Death and Immortality in the Light of Spiritual Science

GA 69d — 8 May 1914, Kassel

20. Wie Findet Die Seele Ihre Wahre Wesenheit

Sehr verehrte Anwesende! Wie findet die Seele ihre wahre Wesenheit? Es ist eine Frage, welche sich im Grunde genommen unablässig jede Seele stellt. Man braucht sich diese Frage ja gar nicht in so ausgesprochenen Worten zu stellen, wie sie jetzt gestellt worden ist. Im dunkelsten Gefühl, in den Untergründen der Seele ist zweifellos für jeden Menschen die Empfindung vorhanden, dass das tiefste Schicksal seiner Seele selbst mit dieser Frage etwas zu tun habe. Und man braucht auch nicht, sehr verehrte Anwesende, zu überlegen: Was nützt eine Antwort auf diese Frage? Was bedeutet eine Antwort auf diese Frage? Welchen wissenschaftlichen Wert hat sie? - und dergleichen, sondern man kann fühlen, dass innere Ruhe, inneres Gleichgewicht des Menschen davon abhängt, ob er wenigstens das Gefühl entwickeln kann, dass dieser Frage irgendeine Antwort zu finden sei. Vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft, wie sie der forschenden Menschenseele in der Gegenwart möglich ist, soll diese Frage heute besprochen werden.

Dasjenige, was Geisteswissenschaft zu sagen hat über diese Frage, es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Produkt, ein Ergebnis menschlichen Strebens in unserer Zeit und wird dies immer mehr und mehr werden, hoffentlich, in der Menschheitsentwicklung der Zukunft. Die Menschheit macht in ihrer Entwicklung verschiedene Stadien durch, durch die einzelnen Völker und Epochen hindurch, und wie dasjenige, was heute als Naturwissenschaft mit Recht so geschätzt wird, in einem bestimmten Zeitpunkt in die menschliche Entwicklung eingetreten ist und vorher nicht innerhalb derselben war, so ist es auch mit der hier gemeinten Geisteswissenschaft. Man kann sagen: Die Verhältnisse, die vor drei bis vier Jahrtausenden für die Entwicklung der Naturwissenschaft da waren, die sind nach der Meinung und «Erkennung» des Geistesforschers für die Geisteswissenschaft in unserer Zeit vorhanden.

Wenn aber vom Gesichtspunkte dieser Geisteswissenschaft aus die ausgesprochene Frage heute Abend besprochen werden soll, so ist damit nicht gemeint, sehr verehrte Anwesende, dass dasjenige, was Geisteswissenschaft zu sagen hat, etwas durchaus Neues sei. Im Gegenteil, man kann sagen: Das, was Geisteswissenschaft zu sagen hat, lebte immer in den menschlichen Seelen, lebt auf dunkle Weise in allen menschlichen Seelen, mit größerer und geringerer Klarheit gerade in den allerersten Seelen. Angeführt sei der Ausspruch eines hervorragenden Denkers der neueren Geistesentwicklung, ein Ausspruch, der uns gewissermaßen mitten in das Gebiet unserer Frage hineinführen kann. Johann Gottlieb Fichte, der große Philosoph, sagte einmal, als er über das Wesen des Gelehrten gerade sprach:

Nicht erst,

so sagte Fichte,

Nicht erst, nachdem ich aus dem Zusammenhange der irdischen Welt gerissen sein werde, werde ich den Eintritt in die überirdische erhalten; ich bin und lebe schon jetzt in ihr, weit wahrer, als in der irdischen; schon jetzt ist sie mein einziger fester Standpunkt, und das ewige Leben, das ich schon längst in Besitz genommen, ist der einige Grund, warum ich das irdische noch fortführen mag. Das, was sie Himmel nennen, liegt nicht jenseits des Grabes; es ist schon hier um unsere Natur verbreitet, und sein Licht geht in jedem reine Herzen auf.

Sehr verehrte Anwesende, wenn diesen Ausspruch auch ein tiefgründiger Geist getan hat, er hat ihn noch in einer Zeit getan, in der vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft nicht gesprochen werden konnte, wie es heute geschehen kann, und in der auch die Menschenseele noch nicht in einem ausgesprochenen Sinne jene Bedürfnisse in Bezug auf das überirdische Leben hatte, die sie heute hat. Man darf sagen: Schon jetzt ist für jede denkende Seele die Zeit gekommen, und sie wird immer mehr und mehr kommen, diese Zeit - nur Kurzsichtige können anderer Meinung sein über diesen Punkt -, es ist die Zeit gekommen und wird immer mehr kommen, wo die Seelen sich beunruhigt fühlen werden, wenn sie empfinden müssen: Ja, die eigentliche Heimat der Seele, dasjenige, was man die geistige Welt nennen muss, ist etwas, wovon die Vorstellung in jedem liebenden Herzen aufgehen muss, aber dasjenige, was wir als Wissenschaft schätzen, dasjenige, wovon die besten unserer Zeitgenossen sagen, dass es allein berechtigt ist, die Wahrheit zu begründen, das wendet sich entweder ab von jeglicher Erforschung der übersinnlichen Welten, oder aber es will sich wenigstens das Recht anmaßen, zu sagen, das menschliche Erkenntnisvermögen sei so beschränkt, so begrenzt, dass es nicht in die übersinnliche Welt eindringen könne und man daher alles Wissen, alle Erkenntnis über diese Welt dahingestellt sein lassen müsse.

Die Zeiten sind abgelaufen, sehr verehrte Anwesende, in denen die Seelen diese Disharmonie nicht fühlten, die sich darin ausdrückten, dass das Herz eine innere Gewissheit von einer übersinnlichen Heimat hat; und die Erkenntnis behauptet, nicht an diese Heimat herankommen zu können. Gerade aus diesem Grunde fühlt Geistesforschung in unserer Zeit, dass dasjenige in die allgemeine Kultur sich einleben muss, was wirklich mit den Kräften, die innerhalb der Menschheit gerade herangezogen worden sind durch die Arbeit über die Naturerscheinungen seit Jahrhunderten, dass diesen Kräften es möglich ist, wenn sie in der richtigen Weise gebraucht werden, wirklich einzudringen in die geistigen Welten, so wie die äußere Erkenntnis, die an Sinne und Gehirn gebunden ist, in die Weltennatur eindringen kann. Mit dieser Behauptung stößt man allerdings heute noch auf Gegner. Man stößt auf Missverständnisse. Ja, man darf sagen, man muss, wenn man von Geisteswissenschaft in dem Sinne, wie sie hier gemeint ist, sprechen will, in so ungewohnten Begriffen sprechen, dass es einem, gerade, wenn man selbst darinnen steht, ganz begreiflich erscheint, wie sich unzählige Menschen, die heute glauben, auf dem festen Boden wissenschaftlicher Vorstellungsart zu stehen, noch gegen diese Geisteswissenschaft wenden müssen. Aber, wie im Grunde genommen ein Umschwung in den Denkgewohnheiten eintreten musste vor drei bis vier Jahrhunderten, als die Naturwissenschaften ein ganz anderes Denken über die Raumeswelt heraufbrachten, so wird sich in den Menschenseelen jener Umschwung in den Denkgewohnheiten vollziehen, der notwendig ist, wenn immer mehr und mehr Verständnis sich verbreiten soll für die Wahrheiten, die skizzenhaft in diesem Vortrag ich anzudeuten mir erlauben werde.

Allerdings, sehr verehrte Anwesende, so sicher es wahr ist, dass Geisteswissenschaft doch das echte Kind der Naturwissenschaft ist, so muss zugegeben werden, dass man heute glauben kann, man sei von allen guten Geistern der Naturwissenschaft verlassen, wenn man auf dem Boden dieser Geisteswissenschaft stehen kann. Denn grundverschieden ist schon die ganze Stimmung in der Seele des Geistesforschers von der in der Seele des Naturforschers. Sehen wir uns einmal an, sehr verehrte Anwesende, wie der Naturforscher in Bezug auf die äußere Natur gestimmt ist. Er wendet seine Sinne, entweder unbewaffnet oder durch die entsprechenden Werkzeuge bewaffnet, auf die äußeren Dinge; er wendet das Denken an, um die Gesetze der Tatsachen der Natur zu erkennen. So wie der Mensch ist, so wie er gleichsam von selbst in diese Welt hineingestellt ist, so stellt sich der Mensch, indem er die Natur erkennen will, der Welt gegenüber. Er wendet seine Gedanken, seine Urteilskraft, seine Sinne, so wie sie ihm gegeben sind, an auf die Ergründung der Tatsachen des Daseins.

Ganz anders muss der verfahren, der in die geistige Welt eindringen will. Deshalb will ich damit beginnen, ein wenig die Stimmung zu schildern, die dem Geistesforscher eignen muss. Dasjenige, womit der Naturforscher unmittelbar an äußere Dinge und an den Menschen selbst herangeht, seine Sinne, seine Urteilskraft, seine gewöhnlichen Erkenntniskräfte, die wendet der Geistesforscher zunächst nicht unmittelbar an. Alles dasjenige, was ihm so zu eigen ist, womit er sich sonst unmittelbar der Welt gegenüberstellt, das verwendet der Geistesforscher zunächst zur Vorbereitung für die eigentliche Forschung. Was er an Denken in dieser Seelenarbeit aufbringen kann, die Schärfe seines Denkens, die Stärke von Fühlen und Empfinden, alles wendet er an, um seine Seele in eine Entwicklung zu bringen, um sie nach und nach innerlich wie zu einem anderen Wesen zu machen, um sie erst reif zu machen für dasjenige, was er unternehmen will. Und indem man in der nachher zu schildernden Weise so an die Entwicklung seiner Seele geht, fühlt man ganz anders, als man dem äußeren Leben gegenüber fühlt. Man fühlt, dass in der Seele, wenn man ehrlich Geistesforschung betreibt, scheue Ehrfurcht vor der Wahrheit erwächst; etwas fühlt man, wie wenn die Wahrheit in Fernen über einem schwebe und man sich ihr erst nähern müsse. Ja, diese Stimmung steigert sich mehr und mehr, sodass man, gerade je weiter man kommt in der Geistesforschung, das Gefühl entwickelt: Du musst warten. So wie deine Seele jetzt ist, so kommt es dir besser zu, dich noch nicht zu nähern der Ergründung gewisser Fragen des geistigen Lebens. Arbeite weiter an deiner Seele, dann wirst du zu einem Standpunkt kommen, wo du reifer sein wirst, wo dir die Fragen, die du heute beantworten möchtest, beantwortet werden.

In heiliger Scheu abzuwarten, wozu die Seele gelangen mag, Ja, sich gleichsam selbst zurückzuhalten davor, an gewisse Fragen über die Untergründe des Daseins heranzutreten, das wird die Stimmung des Geistesforschers sein. Er lebt dann so, dass er vertrauensvoll wie hingegeben ist an die Strömung des Daseins, vertrauensvoll, dass Weisheit waltet im Dasein und dass ihn strömende Weisheit immer reifer und reifer machen werde. Mit solchen Worten etwa möchte ich zunächst die Stimmung andeuten, auf die es beim Geistesforscher ankommt. Dass er also eine heilige Scheu vor der Wahrheit hat, dass er fühlen kann, er müsse erst reifer und reifer werden, um sich ihr nähern zu dürfen, davon hängt vieles ab. Und es ergibt sich für ihn wie durch eine innere Notwendigkeit, einzutauchen alles das, was er mit seiner Seele auszuführen hat, in eine solche Stimmung, wie ich sie eben charakterisiert habe. Nicht, dass ich behaupten will, sehr verehrte Anwesende, solche Stimmung müsse künstlich erzeugt werden, sie solle anbefohlen werden demjenigen, der ein Geistesforscher werden will, nein, sie stellt sich ganz von selbst ein, wenn man das ausführt, was der Seele notwendig ist, um ihre wahre Wesenheit zu finden. Wie das auszuführen ist? — In kurzen Worten nur kann ich andeuten das Prinzipielle; ausführlich finden Sie ja die Einzelheiten in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnis der höheren Welten?» und «Geheimwissenschaft im Umriss» im zweiten Teil, oder in Bezug auf ganz bestimmte Einzelheiten in einer der letzterschienenen Schriften: «Die Schwelle der geistigen Welt».

Leicht könnte man glauben, man müsse ganz besondere wunderbare Verrichtungen vollziehen, um in die geistige Welt einzudringen. So ist es nicht. Im Grunde genommen ist dasjenige, was die Seele braucht, um in die geistige Welt einzudringen, in jedem menschlichen Seelenleben vorhanden. Es vollzieht sich zwischen den anderen Erlebnissen des gewöhnlichen Daseins. Und es muss dasjenige, was sonst nur, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, wie zwischen den Zeilen des Lebens sich vollzieht, das muss von dem Geistesforscher in unbegrenzter Stärke entwickelt werden. Und da ist es eines, was uns zunächst wie etwas ganz Unscheinbares im Seelenleben erscheint, das, was wir im gewöhnlichen Leben die Aufmerksamkeit nennen.

Wir wissen ja, sehr verehrte Anwesende, Aufmerksamkeit müssen wir schon im gewöhnlichen Leben entwickeln, wir müssen Interesse haben für die einzelnen Dinge, die uns entgegentreten; wir können nicht das Leben an uns vorbeifluten lassen, wie es sich den Sinnen und dem Verstand darstellt, sondern wir müssen herausgreifen einzelne Tatsachen und Wesenheiten und auf sie besonders hinschauen. Nur dadurch gestalten wir unser Seelenleben zu einem geordneten. Diese Aufmerksamkeit entwickeln wir ganz unwillkürlich. Bevor ich auf ihre Anwendung für die Geistesforschung eingehe, möchte ich an zwei Punkten zeigen, wie diese innere Aufmerksamkeit schon im gewöhnlichen Leben bedeutsam ist. Mit Recht hat ein gewisser Philosoph gesagt: Im Grunde genommen ist die Frage nach der Erinnerungsfähigkeit, nach dem Gedächtnis, eigentlich die Frage nach der Aufmerksamkeit der menschlichen Seele. - Und unendlich viel würde man gewinnen für die Erziehungsfragen und Maximen, wenn man wirklich erkennen wollte dasjenige, was gerade Geisteswissenschaft über den Zusammenhang von Aufmerksamkeit und Gedächtnis zu sagen hat.

Wie viele Menschen, man darf fast sagen, alle Menschen, haben zu klagen über ein schwaches Gedächtnis, in einem gewissen Lebensalter über abnehmendes Gedächtnis! Wenn man zur rechten Zeit den Zusammenhang zwischen Aufmerksamkeit und Gedächtnis ins Auge fassen würde, so würde es damit besser stehen. Man kann allen Menschen Folgendes sagen: Je mehr sich der Mensch bemüht, die Kraft der Aufmerksamkeit zu entwickeln, das heißt, immer wieder sein Interesse zu konzentrieren auf einzelne Tatsachen des Lebens, je mehr er in innerer Anstrengung die Seele auf die Aufmerksamkeit konzentriert, desto stärker werden sein Gedächtnis und seine Erinnerungskraft. Nicht bloß, dass wir uns an das leichter erinnern, worauf wir Aufmerksamkeit verwendet haben, sondern die Kraft der Erinnerung, die Kraft des Gedächtnisses, wird umso stärker, je mehr wir erzogen werden oder uns selbst erziehen, immer wiederum die Tätigkeit des Aufmerksamseins zu entwickeln. Tätigkeit und Fähigkeit hängen hier zusammen. Nicht nur, was ja sehr leicht im Leben konstatierbar ist, dass wir uns an das leichter erinnern, worauf wir aufmerksam waren, sondern durch die Entfaltung der Aufmerksamkeitsbetätigung wird die Erinnerungskraft verstärkt. Das ist das eine.

Ein anderes ist, ich möchte sagen, etwas, was uns in ein trauriges Kapitel des menschlichen Seelenlebens hineinführen kann. Viele von Ihnen haben gewiss schon gehört, wie das menschliche Seelenleben in radikalen Fällen dadurch gestört werden kann, dass die Rückerinnerung an die eigenen Erlebnisse irgendwie unterbrochen wird. In ganz besonderen Fällen tritt ja ein, dass irgendein Mensch plötzlich sich aus seiner Tätigkeit herausgerissen fühlt; er weiß nicht mehr, was er tut; er hat sein früheres Seelenleben zum Teil oder ganz vergessen; er lebt wie in einem anderen Bewusstseinszustand. Er kann reisen, kann allerlei unternehmen, aber erst später taucht die ungestörte kontinuierliche Erinnerung an seine Erlebnisse wieder auf. Dann wird er urplötzlich gewahr, wer er ist, während er früher sein Ich vergessen hatte. Wenn das auch in dieser radikalen Weise einen Krankheitsfall des Menschen darstellt, so kommt doch die Störung des Erinnerungsvermögens in der menschlichen Seele in mehr oder weniger leichter Weise vor, und diese Dinge könnten viel weniger ins Leben hereintreten, wenn man beachten würde, dass auch diese Kontinuität des Bewusstseins, dieses Überschauen des eigenen Erlebens - so, dass man wirklich immer in starker Weise bei sich selbst ist, davon abhängt, dass man möglichst viel die Tätigkeit der Aufmerksamkeit entwickelt. Und man tut den Kindern für das spätere Alter etwas ungemein Gutes, wenn man sie anhält, das Interesse auf einzelne Vorgänge und Wesenheiten zu konzentrieren. Man stärkt ihre Willenskraft, insofern sie sich aus den zusammenhängenden Erfahrungen des Lebens ergibt, und auch ihre Urteilskraft durch die Aufmerksamkeit. Wenn man aber so ins gewöhnliche Seelenleben hineinsieht, so muss man doch sagen: Zwischen den Zeilen des Lebens vollzieht sich die Aufmerksamkeit.

In unbegrenzter Art muss die Tätigkeit der Aufmerksamkeit der Geistesforscher steigern, beziehungsweise derjenige, der ein Geistesforscher werden will. Während wir sonst doch durch äußere Veranlassung dazu kommen, unser Interesse für dieses oder jenes zu entwickeln, muss der Geistesforscher in innerlicher, kunstgerechter Weise Konzentration entwickeln. Willkürlich, durch starkes inneres Betätigen der Seelenkraft, muss der Geistesforscher alles, was in seiner Seele vorhanden ist, zusammenziehen und es möglichst auf etwas wenden, wozu er nicht von außen veranlasst ist, sei es auf Vorstellungen, die man in der Seele selbst bildet, sei es auf solche, die man sich von kundigen Geistesforschern raten lässt. Man lässt diese Vorstellungen willkürlich in bestimmten Momenten in seiner Seele aufsteigen; im Übrigen versucht man, sich in einen Zustand zu versetzen, dass die äußeren Sinne nichts wahrnehmen, wie im Schlafe, dass das gewöhnliche Denken stillsteht, wie im Schlafe, mit Ausnahme dessen, dass die ganze Seele mit allen Kräften gerichtet ist auf die einzige Vorstellung, die man festhält, so lange man kann. Das nennt man Konzentration. Das Nähere können Sie in den vorgenannten Büchern nachlesen. Es ist umso besser, je mehr man solche Vorstellungen verwendet, die gewissermaßen kein Vorbild in der äußeren Welt haben, je mehr man sinnbildliche Vorstellungen in den Mittelpunkt des Bewusstseins rückt. Und nun handelt es sich darum, dass der Geistesforscher diese Übung immer und immer wieder macht; der eine, je nach seinen Fähigkeiten, erreicht in kurzer Zeit etwas, der andere erst nach Jahren, aber so, wie es uns vorgesetzt ist, erreichen wir sozusagen — die Gegenwartsentwicklung der Menschheit macht das möglich -, die Fähigkeit, in der Seele etwas zu steigern, indem wir uns so verhalten. Kräfte, die sonst in der Seele wie in ihren Tiefen schlummern, werden die Oberfläche heraufgetragen, wenn wir immer wieder und wiederum in geduldiger, ausdauernder Anstrengung solche Übungen der Konzentration machen. Nicht auf äußere, tumultuarische Weise wird man ein Geistesforscher, sondern durch solche Vorgänge in der Seele, wie [sie] in der Aufmerksamkeitssteigerung ins Unbegrenzte geschildert [sind].

Dann tritt in einem geeigneten Zeitpunkt etwas ein was man jetzt nennen kann - ich bemerke ausdrücklich dass auf den Ausdruck selbst kein besonderer Wert gelegt wird, dass damit nichts bewiesen werden soll —, man erlangt etwas, was man nennen kann einen «Vorgang der geistigen Chemie». Und indem ich diesen Vorgang der geistigen Chemie besprechen werde, werden Sie sehen, dass allerdings die moderne Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, die wahre Wesenheit der Seele auf eine ähnlichen — aber nur auf einem ähnlichen — Wege sucht wie die Naturwissenschaft die Geheimnisse der Natur zu erlauschen versucht. Nur, weil die Geisteswissenschaft in das geistige Gebiet sich hineinbegibt, muss sie anders sein in ihren Methoden und Vorbereitungsarbeiten als die Naturwissenschaft.

Geistige Chemie! Nun, wenn wir den Ausdruck gebrauchen wollen als einen solchen, der uns die Sache begreiflich machen soll: Wenn man Wasser ansieht, so sieht man ihm nicht an, dass der Chemiker Wasserstoff von diesem Wasser abtrennen kann, denn Wasserstoff kann man im Wasser nicht sehen. Das Wasser löscht das Feuer, der Wasserstoff brennt. So wenig nun das Wesen des Wasserstoffes gesehen werden kann, wenn man das Wasser vor sich hat, so wenig kann im Menschen, der im Leibe vor uns steht, das Wesen der Seele gesehen werden. So aber, wie der Chemiker den Wasserstoff absondert von dem Wasser als etwas, was ganz andere Eigenschaften als das Wasser hat, so sondert der Geistesforscher, allerdings, indem er seine eigene Seele zum Werkzeug seiner Forschung macht, seine Seele ab von dem Leibe durch Konzentration, sein Geistig-Seelisches sondert er aus dem Physisch-Leiblichen heraus. Wenn eine abstrakte, nicht die Tatsachen berücksichtigende monistische Naturwissenschaft oder Weltanschauung das einen Dualismus nennt, kann man einen solchen Vorwurf ruhig ertragen. Ebenso gut könnte man sagen, im Wasser sei Dualismus; das Wasser ist nicht bloß eine Einheit, ein Monos, sondern damit man es kennenlernt, muss man herausziehen den Wasserstoff. So wie der Wasserstoff durch physische Chemie herausgehoben werden kann aus dem Wasser, so wird das Geistig-Seelische durch Vorgänge, wie der geschilderte einer ist - andere solche Vorgänge finden wir in den genannten Büchern -, so wird das Geistig-Seelische abgetrennt vom Physisch-Leiblichen. Und der Geistesforscher erlebt dann den bedeutsamen, den großen Augenblick, dass er wirklich mit den Worten einen Sinn verbinden kann, mit denen man, wenn man nichts weiß von den Tatsachen des geistigen Erlebens, keinen Sinn verbinden kann: Ich erlebe mich als seelisch-geistiges Wesen unabhängig von meinem Leibe außerhalb meines Leibes. - Und da ich nicht in Abstraktionen sprechen will, sondern von den Tatsachen des geistigen Erlebens, von den Tatsachen der Auffindung der wahren Wesenheit der Seele, will ich auch nicht damit zurückhalten, einzelne Erlebnisse, die der Geistesforscher durchmacht, zur Darstellung zu bringen.

Steht man im gewöhnlichen Leben darinnen, wo so, wie Wasserstoff an Sauerstoff, das Seelisch-Geistige an das Leibliche gebunden ist, dann, sehr verehrte Anwesende, dann sieht man die Welt so an, dass man weiß: Die Kraft deiner Seele entwickelst du durch die Werkzeuge deines Leibes; du bedienst dich deiner Sinne, deines Gehirns; du lebst in diesem deinem Leibe darinnen. — Das Erste, für welches man weiß, man lebe nach den angedeuteten Übungen mit seinem Seelisch-Geistigen außerhalb seines Leibes, das ist das, was man die Denkkraft nennen kann. Von dieser Denkkraft weiß man ja im gewöhnlichen Leben: Man kann sie dadurch gebrauchen, dass man mit dem Denken an das Gehirn gebunden ist. Nun aber erlebt man sich in Gedanken webend und seiend außerhalb seines Gehirns. Das ist kein Märchen, keine Hypothese, was ich Ihnen da erzähle, sondern es ist etwas, was derjenige erleben kann, der die betreffenden Übungen macht; er kommt dazu, zu wissen: Jetzt lebst du in deinem Gedankenleben wie dein eigenes Gehirn umschwebend; außerhalb des Leibes entwickelt sich die Kraft deines Denkens. - Namentlich den Moment erlebt man als besonders prägnant, man möchte sagen, als besonders erschütternd. Strengt man sich eine Zeit lang an, die Übungen zu machen, dann kommt die Zeit, wo man noch nicht recht erleben kann das Denken außerhalb des Gehirns. Es ist etwas, was eine wie traumhafte Dämmerung ausbreitet, als Erfolg der Konzentration; aber den Moment, wo man wiederum untertaucht in das Gehirn, wo das außer dem Leibe sich vollziehende Denken in das Denken im Leibe übergeht, den merkt man dann eigentlich zuerst ganz genau. Man fühlt, wie man mit dem Wesen, das man außerhalb seines Leibes erlebt hat, wiederum untertaucht, wie etwas, was man schwer durchdringt, und wie in wohligen Strömungen fühlt man sich mit seinem denkenden Wesen in seinen Leib einziehen und das Gehirn durchsetzen, um es wiederum zu gebrauchen zum äußeren Denken. Diese Tatsachen sind solche, dass man begreiflich findet, dass heute zahlreiche Menschen sagen müssen: Der redet Unsinn, der das sagt, das sind Phantastereien eines Halbwahnsinnigen. - Aber das sind die Tatsachen, durch die die Menschen erkennen werden, wie man das wahre Wesen der Seele erkennen lernt. Das sind Tatsachen, die sich verbreiten werden in der Kultur der Zukunft, denn die Seelen lechzen danach, wenn es ihnen auch noch nicht zum Bewusstsein kommt. Verbreiten werden sich diese Tatsachen ebenso, wie sich einst verbreitet hat die kopernikanische Weltanschauung, dass die Erde sich mit großer Geschwindigkeit durch den Weltenraum bewegt.

Das Erste also, was man von dem physischen Leibe lostrennen kann, ist die Denkkraft, und man kann im Grunde genommen, wenn man Ausdauer hat, die beschriebenen Übungen länger fortzusetzen, diese Emanzipation vom physischen Denkorgan als erstes übersinnliches Erlebnis haben. Es handelt sich nur darum, dass man gewissermaßen einzelne Hindernisse überwinden muss, um solche Erlebnisse haben zu können. Menschen zum Beispiel, deren Interesse sich in dem erschöpft, was das physische Dasein allein ausmacht, die nicht weitherzige Interessen entwickeln können, die werden allerdings sehen, dass sich ihnen schwere Hindernisse entgegensetzen, wenn sie den Versuch wie eben geschildert machen. Weitherzigkeit der Interessen, Eingehen-Können auf dasjenige, was auch in der physischen Welt jedes Wesen schon an Schönheit, an Erhabenheit darbietet, de muss der Seele eignen. Wer nur für sich selbst sich interessiert, der wird merken, dass in demselben Maße, in dem er die Übungen macht - es kann sie ja jeder machen es handelt sich darum, dass er sie richtig macht -, wer so recht mit seinem gewöhnlichen Denken im Egoismus aufgeht, der wird schon merken, dass, indem er allerdings fortschreitet, durch die charakterisierten Übungen etwas über seine Seele kommt, was man nennen kann eine gewisse innere Furcht vor der Welt, die man betreten soll die man erlebt außer dem Leibe. Diese Furcht, die ist im Grunde genommen immer in der Seele vorhanden, nur weiß man nichts davon. Man spricht in der Geisteswissenschaft von der Schwelle, welche die sinnliche Welt von der geistigen, die irdische von der überirdischen trennt. Man spricht davon, dass man sie überschreiten muss, diese Schwelle, ja sogar davon spricht man, dass diese Schwelle bewacht wird durch einen Hüter, womit man selbstverständlich eine geistige Kraft meint. Das heißt: Wahr ist, und durch die Geisteswissenschaft wird es bewahrheitet, dass, wie Fichte sagt, die geistige Welt immer um uns herum ist und dass wir auch den Weg hinein finden können. Warum tritt diese geistige Welt nicht immer vor der Menschenseele auf wie die physische Welt? Weil dasjenige, was der angehende Geistesforscher durch Erlebnisse wie die eben geschilderten erleben kann, das Auftreten der Furcht in der Seele bewirkt, weil diese Furcht in der Seele ist; und diese Furcht ist ein gutes Heilmittel gegen ein unreifes Eindringen in die geistige Welt. Sie ist immer da, in den Seelen, diese Furcht, aber sie zeigt sich nicht als Furcht, sondern sie zeigt sich darin, dass die Menschen eben erlahmen in den Anstrengungen, die sie machen könnten, um in die geistige Welt hineinzukommen. Sie werden scheinbar lässig, es interessiert sie nicht mehr, die Übungen weiter zu machen; in Wahrheit aber ist es die Furcht, die sie nicht spüren, weil sie sie nicht als Furcht wahrnehmen. Sogar das kann man sagen, dass durch die Geistesforschung mit Sicherheit bewiesen wird, woher eigentlich die materialistische Gesinnung der Menschheit kommt. Es gibt ja in unserer Zeit materialistisch gesinnte Seelen, die da sagen, entweder, man könne nicht von einer geistigen Welt sprechen, oder, man solle sich nicht darum kümmern, weil das menschliche Erkenntnisvermögen nur auf die sinnliche Welt gerichtet sei. Sie sagen auch, es sei unwissenschaftlich, von einem Leben im Geiste zu sprechen. Ja, es dünken sich solche Menschen - man nennt sie heute vornehm «Monisten», früher sagte man «Materialisten» -, sie dünken sich ganz besonders wissenschaftlich, wenn sie die geistige Welt gänzlich ablehnen, wenn sie sagen, die Wissenschaft habe nichts zu tun mit der geistigen Welt. Gewiss, es ist nicht gerade geeignet, unter diesen Menschen Anhänger zu finden, die da, ich möchte sagen, Stockmonisten sind, wenn man die Wahrheit über diese Tatsachen ausspricht, aber diese Wahrheit ist doch eben wahr. Nicht logische Gründe, nicht irgendetwas, was man beweisen kann, halten die Seele im Materialismus oder Monismus gefangen, sondern die Furcht, die die Menschen nicht als Furcht erkennen, die sie sich nicht als Furcht gestehen. Sie treibt Vorstellungen herauf wie, es sei unwissenschaftlich, die geistige Welt einzusehen. Derjenige, der die Dinge durchschaut, weiß, dass in den Materialisten-Versammlungen die Seelen versammelt sind, weil in ihnen allen die Furcht vor der geistigen Welt waltet. Es ist nicht angenehm, den Menschen zu sagen, dass sie im Grunde genommen Angstseelen sind, dass sie diese Angst kleiden in eine Scheinlogik, als ob sie beweisen könnten, dass nur die Tatsachen der physischen Welt Berechtigung haben.

Damit hätten wir auf die Hindernisse hingedeutet, die die Seele abhalten, einzudringen in die geistige Welt, in die sie mit ihrer wahren Wesenheit gehört.

Zu den charakterisierten Übungen müssen nun andere treten, aber nicht so, dass die Seele die eine mit der anderen verbindet, sondern abwechselnd. Wie das Pendel einer Uhr abwechselnd nach der einen und der anderen Seite geht und nicht zugleich nach beiden Seiten, so kann die Seele nicht verschiedene Übungen zu gleicher Zeit machen, aber abwechselnd soll sie sie machen, dann unterstützen sie einander.

Wir haben gesprochen von einer Steigerung der Aufmerksamkeit. Etwas anderes noch, was auch zwischen den Zeilen des Lebens vorhanden ist, können wir ins Unbegrenzte steigern; das ist das, was wir die Hingabe nennen - Hingabe, wie wir sie erleben, wenn wir so recht vollständig von irgendetwas in Anspruch genommen werden, wo wir alles andere, was um uns ist, vergessen und einzig mit dem nur leben, das uns diese Hingabe abfordert. Passiv müssen wir uns hingeben, während wir bei der Aufmerksamkeit aktiv sein müssen. Aber diese Hingabe, sie muss gewissermaßen eine universelle werden, wenn wir zum Geistesforscher werden wollen. Es muss sich dies so vollziehen, dass wir wieder eine Seelenstimmung entwickeln, die dem Schlafe gleicht, ihm aber doch entgegengesetzt ist. Aller Wille ruht, selbst jener Wille, der sich in der geringsten Regsamkeit der Glieder ausspricht. Alles willkürliche Denken ruht - das Wahrnehmen ruht -, aber wach ist die Seele und wach ist sie so, dass sie ganz hingegeben ist an den Strom des Daseins, dass sie jene Stimmung in absoluter Ruhe entwickle, die vielleicht der Religiöse kennt, wenn er so recht innig fromm im Gebete ist, aber selbst an den Inhalt eines Gebetes gibt man sich in der Geistesforschung nicht hin - er würde die Seele in eine bestimmte Stimmung versetzen —, sondern, ich möchte sagen, bloß hingegeben sein mit seinem ganzen Wesen an die ewige Macht des Daseins, das bewirkt in der Seele, dass andere Kräfte als die bloßen Denkkräfte aus der Seele heraufgetragen werden. So will ich gleich eine zweite Kraft charakterisieren, die wir aus dem Umkreis des seelischen Erlebens herausholen können. Wenn ich so zu Ihnen spreche, entwickle ich meine Worte dadurch, dass meine Gedanken im Gehirn lenken, dass sie ergreifen das Sprachorgan. Mit physischen Organen drücke ich dasjenige aus, was ich zu Ihnen sagen will. Gerade so, wie man durch Konzentration die Denkkraft von dem physischen Gehirnorgan emanzipieren kann, so kann man die Kraft, die im gewöhnlichen Leben in die Sprachorgane sich hineinergießt, von dem Sprachorgan losreißen, auch vom Gehirn, und sie bloß seelisch entwickeln in vollständiger äußerer, ich möchte sagen, Stummheit. Wenn man das, was sonst in das Sprechen ausfließt, in der Seele behält, nur innerlich entwickelt, wird rege das unausgesprochene innere Wort, das Wort, das man nicht mit einem physischen Organ hören kann, das Wort, das man innerlich, durch inneres Zuhören gegenüber dem eigenen Selbst hört. Und dieses Wort, dieses stumme, aber darum umso deutlicher geistig sprechende Wort, zu dem gelangt man durch Emanzipation der Sprachkraft von dem physischen Sprachorgan — dieses innere Wort, in das ergießt sich das, was man «geistige Außenwelt» nennen kann. So wie man in der physischen Welt umgeben ist von Wesenheiten des Mineral-, Pflanzen-, Tier- und Menschenreiches, so gelangt man, wenn man die Denkkraft und die Sprachkraft vom Leibe loslöst, in seelisch-geistigem innerlichen Erleben in eine Welt hinein, in der man umgeben ist von geistigen Wesenheiten, geistigen Kräften und Vorgängen.

Von dieser Welt zu sprechen wird einem sozusagen ja heute noch nicht so recht verziehen; einzelne Philosophen erlauben einem zwar ja heute schon, von einer geistigen Welt im Allgemeinen zu sprechen, weil sie den Widersinn der Ableugnung einer solchen schon einsehen, aber sie sagen: Hinter der Sinneswelt ist eine geistige Welt. - Und gewisse Geister dünken sich schon hoch zu stehen, wenn sie einem sogenannten «Pantheismus» huldigen. Für denjenigen, der die Dinge durchschaut, ist das nicht mehr wert als jener Pannaturalist, der da sagen würde, wenn er über eine Wiese geht: Was interessieren mich gelbe oder rote Blumen, diese Wälder, jene Berge und Täler und Flüsse - es ist alles Natur, Natur, Natur. Es interessiert mich nicht, dass es einzelne physische Vorgänge gibt, die man beobachten kann. - Gerade wie ein solcher Mensch im Pannaturalismus nur alles Natur nennen wollte, so steht derjenige, der nur gestatten will, dass man im pantheistischen Sinne, in pantheistischer Weise von Geist spricht, der geistigen Welt gegenüber. Dem steht die wahre Geistesforschung gegenüber, die wirklich das Seelisch-Geistige vom Physisch-Leiblichen abtrennt, wie der Wasserstoff verschieden ist vom Wasser. Diese Geisteswissenschaft gelangt in die geistige Welt so, dass sie unterscheidet die einzelnen konkreten Vorgänge und Wesenheiten der geistigen Welt, von der wir sagen müssen: So, wie wir hier in der physischen Welt als Menschen stehen und auf Wesen des Mineral-, des Pflanzen-, Tier- und Menschenreiches schauen, so stehen wir durch Geistesforschung der geistigen Welt gegenüber; da sind wir aber jetzt nicht mehr auf der höchsten Stufe, sondern auf der untersten, und über uns beginnt, wie unsere Seele selbst sich als geistiges Wesen in die geistige Welt hineinlebt, die Hierarchie der übergeordneten Geister. Man steigt hinauf zu der Stufenfolge der geistigen Wesenheiten, der wir angehören mit dem Seelisch-Geistigen, wie wir angehören dem physisch-mineralischen Reiche durch den physischen Leib.

Und vor allen Dingen gelangt man dazu, sehr verehrte Anwesende, wenn man die Sprachkraft emanzipiert, wenn man das, was sonst sich ausgießt in die körperlichen Sprachorgane und dadurch mit dem Leibe sich verbindet, wenn man das innerlich erhält, dann gelangt man dazu, zu erweitern dasjenige, was man «Erinnerung» im gewöhnlichen Leben nennen kann. Wie sie sich in der Seele so zeigt, dass wir zurückblicken auf die Erlebnisse des Daseins bis zu der Zeit, bis zu der wir uns zurückerinnern können, wie da die Erlebnisse heraufsteigen in Form von Bildern und Gedanken des Vergangenen aus Untergründen der Seele, so kommt, wenn die Seele fortschreitet wie geschildert, auch die Zeit, wo aus unbestimmten Untergründen der Seele Vorstellungen heraufsteigen, die nicht solche sind, die ausdrücken, was wir erlebt haben in diesem Leben, sondern die hinausführen aus dieser Welt in eine rein geistige Welt, und es erweitert sich die Seelenkraft der Erinnerung so, dass diese unsere Seele wirklich einen Sinn mit den Worten verbindet: Ich war, bevor ich geboren oder empfangen worden bin von der physischen Materie durch meine Eltern, in einer geistigen Welt; ich habe dort Erlebnisse durchgemacht und ich war weiter zurück in vorhergehenden Erdenleben und ich werde, wenn ich durch die Pforte des Todes schreite, durch eine geistige Welt schreiten; und das, was ich mir in diesem Leben entwickle, ist der Keim zu den folgenden Erdenleben, die ich mit derselben Sicherheit durchleben werde, wie ich dieses Erdenleben durchlebe. - Als eine Tatsache des inneren Erlebens, als Ergebnis des Suchens nach ihrer wahren Wesenheit findet die Seele die wiederholten Erdenleben und die dazwischen liegenden Daseinsformen zwischen Tod und neuer Geburt. Als eine innerliche Tatsache findet die Seele dieses.

Man kann das innere Erleben, das man hat, wenn man die Denkkraft losgelöst hat, vergleichen mit einem inneren, rein seelischen Mienenspiel. Denn so passiv, wie wir mit unseren Sinnen der äußeren Welt gegenüberstehen, können wir der geistigen Welt nicht gegenübertreten. In dem Augenblick, wo wir uns mit der Denkkraft außerhalb des Leibes erleben, muss sie immer in Tätigkeit erhalten werden. Das ist der Unterschied des geistigen Wahrnehmens vom physischen Wahrnehmen. Im physischen Wahrnehmen können wir denken und uns dem Denken hingeben; sobald wir in die geistige Welt mit der emanzipierten Denkkraft hineintreten, müssen wir immer aktiv sein; wir müssen hinüberschlüpfen in die geistigen Wesenheiten, die wir wahrnehmen wollen. Wir müssen immer tätig sein. Wenn wir aufhören, tätig zu sein, hört auch das geistige Wahrnehmen auf. Man kann dieses Wahrnehmen ein inneres Mienenspiel nennen. Man muss immer, willkürlich, das ausdrücken, was die Wahrnehmung ist, was man von dem anderen Wesen dadurch wissen kann, dass man das eigene emanzipierte Denken anpasst den Vorgängen und Wesenheiten, die man wahrnimmt.

So kann das emanzipierte Sprechen, das Leben im inneren Wort, genannt werden eine innere Gebärde, eine innere Geste. So, wie man im äußeren Leben, wenn man lebendig in einer Sache darinnen steht, Gesten braucht — manchmal zu viel, wie ich beim Vortrage -, dann drückt man in Tätigkeit dasjenige aus, was man erlebt; wie man so im physischen Leben in der Geste in Bewegung ist und dadurch ausdrückt, was in einem ist, so muss man bei dem Emanzipieren der Sprachkraft, beim Übergehen in die geistige Welt und in die Vorgänge der geistigen Welt das, was den anderen Wesen gehört, durch innerliche Geste zum Ausdruck bringen. Daraus ersehen Sie den großen Unterschied des wirklichen geistigen Erkennens zum sinnlichen Erkennen. Das sinnliche Erkennen ist passiv, das geistige Erkennen ist aktiv.

Wenn man nun die Übungen immer weiter fortsetzt, dann kommt man noch zu etwas anderem. Hinweisen will ich, um das auszudrücken, was ich klarmachen will, auf die Entwicklung des Kindes. Der Mensch kommt ja - das lässt sich auch naturwissenschaftlich begründen - in das physische Leben so hinein, dass er sich die Richte- und Lagekraft für das äußere Leben erst erwerben muss. Das Tier kommt in einer anderen Weise in das physische Leben; die Gründe dagegen sind nur Scheingründe. Der Mensch kommt herein in das Leben so, dass er zuerst ein kriechendes unbehilfliches Wesen ist und sich die Richtekraft erst aneignen muss. Und bedeutsame Geister haben immer darauf hingewiesen, was es für den Menschen bedeutet, dass er aufrecht dasteht und in Himmelsweiten zu schauen vermag. Das erwirbt sich der Mensch in der Kindheit. Da werden die Kräfte in ihm wach, durch die er dieses aufrechte Wesen werden kann. Da gibt er seinem ganzen Leibe die äußere Physiognomie; das, was er als Geist ist, das steckt er in seinen Leib hinein, der ihm durch die Vererbungsfolge gegeben wird; der Geist richtet diesen Leib auf durch Kräfte, die beim Menschen dem Geiste eigen sind - das lässt sich auch naturwissenschaftlich erweisen, doch würde das heute zu weit führen -, die nicht bloß Kräfte des Leibes sind, sondern im Geistig-Seelischen stecken, den Leib durchdringen und ihm die aufrechte Richtung geben. Das, was wir da in den Leib anlegen in der ersten Kindheit, was wir hineingießen in den Leib, damit wir ein aufrechtes Wesen werden, das können wir auch von dem Leibe emanzipieren, wie wir die Denk- und Sprachkraft emanzipieren. Das ist allerdings am schwierigsten zu verrichten, aber man erlangt allmählich die Möglichkeit, wirklich dasjenige, was dem Menschen in der Kindheit die Richtung gibt, herauszuholen aus dem Leibe, sodass man außerhalb des Leibes sich jede beliebige Richtung geben kann. Namentlich kann man kennenlernen den großen Unterschied zwischen Hinauf und Hinunter; nicht räumliche Richtungen sind das, sondern die Richtung hinauf ist ein inneres Erlebnis. Hat man die Aufrichtekraft vom Leibe emanzipiert, so hebt sich in der Seele dann etwas hinaus, außerhalb seines Leibes, was die Seele tief moralisch erlebt, etwas, wovon sie sagen kann: Es ist wie ein der Schwerkraft Entgegenarbeiten. Es ist aber nicht richtungsgemäß, nicht räumlich gemeint, sondern, was die Seele erlebt, kann man etwa so ausdrücken: Die Seele fühlt sich, indem sie dieses «Hinauf» erlebt, immer einsamer und einsamer. Und man macht dann, indem man dies in der Seele wirklich erlebt, alle jene Stimmungen durch, die eben durchgemacht werden können unter dem Eindruck, immer mehr und mehr allein zu sein. So allein zu sein, dass man weiß: Außerhalb deiner ist eine Welt, aber du nimmst jetzt auch geistig nichts von dieser Welt wahr. Du entschwindest gleichsam dieser Welt und bist immer mehr und mehr in dir. - So weit geht das, dass, wenn die Seele nicht in der Art gestimmt wird für diese Einsamkeit, wie Sie es in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» nachlesen können, diese Einsamkeit so über den Menschen kommt, dass er eine ganze Welt in sich fühlt, dass er immer mehr und mehr nur sich fühlt im Aufsteigen gleichsam, und die Welt ihm wie entsinkt. Diese Stimmung, wo allerdings die Seele eine Welt in sich fühlt, kann wiederum mit Furcht vor sich selbst verbunden sein, dass man nun durchmacht alle tragischen und alle beseligenden Konflikte, dass man gewahr wird, was alles in dem Untergrund einer Menschenseele ist.

Die Geistesforschung kann feststellen, dass die Seele zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in der rein geistigen Welt immer wieder in solchen Stimmungen lebt, abwechselnd mit den anderen Stimmungen, die ich gleich schildern werde. Und der Moment, der unmittelbar in der Mitte zwischen Tod und neuer Geburt eintritt — ich habe mir erlaubt, ihn in dem Mysteriendrama «Der Seelen Erwachen» «die geistige Mitternachtsstunde des Daseins» zu nennen, weil da die Seele in der Tat mitten zwischen den Seligkeiten des geistigen Lebens vor der nächsten Geburt einen Augenblick durchmacht, wo sie ganz nur bei sich ist, nur sich erlebt, aber recht bange werden kann in dem Bewusstsein: Um dich ist eine Welt, aber sie ist außerhalb deines Bewusstseins, du weißt nichts von ihr; eine Welt, ja Welten steigen auf aus der eigenen Innern. Mit diesen Welten bist du in Einsamkeit beisammen.

Der Geistesforscher lernt sie kennen, diese Stimmung. Und er lernt kennen eine andere, die man mit einem «Hinunter» bezeichnen kann, die Stimmung, wo die Seele fühlt, wie wenn sie sozusagen ihr eigenes Seelen licht ausstrahlte. Wie wir im physischen Leben dadurch dass die Sonne die Dinge bescheint, die Dinge sehen und wahrnehmen, so müssen wir in der geistigen Welt das Geisteslicht selbst über die Dinge strömen lassen. Und die Momente der Einsamkeit strömen dann in uns ein wenn wir erlahmen, die innere Sonne leuchten zu lassen. Wenn das Licht der inneren Sonne leuchtet, dann breiten wir uns gleichsam über die Welt der anderen Wesen aus. Das, was man «geistige Geselligkeit», «geistiges Zusammensein» nennen könnte mit den Seelen, die vor oder nach uns dahingestorben sind, mit denen wir zusammen gelebt haben, oder denen, die auf der Erde sind - denn vom Geisterland aus nehmen wir wahr die Seelen, die noch auf der Erde verkörpert sind -, dieser Zustand, geistig-seelisch wahrzunehmen, darin zu leben, der wechselt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ab mit dem Zustand der Einsamkeit. Mit derselben Regelmäßigkeit wechseln die beiden Zustände ab, wie Tag und Nacht für unser physisches Leben abwechseln. So erwirbt man sich die Fähigkeit, sich gleichsam vereinsamt, aber mit einer inneren Welt zu fühlen, sich ausgegossen zu fühlen über die geistige Welt und ihre Wesenheiten und Vorgänge. Aber noch andere Kräfte, die mit rechts und links, vorne und hinten sich vergleichen lassen, lernt man kennen. Dadurch aber, dass man sich in diese Kräfte einlebt, dass die Seele diese Kräfte, von denen man im gewöhnlichen Leben nichts weiß, sondern die im Unterbewussten zustande kommen, wenn die Seele sich die erste Physiognomie für die Welt gibt, wenn man alle diese Kräfte, von denen die Aufrichtekraft die eine ist, entwickelt, dann erlangt man die Fähigkeit, weiter sich hineinzuleben in die geistige Welt, in die Welt der geistigen Wesenheiten, die um uns sind, dann kommen wir ganz aus uns heraus. Wir schauen unseren Leib außer uns und wir können eingehen in die anderen geistigen Wesenheiten, wir können ihre Physiognomie annehmen. Denn während wir hier die erste Physiognomie, unseren aufrechten Gang, ausbilden, müssen wir in der geistigen Welt die innere Konstitution der geistigen Wesen annehmen. So verbindet sich gleichsam die Seele mit der Welt, in der ihre geistige Wesenheit wirklich wurzelt.

Das alles, was ich versuchte darzustellen, es ist wirklich - ich muss es etwas trivial ausdrücken - eine Art geistiger Chemie. Die Seele wird frei vom Physisch-Leiblichen und geht eine neue Verbindung ein, wie der Wasserstoff, wenn er aus dem Wasser herausgenommen wird. Diese neue Verbindung, das ist die Verbindung mit der Welt, in der eigentlich die Seele als in ihrer wahren Heimat wurzelt. Natürlich kann nun jemand sagen: Nun ja, dann ist es ja nur der Geistesforscher, der etwas von der geistigen Welt wissen kann! Man müsste also ein Geistesforscher werden, um wirklich in diese geistige Welt sich einzuleben. — So ist es nicht, sehr verehrte Anwesende. Geradeso wenig, wie man ein Maler zu sein braucht, um ein Bild zu verstehen, das ein Maler gemacht hat, geradeso wenig braucht man ein Geistesforscher zu sein, um dasjenige begreiflich und verständlich zu finden, was der Geistesforscher erkundet. Obwohl, wie Sie aus meinen Büchern entnehmen können, es in unserer Zeit einem jeden Menschen möglich ist, bis zu einem gewissen Grad ein Geistesforscher zu werden, man braucht es nicht zu werden. Ein Maler muss man sein, wenn man Bilder malen will; ein Geistesforscher muss man sein, um in die geistige Welt einzudringen; wird aber das, was in dieser geistigen Welt erkundet wird, geschildert, gelingt es wirklich, die richtigen Worte in der physischen Welt für diese geistige Welt zu finden, dann kann dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen hat, von jeder Seele verstanden werden. Und dann ist wahrhaftig dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen hat, nicht so wie irgendeine andere Lehre Theorie, sondern es verhält sich ganz anders zum Leben. Man kann sagen: Nicht, einmal das nur gilt, dass man zwar selbst Chemiker sein muss, um chemische Vorgänge zu untersuchen, aber nicht, um das zu verstehen, was der Chemiker erforscht hat; sondern, wie man nicht selbst den Acker zu bebauen braucht und doch davon lebt, wie man nicht zu wissen braucht, was da alles zu geschehen hat zur Gewinnung der Nahrungsmittel, und nicht die Arbeit selbst tun muss, und doch den Genuss der Nahrungsmittel hat, so dringt das, was der Geistesforscher zu sagen hat - wenn es in der Wahrheit wurzelt, was der Geistesforscher sagt -, zu einer in jeder Seele vorhandenen, wirklich in jeder Seele vorhandenen geheimnisvollen Sprache. Diese Sprache ist in jeder Seele vorhanden. Und wenn heute noch viele Menschen glauben, es sei absurd, es sei wahnwitzig, was der Geistesforscher sagt, so ist es nur deshalb, weil sich diese Menschen nicht Urteilsfähigkeit, sondern Vorurteile angeeignet haben. Wird man einmal wirklich die Bedeutung auch der äußeren Wissenschaft richtig erkennen, dann werden diese Vorurteile verschwinden, und dann werden diese geheimnisvollen Verständniskräfte, die in den Seelen heute schon vorhanden sind, sich hervordrängen, und man wird Geisteswissenschaft verstehen, weil sie geheime Saiten in der menschlichen Seele anschlägt, die ertönen müssen, so wahr ertönen müssen, wie unsere Geschmacksnerven den Geschmack entwickeln, wenn Nahrungsmittel darauf gebracht werden.

Die Zeit wird kommen, sehr verehrte Anwesende, wo man nicht mehr über Geisteswissenschaft sprechen wird wie heute, sondern wo die Worte der Geisteslehrer [so] erklingen werden, dass die Seelen sie aufnehmen, auch wenn sie nicht Geistesforscher sind. Wie man die Früchte des Ackers genießt, ohne ihn selbst zu bebauen, wie man das Korn genießt, ohne die Mühle selbst zu treiben, so wird man, was zur Seele gehört, geistig «ersaugen», geistig «erschmecken» durch die Geisteswissenschaft. Die Zeit wird kommen, wenn wir auch heute noch weit entfernt davon sind, wo die in jeder Seele lebende geheimnisvolle Sprache in der Seele rege werden wird, sodass der Geistesforscher nicht mehr ein Prediger in der Wüste sein wird, sondern wo er so zu den Leuten wird sprechen können, dass die Leute sagen: Das, was er sagt, der Geistesforscher, das ruft ja nur dasjenige hervor, was in allen Seelen ohnedies sitzt. - Dann aber wird die Zeit da sein, wo man wissen wird, dass es eine Erkenntnis über die geistige Welt gibt, die nicht nur so sicher ist wie die Naturwissenschaft, sondern viel, viel sicherer; und bewahrheiten wird sich echt wissenschaftlich, was Fichte geahnt hat: Man kann leben nicht nur nach dem Tode in einer geistigen Welt, sondern schon hier in der physischen Welt kann man in der geistigen Welt leben und sie verstehen, ja, wahrer leben in der geistigen Welt als in der physischen Welt. - Verstehen wird man, dass das physische Dasein gerade dadurch seinen Wert, seine Sicherheit, seine Bewahrheitung erhält, dass man versteht, wie die Seele ihre wahre Wesenheit in der geistigen Welt findet.

Nur wie in einer Zwischenbemerkung möchte ich erwähnen - ohne mit der Sache zu renommieren, sondern weil sie als Tatsache jetzt schon erwähnt werden darf -, dass doch schon einiges Verständnis vorhanden ist für diese Welt, die sich den Menschen als Wissenschaft vom Geiste erschließen soll als eigentlich göttlich-geistige Welt, in der die Seele in Wahrheit wurzelt. Dass beginnt, ein Verständnis sich zu regen in der Welt, das bezeugt doch die Tatsache, dass mit verhältnismäßig großen Mitteln an einem Punkte der Schweiz, in Dornach bei Basel, nun dieser Wissenschaft schon eine Stätte, wir nennen sie eine «Hochschule für Geisteswissenschaft», erbaut werden kann, eine Stätte, die mehr als aus irgendeinem anderen Grunde erbaut werden soll, damit man auch in Bezug auf den Stil, das Künstlerische, einmal einen Bau habe, der auch in seinen äußeren Formen dasjenige ausdrückt, was in die Seele von göttlich-geistigem Leben hineinfließt, wenn sie ihre wahre Wesenheit ergründet. Er steht schon in seiner Form da, der Bau, muss nur äußerlich und innen vollendet werden, als ein zweikuppeliger Holzbau, und er wird äußerlich, künstlerisch zum Ausdruck bringen das, was Geisteswissenschaft will. Eine Anzahl von Freunden der Geisteswissenschaft hat sich zusammengetan, um die immerhin nicht ganz geringen Mittel zu diesem Bau aufzubringen. Wünschenswert wäre es nur, dass man diesen Bau nicht so verstehen würde, wie es ein eben in Paris erschienener Zeitungsartikel, der durch alle Welt geht, schildert, sondern dass er verstanden werde als eine erste Stätte, die der Wissenschaft des Geistes, der Wissenschaft von dem göttlichen Ursprung der Seele, der Wissenschaft von der Seele wahrer Wesenheit, gewidmet wird, so wie der Geistesforscher nach seiner Erkenntnis glauben muss, dass diese Wissenschaft heute schon ersehnt wird von den Seelen, von zahlreichen Seelen, die es noch nicht wissen, die sie aber doch ersehnen, so wie es immer mehr und mehr ersehnt werden muss und ersehnt werden wird in der Zukunft von der Menschenseele. Man darf mit einer gewissen Befriedigung auch auf dieses äußere Wahrzeichen, den imposanten Bau, den wir aufrichten durften, hinweisen für den Eindruck, der doch durch die Geisteswissenschaft schon auf einzelne Seelen hat gemacht werden können, wenn man auch heute noch Missverständnis auf Missverständnis begegnet, wenn man von dieser Geisteswissenschaft redet.

Aber auch heute darf ich wohl einen Vergleich aussprechen in Bezug auf die Gesinnung, die den Geistesforscher beseelt, auch wenn er sieht, wie eine Welt von Vorurteilen sich gegen die Geisteswissenschaft auftürmt. Da muss der Geistesforscher denken: Es gab einmal eine Zeit, wo die Menschen hinaufschauten, so weit ihre Augen reichten; da sahen sie das blaue Himmelsgewölbe und sie sagten, indem sie ihren Sinnen vertrauten: Da oben ist das Himmelsgewölbe, da ist der Mond, die Sterne, die Sonne, die wandern an diesem Himmelsgewölbe hin und her. - Dann kam Kopernikus, kam Giordano Bruno, einsam standen sie vor ihren Zeitgenossen da und verkündeten ihnen: Das, was ihr glaubt mit euren Augen zu sehen, das ist nicht im Raum. Dieses blaue Himmelsgewölbe ist das Erzeugnis eures beschränkten Schauvermögens; da ist keine Grenze; in die Unendlichkeit des Raumes hinaus weitet sich die Welt und unendliche Welten sind eingebettet in diese Weiten. Das Firmament macht ihr nur selbst durch die Beschränktheit eures Erkennens.

Der Geistesforscher weiß heute, dass, so wie einstmals für die Leute, die nur den Sinnen vertraut haben, das Firmament als eine reale Grenze der Welt da war, nicht, weil es da war, sondern weil das Erkenntnisvermögen es hinsetzte, ebenso das Eingeschlossensein zwischen Geburt oder Empfängnis und Tod ein zeitliches Firmament ist, das der Mensch sich selbst macht. Und die Geistesforschung muss heute vor dieses zeitliche Firmament von Geburt oder Empfängnis und Tod hintreten, wie Giordano Bruno hintrat vor das räumliche Firmament, und sagen: Hinter Geburt und Tod liegt die geistige Welt, liegt ausgegossen in der Zeit das Leben, das in unendliche Wiederholungen des Erdenlebens eingebettet ist, nach vorwärts und rückwärts, wie die unendlichen Welten, auf die Giordano Bruno einst hinwies. - Und so wahr sich die Menschen gewöhnt haben, das räumliche Firmament nicht mehr als Grenze zu sehen, so wahr werden die Menschen sich gewöhnen, das Hineinziehen in den Leib, das Hinausgehen aus dem Leib, anzusehen als ein zeitliches Firmament, jenseits dessen die geistige Welt ist, in der wir mit Kräften leben, die uns die Geisteswissenschaft offenbart.

Sehr verehrte Anwesende, ich machte darauf aufmerksam, dass der Mensch, wenn er sein Seelisches durch Konzentration, Meditation frei macht vom Leibe, etwas erlebt, was man nennen kann: inneres Mienenspiel, innere Gebärde, innere Physiognomie. Indem der Mensch solches erlebt, erlebt er schon in diesem Dasein dasjenige, was dann die Seele in der geistigen Welt nach dem Tode ganz und gar umgibt. Es ragt herein in diese Welt das Wissen von der geistigen Welt, und die Seele erkennt sich selbst, indem sie sich findet in ihrer wahren Wesenheit wurzelnd in der geistigen Welt. Man darf sagen: Begreiflich ist es, dass nur wenig Verständnis zu finden ist für diese Auseinandersetzungen in unserer Gegenwart; wenn wir auf unsere Gegenwart hinschauen, so begreifen wir das. Ja, worauf sehen heute die Menschen am meisten? Einen trivialen Vergleich will ich gebrauchen: An einer Anschlagsäule steht angekündigt «Ein Vortrag mit Lichtbildern». Daneben wird angezeigt ein Vortrag ohne Lichtbilder. Zu welchem Vortrag fühlen die Menschen am meisten Lust? Nun, zu dem, wo sie sich passiv hingeben können, wo sie nicht tätig zu sein brauchen, wo alles so schön in Bildern vorgeführt wird. Geisteswissenschaft kann nicht so vorgehen. Obwohl das, was im Geiste geschaut wird, auch in Bildern vorgeführt werden könnte, habe ich nur versucht, durch das bloße Wort zu wirken, das auf das Denken und Fühlen wirken kann. Geisteswissenschaft kann nur mit einem aktiven Mitarbeiten der Seele rechnen. Haben wir es doch in unserer Zeit erleben müssen, dass in einer bedeutsamen Wochenschrift ein Artikel erschien, in dem ungefähr Folgendes gesagt wird: Wenn man Spinoza und Kant liest, ja, da gehen einem die Begriffe durcheinander. Da kommt man nicht zurecht. - Das gilt für viele Menschen der Gegenwart. Der Philosoph macht aber nun einen Vorschlag: Warum sollen wir nicht auch hier eine neue technische Errungenschaft verwerten? Man macht einen Film! - Man stellt sich einem Film gegenüber, dann kann man sich Spinoza vorführen lassen, zuerst wie er beginnt, Gläser zu schleifen, dann, wie Gedanken in ihm auftauchen, wie seine Philosophie entsteht und so weiter, und so weiter. Man braucht sich nur passiv hinzugeben, die Gedanken wirbeln nicht mehr in einem herum. Das ist im Geschmack unserer Zeit! Man würde in einem Lichtbildervortrag sehen, wie Spinozas «Ethik», wie Kants «Kritik der reinen Vernunft» entsteht. Die Leute würden in einen solchen Vortrag hingehen.

So kann man sagen, dass auf der einen Seite in unserer Zeit die Bequemlichkeit vorliegt, alles passiv auf sich wirken zu lassen. Geisteswissenschaft aber muss das Entgegengesetzte beanspruchen. Die Seele muss sich dieselbe aktiv erarbeiten. Dadurch aber wird in die Seelen der Gegenwart dasjenige hineingegossen, was sie am meisten zur geistig-seelischen Gesundheit brauchen: Aktivität, Stärkung des Willens, Erstarkung der Denkens- und Fühlenskräfte. Und sie brauchen die innere Stärkung von etwas anderem noch. Wenn man sich in die Welt der Einsamkeit hineinlebt, so kommt man zu großen Hindernissen. Jede Empfindung der Lieblosigkeit, die man jemals begangen hat gegen Menschen und Tiere, die ist wie eine Barriere. Ein ganz liebloser Mensch stößt sich, wenn er die Kräfte entwickelt, die ich Richtekräfte nannte, an dieser Lieblosigkeit, die er überall findet wie eine Außenwelt, die ihn umgibt. So wird Geisteswissenschaft dem Menschen die Notwendigkeit nahelegen, die tiefste, die lebensvollste Liebeskraft in immer erhöhterem Maße zu entwickeln. Und wer da weiß, wie am meisten das Leben der Zukunft brauchen wird Liebe, der weiß auch, was Geisteswissenschaft für das gesamte Leben der Zukunft und der Gegenwart bedeuten muss, der weiß, wie in der Verstärkung der Kräfte der Liebe das liegen muss, wodurch die Seele ihre wahre Wesenheit findet, weil sie sich durch Lieblosigkeit eine Barriere aufrichtet in der geistigen Welt.

Überall kann man sehen, wie auf der einen Seite die Seelen sich noch vor der Geisteswissenschaft sträuben, weil die Geisteswissenschaft Ansprüche an die Denkgewohnheiten macht, die die Seele noch nicht kennt, wie aber auf der anderen Seite die Seelen mehr oder weniger unbewusst nach Geisteswissenschaft lechzen. Da tritt einem etwas entgegen, was oft ausgesprochen wird, was man aber nur richtig verstehen muss. Eine Übergangszeit hat man unsere Zeit genannt. Darauf kommt es aber nicht an, dass man sie so nennt, sondern darauf kommt es an, worin unsere Zeit denn eigentlich ihren Übergang zu suchen hat. Worin hat sie ihn zu suchen? Sie hat den Übergang zu suchen von dem passiven Hingegebensein an die rein sinnliche Wissenschaft, wo die Seele ihre wahre Wesenheit nicht finden kann, zur Geisteswissenschaft, wo sie sie finden kann. Aufmerksam werden kann man darauf, dass am Beginn unserer religiösen Urkunde des Abendlandes ein Bild steht; wir wollen das Bild hier nicht erörtern, man mag es nehmen, wie man will, eines aber wird einem jeden klar sein: dass es zusammenhängt mit dem Guten und dem Bösen. Es stehen da die Worte:

Ihr werdet sein wie die Götter und unterscheiden das Gute von dem Bösen.

Mag man das als ein Sinnbild oder was immer ansehen, gemeint ist zweifellos dasjenige, was mit menschlicher Freiheit, mit Hochmut und Überhebung und dem Verfall des Menschen in das Böse zusammenhängt - ich will das heute nicht weiter ausführen -, aber wir leben heute, wenn das, was ich sage, auch radikal ausgesprochen das heutige Leben charakterisiert, wir leben heute in einer Zeit, wo man raunen hört ein ähnliches Versucherwort. Wenn man bedenkt, was die sinnliche Wissenschaft — nicht, wenn man sie richtig versteht, sondern wenn man sie missversteht -, hervorbringt, braucht man nur zu charakterisieren, wie so manche Menschen heute glauben, dass der Mensch mit allen seinen auch geistig-seelischen Eigenschaften nichts anderes sei als ein höheres Produkt der tierischen Entwicklungsreihe; und manche Menschen sind stolz darauf, zu sagen: Die Elemente, die im Menschen vorhanden sind, sind auch schon in der Tierheit vorhanden. Moralische Elemente sind nur höher entwickelte tierische Triebe. - Dann müsste etwas eintreten als Konsequenz dieser Weltanschauung, die die Menschen nicht ziehen, aber sie sollten es tun, aber weil sie die Konsequenz nicht ziehen, so merken sie nicht, dass, wenn es so wäre, wenn Naturwissenschaft das wirklich lehrte, was eben angedeutet worden ist, dass der Mensch hervorgegangen wäre aus der tierischen Entwicklungsreihe, dass der Mensch nicht in seinem Moralischen, seinem inneren Seelenleben etwas hätte, was einer ganz anderen Welt entstammt, dann müsste wahr sein das Wort, was man wie von einem neuen Versucher geraunt hören kann, wenn man hinzuhorchen versteht auf die Stimmen der Zeit. Den Versucher kann man ablehnen, denn

Den Teufel spürt das Völkchen nie,
Und wenn er sie beim Kragen hätte.

Raunen hört man das Wort:

Ihr werdet sein wie die Tiere und das Gute und Böse wie Naturgesetze. Wie die Sonne über Gute und Böse scheint, so auch die Naturgesetze. Ihr werdet nicht mehr unterscheiden das Gute von dem Bösen!

Das Wort wird nicht ausgesprochen, weil man die Konsequenz nicht zieht, die man ziehen müsste. So sehen wir die entgegengesetzte Versuchung hereinschauen in unsere Übergangszeit. Nicht mehr spricht der Versucher: «Ihr werdet sein wie die Götter und unterscheiden das Gute von dem Bösen!», sondern: «Ihr werdet sein gleich den Tieren und gleich den Tieren ohne Unterschied verrichten das Gute und das Böse!»

Dass die Seele ihre wahre Wesenheit erkenne, dass die Menschen diesem Wort nicht verfallen, auch nicht in ihrem Gemüt, in ihrer Empfindung nicht verfallen, wenn sie auch nicht sich getraut, es auszusprechen, dazu wird die Geisteswissenschaft wirken, mag sie heute noch so viele Gegner haben. Wenn es auch der Fall ist, dass man heute noch viele Vorurteile gegen Geisteswissenschaft anschlägt, so ist auf der anderen Seite doch wahr: Was Sicherheit, innere Ruhe in Bezug auf das Fortwirken der Geisteswissenschaft, in Bezug auf das «Finden der Seele ihrer eigenen Wesenheit» geben kann, in Worte dieser Sicherheit, dieser Ruhe gegenüber den Zielen der Geisteswissenschaft sei das gekleidet, was ich zum Schlusse noch zu sagen habe, indem ich wie in einem Gefühl zusammenziehen möchte den ganzen Sinn dessen, was ich versuchte am heutigen Abend vor Ihnen auszuführen.

Geisteswissenschaft als wirkliche Wissenschaft, wie sie hier geschildert worden ist, ist ein Produkt erst der heutigen Zeit. Die Seelen der Menschen mussten durch ihre früheren Erdenleben gehen; jetzt werden sie reif und immer reifer, um die Kräfte zu entwickeln, die zur Geistesforschung führen. Aber im Einklang fühlt man sich, wenn man dieser Geistesforschung lebt, mit dem, was auch vor ihrem Bestehen die Menschen immer ausgesprochen haben, was aus den tiefsten Ahnungen, dem Reifsten ihrer Seele heraus ausgesprochen haben die führenden Geister der Menschheitsentwicklung. Zwei Aussprüche seien angeführt, die im Einklang stehen mit dem, was heute hier gesagt wurde. Der Arzt und Seelenforscher Feuchtersleben, dem wir das Buch «Die Diätetik der Seele» verdanken, er prägte ein wunderschönes Wort, das ganz, ganz übereinstimmt mit dem, was Geisteswissenschaft über das Finden der Seele gegenüber ihrer wahren Wesenheit zu sagen hat:

Die menschliche Seele kann es sich nicht verhehlen, dass ihr Glück doch zuletzt nur in der Erweiterung ihres innersten Wesens und Besitzes bestehe.

Geisteswissenschaft sucht die Seele hinzuweisen auf diese Erweiterung und diesen Besitz ihres innersten Erlebens, in ihrer geistigen Heimat, in der geistigen Welt selbst.

Wenn der Versucher heute raunt: «Ihr werdet sein gleich den Tieren, aus denen ihr euch entwickelt habt, und nicht mehr unterscheiden das Gute und das Böse, sondern nur glauben an Naturgesetze», dann kann man sich als Geistesforscher trösten und erheben, wiederum im Einklang sich fühlend mit einem der Geister, welche aus ihren Ahnungen heraus immer schon ausgesprochen haben ihre Harmonie, ihre Einstimmigkeit mit dem, was Geisteswissenschaft zu geben hat. In den folgenden Worten Schillers seien zum Schluss zusammengefasst die Gedanken, die aus der Geisteswissenschaft in der Seele aufsteigen können gegenüber den neuen Worten des Versuchers: «Ihr werdet sein wie die Tiere, die nicht unterscheiden das Gute und das Böse.» Demgegenüber bekräftigt die Geisteswissenschaft, die Seele ausfüllend mit dem Worte wie mit einer sie ganz durchdringenden Empfindung, das, was Schiller gesagt hat, und in das ausklingen mag dasjenige, was am heutigen Abend ich mir erlaubte, zu Ihnen zu sagen:

Jetzt fiel der Tierheit dumpfe Schranke,
Und Menschheit trat auf die entwölkte Stirn,
Und der erhab’ne Fremdling, der Gedanke,
Sprang aus dem staunenden Gehirn.

Worte waren das, die prophetisch von Schiller gesprochen wurden. Und Geisteswissenschaft fügt dazu die Tatsache, dass der Gedanke sich nicht bloß aus der ahnenden Seele herausdrängt, sondern wirklich herausdringen kann aus der Seele, sich erleben kann außerhalb des Leibes und die Seele zu ihrer wahren Wesenheit führen kann.

Der Gedanke sprang aus dem staunenden Gehirn und gab dem Menschen seine wahre Wesenheit und Würde; so sagte Schiller; so muss erkennen die sich richtig verstehende Geisteswissenschaft, die sich richtig verstehende Menschenseele.

German original of How Does the Soul Find Its True Essence? · ← Previous