Death and Immortality in the Light of Spiritual Science
GA 69d — 26 February 1912, Munich
10. Der Ursprung Des Menschen Im Lichte Der Geisteswissenschaft
Es wurde in dem vorhergehenden Vortrag, an den der heutige sich anschließt, über die verborgenen Tiefen des Seelenlebens gesprochen und dargelegt, dass das Leben der Seele nicht absolut an die Materie gebunden ist, dass es nicht nur trennbar ist vom Physischen, sondern auch von den Vorstellungen, die von diesem durch die Sinne und den Verstand gewonnen werden. Die Möglichkeit der Trennung der Seelenerlebnisse von den physischen Vorstellungen wurde nachgewiesen an dem Unterschied zwischen Erinnerungs- und Traumbildern. Jene [die Erinnerungen] steigen auf ohne die ursprüngliche Kraft des seelischen Mitempfindens, diese [die Traumbilder] mit den ursprünglichen Begleiterscheinungen des Gemütslebens an Freude, Leid und dergleichen. Da - in der Erinnerung - löst sich das Seelenleben los vom Vorstellungsleben, welches in der Außenwelt gewonnen wird, und zieht sich zurück in die verborgenen Tiefen der Seele, und da wirkt es und arbeitet, da übt es seine Macht, indem es an dem Gesamtorganismus des Menschen arbeitet.
Während das Vorstellungsleben oft seine Ohnmacht erweist -— denn wir wissen nicht, was in den Tiefen des Meeres vorgeht, wenn die Oberfläche sich kräuselt -, erweist das verborgene Seelenleben sich als Macht. Wir sehen das im Traume, in der Trance der Medien, im Wirken der Kunst und im Wissen des Geistesforschers. Denn der Mensch kann da hineindringen durch Schulung seines Geistes, sodass er lernt, bewusst zu schöpfen aus den Quellen des wahrhaft realen Lebens, in das er nicht nur wie der Träumer und Phantast ohne Kontrolle blickt und dadurch zum Träumer, Halluzinisten oder gar Lügner wird, nicht wie der mit atavistischem Hellsehen Begabte im Traum zum Spielball der Geister einer solchen Seelen- oder Astralwelt wird, auch nicht allein, wie der wahre Künstler aus dem Geiste schöpft und es gestaltet im Schönen, sondern als ein Wissender, bewusst Schauender, das, was Vision ist, von dem, was wahr und selbst gewollt ist, unterscheiden kann. [...]
Diese Erkenntnis des Verborgenen geht, wenn sie zu der richtigen Geistesforschung führen soll, nur, erstens, durch Selbsterkenntnis, durch das Hinabsteigen ins eigene Innere, und mit dieser Selbsterkenntnis entsteht und wächst zweitens dann die Erkenntnis der geistigen Umwelt. Je größer die Selbsterkenntnis, desto weiter wird der geistige Horizont, die Kraft, einzudringen auch in die Realitäten der Umwelt, in den verborgenen Weltengeist. l..]
Sehr verehrte Anwesende! Wenn man an den Gegenstand der heutigen Betrachtung herangeht, dann kommt man, von den Gesichtspunkten ausgehend, die hier vertreten werden, in eine im eigentlichen Grunde recht merkwürdige Lage gegenüber allem, was gerade in unserem Zeitalter seit Jahrzehnten über die wichtige Frage nach dem Ursprung des Menschen gedacht und erforscht worden ist. In eine sonderbare Lage kommt man nämlich aus dem Grunde, weil der Ursprung des Menschen im Verlaufe der letzten Jahrzehnte vorzugsweise in der Form dargestellt worden ist, in welcher man eben in der Gegenwart glaubt, über den Ursprung des Menschen denken zu müssen: im Sinne der Ergebnisse der neueren Naturwissenschaft. Und wer könnte leugnen, dass die großen, die gewaltigen Fortschritte der Naturwissenschaft in der letzten Zeit allen Anspruch darauf haben, mitzureden, in dem Augenblicke, wo diese bedeutungsvolle Frage an den Menschen herantritt.
Die meisten derjenigen gegenwärtigen Personen, welche sich vom Gesichtspunkte der Naturwissenschaft aus mit der Frage befassen, müssen begreiflicherweise den Eindruck haben, dass alles, was hier vom Standpunkt der Geisteswissenschaft über diese Frage gesagt werden kann, im Grunde genommen schnurstracks dem zuwiderläuft, was die Naturwissenschaft über den Punkt zu sagen hat — begreiflicherweise, verehrte Anwesende, und ich bitte zu berücksichtigen, dass dies gesagt wird. Denn gerade bei solchen Fragen schwebt ja immer das im Hintergrunde, was hervortreten sollte gelegentlich der beiden Vorträge meines letzten Hierseins, die darüber handelten, wie man auf der einen Seite Theosophie widerlegen kann, und wie sie verteidigen. Gerade bei Fragen wie der heutigen muss der Geisteswissenschaftler sich völlig klar sein, dass viel, viel aus den Vorstellungen der Gegenwart heraus scheinbar mit Recht gegen seine Behauptungen vorgebracht werden kann. Deshalb muss es begreiflich sein, dass man mit einem Vortrage wie dem des heutigen Abends einige Anregungen geben kann, aber weit davon ist, bei jemandem, der noch unbekannt [mit theosophischen Anschauungen] ist, eine rasche Überzeugung hervorzurufen. Das sei als Einleitung gesagt, um die Gesinnung zu charakterisieren, aus der ein solcher Vortrag gegeben wird. Was haben wir nun in den letzten Jahrzehnten erlebt [in Bezug auf unser heutiges Thema]? Immer mehr und mehr hat sich bei denjenigen [Naturwissenschaftlern], die glauben, ein Urteil über dieses Gebiet zu haben, die Anschauung festgesetzt, dass der Mensch in der Gesamtheit seines Wesens seinen Ursprung genommen habe von Geschöpfen, welche im Sinne einer systematischen Anordnung der Lebewesen eigentlich unter der Sphäre desjenigen stehen, was der heutige Mensch seine Bildung, seine Kultur, überhaupt die Sphäre seiner menschlichen Betätigungen nennt. [Das sonst] außerordentlich fruchtbare Prinzip der Entwicklung hat dahin geführt, dass der Glaube sich festgesetzt hat, in der Vergangenheit wäre die Entwicklung so fortgeschritten, dass aus einfachen, primitiven Lebensformen, denen die heutigen primitiven Lebensformen noch ähnlich sind, durch langsame Entwicklung - wie man sagt, durch den «Kampf ums Dasein», durch Anpassung - allmählich immer kompliziertere Lebensformen sich gebildet haben, bis hinauf zu den höheren Tieren, und dass in einer solchen fortschreitenden Entwicklung aus den niederen Reichen der Mensch gleichsam emporgestiegen sei. Man sucht also die Vorfahren des Menschen bei tierischen Lebewesen, und es gibt in [weiten] Kreisen eine solche Überzeugung in Bezug auf diesen Punkt, dass man eigentlich jeden für einen zurückgebliebenen Geist hält, der irgendetwas vorbringen will, das damit nicht übereinstimmt. Nun haben zunächst die Naturforscher nicht so sehr die Naturforscher, welche auf dem Gebiete der Tatsachen stehen bleiben, sondern die Naturforscher, die sich berufen gefühlt haben, Weltanschauungen, Welträtsel an ihre Forschungen anzuknüpfen -, die haben sich gedrungen gefühlt, sozusagen als Erstes die äußere Gestalt und die äußeren physischen Lebensverhältnisse des Menschen als Vermannigfaltigungen, als Komplikationen darzustellen, welche aus den Kräften hervorgegangen seien, die aus den unter den Menschen stehenden Reichen stammen, sodass man nur kompliziertere Lebensverhältnisse vor sich hätte als bei den Tieren, namentlich denen, die um eine Stufe tiefer stehen als die Menschen, dass man aber doch die Kräfte herleiten müsse aus dem, was schon bei den niederen Lebewesen sich findet.
Jene Naturforscher, die an die Tatsachen der Naturforschung eine Lebensanschauung knüpfen wollten, haben diesen Glauben befestigt. Aber nicht nur dieser hat sich festgesetzt, sondern es hat sich festgesetzt, dass die höheren intellektuellen Kräfte, das, was wir des Menschen ästhetische Auffassung, seine moralischen Impulse nennen, auch nur höhere Ausgestaltungen der geistigen, der seelischen Ausgestaltungen wären, die man im Tierreiche vorfindet, dass man die primitiveren Gestalten auch für das moralische Verhalten bei den Tieren suchen kann, die sich in Bezug auf den Menschen mit moralischen Begriffen fassen lassen, sodass man vielfach überzeugt ist, der Mensch sei als intellektuelles, als moralisches, als ästhetisches Wesen bloß durch Komplikation aus den unter ihm stehenden Lebewesen hervorgegangen.
Es muss zugestanden werden, dass gegenüber den großartigen Ergebnissen der Naturwissenschaft unserer Zeit es außerordentlich schwierig ist, aufzukommen mit irgendeiner anderen Gesinnung, mit irgendeiner anderen Anschauung. Und es muss ohne Weiteres zugegeben werden, dass man sich als Geisteswissenschaftler oftmals eigentlich auch in einer sonderbaren Lage befindet, wenn man auf der einen Seite die Errungenschaften der Naturwissenschaft auf sich wirken lässt und auf der anderen Seite das, was gewisse mehr oder weniger dilettantische Geisteswissenschaftler glauben aus den naturwissenschaftlichen Ergebnissen herausziehen zu müssen. Wenn man die Gewissenhaftigkeit in den Darstellungen vergleicht, so ist es so, dass man in Bezug auf Gewissenhaftigkeit es eigentlich lieber mit dem Naturforscher halten möchte als mit manchem dilettantischen Geistesforscher.
Nun handelt es sich darum, dass die Geistesforschung auf diesem Gebiete auch deshalb in einer ganz besonderen Lage ist, weil sie im Grunde genommen nur mit den Gedanken, Ideen und Hypothesen, die aus den naturwissenschaftlichen Ergebnissen gekommen sind, in eine Disharmonie kommt, während es dem Geistesforscher immer klarer wird, dass die [tatsächlichen] Ergebnisse der Naturwissenschaft das menschliche Denken geradezu zwingen, nach und nach Ausblick zu nehmen nach einer Perspektive, wie sie die Geisteswissenschaft gibt. Eigentlich ist der Zwiespalt zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft nicht so groß, denn die naturwissenschaftlichen Tatsachen entsprechen mehr der Geisteswissenschaft als den monistischen und materialistischen [Ausdeutungen]. So fühlt man sich als Geistesforscher durch Weiterfortschreiten im Einklang mit den Tatsachen und kommt nur in Zwiespalt mit den Hypothesen, die von manchen Seiten aus den Tatsachen gezogen werden.
Wenn man den Menschen in seiner Entwicklung betrachtet, ihn [zurück-]verfolgen will bis zu [seinem] Ursprung, so scheint es nur natürlich, dass die Anschauungen über ihn sich zusammenschließen müssen mit den Anschauungen, die man über den Entwicklungsgang der Erde hat, und dieser Entwicklungsgang der Erde, [dieses Zurückgehen] wurde ja [bisher] ganz in dem materialistischen Sinne gehalten, in dem auch die biologische Entwicklungslehre, die Entwicklungslehre der Lebewesen [durchgeführt] wird. Wenn man nachdenkt über den Entwicklungsgang der Erde, dann zieht man in der Regel nur das in Betracht, was die äußeren, leblosen Kräfte, die Kräfte [der] Physik, Chemie, Geologie [bewirken können], und man verfolgt die Erde in einem Zustand, in dem sie anders ausgesehen hat als heute, in dem sie vielleicht in einem solchen Zustande war, der sich unserer heutigen Erdengestaltung gegenüber ausnimmt wie ein gasförmiger Ball. Wir wissen, dass dies eine weit verbreitete Hypothese ist, wissen, dass ein gasförmiger Zustand angenommen wird, aus dem die Erde sich verdichtet habe. Es ist bekannt, dass, wenn man dies noch weiter zurückverfolgt in urferne Vergangenheit, man dazu kommt, das ganze Sonnensystem in gasförmigem Zustand zu sehen. Wohl, der Geistesforscher erkennt, dass gegen diese sogenannte Kant-Laplace’sche Theorie neuerdings schon Einwendungen aufgetreten sind, aber in weitesten Kreisen ist sie doch noch vorherrschend. Da glaubt man, dass das ganze Sonnensystem selbst ausgehe von einer Art Urnebel, der im Umschwung, in Rotation war, und man stellt sich wohl auch vor, dass durch die Kräfte, die in diesem Umschwung sich gelten machten, die Planeten sich abtrennten, unter denen auch unsere Erde war.
Es ist schon öfters von mir darauf aufmerksam gemacht worden, wie man schon in den Schulen den sogenannten [Plateau’schen] Versuch durchführt, um diese Kant-Laplace’sche Theorie anschaulich zu machen. Man nimmt einen großen Tropfen aus einer Substanz, die auf Wasser schwimmen kann, lässt ein Kartenblatt eindringen an der Stelle des Äquators, das man an der Stelle der Achse durchsticht mit einer Nadel und bringt den Tropfen zum Rotieren und zeigt so, dass in der Tat kleine Tropfen sich loslösen und um den Mittelpunkt sich bewegen. Was könnte einfacher sein, als so zu beweisen, wie ein Weltensystem auf solche Weise sich gebildet haben könnte? Aber es kommt bei einem Experiment darauf an, alles in Betracht zu ziehen, was logisch hinzugezogen werden muss, und da stellt sich heraus: Man vergisst etwas bei diesem Versuch - sich selbst, vergisst, dass man dasteht und dreht, und dass man nur dann ein logisches Recht hat, die Hypothese aufzustellen [und den Versuch auf das Sonnensystem zu übertragen], wenn man annimmt, dass ein Riesenlehrer draußen im Weltenall ist, der mit einer Riesennadel diese ganze Bewegung hervorgerufen hat. Wenn man diesen Zusatz bei diesem Versuch nicht macht, so steht man durchaus auf ungerechtfertigtem Boden.
Geisteswissenschaft stellt natürlich nicht einen solchen Professor hinaus in den Raum, aber sie sagt, dass es nirgends eine wesenlose Materie wie diesen Weltennebel gibt, dass überall die Materie durchdrungen oder wenigstens dirigiert ist von geistigen Mächten und Kräften, [ohne dass wir dabei in Anthropomorphismus verfallen dürfen]. Daher ist es für die Geisteswissenschaft klar: Wenn es auch berechtigt ist, in Bezug auf die materielle Gestaltung, dass ein solcher Urnebel da ist, so liegt diesem äußeren Geschehen ein geistiges Geschehen zugrunde, so wie die Wirksamkeit des Geistig-Seelischen dem Geschehen am menschlichen Leibe zugrunde liegt. Nicht von einer Analogie geht die Geisteswissenschaft aus, sondern von geistiger Forschung. Die Geisteswissenschaft sucht im speziell Konkreten die geistigen Geschehnisse, die geistigen Kräfte und die geistigen Wesenheiten, die zugrunde liegen, sodass sie statt der äußeren, materialistischen Hypothesen den Geist darin sieht.
Nun könnte man ja, wenn man die gebräuchlichen Darstellungen der Kant-Laplace’schen Theorie und die damit zusammenhängenden Operationen vornimmt, sagen, dass es möglich sei, das, was unser Körper ist, und die Herausgestaltung der physisch-seelischen Gebilde herzuleiten aus der Umdrehung in dem Urnebel. Wenn man die Annahme einmal machen will, dass irgendein Riesenlehrer da draußen steht und das Ganze in Bewegung setzt, dann kann man zur Not davon sprechen, dass die Gestaltung der Erde sich aus dem Kant-Laplace’schen Urnebel heraus gebildet hätte. Aber dann kommt man wieder auf einen bedenklichen Punkt, und dieser ist nicht nur von Geistesforschern gesehen worden, sondern auch von nachdenkenden Naturforschern. Dieser Punkt betrifft die Entstehung des Lebens überhaupt auf unserem Erdenkörper. Man kann ja, wenn man gewisse Verhältnisse nicht berücksichtigt, sich vielleicht dem Glauben hingeben, dass [durch das zufällige Zusammentreten] gewisser Substanzen einmal durch Urzeugung Lebendiges habe entstehen können. Es würde sehr, sehr weit führen, wenn man alle die philosophischen und sonstigen Gründe auseinandersetzen wollte, welche die Unmöglichkeit ergeben, dass aus Verhältnissen, die rein physikalisch gedacht sind, das Leben abgeleitet werden könnte. Viel wichtiger ist, dass diese Unmöglichkeit tiefer denkenden Naturen wie Gustav Fechner und Wilhelm Preyer, dem geistvollen Biographen Darwins, eingeleuchtet hat, dass sie keine Möglichkeit fanden, in ihren Gedanken damit zurechtzukommen, aus einer geistlosen, [leblosen] Erde Leben hervorgehen zu sehen. So haben diese Forscher zu der Annahme gegriffen, dass unsere Erde im Beginne ihres Erdenwerdens keineswegs bloß irgendein physischer oder physikalisch-chemische Wirkungen in sich habender Körper gewesen sei, sondern sie nahmen an, wenn auch für die Gegenwart gelte, dass der Erdenkörper, den wir unter unseren Füßen haben, für die Mineralogen als ein Lebloses sich darstellt und die Lebewesen auf ihm in ihren eigenen Reichen durch Vererbung sich fortpflanzen, so gelte das nicht für die uralten Zeiten, sondern Preyer und Fechner waren in die Notwendigkeit versetzt, sich die Erde in urferner Vergangenheit als ein Lebewesen, als einen großen Organismus zu denken, sodass im Sinne dieser Naturforscher die Erde ursprünglich ein großer lebender Organismus im Weltenall war. Dann wäre die Zeit gekommen, wo gewisse Substanzen und Bestandteile dieser Erde sich herauskristallisierten aus dieser sogenannten Lebesubstanz, und das, was sich da herauskristallisierte, ist unser heutiger chemische und physikalische Kräfte in sich bergender Leib. Während ursprünglich die Erde ein Gesamtleben hatte, gibt sie, in ihrem Sinne, ihr Leben ab an einzelne Erdenwesen, sodass der Ursprung der Lebewesen zu denken wäre durch Hervorgehen eines Lebendigen aus einem lebendigen Erdenleibe.
Es macht einen merkwürdigen Eindruck, wenn der Biograph Darwins seine Gedanken hinlenkt auf diese Urgestalt der Erde und sich aus seinem Denken heraus eine Vorstellung macht. Wenn wir bei Preyer hören, dass der Erdenorganismus ursprünglich lebendig vorzustellen wäre, dass seine Blutströme glühende Eisendämpfe gewesen seien, dass der Atem dieses Erdenleibes aus der Umgebung einströmende Weltendämpfe gewesen seien und die Nahrung des Erdenleibes Materie gewesen sei, die aus dem Weltenall ihr zugeflossen sei - merkwürdiges Gemisch naturphysikalischer Vorstellungen [mit Lebensvorgängen]! Er kommt nicht ganz los von seinen physikalischen Vorstellungen, aber er muss sich doch denken, dass in den hineinströmenden Dämpfen etwas wie Ernährung, Atmung, Blutkreislauf anzunehmen ist. Wir müssen bei Ernährung nicht denken, dass glühendes Eisen diese Funktionen besorgt. Aber eines zeigt uns Preyer: dass auch Naturforscher mit Notwendigkeit sich gezwungen fühlen können, die Erde als Organismus zu erkennen. Sie kommen der Geisteswissenschaft auf halbem Wege entgegen; sie geben zu, dass, wenn man rückwärtsgeht, man an einen Ausgangspunkt komme, wo die Erde [ein großer lebendiger Organismus] war, dass die Erde als etwas Totes im weiteren Verlaufe [der Entwicklung] das Lebendige [...] herausgesetzt hat, [spezialisiert] in [mannigfaltigste] Wesen, in [Pflanzen], Tiere, Menschen. Durchdrungen denken sie sich urferne Vergangenheiten mit vollem Leben. Aber eines fehlt noch, was Geisteswissenschaft von diesen Voraussetzungen aus diesem Erdenleibe zuschreiben muss: [Es fehlt der Gedanke], dass der Erdenleib in Wahrheit nicht nur einen lebendigen Ausgangspunkt haben muss, sondern dass er [durchseelt, durchgeistigt] gedacht werden muss, sodass wir, wenn wir auf den Erdenursprung hinblicken, es nicht nur mit einem [lebendigen] Organismus zu tun haben, sondern dass wir uns die Erde als einen beseelten, [durchgeistigten] Organismus vorzustellen haben.
Ja, nun könnte man sagen: Was tut man denn da anderes, als das, was erst erklärt werden soll, hineinzulegen in das, was man ursprünglich annimmt? Statt den Geist zu entwickeln, nimmt man den Geist als ursprünglich bestehend an. Das aber muss man tun, meine sehr verehrten Anwesenden, nach allen irgend möglichen Voraussetzungen einer Erkenntniswissenschaft, denn nirgends ist es möglich, auch nur denkbar, dass aus untergeordneten Naturreichen sich die höheren Naturreiche entwickeln; nirgends ist uns gegeben im Verlauf der Erfahrungen ein Heraustreten des Geistig-Seelischen aus einem bloß Physischen, eines Lebendigen aus einem bloß [Physikalisch-] Chemischen. Was uns gegenübertritt, namentlich auch an uns selber, ist, dass wir das Geistig-Seelische arbeiten sehen an dem Materiellen; und wer in den Vorträgen, die hier gehalten worden sind, verfolgt hat, was von diesem Geistig-Seelischen dargelegt worden ist, der wird ja wissen, mit welchem Recht man gerade beim Menschen davon zu sprechen hat, dass das Geistig-Seelische an dem äußeren Leiblich-Materiellen arbeitet.
Wir verfolgen den Menschen in uns, sagen wir, in der Zeit, von jenem Moment an, bis zu dem wir uns im normalen [Menschenleben] zurückerinnern, und sehen da in unserer Erinnerung aus den Tiefen unseres Bewusstseins unsere Erlebnisse heraustreten. Wir sehen im Mittelpunkt dieser Bewusstseinsereignisse lebendiger und lebendiger werden dasjenige, worauf wir das Wort «Ich» anwenden. Absurd wäre es nun, anzunehmen, dass dieses Ich erst begonnen habe in dem Moment, bis zu dem wir uns zurückerinnern. Es muss da gewesen sein auch in dem traumhaften, dämmerhaften Bewusstsein, wo das Kind noch nicht zu sich «Ich» sagt. Da muss das Ich da gewesen sein. Wie war es da im Zusammenhang mit den sonstigen Seelenkräften vorhanden? Wenn wir das gewöhnliche Seelenleben des Menschen betrachten, dann können wir sagen, dass das, was da in diesem Stadium als Bewusstsein hervortritt, etwas Besonderes, etwas Persönliches ist. Wir sehen, wie wir die besonderen Lebensenergien, die uns ja individuell sind, hineinarbeiten. Deshalb sind wir genötigt, das, was wir später im Leben innerhalb unseres Bewusstseins wirken sehen, als den eigentlichen Akteur unseres ganzen Organismus zu denken. Wir müssen denken, dass wir die allgemeine Gestaltung dieses Organismus von den Vorfahren erben, dass aber hineingearbeitet werden müssen die Energien, die unseren Organismus ausmachen, [bis in die feinsten plastischen Ausgestaltungen des Gehirns].
Wenn wir das erkennen, dann sind wir nicht mehr weit davon entfernt, diese Individualität zurückzuführen auf ein früheres Erdenleben. Da sehen wir das Geistig-Seelische arbeiten an unserer inneren leiblich-materiellen Wesenheit, und wir sagen uns dann wohl, dass, wie heute, wie in unserer Erdengegenwart, unser Ich mit seinen Seelenkräften noch arbeitet an unserem Leib in der ersten Kindheit. Dieses Arbeiten ist nicht vererbt von unseren Vorfahren; vielmehr ist in dem, was wir durch die Vererbungskräfte geworden sind, [noch ein gewisser Spielraum gelassen], in den wir unser geistig-seelisches Wesen hineinarbeiten können. Das sehen wir zum Beispiel an der Tatsache, dass wir aus einem kriechenden Wesen ein gehendes Wesen werden. Wir sehen, wie das Geistig-Seelische uns aufrichtet, wir sehen das Geistig-Seelische arbeiten an dem Leiblichen.
Erst wenn wir vorschreiten zu dem, was im letzten Vortrag - über die verborgenen Tiefen des Seelenlebens — erwähnt worden ist, zu der geistigen Schulung, durch die man Einblick in die hinter der physischen liegende geistige Welt gewinnt, dann können wir so ins Auge fassen das, was hier schon geschildert wurde. Wenn man auf sich anwendet die Methoden, die Sie finden in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», so gelangt man allmählich dazu, dass man als Mensch nicht mehr angewiesen ist, so in der Seele zu leben, dass man sich der körperlichen Werkzeuge bedienen muss. Geisteswissenschaft zeigt, dass der Mensch Methoden der Meditation und Konzentration auf sich anwenden kann, durch die er sich eine Wesenheit geistiger Art aneignen kann, unabhängig vom Körperlichen, sodass er Erlebnisse hat und weiß, er hat sie nicht mit Hilfe der Sinne; sondern weiß: Jetzt erlebst du etwas in deinem ursprünglich geistig-seelischen Wesen, du wirst da gewahr, was du über dieses körperliche Wesen hinaus noch bist.
Und insbesondere ist es interessant, dass man, wenn man zu solcher Schulung aufsteigt, von Anfang an das Gefühl hat: Ja, du erlebst jetzt etwas Übersinnliches. Aber zugleich ist man anfangs nicht imstande, was man so erlebt, in derselben Weise in Begriffe und Ideen und Worte zu kleiden. Warum nicht? Weil man, wenn man Ideen und Begriffe in Worte kleidet, eben das Instrument des Gehirns braucht. Die Ideen und Begriffe, die die Menschen sich bilden, sind aus der Welt genommen, sodass sich eine Kluft auftut zwischen dem, was man erlebt, und dem, was man ausdrücken kann. Erst wenn man Geduld und Ausdauer übt und die Übungen fortsetzt, kommt der Zeitpunkt, dass man in die Lage kommt, die Erlebnisse, die man aus der geistigen Welt herunterbringt, auch wirklich in Begriffe und Ideen zu kleiden, die dem äußeren Leben entnommen sind. Da weiß man, bevor man zu dieser Möglichkeit kommt, dass man das Gehirn fühlt wie etwas, das einem einen schweren Widerstand entgegenbringt, und man fühlt: Man muss im weiteren Verlauf der Schulung die Arbeit leisten - ähnlich wie das Kind das noch ungeschickte Gehirn für das Leben plastisch ausgestalten muss —, so feine Gestaltungen in das Gehirn hineinzuarbeiten, dass sie gar nicht mit äußeren Instrumenten von den Naturforschern erkannt werden. Die Arbeit des seelisch-geistigen Wesens an der materiellen Substanz des Leiblichen kann allerdings nur innerlich verfolgt werden. Wir sehen also wiederum im Geistig-Seelischen den eigentlichen Ursprung des Werdenden.
Es ist nunmehr keine unberechtigte Behauptung, wenn man nun sagt: Gewiss, so, wie die gegenwärtigen Verhältnisse unserer Erde liegen, ist das Geistig-Seelische des Menschen, wie es vor der Entstehung des ersten materiellen Atoms unseres Leibes war, nur imstande, den Spielraum [zu nutzen], der in der allgemeinen Gestaltung unseres physischen Körpers [begrenzt ist]. Während dieser Spielraum, über den die Vererbungsverhältnisse keine Macht haben, das Geistig-Seelische gestaltet, sehen wir, dass das Physische, die allgemeine Menschengestalt, nur erhalten werden kann von gleichartigen menschlichen Lebewesen. Also unter den heutigen Lebensverhältnissen ist das Geistig-Seelische nur in der Lage, gewisse Dinge innerhalb eines durch Vererbung erhaltenen Leibes zu gestalten.
Wenn das heute so ist - und wenn wir annehmen, dass die Erde eine Entwicklung durchgemacht hat, was selbst die Naturforschung zugibt -, so ist ja damit nicht gesagt, dass in urferner Vergangenheit das Geistig-Seelische nur in der Lage war, innerhalb eines bestimmten Spielraumes zu arbeiten. Nehmen Sie es zunächst nur als Hypothese; es braucht nicht mehr als absurd zu gelten, wenn Geisteswissenschaft sagt: Je weiter wir zurückgehen in uralte Verhältnisse, desto mächtiger wirkt das Geistig-Seelische [des Menschen]. In urferner Vergangenheit war dieses Geistig-Seelische so bedeutsam, so mächtig, dass es auch dasjenige gestalten konnte, was heute nur innerhalb der Vererbung gestaltet werden kann. So, wie wir heute das Geistig-Seelische nur einen kleinen Teil des materiellen Menschen gestalten schen, so sehen wir es in alten Zeiten den gesamten Organismus gestalten, sodass im beseelten Erdenorganismus vorhanden waren als Geistig-Seelisches die Menschenseelen, und der Erdenleib einstmals eine solche Substanz hergeben konnte, die unmittelbar aus der Seele zum vollen Menschen gebildet werden konnte von den geistig-seelischen Welten.
So blicken wir zurück in die uralte Vergangenheit, wo die Verhältnisse noch nicht die von heute waren, wo innerhalb der Gesamtseele des Erdenorganismus die menschlichen Seelen enthalten waren, das heißt, dem Erdenorganismus eignete auch organische Substanz, die anders war als die gegenwärtige, die sich nur den Vererbungskräften einordnen kann im Menschenkörper. So kommen wir zurück zu einer Erdenkonfiguration - gegenüber der Erdengestaltung, in der wir stehen -, in welcher nicht eine solche Fortpflanzung vorhanden war wie in unserer Zeit, wir finden nicht einen solchen Zusammenhang zwischen Generationen, zwischen Männlichem und Weiblichem. An der Stelle des Zusammenwirkens von Männlichem und Weiblichem finden wir das Zusammenwirken des Geistig-Seelischen mit der lebendigen Substanz des Erdenleibes. Geistig-Seelisches wirkte befruchtend auf die Erdensubstanz und ließ dasjenige hervorgehen, was der Mensch am Ursprung seines Erdendaseins war: ein rein aus dem geistig-seelischen Wesenskern herausgestaltetes, herausgebildetes Geschöpf.
Wenn wir die gegenwärtigen Verhältnisse wirklich unbefangen betrachten, dann scheint das vielleicht eine gewagte Hypothese, aber durchaus nicht etwas, das absurd wäre. Wir sehen unseren Erdenleib also gleichsam aus lebendiger Substanz gebildet. Wie er heute von Lufthülle umgeben ist, so war er dazumal von einer SeelenGeistes-Hülle umgeben, und wie es heute aus den Lufthüllen regnet und der Boden durch Keime befruchtet wird, so befruchteten einstmals geistig-seelische [Keime] die lebendige Substanz, und dies verursachte, dass die befruchtete Erde den Menschen hervorbrachte. Dass sich Personen, die auf dem Boden der Naturwissenschaft stehen, bei [solchen Vorstellungen] der Magen umdreht, ist ganz begreiflich und dem Geistesforscher durchaus verständlich.
[Etwas anderes muss noch gesagt werden], das auch wahr ist. Wenn der Geistesforscher zurückverweist auf Erdenepochen, wo es keinen Sinn hatte, von Männlichem und Weiblichem zu sprechen, sondern wo Himmlisches und Irdisches sich befruchteten, da kommen ihm die Anschauungen der Naturforscher in die Quere, nicht aber die Tatsachen der Naturforschung, welche sich in den letzten Jahrzehnten ergeben haben. Diese Tatsachen haben die Naturforscher zu besonderen Annahmen geführt. Da sehen wir, wie in der letzten Zeit, die damit begonnen hat, dass Ernst Haeckel in der [Stettiner] Naturforscherversammlung [1863] zum ersten Mal eine materialistische Deutung des menschlichen Ursprungs in seiner Auffassung der darwinistischen Theorie geben zu müssen glaubte; wir sehen, wie die auf diesem älteren Standpunkt stehenden Naturforscher sich gedrungen fühlten, eine gerade Entwicklungslinie [von den Moneren] bis zum Menschen zu ziehen, und wie sie immer genötigt sind zu sagen, wie vor dem Menschen auf der Erde ein Wesen ähnlich dem heutigen Affen gelebt habe. [Aber die neuere Forschung hat] diese Anschauung [korrigiert]. Überall sehen wir, dass man versucht hat, den Vorfahren des Menschen heranzubringen an ein physisches, tierartiges Wesen, das durch Vervollkommnung der physischen Organisation auch die Höhe der geistigen Organisation hervorgebracht habe.
Solche Dinge nicht mehr annehmen zu können, solche Dinge, dass der Mensch einen Vorfahren gehabt habe, der irgendwie einer heutigen tierischen Gestalt ähnlich war, sehen wir die Notwendigkeit sich erweisen. Die Naturforscher sagen, dass es einmal Menschenvorfahren gegeben habe, die dem heutigen Affen ähnlich gewesen seien. Das, was jetzt als Tierwelt lebt, habe sich aus der Dekadenz ergeben, sodass, was wir als Affen haben, ein Wesen ist, das sich aus einer niedergehenden Bildung einer höheren Form ergeben habe auf der einen Seite, und auf der anderen Seite haben wir den Menschen. Wir sehen Affen und Menschen wie zwei Äste zurückführen auf ein Wesen, das nicht mehr existiert, das nur in urfernen Erdenzeiten gewesen sei. Dieser gemeinsame Vorfahre von Tierheit und Menschheit, zu dem die Tatsachen die naturforschenden Weltanschauungsleute hinführen, ist [hypothetisch], ein Wesen, das rein ausgedacht ist.
Nun sind gewisse Naturforscher durch sorgfältige Ergebnisse gezwungen worden, dieses Wesen immer weiter hinaufzurücken, sodass viele schon gezwungen sind zu sagen, auch höhere Säugetiere erinnerten nicht an dieses hypothetische Wesen, wir müssten noch weiter zurückgehen zu einem Wesen, von dem die allerersten Säugetierformen abstammen, und dieses Wesen habe gleichzeitig einen Ast ausgebildet, der immer erhaben über der Tierheit gewesen sei und der endlich zum Menschen sich ausgebildet habe. Wenn man einen Affen sieht, so müsse man ihn immer zurückführen zu einer früheren Tierheitsstufe und dann eine rein hypothetische, eine rein gedachte Wesenheit annehmen, die einen Zweig ausgebildet habe, der zu Reptilien geworden ist, während ein anderer Zweig sich abgliederte, der zum Menschen geworden ist. Wir sehen also den Naturforscher zu etwas gehen, was Menschen und Tiere aus gleichem Wesen gebildet hat.
Wie weit sind solche Gelehrte entfernt von dem, was wir aus der Geisteswissenschaft ausgeführt haben? Nicht weiter, als dass sie durch ihre Denkgewohnheiten genötigt sind, sich die Entwicklungsbedingungen der Erde so zu gestalten, dass sie nur auf physische Art die Entstehung heutiger Lebensformen sich denken können, während die Geistesforscher an diese Stelle etwas hinsetzen, das unter ganz anderen Erdenverhältnissen und aus ganz anderen Bedingungen hervorgegangen ist: Befruchtung der Erdensubstanz durch das Geistig-Seelische.
Auch die Möglichkeit finden wir, uns den weiteren Fortgang der Entwicklung bis hinauf zum Menschen als eine aus dem Geistig-Seelischen herausgearbeitete Wesenheit zu denken. Wie jetzt der heutige Mensch das Produkt von Vater und Mutter ist, so war auch ein solcher Urmensch, wie ich ihn jetzt im Sinne der Geisteswissenschaft geschildert habe, von zwei Seiten zusammengefügt, aus der Substanz der Erde und dem Geistig-Seelischen des Erdenumkreises. So können wir sagen, dass der Mensch dem geistigen Umkreis angehörte. Der Mensch hat durch dieses Urelement mehr im ganzen Himmelsumkreis gelebt und fühlte seinen Zusammenhang mit kosmischen Verhältnissen.
Aber unseren geistig-seelischen Keim konnten wir nur an einem bestimmten Punkt der Erde bekommen. Dadurch ist der Mensch individualisiert, dadurch, dass er [an einen bestimmten Ort] gekommen ist, dadurch ist er ein besonderes Wesen geworden, ein Wesen, das heimisch wurde, das fest an die Örtlichkeit der Erde gebunden wurde.
So haben wir in diesem Urmenschen zugleich: ein Allgemein-Menschliches und ein Individuelles, ein erdgebundenes und ein mehr himmlisches, makrokosmisches Element. Merkwürdig nachwirken sehen wir im heutigen Menschen dasjenige, was wir eben charakterisiert haben.
Wenn man sorgfältig alles prüft, was dem Menschen durch Vererbung zukommt, so zeigt sich, dass trotz aller sonstigen, durch Vererbung spezialisierten Verhältnisse wir dem Menschen zugrunde liegend finden ein Allgemein-Menschliches, und dass individualisiert wird in jeder Menschennatur eine zweite. Beide finden wir noch heute: etwas Allgemein-Menschliches und das Spezialisierte. Wenn man die gegenwärtige Menschheit prüft, so findet man: Das Allgemein-Menschliche ist erblich von weiblicher Seite, und der besondere, individuelle Charakter ist im Wesentlichen Erbteil der männlichen Vorfahren, wobei es einerlei ist, ob der Einzelne als Individualität männlich oder weiblich ist. Das heißt, wir sehen noch jetzt das nachwirken, was sich im Urmenschen als allgemeines himmlisches Element zeigte - wenn der Ausdruck nicht pedantisch genommen wird -, und das, was an ihm aus der allgemeinen Lebenssubstanz der Erde kam. Daher brauchen wir nur anzunehmen, dass in den Urmenschen, die aus dem Geiste heraus gestaltet waren, in dem einen Falle das makrokosmische Element überwog, das aus dem Umkreis befruchtend wirkte, während das Element, das aus der Erde selber kam, mehr zurücktrat. Dadurch spezialisierte sich ein Teil der Urmenschen. Wo das Himmlische mehr wirkte, spezialisierte es sich zum Weiblichen, und da, wo das Irdische überwog, wo die spezielle Erdenbestimmung Oberhand gewann, da bildete sich das mehr Individuelle, die Anlage zum Männlichen. Da sehen wir, wie aus diesen allgemeinen Verhältnissen heraus aus dem ursprünglich geistigseelischen Menschen die Anlagen gestaltet wurden, sich mehr und mehr verdichteten und sich herausbildeten als Mann und Frau.
Und diesen ganzen Vorgang, meine verehrten Anwesenden, müssen wir uns so vorstellen, dass die Verhältnisse immer andere wurden, das heißt nichts anderes, als dass die Bedingungen verschwanden, die es möglich gemacht hatten, dass aus dem geistigen Umkreise heraus die kosmischen Elemente befruchtend wirkten. Die lebendige Erdensubstanz setzte das rein Mineralische, Chemische aus sich heraus und war daher nicht mehr in der Lage, lebendige Substanz herauszusetzen. An die Stelle dessen, was durch das Untere und Obere in geistiger Befruchtung aufgetreten war, was nicht mehr auf diese Art den Menschen gestalten konnte, trat etwas auf andere Weise und wurde dadurch gestaltend, dass es hineingelegt wurde in den Menschen selber, sodass die Fortpflanzung von Generation zu Generation eintrat. Die Kräfte, die den Menschen gestalten, sehen wir so sich zurückführen, dass die weibliche Beisteuer auf ein Kosmisches, auf ein himmlisches Element zurückführt, und das, was in der Fortpflanzung durch das Männliche gegeben wird, zurückführt zur ursprünglichen organischlebendigen Erdensubstanz. Wir sehen noch nachwirken im Weiblichen das Allgemeine und im Männlichen das Individuelle. Niemand wird in die Vererbungsverhältnisse und den Anteil des Männlichen und Weiblichen Licht bringen, der diese Dinge nicht berücksichtigt, sie nicht berücksichtigt [auch] nur in hypothetischer Weise. Die Kräfte, die zwischen der Erdenumgebung und der Erde wirkten, mussten abgegeben werden an die Vererbung.
Es muss uns nun interessieren, wie sich zu dieser Entwicklung des Menschen, zu dieser Anschauung vom Ursprung des Menschen die Entwicklung der Tiere verhält. Denn in einer gewissen Weise wird der Ursprung des Menschen nicht recht verstanden, ohne die Entwicklung der Tiere ins Auge zu fassen. Da zeigt sich, dass der Mensch, so wie er heute vor uns steht in seiner Zweiheit - sodass einerseits noch gewisse Spielräume da sind, in denen Geistig-Seelisches arbeitet, andererseits er Vererbtes erhält —, nur so entstehen konnte, wie er heute ist, wenn er bis zu einem gewissen Zeitpunkt diese geistigseelische Bildung beibehalten hat, bis die Bedingungen auf der Erde so waren, dass sie nicht mehr aus sich die Möglichkeit hergeben konnten, den Menschen aus Geistig-Seelischem entstehen zu lassen. Da erst gestaltete sich die heutige Art der Fortpflanzung. Als geistig-seelisch geformtes Wesen musste der Mensch warten.
Was wäre geschehen, wenn er früher die Entstehung aus dem Geistig-Seelischen abgelegt und sich bloß den Erdenverhältnissen gefügt hätte? Einfache Überlegungen können uns das zeigen. Wäre das Geistig-Seelische nicht bis zum äußersten Zeitmoment in seiner ursprünglichen Art geblieben, sondern hätte es den Erdenverhältnissen ein Übergewicht eingeräumt, dann wäre das Geistig-Seelische schwach geworden gegenüber den irdischen Verhältnissen. Wäre der Mensch früher zu der Fortpflanzungsart übergegangen, die ihm jetzt eigen ist, so wäre er schwächer in seinen geistig-seelischen Kräften, und das, was von der Erde kommt, würde ein Übergewicht bekommen haben — weil es noch mächtiger war, als die Erde noch in sich organisierende Kräfte gehabt hatte -, und er wäre unter der Einwirkung der organisierenden Erdenkräfte zu einer niedereren Stufe herabgestiegen.
Das ist der Fall bei der Tierheit. Es hat das Geistig-Seelische der Tiere sich zu verschiedener Zeit mit der Erde vereinigt, indem es vor dem Menschen herabgestiegen ist in die Erdensphären. Das Tier ging dem Menschen voran. Der Mensch aber stammt nicht vom Tiere ab, sondern von seiner geistigen Urform. Diejenigen geistigen Urformen, welche zu Tieren geworden sind, sind früher heruntergestiegen als der Mensch, der am längsten oben geblieben ist in den geistigen Regionen. So sind die Entwicklungslinien nicht so, dass sie zum Urbilde des Tierreiches und des Menschen führen. Das Urbild des Tierreiches müssen wir uns abgesondert von dem Seelisch-Geistigen des Menschen denken.
So sehen wir, wie im Sinne einer logisch erarbeiteten Entwicklungstheorie die Geisteswissenschaft den Menschen hineinstellt in die Gesamtentwicklung der Erde, und wie das zusammenstimmt mit richtig erwogener naturwissenschaftlicher Anschauung. Geisteswissenschaft stellt den Menschen hinein in eine solche Entwicklungslinie, in welcher berücksichtigt werden die Metamorphosen der Erde selber, wie dann die Tierformen sich ergeben und endlich der Mensch sich ergibt, indem er so lange gewartet hat im geistigen Umkreis der Erde, damit er sich so anpassen konnte an die Erdenverhältnisse, dass der größte Spielraum für das Geistig-Seelische gegeben war.
Meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe schon angedeutet, dass das, was heute gesagt worden ist, gerade von den Menschen, die sich ausgerüstet haben mit allem Wissen der heutigen Zeit, vielfach als undenkbar, als Absurdität angesehen werden muss. Und wenn es nur einzelne Menschen sind, welche die Neigung und den Willen haben, einzusehen, dass diese Dinge [der Geisteswissenschaft], die in das Kulturleben hineinspielen, mit demselben Ernste durchgeführt werden wie die [der] Naturwissenschaft, dann wird das genügen, zu zeigen, wie dies Hereinwirken in das Kulturleben geschieht. Geisteswissenschaft geht von einem anderen Standpunkte aus, gelangt zu etwas allerdings, wozu sich der Naturforscher noch ablehnend verhalten muss, aber einsehen können diejenigen, die es wollen, dass die wahre Naturforschung, die auf Tatsachen beruht, «schnurstracks» dem entgegenkommt, was die Geisteswissenschaft zu geben hat. Geisteswissenschaft geht von einem anderen Standpunkt aus als die Naturwissenschaft, sie gelangt allerdings zu etwas, wozu sich der Naturforscher jetzt noch ablehnend verhalten muss. Wenn man absieht von dem, was phantasiert wird in der Naturwissenschaft, und nur die Tatsachen ins Auge fasst, so wird man sehen, dass diese überall dasjenige belegen und beweisen, was heute charakterisiert worden ist.
Für den Menschen aber ist es wichtig, sich bewusst zu sein, dass in ihm ein selbstständiges Geistiges ist, das nicht das Ergebnis eines Materiell-Leiblichen ist, sondern dass das Leibliche das Ergebnis eines Geistigen ist, das seinen Ursprung in der geistigen Umwelt hat und seine Keime eingesenkt hat der nun unlebendigen Substanz der Erde.
Die Erforschung der äußeren Tatsachen in der Erdenentwicklung [widerspricht nicht der selbstständigen Bedeutung des Geistig-Seelischen in der Menschennatur, sondern die Naturwissenschaft bekräftigt das Verhältnis, in dem er zur Welt, zu Geist und Seele steht, durch] jedes tiefere Nachsinnen, jedes Einleben in seine Wesenheit — wie ein Selbstgespräch, wie ein Gespräch, das die Seele mit sich selber führt, sich formen muss, welches aus den Tiefen der menschlichen Natur heraus sich immer wieder so gestalten muss, dass [wir] das Verhältnis des Menschen zu sich und dem Leben [in die Worte zusammenfassen können]:
Aus dem Geiste ist der Mensch entsprungen,
In dem Geiste wirkt und webt des Menschen ganzes Leben,
Zu dem Geiste strebt des Menschen ganzes Wesen.