Death and Immortality in the Light of Spiritual Science
GA 69d — 19 January 1913, Vienna
11. Die Übersinnlichen Welten und das Wesen der Menschenseele
Meine sehr verehrten Anwesenden! Die beiden Vorträge von heute und morgen bitte ich Sie als ein Ganzes zu betrachten. Wenn ich mich auch bemühen werde, in jedem einzelnen in gewissem Sinne ein abgeschlossenes Ganzes zu geben, so wird doch dasjenige, was ich darzustellen vor Ihnen die Ehre haben werde, vollständig beleuchtet erst erscheinen können, wenn das in dem einen Vortrage Gegebene an dem des anderen gemessen wird.
Wenn heute vom Gesichtspunkte jener Weltanschauung, von der aus hier meine Darstellungen gegeben werden sollen, über das Wesen der Menschenseele und ihren Zusammenhang mit den übersinnlichen Welten gesprochen wird, so muss begreiflicherweise demjenigen, der vom Standpunkte der heutigen Allgemeinbildung ausgehend das, was hier zu sagen ist, beurteilt, zunächst befremdlich, sonderbar erscheinen, vielleicht gar phantastisch. Am begreiflichsten, dass es so sein muss, ist dies demjenigen selbst, der auf dem Standpunkt dieser von einer Art geistiger Forschung ausgehenden Weltanschauung steht, denn wie sollte es denn nicht auf der einen Seite sonderbar erscheinen, wenn heutigen Weltanschauungen gegenüber, die da meinen, auf dem festen Boden der heutigen Wissenschaft zu stehen, ausgeführt wird von dieser sogenannten geistigen Forschung, dass des Menschen Seele ein viel umfassenderes Wesen ist als alles dasjenige, was dem Menschen von dieser Seele selbst bekannt ist im gewöhnlichen Leben, während des ganzen Verlaufes des Lebens zwischen Geburt und Tod, denn zeigen will ja diese Geistesforschung, dass sich dieses menschliche Seelenleben nicht erschöpft in alldem, was zutage tritt zwischen Geburt und Tod, sondern dass dieses menschliche Seelenwesen seinen Weg geht von Geburt zu Tod und wieder vom Tode zu Geburt in neue Leben, als die Folge der vorhergegangenen [Erdenleben und Ursache für spätere].
Des Menschen Gesamtdasein zerfällt also in aufeinanderfolgende Erdenleben, zwischen denen Daseinsformen eines seelisch-geistigen Lebens liegen, die in einer rein geistigen Welt verlaufen. Das erscheint zunächst ganz begreiflicherweise als nichts anderes denn eine ganz phantastische Sache, und niemand braucht sich zu wundern, auch nicht derjenige, der auf dem Boden der Geistesforschung steht, dass in den weitesten Kreisen der gegenwärtig Gebildeten eine solche Anschauung als nichts anderes genommen wird als die Phantasie einiger sonderbarer Schwärmer, und wenn schon auf der einen Seite die Sache selbst höchst anfechtbar erscheint, so wird sich zu einer solchen Anfechtung in der Gegenwart noch leicht die andere dazugesellen können, die auch viele erheben, diejenige nämlich, die da sagt: Wenn es schon wirklich so etwas gibt wie ein vom Alltäglichen abgesondertes, besonders abgesondertes Seelenleben, so kann [doch] der Mensch mit seinen gewöhnlichen Erkenntniskräften, die ihm zur Verfügung stehen, sicherlich nicht vordringen zu einer solchen Lösung der Weltenrätsel, die auf einem Boden stehen, wie er eben charakterisiert worden ist. Sagt also der eine, der der gewöhnlichen Bildung der Gegenwart beipflichtet, dass sich so etwas überhaupt nicht erkennen lasse, so würde der andere die Sache als vollständig phantastisch erklären. Und in der Tat, meine verehrten Anwesenden, man kommt ja nicht ohne Weiteres nahe den Forschungsmethoden, den Forschungswegen, die zu Erkenntnissen führen, von denen die angedeuteten über das menschliche Seelenwesen [nur] ein Teil sind. Nicht durch äußere Verrichtung, durch äußere Experimente, auch nicht durch die gewöhnliche Beobachtungsmethode der äußeren Wissenschaft, kann der Mensch zu solchen Ergebnissen kommen, und derjenige, der sich vorstellen würde, dass Geistesforschung zu den Methoden greifen kann wie die gebräuchliche Wissenschaft, der würde sich einem großen Irrtum hingeben. Geisteswissenschaft kann nicht zu ähnlichen Beweisen greifen wie die gebräuchliche Wissenschaft. Oh, [zweifellos] liegt ja alles dasjenige, [worauf sich bezieht, was gesagt wird], außer dem Bereiche, [außerhalb dessen], was Menschenseelen beobachten können, und was auch jene Erkenntniskräfte des Menschen erfahren können, die an das Instrument des Gehirns gebunden sind. Da entsteht denn sofort die Frage: Ja, gibt es im Wesen der menschlichen Seele irgendwelche Möglichkeiten, zu Erkenntnissen zu kommen, die nicht durch die Sinne, die nicht durch das menschliche Gehirn bedingt sind? Die Antwort auf diese Frage kann selbstverständlich nur die Erfahrung geben, die Erfahrung derjenigen, die eben zu solchen Erkenntnissen gekommen sind. Aber fragen kann jeder: Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, von einem «Überwesen» der menschlichen Seele zu sprechen, das abgesondert verläuft von der äußeren Leiblichkeit des menschlichen Gehirns?
Einen Ausgangspunkt, meine verehrten Anwesenden, müssen wir nehmen, den ich schon öfters, als ich die Ehre hatte, vor Ihnen zu sprechen, genommen habe, von einer Tatsache, die innig mit allen höchsten Lebensrätseln des Menschen zusammenhängt, die jeden Tag sich dem Menschen von Neuem aufdrängt, die nur nicht beobachtet wird, weil der Mensch das am wenigsten im Leben beobachten will, was er als eine Alltäglichkeit erlebt. Überraschend bedeutsamer ist allerdings jenes Lebensrätsel, von dem morgen näher die Rede sein soll, das sich in die Frage zusammenschließt nach Tod und Unsterblichkeit. Aber innig zusammenhängend mit diesem jeden Menschen so tief berührenden Lebensrätsel ist ein [anderes], alltägliches. Das ist jenes Lebensrätsel, das sich birgt in dem Wechselzustand, den wir alltäglich zwischen Wachen und Schlafen erleben. Nicht von den allerdings im höchsten Grade interessanten wissenschaftlichen Hypothesen über das Wesen des Schlafes soll hier die Rede sein, sondern von dem, was zunächst in ganz elementarer Weise die Geisteswissenschaft über das Wesen des Wechselzustandes zwischen Wachen und Schlafen zu sagen hat. Geisteswissenschaft hat zunächst aufmerksam zu machen auf das Unlogische, was darin liegt, wenn jemand annehmen wollte: dass an jedem Abend alles, was an jedem abflutenden Tage vom Morgen bis zum Abend heraufkommt, am Abend verschwinden würde, wenn wir in [die Finsternis], die Bewusstlosigkeit des Schlafes hineintauchen. Triebe, Begierden, Leidenschaften, Empfindungen, Vorstellungen, [Freude und Leid], alles senkt sich in die Bewusstlosigkeit des Schlafs; dass es am Abend verschwände und am Morgen [wiederkomme], sich wieder gestalte, das kann kein logisches Denken annehmen. Daher kann dieses Denken hinblicken auf dasjenige, und vorläufig als eine Hypothese ansehen, was Geisteswissenschaft ihrerseits zu sagen hat. Zu sagen hat sie nämlich, dass im Einschlafen, wenn der Mensch verliert die Herrschaft über die äußeren Glieder und die Bewegung, wenn er verliert die Möglichkeit, zu empfinden, zu denken, des Menschen seelisch-geistiges Wesen so sagt die Geisteswissenschaft - in diesem Augenblicke die Leiblichkeit verlässt. Außerhalb des Leibes ist [dann des Menschen seelisch-geistiges Wesen] während des Schlafes, und es kehrt zurück, hinein des Morgens; wenn der Mensch wiederum [erwacht], sein Tagleben beginnt, taucht dieses seelisch-geistige Wesen — so sagt die Geisteswissenschaft - [wieder] unter in die [physische] Leiblichkeit [und] beginnt, sich zu regen, um den Verkehr zu pflegen mit der physisch-sinnlichen Außenwelt.
Gewiss, meine verehrten Anwesenden, muss das eine Hypothese sein für jeden, der noch nicht näher auf die Geisteswissenschaft eingegangen ist; denn wenn man [nun] auch annimmt, dass das geistig-seelische Wesen sich aus der Leiblichkeit herauszieht und ein eigenes Dasein führt, [so] ist ja der Mensch nicht imstande, etwas über dieses seelisch-geistige Wesen zu wissen; angenommen auch, es sei aus der äußeren Leiblichkeit herausgetreten, so verliert der Mensch [mit dem Heraustreten] doch die Möglichkeit, sich bewusst, handelnd und leidend, zu fühlen in dem, was da heraußen sein soll. Und wenn es keine Möglichkeit gibt, zu zeigen, dass dasjenige, was da heraustritt, wirklich real vorhanden ist, wenn es keine Möglichkeit gibt, zu zeigen, dass der Mensch in die Lage kommen kann, sich außerhalb des Leibes zu erleben, dann kann es auch keinen wirklichen Beweis geben für das, was die Geisteswissenschaft sagt. Diesen Beweis liefern muss derjenige, der Geistesforscher sein will, und unmöglich ist es, in die Geisteswelt hineinzuschauen, unmöglich ist es, in der Geisteswelt Erkenntnisse zu gewinnen, als dass dasjenige, was untertaucht im Schlafe [in die geistige Welt], dass das im Menschen als das eigene menschlich-seelische Wesen regsam gemacht wird, belebt wird, zum Bewusstsein erhoben wird auch dann, wenn es vom Leib getrennt ist. Das muss der Geistesforscher als eine Entwicklung seines geistig-seelischen Wesens durchmachen, damit er zu einer [neuen] Anschauung kommen kann. Wahrnehmen muss der Geistesforscher lernen, verkehren mit demjenigen geistig-seelischen Wesen, von dem der Mensch im gewöhnlichen Leben gar nichts weiß, von dem er sagen muss: Wenn es schon an mir ist, so weiß ich es doch nicht. Das schließt ein, dass etwas eintreten könnte beim Geistesforscher, das ähnlich wäre dem Schlafzustande [und] doch wieder radikal verschieden. Nehmen wir einmal an, dass die Hypothese richtig wäre; so könnte man sagen: Der Mensch verlässt im Schlaf seinen physischen Körper. Das bewusste Leben hört auf, die [Sinnes-]Organe versagen ihren Dienst, daher ist der Schlafzustand also dadurch [konstituiert], dass die Menschenseele, wo sie sich der Werkzeuge nicht bedient, [scheinbar] bewusstlos wird, in die Finsternis des Schlafes versinkt. Der Geistesforscher muss diesen [Seelen-]Zustand herbeiführen können durch seine Willkür, durch seinen energisch gemachten Willen. Er muss tatsächlich dasjenige, was sonst den Menschen willenlos befällt, [willkürlich] herbeiführen: allen Verkehr mit der physischen Außenwelt aufzuheben. Das muss der Geistesforscher künstlich herbeiführen. Damit noch nicht genug; er würde für die geistige Erkenntnis nichts herbeiführen, wenn er nur das täte; er würde den Schlafzustand herbeiführen.
Ein Zweites muss noch [Folgendes] sein: Wenn sich [der Geistesforscher] durch seine Willkür unabhängig gemacht hat von allem Dienste für die Leiblichkeit, nicht in die Bewusstlosigkeit verfällt, sondern weiß, dass er mit dem Ich in einer neuen Welt, in einer jenseits der gewöhnlichen Welt lebenden, sich befindet, das heißt, er muss in die Lage kommen, das Ich, das sonst wie gelähmt sich ausnimmt, keine innere Regsamkeit, kein inneres Leben verspürt, zu innerem Leben und Regsamkeit zu entwickeln; was sonst als ein Nichtwirkliches, Gelähmtes erscheint, [muss er ganz wirklich machen].
Wenigstens im Prinzip muss ich Ihnen, verehrte Anwesende, [angeben], was zu einer solchen Belebung führt; eine ausführliche Darstellung, wie der Mensch zu einer wirklichen inneren Belebung [seiner Seele] kommen kann, findet man in meinen Schriften «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», «Theosophie» und [«Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen»]. Was dort ausführlich gesagt ist, soll hier nur im Prinzipe gegeben werden. Nicht durch äußere Maßnahmen [gelangt] man dazu, sondern durch intime innere Vorgänge, die man bezeichnen kann mit den Worten Meditation, Konzentration des Seelenlebens, Kontemplation. Was hat man darunter zu verstehen? Man bekommt den besten Begriff, wenn man sich zunächst nicht vorstellt, dass darunter [etwas] dem gewöhnlichen Seelenleben ganz Fremdes, abseits Liegendes gemeint sei. Alles dasjenige, was der Geistesforscher auf seine Seele anzuwenden hat, ist nur eine Fortsetzung dessen, was er, [was das Seelenleben auch] sonst vollbringt.
Nehmen wir ein Beispiel. Einer der großen Fortschritte im Geistesleben der Menschheit wird bezeichnet durch dasjenige, was einstmals Giordano Bruno getan hat, der dastand als Welten-Denker auf dem Boden der kopernikanischen Weltanschauung. Was ist eigentlich mit Giordano Bruno für das sich fortentwickelnde Geistesleben gewonnen worden? Wir können es etwa so konstruieren, was da gewonnen wurde: Ein großer Teil der Menschen sah [damals], in der Zeit, die dem Giordano Bruno vorangegangen ist, hinauf in den Weltenraum, er sah [da] die verschiedenen Sterne kreisen, aber er stellte sich dazu vor, der naive Mensch der damaligen Zeit, dass der ganze Raum abgeschlossen wäre vom Äther, von dem, was man den Kristallhimmel nannte, weil man das blaue Himmelsgewölbe sah. Wie aber schaute Giordano Bruno in den Weltenraum? So schaute er hinaus in den Weltenraum, dass er erkannte: Jeder Blick, der hinaussieht, sieht hinaus in Unendlichkeiten, und da, wo sich eine Grenze für das Auge darstellt, da ist eigentlich nichts; es ist nur durch das Auge, durch die ganze menschliche Anschauung bewirkt, dass da etwas wie eine blaue Hohlkugel gesehen wird. Durchbrochen wurde also, was das Auge sicht; und durch die Weltanschauung des Giordano Bruno [wurde durchbrochen] dasjenige, was die Mission der Entwicklung der Menschheit bis zu seiner Zeit brauchte. Ein neues Element trat auf. [Unendliche Weltenräume hat das Auge vor sich], eingebettet in den unendlichen Weltenraum, unendliche Welten. Der Mensch kann sich sagen: Was du also da siehst, so wie dein Blick auf das blaue Himmelsgewölbe hinsicht, ist nur Schein, ist nur bewirkt durch deinen Wechselverkehr mit der Außenwelt, ist [eigentlich] in Wahrheit [gar] nicht da. Wodurch war eine solche Anschauung gewonnen worden? [Gewonnen worden war diese Anschauung] nicht durch äußere Beobachtung natürlich, denn diese hat doch solchen Anschauungen widersprochen, sondern durch eine höhere Energisierung, [Durchkraftung] des menschlichen Erkenntnis- und Seelenlebens. Man hatte den Mut gefasst, aus den Angaben der Sinne innere Erkenntnis zu erwerben und damit zu durchbrechen, was die Sinne boten. Als Schein war etwas Umfassendes erklärt [worden — was die Sinne boten]. Dadurch, dass in sich selber die Menschenseele Kräfte entwickelt hat, die sie aufklären können über das Wirkliche trotz des äußeren Scheines, ist gleichsam als eine Fortsetzung derjenigen geringen Seelenentwicklung, welcher sich die geistig führenden Persönlichkeiten hingaben, das zu [betrachten], was als Meditation, Kontemplation, [Konzentration] bezeichnet wird.
Wie der Mensch zu jener Willkür kommt, die Aufmerksamkeit abzuziehen, kann nachgelesen werden [in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»]. Gerade so, wie es im gewöhnlichen Leben möglich ist, die Aufmerksamkeit von etwas abzuziehen, so ist es durch innere, höhere Willenstat möglich, alle Seelenaufmerksamkeit von allen äußeren Eindrücken abzulenken, sodass man künstlich in den Zustand kommt wie unwillkürlich in den Schlaf. [Aber] dann muss man bereits Sorge getragen haben, [dass das Seelenleben so kräftig ist], dass man nicht in Unlebendigkeit, in Untätigkeit verfällt, und das wird dadurch bewirkt, dass man jene innere Seelentätigkeit vollführt, die dazu nötig ist. Und wie das zu geschehen hat, wird uns am meisten klar werden, wenn wir bedenken, dass der Mensch alles, was er erlebt, denkt und empfindet, in Anlehnung an die Außenwelt erlebt, denkt und empfindet. Man braucht sich nur zu besinnen, wie leer das Menschenseelenwesen wäre, wenn es auf einmal, auf einen Augenblick, alles vergäße, was von außen kommt. Da würde sich manches Seelenwesen nur zu leer fühlen. Nun kann man [aber] auch zu einer gewissen Vertiefung, Verinnerlichung [des Seelenlebens] kommen, wenn man die Vorstellung nimmt, die man durch äußere Eindrücke gewinnt, sie zurückhält, [sich zurückzieht und] innerlich verarbeitet, [was man an Vorstellungen durch äußere Eindrücke gewonnen hat. Das ist schon eine Art Meditation.] Wirksam wird sie erst dann, wenn der Geistesforscher lebendig macht Vorstellungen, die nicht von außen kommen, sondern die er aus der Seele heraus, wenn auch mit einem Anklang an äußere Wirklichkeiten, sich selber [schafft]. Ich möchte hier einmal eine solche konkrete Vorstellung hervorheben, eine Vorstellung, die zunächst dem äußeren Menschen recht töricht erscheinen mag: Man stelle sich vor, man habe vor sich stehen zwei Wassergläser, ein leeres und ein teilweise gefülltes; man stelle sich weiter vor, man schütte Wasser aus dem halb gefüllten Glase in das leere hinein; dabei suche man sich vorzustellen, dass das Glas durch das Ausgießen nicht leerer wird, sondern immer voller und voller, je mehr man auch Wasser ausgießt. Eine törichte Vorstellung in der äußeren Welt, aber solche Vorstellungen sind zu etwas anderem wichtig und wesentlich. Demjenigen, der da einwerfen würde, dass diese Vorstellung doch ganz töricht sei, müsste man sagen: Dazu soll eine solche Vorstellung auch nicht sein, dass irgendetwas von außen abgebildet werde, sondern [diese Vorstellung soll dazu] sein, dass die Seele zur Tätigkeit hervorgerufen werden solle, dass eine sinnbildliche Vorstellung in der Seele rege gemacht werden solle. Wie können wir uns dazu verhalten? Diese Vorstellung kann ein Sinnbild sein für etwas [sehr Rätselvolles], Tiefbedeutsames im menschlichen Leben; und das ist dasjenige, was man einschließt in das Wort «die Liebe». Wo man auch hinsieht im menschlichen Leben, tritt sie uns als ein Befruchtendes entgegen, [gibt sich kund als etwas Belebendes]. Rätsel über Rätsel, [Lebensrätsel höchster Art] gibt sie uns auf. Wer wollte sich vermessen, zu sagen, er könnte hineinblicken in jene Seelentiefen, welche getroffen werden, wenn von der Liebe die Rede ist? [Etwas unendlich Umfassendes wird angeregt durch die Vorstellung «Liebe».] Aber eine Eigenschaft der Liebe wird wunderbar versinnlicht durch das Gleichnis mit den zwei Gläsern, durch diese unmögliche Vorstellung: Derjenige, der [immer] von Neuem und Neuem hingibt aus Liebe, der wird nicht leerer und leerer, sondern voller und voller, reicher und reicher. Das ist eine Eigentümlichkeit [der Liebe], desjenigen, was sich da ausspricht: dass der Seele immer reicher und reicher wird gegeben, wenn sie aus Liebe schenkt. Das können wir vorstellen, was in jenem Sinnbilde gegeben ist; wir machen damit nichts so ungeheuer Törichtes, denn wir machen es [dem Wissenschafter nach, demjenigen, der als der strengste gilt, dem Mathematiker], wir machen es nach der Mathematik und der Geometrie.
Nehmen wir an, jemand hätte eine Medaille vor sich, er hätte gar keine Ahnung von dem substanziellen Inhalt derselben - eines aber kann er sehen: dass sie kreisförmig ist. Er zeichnet sich den Kreis auf, er stellt ihn sich vor. Alles, was er sich als Kreis vorstellen kann, gilt für die Medaille. Was tut er also? Er sondert die Eigenschaften von den Dingen ab [und] betrachtet sie [einzeln], abgesondert, und so kommt er zu seinen Erkenntnissen. Mit einem solchen Seelenbilde kann man allerdings nicht genauso weit gehen wie in der Mathematik. Aber dieses Sinnbild soll zum [selbstständigen] inneren Leben der Seele führen. Nun handelt es sich darum, dass man, mit Ausschluss aller anderen Vorstellungen, mit Ausschluss aller Sorgen, [dessen, was sonstige Lebenserfahrung sei], eine Weile dahin bringt, sich einer solchen Vorstellung ganz und gar hinzugeben, ganz in ihr zu leben. Was wird da erreicht? Es wird erreicht, dass der, der ein Seelenforscher werden will, alles das in seiner Seele vereinigt hat, was er sonst auf viele Sinnesempfindungen, viele Willensimpulse zersplittert, dass er alles konzentriert auf eine einzige Vorstellung, die er sich selbst geschaffen hat, die er also ganz überschaut, [auf ein Sinnbild]. Es muss eine ungeheuer viel größere Energie des Seelenlebens angewendet werden, wenn eine solche Vorstellung keine Stütze, keine Krücke hat im äußeren Seelenleben. Aber es genügt nicht, dass man eine solche Schulung nur etwa kurze Zeit macht. Viel ist notwendig, wie es im Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» konstatiert ist. Moralische Vorstellungen aller Art [sind notwendig], die sind besonders fruchtbar für die innere Energisierung, für eine innere Belebung, ein Regsammachen des Seelenlebens.
Das Erste, was so die Seele fühlt, ist nicht etwa gleich übersinnliche Erkenntnis - es ist, dass sie nun weiß: Es gibt in dir die Möglichkeit, andere Kräfte hervorzurufen, als im gewöhnlichen Leben zu erfahren sind. Es ist ein wichtiger, wesentlicher Augenblick des Lebens, dies zu erfahren. Es lässt sich dieser Augenblick nicht vergleichen mit etwas, was man sonst [im gewöhnlichen Leben] in einer anderen Wissenschaft erfährt, was man nennen kann Erweiterung der Erkenntnis auf gewöhnlichem wissenschaftlichem Gebiete; was man da erlebt, lässt sich nur vergleichen mit etwas anderem im menschlichen Leben, mit dem, was das Kind erlebt, nachdem es die erste Zeit, die ersten Jahre nach der Geburt innig verbunden ist mit dem Körperlichen. Wir sehen es heranwachsen so, dass die Seele vom Leibe gleichsam nicht getrennt ist, das geistige Einwirkung in physischer Bewegung sich äußert, dann werden wir gewahr jenes [wichtigen] Zeitpunktes, indem es gewahr ist, dass es ein Ich ist, bis zu dem es sich später zurückerinnert, während die frühere Zeit verschwindet. Wie eine innere Gliederung in ein Geistiges und ein Seelisches stellt sich das Kindesleben dar. Das Leibliche tritt jetzt als etwas anderes dem Seelenleben gegenüber, eine Art Geburt des Seelenlebens vollzieht sich, eine Loslösung des Seelenlebens; nicht nur, dass das Kind etwas hinzubekam, sondern es ist anders geworden, es ist [damit] ein anderes Wesen geworden. Im selben Sinne fühlt man sich heranwachsen, wenn das eintritt, was erreichbar ist durch die Meditation; [etwas Ähnliches fühlt man bei diesem Erlebnis wie das Kind.] In dem Momente fühlt man immer mehr und mehr, wie sich da etwas loslöst, so wie sich die Leiblichkeit des Kindes loslöst vom Seelenleben. Doppelt wird das Seelenleben, man sieht etwas sich herausgliedern, wie wenn ein neuer Mensch aus dem Alten herausgeboren wird, [man wird ein anderes Wesen, bekommt ein neues Ich, ein neues inneres Seelenleben erwacht]; so wie das Kind, wenn es anfängt, sich als Ich bewusst zu werden, sich ganz anders seiner Leiblichkeit gegenüberstellt als früher, so stellt sich der Mensch, der das erlebt hat, seinem ganzen Seelenleben gegenüber. Das ist aber ein Moment, der aber wieder wesentlich verschieden ist von dem Momente, der eben besprochen worden ist, im Leben des Kindes; wie, das kann klar werden, wenn Sie bedenken, dass der Mensch zeitlebens dasjenige ist, was er sich hereinentwickelt hat als sein Fühlen, Denken und Vorstellen; das, was er nun seelisch erlebt, das muss er von sich loslösen wie ein neues Ich. Was innerlich war, muss jetzt äußerlich werden, es wird nunmehr der größte Teil davon äußerlich, und ein neues inneres, zugleich höheres Seelenleben erwacht. In diesem Momente fühlt man erst zweierlei Dinge; die Erlebnisse sind von früher gut bekannt, aber in der Stärke hat man sie früher niemals durchgemacht.
Das Erste, was da eintritt, ist: Nun weiß man, was Eigenliebe, was Selbstliebe ist. In diesem Momente tritt einem die Selbstliebe vor Augen. Jetzt weiß man: Du hast dich zu trennen von dem, in was du so verliebt warst, was du für dein Alles gehalten hast, bisher deine Wesenheit genannt hast; es ist, als ob der Boden unter den Füßen verschwände. Jetzt fühlt man erst, wie man sich selbst geliebt hat, und was man herausreißen [muss], wenn einem dieses Seelenleben objektiv gezeigt wird. [Das ist natürlich]; für den Alltag muss es so sein, weil der Mensch das, was er ist, am meisten liebt, wenn er sich auch für noch so selbstlos hält. Da übersieht man, dass man dasjenige, was man sich nach und nach herangebildet hat in seinem Seelenleben, [was man sich entreißen muss], am meisten liebt. Es ist ein harter Zeitpunkt, von sich selbst loszukommen; und ohne an den Punkt heranzukommen, wo man sozusagen das, was man in sich am meisten liebt und schätzt, aus sich herausreißt, ohne diese Tatsache kann man das Seelische als begründet in den seelischen Welten nicht erkennen. Eine Empfindung davon, was das Ausstoßen der Selbstliebe ist, hat man auch im gewöhnlichen Leben; die Stärke [der Selbstlosigkeit], die jetzt dieser Empfindung nötig ist, lernt man erst kennen an einem bestimmten Entwicklungspunkt des meditativen, konzentrierten Seelenlebens, der die Seele in ihrer Wesenheit erst sich gewahr werden lässt.
Das Zweite ist das Gewahrwerden: Was bist du jetzt [in deinem Kern], nachdem du deinen Kern zu deiner Hülle gemacht hast, [nachdem das, was der Kern schien, nur die Hülle ist]? Da fühlt man zunächst, dass anfangs man gar nicht viel ist, dass das, was einem als ein neues Ich entgegentritt, gar dünn ist. Was man nun braucht, ist innerer Mut, sich aufrecht zu erhalten gegenüber dem Gefühl von Ohnmacht, von Bodenlosigkeit des ganzen neuen Seins. Es gehört im Grunde genommen zu den wichtigsten Erfahrungen des Geistesforschers das Herausreißen der Selbstliebe und das Überwinden der ungeheuren Furcht, die sich ergibt, wenn man die eigene Ohnmächtigkeit des neuen Ich erkennt. Nun, im gewöhnlichen Leben ist [das] auch vorhanden, was der Geistesforscher da erreicht, es ist bei jedem vorhanden; etwas Neues wird [ja] den Menschen [gar] nicht gegeben, [nur] gewahr werden kann es dem Seelenforscher erst auf der charakterisierten Stufe. Da tritt ihm entgegen, was er eigentlich ist, Selbsterkenntnis tritt jetzt erst ein. Warum kann der Mensch sie nicht immer haben? [Warum war sie nicht vorher da?] Und hier kommen wir zu jener wichtigen Entdeckung, die ein jeder, der ein Geisteswissenschafter werden will, der das Wesen seiner Seele umgestaltet, damit er in die übersinnlichen Welten hineinschauen kann, machen muss: Er kommt zum Bewusstsein, dass es gut ist im gewöhnlichen Leben, dass alles das, [dass Selbsterkenntnis] nicht eintritt, weil der Mensch es nicht zu ertragen vermöchte. Darin muss die Schulung bestehen, dass er [in dem Augenblick, wo er die Seelenhülle ablegt], dass er dann auch imstande ist, so sich gegenüberzutreten, dass er alle Selbstliebe herausreißt, dass er den bezeichneten Mut in genügendem Grade hat. Dass der Mensch im gewöhnlichen, [realen] Leben dem nicht so entgegentritt, ist ein Schutz, weil [der gewöhnliche Mensch] es nicht ertragen würde, [dass einem das äußerlich wird, was früher innerlich war]. Daher spricht man in der Geisteswissenschaft davon, dass man [in diesem Augenblick] vor den «Hüter der Schwelle» tritt. Man meint mit der Schwelle diejenige, die man übertreten muss, wenn man in die übersinnliche Welt hineinkommen will. Man spricht davon, dass das gewöhnliche Leben Schutz findet durch diesen Hüter der Schwelle, denn jetzt erst beginnt im Grunde genommen die Möglichkeit der Beziehung der Seele zu den übersinnlichen Welten, jetzt erst ist die Seele so weit, dass sie in die übersinnlichen Welten hineinschauen kann. Jetzt erst fängt der Mensch an, ein Geistesforscher zu werden.
Denn es kommt ein Zeitpunkt, in dem der Mensch, wenn er genügend lange Zeit eine solche innere Erkräftigung seines Seelenlebens gepflogen hat, wenn er lange genug solche sinnbildliche Vorstellungen vor seine Seele gerückt hat, [von denen er weiß, dass sie dazu da sind, die Kräfte der Seele zu stärken], dann ist seine Seele stark geworden, dann nimmt er auch die Frucht dieses Starkwerdens wahr, dann wird er gewahr jenes wichtigen, bedeutsamen Moments, den er wie eine Erleuchtung empfindet. Es treten aus den unbestimmten Tiefen des Seelenlebens [von selbst] solche Imaginationen herauf, welche ihm neue Welten zu zeigen scheinen. Jetzt ist der allerwichtigste, entscheidendste Moment für die Seele des Geistesforschers gekommen. Jetzt muss er einen Entschluss fassen können, der ungeheuer schwierig ist. Warum er schwierig ist, mag aus einem Vergleiche hervorgehen, aus dem Vergleiche, was eintritt mit einem Menschen, wenn in ihm ohne sein Zutun auftauchen immer neue Bilder, die nicht von äußeren Tatsachen kommen. Sie wissen, man nennt sie Visionen, Halluzinationen, Wahnvorstellungen und dergleichen. Derjenige, der äußerer Wissenschaftler ist, wird versucht sein zu sagen: Das, was der Geistesforscher erlebt, das ist auch nichts anderes als Wahnvorstellungen, die in einer kranken Seele auftauchen.
Nun kann man allerdings den Unterschied nicht ohne Weiteres klarmachen, aber klar kann er jedem werden, wenn er wieder einen Vergleich vornimmt. Es wird auch Ihnen bekannt sein, was eintritt bei einem Menschen, der durch Krankheitszustände zu solchen Wahnvorstellungen gekommen ist. Einem solchen Kranken diese Wahnvorstellungen auszureden ist eine vergebliche Sache. Jetzt zeigt sich gerade, wie [sehr] der Mensch verliebt ist gerade in das, was er [sich] geschaffen hat. Gerade dazu muss der Mensch kommen, dass er als Geistesforscher nicht so verliebt ist in sein Bild, und deshalb muss er die Eigenliebe herausreißen; er muss wissen: In alledem, was als Vorstellung da kommt, darin lebst nur du selber; wie Schattenbilder der eigenen Wesenheit - was die innere Art der Seelenstimmung ist, das drückt sich aus in dem, was dich da umgibt. — Das ist sehr schwierig, denn man kann Leute kennenlernen, die durch irgendwelche Übungen, durch Krankheitszustände, von denen hier nicht die Rede sein soll, und dergleichen, zu solchen Erlebnissen gekommen sind. Oh, solche Menschen sind selig in der Welt, die sie gewonnen haben wollen. Man kann da sonderbare Dinge erzählen, sie sind völlig von dieser neuen Welt überzeugt. Dass das nicht passiert, das gehört zur geistigen Schulung. Ja, der Wille muss noch weitergehen; es darf nicht bloß beim Wissen bleiben, das hilft auf die Dauer nicht. Es tritt einem eine herrliche neue Welt entgegen, doch man muss wissen, was sie bedeutet, dass sie aufgekommen ist aus der inneren Art der Seelenstimmung. [Es gehört ein starker Wille dazu, sich zu sagen: Das alles ist nur ein Spiegelbild deines eigenen Wesens; ein abstraktes Wissen nützt da nichts.] Der Willensentschluss muss so stark sein, [dass er imstande ist], auszulöschen diese ganze [imaginative] Ich-Welt, dass sie nicht mehr da ist. Das ist der Rubikon, der überschritten werden muss. Man hat diese Welt sich geschaffen und man muss diese Welt wieder auslöschen können. [Nur wer das durchgemacht hat, kann darüber sprechen.] Wenn er es aber dahin gebracht hat, diese ganze Ich-Welt auszulöschen, [dann hat er sich objektiv gemacht], dann hat man das Bewusstsein frei gemacht für das Erleben einer objektiven neuen Welt. Die Dinge kommen wieder, ähnlich wie bei vergessenen Vorstellungen, die unten ruhen in dem Seelenleben, und doch wieder ganz anders; [die Imagination ruht im Innern der Seele]. Die Seele sieht sich dann erst durch ihre Kräfte versetzt in eine ganz neue Welt. Es ist so eigentümlich, was man auf dieser Stufe des Erkennens erlebt; es ist so, wie wenn man erlebt ein ganz Neues, das da die Seele fähig gemacht hat, eine objektive geistige Welt wahrzunehmen. Jetzt ist das Seelenleben zum geistigen Auge, zum geistigen Ohr geworden; jetzt nimmt es nicht [bloß] sich selber wahr, [man ist objektiv geworden]; jetzt ist die Seele geistiges Auge und Ohr, weil sie sich nun nicht mehr selber sieht. So wie das äußere Auge [nicht sich selbst zu schen bekommt], von sich selbst nichts weiß, und dadurch für die äußere Welt durchlässig geworden ist, [so] muss der Mensch durch die vorgenommenen Prozeduren sich selber gleichsam durchlässig gemacht haben gegenüber der geistigen Welt; [dann sieht man die übersinnliche Welt]. Wenn er durch seine Energie in seiner Wurzel sich durchlässig gemacht hat, dann findet er, was in der Seele drinnen lebt!
Nun, man könnte ja sagen: Es könnte ja alles das, was der geistige Forscher vorfindet, Autosuggestion, Täuschung sein. Ich habe hier auch schon einmal angeführt, was mir in einer anderen [Lücke in der Mitschrift] jemand gesagt hat: Die Seele ist ein eigentümliches Ding, sie bildet sich oft ein, dass sie eine Wirklichkeit vor sich habe. — Es müsste dem eingewendet werden, dass es keinen Beweis gibt für irgendetwas, was bei irgendeiner Welt erfahren werden kann, außer dem Erleben [selbst]. Nur das Erleben gibt den Beweis. Wir brauchen uns nur an eine sonderbare philosophische Behauptung Schopenhauers zu erinnern, auf welche Philosophien gegründet wurden. Wenn wir da hören, die Welt sei eine Vorstellung, und im Grunde sei alles, was an den Menschen herantritt, [nur] Vorstellung - muss geantwortet werden, dass die Vorstellungen recht deutlich zu unterscheiden sind vom Erleben. Ein anderes ist es doch, wenn man sich die deutlichste Vorstellung auch bildet eines Stückes heißen Eisens, und wenn man ein heißes Eisen wirklich angreift; daran wird man sich verbrennen, an der deutlichsten Vorstellung aber gewiss nicht. Es gibt keinen Beweis für die Realität außer jenem durch unmittelbare Erfahrung. Wenn niemand einen Walfisch gesehen hätte, könnten wir niemals beweisen, dass es ein solches Tier wirklich gibt. Im Leben selbst wird die Wirklichkeit in der Tat garantiert durch dieses Erleben. So ist es auch in den übersinnlichen Welten. Wer sich dahin gebracht hat, wohin der Geistesforscher gelangen soll, der erlebt da die Realität jener Welten, in die er eingetreten ist, und wenn da jener Herr gesagt hat, es gäbe Menschen, die sich eine Limonade so deutlich vorstellen können, dass sie sie zu schmecken glauben, muss man sagen: Ja gewiss, das kommt vor, dass jemand sich an der Vorstellung einer Limonade den Geschmack vorstellen kann, aber ist das Erlebnis bis zu Ende getrieben? — Das ist es erst, wenn er sich den Durst gelöscht hat, und an der bloßen Geschmacksvorstellung hat sich noch niemand den Durst gelöscht. Es muss das Erlebnis eben tatsächlich zu Ende gebracht werden, und dieses Zuendebringen der Erlebnisse erfährt man, wenn man mit der Seele [wirklich] in die übersinnlichen Welten hineingetreten ist. Wenn man in dieser Weise an die übersinnlichen Welten herangetreten ist, dann erst ist man im Grunde genommen in der Lage, das übersinnliche selbsteigene Wesen zu durchschauen.
Dieses selbsteigene Wesen tritt einem ganz besonders dann vor Augen, wenn man auf das eigene Leben zurückblickt. Eben dieses eigene Leben aber kann der Mensch nur sehr schwer erkennen, denn alles, als was es gewöhnlich erscheint, ist eigentlich, man möchte sagen, eine durch die Lebensverhältnisse, durch die Anlage herbeigeführte Einseitigkeit. Wir treffen Idealisten, Materialisten; der eine sieht den anderen für einen Toren an. Es genügt nicht, eine oberflächliche Selbsterkenntnis zu durchschauen. Tiefere Geister, wie zum Beispiel Goethe, haben diesen verschiedenen Standpunkten gegenüber gewusst, dass im Grunde jeder dieser Standpunkte nur eine Einseitigkeit darstellt. Materiell muss erkannt werden mit materiellen Gesetzen; spirituell mit spirituellen Gesetzen, aber Goethe hat sich auf jeden Standpunkt gestellt und er ist nicht dazu gekommen, den Spiritualisten als einen Toren anzusehen, denn er wusste, dass man nur durch seine spirituellen Kräfte das übersinnliche Leben einsehen kann. Manche, die nicht so weit vorgedrungen sind wie Goethe, meinen, dass man in der Mitte die Wahrheit suchen müsse; für den, der die Wahrheit kennt, ist es gerade so, als hätte man zwei Stühle, und da könnte es passieren, dass man sich, statt auf einen der Stühle, zwischen beide auf den Boden setzte. Nicht dadurch kommt man zur Wahrheit, dass man das arithmetische Mittel nimmt, sondern wenn man jeden Standpunkt zu dem seinigen macht, dann findet man den Weg zur Wahrheit, wie Goethe sagt. Man kann aber das eigentlich erst, wenn man eine tiefere Selbsterkenntnis durchmacht; wenn man [auf sein Leben zurückblickt], dann erkennt man: Das hast du dadurch und deshalb erreicht, weil du deinen Standpunkt eingenommen hast, [von dem aus du die ganze Welt betrachtest], dadurch bist du geworden, was du bist. So wird einem das Leben zu einem Bilde, und man kommt immer näher dem, was man das Wegrücken des Menschen nennen kann, denn der Mensch ist gewöhnlich nicht mehr als sein Standpunkt. Wenn der Mensch sich selbst wegrückt, wird einem das eigene Leben zu einem Bilde, zu etwas, was einem so gegenübertritt, wie früher von der Imagination gesprochen worden ist, und wenn man jetzt seinen starken Willensentschluss anwendet auf sein Leben, wenn man das alles, was man erkennt, [durch starken Willensentschluss] unterdrückt, wenn das ganze Leben, wenn es erst da gewesen ist, wie eine vergessene Vorstellung wird, dann kann heraufkommen dasjenige, was man außer dem Leibe ist zwischen Geburt und Tod, was hinausgeht über den Tod, [was man außer dem einzelnen Leben in einer rein geistigen Welt ist]. Man lernt sich als geistiges Wesen kennen, welches den Leib ablegt und in einer rein geistigen Welt lebt zwischen Tod und neuer Geburt, das mitnimmt, was es erfahren hat, in das neue Leben hinüber und das nun mitbaut am menschlichen Leib, um später erst seiner selbst bewusst zu werden. Kurz, man wird also auch durch Erfahrung das umfänglichere Wesen seiner Seele kennenlernen, das nicht begrenzt ist mit jenen Grenzen, mit welchen unser Leben begrenzt ist; [es ist ein Wesen, das hinausragt über die Lebensgrenzen und geht von Leben zu Leben.
Dadurch nimmt dieses neue Leben ein Element auf, das etwas Ähnliches hat wie das, was Kopernikus und Giordano Bruno gebracht haben.] Während der Mensch zur Zeit Giordano Brunos hinaufsah zu den Sternen und eine begrenzte Welt annahm, hat dieser sie durchbrochen und sie erklärt als herausgenommen aus der Beschränkung des Seelenlebens; so wird Geistesforschung in vollem Einklange mit der Naturwissenschaft das Todesrätsel zu lösen [Lücke in der Mitschrift], dass sie zeigen wird: Wie das Firmament keine eigentliche Grenze ist, so ist die Grenze, die gesetzt ist dem Leben von der Geburt bis zum Tode, keine wirkliche, sondern sie ist nur hervorgerufen durch die menschliche Anschauung. Wie von einem geistigen Firmament sind wir eingeschlossen durch Geburt und Tod; aber so, wie Giordano Bruno das Begrenzte durchbrochen hat, [die Menschen gewiesen hat in die Unendlichkeit des Raumes], so wird es auch die Geistesforschung tun in vollem Einklang mit der Naturwissenschaft, [so weist die Geisteswissenschaft in die Unendlichkeit des Geistes].
Wie verhält sich aber der Geistesforscher zu demjenigen, der nicht selbst ein Geistesforscher werden kann, der nur lesen und hören kann, was der Geistesforscher mitteilen kann? Nicht berechtigt ist der Einwand, dass nur der Geistesforscher hineinschauen kann in die geistigen Welten. Der Geistesforscher ist so wie der Maler seinem Bilde gegenüber. Wenn zwei Personen vor dem Bilde stehen, der eine stumpf, der andere mit lebendiger Empfindung, so kann dem Letzteren eine ganze Welt aufgehen. Dass aber das Bild hat zustande kommen können, davon ist die Kunst des Malers die Ursache. Er muss überwunden haben, was dazu führte, dass das Bild gemalt werden konnte; aber wenn der Betrachter eindringt, wird ihm gegenwärtig, was der Maler gedacht hat. Dahin muss der Geistesforscher kommen, dass er in gewöhnlichen Begriffen und Worten schildern kann, was er aus der Geisteswissenschaft herausgeholt hat. Um ein Bild zu verstehen, braucht man kein Maler zu sein. So kann man auch als Wahrheit empfinden, was der Geistesforscher zum Ausdruck bringt. Daher kann Geistesforschung in ihren Resultaten erkannt werden, auch wenn man kein Geistesforscher ist. Es kann also dasjenige, was Geistesforschung gibt, durchaus Inhalt unseres Kulturlebens werden. Wer sich [wirklich] einlässt auf die Erkenntnisse der Geistesforschung, kann [dadurch] zu einer wirklichen Erkenntnis der übersinnlichen Welt und der menschlichen Seele kommen. [Er kann] mit solcher Sicherheit [sich der übersinnlichen Welt bewusst werden], dass er gegenüber allen Einwänden, die da kommen können von denen, die aus begreiflichen Gründen Theosophie als Torheit und Phantasterei ansehen, in eine ähnliche Lage versetzt wird, wie Goethe einmal zu seinem sonderbaren Ausspruch gedrängt worden ist gegenüber Menschen, die als Philosophen die Bewegung leugneten. Schon in der alten griechischen Philosophie war die Leugnung der Bewegung vorhanden. Diese Philosophen sagten: Wenn [ein Pfeil abgeschossen wird und] der fliegende Pfeil in einem Augenblicke gesehen wird, ruht er [doch immer] im Ruhepunkte, im nächsten Augenblicke ist er im Ruhepunkte und so weiter; daher ist er immer im Ruhepunkte, daher ist er überhaupt nicht in Bewegung, [also gibt es keine Bewegung]. Goethe sagte, als ihm das vor das geistige Auge trat, was doch ein glaublicher Beweis ist:
Es mag sich Feindliches eräugnen,
Du bleibe ruhig, bleibe stumm;
Und wenn sie dir die Bewegung leugnen,
Geh ihnen vor der Nas’ herum.
Er meinte, man hat die Tatsachen bewiesen, was vom Verstande auch lückenlos bewiesen werden kann, aber entgegengesetzt. Ebenso möchte man sich verhalten, wenn man die Sicherheit gewonnen hat von der Realität der geistigen Welt, der menschlichen Seele selber und deren Begründetsein in der übersinnlichen Welt. Dann möchte man sich an diesen Ausspruch Goethes erinnern, wenn Menschen kommen und lückenlos von ihrem Standpunkte beweisen [wollen], es könne keine übersinnliche Welt geben, und wenn sie ist, könne sie nicht erkannt werden, dann möchte man diesen Leugnern des Geisteslebens und des Begründetseins der menschlichen Seele darin entgegenhalten, wenn sie feindlich gegenübertreten der Weltanschauung der Geistesforschung:
Es mag sich Feindliches ereignen,
Du aber bleibe ruhig, bleibe heiter,
Und wenn sie dir den Geist ableugnen,
So grüble du nicht weiter.
Ja, gib ihnen dann am End noch recht,
Es steht mit ihrem Geiste eben schlecht