Spiritual Science and the Future of Humanity

GA 69e — 8 January 1912, Munich

IV. Wie Widerlegt Man Theosophie?

Aus den Vorträgen, die ich nun im Laufe einer ganzen Reihe von Jahren hier halten durfte, wird ersichtlich geworden sein, dass jener Weltanschauung, aus der heraus der Inhalt dieser Vorträge geschöpft wurde, eine ganz bestimmte, man könnte sagen, Gesinnung zugrunde liegt, oder wenigstens, dass mit jener Weltanschauung mindestens eine derartige Gesinnung verknüpft ist, die dahin näher umgrenzt werden kann, indem man sagt: Es ist ein richtiger Vortrag innerhalb der Theosophie oder Geisteswissenschaft nicht möglich, wenn die Seele nicht durchdrungen ist von einer gewissen Toleranz gegenüber einem jeglichen Weltanschauungssystem, einer inneren Toleranz, die einer jeden Art von Weltanschauung ein hingebungsvolles Verständnis entgegenbringen kann. Denn die eigentliche Gedankenrichtung, die innerhalb der Geisteswissenschaft in Betracht kommt, hat nur einen Sinn, wenn sie entfernt gehalten wird von alledem, was man Fanatismus und Sektiererei nennen kann. Etwas Derartiges ist in unserer heutigen Zeit so verbreitet, dass, wenn jemand von seinem Gesichtspunkte aus die Welt betrachtet, er die Meinung hegt, jeder mit anderer Gedankenrichtung müsse ein Tropf, ein Dummkopf sein, oder es müsse ihm wenigstens am ernsten Wahrheitssinn oder an Erkenntnisfähigkeit und Gewissenhaftigkeit fehlen. Schon aus äußeren Gründen wäre es schlimm, wenn die Theosophie solchen fanatischen Gesinnungen huldigen würde, weil zugegeben werden muss, dass bei tieferem Eindringen viel Geduld und Zeit notwendig ist, um die theosophische Weltanschauung allseitig und gründlich zu erfassen, sodass ein großer Teil derjenigen unserer Zeitgenossen, welche sich ihre Überzeugung aus der Geisteswissenschaft oder Theosophie heraus holen, das keineswegs aus gründlicher Erkenntnis aller zugrunde liegenden Wahrheitsprinzipien möglich machen, sondern begreiflicherweise ihre Überzeugung aus gewissen Gefühls- und Empfindungsinteressen heraus in sich bilden. Auch diesen Letzteren soll damit eine Berechtigung nicht abgesprochen werden! Dazu hat selbstverständlich für sich jeder ein persönliches Recht, aber es ist ebenso selbstverständlich unmöglich, die Weltanschauung der Geisteswissenschaft gründlich zu verteidigen, wenn die Überzeugung nur auf diesem Wege gewonnen ist. Da außerdem das Einleben in die Geisteswissenschaft von Grund auf nur durch schwieriges, hingebungsvolles Arbeiten möglich ist, so wird es begreiflich, dass ein Teil unserer Zeitgenossen sich von der Theosophie zurückgestoßen fühlt, und das sind in der Regel nicht die Leute mit dem schlechtesten Wahrheitssinn.

Begreiflich müssen wir es finden, dass, wie die Dinge nun einmal stehen, diejenigen unserer Zeitgenossen, welche ihre Überzeugung aus der Wissenschaft und Kultur holen, Schwierigkeiten über Schwierigkeiten haben werden, um zur Theosophie zu kommen; gerade solchen Menschen türmen sich Widerlegungen und Widersprüche in Menge auf gegenüber dem, was ihnen als Theosophie entgegentritt. Da aber vom bösen Willen sprechen zu wollen, wäre entgegen der Toleranz, welche die Theosophie allezeit üben soll. Daher soll es die Aufgabe des heutigen Abends sein, ein Bild davon zu geben, welche Zweifel sich dem ehrlichen Wahrheitssucher entgegenstellen können, wenn er an die Theosophie herankommt, und sodann die des Vortrags von übermorgen - «Wie begründet man Theosophie?» -, wie solche Zweifel aus dem Wege geräumt werden können.

Wenn auch der heutige Vortrag scheinbar einen befremdlichen Charakter trägt, so rührt das eben daher, dass er bestimmt ist, sich auf den Standpunkt des Gegners zu stellen und seine begründeten Zweifel und Widerlegungen in einzelnen Hauptzügen vorzubringen. Damit wird auch am allerbesten dasjenige erreicht werden, was gezeigt werden soll, dass nämlich die Einwände der Gegner so ernst genommen werden sollen als möglich. Ich will dabei nicht meine Meinung vertreten, sondern den ernsten Versuch machen, mich vollständig auf den Standpunkt des Gegners zu stellen, ohne jene leichtgeschürzten Einwände zu berühren, welche schon dadurch erledigt sind, dass man sagt, der Gegner solle eben die Theosophie genauer kennenzulernen versuchen. Also nicht der Unreife will ich mich zuwenden, sondern denjenigen Bedenken, die sich all denen wirklich aufdrängen, die aus der Kultur der Gegenwart heraus von der theosophischen Weltanschauung Kenntnis nehmen wollen und dann nicht mit der Theosophie mitgehen können, da sie sonst mit allem brechen müssten, was aus der Kultur der Gegenwart sich ergibt, einer Kultur, deren Gründe sich ihnen scheinbar nicht widerlegen lassen, die vielmehr berechtigte und allseitig gerechtfertigte Einwände erheben muss, welche die Theosophie als solche anerkennen müsse, ohne sie in gleichem Maße widerlegen zu können.

Daher möchte ich zunächst einen Extrakt der theosophischen Weltanschauung vor Ihre Seele stellen, in der Art, wie jene schon in vielen Vorträgen möglichst eingehend begründet worden ist. Zunächst finden Sie in der Theosophie die Annahme einer übersinnlichen Welt hinter der Sinnes- und Verstandeswelt, sodann beruft sich die Theosophie auf gewisse Forschungsmethoden, abweichend von dem, was in unserer Zeit die Methoden des Forschens und Denkens lehren. Die Sinneswelt, so sagt man, lehre, dass sie aus sich selbst erklärbar sei und zu diesem Zweck keine übersinnliche Welt dahinter zu suchen brauche. Oder es wird von anderen die Meinung ausgesprochen, dass hinter der Sinnenwelt wohl eine übersinnliche angenommen werden müsse, in die der Mensch aber nicht eindringen könne, daher seien Erkenntnisgrenzen anzunehmen.

Die Theosophie betont, dass der Mensch mit seinem gewöhnlichen Bewusstsein auf die äußere Verstandeswelt angewiesen sei und außer dieser auf die der inneren Seelenbeobachtung, dass es aber ferner möglich sei, das innere Seelenleben zu hoher Entwicklung zu bringen. Wenn dieses durch gewisse innere Übungen geschieht, so tritt dem in rechter Weise und mit genügender Nachhaltigkeit Übenden beim Entwickeln seiner seelisch-geistigen Organe aus dem Tiefen des Seelenlebens eine hohe übersinnliche Welt entgegen, sodass der ausreichend vorgeschrittene Forscher auf dem Gebiete der Geisteswelt Tatsachen übersinnlicher Art erkennen kann. Dann wird ein solcherweise entwickelter Mensch imstande sein, über das Wesen des Menschen anders zu denken, als das gewöhnliche Bewusstsein es vermag, das ja nur den sinnlich wahrnehmbaren Teil in der Umwelt erkennen kann.

Nun spricht aber die Theosophie davon, dass mit dem erhöhten Bewusstsein noch drei übersinnliche Teile am Menschen selbst erkannt werden können. Nämlich es wirke im physischen Menschenleibe noch der «Ätherleib» als der eigentliche Beleber und Gestalter des physischen Leibes, der auch im Tiere und selbst noch in der Pflanze zu finden ist und dahin arbeitet, dass die den äußeren Leib zusammensetzenden Stoffe nicht den ihnen sonst innewohnenden Kräften und Gesetzen folgen, solange sie im Organismus unter dem Einfluss des Ätherleibes stehen, sondern erst nach dem Tode, wenn sie sich wieder selbst überlassen sind. Ein drittes Glied der Menschennatur kennt die Theosophie oder Geheimwissenschaft im sogenannten Astralleibe; jedes Lebewesens, das Bewusstsein entwickelt, tut dieses durch die Kräfte des astralischen Leibes, der den physischen und ätherischen Leib durchzieht, den wir wohl bei Menschen und Tieren, nicht aber bei den Pflanzen finden. Die Menschennatur hat nun noch ein viertes Glied, das sogenannte Ich, das den Menschen aus der Tierheit emporhebt und ihn hierdurch geradezu als Krone der Erdenschöpfung hinstellt.

Durch weitere Verfolgung und tieferes Eindringen in die Menschen-Erkenntnis geht hervor, dass der Mensch sich beim Wachen wesentlich unterscheidet vom Schlafenden; die Geisteswissenschaft lehrt, bei Letzterem trenne sich vom physischen und ätherischen Leibe der astralische Leib mit dem Ich, und diese letzteren beiden gingen in die geistige Welt. Aber in dieser Welt sind dann beide von Finsternis umgeben vom Einschlafen bis zum Aufwachen, da für den normal entwickelten Menschen ohne seine physisch-ätherischen Werkzeuge und ohne das Werkzeug seines Verstandes nichts, und mit diesen nur in der physischen Welt etwas wahrnehmbar ist, weil er noch keine Organe zum Erkennen der geistigen Welt besitzt.

In dieser Auffassung des Wachens weist die Geisteswissenschaft darauf hin, dass alles, was der Mensch erlebt hat vermittels seiner Sinne in seinem Verstande, was ihm zugestoßen ist als Glück und Unglück, sich in seiner Seele abgelagert hat, die es durch die Pforte des Todes trägt in den höheren geistigen Gliedern der menschlichen Wesenheit. Diese bleiben dem Menschen in einer gewissen Weise erhalten, nämlich als Ich, astralischer Leib und als Extrakt des ätherischen Leibes. Mit diesen Wesensgliedern macht der Mensch nach dem Tode seine Erlebnisse durch in der geistigen Welt, in der er dann aus allem Kräfte sammelt und diese in eigenartiger Weise verarbeitet, um dann nach längerer oder kürzerer Zeit wieder in einen physischen Leib einziehen zu können, der ihm innerhalb der Vererbungslinie zur Verfügung gestellt wird. Hierdurch wird er gewisse Eigenschaften von den Eltern erhalten, aber die wesentlichen Fähigkeiten werden in ihn, das heißt in seinen physischen Körper und die nächsthöheren Glieder, von seinem eigenen geistig-seelischen Wesenskern hineingebildet, der in seinem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, in der rein geistigen Welt, unter anderen als den physisch-irdischen Bedingungen, seine weiteren Erlebnisse hatte, die dazu führten, ihn Kräfte entwickeln zu lassen, die ihn zu einem neuen Erdenleben geeignet machten. Alles, was der Mensch an wichtigen Gedanken, an Trieben und Empfindungen erlebt hat, wirkt in ein neues Leben hinüber, sodass dieses in seiner Eigentümlichkeit teilweise eine Folge des oder der früheren Leben ist.

Die verschiedenen Glieder der Menschennatur gehören mehreren Welten an; das Geistig-Seelische ist früheren Ursprungs als der physisch-ätherische Teil, sodass wir davon sprechen können, eine geistig-seelische Welt sei der physischen vorangegangen, die gleichsam eine frühere Verkörperung unseres Erdenplaneten ist. Auf dieses und noch manches andere sowie auf die zukünftigen Gestaltungen desselben müssen wir unseren Blick richten, um eine Vorstellung von dem Grundstock der theosophischen Wissenschaft zu bekommen.

Wenn nun ein Mensch mit ernstem wissenschaftlichem Sinn an solche Vorstellungen herantritt, so wird er den Eindruck bekommen, als sei hier alles auf den Kopf gestellt, was die Geisteskultur und Wissenschaft der letzten Jahrhunderte erforscht haben, so zum Beispiel die Tatsache, von der die Theosophie spricht, dass der physische Leib in allen seinen Organen von einem Ätherleib durchzogen sei, der als Träger des Lebens angesehen wird. Muss da nicht jeder, der sich in die Wissenschaft, besonders die des letzten und vorletzten Jahrhunderts, vertieft hat, sagen, die Theosophie stelle sich mit einer solchen Anschauung auf einen dilettantischen Standpunkt, der durch nichts begründet sei, denn was sei dieser Ätherleib anderes als das Wiederaufleben der Lebenskraft, mit der man seit dem achtzehnten Jahrhundert gebrochen habe? Die chemischen Verbindungen, Mischungen und Trennungen erklären sich aus den Kräften, die sich in der Chemie und Physik erkennen lassen! Außer diesen sieht man noch gewisse Stoffverbindungen auftreten, die man nur im lebendigen Organismus sich bilden sieht, nicht in der äußeren, nicht-organischen Natur; daher sagte man früher, es finde sich im lebendigen Organismus eine Lebenskraft, welche die Organe desselben in eigentümlicher Art durchsetze.

Ein Fortschritt der Wissenschaft ist im neunzehnten Jahrhundert bei Liebig und bei Wöhler erfolgt, nämlich darin, dass diese beiden Forscher solche Stoffverbindungen, die sich scheinbar nur im lebenden Organismus bilden konnten, auch in ihren Laboratorien herstellten, ohne die angebliche Lebenskraft des Organismus in Anspruch zu nehmen. Was war nun natürlicher, als dass man glaubte, annehmen zu müssen, nachdem einmal solche Stoffverbindungen außerhalb des Organismus hergestellt waren, dass sie auch innerhalb des lebenden Organismus ohne die Mitwirkung der angenommenen Lebenskraft zustande gekommen seien? Wenn die Wissenschaft genügend weit entwickelt wäre, so stünde der Annahme schon jetzt nichts entgegen, dass auch in der Zukunft noch weitere, kompliziertere Stoffe dargestellt werden könnten, und zwar im Laboratorium, ohne Anwendung der sogenannten Lebenskraft.

Bei weiterer Fortführung dieses Gedankenganges musste dann die Überzeugung endlich Platz greifen, dass der lebendige Organismus auch nur solche Kräfte in sich berge, wie sie auch in der äußeren Natur zu finden sind, sodass sich bei genügenden wissenschaftlichen Fortschritten auch zunächst einfach organisierte Lebewesen würden darstellen lassen! Dabei ist ohne Weiteres zuzugeben, dass es kein Einwand gegen die spätere Möglichkeit solcher Hoffnungen ist, wenn diese Möglichkeit zurzeit noch nicht vorhanden ist. Was also sei der Ätherleib der Theosophie anderes als eine Herübernahme der von der Wissenschaft längst abgelehnten Lebenskraft, was zeige sich anderes, als dass die Theosophie die oben angedeutete Tragweite der wissenschaftlichen Entdeckungen und die daran geknüpften begründeten Aussichten nicht kenne? Nichts als pures Laientum, nur Dilettantismus sei die Annahme eines Äther- oder Lebensleibes.

Dieser Einwand ist vollauf berechtigt aus unserer Geisteskultur heraus, und ein ernster Wissenschaftler kann nicht leichten Herzens über diesen Einwurf hinwegkommen.

Gehen wir nun aber ein auf das, was wir als den astralischen Leib, den Träger des Bewusstseins charakterisiert haben, so sehen wir ein, dass diese Bewusstseins-Erscheinungen sich als übersinnliche Erlebnisse darstellen, und alles, was wir an Gedanken, Empfindungen, Gefühlen, Willensimpulsen kennen, gehört der übersinnlichen Welt an. Bis hierher sind auch die Naturforscher des neunzehnten Jahrhunderts gegangen; es braucht nur erinnert zu werden an die berühmte Rede, die im Jahre 1872 Du Bois-Reymond in Leipzig über die Grenzen des Naturerkennens hielt. Wenn nach der damals herrschenden Anschauung das Gehirn aus Atomen zusammengesetzt gedacht wurde, so vermochte man nicht zu einer Erkenntnis vorzudringen, wie nun aus der beständigen oder wechselnden Lagerung dieser Atome die Bewusstseins-Erscheinungen entstehen sollten. Dieser radikale Unterschied von äußeren Erscheinungen ist schon den Naturforschern damals ernstlich aufgefallen, indem sie Stoffe und übersinnliche Seelenerlebnisse in Betracht zogen. Diese Letzteren sah man als stetige Begleiterscheinungen der Ersteren an. Das Vorstellungsleben ändert sich zum Beispiel durch größeren oder geringeren Zufluss des Blutes zum Gehirn, sodass also die Bewusstseinserscheinungen an stoffliche Vorgänge gebunden sind, und der Naturforscher findet daher keinen Unterschied zwischen solchen Erscheinungen und der Schwerkraft zum Beispiel, die auch übersinnlich ist und nur in ihren Wirkungen, nicht selbst wahrgenommen werden kann, ebenso übersinnlich wie das Bewusstsein. Sie ist an Stoffe gebunden, die sich anziehen im umgekehrten Verhältnis des Quadrats der Entfernungen und im geraden Verhältnis der Massen [...].

Dementsprechend sagt zum Beispiel Benedikt in seiner «Seelenkunde»: Die Bewusstseinserscheinungen innerhalb unseres Seelenlebens sind keine anderen Erscheinungen in ihrer Gebundenheit an die Stoffe unseres Leibes als die Schwerkraft, der Magnetismus, [die Elektrizität] und dergleichen; warum sollten nicht solche oder ähnliche Kräfte von unserem Gehirn ausgehen wie jene Kräfte als Begleiterscheinungen der stofflichen Vorgänge? Vor einem genauen wissenschaftlichen Denken ist der Satz nicht zu halten, die Seelenerscheinungen seien etwas anderes als Begleiterscheinungen von Stoffen -und wir müssen gestehen: Der Grundsatz von Benedikt ist ein solcher, über den ein Mensch vom Standpunkte der Gegenwartskultur nicht leicht hinwegkommen kann, sondern stattdessen annehmen müsste, die Seelenkräfte des Menschen würden sich im Tode loslösen, und ebenso müsste sich die Schwerkraft loslösen können bei der Vernichtung des Stoffes, um inzwischen in ein besonderes Reich, eine Art Schwerkraftsreich [Schwerkrafthimmel] überzutreten, bis sie Gelegenheit fände, sich in einem neuen Stoffe wieder zu verkörpern. Das ist ein logischer Einwand, über den ein wissenschaftliches Gewissen nicht leicht hinüberkommen kann.

Wenden wir uns zu dem, was die Theosophie über die Erscheinungen des Schlafens und Wachens sagt; dem gegenüber meint der heutige Wissenschaftler, es hänge die Erklärung völlig in der Luft, dass ein übersinnlicher Wesensteil dabei aus dem Schlafenden heraustrete. Wir wollen daher versuchen, das Schlafen und Wachen zu erklären, und zwar unter der Voraussetzung, dass Seelenvorgänge an die Stoffe des Leibes gebunden seien wie die Schwerkraft an jeden physischen Stoff. Wir nehmen daher an, dass die Wachtätigkeit durch ihre Abnützung den menschlichen Organismus dahin führe, dass die einzelnen Organe nicht mehr imstande sind, das Wachbewusstsein aufrechtzuerhalten, nämlich in der Art, dass gewisse Gifte erzeugt und angehäuft werden, die zuletzt den Menschen zum Einschlafen bringen. Dadurch, dass somit das Bewusstsein im Schlafe ausgelöscht wird, tritt die rein [animalische], oder besser gesagt, [vegetative] Tätigkeit des Menschen ein, welche die Ermüdungsoder Giftstoffe wieder herausarbeitet, sodass er wieder regeneriert wird und von Neuem ins Bewusstsein des Wachens eintreten kann.

So hätten wir demgemäß im Menschen einen Selbstregulator im Schlafen und Wachen durchs ganze Leben hindurch. Das ist eine Erklärung, die durchaus im Sinne unserer materialistischen Denkweise gehalten ist. Hypothesen solcher Art können im Einzelnen, wenn irrtümlich, doch aufgrund des Materialismus berechtigt sein; es kommt hier vor allem darauf an, ob sie logisch gedacht werden können ohne die Annahme, beim Einschlafen gehe etwas aus dem Menschen heraus und kehre in ihn beim Aufwachen wieder zurück. So muss also aus seiner Auffassung heraus das naturwissenschaftliche Denken die Erklärung der Theosophie über Schlafen und Wachen ablehnen.

Bei der Lehre von den wiederholten Erdenleben befinden wir uns unter den letztgenannten Bedingungen auf völlig unsicherem Boden, während das geisteswissenschaftliche Denken das gegenwärtige Leben sich nur vorstellen kann als die Wirkung früherer Lebensläufe. Doch gibt es auch im naturwissenschaftlichen Denken Vorbilder, welche darauf hindeuten, sodass zum Beispiel nach dem sogenannten biogenetischen Grundgesetz während des Keimzustandes alle Tiere und Menschen alle Stadien früherer Entwicklungen ihrer Vorfahren durchmachen müssen, sodass zum Beispiel der Menschenkeim 21 Tage nach der Befruchtung Fischformen zeigt und damit anzeigt, dass in längst vergangenen Zeiten seine leiblichen Vorfahren fischartig waren; es liegt also im gegenwärtigen Entwicklungsvorgange ein gewisser Hinweis auf frühere Leibeszustände. So könnte man alte Entwicklungszustände charakterisieren. Trotzdem kommt man bald darauf, dass es nicht möglich ist, alle Eigenschaften eines Menschen aus seinen Vorfahren zu erklären, sondern nur unter der Annahme eines geistigseelischen Wesenskerns, indem man zum Beispiel darauf hinweist, dass Kinder desselben Elternpaares eigentlich noch viel ähnlicher sein müssten, als das gewöhnlich Zwillinge sind.

Aber alles das wird dem naturwissenschaftlichen Denken nicht genügen, von dem eingewendet wird, dass jeder Mensch entstehen muss aus der Vermischung der Eigenschaften von Vater und Mutter in ihrem gegenseitigen Aufeinanderwirken, sodass demnach Kinder verschiedener Lebensalter der Eltern sich verschieden gestalten müssten, da sie ja aus den verschiedensten Mischungsverhältnissen entstanden wären. Außerdem kann bei dem heutigen Stande der weit vorgerückten Forschung, oder gerade trotz diesem, das naturwissenschaftliche Denken sagen: Wer sollte wohl imstande sein, die feinen Strukturen des Mischungskeimes zu beurteilen?

Außerdem erscheint es dem modernen, materialistischen Denker leichtfertig, die verschiedensten Eigenschaften auf frühere Lebensläufe zurückführen zu wollen; denn vorher müsste man erst alles das ausschalten, was sich in der ersten Kindheit ereignete. So würde man zum Beispiel bei einem Bildhauer versucht sein, ein hervorragendes Talent zurückzuführen auf ein früheres Leben, während es sich ebenso vielleicht dadurch erklären ließe, dass der Betreffende in seiner Jugend vielfach in anregende Berührung mit Bildhauerwerken und Künstlern gekommen ist. [Das braucht man gar nicht mehr zu wissen, es wirkt aber auf das Unterbewusstsein.] Man kann niemals sorgsam genug alles zusammentragen, sich alles Einschlägige zum Bewusstsein bringen, um dadurch die sachgemäße richtige Aufklärung zu bringen.

In der Wissenschaft findet sich etwas, das man eine brauchbare Arbeitshypothese nennt. So sah man zum Beispiel früher das Sonnenlicht als die Ausstrahlung eines feinen Lichtstoffes an, der seinen Weg von der Sonne zu den Planeten, also auch zu unserer Erde nahm. Da sich aber daraus nicht alle Erscheinungen des Lichtes erklären ließen, so nahm man die Hypothese beziehungsweise die Theorie des Welten-Äthers auf, obgleich niemand unmittelbar beweisen kann, ob ein Stoff strömt oder der Äther sich wellenförmig bewegt. Aber wenn die Undulations-Theorie richtig ist, so kann man mit deren Hilfe die Erscheinungen des Lichtes und der Farben erklären und solche unter bestimmten Verhältnissen voraussagen. Wenn nun auch die Vorgänge anders ablaufen, so erweist diese Theorie sich doch als brauchbar. Ähnlich ist es mit der Darwin’schen Theorie, die als Zwischenglied in der Entwicklung bis zum Menschen die Fische anführt; es ist immerhin möglich, zum Beispiel die Flossen der Fische als Ursprungsglied für die Bewegungsorgane der höheren Tiere und so weiter aufzufassen und auf den verschiedensten organischen Gebieten die niederen Tiere in ihrer Entwicklung zu höheren durch diese Erklärungshypothese mit den Menschen in Zusammenhang zu bringen.

Fruchtbar könnte die Annahme wiederholter Erdenleben [als Arbeitshypothese] sich erweisen, um glückliche oder unglückliche körperliche und soziale Lebensverhältnisse zu erklären. Im Ernst aber kann man Reinkarnation und Karma nicht so behandeln, wie der Naturforscher in seinen Arbeitshypothesen vorgeht, denn in der Naturwissenschaft haben wir darin nur eine Erklärung gegenüber vielen Erscheinungen; wir führen viele Erscheinungen auf ein einziges Prinzip zurück. So werden, wie schon angedeutet, die höheren Tiere auf fischartige Vorfahren zurückgeführt, eine Annahme, die man durch unendlich viele Fälle zu einem Gesetz erheben und auf ein Prinzip zurückführen kann. Dagegen müssten wir bei einem jeden Menschen, bei der Annahme vieler vorhergehender Lebensläufe, eine Hypothese neu aufstellen; würde das der Naturforscher auf seinem Gebiete versuchen, so würde das dort für absolut unstatthaft erklärt werden, da er ja im Gegenteil sich bemüht, für eine möglichst große Anzahl Einzel-Ereignisse eine gemeinsame Erklärung zu finden. Dass alle Menschen nach dem «Karma» leben, ist nur ein Abstraktum, denn jeder Mensch muss auf sein eigenes Vorleben zurückgeführt werden. So könnte man in der mannigfaltigsten Weise berechtigte Schwierigkeiten aus einem gewissenhaften Denken herbeitragen, unzählige Einwände vom wissenschaftlichen Standpunkte her erheben.

Aber es entstehen für den materialistisch-wissenschaftlichen Denker noch besondere Einwände, wenn er beobachtet, wie sich der Geistesforscher auf ein höheres, geistiges Schauen beruft, von dem dieser ihm sagt, dass es sich erst durch höhere Seelenkräfte bilden könne, wodurch also diese geisteswissenschaftliche Methode des Forschers diametral entgegengesetzt ist der materialistisch-wissenschaftlichen Forderung, dass an jedem Ort, zu jeder Zeit und für jeden Menschen, sofern die unerlässlichen Vorbedingungen erfüllt sind, eine Nachprüfung der aufgestellten Behauptung solle vorgenommen werden können, ganz unabhängig von den Vorgängen im Innern seiner Seele. Diese sind für den wissenschaftlichen Forscher für die Anwendung seiner Forschungsmethode völlig nebensächlich, es soll vielmehr der zweite und dritte Forscher dasselbe feststellen können wie der erste. Diese grundlegende Forderung widerspricht der geisteswissenschaftlichen Methode, nach welcher durch Heranbildung subjektiver seelischer Kräfte etwas erforscht werden kann; das aber ist für den wissenschaftlichen Forscher unannehmbar; die Resultate solcher Forschungsmethode sind ihm unbeweisbar. Er kann sie daher nur in das Gebiet des bloßen Glaubens einreihen, zu dem ein jeder sich nach eigenem Gutdünken stellen kann, wie er will. So erscheint alles dieses dem materialistisch Denkenden, überhaupt jedem Fernstehenden unannehmbar, der mit den ihm eigenen Methoden an die Theosophie herangeht und dann erfährt, was und wie sie forscht und lehrt.

Zahlreiche andere Einwände ergeben sich auf den moralischen, religiösen und seelischen Lebensgebieten. Man wendet ein, bei der theosophischen Anschauung sei dasjenige, was wir erleben, eine Folge früherer Lebensläufe, und das Denken und Tun des gegenwärtigen Lebens die Ursache der Erscheinungen des kommenden Lebens; man wendet ein, eine solche Auffassung führe zu einer egoistischen Moral und Lebensführung, wenn das Böse zu etwas führen solle, was durch Schmerzen und so weiter ausgeglichen werden müsse, während das Gute Glück und Freude bringen würde. Müsse sich da nicht, so folgert man, eine egoistische Moral entwickeln, wenn man aus den angedeuteten Gründen das Böse unterlassen und das Gute üben würde? Gegenüber einer solch egoistischen Moralauffassung nimmt sich dasjenige, was uns aus der materialistischen Anschauung über Moral entgegentritt, wie Heroismus aus, die ja annimmt, dass mit dem Tode die Bewusstseinserscheinungen ausgelöscht werden wie eine Flamme, deren Brennstoff verbraucht ist; eine Anschauung, die dahin geht, dass die Taten des Einzelnen ihm selbst nichts einbringen, sondern deren Folgen, gute und böse, nur im allgemeinen Weltprozess fortfließen. Wenn auch dieses theoretisch zu widerlegen ist, so kommt es doch auf die äußere Wirklichkeit an, nicht auf logische Gründe, sondern auf die Wirkung, welche eine solche Theorie im Leben ausübt.

Bei edlen Geistern des Abendlandes finden wir die geschilderten Anschauungen materialistischer Moral, so zum Beispiel bei dem Münchner Frohschammer, der einen sehr beachtenswerten moralischen Einwand vorbrachte, indem er sagte: Wozu führt denn die stetige Wiederkehr eines geistig-seelischen Wesenskerns? Zu der Auffassung, dass eben dasjenige, was wir hier im Leben als eine der edelsten Beziehungen betrachten, nämlich die Liebe zwischen den Geschlechtern, die Ursache abgibt, um immer von Neuem, ohne Ende, eine Seele nach der anderen in einen physischen Körper einzukerkern; daher halte ich die Reinkarnation für moralisch verwerflich. Wer sich den Betrachtungen der übersinnlichen Welt hingibt, zu einer Abwendung vom äußerlichen Leben kommt, in eine Fremdheit zu diesen durch eine lebensfeindliche Askese verfällt, wird mit einer solchen Wirkung die Reinkarnation keineswegs als eine ethische, moralische Lehre erweisen. Das persönliche Erleben des Geistesforschers kann und wird solchergestalt leicht Widerspruch erfahren, und wo ist die Gewähr, dass dieses bloß Subjektive nicht nur eine Illusion ist?

Eine solche Anschauung ist nun ebenfalls theoretisch widerlegbar, aber wer sich entscheiden soll, ob er zur Theosophie gehen soll oder nicht, dem werden solche Zweifel sehr schwer auf die Seele fallen, besonders wenn er zum Beispiel an Kepler erinnert wird, von dem wir ja wissen, dass er auch Astrologie getrieben hat, eine eigenartige Astronomie mit hohen Geistesanschauungen. Da erfahren wir dann von ihm, wie er mehrfach genötigt wurde, auch hochstehenden Persönlichkeiten das Horoskop zu stellen, und sich dann besorgt fragte, ob er das Vorausgeschene völlig darlegen oder es nicht lieber verhüllt mitteilen solle. Da kann man also hinweisen, dass selbst bei dem großen Kepler etwas auftritt, trotz seines wissenschaftlichen Gewissens, was an Scharlatanerie grenzt. Es öffnen sich da Abgründe eigener Art beim Übergange einer alten in eine neue Wissenschaft, an deren Grenzscheide die Gestalt eines Kepler steht. Wenn ein solch bedeutsamer Mann, so ist die Meinung, nicht immer geschützt ist vor bedenklichen Verdunkelungen, wie soll da ein einfacher Mensch die standhaften Eigenschaften entwickeln, wenn er in unfreiem und vielfach unreifem Zustande zu übersinnlichen Schauungen gelangt, um unter allen Umständen der Träger eines unverrückbaren Wahrheitssinnes zu sein!

So liegt die Befürchtung nahe, dass hellseherische Eigenschaften bei ihrem Eindringen in höhere geistige Welten als Begleiterscheinung solcher Fähigkeiten zur Lügenhaftigkeit führen, und Gegner der Theosophie sagen daher: Moralisch anfechtbar ist sogar die Methode, nicht die Entwicklung selbst, die zum Schauen in höhere Welten führen soll. So sehen wir zum Beispiel, wie Faust von dem Träger der magischen Kräfte, dem Mephistopheles, begleitet ist; wie nahe ihm das geht, das kann man mitempfinden, wenn Goethe ihn sagen lässt:

Könnt ich Magie von meinem Pfad entfernen, die Zaubersprüche ganz und gar verlernen ...

Was nicht ohne Weiteres im Menschen liegt, tritt so von außen als Versuchung zur Unmoral an ihn heran.

In religiöser Beziehung ist es eine der edelsten oder wohl die edelste Anschauung des Menschen, dass er einem göttlichen Wesen gegenübersteht, das ihn geschaffen und ihn erlöst hat. Was macht nun die Theosophie aus diesem allerhöchsten Gottwesen? Sie sieht den eigenen geistig-seelischen Wesenskern selbst als einen Funken im Gesamtwesen des Göttlichen an; das Ich des Menschen tut Gutes und Böses, es trägt die Erlösung in sich selber und schaut nicht hinauf zum Gotte der ausgleichenden Gerechtigkeit, der stattdessen in die eigene Seele verlegt wird und den Menschen zu einem Wahn unberechtigter Wertschätzung führen kann. Der Gefühls- und Empfindungskern der Religion, das Kindschaftsgefühl ist daher in Gefahr, in eine Anbetung der Selbstgerechtigkeit verkehrt zu werden.

So haben wir denn also gesehen, wie die theosophische Beweisführung und allgemeine Welt- und Lebensauffassung und so weiter unvereinbar ist mit derjenigen anderer Denker. So zum Beispiel kann ja das menschliche Gewissen nicht äußerlich begriffen werden, aber da sagt - vergleiche das Buch über das Gewissen von Dr. Paul Ree — der naturwissenschaftliche Denker, das Gewissen sei das letzte Ergebnis der menschlichen Entwicklung. Dieser Anschauung gegenüber hat die Geisteswissenschaft eine innere Toleranz zu entwickeln und den Gegner nicht als Tropf oder gar als einen Böswilligen zu bezeichnen, sondern sie soll auf dessen Einwände eingehen, die durch ihr Gewicht der Beachtung wert erscheinen. Es verlangen ja die Wissenschaftler der Gegenwart ganz andere Wege, um die übersinnlichen Wahrheiten der höheren Welten zu erweisen, so zum Beispiel in der Weise, wie es Ludwig Deinhard in seinem Buche «Das Mysterium des Menschen» gezeigt hat, und zwar in der ersten Hälfte, wo er hinführt auf die Annahme vom Fortleben nach dem Tode und auf das Verständnis für das Fortleben derselben Individualität, die identisch ist mit derjenigen des physisch-irdischen Lebens. Auf gleichem Boden ist dieser Weg von ehrlich strebenden Gelehrten häufig versucht worden, und wir können so beobachten, dass alle diese von denselben feststehenden Erscheinungen zu der gleichen Hypothese hingeführt werden, dass der Mensch nach dem Tode als Geist vorhanden ist.

Es konnte zum Beispiel auf die Forscher, weiche sich auf diesem Gebiete beschäftigen, dasjenige einen bedeutungsvollen Eindruck machen, was als Kreuz-Korrespondenz bekannt ist, bei der nämlich zwei oder mehrere Personen, aus dem Innern ihrer Seele gedrängt, dasselbe niederschreiben, was dann gemeinsam auf eine vor nicht langer Zeit verstorbene Persönlichkeit hinweist, die Führer oder eifriger Teilnehmer einer Bewegung war, welche sich die Erforschung solcher Verhältnisse zum Ziel gesetzt hatte, und es grenzt an die Gewissenhaftigkeit der Beweisführung bzw. Vollständigkeit derselben, wie sie der Naturforscher auf seinem Gebiete von den Erscheinungen verlangt, wenn bei einer solchen Kreuz-Korrespondenz eine Dame in Indien die ihr unter Benützung ihrer verborgenen Seelenkräfte zugeflossenen Mitteilungen aus der geistigen Welt an eine Persönlichkeit in London sendet, unter einer Adresse, die ihr auf demselben okkulten Wege bekannt gegeben ist und umgekehrt. Nun gibt es zweierlei: einmal solche Menschen, die sich durch solche an naturwissenschaftliche Methoden streifende Vorgänge vom Dasein einer übersinnlichen Welt überzeugen lassen, wie zum Beispiel Weber und Zöllner, ein andermal solche Menschen wie den Philosophen Wundt, der meinte, die vorhin genannten Forscher seien nicht berechtig, derartige folgenschwere Schlüsse aus den beobachteten Erscheinungen zu ziehen, der Gelehrte sei zur Beobachtung und Beurteilung zu gutgläubig, zu naiv, dazu sei vielmehr der Taschenspieler der geeignetste Prüfer. Er weist hin auf die Vorkommnisse in einer Versammlung, in der Proben vorzüglichen Gedankenlesens von einem Medium vorgeführt wurden, dem beide Augen sorgfältig verbunden waren, und in der man dem Impresario das zu Übertragende auf Zettel aufschrieb. Der Impresario dachte dann anscheinend dem Medium das Niedergeschriebene energisch zu und fragte darauf, was auf dem Zettel stehe. Das Medium sagte dieses dem mit großer Sicherheit aus. Verabredete Verständigungszeichen waren bei der sorgfältigen Beobachtung ausgeschlossen, und trotzdem wurden die sonderbarsten und verzwicktesten Niederschriften von dem Medium wiedergegeben. Die Aufklärung dieser Erscheinung erfolgte durch einen Taschenspieler, der den Impresario als Bauchredner erkannte, dessen Medium bei den Mitteilungen, ohne selbst zu sprechen, nur die Lippen bewegte. Professor Weber, der sich, wie schon angedeutet, für die Erforschung okkulter Erscheinungen und übersinnlicher Welten lebhaft interessierte, hatte sich durch seine Experimente von der Wirklichkeit derselben überzeugt; [er] sah einst in Leipzig einen Taschenspieler mit einer GeldNote operieren, die er vor den Augen seiner Zuschauer zu riesiger Größe anwachsen ließ, ohne Zuhilfenahme vierdimensionaler Kräfte, sondern nur unter Anwendung seiner Taschenspieler-Künste. Weber war aufs höchste betroffen, als er solches sah. Es kann sich daher wohl die Skepsis erheben bei der Kontrolle durch Gelehrte.

Bei dem erstgenannten Experiment der Kreuzkorrespondenz braucht man nicht einmal den Einwand zu erheben, dass jemand in Indien einmal die Adresse einer Dame in London, ohne sich daran zu erinnern, gelesen haben und sich unbewusst dieser Tatsache daran erinnern könne; man könnte ja überhaupt das ganze Experiment völlig wiederholen, um solche Zweifel auszuschalten. Aber abgesehen davon kommt man dadurch, wenn man durch Experimente mit solchen Niederschriften etwas beweisen will, besonders, dass eine verstorbene Persönlichkeit als Individualität in einer geistigen Welt noch lebt, leicht in die Versuchung, zu viel beweisen zu wollen, da ja die Möglichkeit zugegeben werden muss, dass die Wirkung, auch eines Verstorbenen, auf noch lebende Menschen als eine nach dessen Tode fortschwingende geistige Bewegung übergehen kann, und daher der verfrühte Identitäts-Beweis in Frage gestellt worden ist. So können ja durch die Telegraphie ohne Draht die elektrischen Wellen auf der ganzen Erde verbreitet werden, und ebenso wäre es denkbar, dass noch jahrelang nach dem Tode eines Menschen dessen Tätigkeit und Denken ohne mechanische Hilfsmittel fortwirken könnte, ohne dass es notwendig sein würde, das Fortleben einer menschlichen Individualität nach dem Tode selbst anzunehmen.

So finden sich, wie wir in der kurzen Zeit dieses Vortrags schon gehört haben, Einwände über Einwände, ohne dass diese selbst als leichte Einwürfe gewählt sind, sodass man sich auf den Standpunkt stellen müsste, es sei die Theosophie mit der gegenwärtigen Wissenschaft nicht zu vereinigen. In dem nächsten Vortrage soll der Versuch gemacht werden, zu zeigen, ob diese Probe nicht doch in anderer Weise gemacht werden kann.

Es sei, um dieses schon im Voraus zu illustrieren, daran erinnert, wie im Jahre 1867, als Hartmanns «Philosophie des Unbewussten» erschien, in der unter anderem das Ungeeignete der rein materialistischen Anschauung, zum Beispiel der Darwins, gezeigt wurde, sich ein Sturm des Unwillens unter den Naturforschern erhob, in welchem man die Ausführungen des Hartmann’schen Werkes als Dilettantismus bezeichnete. Viele Gegenschriften erschienen, unter anderen auch eine: «Das Unbewusste vom Standpunkte der Deszendenz ...». Darin war alles zusammengetragen, was nur irgend gegen die «Philosophie des Unbewussten» zu sagen war. Diese Schrift erschien als die Beste gegen die Anmaßungen Hartmanns, und Ernst Haeckel sagte, er selbst könne nichts Besseres schreiben als der anonyme Verfasser dieser vorzüglichen Widerlegungsschrift. - Da nannte sich dann Eduard von Hartmann selbst als Verfasser, der Sturm der Zustimmung hörte alsbald auf, man wollte ihn nicht mehr als einen Angehörigen der materialistischen Denkungsweise anerkennen, nachdem er gezeigt hatte, er könne sich selbst schon alles sagen, was von der gegnerischen Seite vorgebracht werden könnte, wenn er sich auf den Standpunkt dieser Gegner stellen würde.

Aber verhält es sich nun mit der Sache so, dass derartige Einwände aufrechterhalten werden können oder nicht, oder gibt es im ersteren Falle für die Theosophie eine Möglichkeit, ihre Sache zu begründen und die Einwände zu widerlegen? Wir müssen daher versuchen, innerhalb der Geisteswissenschaft einen Standpunkt zu gewinnen, von dem aus die Theosophie begründet werden kann. Ist dieses möglich, so wird es sich ja zeigen, ob die so vorgebrachten Gründe von den Gegnern der Theosophie gewürdigt werden, ob sie es tatsächlich vermag, die Einwände dieser loyalen Gegner zu widerlegen und darzutun, was sie an sich noch zu sagen hat.

German original of How to Refute Theosophy? · ← Previous · Next →