Death and Immortality in the Light of Spiritual Science

GA 69d — 28 January 1912, Kassel

5. Tod und Unsterblichkeit im Lichte der Geisteswissenschaft

Meine sehr verehrten Anwesenden! Der Gegenstand des heutigen Vortrages muss ja jeden Menschen interessieren. Nicht nur interessant ist die Frage, was dem Menschen bevorsteht, wenn er die Pforte des Todes durchschritten hat, sondern er hat die tief moralische Verpflichtung, etwas zu wissen über den menschlichen Wesenskern. Der Mensch fühlt den im edelsten Sinne so zu nennenden Drang nach Vervollkommnung. Dies Streben kann niemals abgeschlossen sein. Mit dieser Erkenntnis entsteht das Bestreben, etwas zu wissen darüber, wie es dem Menschen gelingen kann, welches die Möglichkeit ist, dem Vollkommenheitsbestreben zu genügen. Dieses wirft die Frage nach Tod und Unsterblichkeit auf.

Unsere Zeit mit ihren Denkgewohnheiten ist nicht günstig [für solche Fragen]. Daher versucht eine neue Geistesströmung, die Geisteswissenschaft, an diese Frage heranzutreten. Sie muss sich so hineinstellen in das heutige Leben, dass sie befremdend wirkt. Deshalb wird mancher, der hier ist, heute Abend nicht gleich überzeugt sein. Derjenige, der noch nie davon gehört hat, wird vielleicht nur ein Kopfschütteln, Ironie, ja vielleicht nur Spott aufbringen. Ich gestehe mir klar ein, dass ich den verschiedensten Widerständen begegnen werde. Nur eine Anregung zum logischen Denken, das ganz im Einklang steht mit echtem naturwissenschaftlichem Denken, soll gegeben werden. Wenn man eindringen will in den Wesenskern des Menschen-Innern, muss man aufmerksam gemacht werden auf den Ausspruch eines Philosophen, dahin lautend, dass die Unsterblichkeit des Seelenwesens, wenn es ein solches gibt, doch nicht erst mit dem Tode anfangen könne, sondern schon in das gewöhnliche Leben [hinein-] verknüpft sein müsse.

Wie kommt man zu der Erkenntnis eines Dinges, Wesens und dergleichen? Das fragt die Naturwissenschaft. Wasserstoff und Sauerstoff zu Wasser verbinden ist etwas ganz anderes, als jede dieser beiden Substanzen für sich [zu betrachten, also etwa den] Sauerstoff abzutrennen und für sich zu untersuchen.

Wie wir unser Seelenwesen im täglichen Leben vor uns haben, lebt es im Leibe wie der Sauerstoff im Wasser. Die Seele nimmt wahr durch das Ohr, das Auge und so weiter. Alle Äußerungen des Seelenwesens sind nur möglich dadurch, dass die Seele mit den Organen verbunden ist — wie Wasserstoff mit Sauerstoff im Wasser. Wenn es keine Möglichkeit gibt, das Seelenwesen abzutrennen, dann müsste man [daran] verzweifeln, die Grund-Eigenheit des Seelenwesens [nicht] erkennen zu können.

Gibt es nun irgendwo im Leben einen Zustand, wo das geistig-seelische Leben sich vom Leibeswesen abtrennt? Man kann schon sagen, dass im Schlaf etwas anderes eintritt; die körperlichen Funktionen spielen sich anders ab [als im Wachzustand]. Ist nicht vielmehr anzunehmen, dass die Seele sich lostrennt und dass sie den Körper allein lässt? Der Inhalt unserer Seele, das seelische Erleben - Freude und Leid -, kann man logisch darlegen, dass dieses Seelenwesen ein vom Körper abgetrenntes Dasein hat?

Es gibt ein logisches Denken, dem dies nicht entgehen kann. Nehmen wir einmal an, der Mensch würde in der Tat eine Veränderung antreten, dergestalt, dass nur der Körper noch tätig sei; alles Seelische hingegen sei ausgelöscht. Wenn die Lungentätigkeit unterhalten wird, daran können wir nicht die Natur des Sauerstoffes, [also] dessen, was in die Lunge einzieht, erkennen, aber die Lungenlebenstätigkeit bleibt für sich bestehen - sie ist etwas anderes als der Sauerstoff an sich.

So müssen wir [entsprechend] die Natur der Seele für sich zu erkennen suchen als etwas anderes als die Organisation unseres Leibes. Selbstständigkeit des Sauerstoffes gegenüber der Lunge ist deshalb [gleich] Selbstständigkeit der Seele gegenüber der Lungenlebenstätigkeit.

In dem Augenblick, wo die Seele im Schlaf den Leib verlässt, wird das Bewusstsein immer tiefer, das selbstständige Leben der Seele tritt also ein.

Wir wollen heute besonders das Traumleben betrachten. Ein Knabe, zeichnerisch veranlagt, hat eine besonders schwierige Zeichenaufgabe bekommen, die er nicht rechtzeitig zur Schulprüfung hat fertigstellen können. Er hat deshalb eine Angstvorstellung gehabt. Allein, trotzdem er mit der Aufgabe nicht fertig geworden war, ist seine Zensur deshalb nicht schlechter ausgefallen.

Periodisch kehrt nun im Leben dieses Menschen ein Traum als Angstzustand wieder, aber viel stärker als damals, sodass er oft bebend davon erwacht. Dann vergehen wieder Tage um Tage, dass er nicht so träumt. Rhythmisch aber zeigt sich, dass die zeichnerische Fähigkeit sich steigert. Am Ende einer solchen Zwischenperiode tritt immer wieder der Angsttraum ein. Ehe diese größere Fähigkeit sich in die Hand ergoss, wühlte sie im Unterbewusstsein; im Traum zeigten sich die Angstzustände. Und wenn die erhöhten Fähigkeiten sich zeigten, wenn sie da waren, dann hörte der Traum auf. Diese Fähigkeiten arbeiten erst im Organismus — materialistisch ausgedrückt, an den Nerven, den Organen. Bevor sie ins Bewusstsein treten, bereitet das Seelische an der Leibesorganisation sie vor, es arbeitet an den Organen.

Hier treten wir an die Seele heran, wir ertappen das Seelische bei der Arbeit an der Leibesorganisation. So arbeitet die Seele an der Organisation von der Empfängnis bis zum Tode — oder genauer ausgedrückt, [noch] etwas anders. Wir können uns [ja] bis zu einem bestimmten Punkt unseres Lebens zurückerinnern. In den Jahren vor unserer Erinnerung arbeitet die Seele in ganz anderer Weise noch an unserer Organisation - ohne unser Bewusstsein. Auch bevor wir bewusst werden, muss doch die Seele schon da gewesen sein, [und folglich auch] ehe sie im Körper tätig war. Unten im Organismus wühlen diese Kräfte, um die Organisation vorzubereiten, ebenso wie in dem vorhin erwähnten Beispiel die zeichnerischen Fähigkeiten, die Seelenarbeit, die sich im Traum darstellte. Man kommt auf diesem Gebiet mit materialistischen Ansichten absolut nicht aus.

Dass der Mensch die zweiten Zähne bekommt, geschieht auf jeden Fall; dass der Mensch sprechen kann, ist nicht so selbstverständlich. Ohne andere Menschen lernt er niemals sprechen. Also kann die Fähigkeit des Sprechenkönnens nicht nur an den Sprachorganen haften, sondern das Leben und Weben der Sprache in uns arbeitet diese Fähigkeit heraus.

Da der Mensch ein in sich zusammenhängendes Wesen ist, so muss von allem Anfang an - schon vor dem leiblichen Wirken - Seelisches angenommen werden.

[Hierzu wieder ein Vergleich:] Wie kann man annchmen, dass ein Mensch, der den ganzen Tag über Ärger gehabt hat, abends in einer anderen Seelenstimmung ist? So wirkt das Seelische immer. Die Seelenverfassung, die Seelenstimmung lässt sich ganz gut vergleichen mit dem, was der Mensch vorher erlebt hat. [So muss man annehmen:] Nicht aus übersinnlichen Welten, sondern aus dem Leben mit Menschen nur kann die Seelenverfassung entstehen, mit der der Mensch in das Leben durch die Geburt eintritt. Solche Gedankengänge stehen ganz auf der Denkungsart der heutigen Naturwissenschaft. So ist die Idee von den wiederholten Erdenleben etwas sich selbst Ergebendes.

Noch vor zweihundert Jahren wurde angenommen, dass sich Tiere, Würmer zum Beispiel, aus unlebendigem Schlamm entwickeln können. Francesco Redi hat aber den Satz aufgestellt, der heute unumstößlich ist: «Lebendiges kann nur aus Lebendigem kommen.» Er konnte um dieses Satzes willen nur mit Mühe dem Schicksal des Giordano Bruno entgehen. Ebenso wird aber der Satz «Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem entstehen» zunächst freilich verhöhnt, verspottet, dann bald aber allmählich angenommen werden und schließlich dereinst als selbstverständlich [gelten].

Was in diesem Leben geschieht, wirkt auf spätere Leben; das sind nur logische Folgerungen - aber auch Experimente [auf diesem Gebiet] sind wichtig und möglich. Ludwig Deinhard hat ein Buch hierüber verfasst.

Aber jeder kann nur seine eigene Seele als Werkzeug nehmen, um über das Seelenwesen nachzuforschen. Nicht jeder kann ein Geistesforscher werden, aber wie man sich populär über Astronomie, Chemie und so weiter belehren kann, so auch hier, wie jetzt kurz angegeben werden soll. Der Mensch macht sich selbst zu einem Werkzeug für die Erforschung der geistigen Welt.

[Nehmen wir wieder ein Beispiel:] Nostradamus. - In dem Buch von Kemmerich über Prophezeiungen ist ein ganzes Kapitel über Nostradamus. Nostradamus war ein Arzt, er war aus der Seele heraus Arzt und hat unendlich viel Gutes gestiftet, besonders zur Zeit der Pest in der Provence. Es wurde [aber] gesagt, er sei Calvinist, das untergrub seinen Ruf. Diese Kräfte, die er sonst aus ganzer Seele der Menschheit gab, wandelten sich um in prophetische Gabe - Sehergabe, wie Denkkraft in Wärme, Wärme in Bewegung und so weiter. - Nur unter bestimmten Verhältnissen konnte die Sehergabe stattfinden. Nostradamus schuf sich ein Laboratorium, das heißt ein Zimmer mit einem Glasdach, wo er sich zu nächtlicher Zeit aufhielt. War dann die Seele ganz ruhig geworden, dann wurden die Sterne angeschaut, und das löste Sprüche los, die Nostradamus aufgezeichnet hat. Alle Bekümmernisse, alle Sorgen hörten auf. Die Seelenverfassung war ererbt von seinen Vätern. Der heutige Seher muss sich diese Seelenverfassung künstlich erschaffen. Besondere Impulse in den Seelenvordergrund rücken muss er. Symbole sind dabei das Beste, solche, die unsere Seele anregen, innerlich aufrütteln. Darunter schlummern die Kräfte - diese schlummernden Kräfte werden dadurch wachgerufen. Dann ist der Mensch wie im Schlaf, aber nicht bewusstlos. Wir vernehmen dann nichts mehr durch die [Sinnes-] Organe. Da haben wir die Seele so, wie Sauerstoff, der herausgehoben ist aus dem Wasser. Wir sagen uns dann: Du erlebst eine andere Welt. Das Erlebnis ist zuerst so, dass man das, was man erlebt hat, zuerst nicht in Begriffe, in Worte kleiden kann. Es könnte jedoch niemals Geisteswissenschaft gelehrt werden, wenn es dabei bliebe. Immer weiter muss der Geistesforscher gehen, gerade wenn er solches erlebt hat, das er nicht aussprechen kann. Man weiß: Man erlebt etwas, aber man kann es nicht denken. Setzt man die Übung fort, dann lernt man auch sprechen darüber. Man erlebt das, was man als Kind erlebt hat beim Erlernen der Sprache. Wir lernen unser Gehirn brauchen. In Schmerzen sozusagen können wir das nur erleben.

Wenn man gesiegt hat gegenüber seinem Organismus, dann hat man ihn auch experimentell erforscht.

Wenn unsere Kultur erst einmal durchdrungen sein wird von der Geisteswissenschaft, dann wird ganz anders an die Jugenderziehung herangegangen werden können. Andere, innere seelische Erlebnisse kann der Mensch dann haben als bei der heutigen Geisteskultur.

In der zweiten Hälfte des Lebens, wenn die Seele nicht mehr aufbauend an der Leibesorganisation wirkt, speichern sich diese seelisch-geistigen Kräfte, die man durch Schulung des Lebens sich erwirbt, auf und haben ihre größte Spannkraft erlangt im Augenblick des Todes. Die Energien, neuerdings bei der [leiblichen] Organisation zu wirken, müssen im seelisch-geistigen Leben gesucht werden.

Jenseits von Vergehen und Entstehen sind diese geistig-seelischen Kräfte, die den Körper aufbauen. Gerade aufgrund des Todes erwachsen diese Kräfte. Mut und Stärke gibt uns diese Erkenntnis.

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