Death and Immortality in the Light of Spiritual Science

GA 69d — 13 March 1913, Augsburg

15. Das Wesen der Menschenseele und das Rätsel des Todes

Wenn man in unserer Gegenwart von Geisteswissenschaft spricht in dem Sinne, wie sie den Betrachtungen des heutigen Vortrages zugrunde liegen wird, so spricht man keineswegs von etwas in unserer Zeit Anerkanntem, nicht einmal nur im entferntesten von irgendetwas Beliebtem. Im Gegenteil, alle diejenigen Denkgewohnheiten, die Vorstellungsarten, die sich bei einem großen Teil unserer Zeitgenossen herausgebildet haben, sie haben ihre Wurzeln in einem Gebiete, von dem aus man glaubt, in allem, was gerade diese Geisteswissenschaft zutage zu fördern hat, etwas durchaus nicht Wissenschaftliches sehen zu können, in vieler Beziehung sogar nur etwas, was eine Träumerei, Phantasterei ist. Und man muss sagen, dass man sich über diesen Tatbestand keineswegs zu verwundern braucht. Gerade derjenige, welcher mit dem ganzen Wesen der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, und ihrer Aufgabe in der Gegenwart vertraut ist, der würde sich sogar wundern, wenn sie ohne Weiteres leicht das Ohr unserer Zeitgenossen finden könnte. Alle großen Errungenschaften unserer Zeit, alle Erkenntnistriumphe unserer Zeit, sie beruhen auf einem anderen Gebiet als auf dem, in dem die Geisteswissenschaft ihre Wurzeln hat. Und so wahr es auch ist, dass gerade diese Geisteswissenschaft voll anerkennt alles das, was seit der Morgenröte der neueren Naturwissenschaft, seit dem Auftreten der kopernikanischen Weltanschauung diese naturwissenschaftliche Denkweise geleistet hat, so wahr es ist, dass Geisteswissenschaft, und gerade sie, das anerkennt und voll würdigt, so ist doch begreiflich, dass viele Menschen heute glauben, auf dem festen Boden dieser Naturwissenschaft nur stehen zu können, wenn sie ablehnen alles dasjenige, was diese Geisteswissenschaft treibt, und zwar — wie skizzenhaft in diesem Vortrage gezeigt werden soll - aus der Denkweise, aus derselben Logik heraus, aus welcher die Naturwissenschaft selber kommt.

Wenn man so auch nicht [von] etwas Beliebtem oder Anerkanntem spricht, so spricht man auf der anderen Seite von etwas, das tief, tief zusammenhängt mit allen Sehnsüchten des menschlichen Herzens und der menschlichen Seele, mit allen großen Rätselfragen des Daseins, ohne deren Beantwortung die Menschenseele auf die Dauer doch nicht bestehen kann; die uns nicht etwa entgegentreten wie so manche wissenschaftlichen Rätselfragen, sondern mit Rätselfragen, die uns entgegentreten in jeder Stunde, möchte man sagen, unseres Daseins, ja auf [Schritt] und Tritt. Und obzwar die Geisteswissenschaft ein weites Gebiet hat - ihr Gebiet ist sozusagen so weit [wie] das ganze Weltenall -, so muss man doch sagen, dass sich zusammendrängt das, was sie auf dem weiten Gebiet geistigen Wirkens und Daseins zu erforschen hat, zunächst in zwei bedeutsamen Lebensfragen, die man als Schicksalsfrage bezeichnet, und die als Todes- oder Unsterblichkeitsfrage bezeichnet werden kann.

Diese Schicksalsfrage tritt uns wirklich auf Schritt und Tritt entgegentreten. Wenn wir nur überlegen, wie der [eine] Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt so, dass segnende Hände ihn von Anfang an umgeben, dass er heranwächst zur vollen Entwicklung der Fähigkeiten und Kräfte, die in ihm sind, sodass man in gewisser Weise voraussehen kann: Er wird ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft sein. Der andere Mensch [ist] - und wie es zunächst scheint, ebenso wie der erste ohne sein Verdienst, so er ohne seine Schuld - von der Wiege an umgeben von Daseinsverhältnissen, [bei denen] man sagen kann, er werde sein ganzes Leben hindurch die bittersten Kämpfe zu führen haben, nur wenig Gelegenheit haben, Anlagen und Kräfte zur Entwicklung zu bringen, sodass man sagen kann, er werde ein nur wenig nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft werden. Zwischen den äußersten Extremen — wie viele Nuancen der Schicksalsfrage, die vor die Seele der Menschen tritt! Nicht so, wie manche andere Fragen, sagen wir, wissenschaftliche Fragen, die der Mensch sich immer genau formuliert - vielleicht gar nicht mit deutlichen Worten spricht dieser oder jener Mensch diese Fragen aus; darauf kommt es nicht an, stellen muss sie eine jede Seele. Und wenn sie auch nicht fragt: Wie ist es mit dem Schicksal? -, durch ihre Berührung mit der Außenwelt ist sie so oder so gestimmt, fühlt sich glücklich oder unzufrieden, arbeitet freudig, ist so, dass sie zuversichtlich durchs Leben schreitet, oder so, dass sie zu weinen hat in jedem Augenblick. Wenn auch nicht immer deutlich, sondern so, wie jede Menschenseele einmal gestimmt ist - in der Art und Weise, wie sie vor den Menschen hintritt, wie sie sich selbst benimmt, wenn sie mit sich einsam und allein ist -, daran merkt man, dass sie im Grund der Seele, unausgesprochen, selber ein Rätsel der Menschenseele ist.

Und nicht in gleicher Art wie andere Fragen - auf Schritt und Tritt begegnet man den Lebensfragen. Nicht immer werden sie [so] aufgeworfen, dass sie als wissenschaftlich erscheinen. Indem der Mensch vor das Todesrätsel tritt, sprechen gewiss immer mit Affekte, Gefühle, Hoffnungen, ohne Zweifel, das alles spricht mit. Die Todesfurcht, die Wünsche nach einem anderen Dasein, die alle sprechen bei der Frage mit und bei der Antwort, die sich viele Menschen geben; und man muss sagen: Gerade in den letzten Jahrzehnten, in denen viele unserer Zeitgenossen behaupten, alles Leben nach dem Tode ablehnen zu müssen, trat auf bei recht vielen Persönlichkeiten, die nicht unedel waren, aber Materialismus geholt haben aus ihren Anschauungen, eine Beleuchtung des Todesrätsels, von der man sagen muss - sie ist im Grunde genommen viel besser, viel edler als manche Antwort, die diese oder jene Seele sich gibt aus der Todesfurcht, aus der Lebenssehnsucht heraus. Mancher materialistisch gesinnte Mensch lehnte ein jegliches Leben für die Menschenseele ab, wenn der Mensch durch die Todespforte gegangen ist. Aber er sagte sich dabei: Das, was ich in meiner Seele mir erarbeitet habe, was ich mir heranerzogen habe zwischen Geburt und Tod, wozu ich sie fähig gemacht habe, das alles will ich so betrachten, dass ich allen Egoismus, alle Selbstsucht und Selbstliebe zum Schweigen bringe und — wie es meine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse erfordern — gerne dahinopfere auf den Altären der allgemeinen Menschheitsentwicklung.

Also [es ist] nicht alles unedel, [wenn man meint], dass es besser, höher stehend sei, nicht [zu] wünschen, dass man das, was man in der Seele entwickelt hat, durch die Todespforte trage, sondern es gerne hingibt den nachfolgenden Geschlechtern, die mit ihm schalten und walten können. Gerade an diesen Empfindungen, die man eben durchaus nicht als unedel wird bezeichnen können, kann man aber auch ermessen, dass es doch eine wissenschaftliche Stellung der Unsterblichkeitsfrage gibt, denn wenn man nur ein wenig unbefangen, rückhaltlos die Eigenart der Menschenseele betrachtet, alles das, was der Mensch sich heranarbeitet und heranerzieht bis zur Todespforte hin, dann tritt einem eine Eigentümlichkeit der Menschenseele entgegen, die man nicht verkennen kann, wenn man genauer auf diese Menschenseele eingeht. Man kann [fragen]: Was ist das Wertvollste, das Bedeutsamste an der Menschenseele? -— Das ist es, das Unvergleichliche, das, was ideell ist, was diese Menschenseele gerade so [persönlich] ausgestaltet, dass sie es an keine andere Macht, kein anderes Element abgeben kann - das kann gar nicht von der einzelnen Menschenseele an die menschliche Gattung abgegeben werden. Und gerade bei unbefangenem Betrachten zeigt sich, dass dieses ins Nichts verschwinden würde, wenn die Menschenseele selber ins Nichts verschwände, [dass] also etwas erarbeitet würde, was wir nicht anders bezeichnen könnten, als dass durch ein ganzes Menschenleben gearbeitet wird, [damit es] innere Stärke erlangt, reicher wird, und [was] sozusagen nur zu dem Zweck wird, damit es [dann] doch verschwinde. Das aber widerspricht der allgemeinen Ökonomie. Nirgends in der ganzen Welt sehen wir, dass sich in solcher Art Kräfte gleichsam zusammenfügen zu höchster Spannkraft, und dann, wenn die höchste Spannkraft erreicht ist, auf einmal verschwinden.

Man gelangt da also zu einer Fragestellung aus der Bewunderung der Weltenökonomie heraus, unabhängig von aller Todesfurcht, von jeder Menschheitshoffnung, von persönlichen Interessen, so objektiv durch die Weltenbetrachtung, wie man objektiv durch die Betrachtung irgendeines anderen Wesens oder Dinges der Außenwelt zu einer solchen Betrachtung kommen kann. So gibt es wohl eine wissenschaftliche Art, die Unsterblichkeitsfrage zu stellen. Selbstverständlich gelangt man durch alles dasjenige, was eben angeführt worden ist, [noch] nicht zu einer Antwort, sondern nur zu einer Fragestellung. Das gerade soll der Gegenstand der heutigen Betrachtung sein, dass man durch geisteswissenschaftliche Forschung zu einer Antwort kommen kann.

Nun muss von vornherein betont werden, dass alles dasjenige, was der Mensch an der Außenwelt beobachten kann, was er auch durch äußere Wissenschaften von dieser Außenwelt erkennen kann, auf einer solchen inneren Tätigkeit beruht, die durchaus an die Organe der äußeren Leiblichkeit gebunden ist. Kein Mensch kann sich vorstellen, dass er das, was der Mensch als sinnliche Wirklichkeit erkennt, beobachten könnte, wenn er keine Sinne hätte. Dass aber die Sinne mit dem Tode dahinschwinden, ist eine unmittelbare Gewissheit. Ebenso kann der Mensch erkennen, dass sein gewöhnlicher Verstand an das Gehirn gebunden ist und in Anlehnung an die Sinne denkt und arbeitet. Er muss voraussetzen, dass sein Verstand, seine Seelentätigkeit an die äußere Leiblichkeit gebunden ist und mit dem Tode dahinschwinden muss. Das ist ebenso wahr, [wie] auch unsere äußeren Wahrnehmungsorgane und das äußere Gehirn dahinfallen. So sehen wir, wie die Frage sich dahin zuspitzt, ob der Mensch imstande ist, in sich etwas gewahr zu werden, was unabhängig von seinen Sinnen, von der äußeren Leiblichkeit ist. Und unmöglich ist es, von vornherein von irgendetwas anderem eine Dauer über den Tod hinaus behaupten zu wollen als von dem, was unabhängig ist von der äußeren Leiblichkeit.

Haben wir aber im normalen Leben jemals Veranlassung, in der eigenen Seele etwas zu sehen, was unabhängig ist von der äußeren Leiblichkeit? Bewusst ganz gewiss zunächst nicht. Dass wir es aber zunächst doch voraussetzen müssen, das legt uns die Betrachtung eines Wechselzustandes im menschlichen Leben nahe, der allerdings im normalen Leben nicht immer hinlänglich beobachtet und nicht in seiner Wichtigkeit eingesehen wird, weil der Mensch leicht an dem vorübergeht, was er gewohnheitsmäßig erlebt. Und manches von solchem ist gerade das, was den Forscher denkbar tief hineinweist in die Lebensgeheimnisse. Gemeint ist hier das, was die Seele täglich trifft: Schlaf und Wachen. Wir brauchen nur einmal in ganz alltäglicher Art den Moment des Einschlafens ins Auge zu fassen, um uns eine Vorstellung zu verschaffen [vom] Wesen des Schlafes. Von vornherein sei gesagt, dass selbstverständlich in einer kurzen Abendbetrachtung nicht etwa neuere naturwissenschaftliche Hypothesen, die außerordentlich interessant zu betrachten wären, betrachtet werden sollen. Es gibt ja außerordentlich interessante Betrachtungen über das Wesen des Schlafes; und [wenn auch] gezeigt werden könnte, dass die geisteswissenschaftlichen Betrachtungen den naturwissenschaftlichen gar nicht widersprechen, so muss aber [heute] doch davon abgesehen, [und], gestützt auf die bloße Geisteswissenschaft [gesagt werden]: Wenn wir den Moment des Einschlafens betrachten, so sehen wir allerdings, wie dem Menschen seine Leiblichkeit im Augenblick des Einschlafens entfällt. Der Mensch verliert die Seelenherrschaft über seine Glieder, die anheimgegeben sind der Schwerkraft; sie werden einzig und allein der Schwerkraft und den übrigen von der Seele unabhängigen Kräften unserer Erde übergeben. Dem Menschen entfällt der Gebrauch seiner Sinne, sie beginnen nach und nach zu schweigen; was auf- und abwogt an Begierden, Trieben und Leidenschaften, Ideen und Idealen, das kommt in ein unbestimmtes Dunkel; das Gedächtnis schweigt. Nun wird gar derjenige, der behauptet, aus seinen naturwissenschaftlichen Voraussetzungen heraus nicht anders denken zu können, sagen: Die Ruhe ist ja nur wie eine Nebenerscheinung der Leiblichkeit. Wenn wir den schlafenden Menschenleib im Bette haben, so ist das nur eine andere Art und Weise der Wirkung, durch die er das aus sich hervorzaubert, was wir seelisches Leben nennen.

Nun, immer wird die Naturwissenschaft erkennen — und bei Unbefangenheit ist sie schon dazu auf dem Wege, so zu erkennen -, dass alles, was im schlafenden Menschenleibe vorgeht, nichts zu tun hat mit dem, was in der wachen Seele als inneres Leben auf- und abflutet. Nicht nur Du Bois-Reymond hat in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts voll zugestanden: Wenn wir den schlafenden Menschenleib vor uns haben, so ist er der Naturwissenschaft erkennbar, aber niemals erkannt werden die Gesetze, die in diesem Menschenleibe sind, was hervorgeht, [was] in diesem Dasein spricht an Leidenschaften, Empfindungen, Trieben, Vorstellungen. Man wird vielmehr immer das voll erkennen: Ja, wenn man den schlafenden Menschenleib vor sich hat, da gehen alle chemischen und physikalischen Prozesse innerhalb dieses schlafenden Menschenleibes vor sich. Aber daraus entstehen ebenso wenig Gedanken, Empfindungen, Leidenschaften, Triebe, wie aus den Lebensvorgängen der Ernährung oder aus der Lunge Sauerstoff oder Luft hervorgehen können. Wie die Luft außerhalb ist und durch den Atmungsprozess von der Lunge aufgenommen wird und dem Menschenleibe, so muss vorausgesetzt werden, dass alles, was wir seelisches Leben nennen, mit dem Aufwachen in den Menschen hineinspringt — wie die Luft durch das Einatmen -, dass das nichts zu tun hat mit den Prozessen, die im schlafenden Menschenleibe sich abspielen.

Heute, in unserer Zeit, ist das erst eine geisteswissenschaftliche Erkenntnis, aber gerade auf diesem Gebiete wird die Geisteswissenschaft immer die Hilfe der Naturwissenschaft haben. Sie wird erkennen, dass es ebenso absurd wäre, die Vorgänge des inneren Seelenerlebens [von] dem Leibe [herzuleiten], wie es unmöglich ist, die Luft als Wesenheit von der Lunge herzuleiten. Das gibt uns zunächst die Berechtigung, geisteswissenschaftlich — wenigstens als Hypothese, wir wollen glauben, dass sie sich zur Gewissheit erheben wird - [zu] sagen: Nun ja, es ist allerdings so, dass der geistig-seelische Wesenskern des Menschen beim Einschlafen aus dem Menschen herausströmt und in einer rein geistigen Welt ist und beim Aufwachen wieder in ihn hereinströmt in den Menschenleib. Das lässt sich logisch vergleichen mit dem Ein- und Ausatmen, nur dass wir einen materiellen Stoff einatmen und rasch wieder ausatmen, beim Schlafen ein geistig-seelisches Wesen. Man mag den Wechselzustand zwischen Schlaf und Wachen gleichsam ein geistiges Einund Ausatmen der Seele nennen, nur in weit größeren Zwischenräumen als das physische Ein- und Ausatmen. Das aber wird die Denkart der Menschheit immer erkennen, dass es unmöglich ist, das Seelisch-Geistige aus der physischen Leiblichkeit abzuleiten. Wie man die Luft außen sucht, wie sie ihren Ursprung außerhalb des Organismus hat, so hat das geistig-seelische Leben seinen geistigen Ursprung außerhalb der menschlichen Leiblichkeit und wird mit dem Aufwachen aufgenommen von der menschlichen Leiblichkeit.

So könnten wir zunächst voraussetzen — es soll an keiner Stelle zu viel gesagt werden -, dass der Mensch mit seiner geistig-seelischen Wesenheit außerhalb seiner Leiblichkeit ist. Wir müssen aber sagen - wenn wir das hypothetisch voraussetzen können -, dass der Mensch im Schlafe seelisch mit sich allein ist, abgesondert vom Leib, aber er weiß davon nichts. Bewusstlosigkeit tritt ein in dem Augenblick des Einschlafens; er ist von Finsternis und Dunkel umgeben, wenn er in den Schlafzustand übergeht. Daraus aber ist ersichtlich, welches die Voraussetzung ist, um das Seelisch-Geistige zu erkennen. Lassen wir es zunächst ganz ungewiss sein, was da außerhalb des Menschenleibes ist, wenn der Mensch im Schlafzustand sich befindet. Wir können es dann zur Gewissheit machen, wenn wir imstande sind, denselben Zustand bewusst herbeizuführen, der im Schlaf herbeikommen soll: das Seelisch-Geistige unabhängig zu machen von der Leiblichkeit, und dann es nicht unbewusst erleben, sondern es innen regsam zu machen, trotzdem das Seelische aus dem physischen Leib heraus ist. Kann das der Fall sein? Ist das möglich?

Von der Beantwortung dieser Frage hängt alle Möglichkeit einer Geisteswissenschaft eigentlich ab. Und dies ist dasjenige, was die Menschen zum eigentlichen Geistesforscher macht, was den Menschen dazu verhilft, in die geistige Welt hineinzuschauen, [...] in genau denselben Zustand versetzt, in dem sie im Schlafe sind, nur [jetzt], statt bewusstlos, in den Zustand des inneren Bewusstseins versetzt. Und dieses Letztere geschieht durch ganz bestimmte geisteswissenschaftliche Methoden, die ebenso Methoden sind wie die in der äußeren Welt irgendeinem chemischen Experiment zugrunde liegenden, nur dass das äußere Methoden [sind], die mit Händen oder mit anderen Werkzeugen angewendet werden, während das einzige Werkzeug, durch das der Mensch in die geistige Welt eindringen kann, seine eigene Seele ist -[...] es gibt keine anderen als seelische Methoden -, [aber nur dann], wenn sie diese Kräfte sich erobert [und] sie umgestaltet.

[Wann] kann man sie erobern? Nur dann, wenn man in die Lage kommt, sich zu sagen: Der Mensch ist im Schlafe deshalb unbewusst, innerlich unregsam und unlebendig, weil gewisse Kräfte so schwach entwickelt sind, dass sie ihm selber nicht zum Bewusstsein kommen. Kommt der Mensch in die Lage, dass Kräfte in seiner Seele wahrnehmbar werden, wie sie sonst im Schlafe sind, aber nicht wahrnehmbar sind, wahrnehmbar werden, [so kann er derart] Kräfte hervorholen, die ihn zu einem bewussten Wesen machen, wenn er unabhängig von seiner Leiblichkeit ist. Dann ist der Beweis durch die Erfahrung erbracht [und] die Beobachtung möglich, dass die Menschenseele auch etwas ist, wenn sie unabhängig von der Leiblichkeit ist.

Also, wenn das nicht eine phantastische Behauptung sein soll, muss ein Zustand möglich sein, der auf der einen Seite ähnlich ist dem Schlafzustand, und auf der anderen Seite radikal von ihm verschieden. Ähnlich dadurch, dass der Mensch dabei ebenso wenig seine Glieder regsam sein lässt wie im Schlafe, ebenso wenig einen Eindruck auf seine Sinne machen lässt wie im Schlafe, sondern durch innere Willkür alle Sorgen und Bekümmernisse des Lebens abweist. Der Mensch muss in die Lage kommen, in seiner Seele einen solchen Zustand herbeizuführen, dass seine Seele unabhängig vom Leib ist, wie im Schlafe, dass der Leib unbeteiligt ist am Seelenleben. Dann aber muss - und nun radikal verschieden vom Schlafzustand - diese Seele, nachdem sie auf alle äußeren Anregungen, auch auf alle Erinnerungsvorstellungen verzichtet, aus ihren eigenen Tiefen schlummernde Kräfte erwecken durch das, was man nennt Meditation, Konzentration, Kontemplation.

Was ist das? Das sind gewisse Verrichtungen der Seele, allerdings zunächst nicht merkbare Verrichtungen der Seele, die aber die Seele umgestalten, umwandeln zu einer in vieler Beziehung neuen Wesenheit, für sich selber wenigstens. Wenn wir uns eine Vorstellung bilden wollen von dem, was Meditation, Konzentration, Kontemplation ist, die in ausgiebigem Maße jeder Seelenforscher auf sich anwenden muss, so müssen wir sagen: Im gewöhnlichen Leben bilden wir uns Begriffe, lassen uns anregen von den Dingen [zu] Vorstellungen und behalten in Gedanken diese Vorstellungen. Wie viel bliebe in unserer Gedankenvorstellung übrig, wenn wir nur das hätten, was von außen kommt? Von alledem aber, was das Um und Auf ist im normalen Zustand, muss der Geistesforscher durch seine Willkür alle Aufmerksamkeit abziehen; und dann, wenn völlig leeres Bewusstsein da ist, muss er - während man im normalen Leben sehr leicht in den Schlaf zurücksinkt - durch eine stärkere Entwicklung seines Willens jetzt einige oder eine einzige Vorstellung oder Empfindung oder einen einzigen Willensimpuls in den Mittelpunkt seines Bewusstseins zu stellen in der Lage sein. So wird also hier beim Geistesforscher, wenn er so seine Seele zum Werkzeug machen will, alles durch eigene Willkür in den Mittelpunkt des Bewusstseins gestellt.

Nun kann man sagen: Es kommt nicht darauf an, was für eine Vorstellung, Empfindung, Gefühl dazu genommen wird, [sondern] darauf, dass man das ganze Seelenleben, das sonst verteilt ist auf viele Vorstellungen und Eindrücke, auf eine einzige Vorstellung hindrängt, dadurch konzentriert, zusammenzieht — darauf kommt es an. Während man im gewöhnlichen Leben rasch von Vorstellung zu Vorstellung eilt, muss man dann eine solche Vorstellung durch lange Zeit im Bewusstsein schweben lassen. [Indem] man das tut, während einer Zeit, wo sonst gewöhnlich das [Seelenleben von Vorstellung zu Vorstellung] wechselt, da strebt das ganze Seelenleben, sich nach diesem einen Punkt hin zu konzentrieren. Und darauf kommt es an. Wir wissen, dass wir auch in der Außenwelt Kräfte dadurch heranziehen, dass wir sie üben; das Lebendige zieht seine Kräfte heran, wenn es sie übt. Hier kommt es auf die Kräfte an, die in der Tiefe der Menschenseele sind und höchstens unter der Oberfläche des Bewusstseins, jetzt aber angespannt, angestrengt werden.

Man kann im Allgemeinen sagen: Es ist gleichgültig, welche Vorstellungen man dazu nimmt, aber manche eignen sich besser als andere. Aber, damit nicht abstrakt gesprochen werde, nicht als Theorie, wollen wir gleich auf Konkretes aufmerksam machen. Im Allgemeinen kommt man nicht so weit zur Zubereitung der Seele in der Geistesforschung, wenn jede beliebige Vorstellung genommen wird; sondern wenn sogenannte sinnbildliche, bildhafte Vorstellungen genommen werden, dann kommt man am weitesten — bildhafte Vorstellungen. Nun kann besonders der materialistisch Gesinnte sehr leicht sagen, die hätten keinen Wert, denn sie drückten nichts Äußeres aus. Aber darauf kommt es gar nicht an, was sie abbilden, ob sie einen Wert haben für dieses oder jenes äußere Ding, sondern was diese Vorstellung in der Seele bewirkt dadurch, dass diese Seele ihre Kraft auf sie allein konzentriert.

Ein Beispiel, [das] zunächst ganz verrückt [klingen mag: Man stelle sich] zwei Gläser [vor, im ersten ist Wasser, im anderen keines. Indem man das Wasser vom ersten in das zweite gießt, nimmt der Gehalt an Wasser im ersten zu, nicht ab]. Es kommt darauf an, dass diese Vorstellung ein bedeutsames Sinnbild sein kann für einen Lebensvorgang, einen alles im Leben durchdringenden Vorgang: für die Wirksamkeit der Liebe. So verrückt diese Vorstellung ausschaut, so kann man doch sagen: Es gibt etwas im Leben des Menschen, was im Grunde so wirkt wie dieses Sinnbild. Ein Mensch, der aus ureigensten Impulsen seiner Seele heraus immer solche Liebestaten verrichtet, dessen Seele wird dadurch nicht ärmer, sondern immer reicher und reicher. Dieses Verhältnis der Liebe zur Menschenseele kann sich sinnbildlich ausdrücken durch die sonst ganz unsinnige Vorstellung.

Nun kann man es in seinem Bewusstsein so einrichten, dass man eine solche Empfindung im Hintergrund hat, die dem Bilde Wärme gibt, [so] dass die Seele von Wärme durchdrungen ist; im Übrigen [muss man] durch Willkür die Aufmerksamkeit abwenden von allem äußeren Leben, wie sonst nur im Schlafe, dann alle Kraft der Seele auf diese eine Vorstellung hin richten, wenn man solche Übungen macht. Wenn man solche Übungen macht — wie man sie anwendet, ist zu finden in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Da ist geschildert, wie man solche Übungen macht, wie der Mensch jene Mittel heranziehen kann in seiner Seele, durch die er wirklich nach und nach dazu kommt, alles andere auszuschließen außer der Meditation. Und wenn er Geduld und Ausdauer hat, sein inneres Seelenleben so zu bearbeiten und zu erziehen, dass er immer wieder und wieder solche Konzentrations- und Meditationsübungen macht, dann wird er gewahr, dass in der Tat in seiner Seele etwas erscheint, wovon er früher gar nichts wusste. Früher [war] nur Schlaf- und Wachzustand, jetzt [ist ein] neuer Seelenzustand, der entsteht ebenso wie der Moment des Einschlafens - nur willkürlich; der tritt dadurch ein, dass der Leib seinen eigenen Verhältnissen, seiner Schwere übergeben wird, dass wir alle Vorstellungen, alles, was sonst von außen angeregt ist, ablehnen, dass nur das in der Seele ist, was wir wollen; dass wir konzentriert sind, die Kräfte, die sonst ungeübt bleiben, aus der Seele hervorholen. Dann spüren wir, dass wir sind wie der schlafende Mensch, aber nicht unbewusst, sondern innerlich rege. Und wir merken das daran - wenn wir es so weit als Geistesforscher gebracht haben -, dass wir einen gewissen Zeitpunkt eintreten sehen, [wo] wir nicht mehr Bilder vor unsere Seele hinzuzaubern haben durch unsere eigene Willkür, sondern jetzt sind wir angekommen, wo sie von selber aufschießen, von selber auftreten.

Dann kommt allmählich der Zustand, wo ein ganz neues Weltbild, ein Bild voller Mannigfaltigkeit, das wir vorher nicht gekannt haben, vor der Seele auftritt. Wie am Morgen, bevor die Sonne [aufgeht], zuerst die Morgenröte auf den Wolken erscheint, so erscheint [uns] eine Welt von Gestalten und Eindrücken. Dadurch, dass wir [in uns] erkraftet haben, was vorher schwach war, durch innere Regsamkeit den Zustand herbeigeführt haben, dass jetzt diese unsere Seele etwas ganz Neues wahrnimmt, was früher nicht wahrnehmbar war; dadurch, dass sie regsam geworden ist, tritt [sie] einer neuen Welt gegenüber; wie man der Welt der Farben und des Lichtes erst gegenübertreten kann, wenn man Augen hat, so tritt man jetzt einer neuen Welt gegenüber, weil man jetzt [sich] selber Organe dafür gemacht hat.

Es ist jetzt in der Tat so, dass man - [dies sei erwähnt] gegenüber denjenigen, die leichten Herzens Einwände machen gegen solche Seelenfähigkeiten -an das Wort des großen Philosophen Fichte erinnert wird, [der] 1811 und 1813 [gesagt hat]:

Denke man eine Welt von Blindgebornen, denen darum allein die Dinge und ihre Verhältnisse bekannt sind, die durch den Sinn der Betastung existieren. Tretet unter diese und redet ihnen von Farben und den anderen Verhältnissen, die nur durch das Licht für das Schen vorhanden sind. Entweder Ihr redet ihnen von Nichts, und dies ist das Glücklichere, wenn sie es sagen; denn auf diese Weise werdet Ihr bald den Fehler merken und, falls Ihr ihnen nicht die Augen zu öffnen vermögt, das vergebliche Reden einstellen. [...] Oder sie wollen aus irgendeinem Grunde Eurer Lehre doch einen Verstand geben: So können sie dieselbe nur verstehen von dem, was ihnen durch die Betastung bekannt ist: Sie werden das Licht und die Farben und die andern Verhältnisse der Sichtbarkeit fühlen wollen, zu fühlen vermeinen, innerhalb des Gefühles irgendetwas sich erkünsteln und anlügen, was sie Farbe nennen. Dann missverstehen, verdrehen, missdeuten sie. [...] Einen neuen und besonderen Sinn, Sinnenwerkzeug, setzt diese Lehre voraus.

Diese Welt [ist] noch nicht die Welt der Geistesforscher, aber für ihn das Stück Geistesforschung, zu dem er schon gekommen war; da war er [sich] bewusst, dass er, ohne Organe, von dem «Nichts» spricht, von Träumerei, und deshalb sagt er, man setze voraus eine Welt von [Blind-] geborenen. So, meinte Fichte, handelt es sich darum, ein neues Seelenorgan zu schaffen.

Aber erst [der Geistesforscher] ist imstande, durch die angegebenen Methoden die Seele zu einem solchen Organ zu machen. Und man muss nun sagen: Wenn er diesen Punkt erreicht hat, dann beginnt für ihn erst das Schwierigste, das, was am allersorgfältigsten beobachtet werden muss. Denn jetzt ist er ja wirklich in einer neuen Welt. Wer materialistisch gesinnt ist, wird sagen, und von seinem Standpunkt aus mit Recht - der Geistesforscher kann das alles begreifen, bloß sein Gegner begreift das nicht -, dass die Bilder auch bei der krankhaften Seele, bei Halluzinationen, Visionen, Wahnvorstellungen auftreten, äußerlich allerdings nicht, aber innerlich umso mehr. [...] Dass [die innere Wahrnehmung des Geistesforschers] sich unterscheide von der Wahnwelt einer ungesunden Seele, darauf kommt es gerade an, dass er etwas anderes [sieht] als das, was aus der ungesunden Seele auftaucht. Bei Wahnvorstellungen, Visionen, Halluzinationen ist das Wesentliche - das wissen wir ja zu unserem Leidwesen -, dass die betreffende Person einen so felsenfesten Glauben an sie hat, dass sie sie ansieht für eine neue Welt, für eine objektive Welt. Und vielleicht wissen viele von Ihnen, dass man manchem, der so leidet, leichter ausreden kann das, was er mit Augen vor sich sieht, als seine Halluzinationen, Wahnvorstellungen und dergleichen, dass mancher strenge logische Systeme erfindet, um diese Wahnvorstellungen streng logisch zu rechtfertigen. Für den Geistesforscher aber ist es das Wichtige, die Frage zu beantworten: Warum ist das so, warum Bilder, die nur Spiegelbilder der eigenen Seele sind, warum sieht er das als eine objektive Wirklichkeit an?

Wenn man mit dem Blick des Seelenforschers eine Antwort versucht, so kommt man auf etwas, was gewöhnlich, in der gewöhnlichen Menschenbeobachtung, nicht so stark genommen wird, wie es zu nehmen ist. In Wahrheit liegt diesem zugrunde der Selbstsinn, man möchte sagen, die Selbstliebe; wir dürfen sie nur nicht so nehmen, wie wir sie im gewöhnlichen Leben kennen. Im gewöhnlichen Leben ist Egoismus Selbstliebe; aber wir wissen, dass [da] doch gewisse Grade sind, dass man, weil es seelische Eigenschaften sind, sie besiegen kann. Äußere Naturerscheinungen sind anders, als was in der Seele ist. [Bei] Blitz und Donner wird man gegen sie nicht so wie gegen die Selbstliebe ankämpfen können, wenn diese auftaucht in der Seele, wenn sie uns versucht. Wir können nicht dem Blitz Stillstand gebieten, nicht dem Donner verbieten, zu rollen, hörbar zu sein. Das Innere haben wir in der Gewalt, das Äußere nicht. Aber dadurch, dass die krankhafte Seele Spiegelbilder ihres eigenen Wesens vor sich hat, dadurch werden solche inneren Tatsachen zur Notwendigkeit erhoben, dass sie dann wie Naturtatsachen stehen bleiben; dass man gegen sie nichts vermag, wie gegen das Zucken des Blitzes. Das ist das Eigentümliche, dass alles, was von der Selbstliebe, dem Selbstsinn zu einer inneren Seelenbetätigung wird, wie eine Naturtatsache stehen bleibt.

Dazu muss nun die regelrechte Schulung des Geistesforschers führen, dass er tatsächlich sich nicht nur innere Regsamkeit erobert, sondern auch imstande ist, gerade wenn er an diesem Punkte ist, die auch stärker gewordene Selbstsucht, das, was uns eine «objektive» Welt hinzaubert, zu besiegen. Da ist der wichtigste Punkt seiner Entwicklung. Alles, was er vorher getan hat, muss überwunden werden, [in dem Sinne], wie das in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben ist. Da muss nebenher gegangen sein eine solche Selbsterziehung des Geistesforschers, dass der Geistesforscher nicht nur weiß: Diese Welt von Bildern, die da auftaucht am Horizont seines Bewusstseins, ist nichts anderes als ein Spiegelbild seiner eigenen Seele; nicht nur muss er das wissen, sondern er muss seine Seele so geschult haben, dass er diese Bilder jederzeit wegzuschaffen, wegzutilgen vermag. Dazu gehört starke Selbstüberwindung, die selber wieder wie eine Naturkraft wirkt. Denn bedenken Sie nur, meine sehr verehrten Anwesenden, was das bedeutet, zuerst alle starken Anstrengungen, um die Seele innerlich so lebendig zu machen, dass ihr eine neue Welt erscheint, und dann, nachdem sie alle möglichen Anstrengungen gemacht hat, imstande [zu] sein, diese Welt wieder auszulöschen. Bei der praktischen Erfahrung zeigt sich, dass es zu den Überwindungen der Seele gehört, weil man im gewöhnlichen Leben eben nie notwendig hat, das herbeizuführen, was eben beschrieben worden ist. Man kann diese Welt auslöschen, und durch Überwindung, durch fortwährende Überwindung vermag man sie auszulöschen, bis zu einem gewissen Rest - den kann man nicht auslöschen, der bleibt. Was ist dieser Rest? Man lernt ihn erst richtig kennen, wenn man [bis] zu diesem Punkte gekommen ist. Denn es tritt jetzt für den Geistesforscher, wenn er so alles getan hat bis zu dieser Epoche, da tritt etwas ein, was zu dem Erschütterndsten gehört, was die menschliche Seele überhaupt erleben kann. Die davon gewusst haben im Laufe der Menschheitsentwicklung, die haben ein Wort geprägt, das nur derjenige versteht, der herangekommen ist an diesen Punkt. Dieses Wort heißt: Bis an die Schwelle des Todes kommen - ich habe versucht, [es] in meiner Schrift «Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen» zu charakterisieren. Es kann in hundert- und tausendfacher Art für die Menschenseele eintreten, aber [stets] hat es ein gewisses typisches Gepräge. Es kann so sein, dass man sich in einem bestimmten Moment, nachdem man solche Übungen lange genug gemacht hat - und das «lange» bedeutet das Verschiedenste für die verschiedenen Menschen in diesem Leben oder später -, dass dann ein Moment [kommt, wo] man mitten im Schlafe aufwacht oder auch im Tagesleben mitten in der Beschäftigung, [und] man diesen Moment so erlebt: Man hat gewissermaßen alles dasjenige wie äußerlich neben sich, was man bisher als sein Selbst, als seine eigene Persönlichkeit, als sich, als Mensch angesprochen hat. Man fühlt sich, als wenn man im Schlafe wirklich herausgegangen wäre aus seinem Leib, und alles mitgegangen wäre, was die gewöhnlichen Erscheinungen des Tageslebens sind. [Man hat] seine Wesenheit neben sich wie eine andere Wesenheit, nicht Fühlen, [man hat] die Empfindung: Es ist in einem [etwas] durchgegangen wie ein Blitz, der eingeschlagen hat und der einem genommen hat das, was man bisher sein Selbst genannt hat, seine eigene Wesenheit. Man lernt jetzt, heranzutreten an die Schwelle des Todes - [noch] nicht an den Tod, weil man ihn zunächst im Bild erkennt. [Es steht da], was man vor sich hat, wenn man durch die Todespforte geschritten ist, was man alles abgeben muss, wenn man durch die Todespforte schreitet. Man lernt, was es heißt, bloß «du» zu dem zu sprechen, wozu man bis jetzt «ich» gesprochen.

Zugleich tritt jetzt etwas ein- und der Geistesforscher muss in der Lage sein, bis zu diesem Punkte zu kommen, sich zu beherrschen in diesem Momente -, was etwa so zu charakterisieren ist: Der Mensch hat das Gefühl: Alle Wahrnehmung, auf die du dich bisher gestützt hast, ist jetzt außer dir; du bist zwar jetzt bewusst in deiner Seele mit innerer Regsamkeit, aber neben dir ist nichts. - Man lebt jetzt wie über einem Abgrund stehend, alle Stützen sind jetzt entzogen, alles ist entschwunden, nur Abgrund und Leere. Das Gefühl, das da auftritt, ist verwandt, sehr, sehr verwandt mit dem der Furcht, aber einer Furcht, die in der Seele wiederum mit der Kraft einer Naturerscheinung auftritt, nicht mehr Eigenschaft der Seele, sondern wie Blitz und Donner, über die man keine Herrschaft hat. Deshalb erzieht man sich dahin, dass man, wenn diese Furcht auftritt, zugleich imstande ist, sie zu besiegen. Denn die Wege der Geistesforschung sind nicht bloß theoretische und praktische Lehren, sondern Lebenssieg, Lebensüberwindung. Und man besiegt, was als Furcht vor dem Leeren auftritt. Und dann wird man sich erst recht gewahr: Was einem als Rest geblieben ist und was man nicht auslöschen kann - das bist du eigentlich, das ist deine wahre Wesenheit. Das andere wird abgelegt. Aber das, was du jetzt erlebst, das ist in dir das, was du mitbringst, wenn du durch die Geburt oder, sagen wir, Empfängnis in die physische Welt [trittst], und was wieder hinaustritt, wenn du durch die Todespforte schreitest.

Man lernt sich also innerlich erkennen, und damit ist zugleich etwas anderes verbunden. In dem Augenblick, wo man sich so selbst erfahren hat, wo alles zurückgeblieben ist, was bisher Wirklichkeit der Welt war, in diesem Augenblick tritt die wirkliche Welt auf, geistige Wesen und Tatsachen. Und gegenüber dieser Welt gibt es eine andere Gewissheit als gegenüber der ungesunden Seele - die Lebensgewissheit: Wirklichkeit der geistigen Tatsachen und Wesenheiten von Phantasien und bloßen Vorstellungen der ungesunden Seele zu unterscheiden, wie man auch in der physischen Welt Wirklichkeit von der bloßen Vorstellung unterscheiden kann. Schopenhauer hat zum Teil die Menschen [irrezuführen] versucht [in der Art, wie er] die Welt als Vorstellung [nahm], wenn auch [damit] etwas anderes von ihm gemeint ist. [...] Wenn man sich vorstellt, dass man ein 90 Grad Celsius [heißes] Eisenstück [...] sich an das Gesicht legt, [so] brennt das [nur vorgestellte Stück Eisen] nicht, [wohl aber würde ein wirkliches heißes Eisenstück uns brennen]. Keinen anderen Beweis für die Wirklichkeit gibt es als den Beweis durch das Leben; und dieser Beweis gilt. Gegen den Kant’schen Satz, dass zehn mögliche Taler nicht mehr enthalten als zehn wirkliche Taler, kann man nichts beweisen. Aber es ist doch ein beträchtlicher Unterschied: Mit zehn möglichen Talern kann man schwerlich Schulden bezahlen, mit wirklichen Talern kann man es. Als das gesagt worden ist, in einem Vortrag, ist ein Einwand gemacht worden: Ja, aber wenn das Leben der einzige Beweis für die geistige Welt ist, dann muss man sich ja erinnern, dass manche Menschen eine solche Kraft der Selbstsucht haben, dass [Lücke in der Mitschrift]. Dass jemand Limonadegeschmack auf der Zunge haben kann, wenn er nur daran denkt und [sie] nicht durch seine Kehle hinunterfließen lässt, das kann sein, das ist nicht zu leugnen. Aber der «Beweis durch das Leben» ist nicht zu Ende geführt: Man kann Limonadegeschmack haben, aber damit nicht den Durst löschen. Man muss nur immer mit dem Lebensbeweis zu Ende gehen. Und so, wie es nur den Lebensbeweis gibt, dafür, dass etwas Wirklichkeit ist, wie aber dieser Lebensbeweis genügt, so ist es auch gegenüber den Tatsachen und Wesenheiten der übersinnlichen Welt, in die der Geistesforscher eintritt. Er tritt da in der Tat in eine Welt ein, die ihm geistige Wesenheiten zeigt, die geistig so neben ihm stehen, wie er dann geistig neben diesen Wesenheiten steht, Wesenheiten, die nicht körperlich sichtbar in der sinnlichen Welt versinnlicht sind, sondern, wie er, in einem Zustand, den er durchmacht, wenn er durch die Todespforte gegangen ist.

Ich habe Ihnen gezeigt, wie das Wesen des Menschen so beschaffen ist, dass es durch die gewöhnliche Selbstbeobachtung nicht erkannt werden kann, sondern dadurch, dass er sich erst in die innere Regsamkeit versetzt, und dann in sich selber gewahr wird, nachdem er zu neuer Wesenheit gleichsam erwacht: Diese neue Wesenheit ist dieselbe, die durch die Geburt und durchs Dasein schreitet und durch den Tod wieder hinausschreitet. Dieses Leben ist nur eine Schule und Arbeit. Diese Seele ist eine Summe von Kräften, die wir auch sonst, aber nur äußerlich, im Menschen arbeiten sehen. Wenn der Mensch durch die Geburt ins Dasein schreitet, [so sind] die Gesichtszüge solch eines in das Menschenleben hereinschreitenden Menschenwesens [noch] unbestimmt, [sie] werden immer bestimmter, wie Seelenkraft auf Seelenkraft sich an die Oberfläche arbeitet aus jenem inneren Wesenskern heraus, dem wir nun immer näher kommen: dem, was nun der Geistesforscher sehen muss, wenn die Seele dahin gekommen, die Seele in ihrer wahren Wesenheit erkannt zu haben. Denn der Geistesforscher erkennt, dass mit dem, was Vater und Mutter gegeben, sich verbindet der geistig-seelische Wesenskern, der aus der geistigen Welt [kommt], sich verbindet mit dem, was von Vater und Mutter kommt. Gerade in den ersten Jahren arbeitet [dieses Geistig-Seelische] am meisten, die Leiblichkeit plastisch auszugestalten. Das, was der Geistesforscher erkennen lernt, was durch die Geburt ins Dasein tritt, [ist das], was wir an dieser Stelle arbeiten sehen; aber wenn er durch die geschilderten Vorgänge das erkennen lernt, was er eigentlich in sich hat, dann lernt er in sich das kennen, was zwischen Schlaf und Wachen von außen hereinarbeitet, was die verbrauchten Kräfte ersetzt: seelische Kräfte; er lernt kennen den geistigseelischen Kern des Menschen. Dadurch ist der Geistesforscher in einer ähnlichen Lage wie der Naturforscher vor nicht langer Zeit, im siebzehnten Jahrhundert. [Im] Flussschlamm, [so dachte man damals noch, entstehen] durch innere Regsamkeit des Flussschlamms selber niedere Tiere, selbst wärmere und Fische; [es war Francesco] Redi, [welcher bewies: Man hatte] ungenau beobachtet; die genaue Beobachtung ergibt, dass [diese] entstanden, weil im Flussschlamm ein Keim [vorhanden war]. Lebendiges [entsteht] nur aus Lebendigem; [dies wurde] zuerst im siebzehnten Jahrhundert überhaupt erst wissenschaftlich ausgesprochen. Dazumal [erhob sich] solcher Widerspruch, [da dies im] Gegensatz [zur damaligen Lehrmeinung stand], [dass Redi] nur mit knapper Not dem Schicksal des Giordano Bruno entgangen [ist. Die] heutige Mode [ist] anders geworden, toleranter nicht, wehleidiger - Verbrennen ist heute nicht mehr Sitte, dazumal verbrannte man die Leute - aber in gewissem inneren Sinne ist die Sache gleich geblieben. Damals [gab es] den allergrößten Widerspruch, heute kommt der Geistesforscher und zeigt: [Es ist] Irrtum, wenn ihr glaubt, dass die Eigenschaften und Kräfte der Seele nur aus der Vererbungslinie kommen, von Vater und Mutter, von Großvater und Großmutter und so weiter; da begeht ihr eine ebenso ungenaue Beobachtung wie die, dass niedere Tiere aus Flussschlamm [entstehen]. Vielmehr müsst ihr erkennen, dass ein geistig-seelischer Wesenskern von früher her vorhanden sein muss, der die physischen Eigenschaften ergreift wie [die] Keime im Flussschlamm. Geistig-Seelisches [stammt] nur von Geistig-Seelischem.

Und wenn man dann näher auf das Wesen des Menschen eingeht, dann kommt man zu dem Satz - wenn ich öfter die Ehre haben sollte, vor Ihnen zu sprechen, da kann es ja noch ausgeführt werden —, dann kommt man dazu, diesen geistig-seelischen Wesenskern so zu erkennen, dass er sich ergibt als die Wiederholung früherer Erdenleben. Wie der Keim auch im äußeren physischen Leib das Gattungswesen wiederholt, so ist der Wesenskern das Ideelle, und das gegenwärtige Leben ist so an das Leben gebunden, dass wir mit Hilfe der Geistesforschung erkennen: Das, was durch die Geburt ins Dasein tritt, haben wir durch eine Reihe früherer Erdenleben [errungen]. Wir nehmen es durch die Todespforte mit, durchleben dann ein rein geistiges Leben mit den Kräften, die wir uns angeeignet haben, die nicht ins Nichts verschwinden, zimmern damit ein neues Leben, und nun immer wieder. Das ist nur die Konsequenz des Satzes, dass Geistig-Seelisches nur von Geistig-Seelischem kommt - nicht von einem anderen Menschen, sondern nur von einem selber, weil es ideell ist; das heißt, von seinen früheren Erdenleben her werden. Wie [damals bei] Redi, so [wird auch] heute wieder gegen den Satz von den wiederholten Erdenleben [angekämpft]. [Es ist] immer so: Erst [erscheint es] absurd, lächerlich; nach einiger Zeit selbstverständlich. Und wie von Haeckel bis Du Bois-Reymond zugegeben wird, dass Lebendiges nur von Lebendigem [kommt], so [wird es] später [zugegeben werden, dass] Geistig-Seelisches nur von Geistig-Seelischem [stammt]; weil [es] an die Individualität, nicht an die Gattung gebunden [ist]. Die wirkliche Erforschung ergibt sich dann natürlich nur aus der wirklichen Geistesforschung. Dann aber haben wir vor uns die Lösung des Schicksalsrätsels. Das Schicksalsrätsel, [worin besteht es]? Wir werden hereingestellt mit diesen oder jenen Kräften, die wir in früheren Erdenleben ausgearbeitet; [wir erleiden] Schicksalsschläge, wozu wir uns verurteilt haben in früheren Leben, [so], dass wir angezogen worden sind von denjenigen Ereignissen, die gerade dem entsprechen, was wir uns in früheren Leben geschaffen haben. Und wenn das grausam gefunden wird, wenn dann gesagt wird: Dann [ist] nicht nur das Schicksal [zu ertragen], sondern [man soll] es sogar selbst verdient haben; — da muss entgegnet werden, dass [man es] nur im richtigen Licht sehen [muss], dann erscheint es zugleich als etwas anderes. [Nehmen wir einen] Vergleich: [Einem] achtzehn Jahre jungen Mann, [der lebt] von dem Geld seines Vaters in Hülle und Fülle, [begegnet das Unglück, dass das Vermögen des Hauses verloren wird. Er muss arbeiten und wird allmählich ein tüchtiger Mensch. ... Im fünfzigsten Jahre sagt er sich:] Für meinen Vater war es vielleicht ein schmerzliches Schicksal, für mich aber eine Bedingung meiner jetzigen Vollkommenheit; sonst wäre ich nicht der Mensch geworden, der ich jetzt bin, und nicht auf dem Standpunkt, der das Schicksal ungerecht beurteilen lässt. - Im früheren Leben [veranlagt man sich selbst zu] Unvollkommenheiten, die man nur ausgleichen kann durch [die] Überwindung dieses Schicksals. Dann wird [man] stark in seiner Seele, dann findet das Schicksal nicht nur sein Erklärliches, sondern sein großes Versöhnliches, denn dadurch [sehen wir], [wie] die Menschheit in forteilender Entwicklung von Leben zu Leben [geht], und [wie] das Schicksal zusammengesetzt [ist] von Ursache und Wirkung.

Heute [stellt man] oft die Frage: Hat die Erde einmal einen Anfang genommen? Ein anderes finden wir. Die Schicksalsfrage wird einmal wirklich für den Menschen gelöst, wenn wiederholte Erdenleben erkannt werden innerhalb der Schicksalsströmung des Menschen. Und das, was wir die Ewigkeit nennen, das unsterbliche Sein, [erleben wir dadurch], dass wir uns ganz hineingestellt finden in die übersinnliche Weltenbetrachtung.

[Nehmen wir wieder einen Vergleich: Wie wir die] Pflanze [betrachten können, die sich] von Blatt zu Blatt [entwickelt], [zur] Blüte, dann [zum] Keim, in dem die Lebenskräfte so konzentriert sind, dass sie schon die Gewähr enthalten für das Entstehen einer Pflanze im nächsten Jahr, so betrachten wir [auch] einen Menschen, der immer Kräfte erwirbt [und] diesen Lebenskeim in sich durch die Todespforte trägt, indem er ihn in sich trägt, so wahr wie die Pflanze den Lebenskeim in sich trägt. Dadurch [entsteht] die Gewähr, dass er ein Leben aufbaut, wie der Keim [der Pflanze] wieder Leben aufbaut. [Man kann eigentlich] nicht im Allgemeinen von Unsterblichkeit reden, sondern [diese ist] zusammengesetzt aus einzelnen Leben, [die die] Keime des folgenden Lebens [in sich tragen]. Ebenso [folgt] Leben auf Leben, wie Pflanze auf Pflanze. Gewiss, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man mit den Lebens- und Denkgewohnheiten der heutigen Zeit an diese Dinge herantritt, so ist die Gegnerschaft begreiflich, und [ebenso], dass viele das für phantastisch und träumerisch erklären. Aber es ist hier wie bei allen großen Wahrheiten. Schopenhauer [sagt über] die arme Wahrheit:

In allen Jahrhunderten hat die arme Wahrheit darüber erröten müssen, dass sie paradox war; und es ist doch nicht ihre Schuld. Sie kann nicht die Gestalt des thronenden allgemeinen Irrtums annehmen. Da sieht sie seufzend auf zu ihrem Schutzgott, der Zeit, welcher ihr Sieg und Ruhm zuwinkt, aber dessen Flügelschläge so groß und langsam sind, dass das Individuum darüber hinstirbt.

So ist es. Gar mancher aber sollte sich sagen - [ich kann das] heute nur skizzenhaft [ausführen] —, wer die Literatur der Geistesforschung kennenlernen wird, wer auf sie eingeht, der könnte sich dann sagen, dass nicht der geringste Widerspruch mit der Naturwissenschaft besteht. Das glauben nur diejenigen, die in naturwissenschaftlichen Denkgewohnheiten die Wahrheit sehen. Wer sagt, Vererbung sei eine naturwissenschaftliche Tatsache; das widerspreche einfach dem, was frühere Erdenleben sagen, [der übersieht]: Die Dinge widersprechen einander gar nicht. [Nehmen wir ein Beispiel]. Wenn da ein Mensch vor uns steht, da ein zweiter Mensch: [Der eine] lebt, weil außen Luft und innen Lunge [ist]. Nein, [könnte man sagen, das trifft nicht zu, denn der andere lebt, weil er sich] erhängt hat, [jedoch rechtzeitig] abgeschnitten [und gerettet wurde]. Ist das eine wahr und das andere falsch, oder sind die beiden Dinge wahr? So ist es mit den Dingen: Wahr ist, was Vererbung [ist], und ebenso wahr wie diese [eben angeführte] naturwissenschaftliche Tatsache, dass wir leben, weil außen Luft und innen eine Lunge [ist], aber ebenso ist wahr, dass diese Vererbungstatsachen da sind, weil diese Gründe, [warum der Mensch in diesen Vererbungsstrom sich verkörpert], in früheren Erdenleben liegen.

Wer sich auf die Geisteswissenschaft einlässt, der wird sehen, dass diese Geisteswissenschaft selber die Einwände sehr genau kennt, und manche sie nur machen, weil sie diese Einwände noch nicht kennen. Wenn aber die Geisteswissenschaft nach und nach bekannt wird, nicht nur als Theorie, als abstrakte Geisteswissenschaft, sondern wie ein Lebenselixier in die Seele des Menschen sich ergießen kann, [dann wird dies alles klar werden], und [man darf] nicht glauben, dass einer ein Geistesforscher sein muss, um sie einzusehen; erforschen kann man diese Dinge nur, wenn man ein Geistesforscher ist, aber wenn sie in Begriffe heruntergebracht sind für den physischen Verstand, so kann jeder den Geistesforscher heute verstehen, wie das [auch] in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» dargestellt ist. Aber es ist mit diesen Dingen so wie mit dem, was unter der Erde entsteht, und dem, was auf der Erde von der Sonne beschienen ist. [Wenn] ein Bergwerk aufgegraben [und dann] von der Sonne bestrahlt, beschienen [wird], dann [ist das] so, wie es ist mit den Errungenschaften der Geisteswissenschaft. [Man muss] ein Geistesforscher sein, um aufzusteigen in die geistigen Welten, [um] die Wesenheiten [zu] erkennen, die dort leben, [um zu] sehen, was dort vor sich geht. Wenn [sie] aber erforscht [sind], dann [kann man sie so] beleuchten, wie die Sonne [das], was durch sie entstehen kann [die Schätze des Bergwerks], dann erkennt man es durch Einwirkung des Sonnenlichtes, sieht es erst in seinen Einzelnuancen, [kann] es in die Empfindungen und Gefühle des physischen Verstandes aufnehmen. Sei es der Geistesforscher, oder [derjenige], der sie nur begreift - wenn [die geistigen Erkenntnisse] aufgenommen [sind], dann bedeuten sie ein Lebenselixier, denn dann wissen wir nicht nur von Unsterblichkeit, sondern werden aufmerksam auf das durch den Tod durchgehende Seelenleben in uns; das [Seelenleben] erstarkt [in der gleichen Weise], wie die Pflanze fühlen müsste, wenn der Keim heranwächst [und sie] wüsste: Im nächsten Sommer [wird sie] in gleicher Gestalt wieder erscheinen. Unsichtbare Lebendigkeit, Lebenssicherheit [geht aus von demjenigen], was durch Geisteswissenschaft erworben wird. Dadurch [gibt sie dem Menschen] den Halt, dass ihm die Frage nicht bloß theoretisch, sondern praktisch, als Lebenskraft, Lebenssicherheit beantwortet wird, sodass er dasjenige hat, was er im Leben braucht: Sicherheit und Kraft für die Arbeit, Hoffnung, Zuversicht für seinen Lebenskern, den keine äußere Kraft zerbrechen kann. Fichte [sagt]:

Ich hebe mein Haupt kühn empor zu dem drohenden Felsengebirge, und zu dem tobenden Wassersturz, und zu den krachenden, in einem Feuermeer schwimmenden Wolken, und sage: Ich bin ewig und trotze eurer Macht. Brecht alle herab auf mich, und du Erde, und du Himmel, vermischt euch im wilden Tumulte, und ihr Elemente alle - schäumet und tobet und zerreibet im wilden Kampfe das letzte Sonnenstäubchen des Körpers, den ich mein nenne; - mein Wille allein mit seinem festen Plane soll kühn und kalt über den Trümmern des Weltalls schweben; denn ich habe meine Bestimmung ergriffen, und die ist dauernder als ihr; sie ist ewig, und ich bin ewig, wie sie.

So sagt [sich auch] die Seele, wenn sie Geisteswissenschaft aufgenommen hat, [wenn sie] aus ihr den inneren Halt [gewonnen] hat. Und den wird sie immer brauchen, aber dann auch haben. [Die] Wahrheit [dringt durch] dünne Ritzen und Sprünge, [sie] findet sie auch. So [ist es auch mit der] Geisteswissenschaft. Und wer sie dann hat, ergriffen hat in ihrer Substanz, der weiß von ihrem sicheren Dasein so, dass er durch [sie in] einer Lebensgewissheit sein kann; und [er] steht dann gegenüber den Gegnern, die die Unsterblichkeit der Seele und so weiter leugnen, wie der Goethe’sche Ausspruch gegenüber gegnerischen Ansichten, die er, [Goethe], für unsinnig hielt, gegenüber den philosophischen Anschauungen - es gibt nämlich die philosophische Anschauung, schon im alten Griechenland, [dass es] keine Bewegung [gebe], [da der abgeschossene] Pfeil [sich jeden Moment seines Fluges] immer an einem Orte, also immer in Ruhe [befinde]; [daher gebe es] eigentlich keine Bewegung, weil [er] immer an einem Ort [sei]. Man kann das streng verstandesgemäß beweisen. Aber Goethe setzte [die] Lebensgewissheit dem Verstandesbeweis gegenüber. Das drückte er [so] aus, nicht etwa besonders tief, aber sicher:

Es mag sich Feindliches eräugnen,
Du bleibe ruhig, bleibe stumm;
Und wenn sie dir die Bewegung leugnen,

Geh ihnen vor der Nas’ herum.

Goethe meinte, damit den Beweis geliefert zu haben; ein Lebensbeweis ist es. Der Geisteswissenschaftler kann, ohne im Allergeringsten verletzend zu sein, ein Wort sagen, in das wir zusammenfassen mögen die Betrachtungen des heutigen Abends - nicht theoretisch, sondern empfindungsgemäß - als eine Sicherheit gegenüber dem, was sie leugnen. Wer innerlich ergriffen ist von dem, was die Geisteswissenschaft zu geben vermag, dem kann man sagen:

Es mag sich Feindliches ereignen,
Du aber bleibe ruhig, bleib heiter,
Und wenn sie dir den Geist ableugnen,
So grüble du nicht weiter,
Ja, gib ihnen am Ende darin gar noch recht:
Es steht mit ihrem Geist vielleicht gar schlecht.

German original of The Essence of the Human Soul and the Mystery of Death · ← Previous · Next →