Death and Immortality in the Light of Spiritual Science
GA 69d — 2 January 1912, Hanover
4. Das Wesen der Ewigkeit und die Natur der Menschenseele im Lichte der Geisteswissenschaft
[Des Menschen Sehnsucht, sich die Frage nach der Ewigkeit zu beantworten, entspringt] nicht nur [einem ängstlichen] Wunsch nach dem Dasein, nicht nur [einer kleinlichen] Sehnsucht nach der eigenen Unsterblichkeit, sondern, [das lehrt uns ein tieferer Blick in die Menschenseele, sie] entspricht dem Ewigkeitsbedürfnis der Menschenseele, [sie entspringt] einem tiefen [geistigen], moralischen Bedürfnis nach menschlicher Vervollkommnung. [Es gibt keinen Augenblick in der Seele, in dem sie nicht erfüllt sein muss mit Vervollkommnungsstreben.] Die Frage nach dem Wesen der Ewigkeit entspricht der Frage alles tieferen Nachsinnens. [Sie bildet eine der Grundfragen allen tiefen menschlichen Forschens.
Es gab aber auch in der menschlichen Seele eine gewisse Scheu, sich diesen Fragen zu nahen.] Daher der Glaube an die Unsterblichkeit: Nur auf dem Wege der religiösen Empfindung kommt man [zu einer Vorstellung der Ewigkeit], zur Empfindung der Unsterblichkeit der Menschenseele.
Die Aufgabe der Theosophie ist es, zu zeigen, dass Forschung, [wirkliche Wissenschaft], auch möglich ist auf dem Gebiete des Geistes. [Es war seit Jahrzehnten immer ihr Bestreben, in gewissen Kreisen das Bewusstsein zu erwecken, dass Forschung in geistigen Sphären möglich sei.] Das widerspricht den heutigen Denkgewohnheiten, den Empfindungen der Menschen [ja sehr; es ist nur zu begreiflich, dass Theosophie noch gelten muss als Phantasie, als wilde Träumerei]. Aber die ganz logische Art, bei der Geistesforschung vorzugehen, [die Grundmethoden] entsprechen den strengsten Anforderungen der Naturwissenschaft, wenn es auch nicht zugegeben wird.
[All das tritt uns aber in ganz besonderer Weise entgegen, wenn wir die Grundfrage der Ewigkeit und der Natur der Menschenseele, die damit zusammenhängt, aufwerfen.]
Der seelisch-geistige Kern des Menschen gibt sich schon kund im gewöhnlichen Leben und wird es immer mehr tun in der Geisteswissenschaft. [Geisteswissenschaft muss hinweisen auf das, was eigentlich innerhalb des Menschenlebens regiert [?], wie das das Seelisch-Geistige ist, wie dieser Kern sich verhält zum Reich der Vergänglichkeit.] - Schon oft war ich in dieser Stadt. Heute ist die Geisteswissenschaft noch wenig populär in wissenschaftlichen Kreisen, wo man sie ironisch, spottend behandelt.
Die Idee von den wiederholten Leben ist eine geisteswissenschaftliche Idee, ebenso das Entwicklungsprinzip der Menschenseele und des Menschengeistes. [Tatsachen, die schon aus dem gewöhnlichen Leben heraus betrachtet werden sollen, sind den meisten von Ihnen bekannt.] Goethe sagte: «Das Was bedenke, mehr bedenke, wie.» Das «Was» ist bekannt, aber was uns aufklären kann, ergibt sich aus dem «Wie». Man glaubt, dass die Menschenseele erschöpft sei im bewussten Denken, Fühlen und Wollen. [Man berücksichtigt nicht genügend die in den Tiefen der Seelen fortwährend sich abspielenden Faktoren. Wie wenig vermag der Mensch über sein Temperament, Naturell.]
Aber wie die Tiefen des Meeres dem unbekannt sind, der nur das Wellenspiel an der Oberfläche betrachtet, so ist das Unterbewusste unbekannt, in dem das gewöhnliche Leben wurzelt. [Ein flüchtiger Blick auf das Leben erinnert uns, wie fortwährend unbewusste Faktoren ins Leben hereinspielen.] Eine Ungerechtigkeit zum Beispiel, erlebt als Kind, die sich beim Schüler wiederholt, kann zum Selbstmord führen. [An den Schüler waren Vorwürfe und so weiter vom Lehrer ergangen. Nun, das geschieht bei anderen Kindern auch. Erst bei dem Kind führt es zu einem Selbstmord. Es sind die Erlebnisse des fünften Jahres, die seine Seele in verborgenen Tiefen so durchwühlt hatten, dass sie zu der Tat führten.) Der bewusste Teil der Seele weist überall in verborgene Seelentiefen. Wo das Bewusstsein hinschwindet, ist man von Finsternis umgeben - im Schlaf oder im Traum. [Wenn wir das menschliche Bewusstsein da belauschen, können wir manches finden.] Es besteht eine ausgebreitete Traumwissenschaft, wenn sie auch nicht bekannt ist. Ein Beispiel: Ein Schüler bekam eine schwierige Zeichenvorlage. Nach einem ganzen Jahr war er damit noch nicht zu Ende gekommen. Daraus entstand eine Ängstlichkeit bei dem Schüler gegen das Ende des Jahres, als die Zeichnung noch nicht fertig war. Im späteren Leben geschah das Folgende: Er hatte immer wieder einen ganz bestimmten Traum, worin er sich als Schüler mit derselben Angst sah; aber jedes Mal folgte nachher eine größere Handgeschicklichkeit. — Letzteres ist nur der Ausdruck für die in seinem ganzen Wesen sich ausarbeitenden Fähigkeiten. Erst hat es in den unteren Tiefen des Seelenlebens gearbeitet, und als Übergang kommt die Anwesenheit im Halbbewussten des Traumbewausstseins. Es ist nicht genug, zu sagen: Es gibt eine Umwandlung der Naturprozesse. Die Menschheit wird sich bekannt machen müssen damit, dass es auch auf geistigem Gebiet eine Umwandlung der Kräfte gibt. Bevor sie bewusst werden, leben sie in verborgenen Seelentiefen im Unterbewusstsein. Der Mensch hätte diese Seelenkräfte zerstört, wenn er schon vorher bewusst untergetaucht wäre. Zuerst arbeitet die Seelenkraft im Unterbewussten, im Seelenkern; sie erschöpft sich auch nicht in der Arbeit an der Seele, sie arbeitet im Unterbewussten am Menschenleibe. Der Leib zeigt also die Wirkung der Ausgestaltung durch das Seelisch-Geistige.
Beim Kinde finden wir zuerst ungeschulte Bewegungen, ausdruckslosen Blick und so weiter, doch in das Körperliche arbeitet das Seelisch-Geistige [hinein; und allmählich ändert sich die Physiognomie]. Erinnerung kommt erst vom dritten Jahre an. [Jean Pauls Wort ist wahr]: Da - [in seinen ersten drei Lebensjahren, an die es sich nicht erinnert] — hat das Kind mehr gelernt als in drei akademischen Jahren, hat auch viel Intimeres getan im Gehirn. [Wenn wir durch die Geburt ins Dasein treten, ist unser Gehirn in vieler Beziehung noch nicht differenziert.] Das Bewusstsein ist da noch dumpf, noch schlafend, träumend. So finden wir die Arbeit dieses traumbewussten Seelisch-Geistigen am ganzen Menschen erst in den unteren Teilen der Leibesorganisation, dann an der feineren Gestaltung des Menschenleibes. Hört diese Tätigkeit jemals auf? So lange der Mensch physisch da ist, von der Konzeption an, wird das Körperliche von dem Geistigen ausgestaltet. [Von dem Augenblick an, wo das Unterbewusste sein Arbeitsziel erreicht, kann es bis ins Bewusstsein des Menschen dringen. Es muss zuerst in das Unterbewusste der Organisation arbeiten, an der feinen Gestaltung des Menschenleibes.
So können wir mit methodisch gehaltener Betrachtung unseres Seelenlebens die Tätigkeit des Wesenskerns an seiner eigenen Leiblichkeit verfolgen.
Das Erste, was die Geistesforschung lehrt, ist, dass der Geist sich verbindet mit der Vererbungslinie. Zwei Fälle sind da möglich: dass das Geistig-Seelische dieses zum ersten Male tut oder zum wiederholten Male. [Nun wird es sich darum handeln, zu finden, ob das, was da arbeitet am Menschen, wohl schon da war, ob es uns Beweise liefert, dass es in früheren Leben vorhanden war.]
Der Mensch würde sich wie eine Eintagsfliege betrachten müssen, wenn er ohne Erinnerung wäre an vorhergegangene Tage. [Woran erkennt denn der Mensch sich als eine einheitliche Wesenheit durch sein Leben hindurch, da ja jeden Tag sein Bewusstsein abbricht? Ohne Erinnerung wäre das nicht möglich.] Er hat nicht die Erinnerung an frühere Erdenleben, aber einen Anklang daran.
[Wir müssen uns eine Beobachtungsgabe aneignen, wie das am Menschen so arbeitet von Jahr zu Jahr an seiner Leiblichkeit.] Man löst die wichtigsten Erziehungsprobleme, wenn man einsieht, wie die Fähigkeiten, die das Kind mitbringt, angepasst werden an das, was schon auf der Erde da ist. So bildet sich das Temperament aus. Bei einem Menschen mit deutlicher melancholischer Gemütsanlage zeigt das Leben den Grundton einer gewissen Trauer. Wie kommt dieser Mensch dazu? Ein Trauererlebnis nimmt sich ganz anders aus beim Melancholiker als beim Sanguiniker. Diese Grundstimmung geht bis in die Tiefen der Seele. [Die Seele lebt in der Nachwirkung der Trauer, die sie einmal durchgemacht, was zuweilen nach Jahren noch zu schen ist. Die Seelenstimmung ist die Folgeerscheinung vorangegangener Trauer. Beim Melancholiker finden wir bis in verborgensten Tiefen seines Wesens Trauer.] Die Stimmung der Trauer war dem Leibe schon eingeprägt, weil sie mitgebracht war vom Seelenkern. Das kann nicht von Erdenerlebnissen herrühren, es ist mitgebracht aus früheren Erdenleben. [Beim Aufbau des menschlichen Leibes arbeitete der geistige Wesenskern des Menschen die Trauerstimmung hinein.] Denn nur von da konnte die Trauerstimmung mitgebracht werden, nicht aus der geistigen Welt, wo keine Trauer ist. Hier zeigt sich mit aller Deutlichkeit, was der Mensch sich in früheren Leben angeeignet hat. Es zeigt sich ebenso genau wie die Ergebnisse der Naturwissenschaft. Das ergibt also das gewöhnliche Leben.
Nur durch ein Instrument kann der Mensch hineinschauen in die geistige Welt; das ist der Mensch selber, wie er im geistig-seelischen Leben vor uns steht. [Mit diesem Instrument kann der Mensch den Wesenskern an seiner Arbeit an der menschlichen Organisation sehen.] Durch Konzentration und Meditation kann er sich hinaufarbeiten in die geistige Welt. Ein anderes Seelenleben ist zu entwickeln. [Eine radikale Umgestaltung des Seelenlebens, um dieses Instrument zu gewinnen] — das ist notwendig zum höheren Erkennen. Dann fühlt der Mensch: Du bist etwas außer dem, was du vorher warst, als du dich nur im physischen Leibe wähntest, [weil dein Gefühl parallel lief zu gewissen äußeren oder physischen Vorgängen.] Nun merkt er: Jetzt erlebst du dich als ein Reales außerhalb des physischen Leibes; du kannst dich ganz frei machen vom physischen Leibe.
Im geistigen Sinne vollzieht ein solcher Mensch ein Experiment wie in einem Laboratorium. Als erstes Erlebnis tritt auf eine Art Idiotie. Man erlebt sich als ein neues Wesen. Kein Begriff kann dem Menschen das klarmachen. Es ist nicht in Begriffen zu fassen, erscheint «idiotisch», weil das Gehirn diese Erlebnisse nicht fassen kann, [weil in der physischen Welt nichts vorhanden ist, das einem Klarheit darüber geben kann]. Auf höherer Stufe, [da werden die Seelenkräfte immer stärker, dann stellen sich Begriffe ein]; da muss nun das Gehirn, [das wie ein grober Klotz sich ausmacht], bewusst bearbeitet werden, wie beim Kinde unbewusst. Dann schauen wir an, was wir im gewöhnlichen Leben nur logisch erfassen.
[Die Menschheit müsste erlahmen in Zukunft, wenn sie keine Kenntnis über ihre seelisch-geistigen Kräfte erhielte.]
Im fünfunddreißigsten Lebensjahre wird [bekanntlich] die hinaufsteigende Linie in die hinabsteigende verwandelt. Auf der hinabsteigenden Linie sind die Kräfte aus früheren Leben erschöpft, aber es werden Kräfte aus neuen Erlebnissen angesammelt, [die wir uns in diesem Leben angeeignet haben]. Diese erlangen nie die Stärke, dass sie in die Leibesorganisation hineinarbeiten können. Man wird sich leibgestaltende Kräfte ansammeln, aber die eigene Leiblichkeit steht wie ein Hindernis da.
[Aber gleichzeitig wird der Mensch fühlen, dass Kräfte in ihn eindringen, die ihm ein neues Leben gestalten können.
Bei vielen Menschen verklingt mit dem fünfunddreißigsten Jahr die Freude am Leben, weil sie in der Jugend den Sinn für den Reichtum des Lebens nicht offengehalten haben, aber in Seelentiefen entwickeln sich Kräfte, ein Gefühl, dass man in sich trägt Kräfte für einen neuen Wesenskern, dann folgt keine Traurigkeit des Alters.]
Bei der Erziehung des Kindes soll man nie den Sinn verlieren für die Schule des Lebens. Offener, gesunder Sinn wird die Menschenseele von Jugend auf so entwickeln, dass der Mensch offen bleibt für die Geisteswissenschaft. Es ist das Gefühl zu entwickeln, dass der Mensch in sich einen geistig-seelischen Wesenskern trägt, der sich nach dem Tode frei einen neuen Leib aufbaut. [Durch Geisteswissenschaft wird uns Sicherheit und Zuversicht, durch die moralischen Kräfte, die sie uns gibt.]
So kann man den Sieg des Unvergänglichen erleben, den Sieg der Ewigkeit über die Vergänglichkeit. Die Gestaltungen sind vergänglich, aber was sich in der Ewigkeit auslebt, ist ein Unvergängliches, sagt Giordano Bruno. [Der Geist ist der Schöpfer des Vergänglichen, und wir erkennen dadurch seine Unvergänglichkeit.] Die Unsterblichkeit beginnt nicht erst nach dem Tode, der Mensch kann sich schon jetzt in ihr erleben.