Death and Immortality in the Light of Spiritual Science

GA 69d — 20 January 1913, Vienna

12. Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft in Ihrem Verhältnis zu den Lebensrätseln

Wenn über die Rätsel des Daseins von jenem Gesichtspunkte aus gesprochen wird, der gestern hier [charakterisiert] worden ist, so wird vor allen Dingen eine Frage jedem Menschen der Gegenwart aufstoßen müssen, der irgendwie solcher Betrachtung naherritt; es ist die Frage: Wie steht dasjenige, was [die] hier gemeinte Geisteswissenschaft zu sagen hat, zu den naturwissenschaftlichen Ergebnissen der Gegenwart, die im Laufe der letzten Jahrhunderte das geistige Leben der Menschheit von Triumph zu Triumph gebracht haben sowie dazu geführt haben, dass im Grunde genommen in der Gegenwart alles, was wir um uns herum haben, wie ein Resultat, wie eine Frucht der Naturwissenschaft erscheint. Nicht nur das äußere, materielle Dasein ist ganz durchtränkt von dem, was Naturwissenschaft uns gegeben hat, sondern auch in das menschliche Denken, Fühlen, Empfinden, in das ganze menschliche Geistesleben ist allmählich naturwissenschaftliches Denken eingedrungen, gibt ihm die Färbung, sodass man sagen kann: Demjenigen, der heute über die Frage des Geisteslebens sprechen will und in einen Widerspruch [sich] versetzen müsste mit den naturwissenschaftlichen Ergebnissen der Gegenwart, dem könnte von vornherein im Grunde nur wenig Glauben entgegengebracht werden. Die Naturwissenschaft hat eine Summe von Erkenntnissen geliefert, welche durch ihren inneren Wert, durch dasjenige, was sie als Verhältnis haben zum menschlich-natürlichen Wahrheitsgefühl, zum gesunden Menschenverstand, eindringen in unsere Seele, so eindringen, dass man eben mit Recht sagen muss: Irgendwo muss ein Fehler vorliegen, wenn eine Weltanschauung diesen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu widersprechen sich gedrängt fühlte. Dasjenige nun, was hier in Frage der Weltanschauung vertreten werden soll, das steht nun in vollem Einklang mit den berechtigten Ergebnissen der naturwissenschaftlichen Forschung der Gegenwart, obwohl es selbstverständlich fast in allen Punkten über dieses Ergebnis hinausgehen muss, wenn es sich darum handelt, die große Frage des Daseins, das bedeutsame Lebensrätsel, einer Lösung entgegenzuführen. Und welche sind denn diese großen Rätsel des Daseins? Es sind das nicht diejenigen, welche sich aufdrängen durch die eine oder andere naturwissenschaftliche Betrachtung; die größten Welträtsel drängen sich dem Menschen nicht auf aus der Wissenschaft heraus bloß, sondern sie drängen sich auf Schritt und Tritt im Leben [auf]; sie stehen sozusagen in jedem Augenblicke vor unserer Seele; und zusammenfassen können wir diese Rätsel des Daseins im Grunde genommen in zwei [Fragen]. Obwohl dasjenige, was hier als Geisteswissenschaft gemeint ist, sich nicht etwa erschöpft in diesen beiden Fragen, so muss doch gesagt werden, dass schließlich für das menschliche Interesse, für dasjenige, was der Mensch eigentlich haben will von der Geisteswissenschaft, alle diese geisteswissenschaftlichen Betrachtungen hinzielen [zuletzt] auf die zwei großen Rätselfragen, die man bezeichnen kann auf der einen Seite mit dem Worte: das Todesrätsel, das ja zugleich das Lebensrätsel ist, auf der anderen Seite das Schicksalsrätsel; das Todesrätsel, das zugleich das Schicksalsrätsel ist. Gewiss, meine verehrten Anwesenden, dieses Rätsel, [das Todesrätsel] wirft sich dem Menschen auf aus seinen Hoffnungen, aus seinen Wünschen, vielleicht auch aus seiner Angst und Furcht. [Bedrückend], dräuend steht es vor der Menschenseele, was da folgt, wenn die Seele durch die Pforte des Todes geschritten ist; es wirft sich die Frage auf, was das ist, was in ihr widerstehen kann dem vergänglichen Dasein seines Leibes, was etwa als ein Unvergängliches gegenüber dem Vorübergehenden bezeichnet werden kann. Wissenschaftlich wird allerdings diese Frage nicht aufgeworfen, wenn man sie aufwirft, wie sie meist aus der Seele ausfließt, wo in Sorge nach dem Schicksal der Seele nach dem Tode in gewisser Beziehung sich die Lösung der Frage gibt, wenn man es sich auch nicht eingesteht. [Der Mensch sagt sich]: Unerträglich wäre es, an eine Vernichtung des Daseins [nach dem Tode] zu denken, wo man sich alle möglichen sophistischen Gründe vormacht [für die Fortdauer der Seele] gegenüber dem Vergehen des Leibes. Demgegenüber darf allerdings betont werden, dass einen gewissen Respekt einflößen müssen diejenigen Menschen, welche im Verlaufe des neunzehnten Jahrhunderts es dazu gebracht haben, zu sagen, es sei eine besondere Art von Egoismus, dass der Mensch verlange, dasjenige, was er in der Seele habe als Inhalt, solle dauern über den Tod hinaus. Selbstloser finden es gewisse, wenn auch materiell denkende, edle Naturen, zu sagen: Was ich mir erarbeitet habe, was ich in meiner Seele aufgenommen habe, [das] übergebe ich dem allgemeinen Menschenleben, das opfere ich hin auf dem Altar der menschlichen Allgemeinheit. Und so muss in einem gewissen Sinne die [Gesinnung] edler angesehen werden als die, die aus Angst und Furcht heraus, aus Hoffnung und Wünschen heraus einen Glauben an eine Unsterblichkeit sich zimmert.

Aber von einer ganz anderen Seite her kommt das Todesrätsel, und das ist so recht das menschliche Lebensrätsel, wo man nachdenkt über die Ökonomie der Welt, wo man nachdenkt darüber, wie es sich mit den in der Welt einmal zutage getretenen angehäuften Kräften verhält. Der Mensch erwirbt - man kann das ganz unpersönlich betrachten - im Verlaufe seines Lebens, von Jahr zu Jahr, von Woche zu Woche, einen gewissen [inneren] Seeleninhalt; wer könnte ableugnen, dass dieser bei einem normalen Menschen immer weiter wird [gegen das Alter zu, immer reicher], immer innerlicher wird, immer mehr von Energie durchsetzt wird. Denjenigen nun, die meinen, dass der Seeleninhalt abgegeben werden muss an das ganze [menschliche] Geschlecht, muss die Frage entgegengehalten werden: Ist das in Wahrheit [überhaupt] möglich, das Beste herzugeben, das, was der Mensch in sich geworden ist? Denn das, [was der Mensch aufnehmen muss, dass er ganz persönlich seine Seele weiterbringt], ist etwas, was mit dem individuellen Leben so zusammenhängt, dass es unmöglich ist, dies an die Allgemeinheit abzugeben. Wir können vieles an die Allgemeinheit hingeben, aber unmöglich kann man das Ureigenste abgeben, und gerade dieses Wesentlichste, was nur durch die Persönlichkeit, nur durch die Individualität errungen werden kann, das müsste hinschwinden, das müsste ins Nichts übergehen, wenn das Menschenseelenleben dort, wo sich das Tor des Todes schließt, verschwindet als individuelle Seelenwesenheit. Also, aus der Ökonomie des Lebens wirft sich diese Frage ganz objektiv auf.

Die zweite Frage, die sich aufwirft als ein Lebensrätsel, die auf Schritt und Tritt an uns herantritt, [ist die nach dem Schicksal], ist die: [Wir sehen], dass einen Menschen von der Wiege an Not und Elend umgibt, und dass es auch nicht anders werden wird; noch krasser wird dieses Schicksalsrätsel an uns herantreten, wenn wir jemanden mit geringen Fähigkeiten heranwachsen sehen und von ihm sagen müssen: Er wird nur wenig ein nützliches Mitglied der Gesellschaft sein. Ein anderer wird umgeben von der Wiege an von aller Sorge - [sodass wir voraussehen]: Er kann ein bedeutsames Mitglied der Gesellschaft werden. Das sind Fragen, die vielleicht den theoretischen Verstand wenig beschäftigen mögen, das sind Fragen, an welche in gewisser Beziehung die gewöhnliche Wissenschaft gar nicht heranreichen kann; aber sollte es nicht ebenso notwendig sein, diese Frage aufzuwerfen, so, wie andere Wissenschaften sie zu beantworten suchen? Diese Fragen beschäftigen nicht bloß den theoretischen Verstand, sondern das ganze Menschenleben. [Inneres Glück, innerer Halt], innere Sicherheit, innere Arbeitsfreudigkeit im Lebens hängen von der Antwort ab, die sich der Mensch hier geben kann. Derjenige, der glaubt, sie abweisen zu können, der wird die Bemerkung machen im Verlaufe seines Lebens, dass irgendetwas eintritt, das er gar nicht so erklärt, als ob es von dieser Frage käme; Unsicherheit, Nervosität, Haltlosigkeit kann kommen, wenn jemand nicht die Möglichkeit findet, Gesichtspunkte zu finden für eine Lösung dieser Frage. Geisteswissenschaft kann, wenn sie an diese Frage herantritt, nicht etwa bloß die naturwissenschaftlichen Ergebnisse anfassen, sie muss überall darüber hinausgehen; wir werden sehen, warum. Aber indem die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, über diese naturwissenschaftlichen Ergebnisse hinausgeht, bewahrt sie sich - und das muss sie im Sinne der modernen Zeit - dieselbe Disziplin des Denken und Fühlens, [des Forschens], dieselbe Art, sich der Welt gegenüberzustellen, welche in der Naturwissenschaft sind. Oh, meine verehrten Anwesenden, diese hat uns als ihr Ergebnis noch ein anderes gezeigt, sie hat [im Verlaufe des letzten Jahrhunderts gezeitigt] eine gewisse Erziehung des menschlichen Denkens, und diese Erziehung greift um sich. Derjenige, der heute nach einer Weltanschauung sucht, der darf nicht sündigen gegen diese Erziehung des menschlichen Denkens. Wenngleich auch derjenige, der sich nicht bekümmern will um Naturwissenschaft, abseits stehen kann, muss der, der eindringen will in unsere Kultur, [dies] rechtfertigen können vor den berechtigten Forderungen der Naturwissenschaft. [Das, was ergreifen will unsere Kultur, muss bestehen können vor dem berechtigten Denken]. Andererseits sehen wir aber, wie Sehnsucht besteht, über alle Traditionen hinweg zu irgendetwas zu kommen in der angedeuteten Richtung [über diese Fragen], und gerade beim denkenden Naturforscher sehen wir, dass das, was man heute so vielfach berechtigt glaubt, keineswegs als hinlänglich angesehen wird. Viele hundert Beispiele könnten angeführt werden, [die zeigen], wie gerade die heutigen denkenden Naturforscher hindrängen nach einer Weltanschauung, die eben das geben kann, was die Menschen suchen.

Von vielen Beispielen eines: Wenn man ins Auge fasst eine Rede, die diejenige Persönlichkeit gehalten hat am 22. Juli 1909, welche durch vierzig Jahre der Präsident der Universität Harvard in Amerika war, ein Naturforscher, ein Chemiker, Charles Eliot, ein charaktervoller Mann er hat damals von der Notwendigkeit gesprochen, aufzurücken von der Naturwissenschaft zur Bezwingung der großen Seelenfrage, und wie etwas Selbstverständliches hat er es vor seine Hörer hingestellt, was er zum Ausdruck bringen wollte als das Dasein eines selbstständigen Seelischen neben dem leiblichen Leben. Er sagte: Der Mensch hat dem Menschen immer eine unabhängige Seele zugesprochen, einen Geist, der in sich selber sein Wesen hat, als der sich der Mensch erlebt, wenn er sich kennenlernen will, als der sich der Mensch selber weiß - [etwas von dem Körper Getrenntes]. - Aber gerade die Art und Weise, wie ein solcher Mann versucht, von den naturwissenschaftlichen Denkgewohnheiten aufzurücken in das Geistige, kann uns lehren, wie notwendig eine besondere Geisteswissenschaft eintreten muss für die angedeutete Frage. Wenn man Eliots Ausführungen verfolgt, kommt man eigentlich zu einem sonderbaren Gedanken. Trotzdem er es wie für selbstverständlich hält, dass ein vom Körper getrenntes Seelenwesen da ist, so spricht er davon [doch] nie anders [als]: Ja, es ist eben die Seele da. — Seele, Seele und immer wieder nur Seele. Wie wäre denn das, wenn er dieselbe Art auf das naturwissenschaftliche Gebiet übertragen würde? Da wäre es so, als wollte man nicht diese Pflanze, diese Gesetze, sondern als wollte man das ganze äußere Naturgeschehen konstruieren, indem man sagt: Es gibt eine Natur. - Der Naturforscher [begnügt sich nicht damit]; er geht auf [die Einzelheiten], die einzelnen Gesetze, auf das besondere konkrete Dasein derselben ein.

[Ebenso macht es die Geisteswissenschaft. Sie geht ein auf die Seele und will eindringen in die Geisteswelt und übersinnliche Wesenheiten und Tatsachen kennenlernen. ] Und das wird die Aufgabe der Geisteswissenschaft gegen die Zukunft hin sein, dass sie auf die Einzelheiten des Geisteslebens einzugehen vermag wie die Naturwissenschaft. Davon wollen viele Menschen heute noch nichts wissen, dass es möglich ist, in die geistige Welt einzudringen und dort übersinnliche Wesenheiten, die niemals zur leiblichen Verkörperung kommen, auch kennenzulernen. Das ist gerade die Aufgabe der Geisteswissenschaft; indem sie dies unternimmt, geht sie nach derselben Methode vor auf ihrem Gebiete wie die Naturwissenschaft auf dem ihren. Die Ähnlichkeit der Betrachtung, die ist es, worauf es ankommt. Nehmen wir zum Beispiel an, irgendjemand wollte das Leben der Pflanze betrachten, wie die Pflanze heranwächst, wie sie Blätter und Blüten und endlich die Frucht treibt. Begnügt sich der Mensch damit, wie das Pflanzenwachstum einen Abschluss findet? Nein, indem er dort ankommt, sagt er sich: Der Keim, der ist das Ende des Pflanzenwachstums und zugleich der Anfang einer neuen Pflanze. Ende und Anfang werden miteinander verknüpft, und wir sehen arbeiten dann das gesamte Leben, das eine, wenn wir in die Lage kommen, das Ende mit dem Anfang zu verbinden.

Genauso, [nur auf das Seelische übertragen], macht es die Geisteswissenschaft. Es soll aufmerksam gemacht werden, wie im Grunde genommen dem reinen Alltagsleben gegenüber eine solche Betrachtung fruchtbar ist. Es kann einem die Fruchtbarkeit einer solchen Betrachtung durch nichts klarer entgegentreten, als wenn man etwas nachdenkt über den Ausspruch eines bedeutenden Mannes, der sich viel beschäftigt hat mit den Rätseln der heranreifenden Seele - mit einem Ausspruche Goethes. Goethe hat den Ausspruch getan: Im Alter wird man Mystiker. Er wollte nicht eine graue Theorie hinstellen, er wollte [eine Lebenserfahrung], eine Lebensführung damit hinstellen, er wollte sagen: Dasjenige, was man im Verlaufe seines Lebens sich angeeignet hat, gleichgültig, wo man gestanden ist, was Inhalt der Seele geworden ist, was man im Grunde genommen selber geworden ist, [sodass ich allmählich nicht nur reicher, sondern auch reifer geworden bin], das ist innerlich reif geworden, das hat eine innerliche Energie angenommen, [es] löst sich immer mehr so ab vom äußeren Leben, dass es immer mehr und mehr [an] Selbstständigkeit gewinnt. Wir schen in einer noch verhältnismäßigen Jugend, wie alles, was in uns lebt, in Taten übergehen will; man weiß aber auch, wie immer mehr in der Seele sich etwas heranbildet, was die Seele als ihren in Einsamkeit zu erlebenden Inhalt betrachtet, durch den sie sich in einer gewissen Weise eine eigene Welt zimmert, abgesehen von der Außenwelt. Dieses vertiefte innerliche Leben, durch das Heranziehen eines höheren Menschen, der hereingreift in die äußere Betätigung, das meinte Goethe mit seinem Ausspruche. Innerlich, seelisch-geistig innerlich wird man. Da vollzieht sich innerhalb unseres Seelenlebens etwas Ähnliches, wie sich äußerlich-sinnlich in der Pflanze vollzieht, bei der die Blätter und Blüten allmählich welk werden und der Keim sich sondert. Was da sich physisch-sinnlich sondert und was da der Ausgangspunkt wird für ein neues Pflanzenleben, das hat seine Analogie in dem, was seelisch-innerlich sich löst, in dem, worauf Goethe aufmerksam machen wollte, dass der Mensch Mystiker wird, und dieses Geistig-Seelische ist eine angehäufte Kraft. Ganz nach naturwissenschaftlicher Methode verfährt man, wenn man sie verbindet mit dem Beginn des Menschenleibes, und wenn man das tut, dann muss es so geschehen, dass man sieht, wie beim Kinde, wenn es ins Dasein tritt, allmählich aus unbekannten Untergründen herausentwickelt wird, was dann später im Laufe des Lebens zutage tritt. Ich habe hier schon einmal gesagt, wie derjenige, der diesen von der Geburt aus heranwachsenden Menschen so betrachtet, dass er glaubt, dass alles, was sich entfaltet, hereinkommen würde in der Vererbungslinie, dass der ebenso ungenau vorgeht, wie die Menschen ungenau vorgegangen sind, sagen wir, im sechzehnten Jahrhundert, wo zahlreiche Menschen, auch Gelehrte, geglaubt haben, dass ein physisches Lebewesen - niedere Tiere, Regenwürmer - sich entwickeln können aus [dem bloßen] Flussschlamm heraus. Es war eine große Errungenschaft, dass Francesco Redi im siebzehnten Jahrhundert darauf hingewiesen hat, wie das auf einer ungenauen Beobachtung beruht und alles Lebendige nur aus Lebendigem hervorgeht.

Gerade so, wie Redi dazumal sich verhalten hat, verhält sich der Geistesforscher in Beziehung auf das Geistig-Seelische. Er zeigt, dass es ein Irrtum ist, nur das Physische, die Vererbungslinie anzunehmen, sondern dass man in Wahrheit ein Geistig-Seelisches sich entfalten sehen muss in das Geistig-Seelische hinein. Man sieht dann, wie in der Tat Seelisch-Geistiges Bedeutsameres zu arbeiten hat in den ersten Kindheitstagen als im späteren Leben. Man mag als Mensch noch so stolz sein auf das, was man sich als Verstand und als geistige Fähigkeit ausbildet; so gescheit ist man nicht [mehr] im späteren Verlaufe des Lebens, dass man das vermag, was in den ersten Kindheitszeiten geschehen muss. Das Gehirn muss erst plastisch gemacht werden; da muss das Ich ungeheuer viel mehr arbeiten an der Herausbildung einer ganz bestimmten Fähigkeit. [Ein geistig-seelischer Kern arbeitet an der Herausbildung von Fähigkeiten.] Da sieht man: Wie man die neue Pflanze sich entwickeln sieht aus dem Keime, so kann man heranreifen sehen dasjenige, was in einem neuen Menschenleben neue Fähigkeiten herauskristallisiert aus der noch plastischen Materie. [Es ist das die ganz gleiche Anschauungsweise wie in der Naturwissenschaft.] Da ergibt sich - durch eine sinnvolle Anschauung des Lebens - das wiederholte Erdenleben. [Ein innerer Kern arbeitet an dem körperlichen Leibeswesen.] Wir sehen den geistig-seelischen Kern des Menschen durch die Pforte des Todes hindurchschreiten, entzogen sein dem menschlichen Anschauen, wieder hervortreten mit Arbeiten an seinem körperlich-leiblichen Wesen, bis er es dazu gebracht hat, was dann nur zu sein? Was ist dann dieses? Der Materialist wird sagen: Es ist eine Summe von materiellen Vorgängen, aus denen sich dann das Geistig-Seelische herausentwickelt. Der so denkt, dass der geistige Mensch sich aus Vorgängen entwickeln könne, die sich ergeben aus leiblichen, hat keinen Sinn für die Betrachtung dessen, was innerliches Seelenleben ist. Wer dafür Sinn hat, [wer das charakterisieren will], der wird vielleicht zunächst zu einem Bild greifen müssen, um das Verhältnis des Seelischen zum Leiblichen zu konstruieren. Dieses Bild könnte das Folgende sein: Wenn wir eine Wand entlanggehen und wir finden da an einzelnen Stellen der Wand Spiegel hängen, so gehen wir dahin und wir sehen uns immer im Spiegel selber darin, wir können uns nicht sehen, wenn wir uns nicht im Spiegel selber erblicken. Aber niemandem wird einfallen, dies Spiegelbild für sein ureigenstes Wesen zu erklären, und es hängt sehr vom Spiegel ab, ob und was gesehen wird. Ebenso, wie der Mensch vor seinem Spiegel steht, wo das Äußere des Spiegels nur zurückwirft, was er ist, so verhält sich das geistig-seelische Leben zum leiblichkörperlichen. Das Leiblich-Körperliche ist kein toter Spiegel, sondern ein lebendiger Spiegel, aber es ist wie ein Spiegel, der möglich macht, dass wir etwas wissen vom Geistig-Seelischen. Aber wenn wir abends in dem Schlafe sind, da schauen wir uns nicht in diesem Spiegel. Je weiter man eindringt in eine ganz alltägliche Betrachtung des Seelenlebens, umso mehr wird man wahrnehmen, wie das Geistig-Seelische, wenn es selbstständig geworden ist, seiner gewahr wird wie im Spiegel. Solange wir aber zu dieser Selbstständigkeit nicht gekommen sind, in den ersten Kindheitsjahren, solange wir dessen unbewusst sind, arbeitet unser Geistig-Seelisches gerade an unserem Physisch-Materiellen, macht es erst plastisch, damit wir uns erkennen können. So sehen wir, dass wir durch das, was wir uns in einem früheren Leben erarbeitet haben, die Baumeister werden unseres gegenwärtigen Lebens.

Eine andere Betrachtung aus dem Leben kann über die Schicksalsfrage aufklären. Der Mensch, der den rechten Sinn hat für die Selbstbetrachtung, der wird, wenn er zurückschaut in sein Leben, sich sagen: Wärest du denn das geworden, was du bist, wenn dich nicht dieses oder jenes Schicksal getroffen hätte? Nur eine oberflächliche Lebensbetrachtung kann einen trennen von dem, was an einem als Schicksal gearbeitet hat, und wenn man das Leben zurückverfolgt [bis zur Geburt], wird man, da man doch nicht annehmen kann, dass das, was sich selber bewusst wird, [die innere Ichheit], im Kindheitsalter damals angefangen hat, sich sagen: So muss das eben viel früher der Fall sein. - Man gelangt hinaus über sein bewusst erlebtes Schicksal in frühere Zeiten; man erkennt sich als den Schmied seines Schicksals und man wird nicht mehr weit sein vom Gedanken, dass man auch das Schicksal ebenso gebracht hat in seinen Ursachen aus früheren Leben.

Nur dann, wenn man das Leben nicht gründlich betrachtet, kann man unzufrieden sein mit einer solchen Anschauung. Man kann sagen: Da macht die Weltanschauung dasjenige, was dem Menschen solche Schmerzen und Leiden bereitet, noch zu etwas, was man selber gezimmert hat. - Aber man ist nur dann unzufrieden, wenn man die Oberfläche betrachtet; je mehr man weiß, dass man [sich] sein Schicksal selber gezimmert hat, desto mehr findet man sich mit seinem Schicksal zurecht, [desto zufriedener ist man]. Man ist nur nicht immer ein richtiger Betrachter seines Schicksals. [Das schlimme Schicksal ist oft eine Notwendigkeit zum Vorwärtskommen.] Nehmen wir an, jemand hat bis zum achtzehnten Jahre ganz allein von der Tasche seines Vaters leichtsinnig gelebt, da verliert der Vater sein Vermögen, der junge Mann muss dann arbeiten, um sich zu erhalten, er wird genötigt, ein anderes Leben zu führen. Das wird er als ein schlechtes Schicksal mit Recht betrachten; wenn aber der Mann erst fünfzig Jahre alt geworden ist, wird er sagen: Gott sei Dank; ich wäre ein Taugenichts geworden; mein Elend von dazumal hat mich zu einem ordentlichen Menschen gemacht. Das zeigt, dass das Schicksal ein notwendiger Grad unserer Fortentwicklung ist. So könnte das, was man als Vorwurf empfindet vielleicht gegen diese Weltanschauung, sich sozusagen dahin zusammenfassen lassen, dass man sagt: Wenn man einmal objektiver Beurteiler sein kann, was es bedeuten kann, sich Not und Elend gezimmert zu haben, [so wird man nicht unzufrieden sein], nicht nur Elend darin sehen, sondern [notwendige] Entwicklungsfaktoren [darin] sehen.

Gibt es denn aber auch, noch immer abgesehen von eigentlich geisteswissenschaftlichen Ergebnissen, [eine Möglichkeit], sich vorzustellen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen dem tiefsten menschlichen Seelenkern, [dem, was man ist], und dem, [was man erlebt als] Schicksal? Auch eine solche Analogie kommt naturwissenschaftlich vor. Man braucht sich nur vorzustellen: Kann eine Gebirgspflanze in der Ebene gedeihen? Sie wird [durch ihr Wesen] in die passende Umgebung versetzt. [Es besteht eine gewisse Anziehungskraft zwischen den Gebirgspflanzen und ihrer Umgebung.] So wird der Mensch in sein Schicksal hineinversetzt, denn das ist das, worin er zu gedeihen hat. So ist immer ein inneres Anziehungsband zwischen dem, was er mitbringt aus einem früheren Leben, und dem folgenden Leben. Wir bleiben überall [immer] innerhalb der Denkgewohnheiten der Naturwissenschaft, auch innerhalb der Geisteswissenschaft, wenn wir uns das Rätsel des Todes beantworten, dass der Mensch durch die Todespforte hindurchgeht, ein rein geistiges Leben führt, bis er wieder durch die Geburt in das Leben eintritt; [wir sehen in dem gegenwärtigen Leben einen geistig-seelischen Kern sich ausbilden und sich vervollkommnen in der geistigen Welt]. So betrachten wir die Unsterblichkeit nicht wie eine unendliche Linie, sondern wir sehen die Unsterblichkeit gleichsam zusammengesetzt aus einzelnen Gliedern und wir sehen aus der Wesenheit des Geistig-Seelischen, wie das Schicksal des Menschen herauserklärt wird aus diesem Durchgehen des geistig-seelischen Kernes durch die verschiedenen Leben, [Erdenleben und Geistesleben]. Das ergibt schon eine rein äußerliche Lebensbetrachtung. Dann aber, wenn zu der reinen geisteswissenschaftlichen Methode geschritten wird, bestätigt sich voll das, was man als einen Glauben betrachten könnte, wenn es so, wie es eben entwickelt wurde, aufgefasst worden ist.

Gestern ist gezeigt worden, wie der Geistesforscher höhere Kräfte in sich zu entwickeln in der Lage ist. [Derjenige nur kann ein Geistesforscher werden, der seine Seele entwickelt hat.] Da gibt es verschiedene Momente. Einzelne sind schon gestern angegeben worden. Es kann natürlich im Verlaufe eines Vortrages auch nicht einmal skizzenhaft erschöpft werden, was der Mensch da erlebt; aber Einzelnes kann angedeutet werden, und auf ein Wichtiges kann hingewiesen werden, das ich auch schon zu beschreiben versuchte in [meinem] Buche [«Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in] «Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen». Da ist hingewiesen worden auf eine Entdeckung, die derjenige macht, der sich geistig fortbildet, [auf die Entwicklung, die der Mensch durchmacht]. Das, was er [da] erlebt, erlebt er zwar [zunächst] bildlich; aber dieses Erlebnis ist der Ausdruck für eine bedeutsame Realität, für das, was sich in Wirklichkeit vollzieht. Ich versuche da in meinem Buche so anschaulich als möglich zu schildern das, was wie ein Bild oftmals unverhofft herantritt; wenn man genügend lang und energisch seine Seele fortentwickelt hat, dann kommt der Moment, das, was in hunderterlei Arten sich abspielen kann, das aber auch so sich abspielen kann, dass man fühlt: Jetzt geht mit dir etwas vor, wovon du noch niemals eine Erfahrung, ein Erlebnis gehabt hast. Es kann so sein, als ob man sich innerhalb eines Kräftekomplexes fühlt, wie wenn der Blitz [einschlägt], durch einen hindurchgeht und alles Materielle zersprengt hätte. Von diesem Moment an fühlt man, [wie man in ein anderes Verhältnis mit dem Leib gekommen ist], wie man frei und unabhängig im inneren Erleben geworden ist von jenem, was leiblich-physisch an einem hängt. Man fühlt sich gleichsam bewusst herausgetrieben und man fühlt sich so, wie man sich nur so fühlen kann, wenn man das Abfallen des Leibes im Tode erlebte. Deshalb wurden im mystischen Leben die Worte gebraucht: Man dringt heran an die Grenze des Todes.

Erst von diesem Momente weiß man, was es heißt, sich innerlich erleben und zugleich wissen: Es ist nicht verknüpft mit der innerlichen Körperlichkeit, von der fühlt man sich befreit; jetzt weiß man, was es heißt, dem Spiegel gegenüberzustehen. [Gedanken sind nicht Hirnprodukte]; man kennt jetzt die geistig-seelische Realität; aber man ist von noch etwas losgelöst in diesem Augenblick, und das ist das Wesentliche dabei. Man weiß, dass man losgelöst ist von der Leiblichkeit, aber man ist auch in hohem Grade losgelöst von dem, was man als Geistig-Seelisches gekannt hat, worin man war, worin man sich erlebt hat, [von dem, was man als sich angesprochen hat]. Die Mystiker, die es gekannt haben, haben so gesprochen, dass man herantritt an die äußere Notwendigkeit des Daseins. [Man versteht erst die Mystiker, wenn man das selber kennt]; ja, diese Erfahrung macht man in diesem Momente - [es ist] eine bedeutsame Entdeckung. Wie man einem fremden Körper gegenübersteht und man nur Zuschauer sein kann, so fühlt man, dass man nur Zuschauer sein kann in dem, wo man sich früher als Akteur gefühlt hat; [man fühlt sich als Zuschauer einem geistig-seelischen Leben gegenüber]. Man fühlt es selber als eine Art Leiblichkeit außer sich, fühlt, dass darin Vorgänge sind, denen gegenüber man keine Willkür hat. Man fühlt sich gleichsam gefesselt, angeschmiedet an ein Wesen, an dem man bleiben muss bis zur Pforte des Todes und dem gegenüber man sich doch äußerlich als Zuschauer fühlt. Man fühlt einen neuen Denker in sich erwachen, den alten Willen fühlt man sich entrissen, sich ihm gegenüberstehen. Es kommt viel mehr als auf ein sensationelles Ergebnis darauf an, dass er - ein sich so entwickelnder Mensch - wirklich solche Erlebnisse machen kann, dass er sich selber also wissen kann in einer geistigen Welt; und wenn er sich dort weiß, da wird ihm eines klar. Es wird ihm klar, dass er mit dem neuen Wesen, das er jetzt herausgeschält hat aus seinem bisherigen Seelenleben, der äußeren Körperlichkeit viel näher steht, als er ihr früher gestanden hat. Wir stehen der äußeren Körperlichkeit nahe. Der heutige Materialist kennt die Erscheinung des Erblassens, des Errötens; wir haben da körperlich-physische Vorgänge erfahren; die können noch gesteigert gedacht werden; man kann auch auf Verhältnisse verweisen, die zutage treten, wenn man beobachtet einen Menschen durch eine längere Zeit seines Lebens hindurch. Wir finden bei ihm, wenn er ein Innenleben hat, das nicht bloß theoretisch bleibt, dass er der Beherrscher seines Lebens wird; [die Seele wirkt auf den Körper; die Gesichtszüge ändern sich]. Das aber sind alles Kleinigkeiten gegenüber dem, dass man fühlt in dem Momente, wenn man sich sozusagen losgelöst hat von seinem Geistig-Seelischen, dass man in sich die Kräfte hat, körperlich zu schaffen. [Man fühlt das, was die Kräfte hat, Körperliches zu gestalten], dann fühlt man nämlich die Kräfte, die im Kinde vorhanden sind, wenn es den plastischen Leib herausgestaltet, [körperlich ausgestaltet die Fähigkeiten]. Dieses Erlebnis ist nicht leicht, es ist ziemlich schwierig zu tragen. Man kann diesen Körper nicht ändern, aber man fühlt: Man hat durch sein Leben Kräfte gesammelt, die einen anderen Körper zimmern können. Man fühlt gleichsam den Vorgeschmack der Kräfte, die in einem folgenden Leben an seinem Schicksal arbeiten. Man fühlt sich wie herausgelöst, aber man hat auch die Gewissheit erlangt über das geistig-seelische Erleben, [den geistig-seelischen Kern]. So gewiss, wie man Sauerstoff und Wasserstoff trennt, so erkennt man durch die Trennung, die man durch dieses bedeutungsvolle Selbstexperiment anstellt, dass dem Menschen beigemischt ist im Menschenleibe das Geistig-Seelische, ein geistig-seelischer Kern, und dass der Mensch hinausragt in ein neues Leben, indem er die Anlage dazu in sich trägt. Gewissheit geht uns auf, wenn wir die Dinge so machen. Es gibt allerdings keine Experimente, die wir im Laboratorium machen können; das einzige Experiment ist Selbstentwicklung, Selbstbeseelung, und das einzige Experiment, um einzudringen in die übersinnlichen Welten, ist das Geistig-Seelische selber. Er muss sich selber zum Werkzeug des Eindringens machen. Dann erlangt er tatsächlich Erkenntnis über den Zusammenhang seines Schicksals im jetzigen Leben und im früheren Leben. Gerade so, wie der Mensch im Irrtum ist, der glaubt, dass er ein Produkt der Natur ist, [der glaubt, er wäre es selbst im Spiegel, so ist derjenige im Irrtum, der im Körperlichen sein Ich sucht], ist auch einer im Irrtum, dem das Folgende passiert: Es passiert ihm, dass er die Gegenstände nicht findet, die Knöpfe zum Beispiel, die er zum Anziehen braucht; er wird ärgerlich und er nimmt an, es habe sie ihm jemand verlegt. [Er fragt]: Wer hat mir den Tort angetan, wo soll ich suchen? - Dann sieht er genauer nach und findet, dass er selber der Veranlasser ist, dass er hat suchen müssen. Dasjenige, was er jetzt zu tun hat, ist das Ergebnis dessen, was er selbst getan hat am vorhergehenden Tage. [So ist es mit unserem Schicksal.] An uns stellt sich unser Schicksal heran; wir stellen uns ihm gegenüber in Liebe und Hass; wir beziehen es nicht auf uns, weil wir vergessen haben, dass wir es [selbst] verursacht haben. Aber eine wahrhafte Lebensbetrachtung dehnt unser Gedächtnis aus, und wir finden, dass es von uns selbst gezimmert ist.

Das ist die wahre Ausdehnung der wahren menschlichen Selbstbetrachtung. Gewiss, in vieles kann die Naturwissenschaft eindringen, aber nicht in die Gebiete des Geistig-Seelischen. Gerade der vorangeführte Charles Eliot sagte, die alte Weltanschauung habe sich befasst mit dem Leide des Menschen und habe gesagt: Du wirst einen Ausgleich finden nach dem Tode. - Nach Charles Eliot soll sich die neue Weltanschauung nicht befassen mit Tod und Elend, sondern mit Freude und Leben. Das müssen wir zweifellos zugeben. Aber kann man so einfach sagen, man solle sich von der Naturwissenschaft ausgehend eine Weltanschauung zurechtzimmern, die sich nur mit Freude und Leben befasst? Man mag es sagen, schön, man [mag es ablehnen, sich mit Leid und Tod zu befassen], mag die Augen abwenden von Leid und Tod - aber Leid und Tod befassen sich mit uns, die kommen schon an uns heran, und erst derjenige, der Leid betrachten kann als Entwicklungsfaktoren, der im Grunde genommen sagen kann auf die Frage: Du hast Glück und Freude, Schmerz und Leid erfahren. Was würdest du lieber hingeben von dem, was du erfahren hast: [Leiden oder Freuden]? - Ich würde Freude hingeben gegen Schmerz und Leid, denn denen verdanke ich eigentlich meine Erkenntnis -, der würde richtig sprechen, weil er sich wahre Erkenntnis erworben hat. Was uns Erkenntnis als Entwicklungsfaktor begreiflich macht, den Tod, aus dem sich ein neuer Lebenskeim heranentwickelt, der abstößt die Hülle wie die welken Blätter, das lässt uns gerade den Tod als dasjenige Ereignis betrachten, das uns die Gewähr gibt für ein neues Leben. [Im Tode reift ein neuer Lebenskeim heran.] Wir könnten nicht verwenden, was wir für ein neues Leben verwenden sollen, [den Keim], wenn wir den Tod nicht hätten, [wenn wir nicht durch den Tod gingen]. Das wird eine Lebenspraxis, so eine Art Lebenssaft werden, wenn einmal die Erziehung gestellt wird in diese Weltanschauung; man wird sich versinnbildlichen können durch den Vorgang, das Welken der Pflanze, wie der geistig-seelische Kern immer energischer wird, in dem neue Lebenskräfte wirken wollen. Das wird Lebensmut geben. Diese Erkenntnis wird ein Lebenselixier sein. Auf einen Einwand, der da gemacht wird, habe ich immer schon hingewiesen. Die systematischen Untersuchungen zeigen uns, wie in der Familie Bernoulli sich mathematische Talente vererbt haben, wie in der Familie Bach das Musikalische. Die Frage ist nun diese: Wird irgendetwas von allen diesen naturwissenschaftlichen Ergebnissen verneint? Braucht etwas verneint zu werden? Durch einen einfachen Vergleich können wir uns klarmachen, wie alles zugegeben werden kann, was berechtigterweise von der Naturwissenschaft gesagt wird. [Durch die Geisteswissenschaft wird nichts verneint, was Naturwissenschaft sagt.] Der Geistesforscher ist kein abergläubischer Mensch, er ist ein Mensch, der [keine willkürlichen] Einwände machen will, der nicht Berechtigtes zurückzuweisen braucht. Dass in den Vererbungstatsachen Berechtigung liegt, wird durchaus zugegeben, [aber neben der materialistischen Ursache gibt es auch eine geistige]. Nehmen wir an, es stünde jemand vor uns und eine andere Persönlichkeit sagte: Ich will einmal die Frage beantworten, warum die Persönlichkeit eigentlich lebt, die da vor mir steht. Nun, weil sie eine Lunge innen hat und Luft außen ist, weil sie atmet. - Ganz gewiss, er hat recht. Aber ein anderer kommt, der sagt: Ja, aber ich weiß noch etwas anderes, warum er lebt; ich bin einmal dazugekommen, wie er sich aufgehängt hat, ich habe ihn abgeschnitten. Mein Abschneiden ist die Ursache, dass er heute noch lebt! - Durch diesen Vergleich ist alles das klargemacht, was das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft ausmacht. Wenn irgendjemand auftritt, der sagt: Wir sehen in einem großen Feldherrn deshalb seine Talente, weil seine, [Napoleons], Mutter, als sie ihn trug, die Neigung hatte, sich gerne auf Schlachtfeldern zu bewegen -, so können wir ihm das zugeben, aber das schließt nicht aus, dass zugleich auch das andere wahr ist, [dass auch seelisch-geistige Zusammenhänge vorhanden sind]. Wenn man sich nur umfänglich genug klarmacht diese Beziehung der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft, dann wird man nicht mehr die Einwände machen, wie man sie sonst hört.

Aber auch sonst haben diese Einwände nicht genügend Logik. Wir sehen: Das Genie ist immer am Ende der Vererbungslinie. Gewiss können wir sehen, dass die äußeren leiblichen Werkzeuge von den Vorfahren abstammend sind, aber die Individualität musste die leiblichen Werkzeuge suchen. [Das ist ein Beweis gegen die Vererbung]. Wenn aber jemand darauf die Behauptung stützt, dass alles nur in der Vererbungslinie geschieht, wenn man sagt, der hat diese und jene Eigenschaft von seinen Vorfahren geerbt, denn die Vorfahren haben sie auch gehabt, das kann eigentlich im wirklichen Sinne kein Beweis sein. Es ist nämlich im logischen Sinne kein Beweis, wie wenn man sagt, dass, wenn jemand ins Wasser gefallen ist, er nass ist. Ein äußerer, wirklicher Beweis könnte höchstens noch gefunden werden auch logisch, wenn man das Genie nicht am Ende, sondern am Anfange der Vererbungslinie hätte, sodass man zeigen könnte, wie das Genie übergeht - aber das wird man schier bleiben lassen zu tun. Man sieht, dass die Behauptungen nicht auf Logik, sondern auf gewissen Denkgewohnheiten aufgebaut sind, die dahin gehen, die Gründe für alles im Leiblich-Körperhaften zu suchen, und so muss man sagen: Naturwissenschaft hat die Aufgabe, zu zeigen, was am Menschen vergänglich ist, und damit auch ihre Aufgabe zu beschließen; denn womit muss denn die Naturwissenschaft eigentlich vorgehen? Sie bedient sich der Sinne, die aber gerade mit dem Tode des Menschen abfallen. Wie will man denn mit den Werkzeugen, die man im Tode verliert, das gewinnen, was hineinleuchtet in die übersinnliche Welt? Wie will man das mit dem Verstande vollbringen, wenn das Gehirn, an das der Verstand gebunden ist, mit dem Tode verloren geht? Einzig und allein, wenn es möglich ist, an solche Seelenkräfte zu appellieren, welche nicht gebunden sind an die Sinne, an das physische Gehirn, ist es möglich, einzudringen in die geistigen, übersinnlichen Welten. Und so wahr es berechtigt ist und von niemandem angefochten werden kann, wenn einmal Du Bois-Reymond gesagt hat, dass man den schlafenden Menschen versteht, dass man ihn aber vom naturwissenschaftlichen Standpunkte nicht mehr versteht, wenn der Strahl des Bewusstseins in ihn hineinfährt - [was Freude und Leid ausmacht, das kann man nicht mehr erforschen] —, so muss man doch auch zugestehen, dass auf diesem Wege die Lösung des Lebensrätsels nicht gefunden werden kann, der von da ab eine Möglichkeit der Lösung offen lässt, wo die Naturwissenschaft aufhört. Tut man das nicht, dann muss man verzweifeln, dieses Lebensrätsel zu lösen.

[Wo Naturwissenschaft aufhört, fängt Geisteswissenschaft an.] Daher muss es eine Geisteswissenschaft geben, die in keinem Punkte das Berechtigte der Naturwissenschaft leugnen will, die aber in derselben [strengen] Weise zu forschen hat durch Entwicklung der Seelenkräfte. Dann kommt im Menschen eine Kenntnis zustande, die zugleich Leben ist; das ist etwas, was sich wie ein geistigseelisches Lebenselixier ergießt, wodurch wir Mut und Sicherheit im Leben gewinnen, wodurch wir erst wissen, was wir als Menschen sind, und uns so fühlen als Geist selber, wie wir uns fühlen innerhalb der physisch-materiellen Welt, als dasselbe, was da lebt da draußen. Erkennen wir das Wesen des Geistig-Seelischen, dann fühlen wir uns ebenso mit diesem Geistig-Seelischen als ein Stück, als ein Glied des Geistig-Seelischen, das überall die Welt durchlebt und durchwebt, [sodass wir uns sagen: Das, was in Gesetzen in uns ist, lebt auch draußen, wir sind ein Stück der Welt]. Leben, wissendes Leben, nicht bloß gläubiges Leben soll die Geisteswissenschaft der modernen Kultur bringen, und das braucht der moderne Mensch. Der alte Glaube kann ihm nicht mehr genügen aus dem einfachen Grunde, weil der Mensch durch die Erziehung gegangen ist, die ihm die Naturwissenschaft geben kann, und weil er verlangen wird, dass das, was über den Geist gesprochen wird, im selben Stile gehalten wird, wie über die Naturwissenschaft gesprochen wird. Und das führt uns endlich dazu, dass wir anerkennen, wie auf der einen Seite durchaus berechtigt ist, was Goethe sagt, dass, weil wir in uns tragen die Fähigkeit, Licht zu empfinden, wir auch äußeres Licht erkennen, weil wir in uns ein göttliches Licht tragen, wir auch das Göttliche erkennen können. Goethe sagt:

Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt’ es nicht erblicken,
Läg’ nicht in uns des Gottes eigene Kraft,
Wie könnt’ uns Göttliches entzücken?

Da wird von Goethe darauf hingewiesen, wie wir in uns [immer] ein Geistig-Seelisches haben und dadurch, dass wir es in uns haben, es gleichsam versetzt wird hinaus in die Welt, und wir es draußen wieder sehen können; wenn wir kein Auge hätten — wahr ist es -, dann wäre alles finster; wahr ist es, wenn wir nicht ein geistiges Auge hätten, könnten wir das Göttliche nicht außer uns bewundern. Aber Goethe hat sich nicht nur auf die Seite jener vielen Menschen gestellt, die nur im Menschen selber das Geistig-Seelische anerkennen wollen, sondern er hat sich gestellt auf die Seite jener, die wussten, dass, weil das Licht den Raum durchmisst, wir das Auge haben; [weil das Auge sonnenhaft ist, sehen wir die Sonne. Dass das Licht den Raum durchflutet, ist die Ursache des Auges]. Wäre nicht Licht außer uns, so hätte in unserem Leben das Auge sich nicht festsetzen können! Und so können wir die Betrachtungen des heutigen Abends, die uns zeigen sollten, wie der Mensch durch Belebung der in ihm liegenden Kräfte geistige Erkenntnis erlangen kann, damit beschließen, dass wir sagen: Nicht allein in uns ist das Geistig-Seelische, sondern es ist eine Bürgschaft dafür, dass wir, ebenso wie wir aus dem Leiblichen der Welt heraus geboren sind, wir auch herausgeboren sind aus dem Geistig-Seelischen, [das die Welt durchlebt].

Wäre die Welt nicht sonnenbegabt,
Wie könnten Augen den Wesen erblühen;
Wäre das Dasein nicht Gottesenthüllung,
Wie kämen Menschen zur Gotteserfüllung?

German original of The Relationship Between Spiritual Science and Natural Science and the Riddles of Life · ← Previous · Next →