Death and Immortality in the Light of Spiritual Science
GA 69d — 3 December 1910, Kassel
21. Menschenseele und Tierseele
[Anfang fehlt] Von Gehirn, Lunge und Herz hängt das Leben ab, sagt Huxley. Sinnenfällig, äußerlich hat er recht. Er meint, das Gehirn könne man ausschalten, und Lunge und Herz genügten allein zum Leben. Schönes Leben! Ich glaube, jeder von Ihnen würde sich bedanken für ein solches Leben ohne Gehirn hier in der physischen Welt.
So steht es mit vielen, vielen Vorstellungen, die heute in der Wissenschaft herrschen. Intelligentes Leben sieht man bei den Tieren, auch bei den niedersten. Daraus hat man den Schluss gezogen, dass der Mensch nur eine Fortsetzung des Tierreichs sei. Aber die Geisteswissenschaft, was sagt sie? Man muss nur richtig hinschauen. Man muss auch einmal hinschauen, hinweisen auf den Nachteil im Seelenleben des Menschen gegenüber dem Tiere. Die Tiere haben von Anfang an das, was ihnen nötig ist zum Fortbestehen ihres individuellen und Gattungswesens, während die Menschen sich das erst aneignen müssen: Biber - Deichbau; Wespe - Papier. So könnte man wohl sprechen von einer Minderwertigkeit des Menschen gegenüber den Tieren. Es ist widerspruchsvoll, nur zu sprechen von dem geistigen Leben des Menschen. Er muss sich Vorstellungen machen von allem, was ihn umgibt, und dieses geistig verarbeiten. Es passt dem Menschen von heute nicht, dass auch in allem Übrigen Geist ist, nicht nur in ihm.
Das Tier wird durch seine Organe belehrt, der Mensch auch; aber der Mensch belehrt auch wiederum seine Organe, sagt Goethe bedeutungsvoll - Brief an W. v. Humboldt, 17. März 1832.
Zell schreibt ein kleines, sehr gutes Büchlein: «Ist das Tier unvernünftig?» Er zeigt da: Der Hund hat Angst vor dem Wasser, nicht nur, wenn man ihn übergießt, sondern überhaupt vor Wasser, und je reiner es ist, desto mehr fürchtet er sich. Weshalb? Er ist auf den Geruch hin organisiert. Reines Wasser riecht nicht; es ist für den Hund dasselbe wie für ein Kind, das in ein ganz dunkles Zimmer gehen soll, wo seine Organe keine Wahrnehmungen mehr machen können. Das Tier ist ganz und gar hineingebaut in seine Organe mit seiner Organisation. Beim Menschen bleibt etwas sehr Beträchtliches offen. Der Zwischenkieferknochen, das ist das kleine Stückchen, in dem die oberen Schneidezähne sitzen, den haben die höheren Tiere. Diesen Zwischenkieferknochen hätten die Menschen nicht, bei ihm säßen die Schneidezähne im Oberkiefer, so sagte man im achtzehnten Jahrhundert und konstruierte damit eine Kluft zwischen den Tieren und den Menschen. Goethe überbrückte diese Kluft. Er findet durch emsige Studien, dass beim Menschen vor der Geburt dieser Zwischenkieferknochen vorhanden ist, der dann nach der Geburt verwächst. Nicht ein Geistesblitz war es, der ihn das finden ließ. Entzückt war er über diese Entdeckung.
Nicht im Einzelnen kann der Unterschied zwischen Mensch und Tier gefunden werden. Nur von dem kann er gefunden werden, der sich erheben kann vom Sichtbaren zum Unsichtbaren. Suchet nicht in etwas Materiellem den Unterschied zwischen Mensch und Tier - so wollte Goethe sagen.
Das, was die Menschen denken, das hängt von der Mode ab. Heute in der Theosophie denken viele noch materialistisch, so zum Beispiel, wenn man sagt, dass der Ätherleib nur ein feinerer physischer Körper sei. Im Augenblick, wo man zum Beispiel von Seelenschwingungen spricht, da spricht man von schwingendem Stoff, nicht von schwingendem Geist. Darauf kam es Goethe an, dass nichts Materielles liegen solle in dem, was er als den Unterschied zwischen Mensch und Tier angab.
Wenn ein Kind auf eine menschenleere Insel käme - es würde nicht sprechen und denken lernen, es würde sich nicht als Mensch fühlen. Das Tier ist für eine gewisse Gleichgewichtslage organisiert, der Mensch muss sich erst in die Gleichgewichtslage hineinbringen, er muss sein Selbstbewusstsein erst erlangen. Der Mensch erwirbt sich erst nach seiner Geburt das Gleichgewicht. Das Organ der Phantasie, der Vorstellungskraft ist unmittelbar nach der Geburt noch nicht voll ausgebildet vorhanden, das muss sich erst an der Umwelt entwickeln. Da ist etwas offen gelassen beim Menschen. Der Mensch baut an seiner Organisation aus seinem Geiste heraus.
Dass Hornissen aus Pferdekadavern und Wespen aus Eselskadavern entstünden, das ist bis in das siebzehnte Jahrhundert hinein ganz wissenschaftlich-systematisch ausgeführt und dargelegt worden. Francesco Redi sagte dann den Satz: Lebendiges kann nur aus Lebendigem kommen. — Das war damals im siebzehnten Jahrhundert eine große Ketzerei: Galilei, Giordano Bruno, Francesco Redi - auf deren Ideen einzugehen war den Menschen dazumal nicht möglich. In derselben Lage, wie damals Redi war, ist heute die Geisteswissenschaft. Ein geistig-seelischer Kern ist im Menschen, und dieser Kern führt uns nicht zurück auf die physische Welt, sondern er führt uns zurück auf frühere Leben. So kommen wir zu dem Satze: Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem stammen. Es ist das eine ungenaue Beobachtung, wenn man meint, alles könne man aus der Umgebung erklären, so am Kinde wie am erwachsenen Menschen. In ihrer unendlichen Gescheitheit lächeln die Menschen über den Satz: Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem entstammen. - Und mit diesem Satze wird es ebenso gehen wie mit dem Satze Francesco Redis: Lebendiges kann nur aus Lebendigem kommen. Heute gelten diejenigen noch für Ketzer, die solche Grundsätze vertreten müssen.
Dasjenige, was zuerst am Menschen gearbeitet hat, um das Gleichgewicht zu erlangen, das bringt später die Geste hervor. Das, was zuerst in der Eigenbewegung wirkt, wirkt sich später aus in der Mimik, in dem, was das Seelische ausspricht.
Die Entwicklung des Schädels beim Tiere ist sehr lehrreich zu beobachten. Das spricht eine besondere Sprache. Aber bei den Menschen ist jeder einzelne Schädel verschieden. Die Phrenologie kann nur das herausfinden, was das Allgemeine ist. Es müsste für jeden Menschen eine eigene Phrenologie ausgearbeitet werden. In dem Schädel hat gewirkt, was von dem vorhergehenden Leben im Menschen wirkt. Der Schädel des Menschen ist eigentlich ein Beweis für die Wiederverkörperung. Das ist ärgerlich zu hören für die heutigen Menschen, aber [das] macht nichts, es ist schon so. Die Phrenologie darf nicht verallgemeinern; nur ein Künstler kann da an jedem einzelnen Schädel das Richtige herausfinden.
Eine besondere Art von Gebärde ist die Sprache des Menschen; durch die Sprache sind wir in das Volksmäßige hineingestellt. - Eine krächzende Stimme ist beim Manne viel unangenehmer als bei der Frau, denn das, was in der Stimme sich auslebt, ist beim Manne viel inniger verbunden mit dem Seelenleben als bei der Frau.
Ein Zurückschauen auf frühere Tatsachen ist die Erinnerung beim Menschen, nicht ein Denken von einer Tat bis zu der nächsten. Wenn man sagen wollte: Hätte der Mensch wirklich mehrere Erdenleben gehabt, so müsste er sich doch an sie erinnern -, so wäre dies ebenso, als wenn man ein vierjähriges Kind nähme und sagte: Dies Kind kann nicht rechnen, also kann der Mensch nicht rechnen. — So ist es auch mit der Erinnerung an die früheren Erdenleben. Man wird sich ihrer später einmal erinnern, man muss es nur erst lernen, wie man auch das Rechnen erst lernen muss.
Von dem Zeitpunkte an, wo das Kind den Ich-Gedanken erfasst, tritt auch die Erinnerung ein.
Wollen wir den Blick in die geistige Welt erringen, dann müssen wir mit absolutem Gleichmut, mit absoluter Gelassenheit zu allem, was der Strom der Zukunft an uns heranbringt, schweigen können, müssen alles begründet finden können in der geistigen Vorsehung. Wenn die Seele ruhig bleiben kann gegenüber Furcht und Schmerz, bis ins Physische, auch gegenüber äußeren Ereignissen — starke Hammerschläge zum Beispiel und so weiter —, wenn die Seele so gleichmütig der Zukunft gegenüber ist, dann eröffnet sich ihr allmählich der Blick in die geistigen Welten.
Man kann nur dadurch etwas wissen, ob es richtig ist, wenn man sich in die Sache hineinbegibt - so ist das bei der Mathematik, so auch bei den geistigen Tatsachen.
Beim Menschen ist der Geist nur lose verbunden mit den Organen, beim Tier ergießt sich der Geist in die Organe. Der Mensch steht mit seinem Selbstbewusstsein mittendrinnen, das ist der Fundamentalunterschied.
Wenn Karlchen einen Regenwurm zerschneidet, so ist das aufrichtig [?], doch die Gouvernante sagt, er solle das nicht tun, denn «es fühlt wie du den Schmerz». Einige Tiere ergänzen sich aber in glücklicher Weise gleich wieder, so schadet zum Beispiel dem Regenwurm das Zerschneiden nicht. Deswegen kann man da nicht sagen: «Denn es fühlt wie du den Schmerz.» Das ist nicht wahrheitsgemäß. Und wahr muss man sein, bei der Erziehung vor allem. Die höheren Tiere empfinden einen viel intensiveren Schmerz als der Mensch, auch das kleine Kind empfindet den körperlichen Schmerz viel stärker.
Es drängt sich in den Menschensinn (an die Menschenseele)
Aus Weltentiefen rätselvoll
Des Stoffes reiche Fülle.
Es strömt in Seelengründen
Aus Weltenhöhen inhaltsvoll
Des Geistes klärend Licht.
Sie treffen sich im Menschen-Innern
Zu weisheitsvoller Wirklichkeit.