Death and Immortality in the Light of Spiritual Science
GA 69d — 26 February 1913, Heidelberg
13. Die Übersinnlichen Welten und das Wesen der Menschenseele
Sehr verehrte Anwesende! Wer in unserer Gegenwart über die übersinnlichen Welten spricht, darf keineswegs darauf rechnen, dass er mit dem, was er zu sagen hat, auf allgemeine, ja auch nur irgendwie auf weitere Zustimmung rechnen [kann], denn die Erforschung der übersinnlichen Welt liegt heute sozusagen nicht in den Denkgewohnheiten und in der Vorstellungsart unseres Zeitalters; und die Gegnerschaft, die feindliche Stimmung gegen die Erkenntnisse, die aus den übersinnlichen Welten geholt sind, sie sind niemandem verständlicher als gerade demjenigen, der sich selbst auf den Boden dieser übersinnlichen Forschung stellen will. Die großen Errungenschaften, die großen Triumphe des menschlichen Geistes, sie lagen ja in den verflossenen Jahrhunderten und bis in unsere Gegenwart hinein auf einem anderen Gebiet als auf dem der übersinnlichen Forschung. Seit wir als Menschheit die Morgenröte der neuen Naturwissenschaft erlebt haben, ist diese von Triumph zu Triumph geeilt, und man darf sagen, sie hat nicht nur Bedeutendes geleistet in Bezug auf das Durchschauen der äußeren, sinnlichen Welt und ihrer Zusammenhänge, sondern sie hat auch Allerbedeutsamstes für den menschlichen Fortschritt geleistet in Bezug auf die materielle Kultur. Wir brauchen ja heute nur einen Blick in das Leben zu tun, dann können wir ermessen, wie alles in unserer Umgebung und alles, wovon unser Leben abhängt, heute zusammengegliedert ist mit den großen Fortschritten auf naturwissenschaftlichem Gebiet.
Die Geisteswissenschaft, welche die übersinnliche Welt erforschen will, darf, wenn sie überhaupt herankommen will an die Herzen der Menschen, niemals in einen wirklichen Konflikt kommen mit dieser Naturwissenschaft, die sich mit Recht die neuere Zeit erobert hat. Wer aber den ganzen Geist wissenschaftlicher Forschung auf sich wirken lässt, wer sich hineinvertieft in das, was Naturwissenschaft leisten kann, der wird gerade sagen müssen: Je weiter Naturwissenschaft fortschreitet, je mehr sie ihren eigenen Grundlagen treu bleibt, desto mehr muss sie wegführen von der Erforschung der übersinnlichen Gebiete des Daseins.
Dennoch kann die Menschenseele niemals diese übersinnlichen Gebiete des Daseins entbehren. Wenn sie sie auch noch nicht erforscht hat, so hat sie doch eine dunkle Ahnung davon, dass die Erkenntnis ihrer eigenen Wesenheit ihr das Wichtigste ist und dass diese Erkenntnis ihrer eigenen Wesenheit zusammenhängt mit der Erkenntnis der höheren Welt. Daher erheben heute viele Menschen, auch naturwissenschaftlich Denkende, den Blick von den engen Grenzen und dringen herauf zu der Beantwortung der großen Fragen des Daseins. Man kann bemerken, meine sehr verehrten Anwesenden, wie sich immer mehr und mehr in der Menschenseele die Sehnsucht regt, etwas zu wissen von der übersinnlichen Welt; fühlt man ja doch, dass mit dieser Erkenntnis nicht nur ein weitverzweigtes Gebiet menschlichen Erkennens zusammenhängt, sondern auch die zwei wichtigsten Seelenfragen, Seelenrätsel - Rätsel, denen wir nicht nur auf dem Gebiete der Wissenschaft begegnen, sondern im Leben immer wieder und wieder, täglich und stündlich, man könnte sagen, in jedem Augenblick. Ja, weit verzweigt ist das Gebiet der übersinnlichen Forschung, aber es gliedert sich sozusagen zusammen, wenn es die Interessen der Menschenseele in zwei Fragen berührt: Die eine Frage ist die nach dem menschlichen Schicksal, die andere ist die Frage, welche sich mit dem Wort «Unsterblichkeit» oder «Rätsel des Todes» zusammenschließt.
Da sehen wir einen Menschen hineingeboren in ein von vornherein zum Elend bestimmtes Dasein, einen Menschen mit geringen Fähigkeiten, dazu hineingeboren in eine Umgebung, aus der er nichts Gutes empfangen kann. Einen anderen Menschen sehen wir ins Dasein treten, umsorgt und gepflegt, mit glänzenden Fähigkeiten begabt, vorherbestimmt zu einem nützlichen und glücklichen Dasein. Alles, was dazwischen liegt, betrachtend, wird die Frage nach dem Schicksal eine brennende. Man kann theoretisch das Brennende dieser Frage ableugnen, aber wenn auch die Seele versucht, in ihrem Denken, in ihrem bewussten Fühlen sich hinwegzusetzen über die Frage, vielleicht durch Vorurteil - die verborgene Tiefe der menschlichen Seele hängt doch an einer Beantwortung dieser Rätselfragen. Man kann Menschen begegnen im Leben, von denen man sagen kann, sie kümmern sich mit ihrem Denken nicht um diese Fragen. Aber diese Menschen treten uns verstimmt entgegen, unsicher im Leben, mit einer mehr oder weniger ungesunden Seele. Die Stimmung der Seele ist es oftmals, die uns das Unbefriedigende anzeigt, das in dieser Seele liegt, weil sie sich keine Antwort zu geben vermag über diese Fragen. Dadurch aber wird diese Frage [nach dem Schicksal] zu einer Lebensfrage, weil sie eingreift in die Stimmung, in die Verfassung der Seele. Es sind tiefe Lebensfragen, die mit der Seele eng zusammenhängen, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst ist.
Ebenso ist es mit der Unsterblichkeitsfrage. Gewiss, diese Frage wird von den meisten Menschen heute noch nicht in einer wissenschaftlichen Form aufgeworfen. Furcht vor dem Tode, die Hoffnung und das Verlangen, die Sehnsucht, das Leben fortzusetzen über die Pforte des Todes hinaus, ist nicht nur die Veranlassung zu der Frage, es ist die Veranlassung, die Frage so oder so zu beantworten. Der Wunsch ist auf diesem Gebiet meist der Vater der Antwort, die sich die Seele gibt auf diese Frage. Und wie unter dem Einfluss des naturwissenschaftlichen Denkens im neunzehnten Jahrhundert und bis zu uns sich diese Frage gestaltet hat, daran können wir am besten sehen, wie diese Frage wissenschaftlich oder auch unwissenschaftlich aufgeworfen werden kann. Es sind wahrhaftig nicht die unedlen Seelen, welche geglaubt haben, das Leben mit dem physischen Tode abschließen zu müssen, und geglaubt haben, dass alle Sehnsucht nach Unsterblichkeit der Seele aus dem Egoismus entspringt. Und man kann fühlen, wie es edler ist, mit diesen Seelen zu gehen, als mit denen, die sich aus Angst [eine] Antwort auf die Unsterblichkeitsfrage zimmern. Wenn solche Seelen sagen: Ja, das, was wir erarbeitet haben, das ist für die allgemeine Menschheit bestimmt, und wenn der Mensch durch die Pforte des Todes zieht, dann ist er dazu berufen, sein Erschaffenes der menschlichen Gesellschaft zu übergeben; gern opfern wir das alles hin auf dem Altar der Menschheit! - [dann] fühlt man eine selbstlose Stimmung bei diesen Seelen.
Aber es gibt eine andere Art zu fragen, und das ist die folgende. Wir können, gerade, wenn wir uns vertiefen in das Seelenleben, uns fragen: Wodurch charakterisiert es sich? Dadurch, dass es das Wertvollste, was es sich erobern kann, in sich individuell erlebt und erschaffen hat. Nicht das, was wir mit den anderen gemein haben können, ist das Wertvollste am Menschen, sondern das, was ein jeder ganz individuell in sich erarbeitet. Es ist das so eng mit der Seele verbunden, dass man es nicht einmal in Worte kleiden kann. Man kann es nicht einem anderen übergeben. Müsste es beim Tode erlöschen, dann müsste es für immer erlöschen. Würde also die menschliche Seele in ihrem Bewusstsein ausgelöscht sein beim Tode, dann würde auch das individuelle Gut ausgelöscht. Das aber widerspräche einem derjenigen Weltgesetze, die wir überall beobachten können, dem Gesetz der allgemeinen Weltökonomie. Überall, wo wir Kräfte übergehen sehen in einen [ganz anderen] Zustand, da sehen wir nur, dass sie sich verändern, nie aber, dass sie in Vernichtung übergehen. Wir würden sozusagen zu der Absurdität kommen müssen, dass überall sonst in der Natur Kräfte gesammelt, aufgespeichert werden, um zur Verwendung zu kommen, nur beim Menschen würden sie gesammelt, um ausgelöscht zu werden. Hier beginnt die Frage, ganz abgesehen von der Todesfurcht und dergleichen, eine wissenschaftliche zu werden.
Wenn man nun, von dem Gefühl der Wichtigkeit dieser Frage durchdrungen, einen Blick hinwirft auf die Denkgewohnheiten, die sich heute aus der mit Recht gerühmten Naturwissenschaft heraus entwickelt haben, wird man sagen können: Gerade wenn diese Wissenschaft ihr Wesen recht ausgestaltet, wird sie nicht an die Beantwortung der genannten zwei Fragen herankommen können. Warum kann sie diese Fragen nicht beantworten? Über Ursache und Wirkung, wie sie sich im menschlichen Schicksal zeigen, kann die Naturwissenschaft nichts aussagen, denn es wäre ein fremdes Gebiet für sie. Und mit Bezug auf die Unsterblichkeitsfrage muss man sagen: Die Naturwissenschaft ist gerade darin groß, dass sie sich der Methode bedient, die sich an den Verstand wendet, der an das Gehirn gebunden ist, und an die Sinne. Dieses aber sind Glieder der menschlichen Wesenheit, die mit dem Tode absterben. Wie sollte man mit diesen Werkzeugen, mit den Sinnen und dem Verstand, die mit dem Tode absterben, etwas ausmachen können über diejenige Welt, die hinter der Pforte des Todes liegt? Mit dem, was dahinstirbt mit dem Tode, kann man die Frage, was nach dem Tode geschieht, nicht beantworten.
Wenn man eingeht auf das Verhältnis der menschlichen Seele zu ihrer Leiblichkeit, dann muss man sagen: Das ganze Seelenleben, wie es abläuft im Alltag, das ist gebunden an die Leiblichkeit des Menschen. Worin leben denn eigentlich die Menschenseelen? Nun, sie leben in alledem, was sie den Eindrücken der Sinneswelt verdanken, und in alledem, was sie aus den Eindrücken der Seele machen. Alles, was am Tage einfließt in die Seele, ist abhängig von den Sinnen, den leiblichen Sinnesorganen. Wir.sind nie im gewöhnlichen Leben mit unserer Seele allein. Wir sind immer mit dem zusammen, was uns die Seele durch die Sinne erobert. - Aber doch nicht ganz. Es gibt für den Menschen eine Möglichkeit, mit seiner Seele allein zu sein. Diese Möglichkeit ist aber eigentümlich geartet. Wann tritt diese Möglichkeit ein? Wenn der Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, schweigt, wenn die Sinne schweigen, wenn der Mensch in Schlaf versinkt. Im Grunde genommen spricht man mit diesem Wort nichts aus, was nicht auch naturwissenschaftliche Forscher zugeben - [Hinweis auf Du Bois-Reymond].
Derjenige, der einen richtigen Begriff von naturwissenschaftlicher Forschung hat, der wird einem völlig recht geben, wenn man sagt: Gerade je weiter die Naturwissenschaft vordringen wird, je mehr sie sich ihrer Eigentümlichkeit bewusst wird, desto mehr wird sie sich darauf beschränken müssen, den Menschen zwar zu betrachten, insofern er von dem Seelenwesen durchflossen ist, aber sie wird dieses Seelenwesen nicht erklären können.
Nun wäre es aber absurd, zu glauben, dass alles, was der Mensch erlebt vom Morgen bis zum Abend, mit dem Einschlafen verschwindet und mit dem Aufwachen neu entsteht. Wenn man aber im schlafenden Menschen das nicht finden kann, dann wäre es doch selbstverständlich, dass man es ihm nicht zuschreibe, dass man annehmbar findet, was Geistesforschung zu sagen hat, dass man nämlich das, was am Tage im Leibe ist, im Schlafe außerhalb des Leibes findet. Da es nicht erklärt werden kann aus dem menschlichen Leibe, so muss man es anders erklären. Wenn nun aber das seelische Wesen beim schlafenden Menschen herausgezogen ist aus dem Leibe, dann ist der Mensch in einem Zustand, wo er mit sich allein ist; nur tritt da leider die merkwürdige Sache ein, dass der Mensch seiner selbst nicht bewusst ist und sich nicht erforschen kann. Daraus aber erhellt unmittelbar, was geschehen müsste, damit die Seele sich in ihrem Eigensein gewahr werde. Es müsste das geschehen, dass ein Zustand eintritt, der dem Schlafzustand ähnlich ist, aber zugleich müsste die Seele sich erforschen können. Sie müsste in dem Wesen, das im Schlafe unregsam ist, innerlich lebendig sein. Und wirklich hängt alle Seelenforschung davon ab, dass manche Menschen regsam und lebendig machen können, was den Menschen sonst unbewusst ist. In diesem Zustand muss die Seele sich unabhängig machen von den Eindrücken der Sinne. Aber, unähnlich dem Schlafe, müsste der Zustand so sein, dass die Seele sich innerlich wahrnehmen kann.
Es ist wirklich mit der menschlichen Seele im gewöhnlichen Leben so, dass man ihr Wesen vergleichen kann mit dem Spiegelbild, das der Mensch bekommt, wenn er in einen Spiegel schaut. Denken Sie sich drei Spiegel aufgestellt. Der Mensch geht an diesen drei Spiegeln vorbei; vor jedem Spiegel wird er sein Bild wahrnehmen, zwischen den Spiegeln aber nicht. So ist es mit der menschlichen Seele. Wenn sie beim Erwachen einzieht in die Leiblichkeit, wirkt die Leiblichkeit wie ein Spiegel. Die Seele wird sich ihrer selbst nicht bewusst in sich, sondern durch ihr Spiegelbild, die Leiblichkeit. Und so, wie ein Spiegelbild abhängt von der Form des Spiegels, so hängt auch das, was die Seele von sich weiß, von ihrem Leibe ab. Der Mensch kann nur dadurch von sich etwas wissen, dass er nicht nur sein Spiegelbild betrachtet, sondern dass er auch außer[halb] der Zeit, wo er in den Spiegel schaut, von sich noch etwas wahrnimmt. Die Seele muss von sich wissen, sie muss sich wahrnehmen.
So aber muss die Seele des Geistesforschers werden, wenn sie in die übersinnliche Welt den Weg antreten will. Er darf nicht nur dasjenige Seelenleben ins Auge fassen, das als Spiegelbild der Leiblichkeit erlebt wird, sondern er muss die Seele, die im Schlafe nur wahrnehmbar und zugleich unwahrnehmbar ist - er muss die Seele wirklich wahrnehmen lernen. Und wie kann das geschehen? Das kann nur geschehen durch Konzentration, Kontemplation, Meditation. Was ist das?
Sehr verehrte Anwesende, es muss immer wieder auf diese Methoden der Geisteswissenschaft aufmerksam gemacht werden, weil sie den einzigen Weg bilden, die Seele regsam zu machen, damit der geschilderte Zustand eintrete. Nicht wahr, im gewöhnlichen Leben verschaffen wir uns Vorstellungen und Begriffe, aber wir finden diese Vorstellungen und Begriffe nur wertvoll, wenn sie uns irgendetwas abbilden. Vorstellungen, die nur so [gebildet], gewertet werden, sind aber nicht das, worauf es bei der Schulung des Geistesforschers ankommt, sondern bei dem, was der Geistesforscher in seiner Seele zu erleben hat, kommt es darauf an, dass die Begriffe und Ideen, die er in sein Bewusstsein hereinruft, innerliche Kräfte wachrufen.
Konzentration, Kontemplation, Meditation - sie beruhen darauf, dass wir Vorstellungen, und zwar möglichst begrenzte und möglichst überschaubare Vorstellungen, in den Mittelpunkt unseres Bewusstseins rücken und dann das ganze Bewusstsein auf diese eine Vorstellung konzentriert sein lassen. Es kommt gar nicht darauf an zunächst, dass für jeden Menschen andere Meditationen notwendig sind. Wir müssen zunächst durch eine längere Zeit hindurch auf [eine] einzige Vorstellung alle Seelenkraft hinrichten. Man darf nicht das Augenmerk darauf lenken, was die Vorstellung bedeutet, sondern darauf, dass man alle Seelenkraft zusammenzieht nach dem einen Punkte einer solchen Vorstellung hin. Immer länger und länger kann man dann das ganze Seelenleben konzentrieren auf eine einzige solche Vorstellung. Wenn man das eine Zeit lang macht, so wird man bemerken, dass man in der Tat sich selbst erzieht zu einem ganz besonderen Seelenzustand, zu einem Zustand, der heute noch wenig bekannt ist. Das innere Seelenleben wird verwandelt, es wird zum zweiten Male geboren. In der Tat kommt man dann immer mehr und mehr zu der Fähigkeit, den Körper in einen solchen Zustand zu versetzen, wie [er] im Schlaf [ist]. Durch Willkür kann man alle Sinneseindrücke ausschließen, ausschließen auch alle Erinnerung, alle Sorgen, alles, was der Verstand denkt. Man lebt in dem, was unabhängig ist von dem Leiblichen, in dem, was seelenhaft ist.
Dem Geistesforscher ist gar wohl bekannt, was alles [dagegen] eingewendet werden kann von den Menschen, die auf einem materialistischen, oder wie man heute vornehmer sagt, auf einem monistischen Boden stehen. Es würde zu weit führen, diese Einwände alle zu widerlegen, aber eines kann gesagt werden: Wenn man die Einwände durchnimmt, dann wird man finden, dass sie gemacht werden von Menschen, die noch nicht [diesen Zustand] erlebt haben, noch nicht diesen Zustand durchgemacht haben. Menschen, die ihn einmal erlebt haben, machen diese Einwendungen nicht mehr. Was es heißt, unabhängig von der Leiblichkeit innerlich regsam zu sein, das will erlebt, erfahren sein. Wenn man noch so viele Theorien aufstellt - für den, der die Sache an sich erfährt, für den sind die Einwände wertlos.
Wie oft ist es vorgekommen, dass wichtige Tatsachen entdeckt wurden, die man für unmöglich erklärt hat, weil sie nicht in das bisherige System hineinpassten. So ist es auch mit den Resultaten der Geistesforschung. Geistesforscher aber wird man nicht durch äußere Werkzeuge, sondern nur dadurch, dass man seine eigene Seele umarbeiter.
Wenn der Geistesforscher die genannten Methoden anwendet, dann kommt er in einen Zustand, wo es nicht mehr notwendig ist, dass er gewisse Vorstellungen in sein Bewusstsein hineinruft, wie die eben geschilderten, sondern dann steigen solche Vorstellungen und Bilder von selbst in seiner Seele auf. Das ist ein wichtiger Augenblick im Selbsterleben des Geistesforschers. Man muss sagen, es ist dann ein inneres Seelenleben rege geworden. Es ist so, wie wenn die schlafende Seele außerhalb des Leibes die Seele sehen würde und doch in sich selbst rein geistig eine Welt um sich hätte. Eine solche Welt hat zunächst der Geistesforscher um sich. Nun kommt erst der allerwichtigste Moment, wo man gewahr wird, wie in der Entwicklung der Seele zum Geistesforscher die Selbsterziehung das Allerwichtigste ist, die Erziehung zu einem Entschluss, zu einer Seelenverfassung.
Wer materialistisch denkt, kann sagen: Wenn solche Vorstellungen auftreten, sind es krankhafte Visionen, Halluzinationen. Es gilt aber als Ausgang einer Seelenforschung nur ein durchaus gesundes Seelenleben. — Äußerlich ist allerdings für den Materialisten kein Unterschied zu erkennen zwischen krankhaften Seelenzuständen — Visionen oder Halluzinationen - und dem geschilderten Zustand des Geistesforschers. Da kommt nun Folgendes in Betracht. Krankhaften Seelen kann man nicht ihre Halluzinationen ausreden. Warum ist das so? Da muss aufmerksam gemacht werden auf etwas, was man erst durch die wahre Geistesforschung sehen kann; da kommt das in Betracht, was man nennen könnte: die Eigenliebe, der Selbstsinn. Der Halluzinist glaubt deshalb so stark an seine Visionen, weil er sich an sie verliert, weil er sie liebt, diese Vorstellungen, die eins mit ihm geworden sind. Derjenige, der ein Geistesforscher werden will, der muss eine große Seelenkraft entwickeln, und auf diese Seelenkraft kommt es an. Er muss in der Lage sein, beurteilend wissen zu können, dass das, was in ihm oft in wunderbarer Schönheit aufsteigt, nichts ist als ein Spiegelbild des eigenen Seelenlebens, Projektionen seines eigenen Ich. Wer Wahnvorstellungen hat, glaubt, seine Visionen seien objektive Erscheinungen. Der Geistesforscher aber weiß, dass das, was er selbst geschaffen hat, trotzdem es als eine Welt erscheint, nichts ist als sein Spiegelbild. Da muss man besiegen können die große Eigenliebe, die jetzt wie eine Naturkraft in die Seele eintritt. Der Geistesforscher muss in derselben Zeit, wo er sich vorbereitet, solche Gebilde in seiner Seele zu entwickeln, dahin kommen können, zugleich zu wissen, dass diese Bilder nur Spiegelbilder seiner Seele sind. Er muss den starken Willen haben, hinwegzuschaffen aus seinem Seelenleben das, was er selbst heraufbeschworen hat, und wieder leer zu machen den ganzen Bewusstseinshorizont. Dazu gehört aber ein starker Wille, denn nichts ist so beseligend, als wenn der Mensch angekommen ist in einer neuen Welt. Der Geistesforscher muss in der Lage sein, diese neue Welt wegzuschaffen. Was bedeutet denn dieses Wegschaffen? Ja, in unserer gewöhnlichen, alltäglichen Weltbetrachtung würden wir krank werden, wenn wir immer nur ein Ding sehen könnten. Wir müssen bald dieses, bald jenes anschauen, sonst bekommen wir keine äußere Welterkenntnis. Genau diesem Wegschauen zu vergleichen ist auf dem Gebiete des übersinnlichen Erkennens das Auslöschen dessen, zu dem man mit so viel Mühe gelangt ist. Da kann man nicht die Seele wegwenden, da muss man die Gebilde auslöschen. Man muss zu dem selbstlosen Entschluss kommen können, auszulöschen, was man sich errungen hat.
Wenn man zu diesem Punkt gekommen ist, dann tritt zumeist ein Seelenerlebnis auf, das aber charakterisiert werden kann, weil es typisch ist - [Hinweis auf das Buch «Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen»]. Wie es dort geschildert ist, muss es nicht sein, aber so wird es zumeist auftreten. Wenn man ein solches Erlebnis schildert, dann kommen leicht die Menschen und fragen: Wie kann man denn in einem solchen Erlebnis etwas Objektives sehen? - Die Menschen vergessen dabei ganz die Mathematik und die Geometrie und so weiter. [Lücke in der Mitschrift]
Der Mensch kommt, wenn er sich so trainiert, etwa zu Folgendem. Er sagt sich eines Tages: Was geht jetzt mit dir vor? Du fühlst dich als eine Wesenheit, aber doch ganz aufgelöst. - Es wirkt dies wie eine Naturgewalt, so etwa, als wenn der Blitz einschlüge. Der Mensch sagt sich: Es ist dir, als wenn deine Leiblichkeit dir entrissen würde.
Sehr verehrte Anwesende, es schildert sich dies sehr einfach, aber es ist ein gewaltiges Erlebnis. Es ist ein Erlebnis, von dem man sagen kann, es ist der Moment, wo einen der Tod berührt. Es ist wie ein Sein außerhalb aller Leiblichkeit. Es ist ja zunächst nur ein Bildererlebnis, aber man erlebt es mit seinem Willen so, dass man ein Wissen davon erlangt. Und wenn dann neuerdings vor der Seele Tatsachen und Ereignisse und Wesenheiten auftauchen, dann sind es geistige Wirklichkeiten. Dann weiß der Mensch, dass er nun nicht mehr Spiegelbilder seines eigenen Wesens vor sich hat, sondern jetzt weiß er, wie die geistige Welt aussieht, und jetzt kann er sie schildern. Er kennt jetzt die Natur der übersinnlichen Welt, und er kennt sie deshalb, weil er das Werkzeug, durch das er sich sonst der Welt näherte, neben sich gesehen hat. Aus dem, was er sonst seine Wesenheit genannt hat, ist er herausgekommen, und er hat sich selbst wie ein Wesen unter anderen Wesen geschaut.
Auch hier können Einwände über Einwände gemacht werden. Da sagt zum Beispiel jemand: Ja, wie der Geistesforscher bis zu diesem Zustand gekommen ist, sollte das nicht Einbildung, Phantasie sein? Es gibt ja Menschen, die sich sehr lebhafte Phantasien bilden können.
Durch das Leben selbst kann man unterscheiden zwischen Vorstellung und Wirklichkeit. [Anführung folgender Beispiele: Wirkliche Limonade und eingebildete Limonade, ein heißes Stück Eisen.] Hundert mögliche Taler und hundert wirkliche Taler unterscheiden sich nicht in der Idee, aber mit dem möglichen Taler kann man keine Schulden bezahlen. Schopenhauer: Die Welt ist meine Vorstellung. Man muss überall das Leben wirken lassen, dann ist das Leben auch der beste Kritiker von Vorstellung und Wirklichkeit. Dies gilt in der sinnlichen Welt, aber es gilt auch in der übersinnlichen Welt. Der Geistesforscher weiß genau, was in der geistigen Welt an ihn herantritt.
Große Gelehrte stellen sich heute schon auf den Standpunkt, hinzuweisen auf das Geistig-Seelische. Aber wie weit kommen die Menschen, die heute zugeben: Es gibt Geist, es gibt Seele? Sie weisen nur im Allgemeinen auf den Geist und auf die Seele hin. Das ist genauso, wie wenn man sagen würde: Geht auf die Wiese, da findet ihr Bäume, Blumen, allerlei Pflanzen, alles ist Natur. Und im chemischen Laboratorium, an allem, was ihr sehen könnt, seht ihr Natur, Natur, Natur. - Da würden die Menschen sagen: Ja, damit sind wir aber nicht zufrieden, dass du immer nur von Natur, Natur sprichst. Der Natur gegenüber verlangt man selbstverständlich immer das Konkrete, die Einzelheit. In meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» findet man auf geistigem Gebiet das Konkrete, das Einzelne, aber da wird es einem nicht verziehen.
Das ist das Charakteristische der Gegenwart, dass die Seele eigentlich fordert, was sie noch nicht zugeben will in ihren Tiefen. Und immer mehr und mehr wird unsere Zeit dahin kommen, zu erkennen, dass die übersinnliche Welt in Einzelheiten zu überschauen ist, [so] wie die sinnliche Welt in Einzelheiten zu überschauen ist.
Ein Wichtiges, das nun der Mensch in der übersinnlichen Welt erleben kann, ist: Er lernt seine eigene Seele erkennen als den Arbeiter an seiner Leiblichkeit. Er lernt, mit ganz anderen Augen sein Leben anzuschauen. Er weiß jetzt, dass das Leibliche nicht der Schöpfer dessen ist, was in der Seele lebt, sondern dass die Seele am Leibe schaffend wirkt. Er weiß jetzt, wenn er hinschaut auf das Kind, wie es in der Geburt ins Leben tritt, dass mit dem Ererbten sich etwas verbindet, was aus der übersinnlichen Welt heraus kommt. Er weiß, dass sein Dasein nicht erschöpft ist mit dem Sichtbaren, weiß, dass die Seele gerade am meisten arbeitet an der Leiblichkeit in den allerersten Lebensjahren. Und wenn wir sehen, wie die unausgebildeten Züge und Anlagen des Kindes immer ausgeprägter und ausgeprägter werden, wie das Innere Herr wird über das Äußere, dann fühlen wir, dass die Seele nur schaffend gedacht werden kann - schaffend am Leibe. Der Bildhauer des Körpers ist die Seele.
Wenn man dies alles betrachtet, dann steht man an dem Punkt, wo man erfassen kann, wie Geistesforschung in der heutigen Welt etwas Ähnliches zu leisten hat für die übersinnliche Welt, wie vor nicht gar so langer Zeit die Naturwissenschaft für die sinnliche Welt geleistet hat. Bis zum siebzehnten Jahrhundert glaubte man noch, dass sich aus Flussschlamm lebendige Wesen bilden könnten; lebendige Tiere könnten daraus entstehen. Es war Francesco Redi, der zum ersten Male aussprach: Lebendiges kann nur von Lebendigem kommen. Er wies nach, dass in dem Flussschlamm [Keime] von den lebenden Tieren von früher vorhanden waren, woraus sich neue Tiere entwickelten. Alles stellte sich gegen Francesco Redi; nur mit knapper Not entging er dem Schicksal Giordano Brunos und anderer Gelehrten, die es wagten, der Menschheit etwas Neues zu bringen. Heute ist man ja etwas milder in der Beurteilung und Verurteilung solcher Leute. Heute verbrennt man sie nicht, man bezeichnet sie nur als Phantasten, manchmal auch als Narren.
Heute glaubt man auch noch, was der Mensch bei seiner Geburt mitbringt, das stamme nur her von der physischen Vererbung. Geisteswissenschaft aber hat zu zeigen, dass es nur einer ungenauen Beobachtung entspringt, wenn man glaubt, das Physische balle sich [in der Vererbung] zusammen. In Wahrheit kann Geistiges nur von Geistigem kommen, und das, was das Zusammenballen des Vererbten veranlasst, das ist die Seele, die aus der übersinnlichen Welt in das physische Dasein herabsteigt. Bei dem Geistig-Seelischen müssen wir zurückgehen auf die gleiche Individualität. Und da kommen wir folgerichtig auf die Anschauung von den wiederholten Erdenleben. Was uns zu dem geistig-seelischen Wesen von heute macht, das ist nur das Ergebnis eines früheren Erdenlebens. Das, was wir uns in einem Erdenleben erschaffen, es geht durch die Pforte des Todes in eine rein geistige Welt ein. Dann wendet es sich wieder zu dem [nächsten] Erdenleben, und es verschmilzt mit den Kräften, die wir uns aneignen in einem neuen Erdenleben. Und in einem nächsten Leben treten wir wieder ins Erdendasein ein als der Bildhauer, der den Leib erschafft. So gehen wir von Leben zu Leben.
Heute mag diese Wahrheit noch als eine Narrheit gelten bei vielen. Der Geistesforscher begreift durchaus, dass es das Schicksal der Geistesforschung sein muss, dass man sie heute noch als Narrheit ansieht. Ich sagte schon, früher verbrannte man die Menschen, die der Welt etwas Neues zu bringen hatten. Heute ist man etwas milder. Heute nennt man die Leute, die von Geistesforschung sprechen, nur Narren. Der Geistesforscher macht sich aber nichts daraus. Er begreift die Leute ganz gut, die seine Gegner sein müssen. Schopenhauer sagte einmal: Das ist immer das Schicksal der Wahrheit gewesen, dass sie, wenn sie hereintrat in ein Zeitalter, nicht verstanden wurde. — Und in seiner Schrift über das Fundament der Moral sagt Schopenhauer:
In allen Jahrhunderten hat die arme Wahrheit darüber erröten müssen, dass sie paradox war: Und es ist doch nicht ihre Schuld. Sie kann nicht die Gestalt des thronenden allgemeinen Irrtums annehmen. Da sieht sie seufzend auf zu ihrem Schutzgott, der Zeit, welcher ihr Sieg und Ruhm zuwinkt, aber dessen Flügelschläge so groß und langsam sind, dass das Individuum darüber hinstirbt.
Aber die Wahrheit, sie wird siegen, wenn auch die Individualitäten dahinsterben und die Schmerzen des Irrtums noch so sehr erleben sollten. - Der Geistesforscher sieht also wie auf eine Notwendigkeit hin in der Gegnerschaft, die heute bestehen muss, weil die Denkgewohnheiten sich nicht gleich hineinfinden können in solche Gedanken. [Lücke in der Mitschrift]
Dann aber, wenn wir das Menschenleben erklärt haben, dann haben wir das Wesen der Seele und den Zusammenhang der Seele mit den übersinnlichen Welten in einer Form, wie sie der Naturwissenschaft vollständig entspricht. Wir sehen das Schicksal des Menschen, aber wir sehen [auch], dass dieses Schicksal die Wirkung dessen ist, was der Mensch in einem früheren Leben als Ursache in sich eingepflanzt hat. Sehen wir die Seele im Unglück, so wissen wir: Das Unglück haben wir uns selbst herbeigezogen. Da können die Menschen sagen: Ja, da sagt uns der Geistesforscher etwas Schönes. - Die Auffassung kann aber zu einer beseligenden werden. Ich möchte Ihnen ein Beispiel anführen: Ein junger Mann verliert mit achtzehn Jahren seinen Vater, und zu gleicher Zeit geht das ganze Vermögen verloren; der Vater war ein sehr reicher Mann. Wäre das Vermögen erhalten geblieben, so hätte der junge Mann niemals etwas gelernt, niemals etwas arbeiten müssen. Nun musste er sich anders ins Leben hineinstellen, Er musste arbeiten und wurde ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft. Als der Schicksalsschlag ihn traf, empfand er ihn als ein großes Unglück. Später musste er einsehen, dass das große Unglück ihn zu seinem eigenen Besten getroffen hatte. Ohne das Unglück wäre er untüchtig geblieben, er wäre ein unnützer Mensch geworden.
Man ist eben nicht immer der richtige Beurteiler seines Schicksals, und wenn man im Unglück drinnensteht, am wenigsten. Man muss warten auf die günstige Stunde, um über sein Schicksal in seinem Gesamtwert entscheiden zu können. Zurückschauend wird man oft sagen können: Ja, wahrhaft wissend habe ich mir das oder jenes Unglück zubereitet. Zum Beispiel ein Mensch, der zehn Jahre lang gerungen hat nach Erkenntnis, gerungen hat mit den Fragen des Daseins, sieht nach diesen zehn Jahren ganz anders aus, als er vorher ausgesehen hat. Seine Züge werden die Spuren der inneren Arbeit tragen. Würde man einen solchen Menschen fragen: Wenn du die Wahl hättest zwischen deinen erlebten Freuden und den überstandenen Leiden, was würdest du vorziehen? Er wird antworten: Freude und Glück gäbe ich hin, aber nicht meine Leiden und meine Schmerzen, denn ihnen allein verdanke ich meine Vertiefung.
Wir müssen im Schicksal das große Erziehungsmittel des Lebens sehen, dann wird gerade die Anschauung von den wiederholten Erdenleben uns Befriedigung geben. Es liegt Beseligung darin, sich zu sagen: Mit den Kräften, die ich mir hier sammle, zimmere ich mir geistige Kräfte und geistige Fähigkeiten; und wenn mir ein neues Erdenleben gegeben wird, so wird der Leib der Ausdruck meines geistigen Erlebens sein. - Durch eine solche Lebensauffassung kommt Kraft in unser Leben hinein.
Es kann jemand sagen, die Naturwissenschaft müsse aber die Vererbung als einzig richtig anerkennen. Dem Geistesforscher wird es nicht einfallen, sich aufzulehnen gegen die Wahrheiten der Naturwissenschaft. Aber weil _ das eine wahr ist, kann deshalb nicht auch das andere wahr sein? Nehmen Sie an, zwei Menschen betrachten einen dritten Menschen. Der eine sagt: Ich weiß, warum dieser Mensch lebt, er hat zwei Lungen, mit denen er atmet, dadurch kann er leben. Der andere sagt: Das stimmt nicht. Vor vierzehn Tagen hat der Mann sich erhängt; ich habe ihn rechtzeitig abgeschnitten, darum lebt er heute. Beide haben recht. So können auch nebeneinander bestehen die Anschauung von der Vererbung der physischen Eigenschaften, die die Naturwissenschaft vertritt, und die Anschauung der Geisteswissenschaft, wonach der Mensch seine Eigenschaften in sich hineingearbeitet hat in einem vorhergehenden Leben.
Gehen wir nun über zur Unsterblichkeitsfrage. Sie stellt sich uns nicht dar, indem wir nachdenken über eine unendliche Zeitenleere. Wir sehen einen Menschen leben, sehen seine erarbeiteten Kräfte, die seine Individualität ausbilden. Und das, wie er im Leben geworden ist, ist die Garantie für ein neues Erdenleben. Die Unsterblichkeit setzt sich zusammen aus ihren einzelnen Teilen, genau im Sinne der Naturwissenschaft. Nun kann man sagen: Ja, der Geistesforscher sieht das, aber es kann doch nicht jeder ein Geistesforscher sein. - Es braucht ja auch nicht jeder ein Maler zu sein, um ein Bild anschauen und verstehen zu können. Dass der Geistesforscher die übersinnlichen Welten erkennt, das macht es noch nicht aus; er muss den anderen Menschen von diesen geistigen Welten ein Bild geben können in Ideen und Begriffen. Und so, wie ein Mensch, der ein Bild [anschaut und] begreift, noch kein Maler sein muss, so braucht man auch nicht ein Geistesforscher zu sein, wenn man die Anschauungen der übersinnlichen Welten, in Begriffe des gesunden Menschenverstandes gebracht, hingestellt bekommt. Wenn man das auf sich wirken lässt, was der Geistesforscher schildert, dann kann man alles erkennen, was er zu geben hat, ohne selbst ein Geistesforscher zu sein. Nur der gesunde Menschenverstand ist hierzu notwendig. Nicht jeder kann ein Geistesforscher werden, aber das ist auch nicht notwendig. Denn was gibt uns die Geisteswissenschaft? Sie gibt uns in Begriffen und Ideen, in Vorstellungen und Bildern die übersinnliche Welt; und das, was damit hereintritt in unser Leben, das klärt uns über unser eigenes Seelenleben auf. Das, was der Geistesforscher erfährt, das kann auch ihm nicht eher etwas sein, bis er es heruntergebracht hat [in Ideen und Begriffe]. Erst dann wird ihm Geisteswissenschaft zum Trost und zur Sicherheit der Seele. Das bloße Anschauen der geistigen Welt, das nützt uns nichts. Was wir brauchen, um sicher zu sein darüber, dass die Seele unzerstörbar ist, das bekommt man nicht durch das Hineinschauen in die geistige Welt, sondern durch das, was zu begreifen ist mit dem gesunden Menschenverstand.
Wenn einmal Geisteswissenschaft eindringen wird in die geistige Kultur und in die Erziehung der jungen Menschen, dann wird der Mensch, wenn er alt wird, fühlen, wie wahr das Goethe-Wort ist: Im Alter wird der Mensch ein Mystiker. - Er wird fühlen, dass trotz des Hinschwindens des äußeren Leibes ihm ein innerer Seelenkern erwachsen ist. Wie die Pflanze abstirbt im Herbst, um Blüten zu treiben im Frühling, so wird der Mensch wissen, dass er den Keim seiner Seele entfalten wird, wenn er eingeht in das Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Wir fühlen in uns dasjenige erstarken, was von Erdenleben zu Erdenleben geht. Heute können wir noch nicht sprechen von dem Ende dieser Wiederholungen. Aber es kann sich ergeben aus dem Dargestellten, dass dasjenige, was durch die wiederholten Erdenleben sichergestellt ist, nicht in Theorien nur besteht, sondern dass es als Kraft wirkt für das Erdenleben selbst. Das, was uns Geisteswissenschaft geben kann, wird so zum Lebenselixier, zur Lebenssicherheit. Es gibt uns Trost in Leid und Schmerz, weil wir das Leben auf die richtige Art anschauen lernen. Gerade die Lebenspraxis, die da folgt aus der übersinnlichen Erkenntnis, sie ist das Wichtigste, das Wesentliche. Wenn der Mensch sich ausrüstet mit diesem Wesentlichen, dann erlangt er inneren Halt, der heute schon stark sein kann, wenn der Mensch nur Geduld genug hat, um so einzudringen, dass er wirkliche Erkenntnis erlangt auf dem Gebiet des Übersinnlichen, dass er zu seinen Gegnern, seinen Feinden, die ableugnen wollen die übersinnliche Welt, sich so verhalten kann, wie Goethe sich einmal verhielt in einer anderen Sache. Goethe sah manches an sich herankommen, was ihm gegnerisch [gegenüber seiner Auffassung] vorkam. So auch die Ansicht, die schon im Altertum ausgesprochen wurde, dass es keine Bewegung gäbe. Sie hatte immer und hat noch heute Bekenner, die da zum Beispiel sagen: Ein abgeschossener Pfeil befindet sich immer an einem Punkt auf seinem Fluge in Ruhe, also ist die Bewegung eine fortwährende Ruhe, also gibt es keine Bewegung. Goethe kam das wie eine Karikatur vor, was ja in der Tat strikte zu beweisen und doch ein Unsinn ist. Diesen Leugnern der Bewegung gegenüber brauchte Goethe einen schönen Satz:
Es mag sich Feindliches eräugnen,
Du bleibe ruhig, bleibe stumm;
Und wenn sie dir die Bewegung leugnen,
Geh ihnen vor der Nas’ herum.
Er meint, das sei wohl der beste Beweis für die Bewegung. Das Leben, im Geistigen lebendig erfasst, liefert eine solche Sicherheit, wie sie Goethe gegenüber den Leugnern der Bewegung hatte. Und wenn heute Menschen kommen, die sich feindlich verhalten gegenüber der Lehre von der Unsterblichkeit der Menschenseele und von der übersinnlichen Welt, dann kann man, gewappnet mit dem, was sich als Lebenssicherheit ergibt aus der Geisteswissenschaft, das, was man fühlt gegenüber einer solchen Gegnerschaft, zusammenfassen in die Worte:
Es mag sich Feindliches ereignen,
Du aber bleibe ruhig, bleibe heiter,
Und wenn sie gar den Geist verleugnen,
So grüble du nicht weiter.
Ja, gib ihnen darin am Ende gar noch recht,
Es steht mit ihrem Geiste eben schlecht.