Death and Immortality in the Light of Spiritual Science

GA 69d — 6 February 1912, Vienna

6. Tod und Unsterblichkeit im Lichte der Geisteswissenschaft

Zwei Fragen, die zweifellos im bedeutsamsten Sinne das Interesse einer jeglichen Menschenseele tief berühren, sollen in den beiden Vorträgen heute und morgen behandelt werden, und zwar an diesem Abend mehr vom allgemeinen Gesichtspunkt aus, und morgen soll in die Betrachtung bestimmter einzelner Fragen hineingegangen werden. Dass die Fragen nach dem Wesen des Todes und nach dem, was sich in dem Wort «Unsterblichkeit» verbergen kann, wirklich das tiefste, aufrichtigste Interesse einer jeglichen Menschenseele erregen müssen, ist zweifellos, und man darf sagen, auch dann noch muss dieses Interesse das denkbar Größte sein, wenn abgesehen wird von all den Wünschen und Begehrungen, die sich für die Menschenseele knüpfen an das Ereignis des Todes und an die Frage nach der Unsterblichkeit.

Aber auch von aller müßigen Neugierde, ja selbst von alldem, was man im gewöhnlichen Leben Wissbegierde nennt, kann abgesehen werden, wenn die beiden Fragen betrachtet werden sollen. Es kann deshalb davon abgesehen werden, weil in jedem tiefen Augenblicke unseres Lebens wir durch zwei Dinge fort und fort angeregt werden — manchmal mehr wissentlich, manchmal mehr aus tiefsten, verborgensten Gründen unseres Seelenlebens heraus - zur Kraft und Zuversicht, zur Hoffnungssicherheit in unserem Leben, etwas über diese Fragen wissen zu wollen. Zwei Dinge sind es. Das eine ist alles dasjenige, was eingeschlossen ist in der Idee des menschlichen Schicksals. Dieses Schicksal, es gibt uns nicht nur theoretische Fragen auf, sondern Lebensfragen, von denen wir wissen, dass, wenn wir keine Auskunft, die uns irgendwie befriedigen kann, erhalten können, dies eine Schwäche, Zweifelsucht, Herabminderung unserer Seele bedeuten muss. Das menschliche Schicksal greift geheimnisvoll und rätselvoll in das menschliche Dasein ein. Der eine wird hingestellt, scheinbar ohne jegliche Schuld, an einen Ort, der ihm kaum Befriedigung geben kann, an einen Ort, wo es ihm unmöglich ist, irgendwelche bedeutsamen Kräfte für Menschenwohl und Menschenarbeit in der Seele zu entwickeln. Wiederum sehen wir auf der anderen Seite, wie, scheinbar ganz ohne Verdienst, der andere auf einem Platz steht, der ihm nicht nur ein rosiges Dasein möglich macht, [sondern auch], zu Menschenheil und Wohl beste Talente zu entwickeln. Der Mensch mit seinen Theorien fragt nach den Ursachen, wenn äußere Tatsachen eintreten, und es ist eine gewisse Scheu vorhanden, nach den Ursachen des menschlichen Schicksals zu forschen.

Wenn wir unser Gefühlsleben betrachten, mit allem, was sich so geheimnisvoll darin abspielen kann, so schen wir überall, dass es dieses Empfindungsleben ist, dass gerade die intimsten Tiefen unserer Seele die Fragen nach den Ursachen unseres Schicksals aufwerfen. Vielleicht fragt der einzelne Mensch nicht: Was sind die Ursachen, dass dieses oder jenes in meinem Leben geschieht -, das wäre eine theoretische Färbung der Frage; aber dasjenige, was wir empfinden, ruft uns auf zur Zufriedenheit oder Verzweiflung, zur hoffnungssicheren Arbeit oder einer Niedergeschlagenheit gegenüber allem Wirken. Aber die wichtigsten Fragen auf diesem Gebiet sind diejenigen, welche vielleicht gar nicht in theoretische Fragen gebracht werden, sondern welche sich in den Befriedigungen, in den Beseligungen, in Niedergeschlagenheit, dem Gefühl von Verlassenheit und Einsamkeit ausdrücken; Fragen sind es, die nur halb gestellt in der Seele vor einer offenen Formulierung stecken bleiben, aber Glück und Leid unseres ganzen Daseins ausmachen. Wenn dieses Schicksal in unser Leben noch so eingreifen könnte, dass wir sagen könnten, es fördert da oder dort unsere Anlagen, unsere Taten, [oder] hemmt unsere Schritte, dann wären die Fragen keine so brennenden. Aber wenn wir tiefer sehen, so finden wir, dass alles, was wir im Innersten unseres Wesens sind — wie wir leben, wie unser Wert, unsere Tüchtigkeit sich darstellt —, das Ergebnis unseres Schicksals ist. Der Mensch sagt sich, dass das ganze Sein, die ganze innere Konfiguration des Wesens bei keinem [anderen] Geschöpf so abhängig ist von dem, was da scheinbar von außen an das Leben herantritt und dieses Leben formt und bildet.

So ist es die bange Frage an das Schicksal, die, vielleicht nur halb aufgeworfen, dahin geht, zu fragen: Woher schreibt sich eigentlich unser ganzes Dasein? Was schließt sich da geheimnisvoll in unserem Innern ein und ist so abhängig von dem, was wir als unser äußeres Schicksal erleben müssen? Wir brauchen nur neben den zahlreichsten Einzelfällen an zwei Tatsachen zu denken: Da werden wir finden, wie unser ganzes Sein, unser innerstes Wesen vom Schicksal abhängig ist. Die eine Tatsache ist, dass der Mensch hineingestellt ist in irgendein Sprachgebiet, einen Volkszusammenhang. Wer weiß, wie viel Intimes überfließt in unser Seelenleben von der ganzen Art, wie die Sprache hereindringt, wird sich sagen: Davon, wie dich das Schicksal hineingestellt hat in ein Sprachgebiet, hängt es ab, wie du bist. Oder wie viel hängt in Bezug auf alle unsere Zuversichten, Lebenshoffnungen davon ab, wie unsere Eltern, unsere Umgebung, unsere Lehrer in früher Jugend entgegenkommen. Wie kann da eine raue Behandlung unser ganzes Wesen, durch unser ganzes Erdendasein hindurch, verhärten! Man braucht nur zu denken, wie geheimnisvoll gerade auf diesem Gebiete die Schicksalszusammenhänge sind. Ein Fall, der durchaus aus dem Leben gegriffen ist, kann uns belehren, gerade über dieses Gebiet: ein Kind, das in seinem siebenten Jahre - durch die Art und Weise, wie es durch sein Schicksal hineingestellt wurde in eine Lebensgemeinschaft - erlebt hat, dass eine starke Ungerechtigkeit seiner Umgebung tiefen Eindruck auf seine Seele gemacht hat. Zuweilen vergisst es das Kind, scheinbar äußerlich, aber in den Tiefen der Seele lebt es [im Kinde] weiter, [es] wirkt weiter in den tiefen Untergründen, was sich als Ungerechtigkeit eingebohrt hat in die Seele. Das Kind wird dann ein Mittelschüler. Etwas Besonderes geschieht in seinem sechzehnten Jahre. Eine starke Wirkung geht aus von seinem Lehrer in dem Sinne, dass der Schüler wieder eine neue Ungerechtigkeit erfahren muss. Hätte er die Ungerechtigkeit in seinem siebenten Jahre nicht erfahren, so wäre die Sache vielleicht, wie bei seinem Mitschüler, ganz wirkungslos vorübergegangen. Weil aber der alte Eindruck in den Tiefen der Seele fortwirkte, während er für das äußere Wesen vergessen war, fügte es sich zusammen mit dem Erlebnis vom siebenten Jahre, und ein Schülerselbstmord wird daraus. So sehen wir, wie unser ganzes Sein, die Art, wie wir hereintreten in das Leben, tiefer zusammenhängt mit der Frage nach unserem Schicksal.

Das zweite Ding ist dadurch für den Menschen ersichtlich, dass er nachdenkt, wie sein Leben verläuft, wie er seine Lebenserfahrungen sammelt, wie er im Verlaufe der Jahre reifer und reifer wird. Mag das bei einem mehr, beim anderen weniger sein, aber dieses Reiferwerden stellt sich vor einer genauen Lebensbetrachtung ersichtlich dar, stellt sich so dar, dass wir uns meistens sagen müssen: Wir sind reifer geworden in denjenigen Dingen, die wir unvollkommen getan haben, nach dem Standpunkte, den wir einnehmen müssen, nachdem wir Erfahrungen gesammelt haben. Würden wir diese ein zweites Mal tun dürfen, [so] würden wir sie besser machen. Wir lernen Dinge am Leben, aber wir lernen gerade dadurch, dass wir in diesem Leben unvollkommene Taten verrichten. Die intimsten Lebenserfahrungen resultieren daraus, dass wir unsere unvollkommenen Handlungen zu unseren Lehrmeistern machen. Dann blicken wir von einem Punkt unserer Entwicklung zurück und sagen uns: Wir lernen mancherlei, wir sind reifer geworden, und dieses Wissen ist in uns. Wohin mit dieser Erfahrung? Was geschieht mit ihr, wenn wir durch die Pforte des Todes schreiten? Geht sie spurlos in den Fluten des Nichts auf? - Ja, wir brauchen nicht immer eine solche Lebenserfahrung zu nehmen, wir können sagen: Was wir tun, unterlassen lernen, das wirkt so, dass andere Menschen dadurch Förderung, vielleicht auch Schädigung erfahren. Wir wissen, dass unser Wert als Mensch davon abhängt, ob wir andere Menschen geschädigt oder gefördert haben. Es entsteht daraus die andere Lebenserfahrung, die sich im Gesamtgefühl, in Grundempfindungen zusammendrängt, in das Bedürfnis, vieles anders zu machen, als wir es gemacht haben im verflossenen Leben. So kommen wir uns vor, als hätten wir die Empfindung, viele Schulden zu haben, die wir nicht mehr ausgleichen können. Denn wir haben die Schulden dabei kreiert, dass wir die betreffenden Handlungen, in denen wir die Schuld begangen haben, hinter uns haben. Das sind die intimsten, allertiefsten Seelenerfahrungen. Verläuft das alles, was wir uns so angeeignet haben, wodurch wir andere sind, wenn wir das Leben durchlebt, als wir im Anfange waren, verläuft dies alles in einem unbestimmten Nichts? Das ist das Zweite. Mag der Mensch wie immer beschaffen sein, mag das unausgesprochen bleiben - es bleibt Gefühls-, es bleibt Lebensfrage in ihm.

Nun können wir sagen: In unserer heutigen Zeit liegt eine Periode der Menschheitsentwicklung hinter uns, in der die edelsten, moralischsten Menschen, die zugleich auch wissenschaftliche Materialisten waren und dennoch an moralischen Ideen gehangen haben, sich in einer ganz eigenartigen Weise abgefunden haben mit solchen Seelenfragen. Wenn man auf dem Standpunkt der Geisteswissenschaft steht, der hier vertreten werden soll, wird eine Gesinnung gefordert, die nie ungerecht ist, auch gegen Gegner. Denn es muss gesagt werden: Es war geradezu heroisch, wie materialistische Denker sich zurechtgefunden haben gerade gegenüber einer Frage, wie sie jetzt berührt worden ist. Sie haben sich gesagt: Mit dem Tode löscht unser inneres Seelenleben aus, wie das Licht einer Kerze, wenn der Brennstoff verbraucht ist. Dann aber haben wir das Bewusstsein: Was wir dargelebt haben, lebt weiter im menschlichen geschichtlichen Entwicklungsprozess. Jeder gibt, was er gearbeitet, an die Nachwelt ab, wenn es auch nur im kleinsten Kreis erobert und erarbeitet worden ist. Mancher solche Denker hat sich gesagt, es sei selbstsüchtig, zu verlangen, dass der Mensch eine eigene, persönliche Unsterblichkeit habe. Selbstlos aber im höchsten Sinne sei es, im vollen Bewusstsein zu sterben, dass das persönliche Selbst untergehe und, was man getan habe, in den Menschheitsprozess übergehe. Man darf sagen: Heroisch ist diese Auskunft; gegenüber manchem religiösen Egoismus nimmt sich dieser Heroismus des Materialismus groß aus, aber er kann nicht standhalten gegenüber einer tieferen Auffassung der Frage, aus dem Grunde, weil ein jeder, wenn er das Leben betrachtet, sich sagen muss: Das Intimste, dasjenige, was deine eigene Lebenserfahrung ist, ist so ein innerstes Gut deiner Seele, dass du es nicht so ohne Weiteres an die Außenwelt abgeben kannst. Vieles können wir für die Außenwelt hingeben, aber was wir hingeben, gehört nicht zum Intimsten unserer Seele. Das Beste, was wir gelernt haben, ist so sehr an unsere Individualität, an unsere Eigenheit gebunden, dass es unmöglich der Mitwelt übergeben werden kann. So bleibt die Frage bestehen: Wie werden wir fertig mit dem Anblicke desjenigen, was die Seele erlebt hat, was ihr in der geschilderten Weise Wert gegeben hat, das notwendig macht, dass das Leben nicht abgeschlossen sei, wenn dieser Wert sich ausleben soll, was er nicht abgibt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht?

Dies sind die beiden Dinge: die Betrachtung des Schicksals und die Betrachtung der eigenen Entwicklung. Diese Fragen sind in einer solchen Art zu beantworten, dass die Antwort in derselben Weise logisch und wissenschaftlich genannt werden kann. Antworten zu geben, wie Antworten gegeben werden in der heutigen äußeren Wissenschaft, ist das Ziel derjenigen Bestrebung, die man die Geisteswissenschaft nennen kann, welche sich hereinstellt in die Kultur der Gegenwart und durch welche etwas dieser Kultur einverleibt werden soll als ein Aufschluss für vieles, was das Leben braucht, um stark und kräftig zu werden. Es ist nicht zu verlangen, dass die Anregungen, die heute und morgen gegeben werden, mehr seien als bloße Anregungen. Diejenigen, welche glauben, dass wissenschaftliche Antworten nur diejenigen seien, welche anknüpfen an das äußere Geschehen, an das, was man mit Augen sehen, mit Händen greifen kann, werden selbstverständlich die Antworten als wissenschaftlich nicht gelten lassen. Es sollen nur Anregungen gegeben werden, die aber zeigen sollen, dass die ganze Art des Denkens, die ganze Art, das Geistesleben zu betrachten, so ist, wie die Forschungsarten sind in der heutigen Wissenschaft. Der heutige Mensch verlangt auch über die charakterisierten Fragen Aufschluss so, dass dieser Aufschluss bestehen kann vor der strengen Wissenschaft. So werden sich die Antworten scheinbar anders ausnehmen als Wissenschaft im gewöhnlichen Sinn, aber wer tiefer darauf eingeht, wird sehen, dass die Art des Denkens bei der Theosophie eine solche ist, dass die wissenschaftlichen Bedürfnisse neben den Herzensbedürfnissen der modernen Menschheit befriedigt werden können.

Der Ausgangspunkt muss sein der einer wirklichen, wahren Selbsterkenntnis. Weil das Schicksal das Wesen unseres «Selbst» formt und weil unser «Selbst» reifer und reifer wird, deshalb stellen sich uns diese Fragen gegenüber, und deshalb können wir hoffen, dass von einer wahren Erkenntnis unseres innersten Wesens, dessen, was wir unser «Selbst» nennen, eine Antwort fließen kann. Aber es ist schwierig für den Menschen der Gegenwart zu erkennen, was man Selbsterkenntnis nennen kann. Der Betrachtung des eigenen Wesens stehen gewaltige Hindernisse entgegen. Nur durch die Überwindung der Hindernisse kann er eingehen in Selbsterkenntnis, und ausgehend von Selbsterkenntnis, durch den Zusammenhang des eigenen Ich mit der Welt übergehen in Welterkenntnis.

Wenn wir in der Wissenschaft einen Stoff untersuchen wollen, können wir sein Wesen unter gewissen Voraussetzungen nicht erkennen. Trotzdem Sauerstoff im Wasser enthalten ist, können wir ihn im Wasser nicht untersuchen; wir müssen ihn erst durch einen physikalischen Vorgang abtrennen vom Wasser, dann erst können wir sein Wesen untersuchen. Wie ganz anders ist er dann, wenn er uns im Wasser entgegentritt. Etwas Ähnliches muss es sein, wenn wir unser Selbst untersuchen wollen, sodass uns diese Untersuchung befriedigen kann. Unser Selbst ist, wie der Sauerstoff ans Wasser, im gewöhnlichen Leben an den äußeren Leib gebunden. Was wir unseren Seelenleib nennen, das, worin wir uns finden als in unserem intimsten Innern, das erleben wir immer so, dass wir die Außenwelt anschauen durch unsere leiblichen Organe, so dass wir sie verstehen lernen durch das menschliche Gehirn. Wie der Sauerstoff gebunden ist an den Wasserstoff, um Wasser zu formen, so ist das seelische Leben an das leibliche Leben gebunden, an das, was wir als Mensch, als uns selbst, vor uns haben. So entsteht die Notwendigkeit, dass wir zu einer wahrhaften Untersuchung erst ablösen müssten das seelische Leben vom leiblichen.

Wie können wir dies? Wie können wir unser Seelenleben so vor uns hinstellen, dass wir es in seiner Wahrheit betrachten können? Nun löst zwar das alltägliche Leben nach den Ergebnissen der Geistesforschung die Seele los vom Leib im Verlauf von vierundzwanzig Stunden in der Nacht. Nehmen wir das zunächst als eine Behauptung hin; wir werden später darauf eingehen. Wenn der Mensch des Abends einschläft, ist der volle Mensch nicht enthalten im Körper; das wohl, was die äußeren Seelenfunktionen fortsetzt, wie es im Wachzustande geschieht, nicht aber das eigentliche Seelenleben, was wir als Innerstes erkennen, als Lust und Leid, Affekte, Triebe und Leidenschaften, das während des nächtlichen Schlafes wirklich herausgehoben ist und morgens wieder eindringt und untertaucht in den Leib, um wieder die körperlichen Organe, die Sinne zu benutzen und das Gehirn, das Instrument der Seele. Man wird sagen, wenn man von wissenschaftlichen Vorurteilen ausgeht, es sei möglich, dass das ganze seelische Leben mit allen Empfindungen und Gefühlen, mit allem, was sich da innerlich abspielt, nichts anderes sei als ein Ergebnis des körperlichen Lebens, wie die Flamme das Ergebnis ist von Vorgängen an der Kerze. Aber das hält sich nicht vor einer tieferen Betrachtung. Aus dem gesunden Menschenverstand heraus muss uns klar werden, dass etwas daran ist.

In dem Zustand, den der Mensch durchmacht vom Einschlafen zum Erwachen, wirken an seinem Leib die Vorgänge, die wir bloß als Lebensvorgänge auffassen können. Was da von innen heraus als organische Tätigkeit einfließt in das Gehirn und die sonstigen Organe, wirkt weiter. Ein Vergleich rückt uns einen logischen Gedanken nahe, dem man bei einer tieferen Betrachtung nicht entkommen kann. Wenn wir unsere Sinnesorgane vergleichen mit der Lunge, so finden wir, dass unsere Lunge wie unsere Sinnesorgane von innen heraus ernährt und vom Organismus aus erhalten werden. Was wir hineinfließen sehen als Lebenstätigkeit, können wir vergleichen mit dem, was während des Tagwachens, aber auch während der Nacht vom Innern des Leibes als Ernährungstätigkeit hineinfließt in Gehirn und andere Organe. Aber kann etwas ausgemacht werden, was im Innern des Leibes vorgeht und die Tätigkeit der Lunge von innen heraus versorgt, über die Natur der Luft, die einfließen muss in die Lunge? Könnte jemals die Tätigkeit des Einfließens in die Lunge von innen das Ziel der Lunge erreichen, wenn nicht von außen die Luft einflösse? Hat diese innere Lebenstätigkeit etwas zu tun mit der Natur und Beschaffenheit der Luft? Von innen heraus können wir nichts erfahren über die Luft. Ebenso ist es mit der Seele. Ebenso wenig wie die Wesenheit der Luft, die in die Lunge einströmt, zusammenhängt mit der Tätigkeit, die als organische Tätigkeit einfließt in der Lunge, ebenso wenig hat der Inhalt unserer Seele, die morgens einströmt und abends den Leib verlässt, zu tun mit dem, was innere Leibestätigkeit ist, was als Versorgung mit Nahrung von unserem Organismus in unsere Seelenorgane einströmt.

Gehen Sie nur tief in diesen Vergleich ein, suchen Sie ihn durchzudenken - Sie werden dem logischen Gedanken nicht entkommen, dass dasjenige, in dem wir leben als in unserem Seelenleben, was in uns einströmt, ebenso fremd der inneren Leibestätigkeit ist wie die Luft der inneren Leibestätigkeit, sodass die Selbstständigkeit, die innere Wesenhaftigkeit unseres Seelenlebens begründet erscheint. Der Mensch lebt doch wahrlich mit seinem Seelenleben nicht so, dass er sagt: Ich lebe in meinen Muskeln, meinem Gehirn. Das ist nicht sein Seelenleben, sondern: Ich lebe in meinen Gefühlen, Affekten. Das, worin er so lebt, das zieht am Morgen in seinen Leib ein wie ein Einatmungsprozess und verlässt ihn am Abend wie das Ausatmen.

Über diesen Gedanken kann ein logisches Denken nun die Frage aufwerfen: Wie können wir das, was so selbstständig dem Leibesleben gegenübersteht, das Seelenleben, für sich betrachten? Wenn wir es im Schlafe betrachten könnten, dann wäre uns geholfen. Aber im normalen Leben können wir, trotzdem die Seele sich vom Leibe abtrennt, die abgesonderte Natur des Seelenlebens nicht untersuchen, denn im Augenblick, wo es sich abtrennt, geht es über in Bewusstlosigkeit und entzieht sich der Möglichkeit einer Untersuchung. Es gibt aber eine andere Möglichkeit, zu diesem Seelenleben vorzudringen, die jedem Menschen begegnet sein kann, und [zwar] durch ein seelisches Experiment des Geistesforschers, der sich das Instrument verschafft hat, sein Seelenleben künstlich abzutrennen vom Leib; das ist die hellsichtige Betrachtung.

Die erste Betrachtung, die sich für jeden Menschen ergeben kann, ist Folgende. Sie geht davon aus, sich zu fragen: Wodurch sind wir verhindert, unser Seelenleben abgesondert vom Leibesleben zu betrachten? Durch ein Zweifaches. Erstens, dass in dem Moment, wo wir aufwachen, ein Zusammenhang eintritt durch die Sinne und das an die Sinne gebundene Denken mit der sinnlichen Außenwelt, sodass wir unser Seelenleben nicht für uns haben, dass wir nicht in unserem Seelenleben sind, sondern in dem, was um uns her als leuchtende, tönende Welt ist. Da fließen zusammen die Erlebnisse unserer Seele mit dem, was durch Augen und Ohren in uns dringt. Immer haben wir sozusagen, wenn wir uns an einem Ton erfreuen, den Ton, der von außen eindringt, und die Freude im Innern wie zwei Dinge, die zusammenfließen. Wir gehen aber auf im äußeren Ton. Wir sondern das Seelenleben nicht ab, sodass wir uns verlieren in die äußere Sinnenwelt. Wer aufblickt zu dem herrlichen Sternenhimmel, die Wunder der auf- und untergehenden Sonne betrachtet, alles, was von außen auf uns einwirkt, fühlt es zusammenfließen mit dem, was im Innersten der Seele sich abspielt, was er an Erhebendem, Hingebungsvollem in der Seele erlebt, was ihm an Stärke zufließt. Wir haben unser Inneres niemals chemisch getrennt von dem, was von der Außenwelt hereindringt. Darum sagen manche Philosophen, es gäbe gar kein inneres Seelenleben, leugnen sogar den inneren Seeleninhalt und lassen ihn aufgehen in jenen Bildern, die auf- und abfluten am Horizont unseres Seelenlebens. Für den intimeren Betrachter wird es wahr, was Goethe gesagt hat: Was verleiht den zahlreichen Sternen, allen Herrlichkeiten des Himmelsraumes ihren wahren Wert? Doch nur, dass all das, was draußen in der weiten Welt lebt, sich im Menschenherzen spiegelt, sich ausdrückt, sodass etwas erlebt wird, was über den gewöhnlichen Ausdruck hinausgeht. Und wenn man zu einer gründlichen Selbstbeobachtung fortschreitet, wird man finden: Das fühlt die Seele, was sich draußen ausbreitet, das weiß sie, dass sie Inneres in den äußeren Ereignissen erlebt, dass sie stufenweise fortgeschritten ist, dass innere Seelenereignisse sich aneinandergereiht haben und ein fortlaufender Strom entstanden ist von dem gegenwärtigen Moment an bis zu dem Moment, bis zu dem wir uns zurückerinnern können, dass dieser Strom etwas anderes ist als das, was bloß von außen auf uns wirkt. Die Selbstständigkeit unseres Seelenlebens wirkt überzeugend, und wir fragen, ob sich unser Seelenleben abtrennen kann von der Umgebung, wenn wir unmittelbar der äußeren Welt gegenüberstehen und mit ihr zusammenfließen. Wenn wir aber zurückblicken auf das, was wir nicht nur gesehen haben, sondern auch [auf das], was wir an Erhebungen, an Niedergeschlagenheiten erlebt haben und woran wir uns erinnern können, finden wir einen Strom inneren Seelenlebens.

Dieser Strom ist es gerade, der vorhin genannt worden ist. Es ist die Lebenserfahrung. Mit ihm stehen wir an einem bestimmten Punkt unseres Lebens. Mag unser Leben kurz oder lang sein - wenn wir durch die Pforte des Todes schreiten, werden wir in derselben Lage sein; wir werden den Strom des sich fortentwickelnden Lebens schauen, schauen, was an dieser Seele erquollen ist aus der äußeren Welt, und werden uns die Frage vorlegen, wenn wir den großen Sprung machen durch die Pforte des Todes: Wohin mit dem, was als fortlaufender Strom sich entwickelt hat in unserer Seele? Da tritt uns also das eine Hindernis entgegen: unser ZusammengewachsenSein mit der Außenwelt.

Daher ist es im Wesentlichen ein Entwicklungserfolg, wenn wir durch eine Rückschau, durch eine Betrachtung des Innern uns absondern lernen. Aber eins tritt uns entgegen, wenn wir das Seelenleben absondern, dass wir uns sagen: Es ist zusammenhängend, was da Stufe für Stufe fließt. Wir blicken zurück bis zu unserer ersten Erinnerung; was vorher liegt, daran können wir uns nicht selbst erinnern, davon können uns Ältere erzählen. Was von jenem Moment an geschehen ist, daran erinnern wir uns und wir werden uns anstrengen, auch solche Momente zu haben, wo wir künstlich den Schlafzustand eintreten lassen, aber nur jene Seite, wodurch wir ausschließen die äußeren Eindrücke.

Wenn wir uns in solchen Augenblicken verschließen vor der Pracht der Außenwelt und vor den andern Anregungen der Außenwelt, dann sondern wir das Innenleben aus, wie wir Sauerstoff vom Wasser absondern. Das ist eine Sache der Erfahrung, für welche man keinen theoretischen Beweis aufbringen kann, wie man keinen Beweis braucht, dass es Walfische gibt, wenn einer noch keinen Walfisch gesehen hat. Wenn man sich immer dieses Innerliche vor Augen stellt, wird man sagen: Stufe an Stufe reiht sich das Seelenleben, wir kommen bis zu dem Punkt, zu dem äußere Erinnerung zurückreicht. Wir können mit unserer ganzen Innenerfahrung eine Art von Versuch machen. Wenn wir sehen, dass dieser Strom des Seelenlebens von dem eben charakterisierten Punkt fortfließt und das Spätere sich an das Frühere anreiht, woran reiht sich der Punkt an, bis zu dem die erste Erinnerung reicht? Wir sehen, wie unser Seelenleben fortstrebt; was aber hat hervorgerufen den ersten Moment, den wir uns zurückrufen? Jetzt ist es möglich, im Innern des Seelenlebens etwas hervorzurufen, was nur in der Seelenerfahrung wirkt, was etwas ganz Neues, nie Dagewesenes der Menschenseele geben kann.

Um zu charakterisieren, wie dieses Neue, nie Dagewesene sich ausnimmt, möchte ich auf etwas hinweisen. Wasserstoff ist ein Gas, Sauerstoff ist ein Gas; diese beiden Gase geben Wasser, etwas ganz Neues aus zwei verschiedenen Dingen. Wie wirklich durch das Zusammentreten der äußeren in der Welt vorhandenen Dinge etwas Neues entsteht, was diesen Dingen nicht ähnlich ist, so kann, wenn wir unsern Blick hinwenden immer weiter in den Strom unseres Seelenlebens, bis zu dem Ausgangspunkt in dieser Rückerinnerung, etwas ganz Neues entstehen. Wer nie gesehen hätte, dass zwei Gase Flüssigkeit ergeben, könnte das gar nicht glauben. Was hat den ersten Anstoß innerhalb unseres Lebens gegeben? Da tritt uns wie von selbst vor das Auge dasjenige, was wir als unser Schicksal erfahren. Wie eine Antwort auf diese Frage stellt sich unser Schicksal dar. Warum ist es genau von diesem Ausgangspunkt ausgegangen? Warum ist es gerade so geworden? Diese Frage beantwortet sich damit, dass wir unser Schicksal betrachten und nur das eine ins Auge fassen, dass wir das Schicksal nicht mit einer Idee, sondern mit etwas ganz anderem in Betracht zu ziehen haben. Mit was wollen wir unser Schicksal betrachten? Womit wir unser Schicksal betrachten wollen, das ergibt sich aus dem zweiten Hindernis, dass wir nämlich unser Schicksal gewöhnlich nicht so betrachten wie jetzt, wenn wir bis zu diesem Punkt vorgedrungen sind. Das zweite große Hindernis ist die Eigenliebe, der Eigenwille.

Dieser Eigenwille ist etwas Merkwürdiges. Wir wollen ihn einmal charakterisieren. Was es macht, dass wir zufrieden sind mit uns, dass wir an unserer Lebenserhaltung Befriedigung haben, braucht nicht charakterisiert zu werden. Aber etwas Eigentümliches hat dieser Eigenwille: Er bricht sich an etwas in unserem Seelenleben. Dieser Wille, er mag an Taten, Wünschen, an Begehrungen leisten was immer — wenn unsere Vernunft uns treu bleiben soll, müssen wir zugeben, dass er nicht von sich aus ohne Weiteres einzugreifen vermag in das, wie sich die Lebenserfahrung gebildet hat. Da lassen wir uns vom Leben belehren, da gehen wir in die Lebensschule und lassen uns vom Leben diktieren, was wir zu glauben haben. Es hängt nicht vom Eigenwillen ab, ob wir etwas für wahr oder falsch ansehen. Gerade das, was uns reif macht im Leben, was uns Erkenntnis gibt, davon muss der Wille ausgeschlossen sein! Nicht willkürlich dürfen wir unsere Erfahrungen zusammenfassen, sondern wie es der gesunde Menschenverstand, die Logik der Tatsachen ergeben.

Aber dieser Wille ist in einer anderen Weise wieder als eine Kraft der Seele an unsere Leiblichkeit gebunden als unsere Vorstellungen, Empfindungen, von denen unsere Erfahrung abhängt, bei denen wir nicht unterscheiden können, was außen und innen ist. Unser Wille ist anders an unsere Leiblichkeit gebunden. Wir sehen ganz deutlich, wie er fortdauernd eingreift in unsere Leiblichkeit. Betrachten wir das, was wir im normalen Verlauf des Lebens kennenlernen als Ermüdung. Sie kommt daher, dass Muskeln oder sonstige Organe abgenützt sind. Nichts erscheint so selbstverständlich für den oberflächlichen Eindruck als dies. Es erscheint glaublich, dass körperliche Organe abgenützt sind, und doch ist es nicht wahr. Die körperlichen Organe, die in einer ganz bestimmten Weise in unserem Organismus leben, nützen sich nicht ab. Wie wäre es, wenn Organe wie das Herz sich durch Schlaf erholen müssten? Die Organe, auf welche der bewusste Wille nicht wirkt, bleiben immer tätig und nutzen sich nicht ab. Man beachte Lunge, Herz, Zwerchfell, ja auch die innere Tätigkeit des Nervensystems; diese Kräfte arbeiten immer. Das nützt sich ab, was von unserem bewussten Willen ausgeht. Wenn wir arbeiten, dass die Muskeln von unserem Willen aus in Bewegung kommen, dann werden wir müde. Keine Arbeit ermüdet, die aus dem Organismus selber arbeitet, die aber im Organismus selber beschlossen bleibt. Solange der Wille wirkt, selbst wirkt, so lange nützt dieser Wille den Organismus nicht ab.

Sie sehen es noch aus etwas anderem. Es ist so mit dem Denkprozess: Gibt man sich den Träumereien des Tages hin, so wird man nicht müde, wohl aber, wenn man mit dem Willen in das Denken eingreift, dadurch, dass das Bewusstsein als Ausdruck unseres Seelenlebens, von dem wir sehen, dass es selbstständig wirkt, von außen in unsere Leibesorganisation eingreift. Der menschliche Wille kann bloß als Eigenwille wirken, indem er sich von außen anregen lässt, sich gezwungen fühlt durch irgendwelche Nötigungen; dieser Wille nützt unseren Organismus ab, sodass wir sagen können: Alles das, was Lebensabnützung ist, was an unserem Leib zehrt, das sprießt und fließt heraus aus dem Willen, der durch irgendetwas gezwungen ist, der nicht in der Wesenheit des Menschen und auch nicht innerhalb der seelischen Wesenheit stehen bleibt, der von außen angeregt, bestimmt ist, der sich als Eigenwille in Gegensatz bringt zu dem, was von außen sein muss, der eine zerstörende Kraft unseres Organismus ist.

Was wird das Gegenteil sein, was unseren Organismus aufbaut? Was ihn eigentlich in seine Konfiguration bringt? Es kann nicht ein Gedanke sein, nicht Vorstellungen, Empfindungen; es muss etwas sein, was wie der Wille eingreift in unseren Organismus. Es muss unser Eigenwille nicht sich von außen gezwungen fühlen; er muss als Eigenwille ganz und gar sein können. Das kann er dann sein, wenn uns unser Schicksal so vor Augen tritt, dass wir es nicht in Vorstellungen und Begriffen, sondern mit dem Willen uns vorstellen, sodass unser Eigenwille in keinen Gegensatz mit sich gerät. Dies kann nur dadurch geschehen, dass, wie sehr wir auch mit unserem Schicksal streiten und hadern mögen, wir uns vorstellen, dass wir dieses Schicksal gewollt hätten, wie wenn wir es selber gefügt hätten. Das kann man ausführen als Willensentschluss. Damit schaffen wir das Hindernis des Eigenwillens hinweg. Der Wille, der das Schicksal so betrachtet, wie wenn wir uns selbst hineingestellt hätten in die Sprachgemeinschaft, in die Familie, hat einen Willensentschluss, wenn auch umgekehrter Art, gefasst.

Das sind keine Behauptungen, sondern bisher haben wir nur gewisse Seelenstimmungen hervorgerufen. Dann wandert unser Schicksal, wie wenn wir es selbst gewollt hätten, zurück bis zu dem ersten Moment, an den wir uns erinnern können, wie der Wasserstoff zum Sauerstoff wandert. Dann haben wir etwas in unserer Seele, was mit Gewissheit vor uns steht, so gewiss, wie wir wissen, dass die Flamme heiß ist. Jetzt erleben wir wirklich etwas Neues: die Ergänzung von unserem Seelenleben. Unser Schicksal dringt ein in unser Seelenleben, und wir haben die Antwort auf die Frage: Was hat den ersten Anstoß gegeben? — Das hat den ersten Anstoß gegeben, was wir als unser selbstgewolltes Schicksal aufgestellt haben, und nur so kommen wir zu einer wirklichen Anschauung dessen, was wir waren, als wir begonnen haben unser jetziges Erdendasein, wenn wir das Schicksal als etwas Selbstgewolltes auffassen und es verbinden mit unserem Seelenleben, das wir durch Selbstbeobachtung kennen lernen. Dann aber, wenn wir diese innere Erfahrung errungen haben, die die beiden Hindernisse, äußere Welt - Ahriman - und Eigenwille - Luzifer -, durch Selbstbeobachtung wegschaffen, dann dringen wir vor zur Erkenntnis, dass wir es selber sind, die das Schicksal geformt haben. Der Moment - und jeder kann diesen Moment erleben - ist ein solcher, der sich vergleichen lässt mit dem Moment, wo wir aufwachen, wo wir uns auch nicht sagen: Du bist aus dem Nichts heraus, sondern: Du bist so, wie du jetzt bist, weil du am Abend eingeschlafen bist. Wer im Ernst in einer Beobachtung, die allerdings die äußere Beobachtung außer Acht lässt und den Eigenwillen zerstört, sein Seelenleben erkennt, kommt zu dem Erlebnis, das wie ein Aufwachen ist und wie ein Erinnern an frühere Erdenleben. Sein innerer Wesenskern kommt herüber aus früheren Erdenleben und hat sich sein Schicksal selbst zusammengestellt; wir kommen zu einem Gedächtnis, dass wir frühere Erdenleben durchgemacht haben. Es ist nicht eine gewöhnliche Erinnerung, sondern unser Leben selbst erscheint uns wie eine große Erinnerung. Wir kommen zu der Annahme wiederholter Erdenleben. Dieses Erdenleben, das wir zwischen Geburt und Tod durchlaufen, ist das Ergebnis früherer Erdenleben. Der Mensch hat viele Erdenleben durchlebt, und damit ist gegeben, dass, wie der Mensch jetzt dasteht, er weitere Erdenleben durchmachen wird. Wir haben es zu tun mit einem Wesenskern, der nach dem Tode in eine geistige Welt dringt und dann wieder zurückkehrt zu einem anderen Erdenleben.

Auch das, was wir zu hoffen haben für die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt, ergibt sich aus der Selbstbeobachtung. Mit dem Willen kannst du da nicht eingreifen. Dein Wille und deine Gedanken, Empfindungen und was du dir erobert hast in der Schule des Lebens, stehen getrennt in deinem Seelenleben. Wie ist der Wille sonderbar: Wir bewegen die Hand, aber was da geschieht von dem Moment des Wollens bis zu dem, was wir dann sehen als Bewegung, wissen wir zunächst nicht im normalen Leben. Wir sehen den Willen, wie er sich im Leben in äußeren Bewegungen, Gesten, Taten auslebt, aber es fehlt uns jede Möglichkeit, einzusehen, wie der Wille übergeht in Bewegungen und Taten. Was bloß vor uns liegt, was wir uns angeeignet haben als Lebenserfahrung, davon müssen wir in diesem Leben uns fernhalten, denn wenn sich unser Wille einmischen würde, würde sie gefälscht werden von unserem Willen. Aber im Verlaufe des Lebens erfahren wir, dass wir unsern Willen nicht wirken lassen können. Wie wir in dieses Leben hineingestellt sind, [darauf] können wir nicht wirken. Wenn wir etwas draußen sind aus dem Leben, dann braucht für unseren Willen keine Abhaltung zu sein, zu durchdringen rein und kraftvoll, was wir innerlich durchleben. Wenn unser Leib nicht mehr das Trennende bildet zwischen unserem Willen und unserer Lebenserfahrung, wenn diese äußeren Erlebnisse nicht mehr das Trennende bilden können, dann kann der Wille unsere Lebenserfahrung erfassen, durchdringen und durchkraften. Das tun wir zwischen Tod und neuer Geburt. Unser Wille wird alles, was wir erlebt haben, durchdringen, damit wir in einem neuen Dasein den ersten Anstoß geben können, von dem wir gesehen haben, dass wir ihn gefasst haben im Beginn des Erdenlebens.

So sehen wir, wie dadurch, dass die Verbindung hergestellt wird mit unseren Vorstellungen, die Kräfte gebildet werden, die uns zu einem neuen Erdendasein aufrufen. Damit kommt Geisteswissenschaft zu der Anschauung von wiederholten Erdenleben, die sich wie eine Selbstverständlichkeit den Denkern der Neuzeit ergeben hat, sodass sie gar nicht anders konnten als ihre Gedanken auslaufen lassen in diese Vorstellungswelt, zum Beispiel Lessing, der als Frucht seines Lebens uns die «Erziehung des Menschengeschlechtes» gegeben hat. Da merkt man, was Lessing dazu gebracht hat, zu sagen, dass diese Anschauung die einzige Möglichkeit ist, Tod und Unsterblichkeit zu begreifen. Dieser Gedanke wird vielleicht verachtet, weil die Menschen davon seit Urzeiten wussten, weil früher die Menschen noch nicht beirrt waren wie in dieser Zeit durch die Ereignisse der Außenwelt und durch dasjenige, was sich zugetragen hat innerhalb der menschlichen Kultur. Die Seele der Menschen hat dasjenige auf sich wirken lassen, was Indien, Persien, Ägypten, Griechenland geboten haben, was man den Strom der Menschheitsentwicklung nennen kann. Hat es einen Sinn, wenn eine Seele, nachdem sie dies hat auf sich wirken lassen, abstirbt für immer? — Nein, es hat keinen Sinn. Wenn die Seele alles, was sie sich erarbeitet hat, in spätere Zeiten hinüberträgt und neue Erlebnisse hingenommen werden, so sind es die Seelen selber, welche die alten Kulturerrungenschaften in die Neuzeit herübertragen. Auch im neunzehnten Jahrhundert, trotzdem die äußeren wissenschaftlichen Verhältnisse so ungünstig wie möglich waren, ist man darauf gekommen.

Wie aber Geisteswissenschaft selbst durch geistige Experimente des Geistesforschers zu einem Beweise kommt, der nicht angefochten werden kann, davon kann morgen gesprochen werden. Es soll nur noch ausgeführt werden, wie das sich weiter auslebt, dass eine solche Anschauung durch Verarbeiten des inneren Seelenlebens gewonnen wird. Dadurch aber wirkt sie auch wieder zurück auf das innere Seelenleben. Auf einer Seite sehen wir zurück, wie wir uns hineingestellt haben nach unseren Taten, Gedanken und Empfindungen aus früheren Leben in dieses Leben. Wir fühlen, dass wir auch dieses Leben mit alldem, was uns das Schicksal bringt, durchmachen müssen, dass unsere Lebensschule weitergehen kann. Indem wir dies empfinden, sagen wir uns: Unser Leben, wie es sich in und um uns abspielt, ist die Wirkung früherer, von uns selber getaner Ursachen. Das ist die Lehre vom Karma, das für die neue Geisteswissenschaft kein altes Gesetz aus dem Buddhismus ist, sondern das aus der durch die Naturwissenschaft erzogenen modernen Seele selbst gewonnen wird.

Dieses Leben selbst zerfällt in eine auf- und absteigende Linie. In der Jugend wirken viele Kräfte aus früheren Leben so, dass unsere leibliche Organisation aufwärtsgehen kann. Unsere Kräfte bilden sich aus, werden reicher und reicher, bis der Höhepunkt erreicht ist, der uns Befriedigung gewährt. Dann kommt das absteigende Leben, wo das Gesicht sich runzelt, der Körper müde wird. Für jeden ist es gewiss, dass es kommt, und er braucht die Kraft verleihenden Gedanken. Ein solcher aber, der im geisteswissenschaftlichen Sinn, nicht bloß theoretisch, verstandesmäßig das Menschenleben betrachtet, er wird sehen, dass Geisteswissenschaft Kraft gibt, dass sie geradezu wie ein Lebenselixier wirkt, wenn wir ihre Wahrheit erkennen. Was einfließt in unsere Lebenszuversichten, Hoffnungen, in unsere Lebensarbeit, das fühlen wir, und man wird es immer fühlen, wenn einmal unsere Kultur in das Licht der Geisteswissenschaft gerückt sein wird. Da fühlen wir, wie im absteigenden Leben gerade das wächst und wachsen muss, was im Tode nicht zerfällt, sondern von unserem Willen erfasst wird und, wenn die größte Spannkraft erreicht ist, die Kraft hat, in das Geistige einzugehen und, nachdem es sich die Kräfte geholt hat aus der geistigen Welt, sich ein neues Leben zu zimmern.

Wir betrachten da nicht theoretisch die Fragen der Unsterblichkeit; wir leben und lernen fühlen die Unsterblichkeit der Seele, indem wir durch ein ahnungsvolles Verständnis der Geisteswissenschaft den Reichtum unserer Seele strömen fühlen, die uns sagt: Du entwickelst gegen das Lebensende hin immer stärkere Kräfte, die ebenso wenig untergehen wie die physikalischen Kräfte, die sich [nicht] nur verwandeln, sondern ewig und unsterblich sind. Im Wachsen der Kräfte, im realen Dasein der Kräfte fühlst du deine Unsterblichkeit. Die Unsterblichkeit ist nicht erst da, wenn wir tot sind, sondern schon während unseres Lebens. Sie ist, weil die Menschenseele da ist und weil der Mensch sie schon während des Lebens im Leibe empfinden kann. Geisteswissenschaft ist nicht Theorie, sondern Lebenssaft, und verstehen wir sie recht, so wird sie Lebenskraft. So treibt sie uns nicht dazu, zu spekulieren, sondern Unsterblichkeit ist etwas, was die Seele fühlen kann als etwas Substanzielles, Körperliches, das die Kräfte steigert und in sich Unsterblichkeit als ihr tiefstes Wesen und [ihre tiefste] Eigenschaft trägt. Unsterblichkeit zu empfinden und zu fühlen als seiner Lebenszuversicht Dasein, das ist dasjenige, was aus Geisteswissenschaft quellen muss. Und so dürfen wir zusammenfassen in einer Variation von Worten, wie die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft zum Lebenselixier werden:

Es sprechen zu den Menschensinnen
Die Dinge in den Raumesweiten,
Sie wandeln sich im Zeitenlaufe
In ihres Wesens tiefstem Kern.
Erkennend dringt die Menschenseele
Von Raumesweiten unbegrenzt
Und unbeirrt vom Zeitenlaufe
Ins Reich der Ewigkeit.

German original of Death and Immortality in the Light of Spiritual Science · ← Previous · Next →