Death and Immortality in the Light of Spiritual Science
GA 69d — 16 April 1914, Prague
24. Wie Findet die Menschenseele ihre Wahre Wesenheit?
Spiritismus; niemals könnte die Menschenseele etwas wissen von geistigen Wesen und Dingen, wenn diese geistigen Wesen und Dinge Eigenschaften hätten, die auch in der physischen Welt sind. Schlechtes Gedächtnis: deshalb, weil [man] nicht dazu erzogen worden [ist] oder sich selbst erzogen [hat], Aufmerksamkeit zu entfalten. Aufmerksamkeit [ist] das eine, das andere [ist], dass wir immer uns an das erinnern, was unser Ich erlebt, dass der Mensch immer wieder anknüpfen kann an seine Vergangenheit. Immer [ist] die Aufmerksamkeit auf die schon erlebten Dinge zu wenden. Was schon im gewöhnlichen Leben [da ist], diese innere Aufmerksamkeit, das muss ins Unbegrenzte gesteigert werden, das ist Konzentration der Seelenkräfte. Am besten [ist es], wenn [man sie] sich in freier Seelentätigkeit aus Willkür zur Pflicht macht. Nicht, dass man sich konzentriert auf diese oder jene Vorstellung [ist wirksam], sondern dass man sich immer wieder dieser Konzentration hingibt. Steter Tropfen höhlt den Stein; nicht wie ein Tropfen den Stein höhlt.
Dann [übt man] Hingabe, negative Seelentätigkeit. In dieser Negation [soll man] ganz aufgehen. Die erste [Seelentätigkeit ist] die Konzentration, die zweite ist die Meditation, Hingabe. Wie ein Pendel [wirken sie]. Zu verschiedenen Zeiten müssen die beiden Übungen ausgeführt werden. Dann [folgt] ein Erlebnis, außerhalb des physischen Leibes. [Das] kann niemals gefährlich werden bei richtiger Schulung, aber erschütternd ist es immer. Vielleicht [geschieht es nachts], [oder im] Tagesleben, mitten auf der Straße. [Es erscheinen mir] Wahnreiche [?]; [in denen] ich nicht an deren oberster Spitze, sondern an deren unterster Stufe stehe. Die geistige Welt ist wirklich in allen ihren Einzelheiten anders als die Sinneswelt. Man wird angeschaut von den geistigen Wesenheiten, man fühlt ihren Blick, indem man selber hinschaut. Ein Angst-, ein Furchtproblem ist das Problem des Materialismus; die Angst, sein Selbst zu erleben im flutenden Geistesleben. [So kann die] Erinnerung erstarken, dann [kann man] zurückschauen auf die Zeit vor der Ich-Erinnerung, vor der Geburt, auf frühere Erdenleben. Vorher [wurden diese Kräfte] verwendet als Kräfte zur Anpassung der Seele, [um sie] in unbewusster Weise anzupassen. Du wärst ein vollkommenes Wesen geworden, wenn du diese Lüge nicht gesagt hättest. Umkehren [muss man] die Anschauung, dass der Geist wie eine Blüte aus dem Leib herauswächst; nein, umgekehrt, [die] Wirkung des Geistes ist das Leibliche. Denkgewohnheiten sind es, die das Urteil zum Vorurteil machen, und wir brauchen nur die Vorurteile hinwegräumen; nur dieses ist notwendig: unbefangen zu werden. Das lässt Vorurteile aufhören, und nur das in der Seele selbsttätige, unbefangene Urteil entfaltet sich. Das Urteil sträubt sich nicht, nur das Vorurteil sträubt sich. Noch im neunzehnten Jahrhundert sind Schriften erschienen, die dem Kopernikanismus widersprachen. Giordano Bruno hat auf Grundlage des Kopernikanismus das eigentlich Weltanschauungsmäßige hingestellt. Blaue Schale, begrenzt - [so sah man vorher das Firmament]. Bedeutsam [ist], dass die Menschen sich daran gewöhnt haben zu sagen: Ins Unendliche hinaus dehnen sich die Welten aus. Nicht nur die Grenze; das kann nicht erweitert und erkraftet werden. So viel Scharfsinn ist aufgewendet worden, um zu zeigen, dass der Geistesmensch nicht eindringen kann in die geistigen Welten. Vorher Mikroskop und Teleskop. Diese Einwände können richtig, scharfsinnig, genial sein. Die Gegnerschaft ist gegen die Geisteswissenschaft, weil sich so viel gegen sie beweisen lässt. Und auf diese Beweise kommt es gar nicht an, sondern auf das Ganze kommt es an. Das, was der Geistesforscher in den Anfangsstadien erlebt, das darf man sich so vorstellen, dass es die Seele beseligt. Aber ...: Wieder in den Leib zurückkehren, das verursacht Stimmungen in der Seele des Geistesforschers, die zu den größten Schmerzen, zu den größten Leiden führen können. Geistesforscher wird man oft aus der bloßen Begierde heraus, über die höheren Welten etwas zu erfahren. Was man vom Aufwachen bis zum Einschlafen verbraucht, was wie ein Ertöten des Lebens ist; die Kräfte [werden] im [= einem] zufließen während des Schlafes. Unsterblichkeit [kann so] wirklich [zum] Erlebnis werden.
Fragenbeantwortung
Frage: Warum tritt die Anthroposophie nicht wie eine Religion im jesuitischen Sinne in die Öffentlichkeit?
Rudolf Steiner: Etwas ganz Genaues kann ich mir eigentlich bei dieser Frage nicht vorstellen: weil sie keine sein will, in dem Sinne wie die historischen Religionen. Sie gibt allerdings einen Inhalt, der religiös empfunden werden kann von dem Menschen, auch empfunden werden muss. Hier [liegt ein] Missverständnis [vor]: Viele Menschen wünschen, mit der Geisteswissenschaft eine Religion überliefert zu haben. Kolumbus; geistige Sonne des Seelenlebens. Die alten religiösen Überliegerungen, die alten Traditionen verlieren allmählich ihre Stärke. Übergangszeit; darauf kommt es an, dass man versteht, worin für seine Zeit der Übergang besteht. [In unserer Zeit heißt das:] «Nicht unterscheiden — wenigstens nicht in der wissenschaftlichen Anerkennung — das Gute und das Böse.» Sie [die Geisteswissenschaft] tritt nicht als Religion auf, weil sie vor allem die Verbreitungsformen der alten Religionen nicht zu ihren eigenen machen will. Geisteswissenschaft will wirken durch das, was sie sagen kann. Man muss ihr inneres Verständnis entgegenbringen können. Das erfordert anderes als bei der Verbreitung der Religionen.
Frage: Worauf fußt die Vererbung?
Rudolf Steiner: Zu allen gegnerischen Einwänden könnte der Geistesforscher wirklich das Konzept geben. Ein Mensch fällt ins Wasser, wird [folglich] nass. In der Geistesforschung [ist eine] viel feinere Logik notwendig als in der gewöhnlichen Wissenschaft: Da reicht eine viel gröbere Logik gewöhnlich aus. Am Fluss [fällt einer hinein; nun kann es sein, dass der] Tod die Ursache des Hineinfallens und gar nicht die Wirkung des Hineinfallens [ist]. Die Dinge hängen nach Ursache und Wirkung zusammen. — Gewiss, das tun sie. Aber die Kausalität nimmt man viel zu [wenig ernst:] Nicht nur nachweisen [müsste man], dass die Ursache wirklich etwas verursacht. Wenn ein Mensch [vor uns steht, kann man auch] nicht gleich [schließen], dass er der Vater eines Sohnes ist. Nicht nur das[s etwas] Ursache sein kann, sondern auch etwas verursacht im einzelnen konkreten Falle, [darauf muss man schauen]. [Bei der Familie] Bach: [Es ist] die physische Organisation des Ohres, [zu welcher das] Individuum sich immer hingezogen fühlt. So ist die Vererbung für das Menschenleben.
Ganz anders [wäre es], wenn man sie für das Tierleben auseinandersetzen sollte; [oder beim] Tod, [wenn man meint, dass] Tod dasselbe sei -— wie bei [unbeseelten] Pflanzen, [so bei beseelten] Tieren und Menschen. Nur die äußere Erscheinung [ist ähnlich]; in der Tat [ist er] etwas ganz Verschiedenes bei Pflanzen, Tieren und Menschen. [Ein Einwand gegen diese notwendige Differenzierung ist: Es muss] Pflanzenseelen [geben], [da es fleischfressende Pflanzen gibt, die] Tiere in sich verschwinden lassen. [Das ist] durchaus keine logische Notwendigkeit: Kleine Wesen in sich verschwinden lassen [kann auch die] Mausefalle, [die keine Seele hat].
Frage: Wann [erfolgt die] Beseelung des Eies?
Rudolf Steiner: [In der] Weltenmitternacht, dann ist schon eine Wechselwirkung vorhanden zwischen der Generationenreihe und der Menschenseele, die sich verkörpern will. Nicht «wann», sondern [es geschieht] nach und nach und allmählich, drei bis vier Wochen nach der Empfängnis; aber [es ist eine] fortwährende Verbindung; das Geistige macht sich her über das noch Unorganisierte, das Nervensystem, findet sich allmählich ein; [es ist ein] Naturvorgang, der sich allmählich vollzieht.
Frage: Wo ist die Seele bei einem geisteskranken Menschen?
Rudolf Steiner: Ich beantworte [Fragen] nur in den Grenzen dessen, was ich weiß; nicht [mit] Spekulationen. Bei Kant [gab es eine] starke Herabminderung der Geisteskräfte im Alter: Das ist alles kein Einwand. Wenn die Leiblichkeit ihrem Auflösen oder Schwachwerden entgegengeht, kann sich die Seele eben nicht mehr so durch sie äußern: Nietzsche. Es gibt keine kranke Seele, es gibt keinen kranken Geist. Der ganze Leib, das ganze Nervensystem wirkt wie ein Spiegel. Der Seele leiblicher Vorgang liegt zugrunde, das ist richtig; aber die Seele macht erst diesen Vorgang. [Sehen Sie in einen] Konkavenspiegel, [so werden Sie] aussehen, wie Sie eigentlich nicht aussehen möchten. So [kann auch der kranke Leib die Seele] nicht richtig spiegeln. Alles [ist] nur bildlicher Ausdruck, selbst wenn man in der Wissenschaft von einem Stoß spricht; [auch der] Spiegel [ist] nur bildlicher Ausdruck.