises, das heißt mit der Ausrechnung, wie man den Kreis in ein flächengleiches Quadrat verwandeln kann. Und wahrhaftig, die Menschen, die immer wieder Beweise ersonnen haben, sie sind nach und nach zu einer wahren Landplage geworden bei den mathematischen Gesellschaften. Denn alle Jahre lief eine Anzahl von solchen Beweisen ein, die aber alle Unsinn waren. Man bildete sich aber immer ein, daß der Beweis einmal gefunden würde. Die Pariser Akademie hat zuletzt, weil so viele Antworten einliefen, sich nicht mehr zu retten gewußt und hat alle in den Papierkorb geworfen. Aber sie hat doch nicht den Glauben hegen dürfen, daß nicht der Beweis gefunden werden könne. Da hat man die Entschuldigung gefunden: unter hundert Zusendungen werden sicher neunundneunzig nichts taugen. Da muß man es schon riskieren, neunundneunzig Manuskripte mit dem einen zugleich in den Papierkorb zu werfen. Früher konnte man nachsinnen über die Quadratur des Kreises, jetzt nicht mehr, denn mittlerweile ist bewiesen worden, daß es diesen Beweis gar nicht gibt. Es ist also nicht möglich, diese Quadratur des Kreises zu finden, so wie man sich vorgestellt hatte, sie einmal beweisen zu können. Aber es gibt ein sehr einfaches Mittel, den Kreis doch in ein Quadrat zu verwandeln. Man nimmt ein Papier und macht daraus einen Kreis; dann schneidet man den Kreis auseinander und legt ihn in ein Quadrat. Dann hat man es nicht durch Rechnung, aber durch eine Tat gemacht. Man kann es nicht berechnen, aber man kann so vorgehen. Deshalb ist die Sache doch wahr und gut und begründet, aber man hat die Beweise in der falschen Weise gesucht. So macht es Maeterlinck. Er fordert etwas, was eine falsche Denkungsart voraussetzt.

Wir sehen daraus, welche Schwierigkeiten heute noch bestehen für die Anerkennung der Geisteswissenschaft. Gerade an diesem neuesten Werk von Maeterlinck, das sich mit vielem aus der Geisteswissenschaft beschäftigt, sehen wir, wie auch ein solcher Mann schwer [mit diesen Gedanken] zurechtkommt; wir sehen daraus, daß die Geisteswissenschaft heute nur schwer eingeführt werden kann in die Menschheit.

Man kann nicht sagen: Nun ja, wenn die Sache so ist, wie du uns erzählt hast, dann können ja nur die Geistesforscher in die geistige Welt hereinkommen. So ist es nicht. Geistesforscher zu sein ist nur notwendig, um die Dinge in der geistigen Welt zu suchen. Hat man sie aber gefunden, dann hat man sie in das Gedankenbild zu bringen, wie ich es versuchte in meinem Buche «Die Geheimwissenschaft im Umriß». Wenn dann dieses Gedankenbild entworfen ist, dann muß es, wenn es richtig entworfen ist, dem gesunden Menschenverstand erklärlich sein - dann braucht es nicht bewiesen zu werden in der Art, wie es Maeterlinck meint. Jeder kann die Geisteswissenschaft verstehen und begreifen, der vorurteilslos das nimmt, was vom Geistesforscher in Gedankenbilder gebracht wurde. Wie man nicht Maler zu sein braucht, um ein Bild zu verstehen, so muß man nicht selbst Geistesforscher sein, um die geistigen Tatsachen zu verstehen, die der Geistesforscher aus der geistigen Welt herausgeholt hat. Das kann der gesunde Menschenverstand, wenn er nicht gebunden ist an Vorurteile. Aus diesem, was vom Geistesforscher in ein Bild gebracht wird, setzt sich das zusammen, was die Seele braucht zur inneren Sicherheit und Kraft. Und der Geistesforscher hat noch nichts von der geistigen Welt, wenn er bloß darin herumwandelt; er hat erst dann etwas, wenn er das, was er schaut, zu Gedankenbildern und Ideen macht.

Obwohl in der heutigen Zeit durch die Entwicklung, welche die Menschenseele erlangen kann - wie ich es beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» -, jeder bis zu einem gewissen Grade ein Geistesforscher werden kann, so daß er sich unmittelbar von dem überzeugen kann, was heute gesagt worden ist, so braucht es aber nicht jeder zu sein. Es ist so wie bei einem Rätsel, das einem aufgegeben wurde: die Lösung braucht einem nicht bewiesen zu werden, wenn man selbst darauf kommt. Steht man der Geisteswissenschaft richtig gegenüber, so verbindet man sich mit ihr aus Verständnis, so wie man die Lösung eines Rätsels finden kann.

Wer sich in die Geisteswissenschaft vertieft, lebt sich in sie hinein. Und weil die Seele zur Wahrheit und nicht zum Irrtum bestimmt ist, so wissen wir, wenn wir eingedrungen sind in die geistige Welt durch die Mitteilungen des Geistesforschers: Wir haben es verstanden, wir haben es begriffen. - Wenn die Lösung eines Rätsels uns gesagt wird, so glauben wir nicht nur, daß es so ist, sondern wir wissen es. So ist es mit dem Verständnis für die Geisteswissenschaft. Sie kann nicht bloß auf Autorität hin angenommen werden, aber sobald sie uns mitgeteilt worden ist, stimmt sich unsere Seele so, daß wir sie auch verstehen. Und der Geistesforscher hat nur dann etwas mehr von diesem Verständnis, wenn er die geistigen Tatsachen und Wahrheiten in Gedankenbilder gebracht hat. Und dasselbe hat jeder Mensch für seine Seele, der an die Geisteswissenschaft herantritt; er hat ein neues Verhältnis zu den Lebensrätseln, zu der Todesfrage, ein Verständnis, das nicht nur Theorie ist, sondern als eine Lebenspraxis, als Lebenselixier durch das Leben gehen kann. Wenn ein Mensch so erzogen wird, daß die geisteswissenschaftlichen Begriffe in ihm leben, dann wird er auch gegen das Alter hin sich so fühlen, daß er das Goethesche Wort «Im Alter wird man Mystiker» wohl verstehen kann. Er sagt sich dann: Wenn meine Glieder anfangen, schwach zu werden, wenn mein Leib abwelkt, dann bin ich wie der Pflanzenkeim, dem die Blätter abwelken. In mir ersteht der geistig-seelische Kern. Und man wird nicht nur wissen von diesem Wesenskern, man wird ihn fühlen als eine Kraft, die durch die Pforte des Todes geht und durch eine geistige Welt hindurch, um dann wieder ein neues Leben zu zimmern. Das wird eine Lösung der Unsterblichkeitsfrage sein, die praktisch ist für das Leben. Man wird in sich das Unsterbliche erleben.

Auf diese Weise wird die Geisteswissenschaft ein Lebenselixier werden; Kraft und Sicherheit wird sie dem Menschen geben können. Wir wissen, das Leben ist heute infolge der Triumphe der Naturwissenschaft komplizierter als jemals. Wir sehen auch, daß die Seele manchmal den Halt braucht, den sie nicht haben kann an dem, was ihr geistig aus der Vergangenheit kommt. Die Naturwissenschaft wird auch weiter die Menschheit von Triumph zu Triumph führen. Der Mensch wird aber dabei immer weiter und weiter zerrissen werden. Da werden starke innere Triebe und Kräfte dasein müssen. Allein die Geisteswissenschaft wird die Menschen stark genug machen können, um sich nicht nervös machen zu lassen durch die Einwirkungen des modernen Lebens. Für das äußere Leben, dem wir entgegengehen, ist eine Erstarkung des inneren Lebens unerläßlich notwendig. Wenn aber jemand wirklich eindringt in die Geistes- Wissenschaft, dann wird er sich immer mehr und mehr zu jenen Gesichtspunkten erheben, zu denen sich der wahre Geistesforscher schon heute erhebt.

German original of Spiritual Science and Natural Sciences—their Relationship to the Riddles of Life II · ← Previous