Death and Immortality in the Light of Spiritual Science
GA 69d — 31 March 1914, Munich
19. Vom Todes
Seit einer Reihe von Jahren habe ich in diesem Saale über elementare Dinge und in weiterhin aufbauender Weise über die Geisteswissenschaft gesprochen, und nur aus diesem Grunde gestatte ich mir, heute Abend diesen Vortrag zu halten, muss allerdings darauf aufmerksam machen, dass [der heutige Vortrag in gewissem Sinn ein Wagnis ist und] diejenigen [Zuhörer], die wenig oder gar nichts von den früheren Vorträgen gehört haben, leicht zu dem Urteil kommen werden, alles Gesagte [schwebe] mehr oder weniger in der Luft. Früher schon habe ich in verschiedenen Richtungen die Begründungen alles dessen vorgebracht, was zu solchen Erkenntnissen führt, und gezeigt, wie es für die menschliche Erkenntnis durchaus möglich ist, zu den Quellen vorzudringen, aus denen auch der heutige Vortrag geschöpft hat, sodass ich nicht immer wieder dasselbe zur Stütze vorzubringen brauche, um aus den über das heutige Thema angestellten speziellen Forschungen der Geisteswissenschaft, das ja einer jeden menschlichen Seele nahe liegt, einiges mitzuteilen. Die Begriffe hierfür liegen in anderen Vorträgen, doch will ich einleitend noch Verschiedenes vortragen, das den Übergang für denjenigen bilden kann, der sich noch wenig mit den Gegenständen der Geisteswissenschaft beschäftigt hat.
Dass diese [Geisteswissenschaft] so ganz anders ist als die äußere Wissenschaft, obgleich sie durchaus als eine Fortsetzung der naturwissenschaftlichen Errungenschaften anzusehen ist, wurde schon öfter betont. Die Geisteswissenschaft stützt sich nicht auf die Naturwissenschaft, sondern auf ein Erkennen, das mit entwickelten Kräften der Seele erreicht wird, die zunächst im Unterbewusstsein der Seele schlummern, aber durch Meditation und Konzentration heraufgeholt werden können, sodass die Seele [so erstarkt, dass sie mit dem Worte einen Sinn verbinden kann: Ich erlebe mich als Seele außerhalb des Leibes], ich erfühle mich als geistiges Wesen so, dass ich hinblicke auf meinen Leib als auf etwas Fremdes. Das ist also eine Art geistiger Chemie, die durch Meditation und Konzentration am Menschen und durch ihn selbst getrieben wird. Durch diese geistige Chemie sondert sich das geistige Leben ab, wenn es durch diese Übungen von Meditation und Konzentration vorbereitet wird.
Dadurch entdeckt der Mensch, dass in ihm ein Wesen lebt, das sich gewöhnlich der Sinne als Werkzeug bedient, sich aber aus dem Leibe herausheben kann und dann nicht die Welt um sich hat, die durch die Sinne wahrgenommen wird, sondern eine Welt von geistigen Wesen und Vorgängen. Der Moment ist für den angehenden Geistesforscher bedeutungsvoll, wo der Mensch dahin gelangt, sich wirklich in der geistigen Welt erlebend zu wissen.
Dieser Moment kann erstehen aus dem wachen Tagesleben, ohne dass dieses gestört wird, oder mitten im Schlaf eintreten, [aus dem Schlaf heraus aber nicht zu einem Traum werden, sondern zu einem geistigen Erlebnis]. Man erlebt aber diese Loslösung vom Leib in erschütternder Weise. Das Typische dabei ist, dass - im Schlaf oder Wachleben - der Moment kommt, wo man fühlt: Jetzt geht etwas vor, was dich durchdringt wie eine [unwiderstehliche], elementare Gewalt, etwa so, wie wenn du in einem Hause wärest, wo der Blitz einschlägt. Du fühlst die Loslösung des Leibes, fühlst, dass du ihn außer dir [als etwas Fremdes] wahrnehmen kannst. - Dies Erlebnis ist das Eingangstor zu geistiger Forschung. Wenn man es erlebt hat, weiß man, was gemeint ist, wenn der Geistesforscher [von einem höheren Erkennen spricht und] dieses höhere Erkennen, dieses geistesforscherische Erkennen damit charakterisiert, dass er sagt: Es beginnt damit, dass man bis an die Pforte des Todes herantritt, denn man weiß dadurch, was es heißt, außerhalb des Leibes in der Seele zu leben. Man erlebt dieses Ereignis [nur im Bilde], aber in realer Imagination. Man weiß, was es heißt, den Tod erleben, drinstehen in der Welt, in der die Menschenseele drinsteht, wenn sie in Wirklichkeit durch die Pforte des Todes gegangen ist und den Leib der Erde übergeben hat, [wenn] die Seele in die geistige Welt eintritt.
Eine notwendige Eigentümlichkeit ist dabei. [Ich möchte nun die Seelenstimmung schildern, die notwendig ist, um sich richtig zu den dabei auftretenden Tatsachen zu stellen; denn] es ist eine andere Seelenstimmung, die der Geistesforscher entwickelt, als die Stimmung des Wissenschaftlers, wenn er sich in Vorstellungsarten der gewöhnlichen Wissenschaft, überhaupt im Alltagsleben, bewegt. Man hat da das Gefühl, dass man über alles urteilen kann. Diese Stimmung hört auf, während man sich in geistige Erkenntnisse hineinlebt. Man lernt immer mehr und mehr fühlen, wie die Wahrheit etwas ist, was in hehren Höhen über einem schwebt und auf dessen Annäherung man immer wiederum warten möchte. Man fühlt, wie notwendig es ist, sich vorzubereiten, um die Seele in die Sphäre zu bringen, wo sie reif wird, aus geistigen Welten wie durch eine Gnade zu empfangen das, was auf geistigem Gebiet Wahrheit genannt wird. Heilige Scheu [vor dem Zusammengehen der Seele mit der Wahrheit] bemächtigt sich der Seele. Man hat das Gefühl: Wenn ich vielleicht doch noch wartete, mir das, was ich jetzt forschen will, auf einen späteren Zeitpunkt verlegte, wo ich mich reifer gemacht. Dies Fühlen: Du musst erst reif werden, nicht urteilen, sondern dich anders gestalten, um Sphären zu erreichen, wo die Wahrheit an dich herankommt - diese Stimmung ergibt sich ganz natürlicherweise bei der Geistesforschung. Während man sonst sich viel erarbeiten will an dem, was Wissenschaft zusammenbringen kann, hat man in Geistesforschung das Bedürfnis, an sich selbst zu arbeiten, sich in eine Verfassung zu bringen, sodass man die heilige Scheu überwinden kann.
Damit ist [nur mit trockenen, groben Worten] hingedeutet auf etwas, was jedem, der mit Geistesforschung sich beschäftigt, etwas unendlich Heiliges und Vertrautes ist. Ein solcher kennt den Moment, wo er sich sagt: Ja, da hast du noch etwas zu erkennen, aber warte lieber. — Man hat das Gefühl, nicht würdig zu sein für die Wahrheit. Diese eigentümliche Stimmung des in einem höheren Sinn Nicht-würdig-Seins für die Wahrheit, das ist etwas, woran man lernt, dass es einen durchdringt. Das sei gesagt, um gewissermaßen etwas anzudeuten über die Stimmung, die ich gern ausgegossen haben möchte über alles das, was heute vorgebracht werden soll.
[In erzählender Form nur will ich heute aus der Geistesforschung und ihren Quellen heraus über das Problem des Todes sprechen und nehme dabei gleichzeitig Bezug auf meine Schrift über «Theosophie» und «Die Schwelle der geistigen Welt». Die Schilderung des Vortrags sol mehr so erfolgen, wie die Seele, die sich mit eigenen Kräften in die geistigen Welten versetzt hat, die Vorgänge erlebt; es geschieht das also von einem etwas anderen Gesichtspunkte als in jenen Büchern.]
Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes tritt, [also seine Seele von dem physischen Leibe losgelöst hat], tritt für ihn ein nur kurze Zeit dauerndes Ereignis ein, [mit dem der Geistesforscher vertraut ist durch da Miterleben eines eben Verstorbenen]. Dadurch, dass de Geistesforscher die Welt betreten kann, in die der Tot eintritt, sind ihm diese Erlebnisse vertraut. Die ganze innere Seelenverfassung wird dann eine andere. Im äußeren Leben, im Leibe, unterscheiden wir Denken, ode Vorstellen, Fühlen und Wollen. Diese Seelentätigkeiten werden nach dem Tode etwas anderes als im Leben, [sie kommen nach dem Tode in anderer Art zum Bewusst sein als mit jenen Worten, für die unsere irdische Sprache ihren Ausdruck geprägt hat]. Das Erleben ist ganz anders als im Leibe. Man kann nur versuchen, sich mi Worten zu nähern dem, was in der Geisteswelt geschaut wird, [wenn es auch ungelenk erscheint und im Sinne de gewöhnlichen Sprache ungewohnt sein wird].
Das Erste, was der Mensch nach dem Tode erlebt, ist dass er sich erlebt in seinen Gedanken so, dass diese Gedanken anfangen, ein selbstständiges Leben zu führer. Das ist für den Geistesforscher [bereits etwas Bekannten und tritt ihm schon ähnlich entgegen], wenn er aus dem Leibe herausgetreten ist. Er kann nicht sagen: Ich bewege meine Gedanken. - Sie werden wie eine innerlich selbstständige Wesenheit. Statt dass wir uns mit den Gedanken [im Leibe] eins fühlen, treten sie wie in die Umgebung hinaus, werden zu einer Außenwelt. So, wie die Sinnendinge und Vorgänge um uns herum vor dem Tode, so erblicken wir nach dem Tode die Gedanken, sodass es sich ausnimmt wie ein Erinnerungstableau des verflossenen Lebens.
Jeder, der unbefangen den Blick richtet auf das Leben, weiß, dass er sich zwischen Geburt und Tod einen innerlichen Lebensreichtum anhäuft. Nur einen Teil dessen, worin wir reicher geworden sind, überblicken wir so, dass wir uns in den Gedanken drin wissen. Das, was wir uns errungen haben im letzten Leben, tritt wie eine Wesenheit von Gedanken, [ein lebendiges, aus Gedankenwesenheiten bestehendes Erinnerungsbild], ein Tableau vor unsere Seele hin. Das Erste ist also wie eine Rückschau auf das verflossene Erdenleben, das ist wie eine Außenwelt, in die Gedanken, die wir aufgenommen haben, [in voller Tätigkeit] verwoben sind.
Diese Rückschau dauert nur Tage. Die Länge ist verschieden, [je nach der Entwicklung der Individualität, und dem Geistesforscher ist beim Studium dieser Frage aufgefallen]: Ein Mensch mag ungefähr so lang den Blick nach dem Tod auf seine Lebenserrungenschaften, die in Gedanken umgesetzt sind, richten, als er die Kräfte gehabt haben würde, während seines Lebens vor dem Tode sich wach zu erhalten, [ohne dass die natürlichen Ermüdungskräfte ihn zum Schlafe zwangen]. Der eine kann dies viele Nächte hindurch, der andere nicht. Es ist nichts im moralischen Wert des Lebens von dieser Dauer abhängig.
Wenn diese Zeit des Rückblickens zu Ende [gegangen ist], dann ist es, wie wenn ein Extrakt, der GedankenExtrakt dessen, was wir uns im letzten Leben errungen, sich von uns «fernen» würde. Ein wichtiger Bestandteil dieses Tableaus geht wie von uns fort. Wir haben das Gefühl, dass unsere Lebenserfahrung in weite geistige Fernen geht. Dies Gefühl, das daraus entspringt: Das, was du vor dem Tode mit dir verbunden wusstest, geht in weite Fernen -, dies Gefühl ist das Aufleuchten eines neuen Bewusstseins nach dem Tode. Wir entwickeln unser Gegenstands-Bewusstsein im physisch-irdischen Leben vor dem Tode dadurch, dass wir uns mit unseren Sinnen und Urteilskräften sozusagen an den Dingen stoßen. Dadurch, dass die Außenwelt uns Widerstände bietet, entwickelt sich die Gegenkraft in uns. Das gibt uns Bewusstsein vor dem Tode. Nachher ist das Bewusstsein nicht dumpfer, aber ganz andersartig.
[In dem Erfühlen: Es geht nun die ganze Errungenschaft, der Extrakt des letzten Erdenlebens von einem fort -, beginnt also das neue Bewusstsein, und] es schließen sich nun andere, viel innerlichere Erlebnisse an. Während wir unsere Gedanken in den ersten Zeiten nach dem Tode wie eine geistige Außenwelt um uns erlebt haben, erleben wir nun mehr durch innere Seelenkräfte, die ganz anders sind als vor dem Tode, einen Zusammenhang mit dem letzten Erdenleben, mit Seelenkräften, für die es kein Wort gibt, die man weder als Gefühl noch als Willen behandeln kann. Man könnte das bezeichnen [als etwas] wie ein Mittelding zwischen Fühlen und Wollen, [als ein fühlendes Wollen] oder [als ein] wollendes Fühlen. Es dämmert auf wie Gefühl, aber Wunsch ist in dem Gefühl. Die Seele steht unmittelbar in diesem Wunsch, und es richtet sich dieser Teil der Seelenkraft auf das letzte Erdenleben, sodass wir nun eine Zeit, die noch nach Jahren zu bemessen ist, so durchmachen. Man kann es charakterisieren wie folgt: Während des Erdenlebens befriedigen wir unsere Wünsche und Begierden, treten in gewisse Beziehungen zur Außenwelt, allein für niemand ist alles das, was er im Leben begehrt hat, Fühlen, Wollen, erschöpft, wenn er aus dem Leben tritt. Es behält das seelische Erleben, Erfühlen noch immer einen Rest, was man noch hätte genießen können. Das lebt jetzt in einer Art in der Seele auf, dass die Seele es wie wollend fühlt. Dadurch entsteht Begierde nach dem Zusammenhang mit dem letzten Erdenleben. Die Seele ist innerlich in ihrem wollenden Fühlen beschäftigt mit dem letzten Erdenleben. Dadurch, dass sie in geistiger Umgebung ist, lernt sie erkennen, dass zu jenem Fühlen und Wollen das Erdenleben notwendig ist und die Erdenverhältnisse, [und] dass sie das hier nicht befriedigen kann. Das Hinüberkommen darüber braucht Jahre [in der geistigen Welt]. Der Mensch ist da schon in der geistigen Welt drin, er nimmt sie wahr, aber er nimmt sie auf dem Umweg durch sein vorhergehendes Erdenleben wahr.
Nehmen wir an, ein Mensch sei durch den Tod gegangen, er habe jemand zurückgelassen, Freunde oder sonst jemand im Erdenleben. Er steht noch in Beziehung zu dem Wesen, das er zurückgelassen, aber sie stellt sich so her, dass der Tote in Rückschau auf sein eigenes Erdenleben schaut: “So hast du gefühlt über des anderen Wesen.” — Im Hinschauen auf dieses Fühlen schließt sich der Zusammenhang mit dem andern Wesen. Man gewinnt einen Einblick in die Wesenheit, die man zurückgelassen. So ist es auch gegenüber einer Wesenheit, die auch schon in der geistigen Welt ist und in Beziehung zu uns auf der Erde stand. Wir finden sie nicht unmittelbar, aber mittelbar durch die Beziehung, die uns gleichsam wie ein telegraphischer Anschluss zusammenschließt mit diese Wesen, das dann geistig in unserer Umgebung weilt. Wir werden nicht getrennt von den Wesen, an die wir uns angeschlossen haben. Es können Beziehungen hergestellt werden, aber, weil wir den Umweg durch unser Erdenleben brauchen, nur zu denen, mit denen wir im Erdenleben zusammengehangen haben. Wir brauchen als Vermittlungsglied das, was wir diesen Menschen gegenüber gefühlt und erlebt haben. [Die Welt des Toten besteht auf Menschen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind und mit ihm auf Erden gelebt haben in freundlichen oder feindlichen Beziehungen.] Über diesen Kreis gehen in den ersten Jahren unsere Beziehungen nicht hinaus.
Man kann darum sagen: Es handelt sich um die Zeit die der Mensch durchlebt bis zu dem Zeitpunkt, wo in sich zurückerinnert — die ersten Kindheitsjahre, an welche man sich nicht zurückerinnert, kommen nicht in Betracht.
Es ändert nichts an der Dauer dieses Erlebens, ob der Mensch fünfundzwanzig, sechsunddreißig oder fünfundfünfzig Jahre alt geworden. Wenn man die mittleren Jahre erreicht hat, wie lang man da noch lebte, trägt nicht viel bei zur Verlängerung dieses Erlebens nach dem Tod Etwa zwei Jahrzehnte ist die Zeit, während welcher sich dieses Herausringen aus dem Zusammenhang mit dem letzten Erdenleben, in Seelenkräften, die man «fühlendes Wollen», «wollendes Fühlen» nennen kann, vollzieht. Wenn diese Zeit vorüber ist, merkt man - man merkt es schon kommen während dieser Zeit -, dass eine neue Seelenkraft erwacht. Sie ist im Erdenleben nicht vorhanden; der Geistesforscher erkennt sie nur außerhalb des Leibes. Der Ausdruck kann dafür gebraucht werden: kreative, schöpferische Willensakte, Willenstätigkeit. Der Mensch gelangt dazu, nach und nach zu erfühlen: Aus dir ist etwas wie eine Seelenkraft ausströmend in deine geistige Umgebung. Man könnte diese Kraft auch als geistige Leuchtkraft bezeichnen, obwohl sie nicht dem physischen Licht ähnlich ist. Sie verbreitet sich von der Seele in die geistige Umgebung. Wir lernen durch sie erkennen, was an geistigen Vorgängen zwischen Geburt und Tod sich abspielt. Wir beleuchten uns gleichsam unsere Umgebung. Wenn man die Seelenverfassung ansieht, in der da der Mensch ist, wenn er so durch sein Seelenlicht sich seine Umgebung beleuchtet, die er als schöpferische Willenskraft erfühlt, könnte man sagen: Es ist ein unendliches, aber geistiges, edles Wohlsein in der Produktionskraft des geistigen Lichtes, wirklich etwas wie Seligkeit, die man erfühlt dadurch, dass man Wesen und Vorgänge in dieser Geisteswelt erkennt. Es ist das Heraustreten in ganz unmittelbare Wahrnehmung auch der Wesen, die durch die Pforte des Todes in die geistige Welt gegangen sind. Jetzt tritt geistiges Erkennen, geistiger Zusammenhang ein, der nicht mehr durch Zurückschauen auf unser letztes Erdenleben entstanden ist. [Vergleiche meine Schrift «Die Schwelle der geistigen Welt»]. Man hat das Gefühl: Man nimmt wahr, weil man sein Geisteslicht um sich verbreitet - sonst würde alles dunkel bleiben.
Nun tritt etwas ein wie ein Wechsel in dem Erleben. Man kann das so sagen: Die Seele strahlt dieses Geisteslicht von sich aus, aber indem sie diese geistige Leuchtkraft entwickelt, fühlt die Seele, dass sich ihre Kraft erschöpft, sie fühlt sich schwächer werden, die schöpferische Kraft abdämmern. Es wird wie ein geistiges Dunkel in der Umgebung. Das hat aber nichts zu tun mit dem Dunkelwerden in physischem Sinn. Die Seele hat nun ein anderes Erleben, das abwechselt mit dem seelischen Sich-Erfühlen, wo wir uns fühlen wie inmitten der Dunkelheit, einsam. Man möchte sagen: Zeiten geistiger Geselligkeit, geistigen Zusammenseins wechseln mit Zuständen, wo die Seele sich allein mit sich fühlt, nur erlebt, was aus ihrem Innern aufquillt, was ist, was man nennen könnte: ein Nachklingen dessen, was man im Zustand der Ausstrahlung des Geisteslichtes durchgemacht. Man kann es nicht Erinnerung nennen. Man fühlt sich einsam in einer weiten geistigen Welt, die jetzt dunkel ist.
Diese Zustände müssen abwechseln. Indem man mit sich allein ist, wird unendlich lebhaft das innere Erleben des Nachklanges. Man macht da das, was vorher Außenwelt war, zum Innenleben. Indem man so in der Einsamkeit wieder erlebt, was man vorher durchgemacht, bewirkt dies, dass diese schöpferische Kraft sich verstärkt, die andere Schwingung eintritt. Man fühlt sich dann wieder wie aufwachend, wieder mit andern geistigen Wesen zusammen. [Das sind Vorgänge, die sich mit dem alltäglichen Schlafen und Wachen vergleichen lassen, die aber ungleich länger dauern.] Ausstrahlen des Lichtes ist eine Art Wachzustand, das Einsam-Sein, bei dem man aber ganz helles Bewusstsein hat, ist eine Art Schlafzustand. Man lernt erkennen, dass diese zwei Zustände notwendig sind, dass während des einen sich die Kräfte für den andern erzeugen. So erlebt man verstärkt das, was eigenes Selbst ist, in den Zuständen der letzteren Art.
Wenn man weitergeht, fühlt man, je weiter man dem Mittelpunkt der Zeit zwischen Tod und Geburt zurückt: Immer mehr dämpft sich die Kraft, die aus der Einsamkeit wieder Seelenlicht schafft. Zeiten kommen, wo wir fühlen: Wir können immer weniger Licht ausstrahlen. Die einsamen Zeiten werden immer härter, weil einsamer; immer länger werden die Zeiten, in denen man in sich abgeschlossen. Immer mehr weiß man, eine Welt ist um einen, aber das Erleben ist ein inneres, einsames - bis die Zeit kommt, wo man in der Mitte zwischen Tod und Geburt ist. Ich habe das zu bezeichnen versucht mit [dem Ausdruck] «geistige Mitternacht», [vergleiche im Mysteriendrama «Der Seelen Erwachen» die Darstellung der geistigen Mitternachtsstunde].
Man lebt wie in [einer dunklen] geistigen Umwelt [von der wir uns schon hier eine Vorstellung bilden können, wenn wir alle Eindrücke unserer Umwelt von uns ausschalten und uns völlig auf uns selbst konzentrieren] -, die in uns [sich] konzentriert, sodass alle Welt, die wir erleben, gleichsam nur wir selbst sind. Wenn die Seele so, nachdem sie die Seligkeit des Miterlebens mit geistigen Wesen und Vorgängen durchgemacht [hat] - nicht nur andere Menschenseelen, sondern auch geistige Wesenheiten kennenlernte, die in der Geisteswelt leben und weben, nachdem sie gleichsam in der Geisteswelt hierarchisch hinaufgestiegen von niederen Wesensformen zu höheren, das alles wird [dann] innerlich verarbeitet in den Zeiten der Einsamkeit.
Dann kommt die Geister-Mitternacht. Jetzt sind die Seelenkräfte von ganz anderer Bedeutung. Wenn wir im gewöhnlichen Leben im Leib Sehnsucht haben, so ist das das Passivste in unseren Kräften. Die Sehnsucht kommt aus der Schwäche der Seele. Diese Seelenkraft hat eine ganz andere Bedeutung in der Zeit zwischen Tod und Geburt. Denn aus der Einsamkeit der Seele erwacht [in der geistigen Mitternachtsstunde] die Sehnsucht wiederum zu einer Welt, die außerhalb unser selbst ist, aber diese Sehnsucht ist eine schöpferische Kraft, und weil sie eine positive Kraft ist, stellt sie eine ganz eigentümliche äußere Welt vor uns hin, die ebenso gut eine Innenwelt ist. Es taucht vor unserem Blick auf, wie aus dem, was man die ferne Vergangenheit nennen könnte, das Bild unserer vergangenen Erdenleben. Es ist für jede Seele so, dass sie ihre vergangenen Erdenleben überschaut. Die Sehnsucht schärft den Blick. Die Seele nimmt in sich die Tendenzen auf. Diese Erdenleben waren so, und weil sie so waren, ist ein neues Erdenleben nötig, um die Unvollkommenheiten auszugleichen, damit die menschliche Harmonie vollständig in dir hergestellt werden kann. Ich habe Menschen kennengelernt, die konnten nicht an wiederholte Erdenleben glauben. Sie sagten: Mir ist ein Erdenleben genug! - In diesem Zeitpunkt glaubt nicht nur jede Seele daran, sondern entwickelt im Hinschauen darauf die Tendenz, neue, ausgleichende Erdenleben zu führen.
Das dauert einige Zeit, und es wird, indem wir diese Sehnsucht in uns haben, wieder heller. Das Nächste, was auftaucht, ist, dass wir nicht nur als geistige Wesen die Seelen um uns haben, die uns im Leben nah gestanden - sie treten jetzt in neuer Gestalt auf. Wir sehen die, die mit uns blutsverwandt oder in Freundschaft gelebt, wir fühlen: Du bist da noch das schuldig, hast noch das abzumachen. Man erlebt das Unausgeglichene, und es pflanzt sich in die Seele die Kraft, das auszugleichen. Aber diese Seelen erleben dasselbe wie wir; sie haben die Tendenz, auszugleichen, was in neuen Erdenleben ausgeglichen werden kann. Das bewirkt, dass sie mit uns zusammen ein neues Leben verbringen. Die Seelen streben so zusammen, dass sie sich in neuen Leben finden, um auszugleichen das, was unausgeglichen geblieben. Es taucht auf, was unsere nächste Umgebung war, ferner taucht das auf, was entferntere Umgebung war, [die persönlichen Beziehungen in Liebe und Abneigung treten auf]. Wir sind ja auch mit dem zusammen, mit dem wir zu einem Volk gehören, uns in dieser oder jener Gesellschaft zusammengeschlossen haben, ein gemeinschaftliches religiöses Bekenntnis gehabt haben. Innerhalb des Kreises, den wir so durchlebt haben, fühlen wir uns nun, wiederum zu einer späteren Zeit als der charakterisierten, und lernen kennen, welche Kräfte wir unserem fühlenden Wollen, wollenden Fühlen einpflanzen müssen, um weiterzukommen.
So taucht nach und nach das auf, was in uns die Tendenz erweckt, ein neues Erdenleben in einer ganz bestimmten Weise zu verbringen. Es bildet sich etwas wie ein Urbild eines neuen Erdenlebens, wie eine schöpferische Imagination: Man fühlt ihr gegenüber Wollen, denn man begehrt diese Imagination. Man fühlt: So sollst du sein in einem weiteren Leben. Man erlebt dann in der Einsamkeit eine Befestigung der Tendenz gegenüber den Bilde, wie man seinen neuen Leib sich gestalten will Während man dies alles erlebt, tritt noch ein eigentümliches Gefühl auf, was wie ein eigenartiger Wille ist. Während wir beim Willen im physischen Leben fühlen: Wii tun etwas -, fühlen wir jetzt: Er strömt [von der Ferne in uns [ein], er webt sich ein in unser Wesen, durchströmt uns wie mit Wärmegefühlen. Ein in uns strömendes, fühlendes Wollen ist da. Wir fühlen: Das kommt da her, wohin sich unsere Gedanken «gefernt» haben. Wir fühlen Wir sind auf dem Weg zu den Gedanken, die fortgegangen sind. Man fühlt: Im richtigen Zeitpunkt wirst du ein Elternpaar aufsuchen, das dir die Hüllen geben kann zu dem, was du als Urbild für ein neues Erdenleben gestaltet. Man fühlt: Der Zeitpunkt, sich wieder einzukörpern ist der, wo wir wieder zusammentreffen mit den Gedanken, die uns verlassen haben. Wir nähern uns unserer Lebenserfahrung wieder, und wo sie sich mit uns vereinigt durchdringen wir dann das Urbild, und sind angezogen von einem Elternpaar, das uns den Vererbungsstoff für ein neues Leben gibt.
Nur wenn alles normal verläuft, ist das so, aber das is in den seltensten Fällen. In den meisten Fällen entsteht die Tendenz, sich zu verkörpern, nicht genau an den Zeitpunkt, sondern andere Verhältnisse wirken dahin dass man schon früher heruntergeht. Dadurch entstehen die Erdenleben, die nicht voll wieder aufnehmen das, was wir uns früher erworben haben, die Leben, die einen Niedergang darstellen.
Es stellt sich dann heraus, dass, wenn der Mensch zur Erde herabgehen muss und die Gedanken noch fern sind, wenn er sogar noch einmal und noch einmal heruntergeht, bevor er zu dem Zeitpunkt gekommen ist, wo er mit seinen errungenen Lebenserfahrungen zusammentrifft, dass er doch noch einmal ankommt bei den Gedanken, sich wieder ausgleichen muss mit dem, was er gleichsam vorzeitig durchgemacht hat.
Hier zeigt sich, wie aufklärend die Ergebnisse der Geistesforschung sind. Der Geistesforscher entwickelt auf naturgemäße Weise eine Innigkeit für alles, was auf Erden lebt und leidet und sich freut. Er entwickelt für jede Seele Verständnis. Nehmen wir an, man steht einer Verbrecherseele gegenüber - notwendige Bestrafung muss ja sein —, man kann aber mit tiefem Mitleid einer Verbrecherseele gegenüberstehen. Es entsteht der Trieb, sich Aufklärung zu schaffen, wie diese Seele sich so verkörperte. Man entdeckt: Das ist eine besondere geistige Frühgeburt. Sie ist veranlasst, viel früher herabzusteigen, als die Gedanken auf ihren Weg getroffen sind. Solche Seelen haben die Tendenz, sich in diesem Zeitpunkt zu verkörpern, aber indem sie sich nicht verkörpern können im Zeitpunkt, wo sie mit ihren Gedanken zusammentreffen, tragen sie trotzdem die Tendenz, ins Erdenleben zu gehen, tragen in sich, dadurch, dass sie nicht angekommen, wo sie hinsollten, eine Missachtung des Lebens im Unterbewusstsein. Es wird einem eine solche Seele erklärlich. Ich habe versucht, bis in die Verbrechersprache zu verfolgen die Eigentümlichkeit der Verbrecherseele. Es gibt ja schon Wörterbücher dieser Sprache. Die Verbrechersprache zeigt einen Charakter, der zusammenhängt mit dessen unbewussten Seelentendenzen. Man prüfe nur diese Sprache. Es drückt sich darin aus, man möchte sagen, eine gewisse Verachtung des Lebens. Verfolgt man diese Zusammenhänge, so sieht man, dass ein richtiges Sich-drin-Fühlen in der Verkörperung nur der Mensch hat, der sich im richtigen Augenblick verkörperte, [dessen Seele sich mit seinen gesamten Gedanken in dem richtigen Zeitpunkt zusammenfindet], der andere fühlt sich nicht harmonisch drin. Diese Seelen haben einen besonders starken oberbewussten Selbsterhaltungstrieb, in ihren unbewussten Tiefen ist Lebensverachtung. Das Zusammenwirken dieser Verachtung mit dem Selbsterhaltungstrieb gibt die verbrecherischen Naturen.
Mancherlei erlebt man an Einzelheiten der Wiederverkörperungen, wenn man so betrachtet das, was die Seele erkunden kann, mit der richtigen geisteswissenschaftlichen Methode. Was ich erzähle, sind einzelne Fälle. Wenn ein Mensch durch ein Unglück vorzeitig stirbt, verlässt er einen Leib, den er nicht schon hätte verlassen brauchen. Er kommt in diese geistige Welt so, dass sie ihm in ganz anderer Art entgegentritt, [als wenn der Tod im hohen Alter eingetreten wäre]. Er schaut sie durch den Schleier der Kräfte, die noch im Leibe hätten wirken können. Dadurch entwickeln sich stärkere Kräfte, als wenn sie ohne diesen Schleier sich hätten entwickeln können. Man lernt als Geistesforscher Menschen kennen, die so stark geworden sind, die Kräfte haben, durch die sie mehr als andere ihren Leib beherrschen können, über das, was Ermüdung ist, hinausgehen. Sie sind durch ein Unglück gegangen - so findet man -, durch frühen Tod, haben sich etwas bewahrt, was ihnen viel Kraft gegeben hat.
Die Welten sind voneinander geschieden. Wir müssen sagen: Es ist unmöglich, wäre Unsinn zu sagen, dass ein Leben früher geendet werden soll, um [im Leben in der geistigen Welt und allenfalls auch im späteren Erdenleben] starke Kräfte zu bekommen. Diese Kräfte können ja schlechte sein. Oder auch gute. Wir müssen die Möglichkeiten dieses Lebens ausleben; soll das aber so sein, liegt [der frühere Tod] in unserem Schicksal, [so wird er ohne weiteres Zutun schon eintreten; erst auf höchster geistiger Erfahrungsstufe ist ein solcher vorauszusehen]. Das Leben wird hell, wenn man es durch derartige Forschungsergebnisse so anblickt, in das Leben, das zwischen Geburt oder Empfängnis und Tod, und das Leben zwischen Tod und Geburt hineinblickt. Das Urbild zu unserem Leben haben wir uns [ja in der geistigen Welt] selbst gebildet. In diesem höheren Sinn sind wir aus der Geisteswelt heraus die Former, die Gestalter unserer Leben, die Neuschöpfer, [Mitschöpfer an unserem Erdenleben].
[Wenn mancher diese Darstellungen so auffassen sollte, dass nur die eine Seele zu der anderen ein Verhältnis habe, so kann ihm berichtigend gesagt werden, dass ja auch der Geistesforscher an der Pforte des Todes den entkörperten Seelen in ähnlicher Art wie diese untereinander gegenübersteht, und dadurch ist die Möglichkeit dazu gegeben, etwas über den Tod zu erfahren.
Das, was in uns lebt als Unsterbliches, lebt mit Eigenschaften, die im Leben gar nicht so herankommen, wie sie sind. Zwischen Tod und Geburt ist Fühlen und Wollen nicht wie hier, denn das fühlende Wollen, wollende Fühlen ist da viel lebhafter wie hier. Was wirklich unsterblich in der Seele lebt, entdeckt der Geistesforscher in sich.
Wenn man einem Ding gegenübersteht in der physischen Welt, hat man dessen Eigenschaften, [die man durch die Sinne vielfach wahrnehmen kann], nicht zu beweisen, zum Beispiel die Röte der Rose. Die philosophischen Untersuchungen über die Unsterblichkeit ergeben sich nur als möglich, so lang man nicht dem, was in uns lebt, gegenübersteht mit andern Eigenschaften, als wir sie sehen. Der Geistesforscher weiß: Dies Seelenwesen hat ein anderes Schicksal als der Leib, es trägt die Unsterblichkeit in sich. Der Verkehr mit der Außenwelt pflanzt etwas ein in die Seele, was der Keim ist, der ein neu« Erdenleben gestaltet. So wahr aus dem Keim der Pflanze, der schon da ist, während die Pflanze lebt, [nach der Verwelken] sich eine neue Pflanze entwickelt, so wahr ist, dass sich zwischen Tod und Geburt der Keim zu dem neuen Leben entwickelt; er muss nur durch das Lebe zwischen Tod und Geburt durchgehen. Etwas ist ab anders als bei der Pflanze. Dass sich in der Seele ein Kern entwickelt, der durch geistige Welten geht, der da is wird bald klar, wenn man mit Geistesforschung bekannt wird, aber die Sorge kann man noch haben: Ja, der Pflanzenkeim kann aber gegessen werden, kann verderben. Es kann die Möglichkeit da sein, Neues zu werden; kann es aber auch nicht werden. — Das ist nur in der physische Welt der Fall, in der geistigen Welt nicht. [Für den Geistesforscher ergibt keine seiner Beobachtungen etwas was den Seelenkern abhalten könnte, nach den in ihn im Leben zwischen Tod und neuer Geburt eingesenkte Kräften wieder in einem neuen Leben zu erscheinen.
So wird erst das Leben im Leibe klar, wenn man es so betrachtet, dass es die Folge ist des Lebens außer dem Leibe und wieder der Keimesgrund für ein neues Leben auf der Erde. Man kann sehr gut wissen, dass in unserer Gegenwart überall feindliche Stimmen gegen solche Ergebnisse, die mit aller Vorsicht der Geistesforschung gewonnen sind, erhoben werden müssen. Es weicht das sehr ab von den Denkgewohnheiten der Zeit. Aber auch bei dem Herankommen der kopernikanischen Weltanschauung, [als Kopernikus auftrat und den damaligen Menschen sozusagen die Erde unter den Füßen weggezogen wurde, indem er lehrte, die Erde bewege sich mit rasender Geschwindigkeit durch den Weltenraum, aber ihr gegenüber stehe gewissermaßen die Sonne still, ganz entgegen der früheren Denkgewohnheit], musste der Mensch umlernen, etwas anderes anschauen lernen. Die Menschen gewöhnen sich nur allmählich an neue Denkgewohnheiten. Für den Geistesforscher ist in den Tiefen der Seelen schon die Sehnsucht zu schauen nach Erkenntnis dessen, was außerhalb von Geburt und Tod, [außerhalb des Erdenlebens vor sich geht]; die Seelen streben, ohne es zu wissen, danach, diesen «geistigen Kopernikus» zu erreichen.
Derjenige, der sich darauf einlassen muss, weil ihn sein Schicksal dazu bestimmt, über diese Dinge zu sprechen, muss sich eben durchaus verlassen darauf, was sich doch immer als das Richtige im Lauf der Menschheitsentwicklung ergeben hat. Rückschrittliche Geister konnten auch damals oft nicht mit. [Die Naturwissenschaft wollte zu den Zeiten des Kopernikus sich in rückschrittlicher Weise in dessen Anschauungen nicht vertiefen, dessen Werke waren lange Zeit auch von der Kirche verpönt], aber man hat an ihm gesehen, wie die Wahrheit ihren Weg findet, und müsste sie sich durch die dünnsten Spalten durchzwängen. Darauf verlässt sich der Geistesforscher. Wie Kopernikus, Giordano Bruno sich in die widerstrebenden Denkgewohnheiten der Menschen einlebten, deren Blick in den unendlichen Weltenraum führt, so wird sich geistige Anschauung einleben, die zeigt, dass das geistige Firmament, das zwischen Geburt und Tod liegt, nur durch die menschliche Erkenntnis gemacht wird, und dass der Blick sich in eine zeitliche Unendlichkeit erweitern wird. Solches möchte man als einen innerlich erkraftenden Trost charakterisieren, gegenüber den Stimmen, die begreiflicherweise heute noch gegen die Geistesforschung sprechen, besonders von der Seite, die fest auf dem Boden der Wissenschaft zu stehen meint. Der Geistesforscher erkennt die Triumphe der Wissenschaft, sieht ihre Notwendigkeit ein. Wenn von religiöser Seite, aus einem gewissen Triebe, das geistige Gebiet dem Glauben zu erhalten, Einwände gemacht werden, möchte man sagen: Als Kopernikus mit der neuen Weltanschauung kam, sagten viele: Das kann man nicht glauben, das steht nicht in der Bibel. - Sie glaubten die Religion gefährdet. Die Zeit ging darüber hinweg. Religion fand sich ab mit Kopernikus. Religion kann nicht gefährdet werden dadurch, dass neue Wahrheiten gefunden werden. Wie schwachmütig muss eine Gottesvorstellung sein, [die es nicht ertragen könnte, wenn neue Erkenntnisse in sie hineingetragen würden]. Nehmen wir an, Kolumbus hätte Amerika entdecken wollen und andere hätten ihn abhalten wollen zu fahren, denn man könne nicht wissen, ob die Sonne auch dort scheine. Auf derselben Höhe stehend nimmt sich der Glaube aus, der sagt, es könne religiöses Empfinden und Gottesglaube gefährdet werden dadurch, dass neue geistige Gebiete der Seele erschlossen werden. Wie man weiß, dass die Sonne auch dort im neuen Land scheinen wird, so weiß der Geistesforscher, welche Welten der Seele und des Geistes jemals erschlossen werden. Deine Gottesvorstellung ist eine starke, innere Sonne, die in alles das hineingetragen werden kann. Da kann das religiöse Empfinden nicht gefährdet werden. - Jemand erwiderte mir darauf: Ja, aber du verwechselst die kopernikanische Weltanschauung mit der neuen angeblichen Geisteswissenschaft. Du siehst nicht, dass Kopernikus Tatsachen entdeckte. Geisteswissenschaft bringt bloß Behauptungen. - Man möchte sagen: [Armer Geistesschlucker], wie wenig ahnst du, was du sagst. [Was weißt du von den Tatsachen der kopernikanischen Weltanschauung, was hast du je von diesen selbst wirklich erfahren?] Würdest du nicht unter der Suggestion leben, sondern die Sache studieren, so würdest du sehen, dass damals [beim Eintritt jener umwälzenden Gedanken über die kosmische Gestaltung und Bewegung unseres Planetensystems] dasselbe vorlag wie jetzt durch die Anschauung für die geistigen Welten. - Derselbe hätte gewiss vor der Entdeckung der kopernikanischen neuen Anschauung gesagt: Es ist doch eine Tatsache, dass die Erde stillsteht [und die Sonne sich - wie es der Augenschein ergibt - um die Erde bewegt]. - So sagt er jetzt: Es ist eine Tatsache, dass der Mensch nur einmal auf der Erde lebt. - Er wird erkennen, [dass verschiedene Erdenleben auch Tatsachen sind]. Die Geisteswissenschaft kann heute [trotz unserer logisch so stolzen Zeit] den [materialistisch aufgewachten] Menschen nicht leicht einleuchten. In einem [neueren] Buch «Gedanken über den Tod» von [Brausewetter ist zu lesen]:
Die Unsterblichkeit zu beweisen ist unmöglich. Weder Plato noch dem auf ihm fußenden Mendelssohn ist es gelungen, sie aus der Einfachheit und Unzerstörbarkeit der Seele zu erhärten. Mögen wir auch der Seele eine einfache Natur einräumen, so bleibt doch ihre Beharrlichkeit als bloßer Gegenstand des inneren Sinnens unerwiesen und unerweislich.
Der Rose kann man ihre Röte nicht beweisen. Für den, der das geistige Leben auffassen kann, kündigt sich [aus solcher Probe, die aber symptomatisch ist], die fadenscheinige Logik von vielem Heutigen an. [Zum Schluss möge es gestattet sein, das heute Abend Vorgetragene wie in einer Empfindung zusammenzufassen: Man fühlt die Geisteswissenschaft als etwas, das neu in unserer Zeit an die Menschen herantritt, eins mit den Ahnen, den hervorragendsten Führern der geistigen Menschheit.] Nur auf ein schönes Wort von Goethe sei hingewiesen, das wir nicht flüchtig hinnehmen dürfen, das nicht nur eine Bekräftigung ist von Goethes Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, das auch tief verwandt ist mit den Forschungen der Geisteswissenschaft über das Leben außerhalb des Leibes. Goethe sagt:
Ich möchte keineswegs das Glück entbehren, an eine künftige Fortdauer zu glauben; ja ich möchte mit Lorenzo von Medici sagen, dass alle diejenigen auch für dieses Leben tot sind, die kein anderes hoffen; allein solch unbegreifliche Dinge liegen zu fern, um ein Gegenstand täglicher Betrachtung und gedankenzerstörender Spekulation zu sein. Geistesforschung zeigt uns, dass ja das, was von uns lebt, wenn wir durch die Pforte des Todes geschritten sind, dass das in uns als Seelenkern lebt zwischen Geburt und Tod in den Tiefen der Seele und fortwährend heraufwirkt. Wir leben von dem Kern, der sich für künftige Leben entwickelt. Von dem, worauf wir hoffen, leben wir, [sonst könnten wir nicht seelisch leben, ohne die gefühlsmäßige, tiefinnerliche Überzeugung von dem, was wir für ein geistiges Leben erwarten könnten]. Unsere Lebenskraft ist unsere Hoffnung auf ein geistiges Leben. Das ahnt, fühlt Goethe. Er sagt darum nicht bloß, er fühle sich überzeugt von der Unsterblichkeit der Seele, er sagt:
Ich fühle, dass der Mensch lebt von dem, was er sich erhoffen kann.
Dies Wort bekräftigt die Geisteswissenschaft, die sagt, dass wir von der Hoffnung auf künftige Leben schon in der Gegenwart leben.
Fragenbeantwortung
Frage: Ich war Missionar und hatte [eine] schwere Malaria, lag in Agonie. Dabei erlebte ich, wie mein ganzes Leben in schnellen, aber nicht unruhigen Bildern an mir vorüberzog, so etwa wie Bilder ohne Rahmen an einer langen Wand.
Rudolf Steiner: Dieses Erlebnis ist nicht [ein] Ausnahmefall, sondern [es ist] ganz naturgemäß im seelischen Leben begründet. Dieses Vorüberziehen hat man nicht nur dann, wenn man stirbt, sondern jedes Mal, wenn man mit seinen Seelenkräften außerhalb seines Leibes weilt. Der Geistesforscher kann es willkürlich herbeiführen. Man findet einen solchen Fall geschildert bei dem Kriminal-Anthropologen Moritz Benedikt, [der als Kind] ins Wasser gefallen [war]. Jedes Mal, wenn das seelische Erleben sich loslöst, tritt diese Rückerinnerung ein. Man kann also die Sache nicht anders erwarten, als [wie] sie hier geschildert wurde. Es schaut aus wie Kinematographie, weil es so schnell geht, dass es fast gleichzeitig erscheint. Durch den Vergleich mit dem Kinematographen soll nur die Schnelligkeit des Bildablaufes zum Ausdruck kommen.
Frage: Kann man seine Eltern und seine neue Existenz wählen?
Rudolf Steiner: Der Mensch kann im geistigen Dasein seine Begriffe nicht so auf seine Wünsche beziehen wie vor dem Tode. Nur wenn man ein wirksames Ideal - aber es muss ein wirksames sein — seines kommenden Erdenlebens sein will, so kann man das Elternpaar wählen.
Frage: Kann man eine Rückerinnerung an seine vorige Existenz haben?
Rudolf Steiner: Das ist nur eine Frage [der] Reife. Es besagt nichts gegen die Rückerinnerung, dass die meisten Menschen sie heute nicht haben. Das wäre so, wie wenn man sagen würde: Du behauptest, der Mensch kann rechnen. Ich bringe dir einen Menschen, der nicht rechnen kann, also kann der Mensch nicht rechnen. - Man kann ein sehr berühmter Mann in einem Erdenleben sein, und dadurch kann gerade bedingt sein, dass im nächsten Erdenleben ganz andere Bedingungen eintreten. Diese Rückerinnerung tritt eigentlich nur als eine Art Erkenntniserhöhung ein.
Frage: Wie ist Reinkarnation möglich? Die Völkerzahl [Bevölkerungszahl] vergrößert sich doch.
Rudolf Steiner: Das ist eine Frage, die fast nach jedem zweiten, oft nach jedem Vortrag auftaucht. Das eine schließt aber das andere nicht aus.
Frage: Gehen die wiederholten Erdenleben in infinitum? Und wenn nicht, was kommt nachher?
Rudolf Steiner: Sie gehen ungefähr so lange, wie die physische Erde dauert. Man kann in einem Vortrag nicht immer alle Dinge vorbringen, vom Anfange der Welt bis zu ihrem Ende. Man soll in seinem Vorstellen überhaupt nicht solche übereinandergeschichteten Etagen, nicht solche erspekulierten Gedankenetagen haben. Jedenfalls wird sich das schon ergeben, was dann weiter folgen soll. Ein Redner soll einmal auf die Frage, was denn Gott getan habe vor der Erschaffung der Welt, geantwortet haben: Ruten geschnitten für die unnützen Fragensteller. - Ich hätte das nicht gesagt, denn ein Vortragender hat ja in gewisser Beziehung höflich zu sein, nicht wahr, aber die Meinung, dass man «letzte Fragen» aufstellen kann, entspringt einer Denkgewohnheit. Frage: [Gibt es] einen Unterschied für das Leben nach dem Tode, wenn ein Selbstmörder sich im Wahnsinn das Leben genommen hat?
Rudolf Steiner: Da liegen schon andere Verhältnisse vor; man muss auf das gesamte Schicksal schauen.
Frage: Hat es [einen] Zweck, für unsere Verstorbenen zu beten, Messen zu lesen? Leben die Toten mit uns in Fühlung?
Rudolf Steiner: Mit dem Tode fällt alles ab, was physisch ist, aber alles andere bleibt bestehen, der Geist der Verhältnisse, Freundschaft und so weiter. Lebendiges Gedenken ist das Beste; das kann auch ohne Messe sein, es ist eben verschieden nach den Religionsbekenntnissen. Jedes Sich-Sammeln, jedes In-sich-, Bei-sich-Sein nähert [einen] den geistigen Welten und kommt auch den Toten zugute.
Frage: Stellt Hodler den Anfang oder das Ende einer Kunst dar?
Rudolf Steiner: Das hängt vom Standpunkt ab! Alles ist ein Anfang von etwas und ein Ende von etwas anderem.
Frage: Wie ist es bei Geisteskrankheit: [bei] übermenschlichen Zerstörungskräften [oder] Starre, innerlich erregtem Eindruck [oder beim] Stimmenhören? Rudolf Steiner: Hier ist ein ganzes Bündel von Fragen. Es gibt eigentlich nicht eine Erkrankung des Geistes. Was man «Geisteskrankheiten» nennt, ist eigentlich auch nichts anderes als eine körperliche Anomalität. Wenn Sie sich in einem schlecht konstruierten Spiegel ansehen, kann Ihnen ein Gesicht entgegenglotzen, das man nicht gern haben möchte. In der Wechselwirkung des Seelisch-Geistigen mit dem erkrankten Leib ist die Ursache zu suchen für die sogenannten Geisteskrankheiten. Ich bemerke ausdrücklich, dass daraus nicht folgt, dass die Kur nur eine rein physische zu sein brauchte. Häufig ist es so, dass [ein] Körper, der in Unordnung ist, die Seelenäußerung verzerrt; wird der Körper geheilt, dann tritt dadurch Beruhigung, in vielen Fällen Besserung ein.
Frage: Ist Geburteneinschränkung erlaubt? Rudolf Steiner: Na, da haben wir’s ja!
Frage: Wie ist es mit einer Inkarnation, wo der Mensch kurz nach der Geburt verstorben ist?
Rudolf Steiner: Da ist diese Inkarnation zum vorigen Erdenleben hinzuzurechnen. Der Mensch hat vielleicht in seinem letzten Erdenleben nicht alles aus sich heraussetzen können, was er wollte. Dann stückelt er noch so ein kurzes Leben an. Das gehört dann karmisch noch zum vorhergehenden Leben, nicht zur folgenden Verkörperung, besonders, wenn der Tod schon vor der Geburt eintritt. Zuweilen wenigstens ist es so, zuweilen auch anders. Zum Beispiel will man mit bestimmten Menschen zusammentreffen, die gerade verkörpert sind. Das kann sich in frühester Kindheit abspielen. Hundertfältig können die Verhältnisse sein.
Frage: Wie ist es, wenn der Mensch als Irrsinniger verstorben ist? [Die weitere Fragestellung war so, dass die Zuhörer anfingen zu lachen.]
Rudolf Steiner: Es war neulich auch einer, der über eine Frage spottete; ich musste erwähnen, dass ich das wenig christlich finde, und da es ein Pfarrer war, war es eine eigentümliche Erscheinung.
Man soll über solche Fälle nicht spekulieren, sondern nur konkrete Beispiele nehmen. So war einmal ein Mensch als Idiot geboren, der viel unter der Lieblosigkeit seiner Mitmenschen zu leiden hatte. In der Rückschau nach dem Tode erlebte er, dass er dadurch große Kräfte entwickeln konnte. Kräfte wandeln sich ja in der mannigfaltigsten Weise um. Dieser Mensch wurde als ein Genie der Philanthropie wiedergeboren.
Frage: Wie ist es, wenn der Geistesforscher kein Heiliger ist?
Rudolf Steiner: Vielleicht ist er es nur in den Augen seiner Mitmenschen nicht. Lichtenberger sagt: Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenschlagen und es klingt hohl, muss dann die Schuld gerade am Buch liegen? Frage: [Wie ist es bei] hereditärer Belastung? Rudolf Steiner: [Keine Antwort vorliegend.]
Frage: Es müssten, nach dem letzten Vortrag zu urteilen, Menschen mit bösen Instinkten geistig am reichsten begabt sein.
Rudolf Steiner: Im letzten Vortrag war nicht eine Glorifikation des Bösen gemeint. Man darf nicht sagen, das Böse sei etwas, was wertvoll ist in der geistigen Welt. Wird es aber heruntergetragen, wo es eben nicht hingehört, dann ist es das Böse. Auch begabte Menschen mit bösen Instinkten zeigen da, dass sie das, was sie haben, nicht in höheren Welten gelassen, sondern es zu Unrecht in die physische Welt heruntergetragen haben.
Frage: Ist das lange Wachhalten besonders wünschenswert?
Rudolf Steiner: Nein, durch solche Dinge erreicht man gar nichts.
Frage: Ich sehe bei geschlossenen Augen oft das Antlitz meiner vor fünf Jahren verstorbenen Mutter; sie öffnet müde die Augen, die sich oft mit Trauer füllen. Was kann ich für sie tun?
Rudolf Steiner: Das ist eine ganz spezielle Frage, und es müsste bei der Antwort berücksichtigt werden, dass wir hier einen speziellen Fall vor uns haben. Die mannigfaltigsten Erscheinungen können die verschiedensten Ursachen haben, zum Beispiel kann Affizierung des Ätherleibes vorliegen. Mit Liebe an einen solchen Toten denken und sich mit ihm in Gedanken beschäftigen ist jedenfalls gut, denn was man in Gedanken tut, gehört der geistigen Welt, also dem Toten an.
Frage: Was versteht man unter Anthroposophie?
Rudolf Steiner: Das ist in Worten nicht so leicht zu sagen. Anthroposophie ist das, was der Mensch über sich erfahren kann, wenn nicht nur der Verstand - dadurch nur ein Teil des Menschen -, sondern wenn der ganze Anthropos Antwort gibt.