Death and Immortality in the Light of Spiritual Science
GA 69d — 24 February 1912, Munich
9. Die Verborgenen Tiefen des Seelenlebens
Sehr verehrte Anwesende! Es sei mir am heutigen Abend gestattet, einiges von dem, was im Laufe der Vorträge, die ich hier von diesem Orte aus zu Ihnen halten durfte, in Bezug auf geisteswissenschaftliche Erkenntnis des Menschen gesagt worden ist, zusammenzufassen und unter einen besonderen Gesichtspunkt zu stellen, sodass es gelingen kann, im nächsten Vortrag, übermorgen, in einer fruchtbaren Weise über eine der wichtigsten Fragen unseres gegenwärtigen Geisteslebens zu sprechen: über den Ursprung des Menschen.
Der Mensch, der zuweilen einen Blick auf seine eigene Seele, auf sich selber wirft, der wird zweifellos in manchen Fällen den Eindruck haben müssen, er stehe nicht nur gegenüber seinem eigenen Wesen wie vor etwas Unbekanntem, sondern der Eindruck kann sich noch dahin vertiefen, dass dieses eigene Wesen dem Menschen wohl erscheinen kann als ein solches, das ihn manchmal mit Besorgnis erfüllt, vielleicht sogar wie Furcht vor etwas Unbekanntem anmutet. Dasjenige, was in unserem bewussten Seelenleben sich abspielt, dasjenige, was wir erleben vom Morgen, vom Aufwachen, bis abends zum Einschlafen - es nimmt sich wahrhaftig oftmals so aus, als ob alles das, was da in unserem Bewusstsein lebt, heraufkomme aus unbekannten Tiefen, wie Meereswellenspiel heraufstürmt und heraufkräuselt aus den unbekannten Tiefen des Meeres. Und wiewohl man, wenn man dieses Meeresstürmen und Meereswellenkräuselspiel ansieht, wohl ahnen kann, dass in den Tiefen dieses oder jenes vorgeht, so sagt man sich doch oftmals: Wie wenig verrät eigentlich das, was sich an der Oberfläche abspielt, die Vorgänge in der Tiefe. Und so ist es zuweilen mit dem eigenen Seelenleben. Das, was sich im Bewusstsein abspielt, ist wie ein Heraufschlagen von Wellen aus unbekannten Tiefen, und da wir selber der Schauplatz dieses ganzen Wirkens sind, deshalb nimmt zuweilen die Frage, was da unten vorgeht, einen bangen Charakter an. Ja, der Eindruck kann sich noch mehr vertiefen, wenn wir sehen, wie zuweilen aus den verborgenen Tiefen unseres Seelenlebens diese oder jene Gefühle heraufspielen, diese oder jene Leidenschaften oder Triebe, diese oder jene Willensimpulse, die wir nicht meistern können, die zu unserem Leidwesen da sind, vielleicht oftmals auch zu unserer Freude; da können wir uns auch so vorkommen, wie wenn wir auf der Erdoberfläche stünden und gleichsam, wie bei einem Erdbeben, die unterirdischen Tiefen zu beben anfangen. Es ist der Eindruck des Nichtwissens dessen, was da kommen wird, was unsere Gemütsstimmung bedrückt. Wir können oftmals diese Stimmung haben gegenüber dem, was da heraufkommt, worüber wir uns klar sind, dass wir es gar nicht in der Hand haben. Wir gewinnen am besten den Einlass in die verborgenen Seelentiefen, wenn wir von den bekannten Vorgängen im Seelenleben ausgehen, das heißt, wenn wir von dem ausgehen, was uns bewusst ist; und was wäre denn schließlich dem Menschen bewusster als dasjenige, was er begriffen, was er erkannt zu haben glaubt, in das er Einblick zu haben glaubt aus diesen oder jenen Erkenntniszweigen dieser oder jener Wissenschaft oder erkannt zu haben glaubt aus seiner Lebenserfahrung? Was wäre schließlich bewusster und bekannter in unserem Seelenleben als das, was wir unsere klaren Vorstellungen nennen? Ja, wenn wir aber diese Vorstellungen, dieses unser Wissen, diese unsere Erkenntnis überblicken, dann wird uns - wenn wir vorurteilslos der Sache gegenüberstehen - dann wird uns aufsteigen gegenüber dieser Erkenntnis ein Gefühl der Ohnmacht, sozusagen ein Gefühl des Abgeschlossenseins gegenüber der Welt in unserer Erkenntnis.
Aus der griechischen Geistesgeschichte ist uns zwar überliefert, dass einmal ein großer Philosoph gefragt worden wäre, wie eigentlich die Menschen sich hineinstellen in das Leben, und die Antwort gegeben habe: Diejenigen, die da erkennen wollen und auch wirklich dazu gelangen, die nehmen sich aus wie gewisse Leute auf irgendeinem Jahrmarkt. Während die einen auf einen Jahrmarkt kommen, um dieses oder jenes zu verkaufen, und ihr Interesse haben, ihre Ware abzusetzen, und die anderen ihr Interesse haben einzukaufen -, so gibt es ja überall auf Jahrmärkten auch diejenigen, die weder verkaufen noch kaufen wollen, welche einfach gekommen sind, um sich die Dinge, das Leben auf dem Jahrmarkt anzusehen.
So verhält es sich auch mit den erkennenden Menschen. Sie treten da dem Jahrmarkt des Lebens gegenüber, nicht, um sich einzumischen in die widerstreitenden Interessen, sondern um ruhig das Leben einfach zu betrachten.
Nun könnte es anscheinend den Menschen, der im gewöhnlichen Leben drinnensteht, wenig interessieren, was eigentlich die universelle Aufgabe der besonderen Erkenntnismenschen ist, aber in gewissem Sinne müssen wir doch sagen, dass jeder Mensch, wo er auch stehe im Leben, einen Winkel hat, wo er Erkenntnismensch ist; und ohne Philosoph, ohne Erkenntnismensch zu sein, kann eigentlich niemand befriedigt durch dieses Leben schreiten. So sind wir für die Augenblicke, wo wir nur zuschauen, ohne uns in das «Jahrmarktsleben» zu verstricken, wo wir Philosophen sind, in der Lage, dass unsere Seele die Eigenschaften derjenigen hat, die bloß zuschauen. Und als Zuschauer, als ein wenig in der Ecke stehend, fühlt man sich eigentlich immer, wenn man ins Auge fasst dasjenige, was in Bezug auf Wissens- und Erkenntnisdrang die bedeutendsten Vorstellungen sind. Und was für Vorstellungen des Erkenntnislebens gilt, das gilt sozusagen für unser ganzes Vorstellungsleben. Es wird uns da etwas aufgehen von dem, was man die Ohnmacht des Erkenntnislebens nennt.
Nun könnte man sagen: Ja, du stempelst die Erkenntnismenschen zu einer Art Gaffer des Lebens und machst Erkenntnis zu etwas, was nicht wirklich eingreift in das wirkliche Gewoge und Getriebe des Lebens. - Von dieser Ohnmacht des Lebens erhält man aber eine Erkenntnis erst recht, wenn man beobachtet, wie der Mensch einzusehen, zu erkennen sucht die verborgenen Kräfte, wie sie wirken im Leben, wie sie es vorwärts bringen und in Ordnung halten können. Und dennoch, auch wenn der Mensch ganz durchdrungen ist von dem Lichte, das, sagen wir, von moralischen oder sonstigen Vorstellungen ausgeht, es kann trotzdem sein, dass seine Triebe sprechen, seine Instinkte, die Leidenschaften sich geltend machen, und dass er in Wirklichkeit gar nicht demjenigen folgen kann, was ihm in seinen Vorstellungen aufgegangen ist. Wir müssen sagen: Die Vorstellungen haben keine Kraft, in unser Seelenleben einzugreifen, so zu wirken und zu weben, dass wir unsere seelische Wirklichkeit ganz und gar dem Vorstellungsleben anpassen würden. Die Kraft, die Stärke des Impulses, die fehlt den Vorstellungen in Bezug auf die Realität des Seelenlebens, und wir fühlen die Ohnmacht des Vorstellungslebens und der realen Impulse des Lebens als Zweiheit in uns selbst.
Wie glauben die Menschen da und dort, wie haben sie zu allen Zeiten geglaubt, wichtige Weltanschauungen, ja die ganze Welt zu begreifen - und siehe da: Wenn die Vorstellungen die Kraft hätten, dasjenige, was sie scheinbar enthalten, wirklich umzusetzen in Lebensimpulse, dann müsste es leichter sein, die Menschen von solchen Vorstellungen zu überzeugen. Jedes Mal, wenn es sich wieder darum handelt, merkt man die Ohnmacht der Vorstellungen gegenüber der Realität, gegenüber dem Leben.
Man kann es nur zu gut begreifen, wenn insbesondere der Künstler, der ja aus der Gesamtheit seiner Seele heraus schaffen soll, der nüchtern und trocken würde, wenn er nicht mit dem ganzen Seelenwesen dabei wäre - wir können sehen, wie er Angst hat, aufzugehen in dem Seelenprozess, denn er fühlt: In dem Moment, wo statt der empfänglichen Seelenimpulse sich einmischen die nach einer gewissen logischen Gedankenfolge [aufgebauten Vorstellungen], in dem Moment wird das Seelenleben schwach. Daher spricht man von [der] Nüchternheit [des Vorstellungslebens]. Der Künstler weiß, dass die Kunst nicht wirken kann, wenn sie aus dem bloßen Vorstellungsleben genommen ist. Ja, man erkennt Kunstwerke daran, ob sie aus dem Seelenleben oder aus abstrakten Ideen heraus geschaffen sind.
Es liegt einem solchen Gefühl das Bewusstsein von der Ohnmacht des Vorstellungslebens zugrunde. Und da unsere Vorstellungen eigentlich dasjenige sind, was uns im Leben so recht zu bewussten Menschen macht, und wir einsehen, dass die Vorstellungen eigentlich tief in unser Seelenleben eingreifen, da fragt es sich nun: Ist es alles an diesen Vorstellungen, das, was sich sozusagen an der Oberfläche kräuselt und nicht herunterdringt in tiefere Regionen des Seelenlebens? Hier sind wir an der «primitivsten» Frage des verborgenen Seelenlebens. Dennoch wird man in Empfindung und Gefühl des tieferen Seelenlebens, in deren Wesen nur hineinkommen, wenn man von dem Alltäglichen ausgeht - von dieser «primitiven» Frage.
Nun wissen wir alle, dass dasjenige, was wir im bewussten Wachzustande erleben, sich so abspielt: Derjenige, der einen Blick für das Eigentümliche seines Seelenlebens hat, wird sich klar sein, dass im Verlaufe dessen, was in seinen Vorstellungen lebt, verbunden sind die Gefühls-, die Gemütserlebnisse mit den Vorstellungen. Nur bei hervorragendsten Vorstellungen haben wir wirklich das Gefühl, dass wir uns an ihnen freuen oder Leid erleben. Dieses Mitklingen der Gemütsstimmungen beim Vorstellungsleben, es ist aber im Grunde genommen immer vorhanden. Kein Mensch kann sich sagen, dass irgendetwas in seinem bewussten Leben abläuft, das nicht einen, wenn auch geringen, Grad von Empfindung der Lust und des Leides, der Hoffnung und der Furcht und dergleichen mit sich bringt. Reines Vorstellen, bloßes Ideenleben im Bewusstsein haben wir eigentlich im alltäglichen Leben niemals, sondern immer ist mit dem, was sich im bewussten Leben abspielt, dasjenige verbunden, was wir Gemütsstimmung, Gefühl, Empfindung nennen können.
Im Verlauf des Lebens verhält sich aber dies Element des Vorstellungslebens ganz anders als dasjenige, was da wie eine Begleiterscheinung des Vorstellungslebens als Gemütsverfassung auftritt. Sie können das daran sehen, wenn Sie versuchen, nach zehn oder zwanzig Jahren sich an etwas, was Sie erlebt haben, mehr oder weniger klar vorstellungsmäßig so zu erinnern, dass Sie das Ereignis im Vorstellungsleben nachbilden können. Wenn da die Dinge verknüpft waren, die einen mit großem Schmerz, die anderen mit großer Freude - immer werden wir gewahr werden: Diese Freude, dieser Schmerz treten in der Erinnerung nicht mit derselben Kraft und Energie auf. Wenn jemand zum Beispiel einen Todesfall erlebt hat, dann weiß er, dass der Schmerz sich in der Erinnerung nicht mit der ursprünglichen Stärke im Gemütsleben wieder heraufleben kann. Ebenso ist es mit der Freude. In unserer Erinnerung spielen also die Vorstellungen eine ganz andere Rolle.
Die Frage kann aufgeworfen werden: Ja, wo bleiben denn nun, da ja doch die Bilder, die wir uns von schmerzlichen oder freudigen Ereignissen machen können, lebendig in der Erinnerung sind, wo bleiben denn die Gemütsstimmungen, wo bleibt das Gefühlsleben, das mit diesen Vorstellungen verbunden war? - Nun ist diese Frage, sosehr sie zu den «primitiven» gehört, nicht so ganz einfach. Und das werden viele Menschen noch bestreiten, dass man nach streng logischen Methoden eine Antwort auf solche Fragen geben kann. Aber vieles, was gesagt worden ist über elementare Fragen der Geistesforschung, setzt uns doch in den Stand, dass wir auch eine Anschauung bekommen können über das Schicksal der mit den Vorstellungen verbundenen Gemütsstimmungen. Während die Vorstellungen aus der Erinnerung wieder heraufgezaubert werden können, kann das mit den Gemütsstimmungen nicht geschehen. Wenn wir einmal das Leben so eindringlich, so gründlich betrachten, wie es zur Beantwortung einer solchen Frage nötig ist, so finden wir bei einem jeden Menschen, den wir längere Zeit kennen: Es ist das gesamte Befinden dieses Menschen, das sich darin ausdrückt, dass er ein mehr oder weniger froher Mensch ist, so, dass seine Frohheit sich nicht nur so ausdrückt, wie er die Außenwelt seelisch auffasst, sondern darin, wie er sich in seiner Organisation harmonisch, in seiner Organisation gesund fühlt. Wir dürfen, wenn wir von der Gesamtverfassung eines Menschen sprechen, seelisches Erleben da nicht trennen von dem, was wir Gesamtverfassung nennen, und dazu gehören auch diejenigen Stimmungen, die von unserer Körperverfassung abhängen, davon, wie unser Blut rinnt, wie der Gedankenablauf in unserem Gehirn und Nervensystem vor sich geht.
Betrachten wir diese Gesamtverfassung eines Menschen in einem gewissen Zeitpunkt, wo er in seinem ganzen Wesen nicht froh gestimmt ist, wo er melancholisch oder herabgestimmt ist oder überdrüssig dessen, was in seinem ganzen Wesen als Gesamtverfassung sich angibt; betrachten wir diese Verfassung eines Menschen und vergleichen wir sie mit dem, wie wir ihn gekannt haben in früheren Tagen seines Lebens, so werden wir [...] da die Stimmungen und Empfindungen und Gefühle finden, die nicht in die Erinnerungen eintreten. In jenen Regionen lebt er nicht, aus denen wir unsere Erinnerungen nehmen, sondern er ist in tiefe Untergründe des Lebens gestiegen, wo gearbeitet wird an der Verfassung, die unser Seelenleben ausmacht, die aber auch als Seelenstimmung mit unserer ganzen leiblichen Organisation zusammenhängt. Wie wir lebensfroh und hoffnungsreich, melancholisch und herabgestimmt sind, arbeitsfreudig, müde, erschöpft oder geeignet, ein jedes anzugreifen - das hat sich dadurch ergeben, dass die Gemütsstimmungen sich trennen vom Vorstellungsleben und hinuntertauchen in die tiefen Gründe des Seelenlebens. Wo sozusagen unser persönliches Lebensglück gezimmert wird, da sehen wir eine gewisse Linie sich absondern vom Vorstellungsleben, wir sehen jenen Teil, der dieses Vorstellungsleben begleitet, hinuntertauchen und in verborgenen Seelengründen arbeiten, wo unser Lebenswesen sich einwirkt in unsere persönliche Verfassung. Da haben wir ein Element, welches zwar aus den bewussten Erlebnissen kommt, aber immer untertaucht in diejenigen Regionen, in welchen es arbeiten kann an unserem gesamten Leben.
Zuweilen aber wird dasjenige, was so untertaucht in unser Gesamtbefinden, wieder hervorgeholt, doch hervorgeholt in einer gewissen Weise, hervorgeholt nicht bloß, wenn das gewöhnliche, alltägliche Bewusstsein, durch das wir mit dem äußeren Leben in Verbindung treten, gerade in gewisser Weise ausgeschaltet ist - was da untergetaucht ist, das sehen wir manchmal heraufsteigen in den halbbewussten Zuständen der Traumeswelt. Daher treten uns bedeutsam die Gebilde der Traumeswelt so auf, dass sie uns in ferne, vergangene Zeiten unseres Lebens versetzen. Hätten wir versucht, uns irgendwie auf dasjenige zu besinnen, was vorgefallen ist, hätten wir vielleicht ein klares Bild bekommen, vielleicht nicht. Dasjenige aber, was wir im Gefühle erlebt haben, können wir nicht heraufholen. Wer aber die Traumbilder prüft, findet: Es stellt sich heraus, dass jemand uralte Gemütsstimmungen in den Sinnbildern seiner Träume zum Ausdruck bringt. Es kann zum Beispiel durchaus sein, dass irgendjemand ein stattliches Alter erreicht und nicht mehr geneigt ist, mit einer Papierschaps oder einem Kindersäbel auf die Straße zu gehen und zu kommandieren, wie es die Kinder tun. Er wird die Vorstellung haben von dem, was da mit ihm vorgegangen ist, aber die Simmungen können nicht mehr die Gewalt haben im Tagesleben. Dafür nehmen sie sie im Traum an. Und Fälle sind nicht selten, wo einer in einem gewissen Alter jede Nacht einmal träumt, dass er eigentlich Major ist oder dass er im "Traum eine Reise macht. Er erinnert sich im äußeren Leben vielleicht, was er in Kinderbüchern gelesen, macht aber nicht mehr die Seligkeit durch, die er damals empfunden hat. Aber im Traum tut er es.
Wo das Alltagsleben aufhört, wo der Mensch im Traum die Bilder seiner Vorstellungen fühlt, da finden wir, dass da die Gemütsverfassungen, die in den verborgenen Tiefen des Seelenlebens spielen und wirken, heraufkommen, wenn sie noch nicht verwendet worden sind - und das ist wichtig —, um an unserer Leibesorganisation zu arbeiten. Wenn sie noch in einem Winkel unseres verborgenen Seelenlebens wohnen, dann kommen sie im Traum herauf. Wenn jemand im Traum in frühere Gemütsstimmungen versetzt ist, dann verrät uns die ganze Art, wie sie im Traum heraufkommen: Da sind gewisse Empfindungen geblieben; sie haben ihre Kräfte noch nicht verbraucht, deshalb treibt sie das halbschlafende Leben des Traumes herauf in unser Halbbewusstsein - es stellen sich uns die Traumbilder vor. Da haben wir ein Beispiel, wie wir durch die Decke unseres alltäglichen [Bewusstseins-]Zustandes hindurchdringen können, wie in der Tat das, was im verborgenen Seelenleben lebt, zur Vorstellung kommen kann, wie aber dann diese Vorstellungen nicht kontrolliert werden an der Außenwelt, sondern ganz in dem leben, was an Gemütsstimmungen in unserem inneren Seelenleben vorhanden ist.
Dieses ist etwas ganz Primitives, aber es kann unser Verständnis überleiten zu dem, was durch Geisteswissenschaft aus den verborgenen Seelentiefen erkundet werden kann. Wir sehen nämlich eine Eigenschaft der Gemütsstimmungen, die sich zurückziehen aus unserem Vorstellungsleben, wir schen eine Eigenschaft, die sie sich aneignen, und die außerordentlich wichtig ist: Dadurch, dass sie die Vorstellungen entlassen, gewinnen sie eine Macht. Und wir können uns sagen: Während wir früher von Ohnmacht der Erkenntnis des Vorstellungslebens im Bewusstsein sprachen, können wir gerade daran sehen, wie verbrauchte Gemütsstimmungen sich umsetzen oder Gemütsstimmungen ohne unser Zutun als Traumesvorstellungen sich so vor uns hinstellen, dass wir nicht die Macht haben, sie an der Logik zu korrigieren, [wir sehen], wie sich dieses Gemütsleben der äußeren Erfahrung durch die Sinne entreißt, entreißt dem äußeren Denken, das an das Gehirn gebunden ist. Da eignet sich dieses unterbewusste Seelenleben eine gewisse Macht an, eine gewisse Wirklichkeit.
Zunächst ist diese Wirklichkeit eine solche, welche uns nur in uns selber, in unsere eigene Wirklichkeit führt. Solche Träume, die wie die eben besprochenen geartet sind, sind ein Abbild dessen, was wir aufgespeichert haben an Furcht und Hoffnung, an Angst und Zuversicht im Leben. Aber wir kommen da an etwas, was in unsere innere Verfassung hineinwirkt und was im Traumleben zum Ausdruck kommt. Wir kommen dabei aus uns selber nicht heraus, aber wir lernen ein Reales kennen und müssen sagen: Die Gemütsstimmungen mussten sich loslösen, um in uns real zu werden.
Wie die Verfassungen, diese Gemütsstimmungen da unten wirken, wie das, was sich von den Vorstellungen loslöst, wirkt, das kann man sehen, wenn man die öfter besprochene Schulung ins Auge fasst, die der durchmachen muss, welcher wirklich zu einem Erkenner der geistigen Welt werden will. Sie finden — das kann natürlich heute nicht ausführlich besprochen werden -, Sie finden die Vorschriften dafür, wie man eindringen kann in das, was da heruntergestiegen ist in die Seelentiefen und was uns gesund oder krank erscheinen lässt und nur in flüchtigen Traumbildern sich zeigt, in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?».
Durch die Schulung, durch Imagination, [Inspiration] und Intuition, wenn die Seele lebendig untertaucht - nicht in solch unbestimmter Weise, wie in den beiden Fällen, die angeführt worden sind -, wenn die Seele lebendig untertaucht, dann lernt der Mensch, allerdings auch nur als Erstes, was ihm entgegentritt, sich selber kennen. Alle Methoden der Meditation, der Konzentration, sie gehen in gewisser Weise durch das Studium einer tiefen Selbsterkenntnis. Sie führen nicht zu der Selbsterkenntnis, von der man meint, man habe sie erschöpft, wenn der Mensch einen gewöhnlichen Blick tut in die Kräfte, mit denen er im alltäglichen Leben wirkt, sondern sie führen den Menschen dahin, wo jene tiefe Individualität in ihm ist, in welcher jene Gemütsstimmungen sind. Er lernt kennen, was in seinen verborgenen Seelentiefen schlummert, wie unter einer Decke bewahrt bleibt. Und da muss der Mensch sich bekannt machen damit, dass, wenn aus dem Seelischen heraus die Kräfte herauftauchen für seine Gesundung oder Erkrankung, dass er da völlig neue Erkenntnisse sich aneignen kann über die Eigentümlichkeiten dieses verborgenen Selbstes.
Es können ja nur wirkliche Ergebnisse der Geistesforschung angeführt werden. Namentlich lernt der Mensch kennen, wie auf sein Gesamtwesen wirken Stimmungen der Freude, Entzücken, Seligkeit, Stimmungen der Traurigkeit und Melancholie, Eindrücke des Hässlichen oder Eindrücke des Schönen, Eindrücke des Irrtums, Täuschungen, Eindrücke der Wahrheit oder Weisheit. Ja, da lernt man erkennen, dass alles das, was jetzt genannt wurde, die Eindrücke, die wir über Freudiges oder über Trauriges, über Schönes oder Hässliches empfinden, zusammenhängen mit dem Werden und Vergehen von etwas, was da tiefer im Menschen verborgen ist, sodass wir anfangen, wenn wir zu dieser Erkenntnis übergehen, nicht mehr so gleichgültig der Außenwelt gegenüberzustehen, sondern wissen lernen: Gewisse Dinge, die in der Welt spielen, wirken reell vernichtend, nehmen etwas weg; andere wirken so befruchtend, dass sie uns fördern.
Wir können nicht sagen, dass in dem Augenblicke, wo wir — bewusst oder unbewusst - Lügen ausführen, dass wir da wirklich etwas vernichten. Wir können nicht sagen, dass das, was in Lügen als vernichtend in unserem Wesen wirkt, was als Wahrheit befruchtend wirkt, dass das dasselbe sei wie draußen die Kräfte des Entstehens und Vergehens, aber etwas Verwandtes.
Der nicht seine Erkenntnis bildet an dem Punkt, wo die Seele sich fördert oder vernichtet durch das, was in seinem Gemüte sich abspielt, der verfolgt nicht den rechten Weg. Die Selbsterkenntnis, die sich abspielt in den verborgenen Untergründen der Seele, ist daher nicht das, was der Menschheit übergeben werden durfte in einer Zeit, wo die Menschheit noch nicht herangereift war, diese Selbsterkenntnis, die verwandt ist mit den Kräften des Entstehens und Vergehens, zu [erlangen]; sie muss erst jetzt der Menschheit einverleibt werden. Die schwache Menschheit wurde davor bewahrt, einzusehen, wie vernichtend Lügen, Täuschen, wie aufbauend Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit wirken. Gewöhnlich ist es so, dass man glaubt, Lügen und Täuschen oder Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit seien etwas, was man nur mit Vorstellungen beurteilen kann. Was aber da ist, ohne dass man es beurteilen kann, das dringt herunter in unser tiefstes Seelenleben und wirkt da als reale Kraft.
Das Selbsterkennen ist der wahre Ausgangspunkt für alle höhere Erkenntnis. Ein Mensch, der erkennen will, was da draußen lebt hinter dem Sinnlichen der Außenwelt, der muss untertauchen in sein Selbst und wird einsehen, dass moralische und Gemütskräfte nicht nur etwas Abstraktes sind, sondern etwas, das heruntertaucht und nicht nur für unseren ganzen Menschenwert, sondern für das ganze Menschensein das Maßgebende ist. Wie wir mit unserem Körper, den wir als Kleid unseres Selbstes tragen und der die Sinnesorgane hat, wie wir mit dem hineinwachsen in die äußere Sinneswelt, wie wir mit den Augen des Leibes diese Sinneswelt sehen, mit den Ohren diese Sinneswelt hören, mit dem Verstand, der im Gehirn sein Werkzeug hat, mit dieser Sinneswelt eine Verbindung herstellen, ein innerliches Nacherleben dessen entwickeln, was in der Sinneswelt außer uns ist, wie wir also durch unseren äußeren Menschen in Beziehung zur sinnlichen Außenwelt kommen, so kommen wir durch den Menschen, den wir — wie hier bezeichnet - in uns ausbilden, in Berührung mit geistigen Kräften und Impulsen der äußeren Umwelt.
Wenn der Mensch mit den Augen hinausschaut in die Welt, so nimmt er Farben und Formen wahr. Wenn er sein in den tieferen Seelenkräften ruhendes Selbst entdeckt hat, dann taucht das, was in der äußeren Sinnenwelt ist, allerdings nicht in gewöhnlicher Weise auf, sondern es steigen auch die Realitäten der äußeren Außenwelt auf, und dann lernen wir einen neuen Zusammenhang der Dinge kennen, dasjenige, was zwischen den Wesen der Außenwelt steht.
Während wir nun mit dem ersten Schritt in diejenigen Qualitäten der Seelenkräfte kommen, die zerstörend und aufbauend wirken, so lernen wir dann kennen, dass das innere Selbst sich erweitert, sodass wir es nicht nur in seinem Entstehen und Vergehen haben, sondern dass wir es zusammenwirken fühlen mit der äußeren Wirklichkeit, mit der geistigen Wirklichkeit der äußeren Welt. Daher entstehen dann in diesen verborgenen Seelentiefen die Bilder der geistigen Umwelt.
Der Mensch lernt auf dem Umwege durch sein Selbst die geistige Welt kennen. Mancherlei von dem, was einfach für die gewöhnliche Anschauung, die nur auf die äußere Sinneswelt beschränkt bleibt, manches, was da als undurchdringlich erscheint oder gar als Zufall, das enthüllt sich uns vor einer solchen Erkenntnis, innerhalb welcher das Selbst zusammenwächst in seinen verborgenen Tiefen mit der Umwelt. Das Eigentümliche hierbei ist: Je tiefer wir hinunterdringen in unser eigenes Selbst, umso mehr erweitert sich der Horizont, mit dem wir als äußere Welt zusammenhängen; je mehr wir in unsere Untergründe tauchen, desto mehr Geistiges der Außenwelt erkennen wir. Untertauchen in Seelenkräfte bedeutet, über den Glauben hinauszuschreiten, Wissenlernen von der geistigen Welt. Denn da unten sind wir viel tiefer verbunden mit dem Wesen der Dinge, als wir verbunden sein können mit den Sinnen und dem Verstand, der an das physische Gehirn gebunden ist. Wenn man sagen kann, das Bewusstsein hat sich einen größeren Horizont geschaffen, so ist zugleich eine Verbreitung des eigenen Selbstes und ein Eindringen in die geistigen Welten errungen. Man gelangt in verborgene Seelentiefen nicht anders, als dass damit nach und nach ein Eindringen in die geistige Außenwelt verbunden ist. Dabei tritt für denjenigen, welcher in regelrechter Schulung da hineindringt durch Beobachtung alles dessen, was wir durch die Erkenntnisse der höheren Welt erreichen können, eine wirkliche Erkenntnis der geistigen Untergründe des Daseins auf. Es tritt das auf, was durch Geisteswissenschaft beschrieben wird und was Sie in den theosophischen Büchern finden können.
Aber es ist möglich - obgleich man in unserer Zeit einen unanfechtbaren Blick in die geistige Welt nur durch Schulung gewinnen kann -, dass gewisse Individualitäten Einblicke bekommen, die da kommen aus alten Erbstücken, durch Vererbung hellseherischer Eigenschaften, Einblicke, die nichts anderes sind als das Heruntersteigen in die verborgenen Seelentiefen, sodass da eine Erweiterung des verborgenen menschlichen Wesens über die Außenwelt hinaus eintritt, durch die der Mensch das wahrnimmt, was sonst dem äußeren Sinnen- und Verstandesleben verschlossen bleibt. Es kommen dann Ahnungen zustande, alles dasjenige, was der Mensch ohne die regelrechte Schulung erkennen kann - auch über das Schicksal der Seele, über das Schicksal der Seele zwischen Tod und neuer Geburt im Sinne der Reinkarnation. Auf der einen Seite kann das also durch regelrechte Schulung geschehen, auf der anderen Seite können diese verborgenen Seelentiefen sich selbst «heraufpressen». Wie Träume kann sich das entladen, was in den tieferen Untergründen ist und was nicht durch die Sinne oder den Verstand wahrgenommen werden kann; durch ein «zweites Gesicht» oder [Deuteroskopie] kann es zutage gefördert werden. Es können Erkenntnisse zutage gefördert werden auch über die Schicksale der menschlichen Seele, selbst wenn sie nicht im Leibe verkörpert ist.
Nur müssen wir uns klarmachen, in welcher Beziehung das eine oder andere für den Menschen förderlich ist oder nicht, müssen uns klarmachen, dass ein greifbarer Unterschied ist zwischen dem Schauen durch geistige Schulung und demjenigen Schauen, das sich gleichsam von selbst heraufpresst aus dem Verborgenen in die bekannten Seelentiefen hinein. Da besteht ein gründlicher Unterschied. Wenn der Mensch durch regelrechte Schulung, wie sie zum Beispiel in der «Geheimwissenschaft» angegeben ist, in die geistige Welt gelangt, so geschieht das so, dass der Mensch, nachdem er eingedrungen ist in die Seelentiefen, bewusst die dort verborgenen Kräfte heraufbringt. Es können jedoch auch Visionen mit der vollen Lebhaftigkeit eines Farben- und Tonspieles auftreten, entsprechend dem, was wir als Sinneseindrücke erhalten. Aber während wir diese so erhalten, dass wir wissen, wir müssen uns der Kontrolle der Außenwelt ergeben, lassen wir jene Farben und Töne der Visionen so auf uns wirken, dass wir nichts dazu tun - und dann werden wir zu Phantasten, zu Träumern. Solche Visionen sind unserer inneren Willkür, unserer Erzeugungskraft, der geistigen Willenskraft entzogen.
Umgekehrt - bei der Schulung müssen wir in den verborgenen Untergründen unserer Seele das so erleben, dass wir wissen: Was da ist, das ist durch unsere freie Willkür, durch unsere Erzeugungskraft hervorgebracht. Nur wenn man weiß: Das ist von dir gemacht, was du wahrnimmst [Lücke in der Mitschrift], denn du musst — weil du ein Geistiges erlebst, das sonst in der äußeren Welt nicht wahrnehmbar ist —, das, was du erlebst, erfüllen mit Farben und Tonklängen, dann bleibt der Mensch vor Täuschung bewahrt. Wenn ihm die Visionen mit der vollen Lebhaftigkeit eines Farbenspieles entgegentreten, dann ist er einer, der halluziniert. In dem Augenblick, wo sich ihm das Erschaute hinstellt wie eine Sinneswahrnehmung, ist es eine Halluzination; so lange gehört es noch nicht in das Gebiet regelrechter Hellsichtigkeit, sondern dies gehört in das Gebiet, wo die verborgenen Seelenkräfte ohne des Menschen bewusste Willenskräfte, ohne willkürliche Schulung hervortreten.
Wenn die Dinge, die der geschulte Hellseher kontrollieren kann in Bezug darauf, wie sie sich vor ihn hinstellen, wenn sie sich ohne solche bewusste Willenskraft hineinstellen in die seelische Vorstellung, ohne dass die durch Schulung erzeugte innere Selbsttätigkeit hinzutritt, dann befindet man sich auf Gebieten ungeschulten Hellsehens, und dann ist der Mensch den Kräften hingegeben, die hineinspielen in seine verborgenen Seelentiefen, dann ist er unfrei. Dann ist er mit allen Gefahren verknüpft, mit denen er verknüpft sein muss, wenn er ohne bewusste Willenskraft mit der übersinnlichen Wirklichkeit in Verbindung steht. In der sinnlichen Welt entpuppt sich jedes Phantasma von selbst. In der geistigen Welt aber ist in dem Augenblicke, wo sich die Dinge von selber hinstellen, nicht mehr in objektiver Weise zu unterscheiden zwischen Wirklichkeit und Phantasie, und da ist die Gefahr gegeben, dass die menschliche Willenssphäre in irgendeiner Weise berührt wird und der Mensch - statt als Individualität der geistigen Welt gegenüberzustehen - hingegeben ist den Dingen, die in den verborgenen Untergründen seiner Seele spielen; so wie sonst das unbewusste Seelenleben heraufspielt, wie das Meereswellengekräusel über Meerestiefen, so spielt das Ich, die eigene Persönlichkeit, [wird] wie aufgeschlagen und wieder herabgestürzt, [und er wird von anderer Seite gelenkt, durch] Halluzinationen [und Visionen], [...] getragen von verborgenen Seelentiefen, und es kann zwar eintreten, [dass das] dem Außenstehenden, dem, der wissenschaftlich untersuchen will, als Phänomen, als Bestimmtes geboten wird, [sodass dieser] unterscheiden [kann], was da von dem, was er sieht, wirkliche objektive Realität ist, und was Phantasterei; aber es kann da nur zu einer fruchtbaren Beobachtung kommen, wenn ein geschultes Hellsehen die Kritik übt.
Es kann eine fruchtbaren Beobachtung sich daraus ergeben, auf diese Weise Erkenntnisse herauszuholen aus den Seelentiefen, und da die Wissenschaft [als Gegenstand alles] nehmen darf, von wo es auch kommen mag, was sie [dann] in rechte Erkenntnis aufnehmen muss, kann nicht als von etwas Unerlaubtem gesprochen werden, [wenn] diese Dinge geprüft werden, die auch der ungeschulte Hellseher sieht [und die] auf richtigem, brauchbaren Wahrnehmen [dessen] beruhen können, was ungeheuer tief in die verborgenen Untergründe der Seele führt. Es kann gerade heute in außerordentlicher Weise fruchtbar sein das, was der objektive, kritische Hellseher in Bezug auf die Tatsachen, die sich durch das ungeschulte Hellsehertum ergeben, vorbringen kann. Ich darf da immer wiederum und wiederum auf den Umstand hinweisen, dass wir jetzt ein schönes Buch haben - wie ich schon öfter hingewiesen habe -, das neben der sogenannten esoterischen Hellsichtigkeit auch von dieser Seite das Hellsehen beleuchtet: «Das Mysterium des Menschen», von Ludwig Deinhard geschrieben.
So also muss man nicht außer Acht lassen, wenn bei Besprechungen der verborgenen Tiefen des Seelenlebens die Rede ist von dem Unterschied der regelrechten Schulung und demjenigen Hellsehen, das mit elementarer Gewalt sich loslöst und aus dem Unterbewussten in das Bewusste hinaufsteigt, dass hier mit kritischen Mitteln untersucht werden muss, während derjenige, der sein Bewusstsein erweitert hat in sich selbst, die Kritik übernimmt und die Kontrolle selbst ausüben kann. Da wird in unserer Kultur ein Zeitalter kommen, in dem die Individualität mehr ihr Selbst herauskehren wird, wo die Menschheit «einlaufen» wird in das, was durch regelrecht geschultes Hellsehen erlangt werden kann, wo das eingeführt sein wird in die Kultur. Wenn ihm das klargelegt wird, kann der Mensch das dann an dem Leben selbst, an den gewöhnlichen Dingen des Lebens prüfen.
Es ist nun noch ein anderer Unterschied zwischen dem geschulten Hellseher und demjenigen, der durch elementare, primitive Kräfte sein Hellsehen «bloßgelegt» hat, nämlich der, dass der geschulte Hellseher zunächst zu den Erkenntnissen kommt, die allgemein sind; und er kommt dazu, einzusehen, wie sich der sichtbare menschliche Leib von dem übersinnlichen menschlichen Wesen unterscheidet, einzusehen, wie der Mensch als mehrgliedriges Wesen mit sichtbaren und unsichtbaren Gliedern begabt ist, einzusehen, was da ist zwischen Geburt und Tod, nicht bloß in einem Leben, sondern in mehreren. Er kommt zum Begreifen alles dessen, was sich als Erlebnisse ergibt in diesem Leben innerhalb von Geburt und Tod und zwischen Tod und neuer Geburt, auch zum Begreifen dessen, was des Menschen Ursprung ist, was der Gang der großen Weltordnung wurde, wovon wir übermorgen hier im Vortrag ein Beispiel darlegen werden. Zur Erkenntnis der alle Menschen angehenden Dinge kommt der Hellseher, und er arbeitet sich so durch, dass er jeden Schritt mit einer großen Vorsicht durchmacht, sodass er erst die eigenen intellektuellen Vorgänge kennenlernt und nicht leichtsinnig Mitteilung macht über die Schicksale irgendeiner entkörperten Seele. Er kann sich dahin durcharbeiten, auch solche individuelle Verhältnisse wahrzunehmen, das in den Alltag hineinspielende Geistige zu erleben, aber er dringt aus dem Allgemeinen und mit Mühe erst zum Individuellen vor. Er erkennt zuerst, dass der Mensch überhaupt einen ätherischen Leib hat, aber erst später den einzelnen Ätherleib.
Beim ungeschulten Hellseher nur ist bei dem Sich-Losringen der verborgenen Seelentiefen das Umgekehrte der Fall; der beginnt bei Visionen, die eigentlich scharf kontrolliert werden müssen; er beginnt mit Einzelnem, mit Alltäglichem. Eigentümlich ist, dass er im Grunde wenig Interesse hat für das, was allgemeine große Erkenntnisse sind. Gerade bei denjenigen, die sich noch ein altes, atavistisches Hellsehen bewahrt haben, kann man konstatieren, dass sie für die Dinge wenig Interesse haben, [die durch die Geisteswissenschaft als für alle Menschen bedeutsam sich erweisen müssen]. Und keinerorts findet man so hochnäsige Menschen unter den Hellsehern als diejenigen, die ein auf naturgemäße Weise überkommenes Hellsehen ihr Eigen nennen.
So sehen wir dasjenige, was uns in die verborgenen Tiefen unseres Seelenlebens führt und was uns da gesund und krank macht, sehen das, was uns mit der geistigen Welt verbindet. Nun ist es natürlich, dass das nicht erst dadurch da ist, dass man es erkennt, dann erst da ist, wenn der Mensch hinuntertaucht und es erschaut; es ist ebenso wahr schon vor der Erkenntnis da gewesen, wie ebenso wahr der Walfisch da gewesen ist, bevor der Mensch ihn gesehen hat.
Wir hängen also mit unserem verborgenen Seelenleben tief mit der geistigen Welt zusammen, die da ist. Da spielen die geistigen Untergründe hinein, und nicht verwundern darf es uns, wie da unten ein viel tieferes Wesen liegt, als heraufdringt und uns zum Bewusstsein kommt. Wir sehen da, in den verborgenen Untergründen eigentlich die Basen liegen, die uns an die geistige Welt anschließen, und dass da hineinwirken die Kräfte, die aus den geistigen Welten kommen. Nur ein Teil tritt in unser Bewusstsein, sodass unser Bewusstsein nur ein Teil dessen ist, was wir eigentlich sind. Aber dieses Bewusstsein des Menschen ist doch dadurch da, dass der Mensch in die Lage kommt, dass das, was aus seinen verborgenen Seelentiefen heraufdringen kann, auf eine höhere Stufe heraufgehoben werden kann. Denn wir sehen in mannigfacher Weise diese Dinge heraufdringen — das könnte verzerrt oder verschönt heraufdringen, wovon wir sonst nichts wissen —, was aber aus den geistigen Welten hineindringt in unsere Seelentiefen und nach oben strebt, das macht sich geltend in dem Erhabenen, in dem Schönen, was das Bewusstsein kontrollieren kann.
Was tritt dann ein, wenn das, was aus den geistigen Welten eindringt in die verborgenen Tiefen des Seelenlebens, verändert wird auf dem Wege ins Bewusstsein hinauf? Dann ist es so, dass die Eindrücke sich ausleben können als künstlerische Phantasie, als dasjenige, über das uns niemand als die Künstler sagen können: Die Dinge sind da, sie dringen aus der Tiefe der Seele herauf. - Und dann begreifen wir die Ohnmacht des gewöhnlichen Bewusstseins, begreifen, wie der Künstler seine Seelentiefen bloßlegen will, wenn er sie auch nicht so wie der Hellseher vor sich hat, dass ihm wichtiger scheint, wie die Dinge sich durchdringen.
Alles, was der Mensch in seinem Bewusstsein haben kann, ohne dass die Außenwelt es anregt, kommt aus den verborgenen Tiefen des Seelenlebens. Auch das, was ein jeder braucht, um dieses Leben zu einem fruchtbaren zu machen, muss aus den verborgenen Tiefen des Seelenlebens heraufsteigen. Nicht nur der Dichter braucht das, nicht nur der Künstler braucht das, auch der Kaufmann, der Ingenieur — ein jeder braucht diese befruchtende Anregung aus diesen verborgenen Tiefen der Seele. Wir sehen schon, worin diese Tiefen in Wahrheit wurzeln, wenn das, was da unten liegt, heraufsteigt in das Bewusstsein. Wenn es ihn durchdringt und sich so hinstellt, dass es wahrnehmbar, auffassbar, erlebbar ist, dann wird es abhängig von der Art und Weise, wie der Mensch es aufnehmen kann. Wenn einer Anlage hat, nicht nur das aufzunehmen, was durch äußere Sinne und durch den an die Sinne gebundenen Verstand wahrzunehmen ist, sondern Anlage hat, in Bildern, in schöner Phantasie aufzunehmen, was in den verborgenen Tiefen seiner Seele lebt, dann kann er das in Bildern geben, was er nicht aus der Natur schöpfen kann, was aber in den verborgenen Tiefen seiner Seele lebt.
Wenn aber der Mensch so angelegt ist, dass er lügenhaft ist, dann wirken allerdings auch die verborgenen Tiefen herauf, aber so, dass auf dem Wege aus den verborgenen Tiefen in das Offenbare [der Mensch durch dasjenige aus den verborgenen Seelenkräften, was er nicht kontrollieren kann an der äußeren Wirklichkeit, den Charakter annimmt und auftritt als ein Lügner, als ein Täuscher oder dergleichen]. So können wir sehen, wie diese verborgenen Seelenkräfte den einen zum Künstler, den anderen zum Lügner machen können. Das ist dasjenige, was nötig ist zu erkennen, um einzudringen in das, was der Mensch in seinen verborgenen Seelenkräften hat.
Nur das sollte heute zunächst erreicht werden: zu erkennen, dass alles, was sich im bewussten Seelenleben abspielt, wurzelt in Untergründen der Seele, in den Untergründen, die wir noch in so mancher anderen Art finden.
Zum Schluss will ich nur noch sagen - denn es drängt die Zeit —, dass wir im gewöhnlichen Leben gerade in unserem Bewusstsein, im Zusammenleben mit der Außenwelt, im Wahrnehmen durch die Sinne und den Verstand, verschmelzen mit dieser Außenwelt, dass wir in den wichtigsten Dingen das, was wir im Innern haben, was unseres Wesens Kern ist, nicht unterscheiden können vom Äußeren. Der Mensch ist nicht geeignet, seinen Seelenkern loszulösen von dem, mit dem er äußerlich verwachsen ist. Darum muss er den Weg nehmen in sein Inneres. Ihn kann er nehmen, wenn er sich vorstellt, wie aus der Morgenröte sich heraushebt der Sonnenball dasjenige, was wir [dabei] im Innern erleben, können wir am besten daran erkennen, dass es bei dem einen ist, bei dem anderen nicht. Und wenn wir im Mitleid sind für irgendetwas, was der Mitmensch erlebt, dann können wir das, was in verborgenen Tiefen lebt, nicht trennen von dem Anblick des Mitleids und des Schmerzes; wir wachsen damit zusammen.
Aber es gibt einen Weg, der von diesem bewussten Seelenleben hineinführt in etwas, was man aus dem Glauben eines so großen Menschen wie Goethe entnehmen kann: dass nicht das, was in der Außenwelt, sondern das, was in der geistigen Umwelt lebt, das Bedeutungsvolle ist, und hierzu sind im Grunde genommen alle Sternenwelten, alles, was in der Außenwelt wirkt, zu rechnen.
Wenn es nicht in der menschlichen Seele ein eigenes Leben erweckt, wenn wir nur in demjenigen stecken bleiben, was uns mit der Außenwelt verbindet, wenn wir nur in dem Bewusstsein bleiben, dann werden wir nicht in das Geistige eindringen. Aber wir können den Weg in die geistige Welt finden.
Wenn wir in die Vergangenheit zurückblicken und sehen: Davon können uns bis zu einem gewissen Zeitpunkt Eltern und Geschwister erzählen; wenn wir aber zurückgehen bis zu dem Punkt, wo unser Erinnerungsleben erwacht -, dann sehen wir, dass wir nicht nur äußere Erlebnisse durchgemacht haben, sondern dass mit diesen Erlebnissen noch etwas anderes verbunden ist: der Träger unserer Erlebnisse, dasjenige, was wir unser Ich nennen. Durch die Rückblicke auf unser Leben können wir unsere eigene Entwicklung anschauen. Da fühlen wir, wie wir reifer und immer reifer geworden sind, denn wir fühlen, wir haben zugenommen an Lebenserfahrung. Eines ist es, was wir uns da sagen müssen: Das Wichtigste, was wir gelernt haben, ist eigentlich ein solches, dass wir es im Leben nicht verwerten können. Unsere schönste Lebensreife haben wir erlangt durch die Fehler, die wir gemacht haben. Wir wissen erst, wenn wir etwas gemacht haben, wie wir es besser machen können. Das Wichtigste lernt der Mensch durch das, was unwiederholbar ist, am meisten an dem, was vergangen ist. Gerade mit dem Intimsten, was in unserer Seele ist, empfindet man, dass in uns etwas entstanden ist, wovon der Materialist sagt: Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, verschwindet es, oder höchstens wird es der menschlichen Gattung übergeben, dem Kulturleben. - Der Geistesmensch aber weiß, dass das, was er im tiefsten Innern erlebt hat, er keinem anderen übergeben kann. Da zeigt sich, wenn er sich in die verborgenen Tiefen begibt, da zeigt sich, dass unmittelbar in uns erfüllt werden kann, was wir in uns ausreifen lassen. Wenn wir unser Leben verfolgen und finden, du bist [...] hineingeboren in gewisse Familienverhältnisse, in eine gewisse Umgebung, dann tritt so etwas ein - wenn wir unser Schicksal erkenntnismäßig nicht mit dem gewöhnlichen Bewusstsein auffassen, sondern an Kräfte appellieren, die dem gewöhnlichen Bewusstsein gegenüber ein wenig verborgen sind -, etwas, was nicht so sehr Erkenntnis werden kann, sondern was Willensimpuls werden kann, indem wir rückläufig unser Leben betrachten und unser Schicksal, wie es war, als wir hineingestellt wurden ins Leben, dann aber den Entschluss fassen, abzugehen von den Erfahrungen de: gewöhnlichen Bewusstseins. Wer sich mit gewöhnlichem Bewusstsein dem Schicksal gegenüberstellt, wer sagt, es hat uns alles durch Zufall betroffen, der wird grollen mit dem Schicksal, der wird Groll empfinden. Wenn wir von diesen Eigentümlichkeiten wie Antipathie und Sympathie gegenüber dem Schicksal abgehen und appellieren an eine Kraft, die wir in uns entwickeln können, an die Kraft der Nichteigenwilligkeit - den eigenen Willen eine Weile schweigen lassen, gelassen uns diesem Schicksal gegenüberstellen und uns einmal der Vorstellung hingeben: Wie kommt es denn, dass dieses Schicksal da ist? Es setzt sich ja fort durch unser Ich. War unser Ich früher nicht da?
Suchen wir unser Ich, indem wir gelassen unser Schicksal ansehen, und verfolgen wir jetzt unser Ich weiter zurück, so finden wir, dass durch eine solche tiefere Lebensbetrachtung unser Ich mit dem Schicksal zusammenwächst, und wir begreifen unser Schicksal so, als wäre unser Ich in dieses Schicksal beschlossen und in ihm bewirkt, bevor wir da waren. Dann kommen wir dahin, zu sehen, dass wir mit dem Besten, was in uns ist und das wir haben heranreifen lassen, hindurchgehen durch die Pforte des Todes, und dass das, was wir in früheren Leben erlebt haben, als Schicksal in unserem nächsten Leben mit unserem Ich wieder zusammentrifft. Wir sehen, dass es in den tiefen Seelengründen wirkt, und wenn wir diesen Leib verlassen, dann arbeitet das in uns fort, was wir uns als Kräfte angeeignet haben, um uns ein neues Leben zu zimmern. So sehen wir unsere eigene verborgene Wesenheit dieses Seelenlebens ein Neues aufbauen, sehen sie da unten real werden, im verborgenen Seelenleben zu aufbauenden Kräften werden.
Wenn wir so die Welt betrachten, so wachsen wir aus den verborgenen Tiefen herauf in die geistige Welt. Und die Erkenntnis, die herunterdringt in diese Tiefen, ist so wahr mit den geistigen Welten verbunden, wie Denken, Fühlen und Wollen die Kräfte unserer Seele sind, woran die Seele hängt als den Banden, die aus der geistigen Welt eindringen. Der Mensch findet, indem er da hineindringt, seinen Zusammenhang mit dem Makrokosmos, es wachsen die Kräfte aus dem Mikrokosmos, [es wächst der Mensch so] in den Makrokosmos hinein, wie [es dargestellt ist] in dem Drama «Die Prüfung der Seele», [und jede] Seele kann zu sich selber sagen:
In deinem Denken leben Weltgedanken,
In deinem Fühlen weben Weltenkräfte,
In deinem Willen wirken Weltenwesen.
Verliere dich in Weltgedanken,
Erlebe dich durch Weltenkräfte,
Erschaffe dich aus Willenswesen.
Bei Weltenfernen ende nicht
Durch Denkenstraumesspiel ---;
Beginne in den Geistesweiten,
Und ende in den eignen Seelentiefen: —
Du findest Götterziele,
Erkennend dich in dir.