Death and Immortality in the Light of Spiritual Science
GA 69d — 28 November 1910, Hamburg
1. Leben und Tod
Wenn die Menschen auf die Interessen ihrer Seele achten, dann ist gewiss die Frage, deren Beantwortung unsere heutige Betrachtung gewidmet sein soll - die Frage nach Leben und Tod -, eine anerkannt wichtige und bedeutungsvolle, und die Beantwortung dieser Frage muss treffen tiefe Bedürfnisse des menschlichen Seelenlebens. Dennoch ist es in unserer Gegenwart aber schwierig, über solche Dinge zu sprechen, da es schwierig ist, verwandte Saiten in der Seele anzuschlagen, denn die Begriffe, Anschauungen und Vorstellungen, die unsere Zeit aus scheinbar feststehenden naturwissenschaftlichen Begriffen gewonnen hat, widersprechen dem, was aus geisteswissenschaftlicher Forschung heraus gesagt werden muss; und es ist schwierig, diesen naturwissenschaftlichen Begriffen gegenüber eine unbefangene Betrachtungsweise zur Geltung zu bringen.
Nun könnte es ja sein, dass denjenigen, die heute versuchen, diese Fragen zu beantworten, eine unbefangene Betrachtungsweise entgegengesetzt werden sollte, allein man braucht nur zu achten auf dasjenige, was sich uns darbietet aus der [zeitgenössischen wissenschaftlichen] Literatur, und man wird erkennen, wie wenig gesundes Denken, wie wenig gesunde Begriffe da sind und ein breites Publikum haben.
Der Begriff «Leben» - nehmen wir die «Physiologie» eines der größten Naturforscher der neueren Zeit, Huxley: Da haben wir in Bezug auf [zeitgenössische] Wissenschaft ein mustergültiges Buch, und in diesem Buch finden wir eine Auseinandersetzung über den Begriff des Lebens. Zuerst spricht er vom Menschen, und es wird gesagt, dass Leben beim Menschen abhängig sei von Gehirn, Lunge und Herz, und wenn eines dieser Glieder nicht richtig funktioniere, dann sei das Leben gefährdet. Und dann wird ein kurioser Übergang gemacht. Es wird gesagt, wenn man sozusagen einen Menschen seines Gehirns berauben könne, aber auf künstliche Weise die Lunge und das Herz in Tätigkeit erhalte, so dauere das Leben fort. Von einem gewissen Standpunkt, den man heute so sehr liebt, hat das natürlich einen guten Sinn, aber vom Standpunkt einer auf den ganzen Menschen gehenden Weltbetrachtung hat es nicht den geringsten, denn man würde sich für ein Leben bedanken, das die Dinge, die man erlebt, nicht im Bewusstsein hat. - Der wahre Tod tritt da ein, wo dies Bewusstsein aufhört. So ist der größte Naturforscher der Gegenwart gar nicht imstande, den Begriff «Leben» in rechter Weise zu fassen.
[Man macht es sich in der heutigen Wissenschaft außerordentlich leicht mit der Definition des Lebens.] Man meint, dass Leben dasselbe sei bei Mensch, Tier und Pflanze - alles wird durcheinandergeworfen, während wir uns klar sein sollten darüber, dass wir ein jedes Wesen in Bezug auf diese Frage auf seiner [eigenen Stufe] zu betrachten haben. Über das Allerwesentlichste in der Weltbetrachtung sieht man hinweg, denn Huxley hat sich angewöhnt, dasjenige am Menschen zu betrachten, was für das menschliche Leben und Wesen das Gleichgültigste ist: den Stoff der Leiblichkeit. Und so zitiert er ganz im Ernst den Ausspruch Hamlets - und für Hamlet schickt es sich, in seiner melancholischen Gemütsstimmung einen solchen Ausspruch zu tun und, hinschauend auf den Stoff der Leiblichkeit, diesen Stoff zu verfolgen, nachdem der große Cäsar gestorben ist, und zu sagen:
Der große Cäsar, tot und Lehm geworden.
Verstopft ein Loch wohl vor dem rauen Norden;
O dass die Erde, der die Welt gebebt,
Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt. Man müht sich heute, alle Anlagen des Menschen auf Vererbung zurückzuführen, und hilft sich dann mit der Hinzuziehung weit rückwärtiger Vorfahren. Aber das, was uns an dem einzelnen Menschen interessiert, was seine besondere Stellung, seine Aufgabe in der Welt bedingt, lässt sich nicht aus der Vorfahrenreihe erklären. Der unbefangene Erzieher kann sogar genau eine Grenze zwischen den vererbten Anlagen und jenen inneren Kräften des Menschen erkennen, welche aus früheren Lebensläufen herrühren. Dass man auch Tiere dressieren kann, ist für den, der auf das Wesentliche zu schauen vermag, kein stichhaltiger Einwand. Man hat da etwas zu unterscheiden; den Tieren schreiben wir eine Gruppen-, Art- oder Gattungsseele zu - es ist doch Tatsache, dass wir uns ebenso für den einzelnen Menschen interessieren wie für eine ganze Gattung bei Tieren. Beim Tier tritt die geistige Individualität nicht im einzelnen Wesen, sondern in der ganzen Art ins Dasein. Man kann die einzelnen Gefühle des Menschen vergleichen mit dem einzelnen Tier und den ganzen Menschen mit der Tier-Gattung. Das Tier lebt so lange, als die Gruppenseele nicht das Interesse verloren hat an dem einzelnen Exemplar. Weismann kann deshalb den Grund für den Tod beim Tier nicht finden, weil er dies übersieht. - Beim Menschen tritt durch die Geburt etwas ins Dasein, was sich weder beim Tier noch bei Pflanze und Mineral findet. Es gibt zwar Denker, welche die Meinung überwunden haben, dass der Mensch nur durch vererbte Kräfte zusammengefügt sei. Sie erkennen, dass eine Individualität dem leiblichen Dasein vorangeht und es gestaltet, finden aber doch nicht die Lösung durch die Annahme wiederholter Erdenleben; siehe Immanuel Hermann Fichte, «Anthropologie»: Francesco Redi war der erste, der behauptete, dass Lebendiges immer nur aus Lebendigem entstehen kann. Nur eine ungenaue Beobachtung konnte in früheren Zeiten zu dem Glauben führen, dass aus verfaulten Ochsen Hornissen, aus Pferde-Kadavern Bienen und aus Eseln Wespen entstehen. Wie die heutige Naturwissenschaft gegen einen solchen Aberglauben protestiert, so muss der Geistesforscher dagegen protestieren, dass Geistig-Seelisches durch die Vererbungslinie erklärt werden kann. Die menschliche Individualität weist auf sich selbst in früheren Erdenleben zurück. Ein bekannter Einwand dagegen ist: Wenn sich der Mensch nicht erinnert, so haben die früheren Erfahrungen keinen Wert. - Es gibt aber auch zwischen Geburt und Tod eine Zeit, an die man sich nicht erinnert: die ersten Jahre nach der Geburt - und doch war man da; das Ichbewusstsein war nur noch nicht stark genug. Der Zeitpunkt, in dem zuerst das Ichbewusstsein auftritt, ist auch die Grenze für die Rückerinnerung. Also dieses Darin-Sein des Ichs bildet die Möglichkeit, sich zu erinnern. Wenn ein Mensch lernt, sich zu erinnern, so wird er sich eben erinnern. Es ist nicht leicht, dies zu erfassen; nur durch eine ganz bestimmte Empfindungsweise, absolutes Gleichmaß, Gleichmut, keinerlei Furcht vor dem Schicksal: Damit macht unser Ich einen Ruck nach vorwärts. - Die Vererbungstheorie hat sonderbare Blüten hervorgebracht, dass zum Beispiel ein Genie am Ende einer Vererbungslinie steht und nicht am Anfang. Das ist doch eigentlich nicht mehr verwunderlich, als dass ein ins Wasser Gefallener nass ist, wenn man ihn herauszieht. Wir alle kennen den Scherz Goethes: Nun, was an dem «Wicht original» zu nennen ist, wird die Menschheit schon wissen. - Unser Leib ist aufgebaut aus den Kräften, die wir uns aus früherer Verkörperung angeeignet haben; was wir uns aber jetzt in dieser Verkörperung an seelischen Fähigkeiten hinzuerwerben, das schafft uns die Bedingungen für das nächste Leben. In diesem Körper hat sich eine Seele ausgebildet, die größere Fähigkeiten hat als im früheren Leben; und wir empfinden ein Gefühl der Dankbarkeit dafür, dass dieser Körper stirbt, denn wenn die Sinne stumpf werden, baut sich die Seele schon einen andern Leib auf und kann von sich werfen das, was der Weiterentwicklung der Seele nicht gewachsen ist. Die moderne Naturwissenschaft ist dieser Annahme schon sehr nahe. Man hat schon gefunden, dass wir nur ermüdet werden von den Tätigkeiten, die mit unserem Bewusstsein zusammenhängen; das ist doch schon etwas. Ein moderner Naturforscher, Thomson, sagt: Die Seele steht zum Körper ungefähr in dem Verhältnisse des Reiters zu seinem Pferde. Das ist der Gedanke, den die antike Kunst mit dem Kentauren ausdrückte. Es gibt allerdings Leute, die behaupten, dass den Alten die wilden Völker des Ostens, wie sie durch den Nebel dahergeritten kamen, wie mit ihren Pferden verwachsen erschienen seien, und das habe dann ihre Phantasie zu der Gestaltung des Kentauren angeregt. Der Geistesforscher schaut nicht auf den Leichnam, sondern auf das, was den Leichnam zurücklässt: