Death and Immortality in the Light of Spiritual Science
GA 69d — 19 February 1912, Stuttgart
8. Der Mensch und Sein Verhältnis zu den Übersinnlichen Welten
Als ein griechischer Philosoph gefragt wurde über die Aufgabe der Philosophie, antwortete er [in folgender Art]: Man nehme an, es sei Jahrmarkt. Einige Leute haben Verschiedenes zu verkaufen; daneben sind Menschen, um sich alles anzusehen; [mannigfaltige Interessen, ineinander spielend] — das ist das Leben auf dem Jahrmarkt. Nicht die unedelste Aufgabe sei die der Philosophen, die sich alles anschauen, ohne selber teilzunehmen am Jahrmarkt. Aber zuweilen könnte das bloße Erforschen der Dinge nicht nützlich erscheinen, es könnten Gewissensbisse gegenüber einer solchen Erkenntnis eintreten, gegenüber dem Wissen um des Wissens willen. [Sollte es wirklich die edelste Aufgabe sein, «Gaffer» zu spielen? Rechtfertigt das Leben ein Wissen um des Wissens willen?] Solch eine Sache scheint die Wenigsten anzugehen. Aber es handelt sich dabei um eine allgemeine Menschheitsangelegenheit. Jeder Mensch fühlt den Drang, etwas zu wissen [über die Dinge des Lebens] ohne Nützlichkeitsprinzip. Warum soll der Mensch, so wie er lebt, noch etwas haben über das bloße Wissen hinaus? [Das ist eine zu allen Zeiten gestellte Frage.] Es gibt eine höhere, [als Realität der äußeren Welt zugrunde liegende], übersinnliche Welt, und der Mensch hat gewisse Beziehungen zu dieser Welt, die für ihn erkennbar ist, wenn er sich erhebt zu dieser Welt, was möglich ist durch religiösen Glauben. Das religiöse Bedürfnis, die Sehnsucht, ist jetzt nicht minder als früher. Aber diese Welt, an die man glaubt, ist auch durch Erkenntnis zu erforschen. [Es gibt also keine Grenzen der Erkenntnis.] Das Vorurteil, dass man bloß an sie glauben kann, ist jetzt nicht mehr begründet. Andere Vorurteile finden sich bei denen, die monistisch denken, [sie meinen, die menschliche Erkenntnis könne niemals eindringen in diese Welten. Sie dürfe nichts darüber aussagen]. Aber der Mensch muss sich daraufhin bescheiden, anzuerkennen, dass es eine übersinnliche Welt gibt. Ein Teil davon ist Gegenstand unserer heutigen Abendbetrachtung: [das Verhältnis des Menschen zur übersinnlichen Welt zu zeigen].
Von zwei Seiten tritt die Außenwelt heran an den Menschen. Erstens durch die Wahrnehmung der Sinne, zweitens, wenn der Mensch versucht, hineinzuschauen in das eigene Innere: Leiden, Freuden, Triebe, Entzücken und so weiter. Das liegt im alltäglichen Leben oft viel näher als die Außenwelt. Das Leben zwingt uns, darauf zu schauen. Aber bei einigem Nachdenken zeigt sich, dass wir nach beiden Seiten hin gewaltige Hemmnisse haben. Es ist gleichsam eine Grenze in Formen und Farben in der äußeren Welt; aber wir können sie erklügeln. Wir stoßen an eine Vermauerung, wenn wir unsere Betrachtungen hinausrichten in die Welt; wir sind in schwieriger Lage bei Betrachtung der Außenwelt. Denn schwierig ist es, uns selbst zu belauschen bei dieser Betrachtung. Gerade dann sind wir behindert, uns selbst abzutrennen von der Außenwelt. Wir wachsen zusammen mit dem Außen, können nicht mehr unterscheiden zwischen Äußerem und Innerem, zum Beispiel bei einem schönen Sonnenaufgang. Es ist hoffnungslos, trennen zu wollen: Das sind wir und das ist die Außenwelt. Oder bei Mitleid, das man mit jemandem hat - [all unsere Seelenkraft wird davon mitgenommen] -, bei Hingabe oder Gleichgültigkeit gegenüber den anderen. Wir wissen, etwas sprießt aus der Tiefe der Seele auf, aber es ist hoffnungslos, ein Abtrennen zu versuchen des inneren Sinnens von der Außenwelt, [vom außen sich Darbietenden und dem Übersinnlichen im Innern].
Im eigenen Innern ist objektive Erkenntnis der eigenen Wesenheit schwer, noch viel schwerer. Ein fortwährendes Hemmnis ist die Eigenliebe. In dieser Beziehung sind wir ein guter Mensch, in jener ein schlechter. Selbstgefallen stellt sich wie eine zweite Mauer uns gegenüber, verhindert uns, es so zu formulieren: Ein solcher Mensch sind wir. Halbbewusste Zustände zeigen uns ganz deutlich, wohin wir kommen, wenn wir uns nicht kontrollieren von der Außenwelt - [in die Traumeswelt]. Es ist eine Gesetzmäßigkeit beim Einschlafen; Traumvorstellungen sind unbefangen zu beurteilen. Das ist charakteristisch: Jemand träumt, er ist mit mehreren Menschen zusammen; diese Menschen haben verschiedene ganz bestimmte Beziehungen zu ihm, zum Beispiel antipathische. Aber der Träumer stellt sich das nicht dar als Menschen, sondern als ein kleines Hündchen, das bellt, das Bellen geht über in Gezanke. Das Hündchen sagt etwa: Ach, es war ein Missverständnis, es ist schon alles wieder gut.
Da verlässt der logische Charakter den Menschen. Was waltet da, wenn man sich den Menschen als Hündchen vorstellt? Man ist emanzipiert von der Kontrolle der Außenwelt. Die Gemütsverfassung wandelt [in ein entsprechendes Bild] um, wie es - [der nicht geliebte Mensch] - lebt im Gemüte des Menschen. Das ist wirkliches Gesetz, [Charakteristik] der Traumwelt. Die Menschen stellen sich vor, sie sind Maler. Das wäre dem Betreffenden sympathisch. Jede Vorstellung unterliegt einer Willensstimmung. Was geltend ist im Traum, ist unser Eigenwille, unsere Eigenliebe, das ist das bestimmende Prinzip. Im wachen Zustande muss dieser Eigenwille sich kontrollieren lassen, [muss ja dies gebrochen werden. Unsere gesamte Organisation hängt davon ab, wie unser Wille im Außenleben wirkt.]
[Betrachten wir die Ermüdung.] Ermüdung — was ist sie, warum tritt sie auf? Nicht die Muskeln, [nicht] die Organe ermüden. Wenn der Herzmuskel sich ausruhen müsste, da stünde es schlimm um den Menschen. Die ermüden nicht, auch da ermüden wir nicht, wo wir unsere Gedanken schweifen lassen. [Alles, was folgt aus der menschlichen Organisation, ermüdet nicht.] Aber beim Nachdenken über eine Rechenaufgabe oder so etwas, da ermüden wir; auch dann, wenn ein Muskel nicht vom Innern, sondern vom bewussten Willen des Menschen zur Tätigkeit bestimmt wird. Der - unbewusste - Wille, die Kraft, die Herz, Lunge, Zwerchfell und so weiter tätig macht, ermüdet nicht, wenn von innen aus der Antrieb kommt; nur wenn der Eigenwille, die Eigenliebe, das Eigenleben wirken, dann greifen sie störend in den Organismus ein. Diese drei führen einen fortwährenden Kampf gegen die übrige Welt; sie müssen sich fügen der allgemeinen Weltordnung — und kämpfen dagegen. Der Eigenwille, [die Eigenliebe], hindert uns an der Selbsterkenntnis, der Eigenwille muss gebrochen werden, um dahinter zu kommen, was er ist. Könnte der Mensch hineinschauen in das eigene Innere, so könnte er das Geistig-Seelische entdecken. Träume zeigen uns, wie wir uns durch den Eigenwillen aufbauen. [Im Wachzustand sind wir verschmolzen mit der Außenwelt. Mit dem Sich-Fügen dem Eigenwillen entsteht Ermüdung] - Ermüdung ist ein fortwährendes Sich-Auflehnen gegen die Tätigkeit des Organismus.
Die Beziehung zwischen der Menschenseele und der Außenwelt ist anderswo anzuknüpfen. [Ein Goethe’scher Ausspruch lautet:
Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt, dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern. Denn wozu dient alle der Aufwand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von gewordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein glücklicher Mensch unbewusst seines Daseins erfreut?]
Wie ist zu finden, was im Innern lebt, wenn man sich nicht trennen kann von der Außenwelt? Es wird möglich, wenn der Mensch hinausgeht über das Gewöhnliche, [sich über die unmittelbare Umgebung erhebt], wenn der Mensch sich hingibt der Betrachtung, wie der Mensch geworden ist, wenn der Mensch sich auf sich selbst besinnt, auf das Ich, das Dauernde im Wechsel. Aber Gewissensbisse muss man sich machen, wenn man bedenkt, dass das Ich immer wieder ausgelöscht wird. Fichte, der Ichphilosoph, will eine ganze Welt aus dem Ich konstruieren. Hört die Entstehung der Welt für Stunden auf im Schlaf? [Klar werden muss uns]: Bei Tag hat man nicht das Ich, sondern das Bild des Ich, wie eine Gestalt im Spiegel. Das Spiegelbild weist darauf hin, dass etwas ist, was man nur im Spiegel wahrnimmt. Wo ist die Wirksamkeit des Ich selber? Wie wir von Epoche zu Epoche gewachsen sind, unsere besondere Entwicklung ist zuzuschreiben der besonderen Färbung, die das Ich hat. Dann ist hinwegzukommen über das Auslöschen des Ich. Ausgelöscht wird die Vorstellung, aber nicht die Tätigkeit des Ich. Der Kern des Ich ist im Wachen und im Schlafen da, [da zeigt es sich uns in seiner Realität]. Wir müssen hinaufsteigen zur realen Erfassung des Ich; wachsen, reicher werden wird so unser Seelenleben. Das Ich ist anzuschauen wie in einem chemischen Laboratorium irgendein Vorgang. Wir müssen uns fühlen lernen. Die Aufgabe ist schwierig, aber kann zuletzt führen zum Ergreifen des Ich. Schwer ist es, über das Vorstellen hinwegzukommen, einen Eindruck von uns zu gewinnen. Dann das Zweite, was uns leiten muss: Bis zu einem gewissen Punkt erinnern wir uns; über den Anfang können wir nicht hinaus. Aber es ist absurd, zu glauben, das Ich wäre [vorher] nicht da. Das Leben, der Seelencharakter ist angelegt beim Kinde, wenn es in die Welt kommt Schopenhauer. Das Kind wird gleich abstoßen, angreifen; das Grundwesen des Kindes bleibt auch über den Punkt hinweg, wo man sich erinnert. Wie ist das Ich zu finden, wie es vorher war?
Mit den Vorstellungen gehen wir zu diesem Punkte. Aber ein Sprung ist zu machen hinter jene Vorstellungen. Mit unserer Gemütsstimmung, unserem Willensleben gehen wir über unseren Eigenwillen hinaus. Wir werden in gewisse Volks- und Sprachgemeinschaft hineingestellt. Das ist gelassen hinzunehmen, wie wenn ich mich nicht selber dahingestellt hätte. Nicht Erkenntnis liegt da zugrunde, sondern Willensentschluss. So werden wir mit unserer Rückschau noch weiter zurückgeführt. Dann tritt Merkwürdiges auf, wie wenn man zwei Gläser hätte und aus dem einen Wasser in das andere gösse und das Glas, aus dem man es gießt, doch nie leer würde - [oder wie Gase, die dann Wasser ergeben]. Etwas ganz Neues tritt auf. [Gefühl und Wille treten zusammen und sagen: Da hast du dir dein Schicksal selber gemacht. ] Durch einen Willensentschluss ist gelassen hinzunehmen das Schicksal, «in dem ich darinnenstecke», eine Empfindung, dass man in seinem Schicksal darinnen ist. Da kommt man zur Empfindung seines Bleibenden, da treten wir aus uns selbst heraus hinter die physische, sinnliche Welt, da sind wir durchdrungen, durchseelt von unserem Ich selber. So wird die Mauer hinweggeräumt. In der Vorstellungswelt ist es wie eine Mauer; aber unser Schicksal ist gezimmert von unserem Ich selber, aus der übersinnlichen Welt: Heute ist nicht das Wichtigste die Betrachtung der Außenseite, sondern in sich selbst die Empfindung zu erleben: «Du bist.»
[Während der Mensch sich im Traum dem Willen überlässt, wird er geführt durch eine Bilderwelt. Es gibt Symbole, die auf die Seele wirken, nicht aus Eigenwillen, sondern aus gewissen Notwendigkeiten heraus:] Die Imagination der Liebe ist, aus einem Gefäß zu füllen ein anderes Gefäß, wobei das, aus dem man füllt, nie leer wird. So ist die Liebe. Abstrakt sich das vorzustellen, hilft nicht viel. Nicht durch Definitionen, sondern durch überschaubare, sinnbildliche Vorstellungen, [Dreieck], kommt unsere Seele immer weiter. Lässt man solche Bilder auf sich wirken, so kommt man zum Abtrennen von der äußeren Welt. So wächst man innerlich zusammen mit der übersinnlichen Welt, schlägt eine Brücke zu ihr, erhält die Sicherheit: «Sie ist.» Das hat eine unmittelbare Wirkung für das Leben.
Es ergibt sich auch durch weitere Betrachtung, [dass] frühere Leben als [notwendig anzunehmen sind, in denen für spätere Leben] Ursachen gelegt worden sind.
Heroische Naturen werden sich sagen: Was wir uns erarbeiten, geben wir unseren Nachmenschen. [Das wäre] das Intimste, was wir erleben können; [würden wir es] an die [nächsten] Generationen abgeben, wäre es also verloren [für uns].
Wenn das Physische abnimmt, wird das Geistige stärker, und es wird fühlbar, dass etwas in uns heranwächst, das ein neues Leben verursachen wird. Der Mensch lernt in sich erleben den geistig-seelischen Kern. Der Mensch erlebt dadurch die Ewigkeit. [Das ist wie ein] Lebenselixier. Lebenskraft und Zuversicht erwächst ihm aus solchen Betrachtungen. Das Schicksal ist die übersinnliche Gesetzmäßigkeit des Karma. Erleben lernt der Mensch die übersinnliche Welt und der Mensch fühlt, dass er mit diesen Gedanken sich innerlich verbindet und dann nützlich werden wird in einem neu aufzubauenden Leben, somit kein «Gaffer» sein wird. Das sind Kräfte, die den Menschen vorwärts bringen - wie der Dampf in der Lokomotive. Unsere Gedanken sind lebendig webende Kräfte im Weltenall. Die Seele, die sich selbst versteht als im ganzen Weltenall lebend, fühlt ihren Zusammenhang mit ihm.
Fragenbeantwortung Frage: Über Nietzsche.
Rudolf Steiner: [Man soll] nicht eigene Urteile einfließen lassen, wenn man über gewisse Persönlichkeiten sprechen will. Als Kulturerscheinung ist er besonders interessant, wächst heran an Schopenhauer, Wagner, [am] Griechentum. Ein schöpferischer Geist ist Nietzsche nicht. Das Kulturschicksal lud er auf seine eigene Seele. Er leidet an dem Positivismus der Zeit. Das Herzensschicksal wird ihn noch andere bloß als [i. e. anders als bloße?] Theorie ansehen [lassen]. Darwinismus: dito — auf Nietzsches Leben angewandt.
Das Vorstellungsleben muss von innen heraus befruchtet werden. Nietzsche versucht es; [er] kommt nicht zum Erkenntnispfad, sucht in Anschauung [?] des Willens das Übersinnliche im Menschen. Er wirkt fesselnd durch die Tragik seines Lebens. Wie man sich zu Geisteswissenschaft stellt - objektiv -, so sollte man zu Nietzsche stehen.
Frage: [nicht überliefert].
Rudolf Steiner: Hingabe an ein höheres Wesen ohne Egoismus fördert die Seelenentwicklung. Dito beim Gebet oder bei der Meditation; das muss von der Urstimmung durchtränkt sein: «Meiner nicht, sondern Dein Wille geschehe».
[Das] Falten der Hände: Es bewirkt eine Förderung, wenn der Gedanke ernst ist. Es ist eine Art Zusammengehörigkeit, entsprechend der menschlichen Physiologie. Natürlichkeit - ungeschminkte - bewirkt schon die Händebewegung beim Redner.