Spiritual Science and the Future of Humanity
GA 69e — 10 January 1912, Munich
V. Wie Begründet Man Theosophie?
Wenn wir vorgestern versucht haben, uns gleichsam probeweise auf den Standpunkt der Gegner unserer theosophischen oder geisteswissenschaftlichen Weltanschauung zu stellen, und wenn heute Ihnen die letztgenannte Weltund Lebensanschauung in begründeten Hauptformen vorgeführt werden soll, so bitte ich, meine Aufgabe nicht so aufzufassen, als ob nun heute der Versuch gemacht werden sollte, Stück für Stück das wieder abzutragen, was vorgestern aufgebaut wurde, also eine Art Spiel mit Begriffen zu treiben; denn das würde mir denn doch frivol erscheinen. Es ist schon betont worden, dass es sich nicht darum gehandelt hat, dasjenige in beliebiger Weise aufzuzählen, was aus leichtgeschürzten Einwänden gegen die Theosophie von solchen Leuten vorgebracht wird, die keinen guten Willen haben, um sich mit dem Inhalt und Wesen dieser Weltanschauungen näher vertraut zu machen, sondern es ist hervorgehoben worden, dass nur solche Gründe vorgebracht werden sollten, die man als ernste, gewichtige Einwände ansehen muss und die es den heutigen Kulturmenschen schwer machen, mit ihrer innersten Überzeugung an die Theosophie heranzukommen, trotz guten Willens.
Da aber doch diejenigen, welche schon öfter von mir Vorträge theosophischer Art gehört haben, voraussetzen können, dass es mir nicht darauf angekommen ist, die Theosophie zu widerlegen, so soll heute alles Vorgebrachte nur in seiner Gesamtheit eine Art Widerlegung von vorgestern sein, und ich bitte, zu berücksichtigen, dass ich dabei einen anderen Ton anschlagen muss als bei sonstigen Vorträgen zur Begründung theosophischer Wahrheiten. Sonst wurden Tatsachen-Belege vorgebracht, um die theosophischen Wahrheiten zu erhärten; was heute gesagt werden wird, soll mehr in logisch urteilender Weise demjenigen von vorgestern entgegengehalten werden, von einem mehr abstrakten Gesichtspunkte, der ganz begreiflich erscheinen wird mit Rücksicht auf die Einwände, die in gewissen Grenzen als berechtigt hervorgebracht worden sind.
An sich erscheint es auffällig, den Versuch zu machen, für eine Sache, von der behauptet wird, dass sie sich in unsere Kulturströmung einleben werde und müsse, nun Gründe für und wider vorzubringen; auffällig, weil daraus leicht das Urteil entstehen könnte, dass die für einen Menschen begründete Überzeugung für andere anzunehmen nicht möglich sei. Die Entscheidung ist oft recht schwierig, sodass da zunächst aufmerksam gemacht werden muss, wie es sich mit der Beweiskraft der menschlichen Vernunft für oder wider eine Sache verhält. Dann erst ist es möglich, zu fragen, ob denn wirklich so viel an der Beweiskraft der menschlichen Vernunft allein liegt, ob diese mit ihren Gründen allein für oder gegen eine Sache entscheiden kann, oder ob dieses nicht so in unmittelbarer Weise geschieht.
Jeder weiß, dass mit großem Scharfsinn etwas vorgebracht werden kann, bis man einsieht, dass die erst so überzeugend wirkenden Beweise bei erweitertem Gesichtskreis doch nicht mehr genügend sind. Daher drängt sich uns die Frage auf, ob die Beweise allein es sind, die den Menschen zu der Entscheidung bringen, ob er etwas annehmen oder ablehnen soll. Es könnte ja scheinbar das Urteil leichtfallen, dass eine Sache richtig ist, wenn die Beweise dafür, und irrtümlich, wenn sie dagegen sprechen, aber wir erkennen aus der Kulturgeschichte, dass für die Menschen im Laufe der Zeiten die Beweise keineswegs entscheidend waren, die für oder gegen eine Sache vorgeführt werden konnten, sondern es kam und kommt heute noch auf Dinge an, die beim Für-wahrHalten maßgebender sind als Beweise der menschlichen Vernunft.
Das möge durch folgendes Beispiel erläutert werden: Es erschien in diesem Jahre zum ersten Male ein sogenannter Freidenkerkalender, in welchem sich auch eine Auseinandersetzung findet von einem Verfasser, dessen Wahrheitsliebe unbedingt anerkannt werden soll; dieser sagt, man solle doch seinen Kindern ja nichts beibringen, was auf Vorstellungen von göttlichen oder sonstigen übersinnlichen Dingen beruhe. Der Schreiber des betreffenden Artikels steht auf monistisch-materialistischem Standpunkte und glaubt, sich aussprechen zu müssen gegen Anschauungen übersinnlicher Art, wie zum Beispiel gegen die Existenz der Seele, Gottes und so weiter. Er beruft sich dabei auf etwas, von dem man sagen kann, dass es für viele denkende Menschen großes Gewicht hat, nämlich, man solle die Kinder nichts anderes lehren, als was aus ihrer natürlichen Menschenart herausentwickelt werden könnte; dagegen etwas von übersinnlichen Welten in ihre Entwicklung hineinzutragen, sei etwas Fremdes, denn sich selbst überlassen, kämen sie zur sinnlichen Welt. Das leuchtet modern-pädagogischen Menschen ein, die das Kind nicht wie einen Sack ansehen, den man wahllos mit Ideen und so weiter anfüllen kann.
Solche Anschauungen könnten jedem als recht natürlich und angemessen vorkommen, und eine solche Darlegung wird auch dem Leser des Kalenders als ein absolut lückenloser Beweis erscheinen. Aber so schwierig es ist, mit all den Mitteln seines Standpunktes den Verfasser zu widerlegen, so nimmt sich doch das Urteil gleich anders aus, wenn man seinen Horizont erweitert. Würde zum Beispiel das Kind auf einer einsamen Insel aufgezogen, wo man es verhindern könnte, von Menschen die Sprache zu erlernen, so erscheint die Frage recht natürlich: Soll man den vorhin aufgestellten Grundsatz beibehalten und dem Kinde nichts anderes bieten, als was seine Natur schon von selbst hergibt, so hieße das geradezu verhindern, dass ein solches Kind sprechen lernt. Daraus geht hervor, dass beim Denken auch alle maßgebenden Faktoren berücksichtigt werden müssen.
Bedeutende Menschen erkannten als Grundsatz stets das Bestreben an, ihr Denken nach dieser Richtung hin stets frei und unabhängig zu erhalten, ihre Ideen nach einem möglichst weit gespannten Horizonte zu fassen. Ein Beispiel über die Denkart solcher Menschen, das sich auf Denker und Persönlichkeiten beziehen soll, die zweifellos von den meisten als sehr unparteiische Denker angesehen werden, und welche die aufgeklärtesten Geister der Gegenwart gewöhnt sind, als die Ihrigen anzuerkennen es ist wohl leicht, aus der Erfahrung eine Menge Beispiele zu nennen, aus welchen hervorgeht, dass der menschliche Aberglaube an manchen Dingen festhält, die tatsächlich vorhanden, aber nur irrtümlich aufgefasst sind; so auch glauben viele Menschen an die vom physischen Leibe unabhängigen Geister. Manchen erscheint es dagegen selbstverständlich, dass man aller Aufklärung bar sein müsse, wenn man nicht die Existenz solcher fleischloser Geister bezweifle. Viele von denen, die solchen gläubigen Menschen krassen Aberglauben vorwerfen, berufen sich auf Lessing als den Bahnbrecher modernen Denkens; dieser Werteinschätzung können wir völlig zustimmen, in dem Sinne, dass er die Art seines Denkens aus einem weiten Horizonte herleitete. Er sagt:
Wir glauben keine Gespenster mehr? Wer sagt das? Oder vielmehr, was heißt das? Heißt es so viel: Wir sind endlich in unsern Einsichten so weit gekommen, dass wir die Unmöglichkeit davon erweisen können; gewisse unumstößliche Wahrheiten, die mit dem Glauben an Gespenster im Widerspruche stehen, sind so allgemein bekannt worden, sind auch dem gemeinsten Manne immer und beständig so gegenwärtig, dass ihm alles, was damit streitet, notwendig lächerlich und abgeschmackt vorkommen muss? Das kann es nicht heißen. Wir glauben itzt keine Gespenster, kann also nur so viel heißen: In dieser Sache, über die sich fast ebenso viel dafür als dawider sagen lässt, die nicht entschieden ist und nicht entschieden werden kann, hat die gegenwärtig herrschende Art zu denken den Gründen dawider das Übergewicht gegeben; einige wenige haben diese Art zu denken, und viele wollen sie zu haben scheinen; diese machen das Geschrei und geben den Ton; der größte Haufe schweigt und verhält sich gleichgültig und denkt bald so, bald anders, hört bei hellem Tage mit Vergnügen über die Gespenster spotten und bei dunkler Nacht mit Grausen davon erzählen. Was müssen wir da sagen bei einer so dargestellten Legende des modernen Denkens? Hat er denn einen krassen Aberglauben, wenn er noch andere Anschauungen und Wissensgebiete gelten lassen will als logisch geschürzte Gründe, wenn er seiner Meinung Ausdruck dahin verleiht, dass diese Gewicht bekommen oder verlieren, je nachdem, [ob] man seinen Horizont erweitert oder verengert? Im ersteren Falle treten sofort ganz neue Möglichkeiten auf. Nicht das Gewicht der Beweise hat bei den Menschen die Frage dahin entschieden, es gäbe keine Geister, sondern die Denkgewohnheit, die sich auf Tatsachen lenkt, welche den Beweisen für ihre Existenz das Gewicht nehmen. Also muss man zu vermitteln suchen, was die Menschen dazu führt, ihren Anschauungen eine beweisende Kraft, ein Gewicht zu verleihen.
Auf die Denkgewohnheiten kommt es an, und hierbei werden wir feststellen können, dass es anscheinend gewichtige Gründe gegen die Ablehnung des Ätherleibes, wie ihn die Theosophie lehrt, geben müsste und auch tatsächlich gibt.
Die Geisteswissenschaft sagt uns, dass dieser Ätherleib den physischen Leib durchdringt und deren eigene und aufgenommene Stoffe so behandelt, dass ein Leben des Organismus vor sich geht. Es wurde der Einwand angeführt, dass die chemische Wissenschaft imstande sei, gewisse Stoffverbindungen außerhalb des lebenden Organismus im Laboratorium zu erzeugen, und nun daraus den Schluss ziehe, dass alle diese Vorgänge und Verbindungen, die im lebenden Organismus zu beobachten sind, nun auch durch die gleichen äußeren Kräfte hervorgerufen würden, und dass man die Erwartung hege, wenigstens die am einfachsten organisierten Lebewesen einstmals im Laboratorium herstellen zu können. Aus diesen Tatsachen und Erwägungen hält man daher den Begriff des Ätherleibes für unwissenschaftlich; denn es habe kein Mensch die Berechtigung, daran zu zweifeln, dass es der Wissenschaft nicht in der Zukunft gelingen könne, Lebenserscheinungen und Lebewesen zu erzeugen.
Das alles beruht nun nicht auf Gründen und Beweisen, sondern auf Denkgewohnheiten. Das lässt sich historisch nachweisen. Früher zweifelte niemand an dem übersinnlichen Ursprunge des Lebens, denn die Alchimisten zum Beispiel und alle übrigen Gelehrten der früheren Jahrhunderte glaubten, einen ganzen «Homunkulus» laboratoriumsmäßig aus den erforderlichen Stoffen erzeugen zu können; eine eigenartige Erscheinung! Was ist nun nötig gewesen für solche Art von Denkern - die wir doch nicht ohne Weiteres für Tröpfe halten dürfen, schon aus der Erwägung nicht, dass man uns in kommenden Zeiten nicht für größere Tröpfe halten kann, weil wir kurzsichtig genug waren, jene dafür anzusehen -, was ist nun erforderlich, anzunehmen, damit wir einen unlösbaren Widerspruch nicht mehr empfinden? Wir müssen uns die Vorstellung zu eigen machen, dass das Leben überall ist, nicht nur in einer Beschränkung auf die lebenden Organismen und in deren Vererbungs-Möglichkeiten, sondern dass es auftreten kann bei allen geeignet zusammengefügten Stoffen, bei denen man nur anzunehmen braucht, das Leben sei vorhanden - wenn ihm nur Gelegenheit gegeben werde, sich in der einen oder anderen Art zu entfalten. Wenn irgendetwas Lebendiges entsteht, so ist nicht anzunehmen, dass nur dasjenige entstehe, was an einem bestimmten Ort alles vorhanden ist, wie auch nicht aus dem Schmutz ohne Weiteres die Fliegen entspringen, die sich in kurzer Zeit auf ihm zeigen. Wenn wir die erforderlichen Stoffe unter den passenden Verhältnissen im Laboratorium zusammenbringen, so können wir da nichts anderes tun als dadurch die Gelegenheit bieten, damit das Leben zu ihnen herankomme. Dabei aber dürfen wir die Begriffe vom Leben nicht auf die in den vorliegenden Stoffen gleichsam auskristallisierten Lebewesen beschränken, da ja das Leben sich allumfassend überall befindet und jede Gelegenheit benützt, um zum Beispiel als Keim sich in richtig zusammengeordneten Stoffen zu äußern.
Eine solche Anschauung ist für unsere Zeit nur ungewohnt, sie ist aber keineswegs logisch abzuweisen. In gewisser Weise ist es ja schwierig, gleich durch die Methoden der Theosophie zu einer umfassenden Vorstellung des Lebens zu gelangen; um Ihnen zu Hilfe zu kommen, möchte ich bei einem vorgestern vorgebrachten Punkte ansetzen, um Sie zum Begriff und zur Annahme des Ätherleibes zu führen.
Es ist gesagt worden, dass es eine Möglichkeit gibt, Wachen und Schlafen anders zu erklären, als es die Theosophie tut, indem sie angibt, dass aus dem physischen Leibe, der mit dem Ätherleibe vereinigt zurückbleibe, der Astralleib mit dem Ich herausschlüpfe, und dass diese beiden letzteren Wesensglieder dann vereinigt in der geistigen Welt seien während des Schlafes. Im Gegensatz dazu erscheint es durchaus logisch, wenn die Erscheinung des Schlafes so vorgestellt wird, dass der Mensch während des Wachens in der Sinneswelt durch seine Verstandes- und Muskeltätigkeit sogenannte Ermüdungsstoffe in seinen Organen anhäufe, die es ihm nicht mehr möglich machen, Kräfte zu entwickeln, um ein Wachleben weiterhin zu entfalten. Die Gegenkräfte des Organismus machen sich dann geltend, das Wach-Bewusstsein erlischt, und jene Kräfte stellen dann den Organismus im Schlafe wieder her, sodass er imstande ist, von Neuem vollkräftig mit allen seinen Organen zu arbeiten und so weiter. Viele Naturforscher [also] denken so, dass der Wechselzustand von Schlafen und Wachen auf einer Selbstregelung des gesunden Organismus beruhe, dass man also nicht nötig habe, zur Erklärung des Schlafes anzunehmen, dass sich vom physisch-ätherischen Körper ein Geistiges trenne, aus ihm entferne und beide Teile eine wiederherstellende Tätigkeit entfalteten - ohne ein eigentliches Selbstbewusstsein.
Ein solcher Einwand kann für denjenigen eine Klippe bilden, der sich der Theosophie näher zuwenden will, und ein solcher Einwand soll daher nicht unterschätzt werden bei einem gewissenhaften Menschen. Aber wenn man auch als richtig annimmt, dass der Organismus in Beziehung auf Schlafen und Wachen ein Selbstregler ist, dass also nach der Ermüdung die in den Organen hervorgerufene Störung durch die Wiederherstellung der Lebenskräfte ausgeglichen wird, so muss doch die Frage aufgeworfen werden, und zwar als eine prinzipielle, fundamentale: Was kann der Organismus in Bezug auf seine Organe im Schlafe tun? Es muss doch von einer eigenartigen Lebenstätigkeit herrühren, wenn Augen, Ohren, Gehirn, Nervensystem und sonstige innere Organe im Schlafe mit neuer Lebenskraft ausgerüstet werden. Aber welcher Art ist diese Wiederherstellung der organischen Tätigkeit? Etwa eine solche, wie sie auch sonst im Organismus ist, zum Beispiel die der stets tätigen menschlichen Lunge, welche die Atmung besorgt, da sie ja doch auch noch von dem inneren organischen Leben mit Nahrung und organischen Kräften durchsetzt werden muss? Diese innere organische Tätigkeit, welche die Lungen ernährt, kann nicht allein die Ursache der Bewegung sein; und die Aufnahme des Sauerstoffs der Luft durch die Lungen selbst kann nicht durch jene innere Ernährung ersetzt werden, denn damit hat sie nichts zu tun. So auch beim Gehirn und Nervensystem, das ja auch innerlich organisch versorgt, ernährt wird. Aber ebenso wenig hat die im Schlafe erfolgende innere Wiederherstellung von Gehirn und Nervensystem mit dem etwas gemeinsam, was durch unsere Sinne an Empfindungen und Wahrnehmungen und unser Gehirn an Gedanken uns durchfließt.
So kann also die innere organische Tätigkeit nichts geben, was sie - Sinne und Gehirn - zu denkenden, fühlenden Organen macht, sonst würde ja durch den schlafenden Menschen irgendetwas in Beziehung auf seine Seele besorgt werden können, eben so, als wenn man durch die innere organische Ernährung der Lungen etwas über die innere Natur des Sauerstoffs feststellen wollte. Daher können wir doch mit Recht sagen: Dadurch, dass unser Organismus seine Organe mit innerer organischer Kraft versorgt, hat er nichts hergegeben, was imstande ist, sie mit den ihnen eigentümlichen Vorstellungen zu erfüllen, so auch der Lunge nicht das Geringste, um ihr immer wieder Sauerstoff zuzuführen. Also kommt dasjenige von ganz anderer Seite an den Menschen heran, was Empfindung, was Inhalt seiner Seele ist.
Demnach hat es eine unbestreitbare Berechtigung, davon zu sprechen, dass beim Wachenden etwas absolut Verschiedenes vorhanden ist als beim Schlafenden, so, wie Wasser (H>O) vorhanden ist von den getrennten Teilen, dem Wasserstoff (H) und dem Sauerstoff (O); es lässt sich Wasser nicht darstellen, wenn man nur Wasserstoff (H) hat, ohne den Sauerstoff (O). So muss man auch dem ohne geistigen Inhalt daliegenden Schlafenden noch etwas zuführen, das heißt von außen her, was ihn zum Wachenden ergänzt.
Nun müssen wir uns darüber klar sein, dass selbst die positivistischen Denker wie zum Beispiel [Hume] nicht behaupten, dass etwa solches, was wir «Ich» nennen, in irgendeiner Art organischen Tätigkeit gefunden werden kann. In sich findet er immer nur Wärme, Kälte, Lust, Leid, Freude, Schmerz, Zuneigung, Abneigung und so weiter. Davon lebt also das Ich und ist gebunden an solche Tätigkeiten; es muss diese beim Aufwachen in den Organismus sozusagen einziehen, wie Sauerstoff zum Wasserstoff gebracht werden muss (O + 2H = H,O), um Wasser zu bilden.
Mit solchen Überlegungen bleibt man in Übereinstimmung mit den naturwissenschaftlichen Anschauungen und Methoden; andere Weltanschauungen, welche nicht so handeln, befinden sich dabei im Widerspruch mit ihren eigenen Tatsachen, mit den richtig beobachteten der Naturwissenschaft und den Methoden derselben, an denen sie sich förmlich versündigen. Die Theosophie huldigt nicht dem Dualismus, ebenso wenig wie man denjenigen einen Dualisten nennen wird, der im Wasser nicht eine absolute Einheit, sondern einen Stoff sieht, der sich aus Wasserstoff und Sauerstoff gebildet hat oder in diese beiden zerlegbar ist. Es gibt zwischen Theosophie und Naturwissenschaft keinen Gegensatz, beide stehen auf sicherem Boden der Tatsachen, aber auf deren Interpretation kommt es an.
Von diesem Gesichtspunkte aus sind wir berechtigt, zu sagen, dass alles, was unmittelbares Dasein in sich hat, abgesondert vom Organismus an sich seine eigene Natur untersuchen lassen muss, sodass wir also dem menschlichen geistigen Inhalt, getrennt von seinem physischen Organismus, nähertreten müssen.
Damit kommen wir auf die Berechtigung dessen, was sich als die esoterische Methode der Theosophie geltend macht, die aber ihrer eigentümlichen Art gemäß in einer gewissen Weise mit derjenigen Forderung der Naturwissenschaft brechen muss, dass nämlich jederzeit und durch jeden Menschen das geistige Leben sollte beobachtet werden können. Man kann wohl nicht anders, als dieses in seiner ihm eigenen Gesetzmäßigkeit anzuschauen; der Geistesforscher muss in seinem eigenen geistigen Leben einen von außen unbeeinflussten Ablauf herbeiführen, indem er durch Meditation, durch Konzentration und seinen Willen bestimmte Vorstellungen in seine Beobachtung rückt, die nur allein zum esoterischen Forschen geeignet erscheinen. Er holt die Seele aus dem Zusammenhang mit dem Körper, präpariert das Seelische gewissermaßen frei heraus und macht dadurch aus dem inneren Seelenleben einen überschaubaren Vorgang, der sogar nur symbolisch zu sein braucht. [Sonst ist der Mensch angeregt durch äußere Vorgänge, aber um sein Seelisches frei zu machen vom Physischen, stellt man durch eigenen Willen eine Vorstellung, am besten symbolische Vorstellungen, in den Mittelpunkt der seelischen Tätigkeit in der Meditation.] Der Unterschied gegenüber einer äußeren Erkenntnis ist nur der, dass die Beziehungen der seelischen Tätigkeit auf etwas anderes ihrem Inhalte nach [nicht] berücksichtigt werden. Es brauchen zum Beispiel in der Meditation die Gedanken nicht etwas wirklich Vorhandenes abzubilden, wie dieses ja ein schwarzes Kreuz, umrahmt von sieben roten Rosen, das sogenannte Rosenkreuz, nicht zu sein braucht, sondern wir fragen dabei nur: Was tut eine solche Vorstellung in der Seele, was trägt sie bei zur Förderung unserer Entwicklung? Was die Gedanken in unserer Seele vollbringen, darauf kommt es an.
Wenn wir solche Dinge auf uns wirken lassen, so lernen wir die Tätigkeit der Seele in der geistigen Welt kennen. Für die Seele tritt ein Zustand ein, ähnlich dem des Schlafes, ohne dass jedoch das Bewusstsein aufhört; der Inhalt desselben ist ihr als ein übersinnlicher gegeben, wodurch der Forscher die übersinnliche Welt in ihrer Realität erkennt. Dagegen ließe sich einwenden, das sei nur ein subjektiver Vorgang der Seele, aber für den wirklichen Kenner solcher Vorgänge gilt dieser Einwand nicht: Jene sind für ihn gerade so, wie die Erkenntnisse der mathematischen Wahrheiten, wie zum Beispiel, dass die Summe der drei Winkel eines ebenen Dreiecks stets gleich 2 R = 180° ist, eine Wahrheit, die man rein im Innern der Seele erkennt; der Umstand trägt nichts zur Erkenntnis dieser mathematischen Wahrheit bei, ob auch andere sie für wahr halten oder nicht; sie beweist sich eben in sich selbst. Gerade so gescheit ist es, zu sagen, wenn jemand durch gewisse Übungen zu seelischen Vorgängen kommt, es sei das nur eine subjektive Gewissheit der eigenen, dieser einen Seele.
Wenn jemand mit Übungen seelischer Art beginnt, so kommt er zunächst zu allerlei Klippen, Irrtümern, Selbsttäuschungen; nur diese sind subjektiv. Darüber hinaus stellt sich nach genügendem Fortschritt die Gewissheit ein, dass man etwas Objektives vor sich hat, beziehungsweise in sich erfährt. Subjektive Überzeugungen sind es dann nicht. Das wäre ein Einwand, als wenn man sagen wollte, man solle ja keine Mathematik treiben, das verursache Schwierigkeiten subjektiver Art; trotzdem kann am Ende des Weges etwas Objektives vorgezeigt werden.
Aber noch einen anderen Einwand könnte jemand erheben, nämlich, man dürfe den Weg zu übersinnlichen Erkenntnissen nicht mit dem der mathematischen Erkenntnisse vergleichen, denn diese hätten ja nur einen formalen Wert. Es beweise die Erkenntnis, dass 3x 3 = 9 ist, nicht, dass es 3 x 3 Dinge = 9 Dinge in der Welt gäbe, oder dass die Summe der drei Winkel im ebenen Dreieck gleich 180° sei, wäre in der Wirklichkeit nicht solcherart vorhanden, also müssten den innerlich-seelischen Vorgängen auch [keine] übersinnlichen Tatsachen entsprechen. Sind nun solche vorhanden oder nicht?
Es müsste gezeigt werden, dass nicht allein wir Menschen die Mathematik denken, sondern dass die Mathematik auch selbst draußen, außer uns arbeitet, wie zum Beispiel Plato sagt: «Gott treibt Geometrie!» Wenn wir das anerkennen, so sind die mathematischen Gesetze real, in der Welt vorhanden. So also müssen auch die richtig erschauten Seelenvorgänge draußen als reale Dinge vorhanden sein. So finden wir zum Beispiel nur in uns, was wir bei seiner inneren Entwicklung ein «Ich» nennen und [was] mit unserem Seeleninhalt an Gedanken, Gefühlen, Willen und so weiter zusammenfällt. Ist es denn nicht nur etwas Subjektives? Was verbürgt uns seine Objektivität? Wirkt und webt es auch in der Außenwelt? Der Mensch entwickelt sich so zwischen Geburt und Tod, dass er sich zurückerinnert bis zu einem gewissen Zeitpunkt in seiner Jugend. Vor diesen Zeitpunkt reicht seine Erinnerung nicht zurück, obgleich niemand damit behaupten will, dass er erst im vierten oder fünften Lebensjahre entstanden sei, er ist ja doch schon einige Jahre lang vorher am Leben gewesen. Das menschliche Bewusstsein muss sich so gestalten von dem Punkte an, dass es erst neu entstehen musste.
Was aber war vorher im Menschen als Ich-Gehalt? Da können wir antworten: In den ersten Kindheitsjahren gestaltet der Mensch seine Gehirnwindungen aus, und erst wenn diese Arbeit geleistet, also das Werkzeug des Intellekts durch die Individualität herausziseliert ist, dann erst tritt das Ich-Bewusstsein für den Menschen selbst auf; es entspricht dem nun vorhandenen Werkzeug, und dieses dem ausbildenden Ich. So zeigt die Theosophie, dass alles, was später rein innerlich erlebt wird, vorher unser Gehirn herausarbeitete. Das erste Leben des Kindes zeigt, dass sein Gehirn «ichisiert» wird; was später Seeleninhalt wird, war vorher schöpferisch am Menschen, in den ersten Jahren als äußere, später als innere Aura.
In diesen Vorgängen ist erfüllt, was wir brauchen, um nachzuweisen, und zwar äußerlich, was früher innerlich da war. Folgendes Experiment möge das verdeutlichen: Wenn der Seelenforscher alle seine Übungen auf sich anwendet und seine Seele unter den Einfluss derselben stellt, so wird er zuletzt merken, dass er wachend mit seiner Seele aus den physisch-ätherischen Körperhüllen schlüpft - ein Vorgang, der sonst nur mit dem Einschlafen möglich war. Bei der so erreichten Unabhängigkeit von seiner Leibesorganisation erlebt sich der Geistesforscher in der ersten Stufe; er weiß dann, dass er etwa Folgendes in sich erlebt: Ich erkenne einen Inhalt unabhängig von den Organen meines Leibes, kann diesen Inhalt aber nicht in Begriffe bringen, da diese an das Gehirn gebunden sind, und es ist mir das ein quälender innerlicher Zustand, der auch mit in das gewöhnliche Leibesbewusstsein hinübergenommen wird. Der Mensch hat dann etwas Idiotisches in Beziehung auf den Ausdruck seiner höheren geistigen Erlebnisse.
Werden die erforderlichen Übungen mit eiserner Energie fortgesetzt, so geht dasjenige, was frei geworden ist in der immer selbstständigeren Seele an übersinnlichen Erlebnissen, als Kraftwirkungen bis in den physischen Leib und [es] kann dadurch in Begriffen ausgedrückt werden, was früher nur geistig ohne Beteiligung des Gehirns erlebt wurde, so, wie das Kind allmählich sein Gehirn ausbildet, um auszudrücken, was es nachher als Erlebtes aussprechen will. - So geht man stufenweise vor. - Der geistig-seelische Wesenskern muss also schon bei der ersten Keimbildung des Leibes da gewesen sein, da er ja an dessen Weiterentwicklung von der geistigen Welt aus arbeiten soll, und so arbeitet er denn hinein in die physische Organisation mit seinen Kräften, die er dem aufgespeicherten und verarbeiteten Fonds der früheren Erdenleben entnimmt.
So sehen wir denn: Wer zum Ich-Begriff kommen will, muss sich notwendigerweise mit den Einwänden der Zweifelnden befassen, um deren richtige Tragweite zu erkennen, und er ist gezwungen, weite Gesichtspunkte aufzusuchen. Keiner aber sollte leichtfertig aburteilen über diejenigen, welche nicht zur Theosophie herankommen können.
Es sind vorgestern außerdem noch gewichtige Einwände in sittlicher, moralischer und religiöser Richtung ausgeführt worden; es ist vorgebracht worden, dass der Glaube an das Karma mit seiner Belohnung und Strafe die Menschen zu Egoisten machen könne, und es ist auch zuzugeben, dass solcherlei eng gefasste Anschauungen in gewisser Weise zu Egoismus führen können. Da möchte ich aber doch gleich hinweisen auf Schopenhauer, wenn er sagt:
Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer!
Das Letztere heißt diejenigen Dinge vorbringen, die zur moralischen Führung veranlassen. Sollte das für die Theosophie möglich sein, so mögen Außenstehende sagen, dass Karma Egoisten hervorbringen würde, wenn wir bedenken, dass dieses ja nur ein Übergangszustand zu sein braucht, mit dem Bewusstsein einer ausgleichenden Gerechtigkeit durch verschiedene Erdenleben hindurch. So wollen zum Beispiel Eltern ihre Kinder ordentlich erziehen, damit diese sie im Alter erhalten und pflegen können. Das ist zwar egoistisch, aber es bewirkt doch, dass solche Kinder ordentliche Leute werden, die Eltern ihre Hoffnungen erfüllt sehen und Freude an der Tüchtigkeit der Kinder erleben; so verwandelt sich ihr Egoismus in eine Anlage für unegoistische Freude am guten Fortkommen und der persönlichen Entwicklung ihrer Kinder.
So sagt man zum Beispiel ferner bei einer etwas derben Art der Veranschaulichung des Karmas: Die guten Taten des Menschen bedingen Belohnung, die bösen haben Schmerz und Leid zur Folge. Handelt nun der Mensch darnach und steht er auch unter dem Einfluss des Egoismus, so wirkt das Gute auf ihn zurück, und er wird allmählich ein unegoistischer Mensch.
Moral kann man nur begründen, indem man von der wahren, egoistischen Menschen-Natur ausgeht und das Karma dabei berücksichtigt; dieses wandelt dann den egoistischen Menschen allmählich in einen moralischen, selbstlosen um.
Wenn jemand andere moralische Einwände machen wollte, nämlich, manche Eltern liebten ihre Kinder als Teil ihrer selbst, als Erben ihrer eigenen Eigenschaften, und es würde ihnen das nicht zuzumuten oder überhaupt möglich sein bei dem Bewusstsein, ein ihnen fremder, geistig-seelischer Wesenskern käme aus geistigen Welten herab, um sich gewissermaßen den leiblichen Eltern entgegenzustellen, so können wir darauf erwidern, dass eine tiefinnerliche Verwandtschaft bestand, die das Kind gerade zu diesem Elternpaar führte, als eine Folge liebevoller Beziehungen höherer Art, die bereits vor der Geburt bestanden und die Kräfte entwickelten, die den geistigseelischen Wesensteil befähigten, gerade zu seinen Eltern zu gelangen - Kräfte, die aus früheren Erdenleben sich entwickelten und ihm auch eine weitere günstige Fortentwicklung nur mit dem ihm von seinen Eltern überkommenen Körper ermöglichen.
Wenn gar gesagt wird, der Mensch schreibe sich bei der Reinkarnation eine Art Selbstgerechtigkeit zu, ohne seine Gotteskindschaft zu betonen, stelle sich in einen Gegensatz zu dem gerechten Gotte, so kann man darauf bei einem erweiterten Horizonte sagen: Wenn der Mensch fühlt, dass in ihm die göttliche Kraft arbeitet, so wäre es doch geradezu unverständlich, sich nicht auch einen göttlichen Wesenskern zuzuschreiben, der von Leben zu Leben immer höher entwickelt werden muss und kann, denn sonst begeht er Sünde, sobald er meint, den Gottesfunken in sich verleugnen zu sollen, wenn er ihn, statt ihn zu entwickeln, zu einer Karikatur verzerrt. Also ist möglichste Annäherung an das göttliche Ideal eine heilige religiöse Pflicht des Theosophen.
Wir wollen alle Einwände der Gegner gern beachten, aber im Für und Wider auch bemerken, dass dieses nicht ohne Weiteres durch Beweise und Gegensätze aus der Welt geschafft wird, sondern durch Erweiterung unseres Horizontes in unserem Seelenleben über alles Enge in unserer Kultur hinaus. Das soll die Theosophie oder Geisteswissenschaft den Menschen unserer Kultur bringen und darnach das Hinausheben über die bloße physisch-sinnliche Welt hinaus.
Wenn jemand nun bei weiterer Entwicklung und im engen Anschluss an die Laboratoriumsmethoden zu seinen Resultaten und Erkenntnissen die übersinnliche Welt heranzuziehen versucht, könnte er das Einzelne mit Erfolg anwenden, bei dem anderen scheitern, das würde aber ebenso sein, als wenn sich bei diesen und jenen naturwissenschaftlichen Tatsachen Zweifel erheben und man einsicht, dass bei ihrer Auslegung und Anwendung Einzelnes nicht stimmt; so kann sich die so gewonnene Anschauung aber doch bei Aneinanderreihung der verschiedenen Tatsachen zu einer berechtigten Hypothese verdichten, die variiert wird, sich nach und nach immer besser entwickelt und in ihrer Gesamtheit, durch häufigere Bestätigung unterstützt, zuletzt zu einer Theorie wird. Dann müssen wir sagen, dass der Einwand, den manche machen, solche Hypothesen von übersinnlichen Welten widersprächen allen bisherigen Anschauungen, ebenso gewichtig ist wie jener einer berühmten Akademie der Wissenschaften [in Paris], welche bei der Mitteilung über den Fall von Meteorsteinen das Vorhandensein derselben ablehnen wollte, auch wenn man die Steine selbst vorlegen würde.
Es müssen also in diesem längst vergangenen wie im vorliegenden Falle nicht die Tatsachen, sondern die Anschauungen korrigiert werden; das heißt, der Horizont der Menschen muss sich unter der Einwirkung der Geisteswissenschaften erweitern in ihrer Forschung und Überzeugung. - Wir haben es hier mit einem Geistigen zu tun, das seine ihm eigentümlichen Gesetze hat, die von denen des Materiellen verschieden sind, denn die des Letzteren zeigen nur Entstehen und Vergehen. Wenn wir scheinbar Nebensächliches darin betonen, dass die Seelenvorgänge im Gehirn in gewisser Hinsicht wirken wie die Schwerkraft in den Stoffmassen, dann können wir auch zugestehen, dass diese Schwerkraft, wenn die Erde schlafen könnte, sich selbstständig zeigen würde, und fernerhin mit Recht annehmen, dass sie als eine selbstständige Kraft die Materie überdauern wird. Jene Wahrheiten können wir auch so ausdrücken:
Es sprechen zu den Menschenseelen
Die Dinge in den Raumesweiten;
Bewahren kann die Seele sie im Zeitenlaufe!
Erkennend aber lebt die Menschenseele,
Von Raumesweiten unbegrenzt,
Und unbeirrt vom Zeitenlaufe,
Im Reich der Ewigkeit
Und findet in dem Geistgebiete
Des eignen Wesens allertiefsten Grund.