Death and Immortality in the Light of Spiritual Science

GA 69d — 9 March 1913, Munich

XIV. Wie Kann Man Von Übersinnlichen Welten Wissen?

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Der Gegenstand des heutigen Vortrages geht von einer Frage aus, welche begreiflicherweise oftmals von denjenigen gestellt wird, die in einer vielleicht äußerlichen Weise von Geisteswissenschaft und Geistesforschung gehört haben und sich aus den Denkgewohnheiten und Vorstellungsarten, die nun einmal in weiten Kreisen der Gegenwart herrschend sind, keinen Begriff davon machen können, wie es möglich ist, Erkenntnisse von den übersinnlichen Welten zu gewinnen. Es ist öfters hier betont worden, dass der Gesichtspunkt solcher Einwendungen gerade demjenigen am begreiflichsten ist, der selber auf dem Boden dieser Geistesforschung steht. Und man darf wohl sagen: Wenn es da Verwunderung geben würde, so müsste man sich mehr wundern darüber, wenn die vom Geistesforscher vertretenen Anschauungen heute in weiteren Kreisen schon Zustimmung fänden, als darüber, dass sie in den allerweitesten Kreisen den denkbar größten Widerspruch hervorrufen - den sie eben hervorrufen müssen. Die ganze Höhe der gegenwärtigen Kultur und die ganze Entwicklung des äußeren wirtschaftlichen Lebens in den letzten Jahrhunderten lässt das begreiflich erscheinen. Es ist ja auch schon öfter betont worden, dass Geisteswissenschaft jederzeit voll anerkennt, was Naturwissenschaft und naturwissenschaftliche Betrachtungsweise für die gesamte Menschheitskultur geleistet haben. Aber gerade die Höhe dieser naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise hing davon ab, dass der Zeitgeist, wenn man dieses Wort gebrauchen darf, eine Weile und Weilen sind in der Menschheitsentwicklung ja lang, dauern Jahrhunderte - eine Weile abgezogen worden ist von der Hingabe an die geistige Welt. Es ist eben deshalb verständlich - weil der Mensch sich von der sinnlichen Welt zum Denken anregen lässt -, dass er die Denkgewohnheiten annimmt, solche Vorstellungsarten, denen die Anschauung der geistigen Welt ungewohnt ist. Aber es ist das nicht nur [so], dass dies allein zur Gegnerschaft führt gegenüber der Geisteswissenschaft, sondern es ist so, dass tiefere Ursachen dabei beteiligt sind, sodass das heutige Thema «Wie kann der Mensch von übersinnlichen Welten etwas wissen?» wohl angebracht erscheint.

Nun, das Allererste dazu ist, dass der Mensch durch seine Selbsterkenntnis sich selber als ein übersinnliches Wesen erkennt, sich seine eigene übersinnliche Natur zum Verständnis bringt. Und vieles im Seelenleben des Menschen ist da, was zusammenhängt mit Kulturerrungenschaften der Gegenwart und auch der ganzen Menschheit, was hindernd einer wirklichen Selbsterkenntnis in den Weg tritt. Der Mensch ist in seinem Seelenleben gewissermaßen niemals so richtig mit seiner Seele ganz allein, und er muss es zuwege bringen, mit seiner Seele ganz allein zu sein, wenn er sie in ihrer tiefsten Wesenheit erkennen will. Nämlich wissend [ist er] niemals ganz allein. Aber es gibt doch ein gewisses Alleinsein, das dann eintritt, wenn der Mensch in den Zustand übergeht, in dem er sich seiner äußeren Gliedmaßen nicht bedient, sondern sie der Schwere der Erde übergibt, dem Gedächtnis und dem an die Sinne gebundenen Verstand Stillstand gebietet — das ist ja jeden Tag der Fall, wenn er in den Schlafzustand übergeht. Und gegen die geisteswissenschaftliche Behauptung oder Erkenntnis, dass der Mensch in seiner Leiblichkeit, wenn er in den Schlaf übergegangen ist, nichts darbietet, was dasjenige erklärlich machen kann, was auf- und abflutet in der Seele bis zum Aufwachen, dass die Vorgänge des schlafenden Leibes nichts von dem verständlich machen, was in der Seele während des Schlafens vorgeht - das wird in verhältnismäßig kurzer Zeit schon die naturwissenschaftliche Erkenntnis rückhaltlos zugeben, [und] dass der Seeleninhalt mit dem Aufwachen untertaucht in die Leiblichkeit [und so] - wie beim Einatmen die eingeatmete Luft - ein Stück des eigenen Leibes wird. Ebenso ist es mit dem Einschlafen, da das, was Seeleninhalt ist, aus dem Leibe heraustritt, sodass man es zwischen Einschlafen und Aufwachen tatsächlich zu tun hat mit einer Wesenheit, die getrennt ist von der Leiblichkeit, die keine Werkzeuge darbietet, um das zu beobachten. Man kann also von der schlafenden Seele sagen, dass sie in einer gewissen Beziehung allein ist, das heißt, dass sie nicht so wie der wache Mensch mit der äußeren Welt in Zusammenhang steht durch Verstand und Sinne und Gedächtnis. Aber der schlafende Mensch verliert ja im normalen Leben das Bewusstsein beim Einschlafen; und so muss man sagen, dass [da], wo der Mensch allein ist, er nicht in der Lage ist, die in dem Leibe wohnende Seele zu beobachten. Das ist es auch, was eine wirkliche Selbsterkenntnis unmöglich macht für den gewöhnlichen Menschen.

Nun fragt es sich aber: Kann der Mensch zu dieser Selbsterkenntnis dennoch kommen? - Es wird uns helfen, wenn wir einen anderen Seelenzustand ins Auge fassen, nicht, um eine Analogie heranzuziehen, sondern um uns die Realität des Seelenzustandes zwischen Schlafen und Wachen vor Augen zu stellen. Also nicht als Analogie [ist das Folgende] gemeint, sondern als Verständigungsmittel, [um] auf das Tatsächliche hinzuweisen: Das ist der «Seelenzustand» des laufenden Jahres. Im Frühling sprießt hervor die uns erhebende, erfreuende Naturwelt, die Pflanzenwelt. Wir sehen sie im Frühling hervorsprießen, im Sommer gedeihen, im Herbst absterben, mit Ausnahme der Dauergewächse; während der Winterzeit [wird sie] in ihren Schoß aufgenommen, sodass sie als Pflanzenwachstum unwahrnehmbar bleibt. Nehmen wir nun an, der Mensch wäre so, dass er, wenn der Frühling eintritt, in der Lage wäre, eine Art anderes Bewusstsein zu erhalten, dass sein Bewusstsein herabgedämpft würde und er gegen den Sommer mehr unbewusst wäre und erst, wenn die Natur abgewelkt, abgestorben ist, wiederum erwachte; dass also auf derjenigen Seite der Erde, auf der jeweilig Sommer ist, das Bewusstsein des Menschen entschlummern würde, dann würde er niemals eine Erkenntnis von der sprießenden und sprossenden Pflanzenwelt haben können. Was zur Sommerzeit die Erde übersät, das würde für den Menschen oder für ein Wesen, das mit seinen Eigenschaften ausgestattet wäre, eine unbekannte Welt [sein], welche auf seine Sinne nicht wirken würde - eine übersinnliche Welt.

Nun haben wir im Menschenleben etwas vor uns, was sich tatsächlich so verhält. Wer tiefer [darauf] eingeht, für den ist es nicht bloß Analogie, sondern Realität. Und — was dem Menschen so gegenübersteht, das ist tatsächlich die Gesamtnatur des Menschen selber. Denn was ist dieser schlafende Mensch, so wie er leiblich vor unseren Sinnen gegeben ist? Er ist, obwohl zwar äußerlich, substanziell von der Pflanze verschieden, innerlich von dem Wert einer Pflanze, die nur heraufkommt bis zum Leben zwar, aber nicht zum Bewusstsein, nicht einmal zu einem tierischen - also gleichsam eine Pflanze unter anderen Lebensbedingungen. Als Pflanzenwesen erscheint er uns gegenüber gewissen Kräften, die auf ihn wirken müssen [so], wie die Erde uns zur Sommerzeit erscheint, wenn die Sonne in einer gewissen Weise mit ihren Wärme- und Lichtkräften die Pflanzendecke hervorzaubert. Wir wissen auch, dass wir dann in den Schlaf sinken, wenn wir nach des Tages Arbeit unsere Kräfte ermüdet haben. Und wir wissen auch, dass der Schlaf den Sinn hat, dass die abgenutzten Kräfte [wieder erneuert] aus den Untergründen des Lebens heraus hervorgezaubert werden, denselben Prozess, wie wir ihn im Kosmos haben. Und man wird nach und nach sehen, wenn man von alten Denkgewohnheiten abgekommen ist, dass die Schlafenszeit nicht bloß als Analogie, sondern im realen Sinne des Wortes des Menschen Seelensommerzeit ist. Der Mensch erlebt seine Seelensommerzeit zwischen Einschlafen und Aufwachen. [...] Während des Wachzustandes werden durch des Tages Arbeit und die Anstrengung der Denk- und Seelenkraft des Menschen die pflanzlichen Hervorbringungen ausgetilgt. Verhält sich nicht der Wachzustand der Menschen so wie die Herbst- und Winterzeit, wo ausgetilgt wird von der Oberfläche der Erde, was während der Sommerzeit hervorgebracht worden ist? Die Wachenszeit ist die Seelenwinterzeit [des Menschen]. Das ist keine bloße Analogie. Es ist sehr leicht, die äußerliche Analogie so zu halten, dass man Ähnlichkeit findet, das ist sehr leicht zu machen. Aber das wäre eine äußerliche Betrachtungsweise.

Innerlich muss man das ansehen: Der Mensch kann in der Tat, wenn er sich selbst beobachten will, nicht in derselben Weise [in seiner Sommerzeit] zu sich kommen wie etwa während der Winterzeit, sondern er verliert, wenn er in seine Sommerzeit eintritt - wenn er beobachten könnte -, dasjenige, was an Kräften wirken muss, um ein sprießendes, sprossendes Leben hervorzubringen; [und] dann tritt der Mensch tatsächlich in die Bewusstlosigkeit ein. Er ist tatsächlich nicht in der Lage, seine Seele zu beobachten, sondern [es ist so], wie wenn er im Frühling sein Bewusstsein verlieren würde und [es] erst im Herbst wieder erhielte. So kann man sagen, dass Selbsterkenntnis nur möglich ist, wenn die verborgene Seite seines Daseins enthüllt werden kann.

Nun ist es aber natürlich, ein wenig die Eigentümlichkeiten der Seelenwinterzeit, also des Wachzustandes zu betrachten. Der ist ja so, dass die Seele angefüllt ist von Empfindungen, Vorsätzen, Ideen, Idealen und so weiter. Wenn wir dies alles überschauen, dann muss man sagen, dass der Mensch es eigentlich nur halb erlebt, nur teilweise erlebt. Denn betrachten wir nur das menschliche Denken [außerhalb] des Gesamtumrisses des menschlichen Seelenlebens: Wie erlebt sie der Mensch, wenn er die Aufgabe erfüllen will gegenüber dem Leben in der äußeren, physischen Welt, [diese] Seelenwinterzeit? Für seine Gedankenwelt, für alles, was ihm sein Denken gibt, ist es so, dass er sich nur so weit interessiert, dass er fragt: Was bilden die Gedanken von [den] äußeren Wirklichkeiten ab? Welchen Wert als Bilder von Wirklichkeiten haben die Gedanken? Das ist ja zunächst das Hauptinteresse. Und das ganze Seelenleben ist [davon] durchsetzt, vorzugsweise diese [Seite des] Seelenlebens zu entwickeln. Eine andere Frage kommt für dieses sogenannte normale Seelenleben viel weniger in Betracht. Das ist: Kann das Denken nicht einen anderen Wert bekommen als nur den, etwas abzubilden, etwas wie in einem Spiegel zur Repräsentation zu bringen? Wer den Gedanken nur [diesen] Wert zugestehen wollte - die meisten Menschen tun das —, der ist in der Lage wie ein Künstler, wenn er bei einem Werk nur das ansieht, was es abbildet. Da geht [doch] noch etwas ganz anderes vor als [bloßes Abbilden], [und das] geschieht in unserer Seele. Kunst hätte nicht die große Bedeutung für die Menschheit, wenn sie die Seele nicht ständig vorwärts tragen würde, nicht etwas wäre, das sich hineinsenkt in die Seele wie ein Keim, sodass sie ihre Erlebnisse hat, die sie zu etwas ganz anderem tragen, als sie vor der Betrachtung der Kunstwerke waren. Nicht einseitig pädagogisch-pedantische Betrachtung der Kunstwerke [ist das Fördernde], sondern [etwas] wie ein Gesetz der Menschheitsentwicklung in Bezug auf die Kunst. Derjenige, der Gedanken nur gelten lassen will in Bezug darauf, was sie abbilden, der gleicht einem Menschen, der ein Kunstwerk nur daraufhin anschaut, was es äußerlich abbildet. Aber die Seele ist gewöhnt, Gedachtes so zu nehmen, dass es den Wert des Abbildes hat. Der Wahrheitswert wird überall daraus gesucht, ob der Wirklichkeitswert durch die Gedanken getroffen wird. Gedanken, die nicht darauf ausgehen, denen wird ihr Wert größtenteils bestritten. Die Philosophie zum Beispiel, sie hat ihr gutes Recht darauf, sie muss so handeln. Aber fragen muss man, ob diese Begriffe wirklich eine Realität treffen, sich wirklich auf etwas beziehen.

Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit, die Gedanken nach ihrem Wert zu bemessen: als inneres Selbsterziehungsmittel der Seele. Da könnte es zum Beispiel so sein, dass sie im Abbild gar nicht [einer Wirklichkeit entsprechend] sind, aber dass sie sich erweisen als die Seele innerlich vorwärts bringend. Solche Gedanken oder solche, die in solcher Art verwendet werden, kommen in Betracht, wenn die Seele sich wirklich erziehen will zur Selbsterkenntnis.

Schon öfter wurde hier gesagt, dass, wenn man sich so übt, man es bezeichnet als Meditation, als Konzentration, Kontemplation. Was heißt das alles? Nichts anderes, als einen Zustand der Seele herbeizuführen, welcher ähnlich ist dem Schlafzustand, dass die Seele erst, in Bezug auf ihre äußeren Gliedmaßen, dieser sich nicht bedient, nicht durch die Sinne Anregungen empfängt, sondern wo sie durch starke Willenskraft - durch negative Aufmerksamkeit, möchte man sagen - das abweist, was der Alltag gibt.

Dieser Zustand unterscheidet sich aber dadurch radikal von dem Schlafzustand, dass die Seele sich ihrer selbst voll bewusst bleibt und doch einen Gedankeninhalt ins Bewusstsein stellt; dann ist die Seele konzentriert auf diesen Gedankeninhalt, dann ist die Seele in Konzentration oder Kontemplation. Dieser Zustand ist nicht leicht herbeizuführen. Lange, sorgfältige, systematische Übungen sind nötig, um diesen Zustand herbeizuführen. Der bewirkt aber in der Seele das Heraufleuchten eines ganz neuen Lebens. Wenn er seine Früchte getragen hat, dann fühlt die Seele, dass jetzt Kräfte erwacht sind, die früher schlummerten. Deshalb kommt es nicht darauf an, was der Meditant in den Mittelpunkt stellt; im Prinzip kommt es darauf an, dass mit der ganzen Anstrengung diese Konzentrierung auf den Inhalt vorgenommen wird. Es ist nun so, wie wenn der Mensch äußerlich durch Tätigkeit seine Muskeln übt; sie werden stärker dadurch. [Um] die Seelenkräfte, die gewöhnlichen handelt es sich nicht [bei] diesen Übungen. Aber weil es sich darum handelt, andere Kräfte aus der Seele herauszuholen, die zum Beispiel darauf abzielen, die Seele energischer, regsamer zu machen, den Teil der Seele zum Beispiel, der im wachen Tagesleben nur schwach anklingt - also nicht auf den Gedankeninhalt kommt es an, sondern darauf, dass die Seele etwas tut, und durch diese Tätigkeit etwas in sich weckt, was zwar auch sonst vorhanden ist, aber in ihr schlummert. Dadurch, durch diese Erziehung zeigt die Seele, dass sie auch allein sein kann, unangewiesen auf ihre Leiblichkeit - ähnlich dem Schlafzustande, aber wieder radikal verschieden.

Warum ist der Schlafzustand im gewöhnlichen Leben bewusstlos? Weil das innere Leben so schwach, so «verhuschelt» ist, dass die Kraft der Seele dieses innerliche Leben nicht wahrnehmen kann. Wenn aber Kräfte geweckt werden, dann erfühlt sich die Seele, auch wenn sie von ihrer Leiblichkeit absieht. Und jetzt erlebt man, dass die Seele in der Tat bewusst ihrer Sommerzeit gegenübertreten kann, denn jetzt erlebt man in der Tat den Inhalt der Gedanken in ganz anderer Weise. Sie sind im Alltag wie Weizenkörner, die der Bauer auf dem Feld holt in der bekannten Weise. Sie kommen in der Entwicklung nur [bis] zu einem gewissen Grade, wenn sie als Nahrungsmittel dienen. Wenn sie eingeheimst werden, unterscheiden sie sich nicht davon, von denen, die zur Aussaat verwendet werden.

So sind die gewöhnlichen Gedanken, die der Mensch in seiner Winterzeit so erlebt: Der Mensch bedient sich dieser Gedanken, um der Seele geistigen Inhalt zu geben, die Seele auszufüllen - so wie die Weizenkörner verwendet werden, um Nahrung zu geben. Die Gedanken aber, die für Meditation und Konzentration verwendet werden, sie gleichen den Weizenkörnern, die ausgesät werden, aus denen schlummernde Kräfte herausgeholt werden, die zum Aufsprießen, Aufsprossen gebracht werden. Der Mensch hat von seinen Gedanken nur ihre teilweise Wirksamkeit kennengelernt. Durch die Meditation und Konzentration bewirken wir, dass die Gedanken in unser Seelenleben eingesenkt werden, dass sie eine ganz andere Wesenheit in sich haben; sie sprießen und sprossen auf, und der Mensch erlebt dann, was er sonst in seiner Seelensommerzeit bewusstlos erlebt, jetzt bewusst: eine neue Welt, die sogenannte imaginative Welt. Es tritt vor seiner Seele in der Tat die Frucht seiner Anstrengung auf. Er hat zwar nicht in ganz gleicher Weise wie im normalen Leben die Seelensommerzeit zum Bewusstsein erhoben, aber das, was in der Seelensommerzeit ins Unbewusste hinuntertritt, das hat er zum Aufsprießen, zum Aufsprossen gebracht, wie wenn der Mensch zur Winterszeit aus einzelnen Weizenkörnern eine Vegetation hervorrufen würde. Das ist aber notwendig für den Menschen, dass er die andere Seite seiner Wesenheit kennenlernt, in der das Seelenwesen in seiner Fruchtbarkeit, in seinem sprießenden, sprossenden Leben erscheint. Sonst [wirkt der] Gedanke nur als Bild; jetzt keimt und sprosst es, wenn wir sie, [die Gedanken], so behandeln, nicht bloß als Bild, sondern sie einstreuen und wirklich zum Aufkeimen bringen. Dann führt man wirklich durch Selbsterkenntnis die Seelensommerzeit herbei. Und wie [wir] vorhin hypothetisch [annahmen], dass im Frühling das Bewusstsein entschwunden ist und jetzt eine unbekannte Welt im Sommer [erlebt wird], so überschaut [nun] die Seele eine ihr unbekannte Welt. In der Tat hat unserer Seele Wesensgrund die Fähigkeit, hervorsprießen zu lassen, was sonst unbekannt bleibt, wenn sie nicht auf halbem Wege stehen bleibt, sondern gewissermaßen die Gedanken als Saatkörner verwendet. Nichts anderes ist Meditation, Konzentration, Kontemplation als [das], was sonst unbekannt ruht, mit Gedanken, Gefühlen - auch mit diesen kann es gemacht werden - zur Entfaltung zu bringen, [und] dadurch eine neue Welt.

Nun wirken immer viele Dinge gegen den Menschen, wenn er diese Welt im alltäglichen Leben zur Produktion zu bringen bemüht ist. Es ist begründet in seinem Wesen, wenn er in die Seelensommerzeit eintritt, dass der Mensch, wenn er ein tüchtiges Wesen im Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft haben will, also in der Winterzeit, gerade im Denken eine gewisse Seelenverfassung hat. Das darf nicht fehlen im äußeren Leben, sonst würde er sich als untüchtig erweisen. Und wir müssen Vertrauen haben zum Denken. Wir kommen wirklich nicht aus in der Welt, wenn wir als Ausgangspunkt nicht das Vertrauen, das heißt den Glauben haben, dass unser Denken uns führen kann, das heißt uns anvertrauen können dem Denken. Würde es wirklich Welten geben, in denen dies möglich [wäre] - bitte, sich den Zustand auszumalen -, es wäre so erschütternd, dass es alle Tüchtigkeit nehmen würde. Der Mensch ist angewiesen auf dieses Vertrauen, diesen Glauben, wohin er auch kommen mag mit seinem Denken. Nun hat aber alles seine Licht- und Schattenseiten. Wo wir aber das Licht brauchen, da kommt die Schattenseite nicht in Betracht.

Der Mensch erzieht sein Denken an der Sinneswelt, sie ist seine Lehrerin. Dadurch hat er nicht Vertrauen zum Denken als solchem, sondern [zu] einem, das einen Halt an der äußeren Sinneswelt hat. Der Mensch gewöhnt sich dadurch von Anfang an gar nicht daran, an seinem Denken ein solches Instrument zu haben, das ihn durch alle Gebiete seines Lebens zu führen vermag. Dadurch verliert er die Sicherheit; er kommt ins Unsichere, wenn er an etwas kommt, das nicht im gewöhnlichen Alltag an ihn herankommt. Und dadurch ist er gegen die Geisteswissenschaft [eingestellt]. Das ist begreiflich, darüber lässt sich, wie gesagt, nichts sagen. Im Gegenteil, unsere Zeitgenossen können nichts davon machen. Das rührt aber davon [her], dass dieses Denken an der Sinneswelt geschult ist. Es ist, wie wenn der Mensch eintreten wollte in eine Welt, die nicht Sinneswelt ist. Nun wird der Mensch gerade tüchtig an der Sinneswelt, die sein äußeres Denken schult. Das ist deshalb begreiflich, wenn Gebiete auftreten, die auf einem anderen Felde liegen, als was im äußeren Denken [erfahren wird]. Das eine, das Vertrauen in sein Denken, das er fühlt, das Vertrauen wird wankend vor der übersinnlichen Welt.

Und ein anderes kommt dazu, das ebenso die Seelenwinterzeit, das gewöhnliche Wachen, charakterisiert. Wir wissen ja, dass die Denkgewohnheiten der letzten Jahrhunderte den Materialismus [hervorgebracht haben], nobler [gesprochen, aber] das Wort missbrauchend, [den] Monismus. Diese Weltanschauung hat nur einen Wert bei dem Leben, das äußerlich zu konstatieren ist. Geisteswissenschaft zeigt, dass hinter alledem der Geist lebt, und [dass] man nur tief genug in die Dinge hineinkriechen muss, um hinter alledem den Geist zu finden. Wenn die Seele sich im Ernste so erzieht, wie [es] eben charakterisiert [worden ist], dann kommt sie zu einem Punkt, der außerordentliche Seelenerlebnisse darstellt, und der zeigt, warum der Mensch zum Materialismus, Monismus und so weiter kommt. Dann also — wie in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschrieben ist -, wenn er eine neue Welt aufsprießen fühlt, dann kommt ein gewisser Moment, wo die Seele ein Ähnliches gegenüber dieser neuen Welt fühlen muss, wie sie [es] fühlt gegenüber dieser sinnlichen Welt. Demgegenüber ist notwendig, dass der Mensch, wenn er Dinge beobachtet, in vollster freier Willkür die Fähigkeit entfalten kann, dass er den Blick hinrichten kann und ihn auch wiederum abzulenken vermag. Man bedenke nur einmal, [wie es wäre], wenn der Mensch ihn [den Blick] nicht willkürlich wieder wegzulenken vermöchte, sondern fasziniert, zwangsmäßig [ihn] nicht wieder weglenken könnte von den Dingen der sinnlichen Welt. In derselben Lage wäre eine Seele, die [das], was durch ihre Übungen vor ihr erscheint, einfach vor sich stehen lassen müsste. Denn das ist nicht [bloß], wie wenn man in der sinnlichen Welt den Blick wegwendet — damit ist es nicht getan. Das muss in Betracht kommen, dass der Geistesforscher imstande ist, alles, was an neuem Seeleninhalt herbeigeführt worden ist, auszulöschen, wegzulöschen. Das entspricht dem Weglenken eines Blicks in der sinnlichen Welt.

Dadurch ist der Geistesforscher radikal verschieden von denen, bei denen Halluzinationen, Visionen, Wahnvorstellungen auftreten, die sie mit Hartnäckigkeit für objektive Dinge nehmen wollen. Das darf der Geistesforscher gar nicht eintreten lassen. Er muss wissen, dass er nur Schattenbilder heraufgeholt hat, dass er sie wieder aus dem geistigen Blick verschwinden lassen muss. Das gehört zu einer gewissen Stufe, dass man die Fähigkeit hat, die [Bilder] wieder auszulöschen. Ja, das Auslöschen - man kann ja sehen, wie habgierig die Seele an ihren Wahnvorstellungen hängt -, dieses Auslöschen gehört zum Allerallerschwierigsten. Warum? Weil nicht nur die Kräfte wachsen, von denen wir gesprochen haben, sondern auch andere, die sonst nur schwach vorhanden sind. Eine Kraft verstärkt sich nämlich mit der Verstärkung der anderen Kraft, das ist der Selbstsinn, die Eigenliebe, die Selbstliebe im gewöhnlichen Leben, der wächst heran wie eine Naturkraft. Im gewöhnlichen Leben wird die Selbstliebe durch moralische Stärke überwunden; Blitz und Donner aber nicht. So aber, wie Naturelemente und Naturkräfte, tritt die verstärkte Selbstliebe, der Selbstsinn, in unserer Seele auf. Daher muss die zur Geistesforschung führende Seelenentwicklung auch dies mit sich bringen, dass der Mensch den verstärkten Selbstsinn in sich überwinden kann, was jetzt wie eine Naturkraft im Menschen ist, [so] dass die Seele sich wie ausgeliefert glaubt. Die gewöhnliche Kraft reicht dazu nicht aus.

Und hier [tritt] ein Ereignis [auf], das erschütternd [wirkt], weil es eines der ersten ist. Es kann [in veränderter Form auftreten], aber immer hat man es [mit Recht genannt]: das Herantreten bis an die Pforte des Todes. Der Mensch fühlt, wie wenn das, was er bisher sein Ich, seine Seele genannt hat, wie wenn das wie von einem Blitz durchfahren würde, wie wenn ihm das genommen würde. Alles, womit er sich verbunden glaubte, was er war, das ist jetzt wie von ihm losgelöst worden. Seine Eigenheit wird wie ein Wesen außer ihm, er steht sich gegenüber wie bisher nur einem Ding außer ihm. Geschildert ist das leicht, erlebt - gehört es zu den erschütterndsten Dingen, die erlebt werden können, denn es ist, wie wenn der Boden schwindet. Alles, was er bisher gedacht, gefühlt, empfunden hat, das gibt [der Mensch] mit weg. Das bringt ihn - wenn der Mensch sich die Fähigkeit erworben hat, dabei sich noch aufrecht zu halten, wenn er sich wie losgelöst von allem fühlt - wie über einen Abgrund, das erzeugt die Verstärkung eines Gefühls, das er bisher auch nur in geringem Maße hatte [und] das er nun kennenlernen muss: die Furcht vor dem Unbekannten.

Die geistige Welt, sie ist ja immer da, aber sie ist dem Menschen etwas so Unbekanntes, dass er ihr in diesem Momente wie dem Nichts gegenübersteht. Das erzeugt Furcht. Es darf aber niemand glauben, dass er geschädigt werde, wenn er regulär im genannten Sinne verfahren ist; das gehört zur Selbsterziehung, dass er zugleich gestärkt und gekräftigt ist, sie zu ertragen, er ist zugleich gefestigt, sie zu ertragen. Für gewöhnlich ist er davor behütet. Wir sprechen von einem «Hüter der Schwelle». Was aber nicht im Bewusstsein waltet, das ist deshalb nicht etwa in der Seele gar nicht vorhanden. Die Seele ist eine zweifache Wesenheit. In den Tiefen ist oft ganz anderes als [das], wovon sie weiß. Zum Beispiel können wir ein Menschenwesen bewusst hassen, und der Hass kann sein die Decke für eine Liebe. Weil wir die Liebe nicht ausleben, betäuben wir uns selber. Nicht bloß in Fausts Natur [sind] zwei Seelen, sondern jede Menschenseele ist eigentlich durchaus eine solche, die zwei hat. Nun ergibt sich für den Seelenkenner das Folgende: Wenn der Mensch im gewöhnlichen Leben ist, dann sucht er seinen Halt, seine Bestimmtheit, dadurch zu erreichen, dass er das Unterbewusstsein zurückdrängt, nämlich die Furcht. Bei dem Geistesforscher stellt sich ja nichts anderes ein, als was immer in den Untergründen ist. Sie sind immer da. Wenn nun der Fall eintritt, dass das überwunden wird, [so] tritt der Mensch in die geistige Welt ein. Wenn sie aber heraufsteigt und doch nicht bewusst wird, also gleichsam nur anklopft, der Mensch aber sie überbrückt —.

Wodurch kann er das? Indem er die geistige Welt leugnet; dadurch stößt er die geistige Welt hinunter, sodass der Materialist und Monist in ihrem Seelengrund Furcht vor der geistigen Welt haben und dadurch sich in ihrem Materialismus betäuben. [Eine] ganz sonderbare Erscheinung, doch wahr [ist es], dass der Materialismus auf unerkannter, ungenannter Furcht beruht. Gewiss ist es unbequem, wenn der Seelenkenner behauptet, wenn in einer Monistenversammlung so gesprochen werde, wie es eben geschieht, dass das [deshalb] ist, weil die Bekenner von Furcht und Angst gequält sind. Materialismus und Angstmeierei stellt sich für die wirkliche Beobachtung so dar.

Und so ist es im Grunde genommen: Was den Menschen für die äußere physische Welt stark macht, dass er sein Denken schult an der äußeren Welt, dadurch Vertrauen zum Denken hat und dadurch die Furcht ebenso überbrückt — das verhindert seinen Eintritt in die übersinnliche Welt. Daher ist es so notwendig, wenn er in die übersinnliche Welt eintreten will, dass er in freier Weise in seiner Seele eine Zweiheit entwickeln kann, einerseits sich erhebt zu Zuständen, die in der übersinnlichen Welt sind, und andererseits sie wieder vergisst oder sie zurückzudrängen wieder in der Lage ist — das, was sein Beobachtungsgebiet in der übersinnlichen Welt ausmacht -, wenn er in die physische Welt zurückkehrt. Sonst wird er ein Schwärmer, [ein] falscher Mystiker oder alles Mögliche, nur kein’ Geistesforscher, [wenn er] das hineinmischt. Das muss er mit starker Seele auseinanderhalten und andererseits doch wieder auf das Übersinnliche beziehen, weil dort im Übersinnlichen die Gründe für alles Sinnliche liegen. Das macht den Geistesforscher aus. Und deshalb [ist es] so notwendig, dass [durch] die Sommerzeit und die Winterzeit [ihm das zum Bewusstsein] gebracht wird, was der Schlaf verhüllt. Wenn er das nicht täte, würde er jederzeit die Furcht hervorbringen, die eben angedeutet wurde.

Wenn der Mensch so eintritt in die Geisteswelt, dann sieht er nicht bloß ein Geistig-Seelisches im Allgemeinen, sondern Dinge, Tatsachen und Wesenheiten, die so geschieden, so gesondert voneinander sind wie die Dinge und Tatsachen in der physischen Welt. Nur wird einem gerade diese Tatsache am allerwenigsten verziehen, es wird ihm nicht verziehen, dass der Geistesforscher eine Wirklichkeit vielfacher geistiger Wesenheiten schaut.

Eine bedeutende geistige Persönlichkeit wie Charles Eliot von der Harvard-Universität betont, dass er hinter dem Physisch-Sinnlichen ein Geistiges finde, dass der Mensch sich immer von dem Leibe unterscheide. Wenn dann aber der Geistesforscher sagt, nach der geschilderten Selbsterziehung komme man dazu, einzelne geistige Wesenheiten zu sehen, die einen Kosmos ausmachen, wie die physischen Dinge einen physischen Kosmos [ausmachen], dann wird das abgelehnt. Wenn man Charles Eliot sagen würde bei der Betrachtung der Pflanzenwelt, bei jeder Pflanze oder bei jedem Stoff im Laboratorium sagen würde: Das ist Natur, das ist Natur, das ist Natur -, nichts würde dadurch erreicht. Man verzeiht der Geisteswissenschaft höchstens, dass man Geist im Allgemeinen zugibt, nicht aber einzelne Wesenheiten und Dinge der geistigen Welt. Aber wie die Welt spezifiziert ist durch die Sinnesorgane der Menschen, so sind in der geistigen Welt Wesenheiten, die allerdings keinen physischen Körper haben, so steht die geistige Welt vor dem Menschen, wenn er sie erst erkannt hat.

Wie gesagt: Das, was notwendig ist zum Beobachten, zum Erkennen, ja sogar nur zum Zugeben der geistigen Welt, zum Anerkennen, das ist Selbsterleben der geistigen Welt. Und wenn [der Mensch] durch die erschütternde Erfahrung das herbeiführt, was eben dargestellt wurde, dass alles abgesondert [wird], was sonst sein Ich war, dann wird in ihm regsam, lebendig, was sonst stumm, schweigsam und schlummernd ist. Was geistig-seelische Wesenheit ist und den Körper mit aufbaut, sich verbindet mit der Vererbungslinie, mit dem, was von Vater und Mutter kommt, was man sich erarbeitet, das sieht man losgelöst, und das ist das Erschütternde, das Bedeutsame. Wenn man aber in einer neuen Wesenheit erwacht ist, dann ist das diejenige, die durch Geburt und Tod hindurchgeht, nicht, was man sonst als sein Selbst betrachtet hat. Was man jetzt erlebt, das ist das, wovon die Geisteswissenschaft spricht, wenn sie von dem spricht, was durch die wiederholten Erdenleben hindurchgeht.

Und jetzt hat der Mensch die Aussicht, die Unendlichkeitsfrage seines Wesens im Konkreten zu lösen; sonst hat er nur die unüberschaubare Unendlichkeitslinie vor sich. [Er erkennt], wie er immer neue Leben sich aufbaut; die Unendlichkeit setzt sich zusammen aus den einzelnen Erdenleben. Einsehen, Wissen gibt es gegenüber diesen Welten nur auf dem geschilderten Wege. Und wer glaubt, zu einem wirklich befriedigenden Wissen auf einem anderen Wege zu kommen, der geht eben fehl, der sucht auf falschem Wege. Das führt dann sehr leicht dazu, dass man die erschütternden Seelenerlebnisse, die geschildert worden sind, vermeiden will. Viele Menschen wollen [solche] übersinnlichen Erkenntnisse, die eigentlich dem Sinnlichen angehören. Dadurch kommen sie nicht zu einer wirklichen Erkenntnis der Wahrheit. Und man sieht, wie schwierig es für den Menschen der Gegenwart ist, zur Wahrheit zu kommen, auch an den Allerbesten unseres Zeitraums. Da kann man sich nur auf den Standpunkt Schopenhauers stellen, wo er sagt, dass die Wahrheit zunächst paradox erscheint, dass das zu aller Zeit ihr Los gewesen ist. - Heute hat man gegenüber der Geisteswissenschaft einen ähnlichen Standpunkt wie einst gegenüber Galilei, Giordano Bruno, Kopernikus; es muss begriffen werden, dass Geisteswissenschaft heute notwendigerweise denselben Widerständen begegnen muss. Giordano Bruno - der sagte, dass das blaue Himmelsgewölbe nicht Grenze sei, wie man bisher angenommen hatte. Durch dieses Erkennen machte damals die Naturwissenschaft den ungeheuren Schritt vorwärts. Jetzt ist Geisteswissenschaft in derselben Lage: [Eine] Grenze von Geburt oder meinetwegen Empfängnis und Tod [gibt es ebenso wenig] wie einst [die] blaue Grenze des Himmels. Wie Giordano Bruno gezeigt [hat], dass, wenn man sich dieser Beschränktheit des menschlichen Erkenntnisvermögens bewusst wird, man in eine Unendlichkeit hinausschaut und [in] unendliche Welten, eingebettet in dieses Unendlichkeits-Firmament, so [muss es] jetzt der Geistesforscher [tun]. So erlangt man Erkenntnisse der übersinnlichen Welten. Aber schwierig ist es für unsere Zeitgenossen. Sie begreifen, dass diese wiederholten Erdenleben eigentlich die Schicksalsschläge des Menschen aufklären, und gleichzeitig sehen unsere Zeitgenossen ein, wie diese Anschauung uns Mut und Kraft und Zuversicht gibt, weil wir nicht ausgelöscht sind, sondern uns wiederfinden in kommenden Erdenleben. Das sehen manche gerade der Besten unserer Zeit ein. Weil sie aber erwarten, dass die Beweise auf andere Art gegeben werden sollen, als wie geschildert, so verkennen sie gerade, was auf diesem Felde eintritt.

Ein Geist der Gegenwart, der tatsächlich gezeigt hat, wie er überall versucht, ins Übersinnliche zu dringen, auch durch manche seiner Schriften gezeigt hat, wie ernst er es meint, hat in der letzten Zeit unter anderem sich auch befasst mit dem, was hier als die Lehre von den wiederholten Erdenleben bezeichnet worden ist: Maurice Maeterlinck - eine Stelle, die ich dann wörtlich zitieren will. Er hat keine Ahnung, wo die Beweise liegen, daher nennt er das bloßen Glauben. Geisteswissenschaft hat es mit keinem Glauben zu tun, sondern, wie es die Weltanschauung des Kopernikus mit jedem Glauben zu tun hat, weil sie Wissenschaft ist, wie der Kopernikanismus; sie kommt nicht dem Glauben ins Gehege. Aber Maeterlinck hält sie für einen Glauben, und die Lehre von den wiederholten Erdenleben, das sei dasselbe, was in bestimmten Glaubenslehren man als die Seelenwanderung kenne - was aber das hier Gemeinte nicht ist, sondern es ist [eben] die Lehre von den wiederholten Erdenleben -, dies sei lebendig. In seinem Buch «Vom Tode» schreibt Maeterlinck:

Denn nie gab es einen Glauben, der schöner, gerechter, reiner, moralischer, fruchtbarer, tröstlicher und in gewissem Sinne wahrscheinlicher ist, als der ihre. Er allein gibt mit seiner Lehre von der allmählichen Sühne und Läuterung allen körperlichen und geistigen Ungleichheiten, allem sozialen Unrecht, allen empörenden Ungerechtigkeiten des Schicksals einen Sinn. Aber die Güte eines Glaubens ist kein Beweis für seine Wahrheit, obwohl sechshundert Millionen Menschen dieser Religion huldigen, obwohl sie den in Dunkel gehüllten Ursprüngen am nächsten steht, obwohl sie die einzige nicht gehässige und von allen am wenigsten abgeschmackt ist, hätte sie das tun müssen, was die anderen nicht taten: uns unverwerfliche Zeugnisse bringen. Denn was sie uns bisher gab, ist nur der erste Schatten vom Anfang eines Beweises.

Dazu ist zu sagen: Erstens hat Geisteswissenschaft nichts mit Religion zu tun, sondern sie ist, wie der Kopernikanismus, Weltanschauung. Keine Religion, die sich richtig versteht, wird durch die Geisteswissenschaft erschüttert. Aber Maeterlinck zeigt in seinem neuen Buche, wo er neben vielem anderen auch mit dieser modernen Geistesforschung rechnet, dass er nicht einsieht, wie sie auf ganz andere Weise zu ihren Ergebnissen gelangt als durch äußeres Erkennen. Daher findet er, dass keine Beweise gegeben seien. - Worin sollen denn diese Beweise bestehen? Gerade in solchen Maßnahmen, die abgelöst werden müssen, wenn der Mensch in die geschilderten Welten eintritt. Daher steht Maeterlinck diesen Tatsachen gegenüber, wie man bis vor kurzer Zeit der Quadratur des Zirkels gegenübergestanden hat. Bis vor kurzer Zeit hat sich fast jedes Jahr der Versuch, dass man wirklich einen Kreis in ein gleichflächiges Quadrat verwandeln kann, als nicht stichhaltig erwiesen. Die Pariser Akademie hat ergeben, dass dies zu nichts führen kann: Alles muss in den Papierkorb! Man habe nicht die viele Zeit, das alles durchzurechnen, und wenn sich wirklich einmal die Wahrheit dabei finde, so würde diese sich schon von selbst durchringen. Heute würde jeder ein Dilettant genannt werden, der sich noch mit der Quadratur des Zirkels beschäftigt, weil ja mit mathematischen Mitteln erwiesen ist, dass sie zu bemeistern nicht möglich ist. Und so muss man sagen, dass es heute unbedingt unsinnig ist, die Quadratur des Zirkels zu suchen. Geisteswissenschaft wird allerdings viel schneller beweisen können, dass man nichts anderes will, als auf anderem Gebiet die Quadratur des Zirkels zu suchen.

Man wird also nicht nur die Fragen, wie in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» behandelt, einsehen müssen, sondern auch das «Wie» des Beweises in gehöriger Weise [zu] verstehen [haben]. Sonst ist es so, wie wenn man die Quadratur des Zirkels sucht. «Tröstlicher, gerechter und wahrscheinlicher» kann man die Lehre von den wiederholten Erdenleben ja jetzt schon finden, aber sich nicht durchringen zu ihrer Anerkennung. Dazu wird man sich aber durchringen, wenn man einsehen wird, dass man nicht bloß zum Geistesforscher so sprechen kann. Wohl müssen diese Dinge vom Geistesforscher erforscht werden, aber wenn sie erforscht sind, [dann] sind sie so, dass der physische Verstand sie verstehen kann; nicht Beweise mit seinen Mitteln [gelten hier], sondern Beweise, wie man ein Bild verstehen kann, ohne selbst Maler zu sein. Es ist mit der geistigen Welt so, dass man mit dem physischen Verstand ihre Eigenart vergleichen kann: Unter der Erde die Bergwerke, die Erze, die könnten sich nicht ausgestalten an der Oberfläche der Erde, wo die Sonne unmittelbar die Erze berührt. So [werden] die Ergebnisse der Geistesforschung sich nicht durch gewöhnliches Denken und gewöhnliche Wissenschaft finden. Dazu [sind] die Seelenkräfte [nötig], die geschildert worden sind. Aber wenn erforscht und dann geschildert [wird], kann [das] eintreten, was eintreten würde, wenn das Sonnenlicht in die Erdentiefen hinunterscheinen würde auf das Erz, das erst dann in seinem Glanz und seiner Schönheit würde erscheinen können. So kann der physische Verstand wirklich verstehen, was die Geisteswissenschaft bringt. Erforscht werden muss es aber durch die Seele, die so erzogen worden ist wie geschildert. [Das], was so verstanden wurde, das bildet eine Kraft in der Seele, nicht nur Erkenntnis, denn diese Erkenntnis verwandelt sich sogleich in eine ganz bestimmte Sicherheit der Seele, die ihr inneren Halt gibt. Sie trägt so Früchte, die sich in einem ganz bestimmten Denken, einem ganz bestimmten Fühlen, einem ganz bestimmten Wollen gegenüber sich selbst und der Welt ausnehmen.

Wir haben heute reichlich gesehen, was die Seele zu überwinden hat, um in die Gebiete eintreten zu können, wo die geistige Welt sich verbürgt. Aber wenn auch durch Finsternisse [hindurch], sie gibt, was durch das Empfindungswort ausgesprochen werden kann, in das der heutige Vortrag ausklingen kann:

Ringt sich die Seele durch
durch Geistesfinsternis,
sie kommt zuletzt zur ernsten Klarheit,
zur lichten Wahrheit.

Fragenbeantwortung

Frage: Hängt der Ausdruck «Maja» mit der indischen Göttin oder Buddhas Mutter zusammen?

Rudolf Steiner: Man kann das schon [so] zusammen finden, aber nur eigentlich dadurch aufrechterhalten, dass man sich klar darüber ist, [wie] in der Erzählung solcher Dinge immer die Methode befolgt ist, die in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» geschildert ist. Wer die Welt materialistisch betrachtet, sieht so den gewöhnlichen Verlauf als Aufeinanderfolge von Ursache und Wirkung; er wird die Dinge, die sich aneinanderreihen, als gleichwertig betrachten. Wer eingeht auf die Realitäten, [der] merkt, dass an gewissen Punkten der Weltentwicklung etwas Besonderes sich zuträgt, an anderen Stellen läuft sie so fort, dass sie ohne «tiefere Punkte», [Einschläge] erscheint. An einer solchen Individualität wie Buddha, einer sehr bedeutsamen Wesenheit, [ersehen wir] nicht nur die gewöhnliche Bedeutung, sondern noch eine ganz andere im Weltenzusammenhang. Da wird dann in den Schriften, die wissen, worauf es ankommt, die also nicht so vorgehen wie die gegenwärtige Wissenschaft, da wird tatsächlich auf die tieferen Kräfte hingedeutet, mit denen die tiefere Seelenwesenheit zusammenhängt, sodass bei Buddha im tieferen Sinne — natürlich wird seine irdische Mutter nicht dadurch geleugnet - [es so ist], dass er aus gleichsam väterlichem Seelenimpuls hervorgegangen ist aus der Maja, der großen Täuschung. Der väterliche Ursprung: das Aktive seines Wesens; die Maja: was zur Beleuchtung seines Wesens dient. Frage: Kann der Redner vielleicht einige höhere Erlebnisse schildern, zu denen einer gelangt aus der Naturwissenschaft, vielleicht über den Halley’schen Kometen?

Rudolf Steiner: In einem Vortrag kann man nicht alles sagen. Und das ist schon keine sinnliche Erkenntnis, das erschütternde Erlebnis, das geschildert wurde. Wer sich in die Geisteswissenschaft einlässt, findet schon, dass konkrete Schilderungen von Tatsachen und Wesenheiten der geistigen Welt vorliegen. Man braucht ja nur meine «Geheimwissenschaft» aufschlagen, darin sind gerade auf diese Frage Antworten in Hülle und Fülle.

Frage: Die nächste Frage ist eine solche, [ein Wunsch], dass mehr Vorträge zu halten wären über diese Frage: Ist Hellfühlen und Hellsehen anomal oder ein Beweis der Weiterentwicklung unserer Organe?

Rudolf Steiner: [Es ist] nicht scharf ins Auge gefasst [worden], was heute, und auch sonst in den früheren Vorträgen gemeint ist, wenn von Hellsehen gesprochen wurde. [Es handelt sich] nicht so sehr [um einen] Zustand, sondern [um das] Ziel der Selbsterziehung der Seele. Vor allem geht die Geisteswissenschaft darauf hinaus, die Selbsterziehung so zu vollziehen, dass der Mensch imstande ist, das Nötige auch zu tun, so zum Beispiel das Auslöschen der Imagination — dass später erst die geistige Welt auftritt. Das Auslöschen kann nicht vollzogen werden durch anomale Spiegelbilder von inneren Eigenschaften, Halluzinationen, Visionen, Wahnvorstellungen. Inhalt der Geisteswissenschaft kann überhaupt nur dasjenige werden, was auf dem geschilderten Wege, wobei die Seele sich immer selber kontrolliert und kontrollieren kann, erreicht ist. Dann kann man allerdings ebenso gut von Hellfühlen und von Hellsehen reden, weil diese Ausdrücke hier alle nicht mehr zutreffen. Es ist, genau gesprochen, dann auch nicht Hellsehen, kein Sehen, sondern ein anderer seelischer Prozess. Aber weil Imagination [wirkt] wie [eine] Vorstellung, um das Physische zu erkennen, kann imaginatives Schauen immerhin genügend mit Hellsehen bezeichnet werden. Und [so] kann man immerhin auch von Hellfühlen sprechen. Hellsehen [ist aber] mehr treffend als das gewöhnliche Fühlen.

Frage: Können sich die Verstorbenen durch Klopfen, Seufzen, Krachen der Möbel und so weiter bemerkbar machen?

Rudolf Steiner: [Das] kann durchaus auftreten, aber ohne wirklich heimisch zu sein in der wahren Geistesforschung, ist es so, dass man sich hier den allerallerärgsten Irrtümern aussetzen kann. Nur die richtigen Methoden, wie [sie] heute geschildert [wurden], führen dazu - zu dem, was von Inkarnation zu Inkarnation schreitet, [was] bewusst und lebendig ist, nicht, was sich gleichsam schält, abschält von [der] geistigen Natur; das kann solche Dinge hervorbringen; [so] dass, wenn darauf gefußt wird, [manches] durchaus berechtigt [erscheint, was zum Beispiel] Deinhard [in seinem] «Mysterium vom Menschen» berichtet. Dadurch [glaubt man den] Beweis [zu haben], dass hinter dem Sinnlichen ein Geistiges [ist]. Aber erst die wahre Geistesforschung beweist das, was sich auflöst. Hier [ist] Maeterlinck gescheitert, weil er sich da nicht auskennt, Abwelkendes, Absterbendes leicht für ein Wirkendes, Werdendes nimmt. [Das ist] sehr leicht möglich. Hier schaltet man das Falsche aus, [das] in der geistigen Welt nicht so ohne Weiteres möglich [ist], da ist es durchaus möglich, dass man etwas für etwas nimmt, was eigentlich ein anderes ist; darin die meisten Irrtümer, dadurch - nicht dadurch, dass man es mit Halluzination und Schwindel zu tun hat.

Fragen: Muss man beim Beten eines Mantrams den Namen nennen? Sind die Toten immer um uns, wenn wir ihrer gedenken?

Rudolf Steiner: [Antworten nicht überliefert.]

Frage: Wenn man einem Toten etwas zuleide tut: Fühlt er das Weh?

Rudolf Steiner: [Das ist] in vielen Fällen möglich.

Frage: Welcher Prozentsatz von Theosophen, oder jetzt Anthroposophen, kommt wirklich zur Erkenntnis der übersinnlichen Welten? Was erreichen die Durchschnittstheosophen?

Rudolf Steiner: Wenn wir diese Frage eben doch beantworten wollen, so müssen wir sagen, dass zuerst einige Menschen da sein müssen, [um] in der übersinnlichen Welt zu forschen. Ebenso, wie [es] Maler [geben muss], wenn Bilder [gemalt werden sollen]. Aber wie [das] Verständnis der Bilder nicht auf die Maler beschränkt ist, so sind [auch] die Früchte der Geistesforschung nicht auf die Geistesforscher beschränkt. Ich betone es fast jedes Mal, wenn ich spreche, dass ich sage, dass man durch vorurteilsfreies Denken, wenn man sich nicht Hindernisse in den Weg legt, durch Nachdenken die Früchte [davon] haben kann. So ist der Prozentsatz der Geistesforscher und derer, die die Früchte genießen, nicht zu berechnen, wie [auch] nicht berechnet werden kann, wie viele Leute Stiefel machen und wie viele Stiefel anziehen und wissen, ob sie ihnen passen. So gibt es viele Seelen, die wissen, was sie an der Geistesforschung haben. In gewissem Sinn kann jeder ein Geistesforscher werden, wenn er [so] wie in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» vorgeht.

Was die Theosophen erreichen, das hängt ja von jedem Einzelnen ab; und Geistesforschung ist ja nicht da, überhaupt Durchschnittsstandpunkte zu machen, sondern das zu geben, was jede Individualität finden kann. Einen Durchschnittsstandpunkt [zu erreichen ist] ja auch im gewöhnlichen Leben recht wenig fruchtbringend, und bei der Geistesforschung ist es damit so, dass man gar nicht davon sprechen kann, aber dass jeder Sicherheit und Kraft dadurch erreichen kann. Man würde sich sehr verwundern, wenn nicht, wie im Anfang gesagt, die Zweifel [da] wären. Aber es kommt einer mit ein paar gefundenen, hingepfahlten Begriffen und glaubt zu wissen, dass das der Geistesforschung widerspräche: Da kann nur das genaue Eingehen auf die Sache helfen. Die meisten Einwendungen kommen von solchen, die die Sache nicht kennen. Wer sie etwas kennt, [der] macht diese Einwendungen nicht, zum Beispiel [über das], was geschieht [als] die Wirkung von vorhergehenden Erdenleben. Man könne doch nachweisen, dass vererbt [Vererbung vorliegt], und die Wissenschaft habe das doch nachgewiesen. Paungarten [schreibt darüber in seinem Buch]: «Werdende Wissenschaft». Die Ursache der Vererbung liegt übrigens auf dem geistigen Gebiete. Warum lebt der Mensch, der vor mir steht? Weil er inwendig eine Lunge hat und außen Luft ist. [So sieht es auch mit den] Eigenschaften [aus, die man] vom Vater [her hat]. Ein anderer kann sagen: [Da hat sich einer] vor vierzehn Tagen erhängt ich habe ihn abgeschnitten, deshalb lebt er. Auch das ist richtig. Beide haben recht. [So habe ich schon Vorträge gehalten mit dem Thema] «Wie widerlegt man Geisteswissenschaft?». Der Geistesforscher kennt schon die Standpunkte, die möglich sind. Vielleicht [ist es] gerade dadurch, dass man sich in die verschiedenen Standpunkte einlebt, dass man zur Wahrheit kommt.

German original of How Can We Know About Supernatural Worlds? · ← Previous · Next →